Der Zustand meiner Welt - Erwin Strittmatter - ebook

Der Zustand meiner Welt ebook

Erwin Strittmatter

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Opis

Berührendes Selbstporträt einer Jahrhundertfigur Nirgendwo äußerte sich Erwin Strittmatter so offen wie in diesen späten Tagebüchern. Mit Anfang fünfzig, in der „besten Zeit seines Lebens“, liegen die Zumutungen des Alterns noch vor ihm. Krisen, emotionales Chaos und Zerwürfnisse ziehen sich ebenso durch die Jahre wie bohrende Selbstbefragung und Zensurkonflikte. Nüchtern verfolgt der kritische Beobachter die Auflösung der DDR. Er ist ein Dichter, der das Ideal der Gelassenheit anstrebt, ein Meister der poetischen Reflexion. 'Eine Fundgrube zum Alltag der DDR und der Wendezeit.' SZ An keiner anderen Stelle seines Werkes äußert sich Erwin Strittmatter so offen und so intim wie in diesen späten Tagebüchern. Er spricht von kräftezehrenden Ehekrisen, dem emotionalen Chaos, in das ihn die Entfremdung zu seiner Frau Eva stürzt, seiner Eifersucht auf die Beziehung der Söhne zu ihrer Mutter, von Schwierigkeiten des Alterns und seinem Bemühen, im Taoismus geistigen Halt zu finden. Trotz seines Rückzugs aus dem öffentlichen Leben bleibt er der kritische Beobachter und Zeitgenosse. Eine zentrale Frage, die ihn nicht loslässt, gilt seiner früheren Parteigläubigkeit. Schon längst glaubt er nicht mehr an Utopien, und das Fazit seines DDR-Lebens ist nüchtern: „Ich ernte, was ich anbaute." Emotionslos und gelassen registriert er die Auflösung der sozialistischen Welt. Die Umbruchprozesse von 1989/90 wertet er unsentimental als Konsequenz der verfehlten DDR-Politik. Seine Notizen dokumentieren eindrucksvoll die Hektik und die sich überstürzenden Ereignisse jener Jahre. Und wie ein bewusstes Innehalten stehen in diesem Kontext Strittmatters Naturbeobachtungen. Hier gelingen ihm die erstrebte Gelassenheit und die Hingabe an den Augenblick, verbunden mit jener poetischen Leichtigkeit, die sein Spätwerk auszeichnet. „Das Selbstporträt eines einzigartigen Künstlers, gleichsam ein Entwicklungsroman." Neues Deutschland

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Erwin Strittmatter

Der Zustand meiner Welt

Aus den Tagebüchern 1974–1994

Herausgegeben von Almut Giesecke

Inhaltsübersicht

Tagebücher 1974–1994

1.1.1974–29.12.1974

8.1.1975–22.12.1975

7.4.1976–29.12.1976

7.1.1977–18.7.1977

21.3.1978–24.12.1978

3.1.1979–30.12.1979

4.1.1980–30.12.1980

4.1.1981–30.12.1981

1.1.1982–28.12.1982

9.1.1983–31.12.1983

1.1.1984–31.12.1984

3.1.1985–29.12.1985

6.1.1986–31.12.1986

6.1.1987–24.12.1987

8.1.1988–31.12.1988

1.1.1989–30.12.1989

4.1.1990–31.12.1990

3.1.1991–27.12.1991

4.1.1992–29.12.1992

5.1.1993–22.12.1993

1.1.1994–26.1.1994

Anhang

Nachwort

Anmerkungen

Chronik

Abkürzungsverzeichnis

Werkregister

Personenregister

Zu dieser Ausgabe

Informationen zum Buch

Über Erwin Strittmatter

Impressum

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1974

1. Januar (Dienstag)

NA, DAS WAR EIN JAHRESANFANG!

Bis in die neunte Vormittagsstunde hinein geschlafen. Das kommt, ausser bei Bettlägerigkeit, das ganze Jahr nicht vor. Ich fühle mich wie ein Verworfener. Dieses verfluchte Pflichtgefühl!

HERBERT übernimmt die Stallarbeit wieder.

[…]

ICH SCHREIBE Tagebuch und Briefe, aber in der Hauptsache verbringe ich den Tag mit dem kleinen russischen Fernsehapparat, der fünf Sendeprogramme hereinholt. Sicher werde ich den Apparat eines Tages verfluchen und in die Ecke schieben. Im Augenblick spiele ich mit ihm, wie ichs als Junge mit den »Stabilbaukästen« tat, die die jüngeren Brüder als Weihnachtsgeschenke erhielten.

HAMSUN-ZEIT wieder einmal. Ich lese DIE STADT SEGELFOSS und vorher las ich DIE LETZTE FREUDE. Früh am Morgen aber lese ich LAOTSE; einen oder zwei seiner Traktate und »bewege sie tagsüber im Herzen«.

8. Januar (Dienstag)

ARBEIT

Angefangen das 3. Kap. WUNDERTÄTER III zu überarbeiten. Ich muss mir hinfür wieder versagen, jede korrigierte Seite selber auf der Maschine abzuschreiben. Es geht Zeit dabei verloren. Andererseits geniess ich’s, wenn der Text ohne Korrekturgekritzel rein über die Seite fliesst.

ZU PFERDE

Auf GALBA. RAHWANA und Hengstfohlen RAOUL folgen. Fliederort. Zwanzig Zentimeter Neuschnee. Die Arbeit der vergangenen Nacht. Sie bezog mein Herz in ihre Unruhe ein.

Die Freude am Spurenmachen! Hie und da les ich an Hirsch-, Reh- oder Hasenspuren die Ratlosigkeit ab, die die neue Witterungslage bei den Tieren auslöste. Auf den frisch verschneiten Fliederort-Wiesen noch nicht eine Mausspur.

Am glücklichsten bei den Ausritten (gleichbleibend glücklich) Hund und Fohlen, die einander necken.

[…]

TIEFEN TROST, philosophischen Trost ziehe ich aus den Traktaten von LAOTSE.

Trost aus der literarischen Kunst kommt mir von Rilke, den ich lange kenne, und von Bruno Schulz, dessen Erzählungen (man müsste für sie eine neue Bezeichnung haben) ich erst seit wenigen Jahren kenne. Sie haben die Welt freigelegt, besser, sie haben gezeigt, in welche Richtung man gehen muss, wenn man von vorder- und mittelgründigem Menschenglück genug hat. Sie haben sich bis nah (vielleicht auch weiter) ans Ewige herangeschrieben.

Andere werden andere bevorzugen, aber ich bevorzuge Rilke und Schulz und ihnen folgt Emerson – ganz vorn aber schreitet LAOTSE.

12. Januar (Sonnabend)

ICH SPIELE MEINE ROLLE als Gast auf der Kreisdelegiertenkonferenz der Partei. Man schickt mir ein Auto. Es ist noch dunkel. Nachts ging Wind. Die Regenlachen auf den Wegen hatten sich verkleinert.

Ich treffe Kurt Seibt, Erwin Kurth, auch andere Bekannte und Menschen, die sich für wichtig halten und wähnen, das Leben und Weben der Kreisbevölkerung zu meistern.

SCHAUSPIEL ist die halbe Delegiertenkonferenz, aber das sind auch die meisten Tagungen in der Hauptstadt. Die Wahl der neuen Kreisleitung ist eine Farce – wie alle Wahlen bei uns. Das Schauspiel wird für eine IMAGINÄRE GOTTHEIT aufgeführt – die Partei. Man hat sich einen Gott mit tausend Ohren und Augen geschaffen, der aber trotzdem nicht sieht, was er nicht sehen, nicht hört, was er nicht hören will; er ist zudem allgegenwärtig und stets nirgendwo, wenn’s ihm so besser passt.

Aus Liebe zu dieser Gottheit erfindet man Kulthandlungen und Liturgien, wie es die Kirche tat.

Es kann sein, dass sich dies und das von den Eindrücken, die ich dort auf der Konferenz hatte, im Roman verwenden lässt.

MEHR MIT DEM TONBÄNDCHEN ARBEITEN!

