Das Heiratsjahr - Fedor von Zobeltitz - ebook

Das Heiratsjahr ebook

Fedor von Zobeltitz

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Opis

Ein Lustspiel-Roman in 12 Kapiteln. Die Serie "Meisterwerke der Literatur" beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung

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Das Heiratsjahr

Fedor von Zobeltitz

Inhalt:

Fedor von Zobeltitz  - Biografie und Bibliografie

Das Heiratsjahr

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Das Heiratsjahr, F. von Zobeltitz

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849639358

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Fedor von Zobeltitz  - Biografie und Bibliografie

Schriftsteller, geb. 5. Okt. 1857 in Spiegelberg, gest. 10. Februar 1934 in Berlin, wurde im Kadettenkorps erzogen, trat 1874 in die Armee, nahm nach mehrjähriger Dienstzeit seinen Abschied, redigierte die »Neuen militärischen Blätter« und entwickelte bald eine fruchtbare Tätigkeit für belletristische Zeitschriften. Von seinen zahlreichen Romanen, die meist gesellschaftliche Zustände behandeln, seien genannt: »Das Nessusgewand« (Stuttg. 1888, 2 Bde.); »Der Telamone« (Berl. 1893); »Die Johanniter« (Jena 1894); »Das zweite Geschlecht« (Berl. 1896, 3 Bde.); ' »Ein Schlagwort der Zeit« (das. 1896, 2 Bde.); »Heilendes Gift« (Jena 1897, 2 Bde.); »Die Armutsprobe« (Stuttg. 1898); »Ironie des Schicksals« (Berl. 1898); »Das Heiratsjahr« (Stuttg. 1899); »Besser Herr als Knecht« (Berl. 1900); »Der Herr Intendant« (das. 1900); »Albine« (das. 1902); »Der Backfischkasten« (Stuttg. 1902); »Trude Alberti« (das. 1903); »Dem Wahren, Edlen, Schönen«, ein Großstadtroman (Berl. 1905); »Kreuz, wende dich« (Stuttg. 1905); »Die arme Prinzessin« (das. 1905); »Die Tierbändigerin« (das. 1906); »Eine Welle von drüben« (Berl. 1906); »Flittergold« (das. 1906); »Höhenluft« (Leipz. 1906); »Das Gasthaus zur Ehe« (Berl. 1907). In den agrarischen Romanen: »Die Pflicht gegen sich selbst« (das. 1894, 2 Bde.), »Der kleine Pastor und andere Novellen« (Dresd. 1895) und »Der gemordete Wald« (Stuttg. 1898) schildert er mit Glück das Bauernleben der brandenburgischen Mark, das er in den Volksstücken »Ohne Geläut« (Dresd. 1895) und »Das eigene Blut« (Berl. 1896) auch auf die Bühne gebracht hat. Er lebt in Berlin und auf seinem Gute Spiegelberg und gibt seit 1897 die »Zeitschrift für Bücherfreunde«, seit 1904 die »Neudrucke literarhistorischer Seltenheiten« sowie die »Sammlung illustrierter Monographien« (Bielef. 1901 ff.) heraus, die er selbst mit dem Band »Der Wein« eröffnete; für die Sammlung »Land und Leute« schrieb er »Berlin und die Mark Brandenburg« (das. 1902).

Das Heiratsjahr

Erstes Kapitel.

In welchem sich Fräulein Benedikte von Tübingen nicht vorteilhaft einführt und auch ein Längeres über das Heiratsjahr der gräflichen Familie von Teupen gesprochen wird.

Im sogenannten Gartensalon des Herrenhauses stand der alte Riedecke und ordnete den Frühstückstisch. Das dauerte gewöhnlich ziemlich lange, denn zu dieser frühen Stunde pflegte der alte Riedecke sich nicht sonderlich zu beeilen. Er war im letztverflossenen Monat sechzig Jahr geworden, aber er sah noch immer recht stattlich aus, auch heute, wo er statt des langen Livreerocks eine weiße Leinenjacke mit blauen Streifen trug. Die Halsbinde war wie immer mit größter Sorgfalt gefältet, denn an ihr war nach der Meinung Riedeckes ohne weiteres zu erkennen, ob man es mit einem herrschaftlichen Diener zu thun habe oder einem ganz gewöhnlichen Lakaien. Die modernen Schlipse waren Riedecke ein Greuel; es mußte eine Binde sein, ein schmales weißes Tuch, das man zweimal zusammenlegte und so um den Halskragen schlang, daß es einen lockeren Knoten bildete. Nur das war eines herrschaftlichen Dieners würdig.

Riedecke lächelte, während er um den großen, blank geputzten Samowar Tassen und Teller ordnete. Ein leichtes und ganz sanftes Lächeln lag fast immer auf seinem glatt rasierten Gesicht. Es war dies das Lächeln eines vornehmen Diplomaten, der damit seine Seele zu verbergen trachtet. 4 Graf Teupen hatte eine ähnliche Angewöhnung aus seiner diplomatischen Carriere in den Ruhestand hinübergerettet, und da Riedecke ehemals der Kammerdiener des alten Herrn gewesen war, ehe er gleichfalls einen beschaulichen Posten auf Hohen-Kraatz gefunden hatte, so war dies sanfte politische Lächeln auch auf ihn übergegangen.

Nun war der Tisch in Ordnung. Der Samowar glänzte hell, aber auf einer Kredenz an der Querwand stand auch noch eine Kaffeemaschine, denn während die älteren Herrschaften den Thee bevorzugten, pflegten die Kinder zum Morgenimbiß Kaffee zu trinken. Der Frühstückstisch war ziemlich geräumig; man konnte acht Tassen zählen – die Familie mußte groß sein. Und so war es auch. Außer dem Hausherrn, dem Baron Tübingen mit seiner Gattin und den Kindern Benedikte, Bernd und Dietrich, lebte auch noch der Vater der Baronin, der alte Graf Teupen, auf Hohen-Kraatz, außerdem hatte Benedikte eine Engländerin bei sich, Miß Nelly, und eine kleine Freundin, Trudchen Palm, das Apothekerstöchterchen aus Seeberg.

Der alte Riedecke nickte mit wohlgefälligem Lächeln über die acht Tassen hinüber. Er liebte ein volles Haus. Und es sollte noch voller werden. Ein neuer Hauslehrer wurde für die Junker erwartet und vor allem der Baron Max, der Aeltestgeborene des Besitzers von Hohen-Kraatz, nachdem er anderthalb Jahre lang sich mit den schwarzen Bestien in Afrika herumgeschlagen hatte. Dieser Afrikareisende war derzeitig der »Stolz des Hauses« – so hatte Graf Teupen seinen Enkel noch beim gestrigen Mittagsessen bezeichnet. Das Lächeln Riedeckes wurde breiter und verlor auch etwas von seiner diplomatischen Weichheit, als er daran zurückdachte; vor zwei Jahren nämlich hatte derselbe Graf Teupen Maxen die »Schande der Familie« genannt. . . .

Es war sehr gemütlich im Gartensalon. Oben, am 5 gemalten Plafond, küßten sich ein Faun und eine Nymphe. Beide waren an die hundert Jahre alt und in dieser langen Zeit waren sie nur ein einziges Mal aufgefrischt worden und zwar von dem Stubenmaler in der benachbarten Kreisstadt. Daß dies kein Künstler war, sah man an der ganzen Art der Erneuerung, aber der Mann hatte wenigstens Wunsch und Willen der Frau Baronin erfüllt und den üppigen Gliedern der Nymphe etwas mehr Bekleidung gegeben, als ihr ursprünglich zugedacht worden war. Merkwürdig an dieser Nymphe war auch das zinnoberrote linke Ohr, das sie dem Beschauer zuwandte. An dieser Stelle hatte sich nämlich vor kurzem ein klein wenig Putz abgelöst. Das sah sehr häßlich aus, doch da man aus so geringfügiger Ursache nicht erst den Malermeister aus Seeberg kommen lassen wollte, so hatte Benedikte die Renovation übernommen. In der Farbe hatte sie sich nicht vergriffen, sie besaß einfach kein andres Rot als das Zinnober. Es ging übrigens ganz gut; der Papa meinte allerdings, die Nymphe sehe aus, als hätte sie sich das linke Ohr erfroren, doch fügte der Großpapa diesem Scherz tröstend hinzu, die alten niederländischen Meister hätten immer so starke Farbenkontraste geliebt, und es sei ganz klar, daß sich Benedikte an den Niederländern heranbilden wollte.

