Der Flottenoffizier - Frederick Marryat - ebook

Der Flottenoffizier ebook

Frederick Marryat

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Opis

Frank Mildmay ist ein verschlagener aber cleverer Seemann, der sich rasend schnell durch die Dienstgrade der Royal Navy des frühen 19. Jahrhunderts kämpft - koste es was es wolle ...

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Der Flottenoffizier

Frederick Marryat

Inhalt:

Frederick Marryat – Biografie und Bibliografie

Der Flottenoffizier

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Der Flottenoffizier, Frederick Marryat

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631314

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frederick Marryat – Biografie und Bibliografie

Engl. Romanschriftsteller, geb. 10. Juli 1792 in London, gest. 2. Aug. 1848 zu Langham in der Grafschaft Norfolk, trat 1806 in den Seedienst, focht mit Auszeichnung unter Lord Cochrane, diente darauf in dem amerikanischen Krieg (1812–14), wurde 1815 Kommandeur von St. Helena, ging 1823 als Befehlshaber der Korvette Larne nach Ostindien und erwarb sich in der Expedition gegen Rangun die Ernennung zum Flottenkapitän und Ritter des Bathordens (1825). Seit 1830 lebte er zurückgezogen meist in England, schriftstellerisch beschäftigt. Schon vorher hatte er sich belletristisch versucht mit der Erzählung »The naval officer« (Lond. 1829, 3 Bde.). In rascher Aufeinanderfolge schrieb er jetzt eine Reihe von Seeromanen: »The kings own« (1830), »Newton Forster« (1832), »Peter Simple« (1834) u. a.; sie sind sämtlich ins Deutsche übersetzt worden und zeichnen sich durch treue Auffassung des Lebens und leichte, gewandte Darstellung aus; das humoristische Element in ihnen erinnert vielfach an Smollet. Er verfasste außerdem für die Handelsmarine einen »Code of signals« (Lond. 1840), veröffentlichte eine Beschreibung seiner Reise durch Amerika: »Diary in America« (1839, 3 Bde.), und schrieb eine Reihe Kinderbücher. Vgl. außer der kürzern Biographie von Hannay (Lond. 1889): »Life and letters of Captain M.« (1872, 2 Bde.), herausgegeben von seiner Tochter Florence, geb. 9. Juli 1837 in Brighton, gest. 27. Okt. 1899 als Mrs. Francis Lean, die sich als Schauspielerin und Novellistin einen Namen gemacht hat. Sie trat zuerst hervor mit »Love's conflict« (1865, 3 Bde.) und ließ seitdem eine große Reihe andrer Romane erscheinen. Seit 1872 war sie an der Redaktion der »London Society« beteiligt.

Der Flottenoffizier

Erstes Kapitel.

Das sind die Irrthümer und die Früchte der Vergeudung unserer ersten Jugend auf den Schulen und Universitäten, daß wir entweder blos Worte lernen oder hauptsächlich solche Dinge, welche besser ungelernt blieben.

Milton.

Mein Vater war ein Mann von Stand und beträchtlichem Vermögen. In meinen Kinder- und Knabenjahren war ich schwach und kränklich; demungeachtet aber begünstigten mich meine Eltern vor allen meinen Brüdern und Schwestern, weil sie sahen, daß mein Geist sich bei weitem über meinen kränklichen Körper erhob, und weil sie fürchteten, ich möchte nicht bis zum Mannesalter ausdauern. Ihren Voraussichten zum Trotz überwand ich jedoch alle diese ungünstigen Anzeichen, erregte Aufmerksamkeit durch meine Lebhaftigkeit, durch Schlagfertigkeit mit witzigen Antworten und durch Unverschämtheit – Eigenschaften, die mir mein ganzes Leben lang gut zu statten gekommen sind.

Ich kann mich noch erinnern, daß ich ebenso memmenhaft als prahlerisch war; doch habe ich oft bemerkt, daß die Eigenschaft, welche wir im Kinde mit dem Namen Feigheit belegen, weiter nichts als ein lebhafter Sinn für die Gefahr, und somit ein hervorstechender Verstand ist. Von Natur find wir alle Memmen: Erziehung und Beobachtung lehrt uns den Unterschied zwischen wirklicher und scheinbarer Gefahr; Stolz lehrt uns die Furcht verhehlen, und Gewohnheit macht uns gleichgültig gegen Alles, aus dem wir uns schon oft ungestraft herausgewunden haben. Man sagt von Friedrich dem Großen, daß auch er sich in der ersten Zeit, wenn's in die Schlacht ging, nicht als Held gezeigt habe; und so viel bleibt wahr, daß ein Neuling in einer ähnlichen Situation eben so wenig über alle seine Kräfte verfügen kann, als ein kaum in die Lehre gegebener Schusterjunge fähig ist, ein paar Schuhe zu machen. Alles muß gelernt sein, gleichviel ob es gelte, als Held vor dem Feinde zu stehen oder einen Schuh zu flicken: Uebung allein kann uns zu einem Hoby oder einem Wellington machen.

Ich komme auf meine Schulzeit, die in mir bei weitem die dauerndsten Eindrücke zurückließ. Der Grund zu meiner sittlichen und religiösen Erziehung wurde zwar von meinen vortrefflichen Eltern mit Sorgfalt gelegt, aber ach! von der Zeit an, als ich das Vaterhaus verließ, kam auch nicht ein Stein mehr zu dem Gebäude, und selbst die ersten Spuren der Anlage wurden durch eine Fluth von Lastern, die mich alsbald zu verschlingen drohte, fast vernichtet. Allerdings bemühte ich mich manchmal schwach, doch ohne Erfolg, dem Strome entgegenzuarbeiten; zu andern Malen ließ ich mich aber von all' seinen unglücksschwangeren, reißenden Fluthen mitnehmen. Ich war offen, freigebig, lebhaft und muthwillig; doch muß ich hinzufügen, daß eine gute Portion von dem, was die Schiffer "Satan" nennen, sich augenscheinlich zeigte, während eine weit größere Portion davon in meinem Hirn und Herzen verborgen schlummerte. Meine herrschende Leidenschaft, schon in diesem frühen Lebensalter, war Stolz. Selbst Lucifer, wenn er je sieben Jahre alt war, besaß nicht mehr, und wenn mein Name im Dienste einen guten Klang gewann, wenn ich es dahin brachte, zu kommandiren, statt zu gehorchen, so muß ich es dieser meiner herrschenden Leidenschaft zuschreiben. Die Welt hat mir oft bessere Gefühle, als die Quellen meiner Handlungen zugetraut, doch ich schreibe nicht, um zu heucheln, sondern um die Wahrheit an's Licht zu fördern.

Ich wurde in die Schule geschickt, um Lateinisch und Griechisch zu lernen, was auf gar verschiedene Arten gelehrt wird. Einige Lehrer versuchen das suaviter in modo; mein Schulmeister zog das fortiter in re vor und keilte – um ein Bild vom Seeleben zu entnehmen – durch die Aufmunterung eines großen Knotenstockes Kenntnisse in unsere Köpfe, wie der Kalfaterer das Werg in die Ritzen eines Schiffes. Bei einer solchen Methode machten wir erstaunliche Fortschritte; und was auch sonst immer meine minder wünschenswerthen Talente gewesen sein mögen, so hatte doch mein Vater keinen Grund, über die Mangelhaftigkeit meiner klassischen Bildung zu klagen. Fähiger, als die meisten meiner Mitschüler, nahm ich mir selten die Mühe, mein Pensum früher, als bis es zur Klasse ging, zu lernen. Freilich siel auch "des Herrn Segen", wie wir es nennen, gelegentlich auf mein geweihtes Haupt, doch war mir das eine Kleinigkeit, denn ich besaß zu viel Stolz, um nicht mit meinen Mitschülern gleichen Schritt zu halten, und zu faul, um mehr zu thun.

Wäre mein Schulmeister ein unverheiratheter Mann gewesen, so hätte ein längeres Bleiben unter seiner Aufsicht zu meinem Vortheil ausschlagen können; doch zum Unglück sowohl für mich, als ihn selbst, hatte er eine Lebensgefährtin, deren durchaus unglückliche Gemüthsbeschaffenheit zur Verderbniß der Sitten beitrug, über welche mit der gewissenhaftesten Sorge zu wachen ihre Pflicht gewesen wäre. Ihre herrschenden Leidenschaften waren Argwohn und Geiz, die sich in ihren stechenden Augen, wie in ihrer scharfgespitzten Nase auf's Deutlichste ausprägten. Nie hielt sie uns für fähig, die Wahrheit zu sprechen; natürlich gaben wir uns deßhalb auch keine Mühe, eine nutzlose Tugend auszubilden, und hielten uns nur an dieselbe, wenn sie uns zweckdienlicher erschien, als die Lüge. Diese Eigenschaften der Frau Higginbottom verkehrte unsere Offenheit und Ehrlichkeit in Betrug und Verstellung. Da man uns nichts glaubte, lag uns auch wenig an der Genauigkeit unserer Aussagen, und da die geizige Bestie uns halb verhungern ließ, so waren wir nicht gar zu ängstlich in der Wahl von Mitteln und Wegen, unsern Appetit zu stillen; wir wurden deßhalb unter ihrer Leitung eben so große Meister in der eleganten Kunst, zu lügen und zu stehlen, als unter der ihres Gemahls im Lateinischen und Griechischen.