BEI ZUNEHMENDEM ALTER braucht man immer mehr Zeit, um sich für die wenigen Arbeitsstunden vorzubereiten.

FRÜHER SCHRIEB DER DORFSCHUSTER seine Rechnungsposten auf Pappstücke von zerschnittenen Zigarettenschachteln. »Nu rook ick all nich mehr«, sagte er zu Herbert, »nu habb ick ok keen Papier mehr«, damit überreichte er Herbert ein zurechtgeschnittenes Stück Einpackpapier in der Grösse von zwei Briefmarken: »Strittmatter, Halfter 1.–, Stiefel 2.–, 1 Schuh 1.– zus. 4.00 M.«

MIT DER KÖRPERLICHEN LIEBE war es so gut wie aus. Sie küsste ihn kaum noch, liess sich auch von ihm nicht mehr gern küssen. War es des Vollbartes wegen?

So gingen sie nebeneinander durch die Tage. Sie lebte in ihren Gedichten, er in seinem Roman.

17. Januar (Donnerstag)

NACH BERLIN

Regen, Regen, und die Finsternis und die Feuchte verschlukken das Scheinwerferlicht. Es fährt sich schwer.

Vom Auto in die U-Bahn, von der U-Bahn in die S-Bahn. Parteihochschule – Nähe Jannowitzbrücke – Symbolisch – vor der Parteihochschule der Bärenzwinger.

HAGER hält ein vier Stunden langes Referat. Im Präsidium – nur zur Repräsentation – LAMBERTS, AXEN, HERMANN. Keine Diskussion. Information heisst es: Mitte Dezember (73) trafen sich die Ideologen unserer Länder. Neue Erkenntnisse waren dort nicht an der Tagesordnung. Wir hören ja von H., was für »Altigkeiten« dort wiedergekaut worden sein müssen.

Eine Tortur, sich stundenlang anhören zu müssen, was man lange weiss! Das verhandeln wir mit Eva täglich je in fünf Minuten am Frühstückstisch: Die politische Weltlage.

Um Punkte, die wirklich zu erörtern wichtig wäre, drückt sich der Redner herum, weil man sich offenbar auch auf der internationalen Zusammenkunft um die Erörterung dieser Punkte drückte.

Z.B. Was ist mit China? Ist was erklärt, wenn man die Genossen dort Sozial-Chauvinisten schimpft? Ist es (nach unserer Faustregel: Alles Land und alle Fabriken, alle Produktionsmittel volkseigen) nicht ein sozialistisches Land? Wird die Losung, die H. an den Anfang seines Referats stellt: Wo der Sozialismus ist, ist der Frieden, mit dem China-Problem nicht ad absurdum geführt?

Darüber hätte man Lust zu reden, hätte man Lust, die Meinung der Polit-Bürokraten zu hören.

Nein, man ist bemüht, sorgsam zu verstecken, dass es der Kampf um die Vormachtstellung zwischen der SU und China ist, der alle Probleme heraufbeschwört.

Es sind wohl tausend Männer und fünfzig Frauen im Saal. Ich bin gewiss der einzige, der sie nicht mitschreibt, diese Plattheiten. Das Mitschreiben gilt wohl als Beleg und Zeichen, dass man mitarbeitet. […]

Was veranlasste H., uns vier Stunden zu langweilen? Ein Teil der Konferenzteilnehmer, sollte man denken, müsste erwachsen sein (auch politisch). H. muss. Es wurde im BÜRO ein Beschluss gefasst. Die Binsenwahrheiten von der internationalen Konferenz sozialistischer Ideologen müssen weitergereicht werden.

Auch ich war (als Sekretär des Schriftstellerverbandes) nach einer Teilnahme am Schriftstellerkongress in Moskau verpflichtet, dürre Verhandlungsergebnisse unter den Schriftstellern unserer Republik auszustreuen. Eigentlich hätte mir niemand etwas anhaben können, wenn ich es nicht getan hätte, doch ich tat es, weil ich mich als Sekretär verpflichtet fühlte. Dabei arbeitete ich als Sekretär ohne ein Gehalt zu beziehen, und ausserdem hatte ich schon ein kleines literarisches Werk aufzuweisen. […]

19. Januar (Freitag)

[…]

EINIGE BRIEFE geschrieben – und das verfluchte FERNSEHEN. Da war der Tag over.

DER SAND DER LANDWEGE war vom Regen geriffelt.

ES HERRSCHT LUST IN MIR dem täglichen Alltagsgetu mehr Glück abzugewinnen, mehr Schönheit und Poesie. Es ist nötig, dass ich die FERNSEHSUCHT besiege, damit meine Abende wieder freiwerden und Platz für Musse haben.

Obwohl ich zu Silvester (und noch Tage danach) viel Freude an dem kleinen tragbaren Fernsehapparat hatte, weil er mir versprach, dass ich alles sehen könne, was ich will; jetzt will er, nicht mehr ich.

Das FERNSEHEN ist wie eine Droge. Man verfällt ihr, verstösst die eigenen Gedanken und Einfälle und lässt sich von anderen mit halbgaren Gedanken bedienen.

20. Januar (Sonntag)

EIN BISSCHEN Tagebuch geschrieben.

[…]

BESUCH

DIE BESSONS. Diesmal sehr liebenswert wieder. Bringen die Kinder aus Bennos zweiter Ehe: Phillipp und Marie mit.

Die Bessons gehören, wie die Ronays in Budapest, zu den Menschen, mit denen man sogleich wieder (in den Gesprächen) ansetzt, wo man vor Jahren abbrach. Wir sahen die Bessons jetzt 1½ Jahre nicht.

Die Karusseit blieb – trotz ihrer Erfolge – bescheiden. Mir scheint, Bescheidenheit und Leistung sind kommunizierende Röhren. Auch Benno blieb bescheiden, schlicht, obwohl er seinen Wert kennt und ihn den Politikern gegenüber auch ausspielt. […]

Zuweilen beneide ich Benno Besson um seine schweizerische Staatsbürgerschaft. In seiner Anwesenheit ekelts mich an, ein »begrenzter« Deutscher zu sein.

Als ich jung war (in der Weimarer Republik), hatte ich (als Dorfjunge) weder Geld noch Wagemut genug in der Welt umherzustromern. Dann sperrten die Nazis zu, und es folgten die befohlenen Reisen unter Todesbedrohung als Soldat, schliesslich sperrten wir Kommunisten zu. Gibt’s nicht doch ein »ostdeutsches« Schicksal, das uns noch bereithält, ungefragt Einwohner eines Sowjet-Staates zu werden?

Und doch – ob ich Wurzeln geschlagen hätte und mit 60 Lebensjahren ein literarisches Werk hätte vorweisen können, wenn mir »die Welt« offengestanden hätte?

27. Januar (Sonntag)

ARBEIT

Alle Pferde wurden ausgeschnitten, fünfzehn Pferde.

Ich wurde in drei Wochen der Schmerzen im Rücken nur vorübergehend Herr. Wenn ich mich beim Aufhalten der Pferdebeine tief genug bücke, sind die Schmerzen im Kreuz erträglich.

Eines Tages werde ich wahrscheinlich, ähnlich meiner Mutter, wie ein halb zugeklapptes Taschenmesser umhergehen.

[…]

BRIEFE geschrieben, Buchpäckchen gepackt. Nicht zu Pferde. Die Beinsehnen der Tiere müssen sich erst den gekürzten Hufen anpassen.

EVA mit DOKTOR HILDCHEN nach Berlin zu einem Interview. Matthes und Jakob sind handsam. Wir verkehren liebevoll miteinander, aber die Mutter bin ich nicht. An EVA hängen sie wie die Saugkaninchen. Es scheint auch EVAS Stolz und Ehrgeiz zu sein, ihren Kindern alles zu sein.

Die Dickens-Stunde fällt aus, wenn die Mutter nicht da ist. Das Haus wird sinnlos ohne Eva.

