Der Löwe und die Inselbande - Klaus Möckel - ebook

Der Löwe und die Inselbande ebook

Klaus Möckel

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Opis

Dieser zweite Band der Reihe mit dem Zauberlöwen enthält neue aufregende Abenteuer. Am Ufer eines Sees beobachten Florian und Mareike einen höchst verdächtigen Mann, der in einem Kahn von der gegenüberliegenden Insel heranrudernd, sein Boot im Schilf versteckt. Sie vermuten ein Geheimnis und setzen selbst über. Den Löwen nehmen sie natürlich mit. Doch mit dieser Tat begeben sie sich in große Gefahr. Auf dem Eiland halten Banditen einen Jungen gefangen, um Lösegeld zu erpressen. Sie entdecken die Kinder und machen Jagd auf sie. Als Florian dann noch das Zauberei verliert, mit dem ihr vierbeiniger Freund zu Hilfe gerufen werden kann, sieht es düster aus. Mareike und Florian brauchen all ihren Mut und ihre Schlauheit, um dagegenhalten zu können. INHALT: Schreck am Nachmittag Ein sonderbarer Mann Allerlei Vermutungen Ein kohlrabenschwarzer Hund Das Abenteuer beginnt Die geheimnisvolle Baracke Wo ist der Löwe? Ein Gefangener namens Dirk Rex sorgt für Verwirrung Frank greift ein „Tut mir leid, Mareike! Dirks Flucht Der Löwe wird verwundet Noch ist nichts gewonnen Die Bande schlägt zurück Die Brüder verrechnen sich Ein Freund wird zurückgewonnen Zurück an Land Ein ausgeklügelter Plan Florian lässt nicht locker Ein verwirrendes Spiel Der Endspurt Danke, Rex!

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Impressum

Klaus Möckel

Der Löwe und die Inselbande

Abenteuer Zauberlöwe, Teil 2

ISBN 978-3-86394-835-1 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Schreck am Nachmittag

Oma Klatt ging um das Brombeergebüsch herum und trat auf die Wiese hinaus. Vom vielen Bücken tat ihr der Rücken weh und sie wollte sich gerade kräftig recken, als sie jäh erstarrte. Ein spitzer Schrei entrang sich ihrer Brust. Der Korb, den sie am Henkel gefasst hielt, entglitt ihrer Hand und fiel zu Boden. Nach allen Seiten hin rollten die Pilze durchs Gras.

„Hilfe!", rief Oma Klatt, drehte sich um und stürzte in den Wald zurück. Ihr Mann, der wenige Schritte entfernt gerade eine prächtige Braunkappe abgeschnitten hatte, sah erstaunt auf.

„Was ist denn los? Wo hast du deinen Korb?"

„Mein Korb? Er liegt ... dort." Sie blieb stehen und deutete ängstlich nach hinten.

Opa Klatt schüttelte verständnislos den Kopf.

„Nun beruhige dich mal. Warum schreist du um Hilfe? Man könnte meinen, du hast ein Krokodil oder wenigstens eine Giftschlange gesehen."

Die Frau fasste sich etwas.

„Kein Krokodil und auch keine Giftschlange", flüsterte sie. „Ich kann's selber nicht glauben, aber es war ... ein Löwe!"

„Ein Löwe?!"

„Ja. Mit gelbem Fell und einer dicken Mähne. Er stand vor mir, keine fünf Meter entfernt, ich schwör's!"

„Also, weißt du", murmelte Opa Klatt vorwurfsvoll, „manchmal könnte man an deinem Verstand zweifeln. Ein Löwe auf Möllers Wiese! Was denn noch alles? Und deshalb schmeißt du nun deine herrlichen Pilze weg."

Er wollte an ihr vorbei, um den Korb zu holen, doch sie hielt ihn am Ärmel fest. „Geh nicht hin, bitte!"

„Das hält man doch nicht für möglich", sagte Opa Klatt und machte sich energisch los. „Hörst du etwa irgendein Raubtier brüllen? Nein, nicht einmal ein Hund bellt. Wir sind seit zwei Stunden im Wald unterwegs. Sollen wir wegen diesem Quatsch unser Abendbrot im Dreck liegen lassen?"

Oma Klatt murmelte:

„Aber wenn ich ihn doch gesehen habe. Vielleicht ist er weggelaufen. Aus einem Zoo."