Ein großer Obstgarten, Felder, Gärten und ein Hühnerhof, welche zum Hause gehörten, standen unter ihrer Oberaufsicht, und sie erwählte einen von uns Jungen zu ihrem ersten Minister und vertrauten Rathgeber. Dieser Junge, für dessen Erziehung seine Eltern sechzig bis achtzig Pfund jährlich zahlten, durfte seine Zeit damit hinbringen, nach dem abgefallenen Obste zu sehen, die Hühner zu überwachen und ihre Eier einzusammeln, wenn ihre gackernden Kehlen die glückliche Zutageförderung derselben verkündeten; er durfte die Brut der jungen Hühner und Enten, et hoc genus omne, beaufsichtigen – kurz, die Pflicht desjenigen thun, den man auf einem Pachthofe in der Regel den guten Michel nennt. In wie weit die Eltern mit dieser Einrichtung zufrieden gewesen waren, überlasse ich dem Urtheile meiner Leser; aber uns, die wir lieber mit den Händen, als mit dem Kopfe arbeiteten, uns lieber herumtummelten, als still da saßen, kurz, jedes Feld lieber bearbeiteten, als das unseres Geistes, behagte dieses Leben ungemein, und gewiß war nicht leicht ein Staatsamt Gegenstand so vieler Bemühungen und Intriguen, als für uns Schuljungen die Stellung des Sammlers und Oberaufsehers über Eier und Aepfel.

Ich hatte das Glück, bald für diesen wichtigen Posten erwählt zu werden, und das Unglück, es bald darauf durch die Umtriebe und den Neid meiner Mitschüler, wie durch den Argwohn derer, die mich angestellt hatten, wieder zu verlieren. Als ich das Amt übernahm, hatte ich mir auf's Aufrichtigste vorgenommen, ehrlich und wachsam zu sein; aber was sind gute Entschlüsse, wenn sie auf der einen Seite durch argwöhnische Herabsetzungen entmuthigt und auf der andern von hungriger Lüsternheit bestürmt werden?

Die Morgeneinsammlung wurde mir bis auf die letzte Nuß abgepreßt, und die gierigen Augen der Frau Lehrerin schienen immer noch nach mehr zu forschen. So unschuldig beargwohnt, wurde ich aus Rache schuldig, endlich aber ertappt und meines Amtes entsetzt. Mein Nachfolger ward ernannt; ich übergab ihm alle mir übertragenen Funktionen, und da ich vollkommene Muße hatte, so machte ich es mir zum einzigen Geschäfte, ihn auszustechen.

Ich beschäftigte mich damals mit einem mathematischen Lehrsatze, der, obgleich er nicht im Euclid stand, die Wahrheit aussprach: wo du deinen Kopf hineinbringen kannst, folgt auch der ganze Körper nach. Um mir diesen Satz praktisch zu veranschaulichen, steckte ich meinen Kopf durch das runde Loch der Hühnerhausthüre, und indem ich einigen Unrath bei Seite scharrte, ward es mir möglich, hineinzukommen und schnell alle Eier in meinen Koffer zu spediren. Kam der neue Aufseher, so fand er einen Bettel, und auch seine Wanderungen im Obstgarten waren aus demselben Grunde ebenso fruchtlos. Den Raub im Obstgarten betrachtete ich als mein rechtmäßiges Eigenthum, doch wenn ich eine hinreichende Anzahl von Eiern gesammelt hatte, um ein Nest damit ausstatten zu können, so benachrichtigte ich die Frau Lehrerin von der angeblichen Entdeckung. Jetzt glaubte sie, keine gute Abänderung getroffen zu haben: mein Nachfolger wurde entlassen und ich wieder zu Gnaden angenommen. Es ging mir, wie manchem größeren Manne: ich wurde sogleich wieder in mein Amt eingesetzt, als man sah, daß man ohne mich nicht existiren konnte. So ward ich denn noch einmal und mit größerer Macht, als ich sie vor der Ungnade besessen, Lordkanzler des Hühnerhauses und oberster Direktor des Obstgartens. Hätte die Frau Schulmeisterin nur halb so scharf in mein Gesicht, als in meinen Hut voll Eier gesehen, so würde sie darin meine Schuld gelesen haben, denn in jenem ungeheuchelten Alter konnte ich erröthen, eine Gewohnheit, welcher ich seitdem im Verlauf meiner Berufsgeschäfte längst den Laufpaß gegeben habe.

Um mir meinen Kredit und meine Stellung zu bewahren, begnügte ich mich nicht länger mit dem abgefallenen Obste: ich unterstützte die Natur in ihren Arbeiten, indem ich manchem Obstbaum ein Bedeutendes von seiner wuchtenden Last abnahm und auf diese Weise nicht nur den Geiz der Frau Lehrerin auf ihre eigenen Kosten befriedigte, sondern auch für meinen eigenen Gebrauch einen Vorrath anlegte. Bei meiner Wiedereinsetzung in's Amt hatte ich einen hinreichenden Fonds in meiner Schatzkammer, um alle laufenden Bedürfnisse zu befriedigen, und durch eine vorsichtige und fleißige Vorausnahme war ich in den Stand gesetzt, sowohl den Argwohn meiner Mandaten einzuschläfern, als auch jeder Opposition Trotz zu bieten. Man wird wohl voraussehen, daß einem Burschen von meinem Scharfsinn kein technischer Handgriff zu betrügerischen Zwecken verborgen blieb. Ich beschmutzte die Stiele derjenigen Früchte, welche ich ablieferte, mit Erde, daß man glauben mußte, sie seien von selber heruntergefallen. So ward ich in wenigen Monaten durch die verkehrte Behandlung von Seiten derer, denen ich zur Befestigung in der Religion und Tugend übergeben war, ein ausgemachter Spitzbube.

Zum Glück für meine weitere Erziehung behielt ich dieses ehrenvolle und einträgliche Amt nicht zu lange. Eines von jenen unglücklichen Wesen, welche man Unterlehrer nennt, guckte in meinen Koffer und denuncirte mich alsbald bei den höhern Behörden, um sich bei der Frau Lehrerin sowohl als bei den Schülern beliebt zu machen. Die Beweise meines Unterschleifes waren zu augenfällig, und der Betrug zu bedeutend, als daß man die Sache mit Stillschweigen übergehen konnte; ich wurde im Verlauf einer halben Stunde verhört, überführt, für schuldig erklärt, verurtheilt, gepeitscht und meines Amtes entsetzt. Meine Schmach wurde sogar noch dahin erhöht, daß man mich für unwürdig erklärte, jemals bei irgend einem Geschäfte, sei es nun im Garten oder im Pachthofe, einen Dienst zu verrichten. Auf der Liste bekam ich den letzten Platz, und man hieß mich den schlechtesten Jungen in der Schule.

Von manchem Gesichtspunkte aus betrachtet, war dieß nur zu richtig; doch gab es noch einen anderen Jungen, der sich wohl anließ, auf dem Felde der Spitzbüberei mein Rival zu sein; er hieß Tom Crauford und wurde von Stund an mein Busenfreund. Tom war ein geistreicher, für Alles fähiger Knabe; er liebte, obgleich nicht bösartig, den Unfug und zeigte sich stets bereit, bei allen Gelegenheiten mit mir durch Dick und Dünn zu gehen; auch muß ich zur Steuer der Wahrheit gestehen, daß ich Beschäftigung genug für ihn fand. Ich warf die Verstellung von mir und verlachte jetzt jede Ermahnung zur Besserung, die ich nicht nur für unnütz erklärte, sondern sogar für das sicherste Mittel hielt, mir den Spott und die Verachtung meiner Kameraden zuzuziehen, indem ich mich fortan zu dem Motto irgend eines großen Mannes bekannte: "Lieber sein, als scheinen." Ich leitete jedes gefahrvolle Unternehmen, erklärte allen Gimpeln und halben Maßregeln den Krieg und stahl alles Eßbare aus Obstgarten und Hühnerhaus, denn ich wußte zum Voraus, daß der Verdacht jedenfalls auf mich fiel, ich mochte es gethan haben oder nicht. Von jetzt an wurde jede verschwundene Frucht, jeder auf Tauben abgeschossene Pfeil, jeder in ein Fenster geworfene Stein, jede Bespritzung der zum Trocknen aufgehangenen Wäsche Tom und mir auf Rechnung geschrieben; und bei der gewohnten Raschheit der willkürlichen Polizei war der Zeitraum zwischen Verdächtigung und Züchtigung sehr kurz – wir wurden stets vor den Schullehrer gebracht und regelmäßig mit "seinem Segen" entlassen, bis wir denn endlich gegen Schläge und Schande gänzlich abgehärtet waren.

