Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht - Martin Maier - ebook

Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht ebook

Martin Maier

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Opis

Karl Valentin nimmt in den Herzen der Menschen einen ewigen Platz ein, weil er in den Absurditäten des Alltags verblüffende Erkenntnis gewinnt: Maier wendet sein Denken auf aktuelle Fragen an: vom Klima bis zur Apokalypse, vom Alltag bis zur Metaphysik. Im Unsinn enthüllt er den Tiefsinn. Im Irrsinn die Wirklichkeit. Karl Valentin - eine Stimme des Menschlichen fürs 21. Jahrhundert.

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Martin Maier

Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht

Mit Karl Valentin Sinn und Wahnsinn des Lebens entschlüsseln

Impressum

Die Zitate aus dem Werk Karl Valentins sind mit freundlicher Genehmigung des Verlags Piper entnommen aus: Karl Valentin, Sämtliche Werke in 9Bänden. Hrsg. von Helmut Bachmaier und Manfred Faust © 1992-1997Piper Verlag GmbH, München.

Für die Lizenzierung der Fotos danken wir Frau Anneliese Kühn als Erbin nach Karl Valentin sowie Herrn RA Gunter Fette.

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

ISBN (E-Book): 978-3-451-33926-4

ISBN (Buch): 978-3-451-32497-0

Inhaltsübersicht

Vorwort

Besser ein schlechtes Wetter als gar keines

Fröhliche Wissenschaft

Wrdlbrmpft und Sxdnhpfdb

Gar nicht krank ist auch nicht gsund

Sein und Zeit

Zündelnde Feuerwehrleute

Sprachverzwickungen

Wie ein Papagei zum Rindvieh wird

Angeklagter, Sie sind unschuldig – Warum?

Wutbürger Valentin

König Herodes und die sieben Geißlein

Kein nicht uneinfacher Ehemann

Kunst und Wunst

Ein Lied mit Gesang

Sehen wie man nichts sieht?

»Wir werden diesem sauberen Herrn einen Brief scheiben«

Ein Oktoberfest im Oktoberfest

Wirklichkeitsverrückungen

Derweil schleicht sich ein Zufall ein ...

Wenn Sie natürlich alles philosophisch zerlegen ...

Tücken der Technik

Valentin, Papst Benedikt XVI. und der liebe Gott

Die letzten Dinge

Valentin hilft auch im 21. Jahrhundert

Verwendete Bücher

Vorwort

Karl Valentin erlebt seit seinem 125.Geburtstag am 4.Juni 2007 eine erstaunliche Renaissance. Die Deutsche Post brachte eine Sondermarke heraus, auf der er wie ein Fragezeichen gekrümmt auf einem Stuhl knieend dessen Fuß absägt – ein Motiv aus seinem frühen Stummfilm »Der neue Schreibtisch«. Die Stadt München, die ihn am Ende seines Lebens so stiefmütterlich behandelt hatte, besinnt sich auf ihren großen Sohn. Am Geburtstag selbst wurde in seinem Geburtshaus die Karl Valentin-Gesellschaft gegründet, die sein geistiges Erbe lebendig erhalten möchte. Sogar der »Spiegel« kam an dem »großen Wrdlbrmpfd« nicht vorbei.

Kaum jemand dürfte mit der Sprache, mit ihrem Sinn, Unsinn und Irrsinn mehr experimentiert haben, als der Münchner Komiker. »Teurer Rat ist gut«, heißt es da zum Beispiel – man stutzt, sinniert und bleibt hängen. Irgend etwas stimmt nicht. Durch die einfache Umstellung der Adjektive stellt Valentin ein bekanntes Sprichwort auf den Kopf. Eine Variante lautet: »Guter Rat war nicht billig.« Auf unsere Zeit angewendet kann man damit die gesamte Unternehmensberatungs- und Consultingbranche aufs Korn nehmen: je teurer die Beratung, desto angeblich besser.