An den Wänden des großen und sonnenlichten Raumes hingen zahllose Geweihe; sowohl Tübingen wie sein Schwiegervater waren eifrige Jägersleute – der alte Graf hing sich noch oft genug, trotz seiner zweiundsiebzig Jahre, die Flinte auf den Rücken und schlenderte über die Felder und hinein in den Wald, und schoß er kein edleres Wild, so blaffte er wenigstens eine Krähe oder eine Eule zu Boden, die dann für Bernd und Dieter ausgestopft wurden.

Riedecke öffnete nunmehr die große Glasthür, die aus dem Gartensaal zunächst auf eine offene Veranda führte. 6 Von ihr aus übersah man den ganzen vorderen Teil des Parks mit seiner schönen breiten Nußbaumallee, die weit hinten durch ein eisernes Thor abgeschlossen wurde. Es war noch ziemlich früh am Tage, kaum sieben Uhr, und so prangte der Park noch im vollen Schmucke der Erfrischung, die ihm die erquickliche Kühle der Juninacht gespendet hatte. Rechts und links der Allee dehnten sich weite Rasenflächen aus, auf denen der Morgentau glitzerte und die kulissenartig von grünen Bosketts eingefaßt wurden. Auf der einen Seite der Wiesenniederung sprang aus dem Gewirr von Fliederbüschen, Schneeballen, Jasmin und Spireen in kurzen Bogen das Silberband eines Baches hervor, das sich dann wieder im matten Dunkel der Hecken verlor, um hinter dem Herrenhause einem stattlichen Weiher, den Benedikte den »Schwanensee« getauft hatte, Nahrung zu geben. Die Rasenflächen waren übrigens nicht nach sogenannter englischer Sitte kunstgerecht abgeschoren, sondern wurden als Wiesen behandelt, die ihren Heuschnitt zu liefern hatten; infolgedessen wucherten denn auch wilde Blumen in hundertfältiger Fülle auf ihnen und webten eine ganze Farbenskala in das aufstrebende Grün.

Der alte Riedecke war, angelockt durch die Schönheit des Morgens, auf die Veranda getreten und dann die breite Steintreppe hinab in den Garten gestiegen. Hier traf er auf einen jungen Burschen, der eine gestreifte Leinenjacke ähnlich der seinen trug, dazu aber hohe Stulpenstiefeln und pralle weiße Lederhosen. Der Junge hatte einen geflochtenen Korb im Arm, aus dem volle Büschel von Feldblumen, Gräsern und Laubwerk quollen.

»'Morgen, Herr Riedecke,« sagte er und nickte mit dem Kopfe.

»'Morgen, Stupps,« erwiderte der Alte; »wo denn hin mit dem Grünzeug?«

7Der mit dem merkwürdigen Namen »Stupps« Angeredete blieb einen Augenblick stehen und grinste vergnügt.

,.In die Gesindestube,« entgegnete er; »die Guirlanden sollten schon längst fertig sein, aber ja woll –«

»Ja woll,« wiederholte Riedecke mißbilligend, »die Mädel haben wieder bis Sechs in den Federn gelegen, und nun schicken sie dich aus, die Blumen zusammenzusuchen! Laß dir das doch nicht gefallen! Du hast doch sonst den Mund auf dem rechten Fleck!«

»Ach – na – Herr Riedecke, ich thu's ja ganz gerne,« sagte Stupps, und Herr Riedecke wußte auch weshalb.

»Ich will dir mal was sagen, Stupps,« sprach er mit ernster Stimme, wobei er aber doch sein wohlmeinendes Lächeln um den Mund behielt. »Es ist mir nicht unbekannt geblieben, daß du seit einiger Zeit auf lächerliche Art und Weise um die Alwine herumschwenzelst und ihr auch neulich eine Brosche vom Jahrmarkt mitgebracht hast. Zu so etwas bist du noch viel zu jung, Stupps, merke dir das. Kaum sechzehn Jahre und schon hinter den Mädeln her! Wenn du nicht sonst deine Pflicht thätest, würde ich dir bereits derb auf die Finger geklopft haben, doch so soll's noch einmal mit einer Ermahnung abgehen. Du weißt, daß mir nicht nur der Herr Baron befohlen hat, auf dich aufzupassen – ich hab's auch deiner Mutter versprochen. O – und ich habe gute Augen! Es schickt sich nicht, solche Kurschneiderei – es ist dies überhaupt Unsinn, weil nie etwas Gutes dabei herauskommt; laß dir das von einem sagen, der die Sache kennt. Und jetzt gehst du zu den Mädeln, gibst deine Blumen ab und sagst, Herr Riedecke hätte verboten, daß sie dich als Laufburschen benutzten; du hättest mehr zu thun. Alle Augenblick kann der Herr Baron nach dem Badewasser klingeln, und dann schimpft er wieder, wenn du nicht da bist. Drücke dich!«

8Stupps entfernte sich schleunigst mit rotem Kopf und im Laufschritt, um unten in der Gesindestube, wo vier weibliche Wesen damit beschäftigt waren, Kränze und Guirlanden zu binden, einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen, als er erzählte, was Herr Riedecke befohlen hätte.

Dieser selbst war indessen unter leichtem Kopfschütteln über den Unverstand der Jugend rechtsseitig um das große viereckige Schloß geschritten und wollte sich soeben in den kleinen Beerengarten verlieren, wo um diese Zeit gewöhnlich die beiden Pfauen zu räubern pflegten, als er am Giebelstock ein Fenster klingen hörte.

»Pst – Riedecke!« rief zu gleicher Zeit halblaut eine Stimme.

Riedecke schaute auf und stellte sich in Positur. Oben nämlich war ein zausiger Blondkopf sichtbar geworden, ein fröhliches Backfischgesicht mit lachenden roten Lippen und blitzenden Schelmenaugen.

»Gnädiges Fräulein?« antwortete der Alte und fügte hinzu: »Wünsche schönen guten Morgen, gnädiges Fräulein!«

»'Morgen, Riedecke! Riedecke, kannst du mir nicht einen Frosch fangen?«

Der Alte war sehr verwundert.

»Einen Frosch?« wiederholte er. »Ja – das wird mir schwer halten – mit meinen alten Beinen. Die Dinger sind flinker wie ich und so quabblich: wenn man schon einen erwischt hat, huppst er doch gleich wieder davon. Ich werd's Stupps sagen. Muß es denn gleich sein?«

»Ja natürlich,« antwortete das Fräulein; »ich wollte ihn der Miß Nelly in die Waschschüssel legen –«

»Aber, gnädiges Fräulein,« sagte Riedecke erschreckt, »da gibt's doch nachher wieder Schimpfe!«

»Die gibt's,« entgegnete Benedikte. »Weißt du was: 9 bringe mir ein paar Erdbeeren herauf – ein paar recht große und reife!«

»Schön, gnädiges Fräulein, das ist mir schon lieber wie die Froschgeschichte. . . .«

Der Backfisch nickte noch einmal, dann klirrte abermals das Fenster ganz leise, und sein weißer Vorhang bewegte sich flüchtig hin und her.

Im Schlafzimmer der Mädchen herrschte ein mattes silbernes Dämmerlicht. Das Gemach war groß, aber nichts weniger als luxuriös ausgestattet. Kein Teppich, nur ein paar Felle vor den beiden Betten, zwei Waschtische und ein großer Spiegelschrank an den Wänden, dazu ein paar goldumrahmte Lithographieen: die Schlacht bei Bunkershill und Friedrich der Große bei Zorndorf. Oberhalb eines kleinen Toilettetischchens befand sich noch ein weiterer Wandschmuck: dort waren zwanzig bis dreißig buntfarbige Neujahrs-, Geburtstagsgratulations- und sogenannte Christmaskarten in malerischem Durcheinander mittels kleiner Nägel angeheftet worden; auch einige Liebigbilder und andre kolorierte Reklamen waren darunter.