Ihr Mann freilich war schon bei dem Strauch und stand gleich darauf an der Stelle mit dem Korb. Der lag auch noch da, genau wie die Pilze. Ein Tier dagegen war nirgends zu erblicken.

„Ich hab's doch gewusst", brummte der Alte und hockte sich ächzend hin, um die Pilze aufzusammeln. „Ein Löwe, so ein Blödsinn!" Er rief nach seiner Frau, die nun all ihren Mut zusammennahm und sich wieder zu ihm gesellte. Trotzdem suchte sie ängstlich mit ihren Blicken die Wiese ab. Statt eines Löwen sah sie allerdings nur weiter rechts am Waldrand zwei Kinder mit Fahrrädern.

Oma Klatt hätte die beiden am liebsten nach der Raubkatze gefragt, aber mittlerweile zweifelte sie an sich selbst. Außerdem waren die Kinder zu weit weg. Immer noch verstört, half sie ihrem Mann, den Korb wieder zu füllen.

Der Junge und das Mädchen dagegen sahen zu, dass sie Land gewannen.

„Du hättest Rex-kun nicht rauslassen sollen", sagte Mareike, während sie einen Feldweg entlangstrampelten. „Hier sind zu viele Leute."

„Ich konnte doch nicht wissen, dass die beiden Alten plötzlich aus dem Wald kommen", erwiderte Florian. „Sonst war ja weit und breit niemand."

„Pilzsammler gibt's um diese Jahreszeit überall", wandte Mareike ein, um dann altklug hinzuzufügen: „Na ja, es wird immer wieder mal passieren, dass er jemanden erschreckt, das lässt sich nie ganz verhindern."

Die beiden besaßen tatsächlich einen Löwen, aber das ist eine Geschichte, die sich nicht so einfach erklären lässt. Etwa vor einem Jahr war nämlich etwas höchst Ungewöhnliches geschehen. Florian hatte von seiner Tante Anja ein Tamagotchi geschenkt bekommen, das sich als total irre erweisen sollte. Er hatte sich nie so ein Ding gewünscht - was sollte er schon mit solch einem Plastik-Ei anfangen. Das Spielzeugtier auf dem Display war etwas für kleine Mädchen und zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr der letzte Schrei. Mehr aus technischem Interesse hatte Florian später das Tamagotchi in Gang gesetzt, die verschiedenen Knöpfe bedient und die Funktionen aufgerufen. Als das Außerordentliche dann passierte und der Löwe unvermittelt vor ihm stand, hatte er einen ähnlichen Schreck gekriegt wie Oma Klatt jetzt. Und er hatte nicht das Geringste begriffen.

Auch heute noch, da Florian sich längst an das Tier mit dem sonderbaren Namen Rex-kun gewöhnt hatte, fragte er sich manchmal, wie die Konstrukteure dieses Kunststück geschafft hatten: einen Löwen zum Anfassen, der auf eine bestimmte Tastenkombination hin aus dem Tamagotchi sprang oder wieder darin verschwand. Der rennen, brüllen und sogar sprechen konnte. Seine Schulfreundin Mareike, die einen Sinn für alles Ungewöhnliche hatte, sagte einfach:

„Das ist ein Wunder und Wunder kann man nicht erklären. Ich bin froh, dass Rex da ist. Ich liebe ihn sehr."

Florian liebte Rex nicht weniger, zumal er sich durch ihn beschützt fühlte. Seit er den Löwen hatte, brauchte er größere Jungs, die oftmals gemein sein konnten, nicht mehr zu fürchten. Dennoch erwiderte er:

„Trotzdem muss es eine Erklärung geben. Man sollte mal in einer Fabrik nachfragen, wo sie solches Spielzeug herstellen."

„Dort würdest du genauso wenig erfahren", sagte Mareike. „Höchstens, dass Rex eine Verbindung elektronischer Ströme mit magischen Elementen ist oder so ähnlich. Das macht dich auch nicht schlauer."

Jedenfalls war der Löwe da und ein toller Spielgefährte. Man konnte mit ihm richtig herumtoben, musste bloß aufpassen, dass er von keinem gesehen wurde. Sonst gab es immer gleich ein Riesengeschrei und eine Menge Fragen, die nicht zu beantworten waren.

Ein sonderbarer Mann

Auf dem Waldweg sagte Florian plötzlich:

„Komm, wir fahren um die Wette. Wer zuerst dort hinten an der Kurve ist, hat gewonnen. Achtung, fertig, los!"