Valentin selber schrieb einmal, dass die meisten seiner Stücke an keine Zeit gebunden sondern nur humorvoll seien. Und der Humor bleibe ewig, solange es Menschen gibt. Roswin Finkenzeller hat treffend festgestellt, Valentins Art zu denken sei von nahezu unbegrenzter Anwendbarkeit. In diesem Buch soll versucht werden, diese auf entscheidende Fragen des 21.Jahrhunderts anzuwenden. In mancherlei Hinsicht war Valentin seiner Zeit weit voraus. 1928, also 41Jahre vor der ersten Mondlandung, inszeniert er zusammen mit Liesl Karlstadt die »technische Bühnenneuheit« »Der Flug zum Mond im Raketenschiff«. Alle Voraussetzungen für das Gelingen des Fluges sind da: »Mir sind da – das Flugzeug ist da – der Mond ist da.« Und auch die Hoffnung, dass sie wiederkommen, ist da: »Die Hoffnung ist das Wichtigste. Wichtiger, wie die Raketen und das Flugzeug. Wir haben halt 12Raketen und 1Stück Hoffnung.« Trotzdem endet der Mondflug mit einem hoffnungslosen Absturz.

Wie komme ich als Jesuit und Theologe dazu, mich mit Karl Valentin zu beschäftigen? Bereits im Alter von zehn Jahren habe ich mich für Valentin begeistert. Der Grund dafür war eine Hauptvorschlagsplatte. Allein aus diesem Wort hätte Valentin schon so allerlei gemacht. Wahrscheinlich hätte er die Assoziation mit dem Vorschlagshammer nicht ungenutzt gelassen, und das Haupt wäre nicht ungeschoren davongekommen. Das geschorene Haupt – die Glatze – wiederum heißt bei ihm Plattn. Sämtliche Unsinnsdimensionen der Platte schöpft er im Film »Im Schallplattenladen« aus, der bei dem Versuch, zerbrechliche Wachsplatten und die neuen, biegsamen Plastikplatten voneinander zu unterscheiden, in einem Destaster, pardon, Desaster endet.

Doch zurück zur Hauptvorschlagsplatte. Mein Vater war Mitglied des »Phono-Rings«. Hier konnte man Bücher und Schallplatten vergünstigt beziehen. Man verpflichtete sich in jedem Halbjahr zu einer Bestellung. Versäumte man diese, drohte einem der »Hauptvorschlag«. Dieser bestand 1970 aus zwei Platten – also schwarzen Platten mit Schall – von Karl Valentin. Ich hörte sie aus purer Neugierde – und war für immer verloren. Der Buchbinder Wanninger, Der Ententraum, Die Uhr von Löwe, und viele andere Valentin-Klassiker traten in mein Leben. Besonders angetan hatte es mir der Monolog »Beim Zahnarzt«. Dieser fängt mit einem leicht umgebogenen Zitat aus Schillers Glocke an: »Gefährlich ist’s den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, doch der schrecklichste der Schrecken, ist der eigene hohle Zahn«. Dann setzt sich Valentin damit auseinander, wie einem ein hohler Zahn weh tun kann, da in diesem Zahn ja nichts drin ist, und einem das Nichts dann weh tun müßte. (Martin Heidegger läßt grüßen!) Diese Überlegung überträgt er auf die Stadträte, die dann ja ständig Kopfweh haben müßten. Beim Zahnarzt geht es in etwa so weiter: Das Reißen des Zahnes lehnt er ab, weil er dabei die Zähne nicht zusammenbeißen kann, das Ausbohren, weil der Zahn ja so schon hohl ist. Den Nerv darf der Zahnarzt unter Berufung auf das fünfte Gebot nicht töten. Lachgas geht nicht, weil seine Tante gestorben ist und er nicht lachen darf. Eine Goldkrone verweigert er, weil das ja in der Demokratie keinen Sinn mehr hat. Schließlich rechnet er vor dem Plombieren den Preis einer Messerspitze Zement mit einem Sack Zement bei einem Maurer auf und bescheidet dem Zahnarzt, da müsse er warten, bis ein Dümmrer kommt. Immerhin erkundigt sich der Zahnarzt zum Abschied, wann er dann wieder komme.