So wurden durch die Habgier dieses Weibes, welche wie ein Alp auf uns lastete, und durch die Dummheit des Lehrers, der in Allem, das Griechische und Lateinische ausgenommen, ein Esel war, meine guten Grundsätze beinahe mit der Wurzel ausgerottet und an ihre Stelle Samen ausgestreut, der sehr bald eine reiche Ernte trug. Vor Kurzem war ein junger Mensch aus Ostindien in unsere Schule eingeführt worden, dem wir den Spitznamen Johnny Pagoda gaben. Dieser Bursche, der ungefähr neunzehn Jahre zählte, war durch nichts ausgezeichnet, als durch Unwissenheit, Unverschämtheit, große persönliche Stärke und, wie wir wenigstens glaubten, durch Entschlossenheit. Eines Tages brachte er den Schulmeister durch den Mangel seines Begriffsvermögens und durch seine Unaufmerksamkeit gegen sich auf, und der Knotenstock fiel auf sein Haupt. Diese Ermunterung, obgleich an den am wenigsten empfindlichen Theil seines Selbstes erlassen, weckte den schläfrigen Asiaten aus seinem gewöhnlichen Phlegma. Im Nu war die Waffe dem verblüfften Pädagogen aus der Hand gerissen und schwebte über seinem Haupte, so daß er, als er das Blatt so plötzlich gewendet sah, um Hülfe rief. Ich klatschte in die Hände und schrie aus Leibeskräften: "Bravo! schlag zu, Johnny – es gilt – du hast einmal angefangen – 's ist eins, ob du für ein Schaf oder für ein Lamm gehangen wirst!" aber die Unterlehrer rannten von allen Seiten herbei, die Schüler hielten sich im Hintergrunde, und Pagoda, der nicht wußte, auf welche Seite die Neutralen sich schlagen würden, streckte das Gewehr, auf Gnade und Ungnade sich ergebend.

Hätte der Ostindier seiner Widersetzlichkeit auch eine Züchtigung des Oberhauptes der Schule folgen lassen, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß ein allgemeiner Aufruhr, dem des Masaniello vergleichbar, daraus entstanden wäre; doch die Zeit war nicht gekommen. Der Indier entfaltete die weiße Fahne, ward ausgelacht, gepeitscht und seinen Eltern zurückgeschickt, die ihn zu einem Rechtsgelehrten bestimmt hatten; doch da sie voraussahen, daß sie, nach diesen Ereignissen zu schließen, den Bock zum Gärtner setzen würden, wenn sie auf ihrem Entschlusse beharrten, so schickten sie ihn auf die See, wo seine Bravour, falls er welche besaß, vorteilhaftere Beschäftigungen finden konnte.

Dieser erfolglose Versuch des jungen Orientalien war der ursprüngliche Grund zu meinem späteren Namen und Ruhme. Stets hatte ich die Schulen gehaßt, doch diese schien mir vor allen andern hassenswürdig. Johnny Pagoda's Emancipation überzeugte mich, daß auch meine Befreiung sich in ähnlicher Art bewerkstelligen ließe. Die Mine war gelegt, ein Funke ließ sie sprengen. Diesen Funken trugen die Thorheit und Eitelkeit eines fetten französischen Tanzmeisters herzu. Die Franzosen sind doch stets die Quelle alles Uebels. Die Frau des Schulmeisters, Mrs. Higginbottom, hatte mich Monsieur Aristide Maugrebleu als ein mauvais sujet bezeichnet, und er, eine Creatur dieser Dame, quälte mich deßhalb, um bei ihr einen Stein im Brette zu gewinnen. Dieser Mensch war ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und hatte mehr Erfahrung als Behendigkeit, denn das Roastbeef und Ale von England hatte ihm etwas Massenhaftes gegeben. Neben den Rigadons seines Vaterlandes, die er uns lehrte, verleitete ihn seine Eitelkeit auch zu Uebungen, die sich mit seiner Schwerfälligkeit nicht vertrugen. Ich trat mit ihm in die Schranken, und schlug ihn in seinem eigenen Handwerk, wofür er seinen Fidelbogen an meinem Kopfe zerschlug. Darauf schickte er sich zu einem glorreicheren Versuch an; er wollte zeigen, daß er sich nicht besiegen lasse, fiel aber leider, da ihm die Achillessehne überschnappte, zu Boden und war von Stund' an als Tanzmeisters hors de combat. Man fuhr ihn in seinem Gig fort, um ihn curiren zu lassen, mit mir aber fuhr man in die Schulstube, um mich zu peitschen.

Dieß kam mir so ungerecht vor, daß ich davonlief. Tom Crauford half mir die Mauer hinaufklettern, und als er glaubte, ich wäre weit genug gekommen, um vor Verfolgung sicher zu sein, zeigte er meine Flucht an, um jeden Verdacht der Mithülfe von sich abzuwenden. Als ich eine Meile gelaufen war, legte ich, um einen Seemannsausdruck zu gebrauchen, bei und begann in meinem Geist eine Rede auszuarbeiten, die ich zur Vertheidigung meines plötzlichen und unerwarteten Erscheinens vor meinem Vater zu halten gedachte, wurde aber auf einmal von dem verwünschten Unterlehrer und einem halben Dutzend der älteren Jungen, worunter Tom Crauford, in meinem Geschäfte gestört. Sie kamen, als ich auf einem Stegholze saß, hinter mir her, machten durch einen Schlag auf die Schulter meinen Meditationen ein schnelles Ende, packten mich beim Kragen und zogen mit mir im Eilmarsche davon. Tom Crauford war einer von denen, die mich hielten, und er übertraf sich selbst im Eifer seiner Vorwürfe über meine abscheuliche Undankbarkeit, dem besten aller Schulherren und der liebevollsten, zärtlichsten und mütterlichsten aller Schuldamen also zu entlaufen.

Der Unterlehrer verschluckte dieß Alles, und ich gab ihm bald noch mehr zu schlucken. Unser Weg ging an einer Pferdeschwemme vorbei, deren Tiefen und Untiefen mir wohl bekannt waren. Ich blickte Tom aus dem Winkel meines Auges an und veranlaßte ihn, mich loszulassen; dann schoß ich, wie eine Makrele aus eines Fischers Hand, in's Wasser, ging bis zum halben Leibe hinein und machte sofort mit vieler Kälte, denn es war November, Front, um meine Escorte zu betrachten, die am Ufer stand und Maulaffen feil hielt. Gleich einem niederträchtigen Köter, wenn er nicht länger bellen kann, legte sich der Unterlehrer auf's Schmeicheln; er bat, er beschwor mich, "an Papa und Mama zu denken; wie unglücklich sie wären, wenn sie mich jetzt sehen könnten, und wie sehr ich durch die Ungeberdigkeit meine Strafe selbst schärfe." Ueberredung und Drohungen wechselten beständig mit einander ab; kurz, er versprach Alles, nur nicht eine Amnestie, auf welche ich das größte Recht zu haben glaubte, weil man mich durch die grausamste Verfolgung zum Aufruhr getrieben hatte.

Da seine Reden nichts fruchteten und keine Freiwilligen sich zeigten, um mich aus dem Wasser zu holen, so sah sich der arme Unterlehrer ganz gegen seine Neigung gezwungen, das Wagniß selbst zu unternehmen. Er zog Schuhe und Strümpfe aus, krampte seine Hosen auf und wagte es, erst den einen und hernach den andern Fuß in's Wasser zu setzen. Ein kalter Schauer ergriff ihn, und seine Zähne klapperten; endlich aber nahte er sich mir mit vorsichtigen Tritten. Da ich einmal im Wasser war, so kam es mir auf einen oder zwei Schritte weiter nicht an, zumalen ich wußte, daß ich jedenfalls tüchtige Prügel bekommen würde. Unter allen Umständen war dieß eine ausgemachte Sache, und so beschloß ich denn, in der Rache meine Freude zu suchen. Ich trat zurück, er folgte mir, und als er einen Schritt gegen mich that, fiel er plötzlich bis über die Ohren in ein Loch. Mir ging bereits das Wasser über den Kopf, aber ich konnte schwimmen trotz einer Ente; sobald er daher wieder heraufkam, kniete ich ihm auf die Schultern, legte die Hände auf seinen Kopf, und schickte ihn hurtig zum zweiten Mal hinunter. Ich hielt ihn so lange unten, bis er mehr Wasser geschluckt hatte, als jemals ein Pferd, das zur Tränke geführt wurde. Dann erlaubte ich ihm, so gut es gehen wollte, an's Land zu kriechen; und da es sehr kalt war, gab ich den Bitten Tom's und der andern Knaben nach, die da standen und sich vor Lachen über des armen Unterlehrers hülfloses Elend die Seiten hielten.

Nachdem ich meine Freude gehabt hatte, kam ich heraus und übergab mich freiwillig meinen Feinden, die mir die gleiche Gnade gewährten, wie der Türke dem Russen. Triefend naß, frierend und mit Schlamm bedeckt, wurde ich zuerst den Schülern als Inbegriff alles Bösen in der Natur gezeigt; dann kam eine Vorlesung über die Unermeßlichkeit meines Verbrechens an die Reihe, und feierliche Prophezeihungen meines zukünftigen Schicksals beschlossen die Rede. Von dem schüttelnden Froste, den das kalte Bad herbeigeführt hatte, wurde ich durch eine so tüchtige Geißelung, als sie nur möglich war, befreit. Zwei Unterlehrer hielten mich, doch ihre Anstrengungen waren nicht im Stande, mir auch nur einen einzigen Seufzer zu erpressen. Meine Zähne bissen sich in dem festen Vorsatz der Rache zusammen; grimmige Wuth brannte in meinem Busen und setzte mein Gehirn in Flammen. So furchtbar streng aber auch diese Züchtigung war, so hatte sie doch eine gute Folge – sie stellte meine beinahe erstorbene Lebensthätigkeit wieder her, und auf's Ernstlichste rathe ich, allen den jungen Damen und Herren dieses Mittel angedeihen zu lassen, die sich aus verschmähter Liebe oder wegen anderer derartigen Lappalien in's Wasser stürzen. Hätte man den unglücklichen Unterlehrer nach dieser Vorschrift behandelt, er wäre dem kalten und rheumatischen Fieber entgangen, das ihn beinahe auf den Kirchhof brachte, von wo er aller Wahrscheinlichkeit nach zur Sektion im St. Bartholomäus-Hospital erstanden wäre.