Neben dem Bette Benediktes schlief ihre Freundin Trudchen, die in diesem Augenblick weniger niedlich aussah als im Dasein des Tages. Das hübsche Gesichtchen war nämlich mit Mandelkleie bepudert und die braunen Löckchen über der Stirn waren in Papilloten gedreht. Die auf der Bettdecke ruhenden Hände steckten in langen verwaschenen Wildlederhandschuhen. Das Mädchen schlief noch fest und ruhig und hatte dabei den Mund geöffnet. Benedikte behauptete, die Trude schnarche auch zuweilen wie ein erwachsener Mann.

Benedikte war vom Fenster zurückgesprungen, betrachtete einen Moment lächelnd ihre schlummernde Freundin und huschte dann in ihrem bis zu den Knöcheln reichenden 10 Nachtgewande an die nur leicht angelehnte Thür zum Nebenzimmer, lauschte und öffnete sie hierauf leise und vorsichtig. Auch in diesem Gemache, das etwas komfortabler eingerichtet war, herrschte das gleiche Dämmergrau wie nebenan. Vor dem Waschtische stand eine große Badewanne aus Gummi als Symbol englischer Reinlichkeit, und in dem Bette unter dem geblümten Cretonnehimmel schlief Miß Nelly Milton den Schlaf der Gerechten.

Da es in diesem Augenblicke etwas zaghaft an die Thüre klopfte, so sprang Benedikte eilfertig an diese und nahm durch die Spalte aus Riedeckes Hand die bestellten Erdbeeren entgegen, die auf einem großen Weinblatte lagen. Es waren Prachtexemplare, kirschrot, von ovaler Form, Sorte »König Albert von Sachsen«, die Lieblinge Großpapa Teupens, der sich, um Bolingbroke zu ähneln, lebhaft für die Gartenwirtschaft interessierte. Benedikte suchte die größte der Früchte heraus, einen Koloß in seiner Art, und schlüpfte damit in ihr Bett zurück. Dann neigte sie sich über ihre Freundin Trudchen und steckte ihr rasch die Erdbeere in das immer noch offene Mäulchen, worauf sie schnell ihre Bettdecke bis an den Hals hinaufzog und gleichfalls Schlummer erheuchelte, heimlich aber auf die Folgen der geglückten Unart lauschte.

Sie blieben dann auch nicht aus. Trudchen begann zuerst zu schnaufen, dann zu röcheln und hierauf zu ächzen und krampfhaft zu schlucken – und plötzlich sprang sie mit einem wilden Schrei aus dem Bette.

»Zu Hilfe! Dikte – Nelly – zu Hilfe! Ich sterbe – ich muß sterben!« . . .

Im Zimmer nebenan wurde es lebendig. Schreckensbleich stürzte Miß Nelly herbei; Benedikte hatte sich nur aufgerichtet und machte ein harmlos verwundertes Gesicht.

»For God's sake!« jammerte die kleine Engländerin 11 und starrte Trudchen an, als ob sie einen Geist vor sich sehe; »Trudi, was hast du gemackt?!«

Trudchen stand am Waschtisch, hatte sich ein Glas mit Wasser gefüllt und gurgelte in allen Tonarten, wobei sie mit beiden Armen winkte.

»Laßt mich!« schrie sie zwischen durch, »ich muß sie wieder 'rauskriegen – ich sterbe – o Gott, o Gott, o Gott! – Schlagen Sie mich auf den Rücken, Miß Nelly – du auch, Dikte – ich habe eine Fledermaus verschluckt – oder einen Maikäfer – aber ich glaube – o Gott, o Gott, o Gott! – es war eine junge Fledermaus! Gebt mir noch mehr Wasser –«

»Nein, Milk!« rief Miß Nelly aufgeregt, »heiße Milk!« . . . Sie sprang an die Klingelschnur und begann zu läuten. »Milk muß es sein! Ganz heiß – das tötet das Maitier!« . . .

Der gelle Ton der Klingel rief Sturm. Es wurde lebhaft im Schlosse.

Nun bekam es auch Benedikte mit der Angst. Einen solchen Lärm hatte sie nicht erwartet. Sie konnte sich auf Stubenarrest gefaßt machen.

»Schrei doch nicht so, Trudel!« rief sie. »Nelly – Allmächtiger – hör' bloß mit dem Geklingel auf! Es war ja nur eine Erdbeere –«

»Nein!« kreischte Trudchen und griff wieder zum Wasserglase; »ich spür' es – es war doch ein Käfer – er krabbelt im Magen – er will wieder 'raus –«

»Bringen Sie heiße Milk!« befahl Miß Nelly durch die geöffnete Thür den beiden herbeigeeilten Zofen; »so viel heiße Milk, als da sein –«

»Unsinn!« schrie Benedikte dazwischen, nun auch aus dem Bette springend, »es war ja doch nur ein Scherz von mir! Ich habe Trudchen eine Erdbeere in den Mund 12 gestopft – da liegen ja noch die andern! Seid doch nicht verrückt!«

Jetzt öffnete sich mit raschem Ruck die Zimmerthür und Frau von Tübingen trat ein, noch in der weißen Nachthaube und einem weiten Schlafrock aus verschossenem blauen Samt.

»Um Gottes willen, Kinder!« stammelte sie, »was ist denn los?! . . .«

Trudchen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, schluckte noch immer und weinte dabei. Benedikte sah sehr betrübt aus und Miß Nelly hatte sich hinter die Thür ihres Kabinetts zurückgezogen. Keine antwortete.

»Was los ist?« fragte die Baronin nochmals. »Trudchen, liebes Kind, was weinen Sie denn? – Benedikte, was hat es gegeben?«

Beide Angeredete senkten nur die Köpfe. Nun aber wurde Frau von Tübingen ungeduldig; sie ahnte bereits, daß Benedikte wahrscheinlich wieder einen Unfug gemacht haben würde.

»Miß Nelly!« rief sie mit erhobener Stimme, »ich will wissen, was hier für Spektakel gewesen ist! Sie müssen ihn doch auch gehört haben!«

»Jawohl, Frau Baronin,« antwortete Nelly aus dem Nebenzimmer; »Fräulein Trude hat geglaubt, daß sie ein Käfervieh verschluckt haben solle, aber es war kein dieses.«

»Es war bloß eine Erdbeere,« setzte Benedikte sehr kleinlaut hinzu. »Mamachen, ich habe einen Witz gemacht, weil Trudchen immer mit offnem Munde schläft –«

Zum Glück erdröhnte in diesem Augenblick der donnernde Weckruf des großen Gongs unten im Hausflur und verschlang teilweise die Strafpredigt der Mama. Aber doch nur teilweise. Man hörte, wie sie über die Witze Benediktes dachte und sie vom Standpunkte der guten Erziehung wie 13 insbesondere von dem adliger Grundsätze aus recht herbe beurteilte. Es sei einer jungen Dame aus vornehmem Hause nicht würdig, sagte sie, einer Schlafenden Erdbeeren in den Mund zu stopfen; denn ganz abgesehen davon, daß dadurch leicht Störungen in der Luftröhre vorkommen könnten, bekunde ein solches Thun auch einen außerordentlichen Mangel an Delikatesse und an weiblichem Zartgefühl. Freilich – bei Benedikte appelliere man leider Gottes immer vergeblich an Zartsinn und Weiblichkeit; sie werde auch wohl niemals aus den Kinderschuhen herauskommen, und vor allen Dingen: welch ein entsetzlich schlechtes Beispiel gebe sie fortgesetzt ihren beiden Brüdern! . . .

Die Rede währte lange, war viel mit Fremdwörtern gespickt und wurde in strengem Tone vorgetragen, durch den aber immer etwas wie eine leise und zärtliche Sorge zitterte. Benedikte, die anfangs noch den Mund trotzig und maulend verzogen, aufrecht im Bette sitzen geblieben war, wurde von Satz zu Satz kleiner, sank völlig in sich zusammen und kroch schließlich unter die Decke, was die Mama für ein gutes Anzeichen beginnender Scham und Reue hielt. Denn nun hielt sie in ihrer Strafpredigt inne und wandte sich an Trudchen, an der ihr erst jetzt die Geheimnisse der Nachttoilette, der Puder, die Handschuhe und die Papilloten, auffielen, was sie innerlich von neuem entsetzte, denn sie hatte das Apothekerstöchterchen stets für einen Ausbund von Tugend und Wohlerzogenheit gehalten. Aber sie sagte nichts, zumal es nunmehr draußen auf der Diele abermals lebendig wurde. Man vernahm die polternde Stimme des Barons Tübingen, der ebenfalls wissen wollte, was das für ein Geschrei in den Zimmern der Mädchen gewesen sei, und dazwischen das beruhigende Organ des alten Grafen Teupen sowie das Indianergebrüll der in ihrer Morgenruhe gestörten beiden Jungen.