[…]

ES WERDEN LESERSTIMMEN LAUT, der II. WUNDERTÄTER sei schwerer zu lesen, zu erfassen als der 1. Teil. Die das klagen, dürften jene Leser sein, denen die Parallel-Erlebnisse zum gegebenen Lesestoff fehlen und die da folgern (wie der Durchschnittsmensch eben folgert), nicht ihnen, sondern mir fehle was.

Aber diese primitiven Einwände kann ich nicht berücksichtigen. Ich bin 60 Jahre vorbei, und auch wenn mir die sogenannte VOLKSTÜMLICHKEIT fürder abgehen sollte, ich kann nicht zurück. […]

11. Februar (Montag)

[…]

DAS GROSSE GEHEIMNIS KLÄRT sich: Vor einer Woche rief man von Berlin an: Jemand wolle kommen, um mir die Einladung zum Empfang einer »hohen Auszeichnung« zu überbringen. Wir bestellten sie auf den 12. Februar.

Inzwischen kamen andere Anrufe und gestern bereits eine Gratulation zu der »hohen Auszeichnung« vom Präsidenten der Kunst-Akademie. Einigermassen geheimnisvoll und recht komisch, weil nicht herauszubekommen war, um was für eine Auszeichnung es sich handelte.

Unser kranker Hermann, mit dem Eva gestern abend telefonierte, wusste es: KARL-MARX-ORDEN.

Das mir – und ich habe DAS KAPITAL, auch keine andere Schrift von MARX je zu Ende gelesen.

Vermutlich gibt’s diesen oder jenen Grund, weshalb mich die Genossen mit diesem (für sie) »hohen Orden« zu »schmücken« gedenken.

Auch Fritz CREMER soll den Orden mit mir zusammen erhalten. Vielleicht will man die Künstler-Querköpfe, die den Ulbricht-Leuten nicht genehm waren, die von ihnen kritisiert und missachtet wurden, mit der Ordensverleihung versöhnen?

Es wäre mir lieber, man verschaffte mir die Möglichkeit, ein neues Auto (ausserhalb der Schlange der Autoanwärter) zu kaufen.

13. Februar (Mittwoch)

[…]

DAS GROSSE EREIGNIS auf der politischen Bühne: Der sowjetische Schriftsteller SOLSCHENITZYN wurde nach Westdeutschland abgeschoben. Böll nahm ihn auf.

Die Politiker früherer Zeiten erkannten die Macht der Kunst nicht, und die heutigen (sogar die unserigen) tuns auch nicht. Sie erkennen sie nur, wenn sie als Macht für und nicht gegen ihre Interessen und Programme wirkt.

Die künftigen sowjetischen Politiker werden die Werke SOLSCHENITZYNS, zumindest jene drei Bücher, die ich von S. kenne, aufs Bücherbrett zu den russischen Klassikern stellen. Aber erst wird der Autor für diesen Akt gestorben sein müssen.

Wenn sie doch endlich aus ihrer eigenen Geschichte lernen wollten! Sie haben Babel, Bunin, Pasternak und andere anerkennen müssen, obwohl sie sie vorher verdammten und zu Vaterlandsverrätern erklärten.

Die sowjetischen Genossen hätten besser getan, SOLSCHENITZYNS Anwürfe zu überhören, und unter der Hand einen humaneren Strafvollzug einzuführen. […]

20. Februar (Mittwoch)

[…]

VOR22 JAHREN taten wir uns mit Eva zusammen. Die Potsdamer Nacht! Ein paar Tage zuvor hatten wir uns zum ersten Male gesehen.

Es war eine gute Zeit, und es war eine Zeit, die Krisen, auch Missverständnisse barg, aber die meiste Zeit war unser Zusammensein gut, und es war die beste Zeit meines Lebens, weil ich viel schaffte. Manchmal glaube ich zu fühlen, dass unser Zusammensein uns noch zu grösseren Leistungen bringen wird.

27. Februar (Mittwoch)

[…]

ALLEIN

Die Familie bleibt einige Tage in der Hauptstadt. Ein schönes Gefühl von Freiheit. Ich kann mich bis in die hohe Nacht hinein in meiner Arbeitsstube bewegen, musizieren und dergleichen mehr, ohne Rücksicht auf die Familienmitglieder nehmen zu müssen.

Ich habs nicht nötig, immer wieder in Evas Gesicht zu schauen, muss mich nicht nach ihren Launen richten.

Etwas ist falsch organisiert an unserem Zusammenleben; besonders jetzt, da Eva die Hauswirtschaft (Frau Franke ist immer noch krank) mitmacht.

Hauswirtschaft und Wäsche werden wichtiger als die EIGENTLICHE Arbeit.

Je älter ich werde, desto grösser wird mein Verlangen allein zu sein.

Nachdem Eva ihr Talent von der Umwelt bestätigt erhielt, tut sie die Hausarbeit wie eine Gnade, die sie mir angedeihen lässt.

Man muss eine Form des »getrennten Zusammenlebens« finden. Es wird noch dauern, aber sie wird gefunden werden.

[…]

12. März (Dienstag) 74

NACH BERLIN, nachdem ich die Jungen auf den Schulweg brachte.

ZUR AKADEMIE. Ich war mit Conrad Wolf verabredet. Er trug mir an, den Präsidentenposten der Akademie der Künste zu übernehmen. Politbüro und entspr. Stellen wären einverstanden.

Ein Glück, dass ich mich zur Zeit wieder mit Yoga-Übungen befasse. Ich habe nie so fest und bestimmt abgesagt wie dieses Mal. Ich will arbeiten, will mich selbst verwirklichen und nicht repräsentieren.

Ausserdem ist man als Akademiepräsident so gut wie ein Staatsfunktionär. Ich will schreiben, wozu es mich drängt, will auf nichts und niemand Rücksicht nehmen müssen.

NACH POTSDAM ZUM LESEN. […]

LESEN vor einem Publikum (wohl 80 bis 100 Leute), das eine Leseveranstaltung noch nie absolviert hatte. Es ging gut. Eva hatte mit recht anspruchsvollen Gedichten Erfolg. (Für Lyrik sind die Leute bei uns nur wenig aufgeschlossen.) Das ist aber ein Irrtum. Die BRECHT-Epigonen haben mit ihrer zerhackten Prosa über politische Themen das Lyrikpublikum verekelt.

Natürlich waren ein paar literarische Eiferer da. Die sorgten für ein flottes Frage- und Antwortspiel, nachdem wir gelesen hatten. […]

14. März (Donnerstag)

[…]

EVA NACH GRANSEE gebracht. Sie fährt schon wieder nach Berlin. Sitzung im Verband. Söhnchen Jakob mit mir.

MIT DER KUR in PISTANY wirds nun ernst. Unsere beim Verband neu eingerichtete Sozial-Abteilung hat »den Fall« übernommen. Ich zahle die Kur selber, damit ich dort (am Kurort) so untergebracht werde, dass ich arbeiten kann.

15. März (Freitag)

[…]

MIT SÖHNCHEN JAKOB, Liliputstute BEERE und ASSAN am Thörnsee. Brandenten, Stockenten. Wir sprechen über Himmel und Erde, verstehen uns auch ohne Worte. Eine Weile denke ich an den Tod, bin ganz an ihn verloren. Jakob spürt zumindest meine »Abwesenheit«. Er schiebt seine harte Jungenhand von hinten in die meine. Ich schau zu ihm hinunter. Eine kleine Sonne lacht mich an. […]

25. März (Montag)

DRAUSSEN ohne Pferde. Das macht mich traurig. Mit ASSAN am Thörn-See: Stock-Enten, Schell-Enten, Brandgänse, Blesshühner. Die Haubentaucher sind noch nicht da.

Klassischer Märztag. Die Sonne erscheint frisch und in geschützten Waldecken, die der scharfe Wind nicht erreicht, ist’s warm.

Nicht ein Fisch im Flachwasser. Weiter draussen springen Hechte.