Diesen Monolog habe ich auswendig gelernt und bei der Schulfastnacht 1971 zum Besten gegeben. Ich erinnere mich heute noch an das Amüsement meines lieben Klassenlehrers Wolfgang Flötemeyer ob dieser Darbietung. Dazu sei gleich gesagt, dass ich ein Kopieren Valentins für äußerst schwierig halte. Die Aufführungen seiner Stücke etwa durch das Münchner Valentin-Theater sind sehr zu loben. Doch sie erreichen bei weitem nicht die Filme, die von Valentin und seiner kongenialen Partnerin Liesl Karlstadt gedreht wurden. Und die Filme dürften die Wirkung ihrer Original-Darbietungen bei weitem nicht erreichen. Dies kann man aus verschiedenen Beschreibungen der Aufführungen schließen.

Zur Entstehung dieses Buchs ist noch zu sagen, dass es aus der Freundschaft mit Dr.Karin Walter und Dr.Rudolf Walter gewachsen ist. Diese Freundschaft wiederum verdankt sich zu einem guten Teil unserer gemeinsamen Valentin-Begeisterung. Karin und Rudi sei es gewidmet.

Besser ein schlechtes Wetter als gar keines

Ein höflicher Gesprächseinstieg in England läuft über das Wetter. Eine Studie behauptet, daß die Briten sechs Monate ihres Lebens damit verbringen, über das Wetter zu reden. Ich erlebe das jedes Mal, wenn mein Freund John Wilkins von der Times in London anruft. Er begrüßt mich mit »Hi Martin, how are you doing?« Dann schildert er mir ausführlich, wie das Wetter in London ist. Ich berichte ihm umgekehrt, wie der Himmel in München ausschaut. Erst dann kommen wir zum eigentlichen Thema, zum Beispiel zu den Verhinderungsversuchen des historischen Papstbesuchs in Großbritannien im September 2010.

Es sind solche alltäglichen Gesprächssituationen, die Karl Valentin immer wieder aufgreift und mit einem bohrenden »Warum?« hinterfragt. Warum verbringen zwei Menschen Zeit damit, über das Wetter zu reden? Erstens ist das ein halbwegs uninteressantes Thema, weil sich am Wetter sowieso nichts ändern läßt. Und zweitens dürfte es in der Frage der Wahrnehmung des aktuellen Wetters kaum zu Meinungsunterschieden kommen. Doch genau darin mag der Grund liegen, wieso sich das Wetter für einen problemlosen Gesprächseinstieg eignet. Man versichert sich, daß man dieselbe Sprache spricht, in derselben Wirklichkeit lebt und diese auch gleich wahrnimmt. Für Karl Valentin ist das alles andere als selbstverständlich. Könnte es nicht auch sein, dass es überhaupt kein Wetter gibt? Dann gilt: »Besser ein schlechtes Wetter als gar keines.« Dieses Prinzip kann als durchaus prophetisch im Blick auf den Klimawandel verstanden werden. Oder: »Alle schimpfen’s aufs Wetter, aber keiner unternimmt etwas dagegen.« Dieser Satz hat sogar schon Eingang in Vorträge des bekannten Klimaökonomen Ottmar Edenhofer gefunden.

So sicher die Wahrnehmung des aktuellen Wetters ist, so unsicher sind Wettervorhersagen. Valentin bringt das fast lautmalerisch in seiner Wortschöpfung des Wettervorhersagerers zum Ausdruck. Umfassend behandelt er die Problematik im »Brillantfeuerwerk«. Das Feuerwerk kann nur abgebrannt werden, wenn es nicht regnet. Der zuständige Wirt bekommt die unterschiedlichsten Ratschläge. So hat der Hund eines Biergartenbesuchers Gras gefressen. Für das Wetter heißt das: »Wenn a Hund Gras frißt, das ist das sicherste Zeichen, dass auf d’Nacht noch regnet.« Nicht unbedingt weiterführend ist auch die verkorkste Bauernregel: »Sich segen bringt Regen.« Nach langem Hin und Her einigen sie sich auf die Feststellung: »Kein Mensch kann voraussagen, wie das Wetter wird und deswegen braucht es dafür Viecher wie etwa einen Laubfrosch.« Doch was tun, wenn der Laubfrosch ganz oben auf seiner Leiter sitzt und der Hund doch Gras gefressen hat?