14»Nun zieht euch an!« sagte Frau von Tübingen und trat auf die Diele zurück, wo ihr Vater und Gatte entgegenstürzten, während Bernd und Dietrich im Hemde unter ihrer Zimmerthür standen, gleichfalls neugierig darauf, zu erfahren, was es denn nun eigentlich gegeben habe. Die beiden zehnjährigen Buben – es waren Zwillinge – erhoben von neuem ein fürchterliches Geschrei, als die Mutter die Geschichte von der Erdbeere erzählte, und lachten dabei aus vollem Halse; der Baron aber war sehr ärgerlich.

»Es ist nicht zu glauben!« schimpfte er. »Eine Erdbeere! Und in den Mund, sagst du? Direkt in den Mund?! So eine infame Range! Wenn die Trude nun erstickt wäre? Es ist schon mal ein Mann an einem Pfirsichkern erstickt. Das geht nicht so weiter mit der Dikte, Eleonore! Ich steck' sie noch jetzt in eine Pension. Sie hat immer nur Flausen im Kopf!«

»Von wem hat sie sie denn, lieber Eberhard?«

»Vielleicht von mir? Hahahaha – na ja, nun krieg' ich es wieder! Wenn die Kinder ungezogen gewesen sind, ist regelmäßig der Vater daran Schuld. Aber du bist die Mutter, Eleonore, und wenn –«

Der alte Teupen, dessen zierliche Greisengestalt ein alter, fahlgelber Schlafrock umschlotterte, erhob beschwörend die Hände.

»Keinen Zank, Kinder – ich bitte euch!«

»Lieber Papa, du wirst einsehen, daß es so nicht weiter geht. Man wächst mir über den Kopf. Miß Nelly ist nicht die richtige Leiterin für Dikte. Ich habe eine Alte und Würdige haben wollen –«

»Lieber Eberhard, das kenn' ich. Die wär' nicht vier Wochen geblieben. Du respektierst das Alter ebensowenig –«

»Keinen Zank, Kinder – ich bitte euch!«

»Lieber Papa, es handelt sich um keinen Zank, sondern 15 um eine Auseinandersetzung. Um eine ganz einfache Auseinandersetzung. Dieter und Bernd sind nun schon wieder vier Wochen ohne Hauslehrer –«

»Weil dir der letzte zu viel alte Geschichte lehrte –«

»Nein, weil er dir nicht fein genug war! Weil er immer mit dem Messer aß! Das hätte man ihm aber abgewöhnen können –«

Graf Teupen erhob wieder die Hände.

»Ist es denn nötig, daß das alles hier oben auf der Diele besprochen wird!?« klagte er, seinen Schlafrock über den Leib zusammenziehend. »Erstensmal werden wir uns auf den Tod erkälten und – Gott, was schreien die Jungen!« unterbrach er sich, hielt sich die Ohren zu und eilte beflügelten Fußes davon.

Tübingen stürmte in das Zimmer der Zwillinge, die sich damit beschäftigten, während des Ankleidens Kriegstänze aufzuführen, donnerte gewaltig los, nahm die Jungen an den Ohren und kehrte dann endlich in sein eigenes Schlafgemach zurück, das neben dem der Baronin am Ende eines langen Flurgangs lag, der die Diele im oberen Stockwerk kreuzte.

Nach Austobung des offiziellen Donnerwetters war Tübingen wieder ruhiger geworden. Er lachte sogar leise vor sich hin, während er an die umständliche Prozedur des Waschens ging, die stets mit einer Ueberschwemmung des Schlafzimmers endete. Ganze Fluten sprudelten umher; die Cyklopengestalt des Barons neigte sich über den Waschtisch, und aus den Schwämmen, die er in beiden Händen hielt und über den Nacken ausdrückte, plätscherte das Wasser in dicken Strahlen herab. Haar und Bart rieselte, und dabei pustete und stöhnte der Baron und hielt ununterbrochen Selbstgespräche. Die Erdbeergeschichte belustigte ihn doch; er liebte dergleichen, wenn er auch darüber räsonnierte. Eleonore hatte ganz recht: die Dikte schlug nach ihm – sie 16 war ganz Tübingensch. Ein tolles Mädel, aber Rasse in ihr. Die Jungen waren genau so unbändig – bis auf Max, den Aeltesten – in dem saß noch etwas von der Teupenschen Diplomatie. . . .

Der Storch war dreimal bei Tübingen zu Gaste gewesen, aber immer in weiten Zwischenräumen. Max war achtundzwanzig Jahre alt; zehn Jahre später hatte Benedikte zum erstenmal die Sonne über Hohen-Kraatz aufgehen sehen, und wiederum acht Jahre danach waren die Zwillinge eingetroffen. Da hatte der dicke Tübingen aber einen Schreck bekommen. Auf einen so reichen Himmelssegen war er nicht vorbereitet gewesen. Drei Jungen war ein bißchen viel, zumal er sich nur auf zwei eingerichtet hatte. Max sollte Hohen-Kraatz erhalten, das Majorat war, und der zweite, falls noch ein zweiter käme, das pommersche Gut Drake, das durch die Teupens an die Familie gefallen war. Nun war allerdings der zweite glücklich eingetroffen, mit ihm zugleich aber auch noch ein dritter, und dies Geschehnis verschob die ganzen väterlichen Pläne. Es war so wie so eine ziemlich verwickelte Sache mit der Feststellung des Erstgeburtsrechts bei den Zwillingen. Zwischen der Geburt der beiden lag eine Zeitspanne von etwa zwölf Minuten, aber die Jungen hatten sich im Wiegealter so täuschend ähnlich gesehen, daß sich schon nach der ersten halben Stunde ein Zweifel darüber erhob, wer der um zwölf Minuten ältere sei. Vater und Großvater behaupteten, Dieter sei es, die Mutter schwor dagegen auf Bernd, und die Hebeamme wußte gar nicht Bescheid und wurde noch angeschnauzt, weil sie sich bei einer so wichtigen Sache nicht ein Erkennungszeichen gemerkt hatte. Vorläufig wurden die Knaben recht und schlecht im Hause erzogen, sollten dann nach Liegnitz auf die Ritterakademie und später Offiziere werden. Alles übrige würde sich schon finden.

17Baron Tübingen hatte nunmehr seine Toilette vollendet. Sie war mehr als einfach. Tübingen gab auf seinen äußeren Menschen gar nichts, zum steten Aerger seiner Frau, die diese philosophische Verachtung des glänzenden Scheins durchaus nicht zu teilen vermochte. Er trug gewöhnlich – und so auch jetzt – eine schon ziemlich schäbig gewordene Lodenjoppe von unbestimmter Farbe, in deren weiten Taschen er stets ein ganzes Arsenal verschiedenartiger Gegenstände barg: zum Beispiel ein Taschenmesser, das wie ein Hirschfänger aussah, eine kleine Gartenschere, eine Tabaksdose aus Buchsbaum, ein Sacktuch von roter Farbe und kolossalem Umfange, eine abgenutzte Cigarrentasche mit langen gelben und merkwürdig fleckigen Holländern – zuweilen auch Kartoffelproben, Patronenhülsen und Papierpfropfen, Zündhölzerschachteln, eine Hundepfeife, dazu den Briefeingang des Tages und die Morgenzeitung, dann und wann auch einen Hirschkäfer für Bernd oder einen Laubfrosch für Dieter: kurzum, die Taschen dieses Flauschrocks, den nur Stupps reinigen durfte, glichen stets einem kleinen Museum oder der Bude eines Wanderkrämers, in der alles Mögliche vertreten ist.