Um diese Zeit kam Johnny Pagoda, der zwei Jahre auf der See gewesen war, in das Schulhaus, um seinen Bruder und seine Kameraden zu besuchen. Ich pumpte an diesem Burschen, und er mußte mir Alles erzählen, was er wußte. Er versuchte mich weder zu täuschen, noch zu bekehren, denn er hatte genug vom Leben des Seekadetten gesehen, um nicht zu wissen, daß der Krankenverschlag kein Paradies ist; indeß gab er mir doch auf meine Fragen bestimmte und deutliche Antworten, aus denen ich entnahm, daß auf dem Schiffe kein Schulmeister sei, und daß man dem Seekadetten täglich eine Pinte Wein verabfolge. Das Kriegsschiff und der Galgen, sagt man, verschmähen nichts; und da ich nach den neuesten Ereignissen eine starke Ahnung hatte, ich werde, wenn ich mich nicht freiwillig für das Eine erklärte, aller Wahrscheinlichkeit nach für den Andern gepreßt werden, so wählte ich das kleinere von zwei Uebeln. Sobald ich mit mir selbst im Reinen und entschlossen war, in diesen glorreichen Stand zu treten, theilte ich auch ehestens meinen Eltern diese Absicht mit.

Von dem Augenblicke an, als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, machte ich mir nichts daraus, jede Unthat zu begehen, in der Hoffnung, aus der Schule geworfen zu werden. Ich schrieb Pasquille, stiftete eine Meuterei an, und schloß mit den andern Knaben einen Bund, jeden nur erdenklichen Unfug durch Wasser, Feuer und Zertrümmerung zu begehen. Tom Crauford war Kindsmagd eines zweijährigen Sprößlings des Schulmeisters; er ließ ihn, jedoch nicht absichtlich, fallen, aber der arme Balg wurde Zeitlebens ein Krüppel. Unter andern Umständen hätten wir diesen Unfall bedauert, hier hatten wir beinahe unsere Freude daran.

Die grausame Behandlung von Seiten dieser Leute hatte mich dermaßen demoralisirt, daß Leidenschaften, welche bei einer geschickteren und gütigeren Leitung mir entweder unbekannt geblieben wären oder blos im Keime geschlummert hätten, zu unbeschränkter und boshafter Thätigkeit geweckt wurden; ich war als ein gutherziger Knabe in die Schule gekommen und verließ sie als ein Kannibale. Der Unfall mit dem Kinde ereignete sich zwei Tage vor den Ferien, und wir wurden deshalb sammt und sonders schon am folgenden Tage entlassen. Als ich nach Hause kam, erklärte ich meinen Eltern, wie dies schon früher brieflich geschehen war, jetzt auch mündlich, daß ich entschlossen sei, zur See zu gehen. Meine Mutter weinte, mein Vater zankte. Fühllos und mit kalter Gleichgültigkeit hörte ich sowohl auf die Bitten des einen, als auf Gründe und Beweisführung des andern Theiles. Man ließ mir die Wahl zwischen andern Schulen, wo ich als Hospes eintreten und dann die Universität beziehen könnte, wenn ich nur meine unglückselige Verblendung aufgebe – aber umsonst; der Würfel war geworfen und der Wurf hatte für die See entschieden.

Welcher Narr war es doch, der die Schulzeit die glücklichste des Lebens nannte? Es mag wohl Ausnahmen geben, aber allgemein anwendbar ist dieser Ausspruch nicht, denn so stürmisch auch mein Leben war, den elendesten Theil desselben (mit sehr wenigen Ausnahmen) durchlief ich in der Schule, und nie wurde mein Gefühl durch irgend eine Scene des Lasters und Unfugs aus meinem späteren Leben so tief gekränkt, als durch jene schamlose Behandlung, wie durch das böse Beispiel, das mir dort gegeben wurde. Wenn mein Busen in teuflischen Leidenschaften entbrannte, wer war Schuld daran? Wie hatte der Schullehrer sein feierlich gegebenes Versprechen gehalten? Wurde ich nicht zuerst dem schmutzigsten Geize geopfert und später aus Rache fast lebendig geschunden? Ueber die unfläthige Art und Weise, wie unsere Speisen bereitet wurden, kann ich nur sagen, daß schon die Erinnerung daran mir Ekel erregt; bis auf diese Stunde sind mir Brod und Milch, Schmalzpudding und Hammelschultern Gegenstände eingefleischten Widerwillens. Das Betragen der Unterlehrer, die entweder tyrannische Blutigel oder die Mitschuldigen unserer Verbrechen waren – der durch Unredlichkeit und Fahrlässigkeit der Dienstboten herbeigeführte beständige Abgang an unsern Kleidungsstücken – die Entwendung unserer silbernen Löffel, Bett- und Handtücher, die man bei unserem Abgange unter dem Vorwande der Herkömmlichkeit zurückbehielt – die Anrechnungen für Fensterscheiben, die ich nie zerbrochen, für Bücher, die ich nie empfangen – der schamlose Unterschied zwischen den von dem Schulmeister anfänglich bestimmten Kosten und der später in Rechnung gebrachten Summe – Alles dies hätte meinem Vater denn doch die Augen öffnen sollen.

Ich weiß es wohl, wie ausgezeichnet manche dieser Anstalten sind, und daß es wenige so schlechte gibt, als die, in welche ich geschickt wurde. Meine Lebensgeschichte wird indeß einen Beweis liefern, von welch' wesentlicher Wichtigkeit es ist, den Charakter des Schulherrn und dessen Frau auch in andern Beziehungen zu prüfen, als im Griechischen und Lateinischen, ehe man ein Kind ihrer Fürsorge anvertraut. Ich muß noch bemerken, daß ich während meines Aufenthalts in dieser Schule einige Fortschritte in der Mathematik und Algebra machte.

Nachdem mein Vater mir einen Platz auf einer schönen Fregatte, die vor Plymouth lag, verschafft hatte, wurde von meinen Eltern die Zeit bis zu meiner Einschiffung dazu benützt, mir gute Lehren zu geben und verschiedenen Kaufleuten Aufträge in Beziehung auf meine Equipirung zu ertheilen: der große Koffer, der Säbel, der aufgekrempte Hut, die Halbstiefel wurden eins um's andere bestellt, und ich erwartete die Ankunft irgend eines dieser, sei es nun zum Gebrauch oder Zierrath bestimmten, Artikel, mit einer Ungeduld, die nur mit der einer Schiffsmannschaft verglichen werden kann, die nach dreijähriger Station in Indien auf der Höhe von Dennose angelangt ist und noch vor Sonnenuntergang bei Spithead zu ankern hofft. Meinen Vater beunruhigte mein Entschluß, zur See zu gehen, nur insofern, als derselbe durch den namenlosen Kummer meiner armen Mutter seine häusliche Behaglichkeit beeinträchtigte, da ihn die Wahl meines Standes in keiner andern Beziehung betrübte. Ich hatte einen älteren Bruder, der die Familiengüter dereinst übernehmen sollte. Er befand sich damals in Oxford, wo er eine standesgemäße Erziehung genoß und sein Geld wie ein Gentleman ausgeben lernte. Jüngere Brüder hat man in solchen Fällen gern weit weg, besonders einen von meinem aufbrausenden Temperamente, und ein Kriegsschiff hat dann nicht minder seine guten Seiten, wie ein gewisses anderes Stück Zimmerholz. Mit philosophischem Gleichmuthe bezahlte mein Vater alle Rechnungen und setzte mir einen für mein Alter ansehnlichen Jahresgehalt aus.

Die Stunde der Abreise rückte immer näher heran; mein Koffer war mit dem Plymouther Wagen abgeschickt und die Miethkutsche, die mich nach dem Weißen-Pferd-Keller bringen sollte, fuhr vor. Das Aufschlagen des rasselnden Wagentrittes überwältigte vollends den geringen Rest von Festigkeit, den meine Frau Mama bis zum Abschiede aufbewahrt hatte, und mit einem Schmerze, der an Wahnsinn gränzte, schlang sie ihre Arme um meinen Hals. Ich betrachtete die Ausbrüche ihrer Rührung mit einem Gesichte, so regungslos wie das Kopfbild eines Schiffes; sie aber bedeckte mein stoisches Antlitz mit Küssen und wusch es mit ihren Thränen. Ich wunderte mich beinahe, was dies Alles bedeuten sollte, und wünschte nur, die Scene wäre vorüber.

Mein Vater half mir aus dieser Verlegenheit, indem er mich beim Arme faßte und zur Stube hinausführte: meine Mutter sank auf das Sopha und hüllte ihr Gesicht in ihr Taschentuch; ich aber schritt so langsam, als es die Schicklichkeit nur erlaubte, auf die Kutsche zu. Mein Vater sah mich an, als wollte er meine innerste Seele prüfen, ob ich wirklich menschliche Gefühle im Busen habe. Obgleich noch jung, verstand ich diesen Blick, und mein Gefühl für Schicklichkeit ging so weit, daß ich in jedes Auge eine Thräne preßte, was, wie ich hoffte, dem beabsichtigten Zwecke entsprach. Der Seemann sagt: "Wenn du nicht wirklichen Anstand besitzest, so heuchle ein Wenig;" und ich glaube wahrhaftig, ich hätte mit weniger Kummer meine arme Mutter im Sarge erblickt, als den lustigen, reizenden Scenen entsagt, in deren Vorgenuß ich schwelgte.