Er raste sofort davon, was nicht ganz fair war, weil Mareike sich kaum darauf einstellen konnte. Dennoch trat sie ebenfalls in die Pedale, versuchte ihn einzuholen. Natürlich klappte das nicht. Florian fuhr sogar noch mehr Vorsprung heraus.

An der Kurve stoppte er mit quietschenden Reifen und rief:

„Erster!"

„Das war keine Kunst, du bist zu schnell los."

„Ich kann eben besser starten als du."

Mareike wollte nicht streiten. Sie wechselte das Thema.

„Wo geht's hier eigentlich hin?", fragte sie. Der Weg gabelte sich.

„Geradeaus geht's zur Stadt zurück", erwiderte Florian, „links runter zum See, glaub ich."

„Wollen wir mal hin?"

„Klar. Aber erst rufen wir Rex." Er holte das Tamagotchi aus der Tasche und drückte die Knöpfe unten in einer bestimmten Reihenfolge: drei, eins, vier. Ein grüner Blitz zuckte auf und der Löwe stand vor ihnen.

„Entschuldige, dass wir dich vorhin so schnell weggeschickt haben", sagte Florian, „aber du hast ja selber gesehen, wie erschrocken die Frau war."

„Leider, doch inzwischen bin ich Kummer gewöhnt", erwiderte Rex-kun. „Hoffentlich kommt nicht gleich wieder jemand."

„Wenn sie uns nicht zu nahe auf den Pelz rücken, tun wir so, als wärst du unser Hund", beruhigte ihn Mareike. „Du musst bloß bei uns bleiben."

Sie radelten langsam in Richtung See und der Löwe trottete neben ihnen her. Freilich dauerte es nicht lange und die Sache wurde ihm zu eintönig. Er begann zu rennen und die Kinder legten gleichfalls ein stärkeres Tempo vor.

Unvermutet verlor sich der Weg in störrischem Gras und der Boden wurde feucht. Durchs Gebüsch sah man Wasser.

„Da ist der See", sagte Florian, „die Frage ist nur, ob wir rankommen."

„Warum denn nicht?", fragte der Löwe.

„Weil der Boden nass und weich ist", erwiderte Florian. „Vielleicht sinken wir ein."

„Ihr lasst die Räder hier und ich gehe voran", schlug Rex vor. „Ich bin am schwersten. Wenn ich nicht einsinke, passiert euch auch nichts."

„So machen wir's, eine gute Idee." Mareike lehnte ihr Rad an einen Baum.

Florian tat es ihr gleich und sie stapften im Gänsemarsch in Richtung See. Doch der Löwe blieb sofort wieder stehen.

„Da kommt jemand mit einem Boot", sagte er etwas enttäuscht und ging in Deckung.

„Stimmt", bestätigte Mareike, „ein Ruderboot mit einem einzelnen Mann drin. Warten wir, bis er vorbei ist."

„Es hält aber direkt Kurs auf uns", stellte Florian fest. „Der scheint ausgerechnet hierher zu wollen."

Sie zogen sich ein Stück zurück und warteten. Vielleicht vermutete der Ruderer hier einen guten Angelplatz. Angelzeug war zwar keins zu sehen, aber das konnte im Kahn liegen.

Tatsächlich ging der Mann genau vor ihnen an Land. Er steuerte das Boot zu einer flachen Stelle zwischen zwei Weidenbüschen, zog die Ruder ein und sprang ans Ufer. Dann schaute er sich nach allen Seiten um, als befürchtete er, dass ihn jemand beobachten könnte.

Die drei, die hinter einem Strauch abgetaucht waren, entdeckte er trotzdem nicht. Sie duckten sich, so dass sie unmöglich zu sehen waren. Allerdings sahen auch Mareike und Florian nichts mehr. Nur der Löwe, der zudem sehr scharfe Augen hatte, spähte noch zwischen den Zweigen hindurch.

„Der verhält sich ziemlich komisch", sagte Mareike leise. „Was macht er denn? Geht er weg?"

„Nein, er deckt das Boot zu", erwiderte der Löwe.

„Was heißt, er deckt es zu? Mit einer Decke?" Florian richtete sich etwas auf.

„Er reißt Äste ab. Er hat seinen Kahn unter den Weidenbusch geschoben und legt zusätzlich Aste drauf."

„Sonderbar. Vielleicht hat er das Boot geklaut", vermutete Mareike. „Wollen wir ihn zur Rede stellen?"

„Bist du verrückt?", zischte Florian. „Der hat womöglich eine Waffe."