Das Kostüm wurde durch weite Beinkleider vervollständigt, die in Schaftstiefeln steckten, sowie durch eine rot und grün gestrickte Jagdweste und ein Unding von Kopfbedeckung, eine Art Mütze mit Ohrenklappen, die oberhalb des Kappendeckels zusammengebunden waren. Sehr wenig harmonierte mit diesem An- und Aufzuge das Monocle, das Tübingen ständig trug. Er hatte sich in seiner Leutnantszeit daran gewöhnt und ließ es auch heute nicht mehr aus dem Auge. Tübingen hatte vor vierzig Jahren bei der Garde du Corps gestanden, und es war schwer zu glauben, daß dieser dicke alte Krautjunker damals der eleganteste Offizier des vornehmen Regiments gewesen sein sollte. Ja, 18 noch mehr – die Baronin pflegte sogar in heiteren Stunden zu erzählen, daß man ihren Eberhard ehemals nicht mit Unrecht den »schönsten Offizier Seiner Majestät« genannt habe. Das war heute recht schwer erklärlich. Der Baron war ein Riese, aber doch mehr Falstaff als Wotan. Das braune Gesicht umrahmte ein wilder, grau gesprenkelter Vollbart, der im Winde wie eine Sonnenblume auseinanderflatterte und nur bei feierlichen Gelegenheiten unter das Schermesser kam. Aber in diesem dicken kupferfarbenen Antlitz leuchteten ein paar prächtige hellblaue Augen, grundgute Augen, vor denen man sich auch nicht fürchten konnte, wenn sie im Zorne blitzten. Und das kam zuweilen vor, denn wie die meisten gutmütigen Menschen, so brauste auch Tübingen schnell einmal auf, um fünf Minuten später reumütige Abbitte zu leisten.

Auch jetzt that es ihm leid, daß er vorhin seiner Gattin gegenüber heftig geworden war. Diese beiden Menschen paßten im Grunde genommen wenig zu einander, hatten sich aber aus Liebe geheiratet und ihre Liebe überdauerte die Zeit und den häuslichen kleinen Krieg, in dem sie vielfach lebten. Frau Eleonore war gewiß eine vortreffliche Gattin und Mutter, doch voller Schwächen und Eigentümlichkeiten, und dabei war das Schlimme, daß diese Schwächen auf ganz anderm Gebiete lagen als jene des Ehegemahls, so daß es niemals an gegenseitigen Reibereien fehlte. Sie besaß vor allen Dingen etwas, was man heutzutage eigentlich nur noch bei einem gewissen Stamm von Emporkömmlingen findet: einen ausgesprochenen Adelstick, der nicht kränken sollte, zuweilen aber dennoch verletzte. Für die Baronin gab es thatsächlich noch eine schwer zu überbrückende Kluft zwischen Adel und Bürgertum, einen besonderen Himmel für die mit und ohne »von«; sie hielt das für natürlich und dachte sich nichts weiter dabei. Und diese zeitweilig 19 übertriebene Vornehmthuerei, die bei der innerlich in Wahrheit vornehmen und gütigen Frau um so lächerlicher wirkte, ging mit ihrer Neigung zu allerhand hochmütigen Allüren Hand in Hand. Die burschikosen Redeglossen, die der Baron bevorzugte, waren ihr schrecklich, und wenn er sie einmal in behaglicher Philisterlustigkeit »Mutterken« titulierte, konnte sie böse werden. Schon die Abkürzung ihres klangvollen Vornamens Eleonore ärgerte sie; als Max in seiner Studentenzeit das bekannte Lied von der Lore mit nach Hause brachte, war sie außer sich, weil ihr Gatte bei diesem Singsang behaglich schmunzelte und sie mit listigem Blinzeln von der Seite anschaute. Sie hatte ihm schon am Lendemain verboten, sie Lore zu nennen.

Der Baron öffnete das Fenster und stieß die Läden vollends auf und klopfte sodann an die Nebenthür. Seine Gattin war gleichfalls bereits völlig angekleidet und sah mit ihrem rosigen Gesicht und dem weißen Haar, der vollen schweren Gestalt und in ihrer immer geraden Haltung noch recht gut aus. Sie saß vor ihrem kleinen Schreibtisch am offenen Fenster und blätterte in einem Buche, dessen Lektüre sie so beschäftigte, daß sie das Ungewitter von vorhin gänzlich vergessen zu haben schien.

»Guten Morgen, mein Liebling,« sagte Tübingen beim Eintritt; »man könnte dies ›Guten Morgen‹ für eine Dublette halten, aber für mich beginnt der Tag immer erst mit dem Morgenkuß, folglich gilt das Frührendezvous auf der Diele nicht. Darf ich fragen, was du so eifrig studierst?«

Er neigte sich über sie und küßte ihre Stirn, was sie sich ruhig gefallen ließ.

»Ich suchte nach einer Brosche,« entgegnete sie in freundlichem Tone, »und denke dir, da fand ich mein altes Tagebuch wieder, das mir vor zwei Jahren verloren gegangen war. Es hatte sich hinter das Schubfach geklemmt, und 20 wenn ich nicht nach der Brosche gesucht hätte, würde es wahrscheinlich bis zu meinem Tode hinter dem Schubfache liegen geblieben sein.«

»Und das Buch interessiert dich so schrecklich, daß du darüber die Frühstücksstunde vergißt?«

»Ja gewiß! Das heißt nein – so schrecklich ist es nicht. Aber doch immerhin interessant. Ich blätterte nur so ein bißchen in dem Tagebuche und da ist mir denn aufgefallen, daß wir heuer wieder ein Heiratsjahr haben.«

»I,« sagte der Baron, »sieh einmal an! Ein Heiratsjahr. Was verstehst du darunter, wenn ich fragen darf?«

Frau von Tübingen lächelte.

»Dein Gedächtnis hat wirklich ein bißchen nachgelassen, Eberhard,« meinte sie. »Du sollst dir nicht so viel den Kopf duschen, hat der Arzt gesagt. Ich habe dir die Geschichte mit dem Heiratsjahr doch schon ein paarmal erklärt. Die Großmama – meine – ist zuerst darauf gekommen. Bei den Teupens kehrt nach jedem Lustrum – Großmama sagte immer Lustnun – ein Heiratsjahr wieder.« Sie nahm von dem niedrigen Aufsatze des Schreibtisches einen der dort stehenden Gothaer Almanache und schlug ihn auf. »Der Grafenkalender ist schon vier Jahre alt,« fuhr sie fort, »aber das schadet nichts. Man hat doch noch eine ganz hübsche Uebersicht. 1795 heirateten vier Teupens, 1810 drei; dann kommt 1825 die stattliche Anzahl von sieben Hochzeiten, darunter Onkel Hans Carus, Onkel Philipp und Tante Röschen. 1840 läßt der Eifer nach; da haben nur zwei geheiratet; aber dann kommen 1855 wieder fünf an die Reihe – du und ich sind mit dabei. 1870 ließ sich Vetter Egon im Felde trauen – mit der kleinen Französin aus Nancy, die ihm nachher davongelaufen ist; außerdem heiratete Traute Borgstedt und Hans Carus der Zweite und in der Sylvesternacht zu Einundsiebzig der 21 verrückte Vetter Bogumil aus Langen-Krusatz. Na, und jetzt schreiben wir 1885!«

Sie schaute triumphierend zu ihrem Gatten empor, der freundlich mit dem Kopfe nickte.

»Ja, ja,« sagte er, »jetzt entsinne ich mich, daß du mir schon öfters von eurem berühmten Heiratsjahre gesprochen hast. Es ist in der That ein seltsamer Zufall, daß das immer so geklappt hat.«

Die Baronin schlug ihr Tagebuch zu und stellte den Gothaer wieder an seinen Platz.