Wie oft ist mir dieser Mangel an Gefühl gegen eine zärtliche Mutter vor die Seele getreten, und wie streng ist er in den bewegten Wechselfällen meines Lebens gestraft worden.

Zweites Kapitel.

Unrecht kann man sühnen und verzeihen, Beschimpfungen aber lassen sich nicht wieder gut machen. Sie erniedrigen den Menschen in seinen eigenen Augen und zwingen ihn, sich durch Rache wieder Selbstachtung zu erwerben.

Junius.

Es gibt gewisse Ereignisse in unserem Leben, welche Moore dichterisch schön als "Oasen in der Wüste der Erinnerung" bezeichnet. Zu diesen gehören die Gefühle, welche aus der Erreichung eines lang erstrebten Lieblingsgegenstandes, der Liebe oder des Ehrgeizes, erwachsen: mag nun auch der Besitz späterer Erlebnisse uns beweisen, daß wir unser Glück überschätzt haben, und die Erfahrung uns zeigen, daß "Alles in der Welt eitel ist," so weilt doch die Erinnerung mit Freudigkeit in dem klopfenden Herzen, wenn wir nur die Gegenwart genossen und uns in sanguinischer Jugendlust das Gemälde in glühenden und entzückenden Farben vorgemalt haben. Nur die Jugend kann dies empfinden: das Alter ist zu oft getäuscht worden – zu oft hat sich in seinem Munde die Frucht in Asche verwandelt. Das Alter blickt mißtrauisch und zweifelhaft in die Zukunft, kummervoll und betrübt in die Vergangenheit.

Einer von den roth bezeichneten Tagen meines Lebens war der, an welchem ich zuerst die Uniform eines Midshipman anzog. Mein Stolz, mein Entzücken war unbeschreiblich. Ich hatte die Schule und die Schullivree hinter mir – hinter mir eine beinahe versumpfte Existenz. Wie ein Schmetterling, der eben der Puppe entkrochen, flatterte ich, meine neuen Kräfte zu prüfen, umher; ich fühlte, daß ich ein fröhliches, schönes Geschöpf war, das über den Reichen der Natur umherschweifen durfte, von den Fesseln der Eltern und Schulmeister befreit, und mein Herz hüpfte mir bei dem Gedanken, daß ich mich nach meinem eigenen Belieben meines Lebens freuen durfte – in meinen Augen der höchste Gipfel des Genusses, welchen die menschliche Existenz gewähren konnte; übrigens bemerke ich zum Voraus, daß mich hier, wie in den meisten andern Fällen, das gewöhnliche Loos traf, mich getäuscht zu sehen. Allerdings ist es wahr, daß ich mich meiner Jugendzeit erfreute: ich war eine Zeitlang glücklich, wenn man es Glückseligkeit nennen kann, doch ich habe es theuer bezahlt. Ich contrahirte eine Schuld, an welcher ich seitdem von Termin zu Termin stets abgezahlt habe, und bin noch nicht fertig damit. Selbst der bescheidene Theil von Glückseligkeit, der mir an diesem denkwürdigen Morgen zu Theil ward, war von kurzer Dauer und bald folgte der hinkende Bote nach.

Doch ich kehre zu meiner Uniform zurück. Ich hatte mich mit derselben geschmückt, den Degen um den Leib gegürtet, den aufgestutzten Hut von ungeheuerem Umfange auf den Kopf gedrückt und war bei der letzten Musterung vor dem Spiegel durch mein Aeußeres ungemein befriedigt. Jetzt klingelte ich zuerst dem Stubenmädchen unter dem Vorwande, ihr die Aufräumung meines Zimmers zu befehlen, doch in der That nur deshalb, daß sie mich bewundere und mir Complimente mache, was sie auch sehr weislich that, und ich war dumm genug, ihr eine Krone zu geben und einen Kuß, denn ich fühlte mich ganz als Mann. Hierauf erschien der Kellner, dem das Stubenmädchen aller Wahrscheinlichkeit nach den Umstand mitgetheilt hatte, verbeugte sich tief; rückte mit denselben Complimenten heraus und empfing dieselbe Belohnung, den Kuß abgerechnet. Höchst wahrscheinlich hätte auch der Stiefelputzer seinen Theil geholt, wenn er bei der Hand gewesen wäre, denn ich war albern genug, alle ihre schönen Redensarten als eine Art schuldigen Tribut aufzunehmen und sie gleichwohl mit klingender Münze zu bezahlen. Ich war der Gründling, sie die Haifische, und bald würden mich ihrer noch mehrere umgeben haben, denn, als sie das Zimmer verließen, hörte ich sie rufen: "Stiefelputzer! Stallknecht!" offenbar blos um ihnen bei Erleichterung meiner Börse beizustehen.

Ich war indeß zu ungeduldig, meinem Kapitän aufzuwarten und mein Schiff zu sehen, weßhalb ich die Treppe herunterstürzte und im Nu auf dem Wege nach Stonehouse war, wo meiner Eitelkeit in einer andern Art geschmeichelt wurde, indem nämlich ein junger Marinerekrut im Vorbeigehen seine Hand an seinen Kopf erhob. Ich nahm es auf, wie es gemeint war, lüpfte meinen Hut und bewegte mich mit großer Gravität weiter. Ich muß übrigens gestehen, eine Bemerkung kränkte mich, daß nämlich die Einwohner mich nicht halb so sehr bewunderten, als ich mich selbst, denn es kam mir nicht in den Sinn, daß es in Plymouth-Dock so viele Midshipmen gebe, als in Port Royal Negerknaben, wenn gleich erstere vielleicht ihrem Herrn nicht so viel werth sein mögen. Ich will den zarten Sinn meinen schönen Leserinnen nicht durch Widerholung all der Anspielungen beleidigen, womit meine neu gebackene Erscheinung begrüßt wurde, als ich an den Ladies von North Corner, denen ich in Fore-street begegnete, Revue passirte. Unverdorben, wie ich damals in manchem, wenigstens diesem Punkte war, hielt ich sie für Frauenzimmer von äußerst schlechter Erziehung. Zum Glück für mich werden die Gebete einer gewissen Raçe von Menschen nicht erhört, sonst würde ich sogleich einem Orte anheimgefallen sein, von welchem mich, fürchte ich, alle Messen von Frankreich und Italien nicht erlöst haben würden.

Ohne, wie Ulysses, an den Mast gebunden zu sein, entrann ich diesen Syrenen; doch, gleich ihm, wäre ich beinahe einem modernen Polyphem zum Opfer gefallen; denn obgleich dieser nicht, wie sein Vorbild, ein Auge mitten auf der Stirn hatte, so vereinigten sich doch die Strahlen seiner beiden Augen auf der Spitze seiner Nase. Unwissenheit, gänzliche Unwissenheit war hier, wie auch in andern Fällen, mein Unglück. Einige Offiziere kamen nämlich in voller Uniform aus einem Kriegsgerichte. "Oho!" sagte ich, "hier kommen einige von uns." Ich ergriff so, wie ich sah, daß sie ihre Seitengewehre trugen, meinen Degen mit der linken Hand und steckte meine Rechte in den Busen, wie einige von ihnen gethan hatten. Sodann bemühte ich mich, ihre aufrechte, offiziersmäßige Haltung anzunehmen, und rückte meinen Stutzhut so von vorne und hinten, daß die goldene Troddel mir zwischen den Augen baumelte, und ich also nothwendig schielen mußte. Meine Nase streckte ich, wie ein Schwein beim Donnerwetter, hoch in die Luft, Alles in dem süßen Glauben, ihnen ebenso ein Gegenstand der Bewunderung zu sein, wie mir selbst. Wir lavirten in verschiedenen Richtungen an einander vorüber, und unsere respektive Geschwindigkeit hatte uns bis auf eine Entfernung von zwanzig bis dreißig Ellen von einander getrennt, als einer von ihnen mir mit einer offenbar in den Diensten Seiner Majestät gebrochenen Stimme nachrief: "Hollah', junger Herr, kommen Sie zurück."

Ich schloß daraus, sie wollten mir über den Schnitt meines Rockes Complimente machen, mich um die Adresse meines Schneiders fragen und den verwogenen Sitz meines Hutes bewundern. Ich begann jetzt zu glauben, es werde sich ein Wettstreit unter diesen Herren des Oceans erheben, wer mich zum Musterkadetchen auf seinem Hinterdecke bekommen solle, und sann schon auf eine Entschuldigung gegen den Freund meines Vaters, daß ich nicht auf sein Schiff komme. Aber welche Ueberraschung und Kränkung, als der älteste Offizier in einem zornigen und drohenden Tone mich fragte:

"Heda, Sir! zu welchem Schiffe gehören Sie?"

"Sir," sagte ich stolz, so befragt zu werden, "ich gehöre zu Seiner Majestät Schiff, dem Le – –" (da es einen französischen Namen führte, so setzte ich, um dadurch mehr Eindruck zu machen, beide Artikel, den französischen und englischen, vor denselben).