WIEDER EIN EICHELHÄHER als Imitator. Er ahmt den Drosselruf nach und irritierte mich, als ich im Wald diktierte. Einen Tag später überraschte er mich mit dem Ruf des Mäusebussards. Seine Gefährten ratschten beim Davonfliegen, er schrie: »Miau, miau!«

28. März (Donnerstag)

ARBEIT

Ein Stück WUNDERTÄTER III auf Band gelesen, um den Lektoren (man weiss nicht wie sonst die Zeit mit ihnen herumbringen) etwas vorzuspielen, aber auch, um selber etwas zu hören und um festzustellen, was an einer Textstelle, die man vor zehn Wochen schon für »in etwa« fertig hielt, doch noch zu tun ist.

Dann drüben (in der Stallstube) die Bibliothek geordnet, weil bei mir etwas gründlicher gesäubert werden sollte, denn TANTE ELSE arbeitet wieder.

BESUCH: CASPAR UND SCHUBERT vom »Aufbau-Verlag«. Sobald der Verlagstratsch und der Literaturklatsch verausgabt sind, sitzen sie steif da, und es entstehen Löcher in den Gesprächen, in die man bis über dem Kopf verschwindet. SCHUBERT isst Kuchen, raucht und trinkt ab und zu Schnaps. CASPAR isst nichts, raucht Zigaretten aus Zigarrentabak und betrinkt sich mit Bedacht an Wodka. Nebenbei hören sich beide einen Ausschnitt aus dem WUNDERTÄTER III an. Was kann ich da schon für ein Urteil erhoffen? […]

5. April (Freitag)

[…]

ZU PFERDE. Seit Wochen das erste Mal wieder. […]

Beim ersten Ausritt auch gleich EIN ABENTEUER MIT EINER WILDSAU: Im Hohlweg am Tietzen-See. ASSAN spürt (etwa fünf Meter) seitlich vom Pfad eine Wildsau mit Frischlingen auf. Er packt einen Frischling, der Frischling quiekt. Die Sau stürzt sich auf den Hund. Der Hund lässt das Ferkel aus – und flüchtet zu mir auf den Pfad und nimmt Deckung hinter RAHWANA. Die Sau saust auf das Pferd los. Ich sitz im Sattel und mach mich drauf gefasst, dass die Stute mit mir durchgehen wird. Nichts dergleichen. Die Stute greift die Sau an. Schlägt abwechselnd mit den Vorderhufen von oben herunter. Die Sau (sie stand einen halben Meter entfernt von der Stute) zieht sich in die Dickung zu ihren Ferkeln zurück. Der wieder mutig gewordene Hund (hyänenhaft) folgt der Sau. Die Sau nimmt ihn wieder an. Der Hund prescht und nimmt wieder Deckung hinter der Stute. Dreimal geschieht alles. Dann lässt die Sau ab. Sie und die Stute grunzen um die Wette. Die Sau lässt ihren Lockton heraus, um ihre Ferkel zu versammeln. Ich höre sie noch lange in der Dickung hügelan ziehen.

Der Hund geht jetzt mit gesenktem Kopf, fast zwischen den Stutenhinterbeinen hinter uns her.

15. April (Montag)

ARBEIT

Zwei Partien Neudiktat vom Taschentonband auf Cassetten-Recorder umdiktiert. Briefe auf Tonband diktiert. Briefe mit der Maschine geschrieben.

NACH WOCHENLANGER TROCKENHEIT – ENDLICH REGEN

MITTAG– DIE STIMME VON EVA im Telefon. Sie war schon in der Wohnung. Das Lyrik-Festival war (wohl aus Geldmangel) in Sarajewo früher zu Ende gegangen als es geplant und erwünscht war.

Froh! Aus dem Mittagsschlaf wurde nicht viel. Den Jungen verheimlichte ich die unerwartete Rückkehr der Mutter. Ich lud sie ein, mit mir zur Grossmutter ins Krankenhaus zu fahren.

Erst unterwegs weihte ich sie ein. Die Freude!

[…]

16. April (Dienstag)

ARBEIT

Im Walde neuen Text diktiert. […]

Endlich 3 Seiten BIENKOPP-Manuskript herausgesucht. Das Museum für deutsche Geschichte wollte sie zur Ausstattung einer Vitrine haben.

DAS IST WAS MERKWÜRDIGES mit dem BIENKOPP-Roman. Ein ganzes Ministerium und ein grosser Teil von Funktionären, die diesem Ministerium untertan sind, obendrauf die Landwirtschaftsabteilung im Zentralkomitee lehnen das Buch ab und versäumen keine Gelegenheit, den Roman und seinen Verfasser zu schmähen, während er im Museum zur Charakterisierung einer Gesellschaftsetappe herhalten muss!

ES STIMMTE MICH SAKRAL, als ich das Bündel mit der Aufschrift: BIENKOPP Auskorrigierte Seiten – aufschnürte. Eine Begegnung mit der Vergangenheit? Mir schien mehr −: Blick auf einen Verstorbenen. […]

18. April (Donnerstag)

[…]

MEINE LITERARISCHEN PLÄNE

Den WUNDERTÄTER III zu Ende schreiben und in der Rohfassung liegen lassen.

Dann das Buch DER LADEN schreiben. Es soll vor dem WUNDERTÄTER III herausgegeben werden!

Jetzt vielleicht Kleingeschichten oder noch einige NACHTIGALLGESCHICHTEN.

Das Buch WAS ICH VON PFERDEN WEISS oder ähnlich soll (hintergründig) ein Buch über Ästhetik aber auch meine Ansichten und Erfahrungen mit der Kunst behandeln.

DAS BUCH OHNE ANFANG UND OHNE ENDE soll schliesslich mein letztes Buch sein. Es wird ohne Ende sein, aber ich will daran bis zu meinem Tode schreiben. Und wenn die Hände nicht mehr können, wenn ich vielleicht vor lauter Rheuma nicht mehr sitzen kann, dann will ich es diktieren; wenn es aber ein Buch voll Altersgeschwätzigkeit werden sollte, dann soll Eva das Manuskript verbrennen.

19. April (Freitag)

ARBEIT

Von Band zu Band diktiert.

NEUE KANINCHEN kamen an. Darunter Hermelin-Kaninchen für Jakob. Die Freude!

Ich weiss, dass ich mir mit dem Neuanfang (die älteren schlachteten wir, weil sie sich nicht mehr vermehrten) neue Arbeit auflud, die pünktlich ausgeführt werden muss, wenn man Freude am Ergebnis haben will.

Ich konnte nicht anders. Die leeren Ställe auf dem Hofe, nein!

Kaninchen, Hunde, Pferde begleiteten mich durch die Kindheit, durch den grössten Teil meines Lebens. Sie haben mich mit erzogen.

26. April (Freitag)

LANGSAM WIRD die Vorabreise-Stimmung lästig. Es müssen so viele Stränge zur Umwelt in einen Zustand gebracht werden, dass sie nicht eintrocknen und für einen Monat ohne meine Beobachtung und Pflege weitergedeihen oder dass sie mit ihrer Wasserration auskommen für vier Wochen – wie Kakteen etwa.

Aber das ist eben lästig, dass man so vieles bedenken und berücksichtigen muss, dass man nicht sein Felleisen schultern und davonziehen kann.

Unfreiheit – die sich der zivilisierte Mensch unserer Tage selber erbaute!

DARUM SITZE ICH und schreibe Briefe, Briefe, und ich stelle fest, dass meine Postschulden nie so niedrig waren wie in diesen Tagen. Das freilich ist eine kleine Genugtuung. Ein Sieg über Umstände, in die man sich nicht selber brachte.

29. April (Montag)

NACH BERLIN

Einkäufe, die mit der Reise zusammenhängen. Der Geldtausch macht Schwierigkeiten.

AUCH ZUR WAHL gehe ich und stecke den vorgefertigten Zettel in die Urne. Die Hauptsache, es kann notiert werden, dass ich den Zettel, ohne die Wahlkabine aufgesucht und etwas gestrichen zu haben, in den Schlitz der Ersatz-Urne steckte. Eine Farce von Wahl nur noch, und man macht als Sechzigjähriger die Zeremonie mit, damit man seine Ruhe hat. Ruhe – natürlich nicht im bürgerlichen Sinne, sondern um ungestört arbeiten zu können und sich unbelästigt Klarheit über den Sinn seines Hierseins zu verschaffen.