»Zufall gibt es nicht, Eberhard,« erwiderte sie. »Es ist alles Vorherbestimmung. Paß einmal auf: wir werden auch diesjährig zu einer Hochzeit rüsten können!«

»Wer weiß?!« entgegnete der Baron. »Die Tübingens sind nicht so ordentliche Menschen wie die Teupens. Sie kümmern sich nicht um das Lustrum deiner Großmutter.«

»Das ist noch die Frage; in unsern heiratsfähigen Kindern steckt doch auch Teupensches Blut!«

»Gott gebe Gnade, Eleonorchen – du wirst doch die Dikte noch nicht verheiraten wollen!? Einen Kindskopf ersten Ranges! Denke 'mal: die Geschichte mit der Erdbeere! Das ist bezeichnend für sie. Keine Spur von Lebensernst!«

»Der wird schon kommen. Ich habe einen jungen Leutnant geheiratet, dem ich den Ernst auch erst allmählich anerziehen mußte. So etwas lernt sich. Uebrigens steife ich mich nicht auf Großmamas Heiratsjahr. Nun komm – wir wollen zum Frühstück! Und laß die Erdbeere ruhen. Benedikte hat ihre Strafpredigt abbekommen. Miß Nelly ist mir auch lieber als eine Alte und Würdige. Aber die kleine Trude, Eberhard – denke dir, sie schläft in ledernen Handschuhen und wickelt sich über Nacht Papierpfropfen in das Haar, damit die Löckchen bleiben! Hättest du das für möglich gehalten?«

22»Nein,« entgegnete Tübingen lächelnd. »Oder doch – sie hat einen kleinen koketten Zug. Das lernen die Mädels in den Pensionen. Ich werde die Dikte lieber im Hause behalten.«

»Das dachte ich mir,« erwiderte die Baronin, sich erhebend. »Wenn du etwas anordnest, kann man sicher sein, daß schließlich das Gegenteil erfolgt. Hast du schon daran gedacht, daß wir Max heut zurückerwarten?«

»Ich habe sogar davon geträumt. Ich freue mich schrecklich auf den Jungen. Der Himmel gebe, daß er unten in Afrika seine Dummheiten vergessen habe! Wenn nur der Papa nicht gleich wieder mit seinen Plänen in Bezug auf Langenpfuhl herausrückt!«

»Das wird er gewiß. Aber ich werde ihm sagen, er soll vorsichtig sein. Man kann die Sache ja trotzdem im Auge behalten. Das Schlechteste wäre es nicht. Komm!«

Sie schob ihren Arm unter den des Gatten, und beide stiegen die Treppe hinab nach dem Gartensaal.

Zweites Kapitel.

Allgemeine Vorstellung der Herrschaften auf Hohen-Kraatz mitsamt ihrem vierbeinigen Anhang, und eine diplomatische Unterredung im Obstgarten.

Im Gartensaal hatte sich die Familie bereits versammelt und außerdem die zur Familie gehörigen Anhängsel, nämlich vier Hunde, die Benedikte aus dem Garten hereingelockt hatte. Es war dies zunächst Cäsar, der Hühnerhund, ein großes junges Tier von kalbsmäßigen Gebärden, dann Lord, ein behender Rattler, der nachtsüber gewöhnlich im Stalle und zwar auf dem Rücken der braunen Stute schlief, die 23 Tübingen als Reitpferd diente. Ferner Mohrchen, der Liebling Benediktes, ein prächtiger schwarzer Pudel, und schließlich ein winziges braunes Etwas, das Cosy hieß und der aussterbenden Rasse der »kurzhaarigen Zwergaffenpinscher« angehören sollte. Frau von Tübingen hatte dies Hundediminutiv einmal von Frau von Seesen auf Langenpfuhl geschenkt bekommen und vergötterte es förmlich. Sie verließ ungern Hohen-Kraatz, aber Cosys wegen hatte sie sogar die weite Reise nach Berlin nicht gescheut. Cosy fing nämlich an, infolge der göttlichen Faulheit, der er sich mit Vorliebe hingab, allmählich seine schöne Taille zu verlieren, begann auch im Schlafe zu schnarchen und ein klein wenig asthmatisch zu werden. Das ängstigte die Baronin derart, daß sie beschloß, einen berühmten Berliner Tierarzt zu konsultieren, der Cosy nach genauer Untersuchung seines leidenden Zustands eine leichte Karlsbader Kur verordnete, das heißt, es wurde ihm bei jeder Mahlzeit eine kleine Dosis Karlsbader Salz unter das Essen gemischt. Denn bei Cosy durfte man nur Essen sagen, nie Futter oder gar Fressen – das litt Frau von Tübingen nicht. Für Cosy war immer ein kleiner, blau ausgeschlagener Korb zur Hand, in dem er seine Tage verbrachte. Er hatte eine sehr zierliche Art, in diesen Korb hinein zu hüpfen, und bevor er sich niederlegte, drehte er sich immer erst dreimal um die eigene Achse und krümmte sich hierauf in Bretzelform zusammen. Es war in der That ein niedliches Tier, mit kurz gestutzten Oehrchen und einem winzigen Schwanzfragment, mit dem er nicht einmal mehr wedeln konnte. Wollte er dies, so bewegte sich sein ganzer kleiner fetter Körper in anmutigen Windungen. Frau von Tübingen behauptete stets, Cosy besitze menschliche Intelligenz. Sie sprach auch mit ihm, als ob sie ein menschliches Wesen vor sich habe und befragte ihn sogar öfters in allerlei Angelegenheiten um seinen Rat. 24 Legte er dann die Ohren zurück, so war dies ein Zeichen der Bejahung, und wenn er sein närrisches Backfischnäschen in eigentümlicher Art rümpfte und kräuselte, so galt es der Baronin als eine entschiedene Verneinung.

Bernd und Dietrich, die beiden Jungen, waren die ersten am Platze. Sie hatten Stupps vor der Veranda entdeckt und beratschlagten mit ihm das Aufhängen neuer Starkästen. Die herrenlose Zeit hatte die Zwillinge wirklich ein wenig verwildern lassen. Der letzte Hauslehrer hatte Tübingen nicht gefallen. Der Mann war ihm zu sehr Philologe gewesen. Namentlich die Geschichtsstunde ärgerte Tübingen. Er behauptete, Artaxerxes und Psamninit I. und die Seeschlacht bei Salamis seien lange nicht so wichtig als das eigene Vaterland; es war aber das Unglück, daß der Hauslehrer in der alten Historie viel besser beschlagen war als in der neueren Zeit und daß er von Alcibiades mehr wußte als von Blücher. So trennte man sich denn, und die Jungen hatten ein paar Wochen freie Zeit. Allerdings suchten sowohl die Eltern wie der Großpapa Teupen auch in dieser Zeit belehrend auf die Kinder zu wirken, aber es war doch nur ein mäßiger Ersatz für die fehlende erzieherische Kraft. Tübingen hatte den Knaben anfänglich täglich eine Unterrichtsstunde gegeben, abwechselnd Geschichte, Geographie, Rechnen und Litteratur, nach den vorhandenen Lehrbüchern. Das war indessen mehr Komödie als Schule. Tübingen wurde bei jeder Gelegenheit heftig, fuhr die Jungen grob an und ärgerte sich auch über die neue Orthographie und Lehrmethode; das war früher im Kadettencorps alles ganz anders gewesen. Frau von Tübingen und Graf Teupen waren keine besseren Schulmeister; schließlich wurde das ganze Haus nervös. Es war hohe Zeit, daß der neue Hauslehrer eintraf.

Nach den Zwillingen erschienen die drei Mädchen auf 25 dem Plane: Benedikte rosig und frisch, noch mit Backfischzöpfchen, drall und strotzend vor Gesundheit, aber die sonst so übermütig blitzenden Augen ein klein wenig verschleiert; sie hatte Angst, daß noch eine väterliche Strafpredigt nachkommen würde. Trudchen Palm hatte sich über die heimtückisch applizierte Erdbeere getröstet. Sie war bereits am frühen Morgen tadellos angekleidet, in frisch gewaschener heller Bluse, die die Form eines gut sitzenden Korsetts verriet, englischem Tuchkleide und gelben Stiefelchen. Auf ihrer Stirn kräuselten sich die Löckchen, und die spitzen Nägelchen ihrer Finger waren rosig blank poliert. Das ganze kokette kleine Persönchen strahlte und atmete eine appetitliche Sauberkeit aus. Sie war die Herzensfreundin Benediktes und pflegte seit Jahren einige Sommermonate in Hohen-Kraatz zu verleben. Ihre Mutter stammte aus einem verarmten adligen Hause, und das tröstete die gute Baronin über das Freundschaftsverhältnis Benediktes zu dem Apothekertöchterchen, das sie sonst nicht ohne weiteres gutgeheißen haben würde.