„Und wir haben Rex!"

„Sehr richtig", bemerkte der Löwe und fauchte ein bisschen.

„Schon gut", flüsterte Florian, „du bist der Größte. Aber wenn der Kerl das Boot nicht geklaut hat, wird er wieder allen Leuten erzählen, dass im Wald ein Löwe herumläuft, vor allem der Polizei. Dann können wir uns hier nicht mehr blicken lassen."

Inzwischen hatte der Mann, der nahezu kahlköpfig war, einen dunklen Anorak, Jeans und wasserfeste Stiefel trug, seine Arbeit beendet. Er warf noch einen letzten prüfenden Blick darauf und entfernte sich dann, im flachen Wasser watend, am Ufer entlang. Erst ein Stück weiter weg stieg er an Land und ging auf einem Trampelpfad davon. Kurz darauf sprang in der Nähe ein Motor an und ein Auto fuhr ab.

Die drei erhoben sich.

„Der hatte da drüben seinen Wagen stehen", stellte Florian fest. „Jetzt ist er weg. Wahrscheinlich hat er das Boot gar nicht geklaut, sondern will nur vermeiden, dass Fremde damit fahren."

„Das möchte ich stark bezweifeln", erwiderte Mareike. „Wer weiß, was er in dem Kahn versteckt hat."

Der Löwe unterstützte sie.

„Dieser Mensch gefällt mir nicht", erklärte er.

Rex-kun hatte einen feinen Riecher, das hatte er schon mehrfach bewiesen. Zum Beispiel, als es vor noch nicht allzu langer Zeit um einen kleinen miesen Gauner gegangen war, der ihn für seine Zwecke ausnutzen wollte. Viel eher als Florian hatte er damals diesen Mitch durchschaut.

Der Junge sagte:

„Na gut, wenn ihr beide wieder mal einer Meinung seid, lässt sich nichts machen. Wir sollten uns das Boot einfach anschaun. Vielleicht entdecken wir ja was."

Sie liefen zu den Weidenbüschen am See hinab und schon bald stellte sich heraus, dass der Boden in der Tat ziemlich sumpfig war. Wenn sie nicht zu dem Kahn gewollt hätten, wären sie umgekehrt. So schüttelte der Löwe nur unwillig die Mähne. Seine Freunde dagegen zogen Schuhe und Strümpfe aus, denn barfuß ging es besser.

Der See streckte sich lang hin und war an den Ufern dicht mit Bäumen bestanden. Schilf und Schlick luden nicht gerade zum Baden ein, ganz abgesehen davon, dass das Wetter jetzt im Oktober bereits sehr unfreundlich war. Man sah auch keine weiteren Boote - Anlieger schien es hier kaum zu geben.

Gegenüber jedoch, gar nicht weit entfernt, lag eine Insel. Sie war gleichfalls dicht mit Bäumen und Sträuchern bewachsen.

„Ob der Mann von da drüben gekommem ist, von der Insel?", fragte Mareike.

„Woher denn sonst?", erwiderte Florian. „Dort wohnt aber niemand. Bloß eine Fischotterfarm war früher mal auf der Insel."

„Was ist das, Fisch...otter...farm?", fragte der Löwe. Seine Erfinder hatten das seltene Wort nicht in sein Sprachprogramm aufgenommen.

„Fischotter sind eine Art Biber", begann Florian, wurde jedoch von Rex-kun sofort wieder unterbrochen:

„Was ist das, Biber?"

Mareike musste lachen.

„So was wie Katzen, die im Wasser leben", erklärte sie. „Biber haben breite Schwänze und scharfe Zähne, mit denen sie sogar Bäume fällen können. Fischotter tun das nicht, sind aber im Wasser sehr gewandt. Sie werden wegen ihres schönen Fells auch in Farmen gezüchtet."

„Wegen ihres Fells?"

Mareike warf Florian einen Blick zu. Da waren sie auf ein ganz schön heikles Thema zu sprechen gekommen.

„Ja", erklärte sie zögernd, „weil man leider Mäntel daraus macht. Ich find's ja gemein und würde nie so einen Mantel kaufen. Florian bestimmt auch nicht."

„Auf keinen Fall", bestätigte der Junge. „Zum Glück ist die Farm da drüben längst aufgelöst."

„Woher weißt du das alles?", erkundigte sich Mareike, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

„Das hat mir mein Vater erzählt", gab Florian zur Antwort. „Wir waren schon mal hier."