BESUCH: ROSEWITSCH, der polnische Lyriker, Dramatiker usw. Eine Bekanntschaft von Eva aus Jugoslawien.

R. gefällt mir. Kleiner Jude mit schönem Lachen und traurigen semitischen Augen. […] R. ist mir sehr sympathisch, doch ich wehre mich dagegen, irgend etwas zu tun, um ihm zu gefallen.

Vor zehn Jahren hätte ich das nicht so eindeutig hier einschreiben können.

NOCH SPÄT AM ABEND zurück nach Schulzenhof. Mir ist wehmütig. Der Prozess des Lostrennens ist gar zu lang.

2. Mai (Donnerstag)

Ein Fahrer vom Schriftstellerverband brachte mich zum Flugplatz. Evchen begleitete mich, half mir beim Geldumtausch und »verreiste« mich.

Nun, da ich das einschreibe, ist der 2. JUNI, und ich habe Eva nicht wiedergesehen. Inzwischen fuhr sie (23. V.) zum Puschkin-Festival nach Russland.

[…]

WAS ICH VOM2.– 30. MAI IN PIESTANY erlebte, fand seinen Niederschlag in Briefen an Eva und die Kinder, und ich schrieb fast jeden Tag einen Brief.

2., 3. und 4. Juni

Die Tage gehen dahin, und ich weiss nicht wie und wohin.

Morgens diktiere ich die in Piestany diktierte Erzählung WIE WINDS KARLE SICH WIEDER UND WIEDER ABFESSELTE vom Taschen-Recorder auf den Kassetten-Recorder um. Nachmittags beantworte ich die dringendsten Briefe. Wie immer lag ein Berg Post auf meinem Stubentisch, als ich heimkam.

Am ersten Pfingsttag (2. Juni) ritt ich (auf Rahwana) eine Stunde. Es bekam mir nicht recht; wie die Schmerzen überhaupt zunahmen und jetzt heftiger sind als in den Tagen, bevor ich in die Slowakei reiste. […]

17. – 23. Juni (Montag–Sonntag)

[…]

(18. 6.) ZWEI THEATERLEUTE: ARMIN STOLPER, den ich flüchtig kannte, mit HORST SCHÖNEMANN, den ich gar nicht kannte. Beide sind am DEUTSCHEN THEATER. SCHÖNEMANN wohl Oberspielleiter, STOLPER DRAMATURG.

Die beiden nahmen sich vor, zum 25. Jahrestag der Republik einen STRITTMATTER-Abend zu veranstalten. Sie denken an einen Querschnitt durch mein bisheriges Werk unter dem Titel KRAMKALENDER.

Sie machten Andeutungen von dem, was vorläufig in ihren Köpfen (und nur dort) herum summt. Ich bin skeptisch. Trotzdem will ich kein Spielverderber sein.

Die Gäste blieben an sieben Stunden und fühlten sich in der Schulzenhof-Stille und bei Evas Betreuung so wohl, dass wir sanfte Gewalt anwenden mussten, sie zu später Stunde aus dem Haus zu schubsen.

BERLIN PARTEIGRUPPEN-SITZUNG19. 6. Zu Gast war der Kulturminister Hoffmann.

Ich hörte ihn das erste Mal länger sprechen und neben den Ansichten der Partei auch seine eigenen Ansichten dartun. Er gefiel mir. Er machte den Eindruck, wirklich einen Standpunkt (auch einen eigenen neben dem offiziellen) zu haben.

Was mir missfiel: Die Haltung der meisten Berufs-Kollegen und -Kolleginnen. Ich entferne mich von ihnen. Sie sind, wie sie immer waren. Aber in dieser Sitzung (auch den nächsten Tag in der Akademie) erfühlte ich, wie viel Raum bereits zwischen mir und den sogenannten Berufskollegen liegt. […]

24. Juni (Montag)

DIE SOMMERTAGE klettern über die Lichtscheide. Sogleich stellt sich Wehmut bei mir ein. Wieder ein Jahr rollt zu Tal.

Wenn man diesem NIE WIEDER-Gefühl, das sich in dieser Jahreszeit in einem ausbreitet, rechtgibt, scheint unser Leben etwas Einmaliges, Unwiederholbares zu sein, aber da lassen wir (wie vielleicht bei jeder Sentimentalität) die Unwissenheit zu laut mitsprechen.

Wie so oft hat uns diese Sentimentalität mit täuschen helfen: Die Freundin, der Freund, ein Mensch, den wir gern haben – sie gingen, und es schien uns, sie würden endgültig gehen, und es gäbe kein Wiedersehen.

Aber nach längerer (manchmal auch kurzer) Zeit sahen wir sie doch wieder. Wir kannten die Konstellationen und die Gesetzlichkeit nicht, mit der sie sich im Weltenraum bewegen würden, nachdem sie von uns gingen. Unsere Unwissenheit machte uns traurig an Lebensstellen, an denen keine Trauer angebracht ist.

In sehr mutigen Augenblicken gestehen wir uns ein, dass selbst beim Trauern um Tote unsere Unwissenheit im Spiel ist. Wo geht denn was verloren auf dieser Welt?

DIESER BRIEF VON MONETTE beschäftigt mich mehr, als vielleicht recht ist. (Aber das ist, scheint mir, schon wieder arg vordergründig gemessen!)

Der Brief lag hier, als ich aus Piestany kam. Er bietet ein Wiedersehn nach dreissig Jahren an.

Damals war ich 32, sie 39 Jahre alt; jetzt muss sie 69 Jahre alt sein.

Monette war über einige Kriegsjahre der Mensch, an dem ich mich festhalten konnte. Österreichischer Charme, Wohlerzogenheit, Kunstverständnis, Sorglichkeit und grosse Liebe von ihrer Seite her.

Ich, damals noch mit diesem Weibchen verheiratet, das mich (von allen Menschen, die mir begegneten) am meisten erniedrigte. Aber die Schuld lag mehr bei mir. Ich wollte der »Besitzer« dieser schönen Larve sein und verabsäumte, andere menschliche Qualitäten zu veranschlagen.

(Forts. morgen!)

25. Juni (Montag)

[…]

BRIEF VON MONETTE (Forts.)

Aber dann im vorletzten Kriegsjahr wurde ich von dem schönlarvigen Hürchen (Mutter meiner beiden ältesten Söhne) geschieden.

Monette rechnete (sicher?) damit, dass ich sie heiraten würde, aber ich machte derweil jener katholischen Krankenschwester ein Kind und ich glaubte nun, mich da festlegen zu müssen, und das tat ich auch (vor allem vom Mitleid meiner Mutter dazu angeschoben).

Noch bevor ich jene Änne Angermann heiratete, fragte Monette bei mir an, ob ich es nicht doch überlegen wollte, und sie war auch da noch bereit, mich trotz meiner reichlich verworrenen Familienverhältnisse zu heiraten.

Ich weiss nicht einmal, ob ich ihr auf ihr »letztes Angebot« antwortete. Ich war schon so an ihre Grosszügigkeit gewöhnt und wähnte vielleicht (verworfen genug), dass mir die Möglichkeit, sie (Monette) zu heiraten immer noch bliebe.

Als Dämpfer auf meine Hoffart erhielt ich einige Zeit später eine Vermählungsanzeige von Monette. Jetzt hiess sie nicht mehr SCHOBER sondern BÜCHELE mit Familiennamen.

(Forts. morgen!)

7. Juli (Sonntag)

[…]

DASS, WAS ICH SCHREIBEN WILL, vor allem was ich beschreiben will, Dinge, Zustände, Örtlichkeiten und Gefühle – noch immer weiss ich nicht, ahne ich kaum, wie ich es werde auf diese weissgrauen Papierseiten mit den blauen Linien locken.

Da wären zum Beispiel die Lichtverhältnisse zwischen zwei aufeinanderliegenden Papierseiten, und wie sie sich verändern mit jedem Millimeter, den sich ihr Abstand voneinander erweitert oder verengt. Der grobe Begriff, mit dem dieser Vorgang unter uns ist, heisst: Ein Buch, ein Heft aufschlagen.