Die dritte im Kleeblatt war Miß Nelly Milton, zweiundzwanzigjährig und ebenfalls das, was Tübingen unter einem »niedlichen Käfer« verstand. Sie war seit einem Jahre im Hause und sollte Benedikte ursprünglich »Mores lehren«, aber schon nach zweiwöchentlicher Bekanntschaft hatten die beiden Mädchen Schwesternschaft getrunken und sich ewige Treue geschworen, »auch über den Tod hinaus«. Indessen übte das ernstere Wesen Nellys immerhin, wenn auch nur im allgemeinen, einen so guten Einfluß auf Benedikte aus, daß Herr und Frau von Tübingen auf eine »Aeltere und Würdigere«, an die man anfänglich gedacht hatte, verzichteten und die kleine Engländerin behielten.

Graf Teupen war trotz seines hohen Alters immer einer der ersten am Frühstückstische. Der Greis war von 26 einer erstaunlichen Frische und Elastizität. Er hatte schon vor gegen zwanzig Jahren die diplomatischen Dienste quittiert und mit dem letzten Orden auch noch den Titel Excellenz als Pflaster für den Ruhestand auf den Weg bekommen. Aber er machte keinen Gebrauch von seiner »Excellenz«, sondern ließ sich nach wie vor »Herr Graf« anreden. Er war ein zierlicher kleiner Herr mit einem Rokokoschnurrbärtchen, schneeweiß und zu scharfen Spitzen gedreht, sowie einem kurz gehaltenen, grünlich schimmernden Backenbart, der in der Mitte der Wangen nach englischer Sitte schnurgerade abrasiert war. Das noch volle grauweiße Haar war sehr sorgfältig gescheitelt und über die Ohren zurückgebürstet, und ebenso sorgfältig war die Kleidung des Grafen: taubengraue Beinkleider, weiße Piquéweste und ein Morgenjackett aus türkisch gemustertem Stoff, aus dessen Tasche der Zipfel eines seidenen Sacktuchs hervorlugte. Dazu trug er um den steifen weißen Halskragen einen flott gebundenen Schlips. Jeder der Ankömmlinge wurde zunächst von den Hunden begrüßt – sehr stürmisch von Cäsar, Lord und Mohrchen, und in bedeutend gemessenerer und vornehmerer Weise von Cosy. Cosy sprang nämlich nur aus seinem Korbe, strich rasch mit seinem Schnüffelnäschen über Kleidersaum, Hosenrand oder Stiefelspitzen, versuchte mit dem Schwanzfragment zu wedeln und kehrte sodann, in dem Bewußtsein, daß es sich einer solchen Anstrengung nicht lohne, in sein Körbchen zurück, wo er sich wieder zusammenringelte. Die Zwillinge und Benedikte küßten dem Großpapa die Hand, der seine Enkeltochter mit einem ernsten und strafenden Blicke maß, worauf diese sehr zerknirscht that, rot wurde und den Kopf senkte.

»Ja ja, Dikte,« sagte der alte Herr, »schäme dich nur, das schadet gar nichts! Du bist nun bald achtzehn Jahre, und in diesem Alter sind andre deinesgleichen schon 27 Hofdamen. Nun bitte ich dich, was würde deine gnädige Herrin sagen, wenn man sich bei Hofe erzählen wollte, du hättest einer schlummernden Jungfrau heimlich eine große und dicke Erdbeere in den Mund gesteckt! Glaubst du denn, das würde dein Ansehen erhöht haben? Ich bin überzeugt, selbst die Lakaien hätten sich über dich lustig gemacht und auch der Portier würde dich viel weniger respektvoll gegrüßt haben als sonst. Nein, liebe Dikte, man muß immer die Dehors zu wahren wissen. Was man ansonst als mutwilligen Streich auffassen könnte, gewinnt ein andres Ansehen, wenn es sich um eine junge Dame von Welt handelt. Und eine solche willst du doch sein? Wenigstens solltest du dir Mühe geben, eine solche zu werden. Ich bin überzeugt, Miß Milton ist sehr böse über diese Unart gewesen, denn in England gibt es derlei Vorfälle gar nicht. Nicht wahr, liebe Miß Milton?«

Miß Milton errötete nun ebenfalls und begnügte sich, mit dem Kopfe zu nicken. Zum guten Glück trafen jetzt auch die Eltern ein, sonst hätte Graf Teupen seine Rede wahrscheinlich wieder aufgenommen. So aber lenkte das Interesse, das Herr und Frau von Tübingen der Schmückung der Veranda zuwandten, auch die Gedanken des Großvaters ab, der mit den andern auf die Freitreppe hinaustrat. Zu den andern gehörten natürlich auch die Hunde, Cosy selbstverständlich auf dem Arm der Frau Eleonore, der Einzigen, die diese zart organisierte Tierseele von Grund aus verstand.

Auf der Veranda waren Stupps und zwei Dienstmädchen damit beschäftigt, die großen weißen Säulen mit Guirlanden zu umwinden.

»Sehr hübsch,« sagte Tübingen und nickte befriedigt. »Mehr ist gar nicht nötig. Ich höre, daß die Sänger im Dorfe dem jungen Herrn Baron bei seiner Ankunft ein Ständchen bringen wollen. Das will ich nicht, Riedecke; 28 sage es den Leuten, natürlich so, daß sie sich für ihren guten Willen nicht noch gekränkt fühlen. Ich möchte nur kein unnötiges Aufsehen haben; das kann ich nicht leiden. Die Guirlanden genügen. Ist die Posttasche noch nicht da?«

»Sie muß jeden Augenblick kommen, Herr Baron,« erwiderte Riedecke.

»Na schön – da wollen wir in Ruhe frühstücken! Bernd und Dieter, wenn ihr hübsch artig seid, könnt ihr euern Bruder von der Station abholen.«

Beide Jungen erhoben ein Jubelgeschrei.

»Papa,« sagte Dietrich, »ob mir der Max wohl eine Löwenhaut mitbringt? Versprochen hat er es mir.«

»Und mir einen Elefantenzahn,« fügte Bernd hinzu. »Aber ich glaube nicht, daß er Wort hält. Großpapa meint, die Afrikareisenden schnurrten alle.«

»Schnurren habe ich keinesfalls gesagt, mein Junge,« erwiderte Graf Teupen, während man allseitig am Frühstückstische Platz nahm. »Aber allerdings, die Afrikareisenden übertreiben gern, und nicht nur diese, sondern überhaupt alle Reisenden. Das liegt so in ihrer Natur.«

»Gerstäcker auch?« fragte Dieter. »Ja, Großpapa?«

»Ein bißchen – ja, ein bißchen wird er wohl auch übertreiben.«

»Großpapa, in dem Buche von Gerstäcker,« begann Bernd wieder, »das du uns zum Lesen gegeben hast, kommt eine prachtvolle Geschichte vor von einem Indianer, der auf einer Reihe lebendiger Krokodile über den Fluß gegangen ist – auf ihren Rücken, ohne daß sie ihn gebissen haben. Ich möchte gerne wissen, ob das wahr ist. Glaubst du das?«

»Es waren vielleicht zahme Krokodile,« warf Tübingen ein.