"So, so," sagte der Veteran mit der Miene bewußter Superiorität; "dann werden Sie so gut sein, umzukehren, nach Mutton Cove herunter zu gehen, ein Boot zu nehmen und Ihre Person mit der möglichsten Geschwindigkeit an Bord von Seiner Majestät Schiff dem Le – " (er ahmte mein Stottern nach) "bringen zu lassen; ferner dem ersten Lieutenant meinen Befehl zu überbringen, daß man Ihnen, so lange das Schiff im Hafen liegt, keinen weiteren Urlaub bewillige; und Ihrem Kapitän will ich's sagen, er solle seinen Offizieren bessere Manieren beibringen, damit sie nicht mehr am Hafenadmiral vorüber gehen, ohne an den Hut zu greifen."

Während dieser Rede stand ich in einem Kreise, dessen Mittelpunkt ich war und dessen Peripherie der Admiral und die Kapitäne bildeten. Das bischen Luft, das noch da war, nahmen sie mit ihrer Masse weg, so daß ich mich nicht blos in einem Schwitzbade befand, sondern auch noch obendrein wie niedergedonnert dastand. "Sie haben mich gehört, Sir – Sie können gehen."

"Ja ich habe Sie gehört," dachte ich, "aber wie zum Teufel kann ich von euch wegkommen?" denn die verdammten Kapitäns standen, wie Schulknaben um eine Mäusefalle, so dicht um mich herum, daß ich mich nicht vom Flecke rühren konnte. Glücklicherweise rettete mich dießmal diese Blokade, mit der sie sich ohne Zweifel nur einen Spaß hatten machen wollen. Ich faßte mich wieder und sagte mit erkünstelter Einfalt, "ich habe diesen Morgen meine Uniform zum erstenmale angezogen, habe meinen Kapitän noch nie gesehen, und sei meiner Lebtage an keinem Bord eines Schiffes gewesen." Bei dieser Auseinandersetzung verzog sich das Gesicht des Admirals zu Etwas, was ein Lächeln vorstellen sollte, die Kapitäns aber lachten alle hell auf.

"Nun, junger Mann," sagte der Admiral – der im Grunde ein gutmüthiger, aber sonderbarer Kauz war – "nun, junger Mann, wenn Sie noch nie auf der See gewesen sind, so entschuldigt dieß einigermaßen Ihre Unkenntniß guter Manier; dann brauchen Sie dem Lieutenant meine Botschaft nicht zu überbringen; doch gehen Sie an Bord Ihres Schiffes."

Nachdem die Kapitäns mich so hatten braten sehen, öffneten sie sich rechts und links und ließen mich passiren. Als ich sie verließ, horte ich Einen sagen: "Gerade erwischt, trägt vom Hundszahn die Spur in der Ferse, dafür stehe ich." Ich hielt mich nicht auf, um eine Antwort zu geben, sondern schlich gekränkt und gedemüthigt weg, und gewiß führte ich diesen ersten Befehl, den ich im Dienste erhalten, mit größerer Pünktlichkeit aus, als je einen nachher.

Auf meinem weiteren Wege stach ich für jeden, der mir begegnete, an den Hut. Ich beehrte mit meiner Begrüßung Midshipmen, Steuermannsmaten, Marinesergeanten und sogar zwei Korporale. Auch wurde ich meine übertriebene Höflichkeit nicht inne, bis ein junges, anständig gekleidetes Frauenzimmer, die mehr vom Seewesen wußte, als ich, mich fragte, ob ich gekommen sei, um als Kandidat für den Marktflecken aufzutreten. Ohne zu wissen, was sie meinte, sagte ich "Nein."

"Ich dachte nicht anders," fuhr sie fort, "da ich sehe, wie Sie gegen Jedermann so verdammt höflich sind."

Ich glaube wahrhaftig, ohne den freundlichen Wink hätte ich beinahe vor einem Tambour salutirt.

Nachdem ich diese Feuerprobe überstanden hatte, kam ich im Gasthofe zu Plymouth an, wo ich meinen Kapitän fand und meines Vaters Brief überreichte. Er musterte mich vom Wirbel bis zu den Zehen, und bat sich das Vergnügen aus, um sechs Uhr in meiner Gesellschaft zu speisen. "Da es jetzt eilf ist," sagte er, "so können Sie inzwischen an Bord gehen und sich dem ersten Lieutenant, Mr. Handstone, vorstellen. Er wird dafür sorgen, daß Ihr Name in die Bücher eingetragen wird, und Ihnen erlauben, daß Sie zum Essen wieder herkommen." Ich verneigte und entfernte mich, und auf dem Wege nach Mutton Cove wurde ich von Frauenzimmern mit dem Namen "Königlicher Reffer" (Seekadett) und "Zwiebacknager" begrüßt; doch verstand ich dieß weder, noch kümmerte ich mich darum.

Ich kam glücklich in Mutton Cove an. Zwei Frauenzimmer, die mein forschendes Auge und meine nagelneue Uniform bemerkt hatten, fragten mich, auf welches Schiff sie "Meiner Gnaden" bringen sollten. Ich nannte ihnen das Schiff, an dessen Bord ich zu gelangen wünschte.

"Das liegt unterm Obelisk," sagte die ältere, die ungefähr vierzig Jahre alt zu sein schien; "für einen Schilling wollen wir Euer Gnaden hinfahren."

Ich war damit zufrieden, sowohl der Neuheit der Sache wegen, als auch aus angeborner Galanterie und Vorliebe für weibliche Gesellschaft. Die ältere Weibsperson verstand sich auf ihr Handwerk und schlug das Ruder mit großer Gewandtheit; doch Sally, die jüngere und ihre Tochter, war noch in der Lehre. Sie war hübsch, sauber gekleidet, hatte weiße Strümpfe an und zeigte einen niedlichen Fuß.

"Sieh dich vor, Sally," sagte die Mutter. "Acht auf's Ruder, oder du wirst einen Krebs fangen."

"Ohne Sorgen, Mutter," erwiederte die zuversichtliche Sally.

Und in demselben Augenblicke, just als wenn die Warnung dagegen die Ursache davon gewesen wäre, tauchte ihr Ruderblatt nicht in's Wasser. Da der Riem keinen Widerstand fand, fuhr der Handgriff gegen den Busen der unglücklichen Sally, drückte sie rücklings zu Boden, die Fersen flogen in die Luft, und der Kopf fiel in den Boden des Boots. Wie sie so das Ruder mit Gewalt nach sich zog, berührten ihre Füße beinahe die Troddel meines Stülphuts.

"Da hast's, Sally," sagte die schlaue Mutter, "ich sagt' dir's, wie's kommen würd' – ich wußt' du würd'st 'nen Krebs fangen."

Sally faßte sich schnell; sie erröthete ein wenig und legte wieder Hand an's Werk.

"Das nennt man hier zu Land 'nen Krebs fangen," sagte die Alte.

Ich erwiederte, dieß scheine mir ein recht hübsches Vergnügen zu sein, und bat Sally, noch einen zu fangen; allein sie schlug es mir ab, und inzwischen hatten wir die Seite des Schiffs erreicht.

Nachdem ich meine Najaden bezahlt hatte, ergriff ich, wie sie mir's zeigten, die Hauptmastleine und erstieg die Seite. Ich erreichte die Laufplanke und wurde von einem Midshipman in runder Jacke und Pumphosen, einem Hemde, das just nicht zu den reinsten gehörte, und einem schwarz seidenen Tuch, lose um den Hals gewunden, angeredet.

"Wen suchen Sie, Sir?"

"Ich wünsche den ersten Lieutenant, Mr. Handstone, zu sprechen," erwiederte ich.

Er sagte mir, derselbe sei hinuntergegangen, um die Briefe zu überschreiben; doch sobald er auf's Deck käme, wolle er ihm mein Hiersein melden.

Nach diesem Zwiegespräche überließ man mich auf der Backbordseite des Hinterdecks meinen eigenen Betrachtungen. Das Schiff wurde gerade ausgebessert und befand sich, wie wir zu sagen pflegen, in den Händen des Dock-Yard, worin das Schiff einen liebenswürdigen Anblick gewährt. Die Karonaden des Hinterdecks waren vorn und hinten zusammengefahren, die Travehölzer von den Seiten losgeriegelt, die verschiedenen Decken mit frisch in die Planken eingelassenem Pech bedeckt, und die Kalfaterer saßen auf ihren Brettern, bereit, ihre geräuschvolle Arbeit von Neuem zu beginnen, sobald die Mittagsstunde vorüber sein würde. Indessen nahmen von der Steuerbordseite des Hinterdecks aus die Midshipmen meine Höhe und stellten Vermuthungen auf, ob ich wohl ihr Tischgenoß werden würde und was für eine Art von Kerlchen ich sein möchte – ein paar Punkte, über die sie bald Gewißheit erhalten sollten.

Der erste Lieutenant kam auf's Deck, und der Midshipman von der Wache stellte mich ihm vor, worauf ich meinen Namen nannte und den Auftrag des Kapitäns ausrichtete.

"'s ist Alles richtig, Sir," sagte Mr. Handstone. "Hier, Mr. Flyblock, nehmen Sie diesen jungen Herrn an Ihren Tisch; Sie können ihn, sobald Sie wollen, hinunterführen und ihm zeigen, wo er seine Hängematte aufzuhängen hat."