Der Wirt ist zunehmend resultatlos, pardon, ratlos. Mehrfach hat ihn der Feuerwerker schon gewarnt, vorsichtig mit seiner Zigarre in der Nähe der Feuerwerksraketen zu sein. Getreu Tschechows dramaturgischem Hinweis, dass wenn im ersten Akt eines Theaterstücks ein Revolver an der Wand hängt, bald geschossen wird, kracht es auch im Brillantfeuerwerk vorzeitig. Die Zigarre fällt zielsicher in eine Kiste. Dann kommt wieder eine typisch valentineske Beobachtung: »Dreimal hat der Feuerwerker gewarnt, aber bloß einmal ist es explodiert.«

Auch für den Flieger beim »Flug zum Mond im Raketenschiff« ist das Wetter von entscheidender Bedeutung. Er kann damals erst übermorgen starten, weil übermorgen selten ein Wind geht.

Von radikaler Richtigkeit ist schließlich folgende Bauernregel:

Ist es im Juni heiß oder kalt,

Stehn viele Bäume im Tannenwald,

Tuen kein Bäume im Walde stehn,

Ist vom Wald keine Spur zu sehn.

Karl Valentin und Liesl Karlstadt in „Sturzflüge im Zusschauerraum“, 1915

Fröhliche Wissenschaft

Ein aufgesetzter Wissenschaftsjargon kann entweder Ausdruck von Wichtigtuerei oder von einem wirklichkeitsfremdem Spezialistentum sein. Ich zitiere nicht ganz zufällig aus einem medizinisch-psychologischen Lehrbuch, wo ein Trauma definiert wird als »vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt«. In dieser Definition steckt viel Valentin drin. Je mehr man sich mit ihm beschäftigt, umso dauerhafter wird die Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis. Man ist versucht, dem ein Zitat von Ludwig Wittgenstein aus dem Vorwort seines Tractatus logico-philosophicus entgegenzuhalten: »Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.«

Wenn es Aufgabe der Wissenschaften ist, die Wirklichkeit zu erklären und in den Griff zu bekommen, so ist klar, dass sie für Valentin eine ständige Provokation waren. Hatte er doch seine eigene wissenschaftliche Weltanschauung! Wie diese gebaut ist, läßt sich besonders gut am Monolog »Das Aquarium« studieren, mit dem Valentin nach schwierigen Anfangsjahren 1908 der Durchbruch als Komiker gelungen ist. Nicht umsonst nennt er ihn »eine botanozoologische Viecherei«. Dieser Monolog, von dem es eine Reihe leicht unterschiedlicher Fassungen gibt, enthält viele typische Elemente und Figuren der Valentin eigenen Denk- und Sprachakrobatik. Das fängt schon damit an, daß er über den Satz »Sehen Sie, seit soundso viel Jahren wohne ich jetzt in der Sendlinger Straße« stolpert: »Also nicht in der Sendlinger Straße, sondern… schon in der Straße, also ich meine… also in den Häusern, die wo halt in der Straße sind, weil in der Straße selber könnt man ja nicht wohnen, weil immer die Trambahn durchfährt.« Die Mischung aus Sprachsezierung und sich selbst überbietendem Unsinn geht weiter: »Ich wohne im ersten Stock, weil in dem Haus, wo wir da wohnen, ist ein erster Stock, der ist unterm zweiten Stock und oberm Parterre so zwischendrin, da geht bei uns in den ersten Stock eine Stiegen nauf, die geht schon wieder runter auch, aber zuerst geht’s hinauf. Wenn man es eigentlich richtig nimmt, geht ja nicht die Stiegen nauf, sondern wir gehen auf die Stiegen nauf, man sagt eben so.«

Nach mehreren komplizierten Anläufen kommt er schliesslich beim Aquarium an, das im Wohnzimmer steht, vier Wände und einen Boden hat. Auch das bedarf tiefergehender Erklärungen: »Die Hauptsache vom Aquarium ist der Boden, der muß unbedingt da sein, denn wenn man nur die vier Wände hätt’ und den Boden nicht, und man schüttet oben Wasser ’nein, dann läuft das Wasser unten raus, da dürfen Sie zehn Jahre Wasser neinschütten, das läuft immer unten ’raus. Damit aber das Wasser nicht rausläuft, deshalb ist der Boden da.« Nicht zu verwechseln mit einem Aquarium ist ein Vogelkäfig, wo die Wände zwar so ähnlich wie beim Aquarium sind, aber alles doch ganz