„Werden Löwen auch für Mäntel gezüchtet?", fragte Rex misstrauisch dazwischen.

„Wo denkst du hin! Löwen auf keinen Fall", beruhigte ihn Mareike.

„Wollen wir uns jetzt nicht endlich das Boot anschaun?" Florian stieg entschlossen ins Wasser.

Mareike folgte ihm und sank bis zu den Knöcheln ein.

„Ih, ist das ein Schlamm!", rief sie.

„Komm ein Stück weiter, hier ist der Grund fester", erwiderte Florian, der bereits bei dem Boot war.

Während der Löwe sich anscheinend noch Gedanken über die Geschichte mit den Fellmänteln machte, legten die Kinder das Boot frei. Gespannt schauten sie hinein, konnten allerdings nichts Verdächtiges entdecken. Ein alter Angelkahn mit einem Brett zum Sitzen in der Mitte und mit Rudern, die auf dem Boden lagen - das war alles!

„Weshalb versteckt er das Boot so?", murmelte Mareike. „Hier kommt doch sowieso keiner her." Florian zuckte die Achseln: „Das weiß er nur selber."

Sie deckten den Kahn wieder zu und Mareike schlug vor, sich noch die Stelle anzusehen, wo das Auto gestanden hatte. Da niemand einen besseren Vorschlag machte, stapften sie bis zu dem Trampelpfad und folgten ihm dann. Sie gelangten zu einer Lichtung, von der aus ein holpriger Weg in den Wald führte.

„Hier hat er geparkt", stellte Florian fest. „Seht ihr die Reifenspuren?"

Rex-kun sagte:

„Außerdem riecht es nach Benzin."

„Ölflecke sind auch da", ergänzte Mareike, „seine Karre scheint genauso alt zu sein wie der Kahn."

Der Löwe senkte den Kopf. Mit der Schnauze den Boden berührend, schnupperte er und murrte.

„Das in der Mulde hier, auf den Steinen, ist nicht bloß Öl."

„Nicht bloß Öl? Was denn noch?", fragten die beiden Kinder gleichzeitig.

„Der eine Fleck ist eindeutig Blut", erwiderte Rex bedächtig, „Menschenblut."

Allerlei Vermutungen

Ein Blutfleck, das haute die beiden fast um. Am liebsten wären sie sofort zur Insel gerudert, hätten sich dort umgesehen. Der Mann selbst war nicht verwundet gewesen, das wäre ihnen aufgefallen, aber vielleicht hatte er jemanden übergesetzt, der bei einem Raubüberfall verletzt worden war und sich verbergen musste.

„Vielleicht hat er sogar eine Leiche im See versenkt", vermutete Florian.

Doch außer dem einen nicht allzu großen Fleck fand Rex keine verdächtigen Spuren und als sie auf die Uhr sahen, stellten sie fest, dass es schon spät war. Sie hatten einen langen Heimweg und bald würde es dunkel werden.

„Wahrscheinlich hat sich der Mann nur geschnitten", sagte Mareike. „Oder er wollte was am Auto reparieren und hat sich eine Schramme geholt."

Florian schüttelte den Kopf.

„Das glaub ich nicht. Wir fahren auf jeden Fall morgen früh wieder her und schauen nach, ob's was Neues gibt."

Das Mädchen war einverstanden. Sie kehrten zu ihren Rädern zurück und dann ging's im Eiltempo heimwärts. Am Stadtrand schickten sie den Löwen wieder ins Ei. Kurz darauf mussten sie sich trennen. Während Mareike mit ihrer Mutter gleich um die Ecke in einem Haus mit einem großen verwilderten Garten wohnte, fuhr Florian noch ein paar Straßen weiter. Seine Eltern hatten eine Mietwohnung im Erdgeschoss eines vierstöckigen Gebäudes, das näher zum Zentrum lag.

Als Florian zu Hause eintraf, war der Vater schon von der Arbeit gekommen. Die Mutter, die in der Küche das Abendbrot vorbereitete, fragte:

„Wo hast du so lange gesteckt? Wir warten auf dich."

„Ist doch noch nicht spät", erwiderte Florian. „Erst halb sieben."

„Fünf vor sieben", korrigierte die Mutter, „und bereits dunkel. Du weißt, was heutzutage alles passiert."

„Ich war bloß mit Mareike auf dem Spielplatz", schwindelte Florian. „Ich pass schon auf."