Ich folgte meinem neuen Freunde die Leiter hinab unter das Halbdeck, wo ein Weib saß, das den Matrosen Brod, Butter und Bücklinge feilbot; auch hatte sie Kirschen, gestandene Milch und ein Faß starkes Bier, welches sehr in Anspruch genommen wurde. Wir gingen an dieser Frau vorbei und stiegen eine zweite Leiter hinunter, die uns in das Zwischendeck und das Volkslogis führte, woselbst ich an der Backbordseite des Sternes, dem Hauptmaste gegenüber, meine zukünftige Residenz fand – ein enges Loch, das sie eine Schlafstelle nannten; es war zehn Fuß lang, sechs Fuß breit und ungefähr fünf Fuß vier Linien hoch; eine kleine Oeffnung, ungefähr neun Linien im Quadrat, führte uns das, was wir am meisten brauchten, nämlich frische Luft und Tageslicht, nur sehr sparsam zu. Ein hölzerner Tisch nahm einen bedeutenden Raum dieses engen Gemaches ein. Auf demselben stand ein kupferner Leuchter mit einem gegossenen Lichte, dessen Docht einer voll aufgeblühten Nelke glich. Das Tischtuch war aufgedeckt, und Portwein und Fettflecken zeigten, wie das schmutzige Hemde des Midshipman, nur zu sichtlich, daß der Sonntag herannahe. Ein Negersklave war damit beschäftigt, den Mittagstisch zu serviren, und man zeigte mir den Platz, den ich einnehmen sollte.

"Gütiger Himmel," dachte ich, als ich mich zwischen die Schiffswand und den Speisetisch quetschte, "und dieß soll mein künftiger Aufenthalt sein? – Lieber zur Schule zurückkehren; da gibt es doch wenigstens frische Luft und weiße Wäsche."

Ich würde sogleich an meine theure, tief betrübte Mutter geschrieben und ihr gemeldet haben, wie gern ihr verlorner Sohn in ihre Arme zurückkehren möchte, wenn mich nicht erstens mein Stolz, und zweitens der Mangel an Schreibmaterialien davon abgehalten hätte. Ich beschwor deßhalb meine ganze Philosophie herauf, als ich an der Tafel meinen Platz einnahm, und erheiterte meinen Geist durch die Reflexion des Gil Blas, als er sich in der Räuberhöhle befand, "siehe da den würdigen Neffen meines Onkels, Gil Perez, gefangen gleich einer Ratte in der Falle."

Die meisten von meinen Gefährten waren im Dienste abwesend. Das Zwischendeck war mit Fässern, Kisten und Kasten, Säcken und Hängematten angefüllt; der Lärm der Kalfaterer hatte über meinem Kopfe und rund um mich herum wieder begonnen; der Gestank des Raumwassers, verbunden mit dem Rauch von Tabak und der Ausdünstung des Genevers und Bieres; das Braten von Beafsteaks, Zwiebeln und Bücklingen – das Drückende einer dunkeln Atmosphäre und ein schwerer Regenschauer, Alles dieß vereinigte sich, meinen Geist herabzustimmen, und mich zur elendesten Kreatur zu machen, die jemals lebte. Ich wollte beinahe verzweifeln, als ich mich der Einladung des Kapitäns erinnerte und Flyblock davon in Kenntniß setzte. "Gerade recht," sagte dieser; "Murphy speist auch mit ihm: ihr könnt miteinander hingehen. Ich bin überzeugt, Ihre Gesellschaft wird ihm sehr angenehm sein."

Ein Kapitän wartet selten auf einen Midshipman, und wir trugen daher Sorge, daß er es nicht nöthig hatte. Das Essen war in jeder Beziehung ein Dienstessen. Der Kapitän sprach sehr viel, die Lieutenants sehr wenig, und die Midshipmen gar nichts; aber gerade umgekehrt ging es beim Zusprechen mit Messer und Gabel und Weinglas zu (so weit man dessen habhaft werden konnte). Die Gesellschaft bestand aus meinem Kapitän, zwei andern, unserm ersten Lieutenant, Murphy und meiner Wenigkeit.

Sobald das Tischtuch abgenommen war, goß der Kapitän mir ein Glas Wein ein, sagte mir, ich solle trinken und dann sehen, wie der Wind stehe. Diesen ersten anmahnenden Wink nahm ich in seinem buchstäblichen Sinne, und da ich einen in der That sehr mangelhaften Begriff von den Linien des Kompasses hatte, so muß ich gestehen, daß ich mich ein wenig verlegen fühlte, wie ich mir die nothwendige Notiz verschaffen sollte. Glücklicherweise befand sich auf dem alten Kirchturme ein Wetterhahn; er hatte vier Buchstaben, die, wie ich wußte, die vier Hauptgegenden vorstellen sollten. Einer davon schien mir so genau mit dem Zeiger übereinzustimmen, daß ich mich davon überzeugt hielt, der Wind komme von Westen, und sogleich zurückkam, um meinem Kapitän die gewünschte Nachricht zu bringen, nicht wenig stolz auf den so schnell gewonnenen Erfolg. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich erfuhr, daß man meiner Bemühung keinen Dank wußte; die Gesellschaft lächelte, und winkte einander, der erste Lieutenant schüttelte den Kopf und sagte: "Doch noch gar zu grün;" der Kapitän aber brachte die Sache nach den in solchen Fällen auf der See gebräuchlichen Sitten und Gebräuchen wieder in's Geleise, indem er sagte: "Hier, junger Herr, ist ein anderes Glas für Sie: trinken Sie, und Murphy wird Ihnen bedeuten, was ich meine." Murphy war also mein Begleiter; auf Einen Zug stürzte er seinen Wein hinunter, setzte das Glas mit Energie auf den Tisch, verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Als wir die Halle erreicht hatten, entspann sich folgendes Zwiegespräch:

"Was zum Henker brachte Sie denn wieder zurück, Sie verdammter Grünschnabel, Sie? Konnten Sie den Wink nicht verstehen und sich aus dem Staube machen, wie es der Kapitän wollte? So muß ich durch ein so verwettertes, junges Kalb, wie Sie, um meinen Wein kommen. Aber warten Sie, ich will's Ihnen heimgeben, mein geschniegeltes Herrchen, ehe wir noch viele Wochen beisammen sind."

Ich hörte diese zierliche Anrede mit einiger Ungeduld, aber mit noch weit mehr Indignation an und sagte dann:

"Ich kam zurück, um dem Kapitän zu melden, wie der Wind stehe."

"Der Teufel soll Sie haben," erwiederte Murphy; "glauben Sie denn, der Kapitän wisse nicht, wie der Wind steht? Und wenn er es nicht wüßte, meinen Sie nicht, daß er einen Seemann, wie mich, geschickt haben würde, und nicht ein so lümmelhaftes Kalb wie Sie?"

"Was der Kapitän meinte," sagte ich, "weiß ich nicht. Ich that, was er verlangte – aber was meinen denn Sie damit, wenn Sie mich ein Kalb nennen? Ich bin so wenig ein Kalb, als Sie?"

"So, also nicht?" erwiederte Murphy, indem er mich bei einem Ohre nahm, und es so unbarmherzig herumzerrte, daß es um ein Beträchtliches seine Gestalt veränderte und ungefähr die Form des Leebords einer holländischen Schuyte annahm.

Dieß war nicht zu ertragen. Zwar zählte ich nur dreizehn, er aber siebenzehn – auch war er ein handfester Bursche, weßhalb ich also keine Händel mit ihm hätte suchen sollen. Er hatte jedoch selbst angefangen: meine Ehre stand auf dem Spiele, und ich wundere mich nur, daß ich meinen Degen nicht zog, und ihn todt zu meinem Füßen niederstreckte. Zu meinem Glücke vergaß ich in der Wuth, daß ich etwas der Art an der Seite hatte, dachte aber doch an meine Uniform und an die Schande, die ihr widerfuhr, an die Bewunderung des Stubenmädchens, an die Honneurs der Schildwache, und dieses Alles setzte mein Gehirn in Feuer und Flammen. Wie der Blitz fuhr ich auf und schnellte meine Faust, die Waffe, die ich am besten zu führen gewohnt war, mit einer Gewalt und Bestimmtheit, der selbst Crib seinen Beifall gezollt haben würde, in das linke Auge meines Gegners. Murphy taumelte bei diesem Schlage zurück und ich schmeichelte mir einen Augenblick, daß er genug daran hätte.

Aber nein – ach, dieser Tag war ein Unglückstag: er hatte sich blos zurückgezogen, um einen Ansatz zu nehmen; dann kam er auf mich zu, wie die Leibgarden vor Waterloo, und sein Angriff war unwiderstehlich. Ich wurde niedergeworfen, mit Fäusten zerbläut, gestoßen, getreten, und würde aller Wahrscheinlichkeit nach einen Gegenstand für den Leichenbeschauer abgegeben haben, wären nicht der Kellner und das Stubenmädchen zu meiner Rettung herbeigeeilt. Die Zunge der Letzteren war besonders thätig zu meinen Gunsten; nur hatte sie unglücklicherweise keine andere Waffe bei der Hand, sonst würde es Murphy schlecht ergangen sein. "Pfui!" rief sie, "pfui, ein so großer Lümmel einen armen, kleinen, unschuldigen, wehrlosen jungen Burschen schlagen. Was würde wohl seine Mutter sagen, wenn sie ihn so behandelt sähe?"

"Der Teufel hole seine Mutter und Sie dazu," sagte Pat, "da sehen Sie mein Auge an."

"Ich pfeife auf Ihr Auge," versetzte der Kellner; "'s ist Jammer und Schade, daß er Ihnen das andere nicht ebenso bedient hat: es wäre Ihnen gerade recht geschehen, da Sie ein Kind schlagen. Der Knabe ist guter Leute Kind und das ist mehr, als Sie von sich rühmen können; er ist so viel werth, als alle Bursche von Ihrem Gelichter, die zwischen hier und dem Eisenstuhle von Barbican Platz haben."