Es gibt eine Menge solcher Vorgänge, die bisher nur grob benannt und beschrieben wurden, aber in ihnen steckt eine Dimension, die bisher literarisch nicht erfasst ist.

Das Öffnen einer Schranktür. Wieviele Arten von Winkeln entstehen dabei, welche neue Raumformen im Raum.

Die halboffene Stubentür! Was kann sich in dem da entstandenen durchdämmerten (ganz neu) entstandenen Raumwinkel nicht alles entwickeln, wenn diese Tür an einem heissen Sommertage in einem durchsonnten Zimmer ein paar Stunden halb-offen steht?

Was ist in den Schrunden eines zwei Tage alten Brotlaibes geschehen, den wir sogleich verzehren werden?

Das Wunderbare ist: Sobald ich daran denke (oder glaube?), dass ich das beschreiben werde und dass meine künstlerische Aufgabe darin bestehen wird, solche Zustände, Situationen und unsichtbaren Gegebenheiten aufzuspüren, [dass] sogleich meine körperlichen Schmerzen unerheblich werden, dass alles Störende im Alltag zu nichts wird, dass ich tiefglücklich bin und im Einverständnis mit meinem Dasein, und dass sogar die Verheissung aufschimmert: Wenn du diesem Wink folgst, wird der Riss verschwinden, den du noch immer zwischen deiner Kindheit und deinem jetzigen Leben klaffen fühlst.

18. Juli (Donnerstag)

[…]

UNTERSCHIED zwischen Tagebucheinträgen und Prosa-Texten:

Liest man das Niedergeschriebene nach Wochen oder Monaten (in beiden Fällen), hat man das Bedürfnis zu korrigieren. Man erkennt, das Aufgeschriebene hätte sich auch mit anderen Worten und in anderen Wendungen wiedergeben lassen. Die Prosa bleibt in dieser Hinsicht noch nach Jahren offen. (An meinem Roman OCHSENKUTSCHER würde ich gern korrigieren!) Bei Tagebucheintragungen verliert sich das Bedürfnis zu korrigieren mit der Zeit. Man fürchtet das Gewesene (das, was stattgefunden hat) mit nachträglichen Korrekturen zu fälschen.

ILJA

Mit eins taucht ein Junge wieder auf. Das Leben – ein Strudel. ILJA blieb ein paar Stunden hier, erzählte vielerlei, meldete sich für den nächsten Monat an, um hier zu helfen und verschwand wieder.

19. Juli (Freitag)

DIE KLEINEN PFERDE

Und immer wieder dieses Wunder: Immer wieder wächst neues Gras, immer wieder gehen die kleinen Stuten in ihrem glänzenden Sommerfell über die grosse Waldwiese hin, immer über die gleiche Wiese. Und wenn elf Monate vergangen sind, werfen sie ein wohlgeformtes Fohlen heraus, das nach kurzer Zeit wieder Gras von der gleichen Wiese frisst und wächst und wächst.

[…]

ICH WERDE IMMER WIEDER DAVON REDEN, was RILKES Dichtung mir bedeutet. Einmal wird man darauf eingehen müssen; widersprechend oder zustimmend. Das eine wäre mir so recht wie das andere; die Hauptsache das Schweigen um Rilke wird gebrochen.

ES HAT DEN ANSCHEIN, als ob andere Menschen in den nächsten Tagen und Wochen über mein Leben verfügen werden. Wie dem entkommen, ohne unhöflich zu sein? […]

31. Juli (Mittwoch)

[…]

IM WALD, Pilze gesucht. Das erste Mal (seit Wochen) Kraft für einen längeren Spaziergang. Die Stille tat gut, die Luft tat wohl, auch wenn es Treibhausluft war. Ein regnerischer, aber üppiger Sommer! Die Gedanken fangen wieder an zu spielen.

ZUFÄLLE gibt es, die einen mit einem Ruck in seinen Anschauungen weiterbringen oder etwas klären.

Ich sah im Fernsehen illustrierte Ausschnitte aus dem Tagebuch des Tyrannen FRANK, der während der HITLER-Zeit Polen beherrschte. Man zeigte für die ILLUSTRIERUNG Dokumente und Dokumentarfotos: Mord, Mord – Menschenquälerei, Rassenüberheblichkeit; vor allem die Verbrechen an polnischen Kindern.

Ein Pole, der das bewusst erlebte, wird den Deutschen meiner Generation das nie vergessen. Das kann er nicht.

Andererseits zeigte mir diese Dokumentation, was es einem 1945 so leicht machte, dem Sozialdemokratismus aufzusagen und Kommunist zu werden.

Man wähnte, dass der Kommunismus alles ausschloss, alle Verbrechen, die sich der Faschismus schuldig machte, die man mit seiner sozialdemokratischen Haltung begünstigte.

Nach dieser polnischen Dokumentation las ich noch eine Weile in Solschenizyns ERSTEN KREIS DER HÖLLE, und ich wusste wieder, weshalb mich die Aufdeckung der Verbrechen im STALINISMUS fast zu einer Gleichsetzung von Faschismus und STALINISMUS führte. Die Entschuldigungen und Zurechtredereien der alten Genossen verfingen bis heute bei mir nicht. Das Gramm auf der Waage, das die Schale auf der Seite des Kommunismus schwerer machte, war und blieb für mich meine (fast kreatürlich zu nennende) Ablehnung des Kapitalismus, der mich in seiner Herrschaftszeit als Mensch nicht gelten liess.

5. August (Montag)

ABREISE

Eva reist (zunächst) mit Jakob und Matthes nach Berlin. GALSAN reist mit ihnen. Ich bringe sie zum Bahnhof nach Gransee. […]

WIE SCHWER mir die Trennung von meinen drei lieben Hausgenossen fällt! Es ist gut, dass die Anwesenheit Galsans mich den Abschied nicht selbstquälerisch auskosten lässt!

Um Galsan brauche ich mir keine Sorgen und weniger Abschiedgedanken zu machen. Er wird langsam eine JESSENIN-Figur. Alle (hier wenigstens) schauen mit verklärten Augen auf das junge Genie, und das JUNGE GENIE weiss das leider schon zu nutzen und ist schon kein »Naturkind« mehr. […]

12. August (Montag)

[…]

EINE ÜBERRASCHUNG

Die alte Freundin aus der Zeit in Tirol – Monette Schober, jetzt BÜCHELE – hatte 1971 meine Aufzeichnungen (bei einem Wohnungswechsel) aus der Kriegszeit wiedergefunden, und sie hatte sie mir geschickt.

Bis nun hatte ich keine Zeit ein Mal in diese Aufzeichnungen hineinzuschauen. Jetzt entschloss ich mich, weil mein Kopf zur Zeit eh leer war.

Es wurde eine Überraschung. Alle meine Ansichten von heute über das Leben und den Tod, über die Kunst und über die Politik waren im Ansatz schon vor dreissig Jahren vorhanden.

13. August (Dienstag)

ICH VERSORGE DAS VIEH, aber sonst beschäftige ich mich den ganzen Tag mit den Aufzeichnungen von vor dreissig Jahren.

Dreissig Jahre brauchte es, bis ich mir selber traute. Dreissig Jahre Umweg hätte ich ersparen können, wenn ich stark genug gewesen wäre, auf meinen Erkenntnissen von damals zu beharren, oder sie wenigstens von flüchtigen zu festen Erkenntnissen zu erhärten.

Nichts davon. Die Folgen des Krieges stürzten mich in eine philosophische Primitivität und Sektiererei, in eine solche Veräusserlichung, dass ich für den Rest meines Lebens Erhebliches leisten muss, um dieses Loch von Schwäche mit entsprechender Stärke aufzufüllen.

Wenn mir nur Kraft und Gesundheit dazu verbleiben!

27. August (Dienstag)

NACH BERLIN

Es fängt an zu regnen. Natürlich zu früh auf dem Flugplatz, ausserdem hat das Flugzeug aus Moskau Verspätung.

Ich sass herum und starrte die Menschen an.

Um halb drei Uhr nachm. trafen meine AUSWANDERER ein. Sie waren schön und lieb (wie bronziert) und alle ein bisschen krank.