Die Eltern machten sich immer Sorgen um ihn, wenn er länger wegblieb, als sie erwartet hatten, dabei war er durch Rex-kun bestens geschützt. Doch von dem Löwen konnte er ihnen keinesfalls etwas erzählen. Die Geschichte mit dem Tamagotchi war zu verrückt. Kein Mensch glaubte, dass dieses Raubtier aus einem Plastik-Ei stammte. Selbst wenn man ihnen den Trick vorführte, rannten sie alle schreiend davon und nahmen an, es sei aus einem Gebüsch gesprungen. Ganz am Anfang hatte die Mutter den Löwen sogar einmal in der Wohnung überrascht. Sie war vor Schreck in Ohnmacht gefallen und als ihr Florian zu erklären versuchte, wie alles zusammenhing, hatte sie ihn gar nicht zu Wort kommen lassen. Um sie nicht noch mehr zu schocken, hatte er Rex ins Ei zurückgeschickt, sie aber hatte ihn ängstlich in allen Zimmern gesucht. Sie hatte sich erst zufrieden gegeben, als Florian behauptete, es sei ein Hund gewesen, ein großer Chow-Chow mit Mähne. Der Köter habe sich über den Balkon in die Wohnung gewagt. Seither achtete die Mama stets darauf, dass die Balkontür geschlossen blieb.

Nein, die Erwachsenen waren nicht von der Echtheit dieser Geschichte zu überzeugen, selbst Mareikes Mutter nicht, die viel mehr Fantasie besaß als andere, weil sie Bildhauerin war. Außerdem stellte Florian immer wieder fest, dass es seinen Vorteil hatte, das Geheimnis für sich zu behalten. Sonst würde man ihm das Tamagotchi bloß wegnehmen.

„Und was habt ihr auf dem Spielplatz gemacht?", wollte die Mutter noch wissen.

„Ach, nichts weiter. Dort ist ein neues Klettergerüst und ein Blockhaus."

„Na gut, dann wasch dir jetzt die Hände, es gibt gleich Abendbrot", sagte die Mutter.

Sie fragte nicht nach Hausaufgaben, weil das Wochenende vor der Tür stand und noch genügend Zeit blieb, daran zu erinnern. Florian hatte auch anderes im Kopf. Er brachte das Plastik-Ei in sein Zimmer, wusch sich die Hände und setzte sich zu Tisch. Nach dem erlebnisreichen Nachmittag hatte er mächtigen Kohldampf. Trotzdem erkundigte er sich, kaum dass er die erste Stulle hinuntergeschlungen hatte, wie nebenbei:

„Gab's heute was Besonderes in der Stadt, einen Banküberfall oder so, mit Verletzten?" Die Frage war vor allem an den Vater gerichtet, der meist die Neuigkeiten aus dem Betrieb mitbrachte und auch das Abendblatt las.

„Einen Banküberfall gab's zum Glück nicht", erwiderte der Vater, erstaunt über das Interesse seines Sohnes. „Bloß zwei Kerle, die einem Taxifahrer die Tageseinnahmen abknöpfen wollten. Aber wieso möchtest du das wissen?"

„Ach, nur so. Wir haben in der Schule über die steigende Kriminalität gesprochen."

„Im Unterricht?", fragte die Mutter. „Na ja, wichtig ist das schon. Was meint der Lehrer denn dazu?"

„Dass man das eben nicht so hinnehmen darf und der Polizei helfen soll", murmelte Florian. „Ist dem Taxifahrer was passiert?"

„Er hat Glück gehabt, konnte aus dem Wagen springen. Die Banditen sind ohne Beute weg", entgegnete der Vater.

Florian verbarg seine Enttäuschung. Mit dem Blutfleck am See hatte das sicherlich nichts zu tun.

Nach dem Abendbrot zog er sich schon bald auf sein Zimmer zurück. Er fütterte zunächst Rex-kun ab, indem er die entsprechenden Funktionen bediente, füllte ihm mehrfach Teller und Becher, denn auch der Löwe war nach den heutigen Abenteuern sehr hungrig. Es war ja äußerst günstig, dass man ihn auf diese Weise ernähren konnte und nicht wirklich große Fleischbrocken heranschaffen musste. Wie hätten Florian und Mareike das bewältigen sollen?

„Schlaf gut, Rex", murmelte Florian und machte ihm das Licht aus. Zu diesem Zweck musste er die Minitaste drücken, die für Hell/Dunkel zuständig war.