»Nein, ganz wilde,« entgegnete Bernd. »Der Indianer wurde verfolgt, aber den andern haben sie totgebissen! 29 Großpapa, das ist doch merkwürdig, daß sie gerade den Indianer nicht gebissen haben!«

Der Großpapa versuchte, die Seltsamkeit dieser Thatsache durch einen glücklichen Zufall zu erklären. Er galt in den Augen der Jungen für allwissend; für ihn konnte die Welt keine Geheimnisse haben. Das heftige Aufklärungsbedürfnis der Zwillinge brachte ihn häufig in Verlegenheit. Sie forschten und fragten ihn aus, bis er schließlich keine Antwort mehr geben konnte. Eines Abends wollte Bernd wissen, was die Sterne wären. »Weltkörper, mein Kind, wie unsre Erde.« »Aber wie hängen sie denn da oben am Himmel?« »Sie bewegen sich im leeren Raume.« »Was ist das: der leere Raum?« »Die Unendlichkeit, mein Junge.« »Aber, Großpapa, ich bitte dich, es muß doch alles einmal ein Ende haben, sonst hört es ja nie auf, und das gibt es doch gar nicht!« »Die Unendlichkeit hört eben nie auf, lieber Bernd.« . . . Bernd dachte nach und erwiderte dann in unbestimmtem Tone: »Nein, Großpapa, das kann ich nicht glauben. Ein Ende muß da sein. . . .«

Seit Max sich der Expedition des Doktor Haarhaus nach Usagara angeschlossen hatte, bevorzugte Graf Teupen die Kolonialpolitik. Ein besonderes Steckenpferd mußte er immer haben. Eine Zeitlang hatte er sich zur Beruhigung seines immer regsamen Geistes einer lebhaften Sammlerthätigkeit zu wohlthätigen Zwecken hingegeben. Mit wahrhaftem Feuereifer sammelte er so ziemlich alles, was irgendwie nur Verwendung finden konnte: Briefmarken und Eisenbahnbilletts und Korkpfropfen, die Stanniolhüllen der Weinflaschen, alte Zeitungen, Cigarrenabschnitte und Knöpfe – kurz hunderterlei wertloses Zeug, das er in seinem Zimmer in einem riesenhaften, noch aus dem vorigen Jahrhunderte stammenden Schranke sorgfältig geordnet aufbewahrte und nach Ablauf eines Jahres an die Zentralstelle des roten Kreuzes schickte. 30 Da er nun neugierig war, welches klingende Resultat seine Bemühungen um die Wohlthätigkeit eingebracht, so bat er um freundliche Abschätzung des eingesandten Materials. Und er erhielt umgehend mit einem längeren Dankbriefe die Nachricht, daß seine schätzenswerten Gaben dem ungefähren Betrage von sieben Mark und fünfzig Pfennigen gleichkämen. Dafür konnte man einem armen Waisenknaben allerdings nur einen Arm oder höchstens beide Beine bekleiden, aber nicht mehr – und das ärgerte den Grafen, der noch fünf Mark und zwanzig Pfennige für die Fracht bezahlt hatte, so sehr, daß er das Sammeln aufgab.

Die Kolonialpolitik interessierte ihn mächtig.. Das war ganz sein Fall: ein Kreuzzug gegen Sklaverei und Heidentum und zugleich eine Mehrung des Reichs. Er schnitt aus der »Kreuz-Zeitung« alle Notizen und Artikel, die koloniale Fragen betrafen, heraus und hob sie auf und studierte außerdem sämtliche Afrika behandelnden Bücher, die er in der Hausbibliothek vorfand. Allzuviel waren es nicht und auch nicht die neuesten. Aber dem Grafen genügte zunächst das Vorhandene. Es war da besonders ein Buch, in das er sich mit großem Eifer versenkte: »Des Herrn A. Roberts Historie der New-gefundenen Völcker Severambes, welche einen Teil des Dritten festen Landes, so man sonften Africam nennet, bewohnen, darinnen eine gantz newe und eigentliche Erzehlung von der Regierung, Sitten, Gottes-Dienst vnd Sprache dieser denen Europäischen Völckern biß anhero noch unbekannten Nation enthalten« – ein Werk, von dem er behauptete, daß es ein Vorgänger der Schilderungen Livingstones sei. Hin und wieder verschrieb er sich übrigens auch ein neueres Reisewerk, um Max bei seiner Rückkehr durch seine Kenntnisse zu überraschen. Das machte ihm Spaß und füllte seine freie Zeit aus, die er im Uebermaß besaß. Im Grunde genommen grollte er der Regierung bitter, daß 31 sie ihm »im besten Mannesalter« den Laufpaß gegeben hatte, denn daß er niemals ein hervorragenderer Vertreter der Diplomatie, sondern eigentlich immer nur ein gewandter Repräsentant gewesen war, wollte er selbstverständlich nicht wahr wissen. Wie er in allen seinen Neigungen für die moderne Zeit wenig übrig hatte, so wurzelte er auch in seinen staatsmännischen Anschauungen ganz im Vergangenen und Ueberlebten, gewissermaßen im Hofton der Allonge. Das ehrliche Maklertum dünkte ihn ziemlich brutal, die politische Intrigue Mittel zum Zweck. Und diese Vorliebe für die kleine Intrigue, die derzeitig der Grund für seine Verabschiedung gewesen war, hatte er auch mit in den Ruhestand übernommen. Er intriguierte noch heute ein bißchen – »für den Hausgebrauch«, wie sein Schwiegersohn meinte – glatt lächelnd, händereibend, liebenswürdig und Phrasen ausstreuend, wie eine Scribesche Lustspielfigur.

Die Ankunft der Posttasche unterbrach die Frühstücksarbeit. Das war immer ein Moment von einer gewissen Feierlichkeit. Man hörte draußen auf der Veranda den schweren Stapfschritt des alten Inspektors Bruhse, der die Mappe brachte. Der Wagen, der jeden Morgen mit den plombierten Milchkannen nach der Station fuhr, holte die Mappe auf der Post ab. Dann wurde sie Bruhse überliefert, wenn er zum Morgenrapport antrat, und Bruhse überreichte sie wieder, auf der Veranda wartend, dem alten Riedecke, der sie mit seinem feinen Lächeln Teupenscher Abstammung und kurzer Verneigung Tübingen präsentierte.

Aller Augen ruhten auf der schwarzen Ledertasche mit ihren abgescheuerten Ecken und ihrem runzlig gewordenen Ueberzug. Tübingen pflegte dadurch die Spannung zu verlängern, daß er die Mappe zuerst mit langsamen Bewegungen vor sich hinlegte und dann in allen seinen zahlreichen Taschen nach dem Schlüssel suchte. Und regelmäßig 32 fand sich dieser Schlüssel erst in der letzten Tasche. Aber ehe der Baron aufschloß, pflegte er die Mappe jedesmal noch genau zu besichtigen, wobei er nie zu bemerken unterließ: »Könnten uns auch 'mal bald eine neue gönnen!« Dann erst wurde sie geöffnet und ihr Inhalt dem Tageslicht übergeben.

Der war nun auch immer höchst interessant. Da gab es stets zahlreiche Kreuzbandsendungen, die hintereinander erbrochen und beiseite gelegt wurden; Ankündigungen von erprobten Düngemitteln, von Lotterieen, von landwirtschaftlichen Maschinen, Sämereien, Dachpappefabriken, Fischbrutanstalten, Ziegeleien und dergleichen mehr. Hierauf kamen die Zeitungen: die »Neue Preußische« und das »Wochenblatt der Johanniterballey Brandenburg« für den Grafen Teupen, die »Post« für den Hausherrn, das »Daheim« und »Quellwasser für das deutsche Haus« für Frau Eleonore. Endlich die Briefpost – das war die Hauptsache. Trudchen Palm rückte bereits ungeduldig auf ihrem Stuhle hin und her. Sie hatte eine ausgebreitete Korrespondenz. Mit ihren Pensionsfreundinnen schrieb sie sich wöchentlich, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht selbst einen Brief erhielt, auf rotem, gelbem, safranfarbigem, grünem und blauem Papier und zuweilen in ganz winzigen Couverts, zuweilen auch in schmalen und länglichen, von der Form eines geplätteten Glacéhandschuhs. So ein Brief kam beispielsweise heute an, und er war auch leicht parfümiert und die Marke darauf saß nicht an gewöhnlicher Stelle, sondern hinten auf der Verschlußseite, quer geklebt.

»I Gott bewahre,« sagte Tübingen, Trude den Brief über den Tisch reichend, »was ist das wieder für ein unbändiges Format! Und dann möchte ich wohl wissen, warum Ihre Freundinnen so eine besondere Vorliebe für ein irreguläres Aufkleben der Freimarken haben! Manchmal rechts 33 und manchmal links und manchmal in der Mitte des Couverts und heute gar hinten. Das muß doch notgedrungen den abstempelnden Postbeamten in Verwirrung bringen, was im Interesse des Königlichen Dienstes und auch der briefempfangenden Menschheit eigentlich vermieden werden sollte. . . .«