Schnell in der Berliner Wohnung etwas gegessen, dann weiter (immer noch im Regen) nach Schulzenhof.

Erzählen, erzählen, erzählen, und zwischendrein von Zeit zu Zeit die ernsthaften Versicherungen, wie sehr man einander vermisste.

19. September (Donnerstag)

AM ROMAN gearbeitet. Es geht gut. Als ob ich erst jetzt reif genug wäre, ihn zu schreiben.

NICHT GERITTEN, auch gestern nicht, nur damit es keinen Grund zu der Behauptung gibt, das Rheuma habe sich durch das Reiten verschlimmert. […]

BORIS DJACENKO

Als ich gestern aus Gransee zurückfuhr, musste ich heftig und mit einem Gefühl von Freundschaft, das sich auf den jüngeren Teil unseres Bekanntseins bezog, an ihn denken.

Ich wusste, dass er sich vor einiger Zeit hatte von seiner dritten Frau scheiden lassen und erwog, ob er sich nicht doch würde bei mir melden. Er hatte das eigentlich stets getan, wenn er sich allein und in Not fühlte. (Einmal rief er vor einem Selbstmordversuch an!)

Am Abend telefonierte Eva aus Berlin: Es läge Djacenkos neuestes Buch mit einem Brief in der Berliner Wohnung. In dem Brief war von der »Erneuerung« unserer Freundschaft die Rede.

20. September (Freitag)

AM ROMAN gearbeitet. Das vierte Kapitel so durchgearbeitet, dass es mir für den Augenblick fertig erscheint.

SPAZIERGANG MIT EVA.

Eine Seltenheit. Früher sind wir zuweilen miteinander durch die Wälder geritten, aber seit Eva Gedichte macht, gehen wir noch selten zusammen. Ich reite, aber das verbietet sich mir zur Zeit durch meine Hüftschmerzen. Eva läuft. Wir respektieren einander. Jeder sinnt auf seinen Gängen über etwas nach. Ich hüte mich Eva zu stören. Ich bin froh, dass sie sich hineinfand, ihre grosse Gefühlswelt in »Formen zu giessen« und sie für andere nacherlebbar zu machen.

25. September (Mittwoch)

Die Jungen auf den Schulweg gebracht. Das hat die MAMA so eingeführt. Sie steht auf dem Hof hinterm Wall der Rosenhecke und winkt. Die Jungen fahren durch’s Wiesental, schaun zum Hof herüber und radeln, bis Büsche und Bäume das Widerwinken unmöglich machen.

Der Vater kopiert das Zeremoniell, aber es ist eben nur eine Kopie, Ersatzkaffee, Zichorie!

BERLIN. PROBE ZUM KRAMKALENDERABEND

Wie merkwürdig, wieder im dunklen Zuschauerraum des Theaters zu sitzen, in dem meine »Theaterlaufbahn« begann, und wieder bei einer Probe zuzusehen!

Ernst Kahler und Mathilde Danegger kommen von der Bühne und umarmen mich, echt und theatralisch zugleich. Trude Beckman, die die ALTE FEIMER in der HOLLÄNDERBRAUT spielte, ist wieder dabei. Man wird auch Szenen aus der »Holländerbraut« spielen und die LABUDDA mit den abstehenden Ohren wird die HOLLÄNDERBRAUT sein.

Ich bin befangen. Ich kann nicht urteilen und beurteilen. Eva fehlt. Mir ist’s (wie oft schon) ein Wunder, wenn mir die Gestalten, die ich erfand, leibhaft gegenüberstehen. Mit diesem WUNDER habe ich zu tun, und wie soll ich da Zeit haben Urteile anzufertigen.

MANIFESTATION DER KÜNSTLERVERBÄNDE in der Staatsoper. Honecker, Sindermann, Hager und Lambertz sitzen da und halten es aus (vielleicht doch ab und zu mit Unbehagen, wenn ich nicht positiviere), wie sich erwachsene Männer, einige davon sogar Künstler mit etlichen Meriten, hinstellen und arschlecken und davon reden, dass sie von der Partei (einer Institution!) angefertigt, beraten, erzogen, vorwärtsgebracht, sehend und zu Künstlern gemacht wurden. Und wenn sie nicht vom Begriffsfetisch PARTEI sprechen, der sie alles zu verdanken haben, dann nominieren sie Erich Honecker und bedanken sich bei ihm.

Wahrlich, eine Parade des Personenkults war das! Aber wie schon oft gesagt: Es gehören zwei Parteien zum Personenkult: Lecker und Leckenlasser!

Ich will derlei Peinlichkeiten ferner aus dem Wege gehen, ich muss!

28. September (Sonnabend)

DER TAG verging, wie viele Sonnabende in den letzten Jahren hier in Schulzenhof vergingen. Bis 9h arbeitete ich irgend etwas in meiner Stube, dann fuhr ich mit Eva in den Dorfkonsum, sass dort und wartete im Auto, bis Eva eingekauft hatte. Ich tat, als ob ich läse und liess die Dorfleute Revue passieren.

Nachdem ich gelesen habe, dass Leute, die mit Hüftgelenk-ARTHROSE beflucht sind, wie unsereiner, rechtzeitig einen Gehstock (zur Entlastung der betroffenen Hüfte) benutzen sollten. Das mache ich nun und errege Mitleid bei meinen Söhnen.

Ich mache einen kleinen Nachmittagsspaziergang von etwa zwei Kilometern. Es liegt eine vom Sturm gerissene Kiefer am Rande eines austrocknenden Sumpfes. Auf dieser Bank mit der schrundigen Rindendecke sass ich im Frühjahr und diktierte. Nun sass ich dort und meditierte. Aber ich bin noch kein grosser Künstler im bewussten Meditieren; ich fühle jedoch, dass es erlernbar ist. […]

9. Oktober (Mittwoch)

ICH FUHR ALLEIN NACH BERLIN.

Es hatte die ganze Nacht geregnet. Morgens sah man, dass sich der Regen gerüstet hatte, den ganzen Tag dazubleiben. Es blieb dämmergrau. Vorweggenommene Novemberstimmung. Die Autofahrer schalteten ihre Lichter ein.

[…]

IM SCHRIFTSTELLERVERBAND

Die Parteigruppe des Vorstandes tagte seit dem Kongress zum ersten Male. Vor Wochen hatte man geplant, das Verhalten einiger Genossen und Kollegen zu rügen. Sie hätten Abträgliches in Interviews gesagt, die sie westlichen Reportern gegeben hätten.

Inzwischen war Breshnew zu Besuch. Er befahl Grosszügigkeit gegenüber Westdeutschland. Natürlich aus wirtschaftlichen Gründen. Nun wurde von den Rednern Baumert, Görlich, Henniger usw. das vorgeführt, was im Volksmund Eiertanz geheissen wird. Man verhielt sich wie Jan Bullert im BIENKOPP: »Ich nenne keine Namen.«

Als sich ABUSCH als erster Diskussionsredner zu Wort meldete, verliess ich demonstrativ die Versammlung. ABUSCH gehört für mich zu den alten Genossen, die ihren Mantel im günstigsten Winde wehen lassen; und einmal einen Tuch-, mal einen Seiden-, mal einen Perlonmantel tragen. Mein Abgang hat, wie man erzählte, ABUSCH stutzen machen. Er hätte erst ganz zum Schluss ein paar Worte gesagt.

ICH GING EINKAUFEN, schlenderte durch Geschäfte. Fand 9-Volt Flachbatterien, die es lange nicht gab, und kaufte einen Jägerspazierstock, den man zu einem Sitz ausklappen kann.

Ich wurde mit der inneren Erregung schneller fertig als sonst. Schlagen meine bisher dürftigen Meditationsübungen an?

25. Oktober (Freitag)

DAS REGENWETTER um und um wirkt sich ungünstig auf die Stallarbeit aus. Die Pferde können nicht auf die Weide, nicht auf ihre Auslaufplätze gebracht werden. Sie durchkneten unruhig ihre Einstreu. Man muss morgens und abends mehr Mist karren als an normalen Tagen und verbraucht mehr Sägespäne als vorgesehen zum Einstreuen.