"Ich möchte ihn nur darin untertauchen sehen," sagte das Mädchen.

Inzwischen hatte ich meine verteidigende Haltung wieder angenommen. Ich hatte keine einzige Klage laut werden lassen und mir dadurch das Wohlwollen aller Umstehenden gewonnen, unter welchen nun auch mein Kapitän mit seinen Freunden erschien. Das Blut strömte mir aus dem Munde, und ich trug die deutlichsten Spuren der Züchtigung eines mir überlegenen Feindes an mir, der für sein Alter als ein guter Faustkämpfer bekannt war und den Hieb von mir nicht bekommen haben würde, wenn er mir die Frechheit eines Angriffs hätte zutrauen können. Murphy erzählte den Hergang nach seiner Weise: er sagte Alles, nur nicht die Wahrheit. Hierin hätte ich ihn auch wohl überwinden können, doch da bei dieser Gelegenheit die Wahrheit meinem Zwecke mehr entsprach, als die Lüge, so erzählte ich, nachdem er geendet, die Sache einfach, wie sie sich zugetragen hatte, und sah, obgleich auf dem Felde geschlagen, doch bald klar und deutlich, daß ich im Kabinete den Vortheil hatte. Murphy wurde in Ungnaden entlassen und befehligt, so lange an Bord zu bleiben, bis sein Auge wieder hell sei.

"Ich hätte Ihnen Schiffsarrest gegeben." sagte der Kapitän, "doch der Knabe hat es für mich gethan: Sie können sich mit diesem blauen Auge am Lande nicht blicken lassen."

Sobald er gegangen war, wurde ich ermahnt, in Zukunft vorsichtiger zu sein.

"Sie sind," sagte der Kapitän, "wie ein junger Bär. Die Welt liegt vor Ihnen mit allen ihren Sorgen. Wenn sie für jedes harte Wort, das man Ihnen sagt, einen Hieb austheilen, so kann man Ihnen Ihr Schicksal voraussagen: sind Sie schwach, so wird man Sie zur Mumie schlagen – sind Sie stark, so wird man Sie hassen. Ein händelsüchtiges Gemüth wird Ihnen in jedem Range, den Sie einnehmen, Feinde machen; man wird Sie mit mißtrauischem Auge überwachen, da wir alle wohl wissen, daß derselbe Geist von Trotz und Auflehnung, den Sie in dem Krankenverschlag zeigen, Ihnen auf das Hinterdeck folgen und mit Ihnen im Dienste zunehmen wird. Zu Ihrem eigenen Besten gebe ich Ihnen diesen Rath – nicht daß ich mich in dergleichen Dinge mischte, denn Alles findet sein Gegengewicht auf einem Kriegsschiffe; ich wünsche bloß, daß Sie einen Unterschied machen zwischen Widerstand gegen Unterdrückung, den ich bewundere und hochschätze, und zwischen händelsüchtiger Raufsucht, die ich verachte. Jetzt waschen Sie Ihr Gesicht und gehen Sie an Bord. Geben Sie sich alle Mühe, ihre übrigen Tischgenossen für sich zu gewinnen, denn auf den ersten Eindruck kömmt Alles an, und Sie können sich darauf verlassen, daß Murphy nicht zu Ihren Gunsten repontiren wird.

Dieser Rath war sehr gut, nur kam er leider um eine halbe Stunde zu spät. Den ganzen Streit hatte ich dem ungeeigneten Benehmen des Kapitäns, so wie den Seemannssitten und Gebräuchen des neunzehnten Jahrhunderts zu verdanken. Die Tischgespräche unter den Personen höheren Dienstranges waren dazumal, wenn nicht gerade Damen zugegen waren, größtentheils der Art, daß ein Knabe sie ohne Verletzung seiner besseren Gefühle nicht anhören konnte. Ich wurde deshalb weggewiesen; aber, allen Respekt vor meinem Kapitän, der noch lebt – man hätte mich an Bord meines Schiffes schicken und vor den schlechten Gewohnheiten der Einwohner von North-Corner und Barbican warnen sollen. War ich nicht befähigt, der mysteriösen Unterhaltung einer Kapitänstafel beizuwohnen, so hätte man mich in klaren und deutlichen Ausdrücken wegschicken können, ohne mich durch jenen Wink, den ich nicht verstand und nicht verstehen konnte, unnöthigerweise in Verlegenheit zu bringen.

Um acht Uhr kam ich wieder an Bord, wo mir Murphy einen nichts weniger, als angenehmen Empfang bereitet hatte. Anstatt in meinem Speisezimmer bewillkommt zu werden, empfing man mich mit Kälte. Ich ging auf's Hinterdeck zurück, wo ich so lange umherschritt, bis ich müde war und mich dann an eine Kanone lehnte. Aus dieser vorübergehenden Erholung wurde ich durch ein donnerndes Geschrei: "Weg von der Kanone!" aufgeschreckt. Ich fuhr zusammen, faßte an den Hut und setzte meinen einsamen Spaziergang fort, indem ich dann und wann auf den zweiten Lieutenant blickte, der mich so rauh angelassen hatte. Es überkam mich eine Niedergeschlagenheit, ein Gefühl der Verlassenheit und des Elends, das ich nicht beschreiben kann. Ich hatte nichts Böses gethan und doch litt ich, als wenn ich ein Verbrechen begangen hätte. Ich wurde gekränkt und hatte mich gerächt, so gut ich konnte. Ich glaubte mitten unter Teufeln, nicht unter Menschen zu sein, und meine Gedanken wandten sich heimwärts. Ich dachte an meine arme Mutter, wie sie in ihrem unbeschreiblichen Kummer auf dem Sopha lag; mein gefühlloses Herz empfand jetzt, daß es liebevoller Tröstung bedurfte. Ich hätte weinen mögen, doch wohin gehen? denn ich konnte mich doch nicht an Bord eines Schiffes in Thränen erblicken lassen. Mein Stolz fing an sich zu demüthigen: ich fühlte das Elend der Abhängigkeit, obgleich es mir nicht an pecuniären Mitteln mangelte, und gerne hätte ich alle meine Aussichten dafür hingegeben, noch einmal mit Seelenruhe zu Hause sitzen zu können.

Bald kam der erste Lieutenant an Bord und ich hörte ihn mein Abenteuer dem zweiten Lieutenant erzählen. Jetzt wandte sich die Fluth augenscheinlich zu meinen Gunsten. Ich wurde in die Offizierskajüte hinab eingeladen, und nachdem ich alle Fragen zur Befriedigung beantwortet, schickte man nach Flyblock, dessen Schutz ich nochmals empfohlen wurde. Ich schmeichelte mir, die Gunst des ersten Lieutenants würde mir wenigstens für kurze Zeit ordinäre Höflichkeit zusichern.

Ich hatte nun mehr Muße, meinen neuen Aufenthaltsort, wie auch meine neuen Genossen zu betrachten. Letztere, aus dem Arsenal, wo sie Dienst gehabt hatten, zurückgekehrt, waren alle im Speisezimmer versammelt, rings um den Tisch auf Kasten sitzend, welche dem doppelten Zwecke von Sesseln und Behältnissen entsprachen. Um jedoch zum Sitzen zu kommen, mußte man entweder über die Rücken der Andern steigen oder sich dem Quetschen des später Kommenden aussetzen. Solch eine nahe Berührung ist selbst bei guten Freunden eben nicht wünschenswerth, aber bei warmem Wetter, eingeschlossener dumpfer Luft und offenbarem Mangel an reiner Wäsche, wurde sie im höchsten Grade unangenehm. Die Masse der hier Speisenden überstieg für die Enge des Raumes wohl alle sonst gewöhnlichen Grenzen, und ich glaube nicht, daß Menschen in andern nur denkbaren Lebensverhältnissen, ausgenommen auf einem Sklavenschiffe, je so eng auf einander gepreßt wurden. Die Midshipmen, acht ältere und vier jüngere, saßen ohne Jacken und Westen da; einige von ihnen hatten ihre Hemdärmel aufgestreift, um dadurch entweder die Beschmutzung derselben am Aermelpreischen zu verhindern oder den bereits daselbst befindlichen Schmutz zu verdecken. Das Mahl bestand aus einer Kanne oder einem weiten Schleifkruge Dünnbier und einem lackirten Brodkorbe voll Schiffszwieback. Um diese einfache Kost zu verherrlichen und zugleich die drückende Atmosphäre zu kühlen, war der Tisch durch einen großen, grünen Teppich mit gelbem Rande und noch manchen anderen gelben Flecken bedeckt, wo sich die Farbe durch umgegossenen Essig, heißen Thee u. dgl. verändert hatte; in einer Ecke stand ein Sack mit Kartoffeln und die dicht über unsern Köpfen befindlichen Gesimse waren vollgestopft mit Tellern, Gläsern, Quadranten, Messern und Gabeln, Zuckerhüten, schmutzigen Strümpfen und Hemden, noch schmutzigeren Tischtüchern, aufgestülpten Hüten, Degen, Querpfeifen, Mahagonischreibpulten, einem Teller gesalzener Butter und zwei bis drei Paar Halbstiefeln. Ein einziges Licht diente dazu, die Finsterniß zu beleuchten, und der Gestank überwältigte mich beinahe.