WENN JEMAND fragt: Wozu habt ihr die (vielen) Pferde? – so wird jetzt (nachdem die Shetlandpony-Fohlen kaum noch begehrt werden) die Antwort schwieriger. Wir hielten die Ponies nie aus Nützlichkeitsgründen. Wenn es sich ergab, dass die Ponyfohlen eine Zeitlang gut bezahlt wurden, so war das nicht von uns einkalkuliert.

Also, weshalb die Pferde? Die Antwort: Aus romantischem Hang, den nicht nur ich, sondern die ganze Familie zu hegen anfing.

Um den Tieren nahezubleiben. Weil wir Tiere, weil wir Pferde (ganz besonders) lieben. Weil ich gern reite. Weil unser Leben auf dem Lande ohne die Pferdezucht bar von Wurzeln wäre.

Es gäbe gewiss noch viele Antworten, die mir zur Zeit nicht einfallen. Schliesslich wäre ohne unsere Pferdehaltung kein PONY PEDRO entstanden und so manche von den Kalendergeschichten nicht.

4. November (Montag)

EINER VON DEN TAGEN, wie ich sie gern habe:

Am Roman gearbeitet, Briefe geschrieben und diktiert.

Kleine Arbeiten in Haus und Hof.

Geritten.

14. November (Donnerstag)

[…]

NACH BERLIN in guter Stimmung. Innen wohlig. In der Stadt hat man die Verkehrsampeln durch weiss bemäntelte Polizisten ersetzt. TITO im Anmarsch auf WANDLITZ. […]

IN DER VOLKSBÜHNE KÖNIG HIRSCH von Gozzi das zweite Mal angesehen. […] Da die beiden alternierenden Darstellerinnen des Zauberer-Dieners erkrankten, spielt Usch ausser der SMERALDINA auch diese Rolle.

Ein Naturtalent. Man muss dieser Usch gut sein. Als private Menschin genügt sie meinen Ansprüchen und Wünschen nicht. Aber wenn sie spielt! Sie macht Clownerien und man möchte weinen. Das heisst – eine göttliche Kraft ist da. Wenn Usch spielt, wird sie heilig.

14. Dezember (Sonnabend)

NUR EIN WENIG im lieben Zuhause gebadet. Jede der laufenden Arbeiten nur wenig gefördert, ihr nur rasch ins Gesicht gesehen.

NACH BERLIN am Nachmittag ums Dunkelwerden. Es liegt etwas Schnee, und die Strassen möchten am liebsten glatt werden, und sie warten auf eine Auflassung dazu aus der Luft.

Wir sitzen in der Berliner Wohnung, warten auf Telefonanrufe der ausländischen Freunde und hoffen insgeheim, dass keiner von ihnen diesen Abend noch kommt. Das stille Miteinandersein tut uns gut.

Eva arbeitet an ihrem Puschkin-Essay. Ich lese Hesses »GLASPERLENSPIEL«.

21. Dezember (Sonnabend) bis 29. Dezember (Sonnabend)

Also eine Woche nicht eingeschrieben. Das ist nur grob nachzuholen. Keine Lust für Tagebuchaufzeichnungen.

Geschehen ist dies und das, aber nichts von lebensverändernder Bedeutung.

Die lebensverändernden Meditationen traten zurück. Leider. Trotzdem keine Trauer: Das Meer und das Marschland. Mein Symbol, das auf alle Prozesse passt und standhält.

Sohn Erwin erschien, schrieb an einer Prüfungsarbeit Marxismus-Leninismus; geriet in Zweifel, ob er sie so dogmatisch liefern soll, wie sie von ihm verlangt wird.

Wir rieten ihm für die dogmatische Arbeit, damit er sein Schauspieler-Diplom erhält. Bei uns wird im Berufsleben am bereitwilligsten für diplomierte Dummheit gezahlt. Über undogmatischen Marxismus kann E. nachdenken, wenn er sein Diplom hat.

Der einzige Ausweg aus den Konflikten, in die alle denkenden Jugendlichen geraten, ist, schöpferisch arbeiten, sich selber verwirklichen oder den Marsch ins Innere antreten. Welcher Jugendliche aber wäre zu so einem Marsch bereit?

EVA kränkelt. Mal Grippe, mal das, was sie Rheuma-Anfälle nennt. Man soll’s am besten nicht wahrnehmen, wünscht sie; wenn man es auffällig registriert, dass sie zu oft kränkelt, wird sie wild. Und doch muss sie etwas tun. Mit der Kur in Piestany – da werde ich nicht locker lassen.

ARBEIT

Bis zu den Weihnachtstagen arbeitete ich recht eifrig am Roman. Gefeilt, geschliffen. Bald müssen die ersten hundert Seiten »stehen« und »knallen«.

Seit Weihnachtsabend mache ich mit Matthes und Jakob Herberts Urlaubsvertretung im Stall. Die Jungen sind lieb, arbeiten rege und betrachten die Stallarbeit nicht als Muss. Sie empfinden die Romantik, die einem zeitweiligen Dasein für die Tiere innewohnt. […]

KEIN BESUCH die ganzen Tage. Die Tatsache wird von Monat zu Monat wohltuender. […]

1975

8. Januar (Mittwoch)

TAG OHNE EVA

Sogleich ist die offene Fröhlichkeit nicht im Hause. Das Zwitschern und Jubilieren Jakobs. »Drei Einsen, Vater, drei Einsen heute!« Ich lobe ihn, freilich, aber ich kann nicht so tief erfreut und so wirklich erfreut darüber sein wie die Frau Mutter.

Der ganze Nachmittag geht in gedämpfteren Farben einher.

ICH DENKE UNABLÄSSIG über den Roman nach. Ich sitze fest. Aber ich weiss, dass das kein Endzustand ist. Ich weiss, dass in bezug auf die Fabel in solchen Fällen von Festgefahrenheit in der Regel ein Denkfehler vorliegt oder dramaturgischer Dilettantismus.

Manchmal will man auch die politische Wahrheit umgehen, weil die alte Befürchtung: SO WIRD’S BESTIMMT NICHT GEDRUCKT noch in einem steckt.

Von Zeit zu Zeit zeigen sich Lichtungen oder Türen, die jedoch, sobald man sie (nur gedanklich) benutzt, in neue Dikkichte, Schmutz-Ecken oder in unelegante Räume führen.

Vor allem nicht vergessen, was man sich schwor: Keine Rücksicht auf die derzeitigen Ansichten von Politikern, Ökonomen, von Dilettanten im allgemeinen!

Das Gefühl nähren: MAN HAT ZEIT. Nicht unberücksichtigt lassen, dass man sich in der Kunst der Meditation üben und vervollkommnen muss!

UNTERWEGS mit den Stuten und dem Fohlen. Sogar die Sonne scheint. Aber es dringt nichts von draussen zu mir herein.

Der Roman rumort. Auch so eine SÜNDE – sich diesem Rumoren zu überlassen. Man weiss doch, dass einen das wenig weiterbringt. Der Fortgang der Handlung muss einen wie ein Blitzstrahl »treffen«.

19. Januar

EIN GESEGNETER SONNTAG-VORMITTAG

Angeekelt von der Arbeit am Roman, ermattet von Sich-Zerdenken. Gereizt. Auch ein wenig zornig auf Eva. Weil man ja stets denkt, der liebste Mitmensch will nicht verstehen, will einem nicht zubilligen, dass man etwas schrieb, wie man es schrieb. Man hat den Verdacht, der liebe Mitmensch will’s so geschrieben haben, wie er es geschrieben hätte. Etwas Wahres ist wohl auch an dem Verdacht, überhaupt dann, wenn ästhetische Forderungen gestellt werden.

Ich verkünde (morgens beim Sonntagsfrühstück zu zweit), ich werde den Roman liegen lassen, die Arbeit an ihm einstellen. Will ich’s oder drohe ich nur (man ist in solchen Situationen kindisch), um Eva geneigt zu machen, von ihren ästhetischen Forderungen abzustehen?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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