Das "eigentliche Element" - Wolfgang Sofsky - ebook

Das "eigentliche Element" ebook

Wolfgang Sofsky

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Opis

In seinem Kursbuch-Aufsatz "Das 'eigentliche Element'" verfolgt Wolfgang Sofsky die Frage nach dem Ursprung scheinbar unmotivierter Bosheit. Er verfolgt hierbei einen Ansatz, der Selbsttäuschung zur kreativen Kraft erklärt, die unmoralisches Handeln erlaubt.

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Wolfgang Sofsky

Das »eigentliche Element«

Über das Böse

Kürzlich wurden eine 50 Jahre alte Frau und ihre 85 Jahre alte Mutter wegen Misshandlung ihres Hausmädchens verhaftet. Sie hatten auf die Angestellte mit einem Messer eingestochen und anschließend die Hunde auf das Mädchen gehetzt. Der Kopf war von Schlägen gezeichnet, der Körper von Bisswunden übersät. Die 15-Jährige war von einer Agentur illegal an die begüterte Hausbesitzerin vermittelt worden.

Sechs Männer fahren in einem Bus mit abgetönten Scheiben durch die Stadt und nehmen ein junges Paar auf. Den 28-jährigen Mann schlagen sie mit einer Eisenstange bewusstlos. Anschließend fallen sie gemeinsam über die junge Frau her und traktierten ihren Körper mit der Stange. Der Jüngste reißt ihr die austretenden Eingeweide aus dem Leib. Schließlich werfen sie die Opfer auf die Straße und versuchen, sie zu überfahren. Zwei Wochen später erliegt die Frau ihren Verletzungen, der Hauptangeklagte wird Monate später erhängt in der Haftzelle gefunden, vier Mittäter werden zum Tode verurteilt.

Ein junger Mann wird nachts sturzbetrunken von seinen Freunden auf einen Stuhl vor einem Lokal gesetzt. Wenig später reißt ein Passant den Stuhl weg und tritt auf den Liegenden ein. Schließlich sind es sechs Täter, die den Wehrlosen mit Fußtritten und Schlägen malträtieren. Zwei Tage darauf stirbt das Opfer. Monate später wird der Haupttäter zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, die fünf Mitprügler erhalten bis zu 32 Monaten Haft. Feixend verlassen sie den Gerichtssaal.

Verleugnung

Die Existenz des Bösen ist unübersehbar. Es genügt ein Seitenblick auf aktuelle und historische Verbrechen, um sich von dem Glauben an den guten Kern des Gattungswesens zu verabschieden. Weder durch Instinkte oder genetische Programme noch durch soziale Umstände oder seelische Neigungen ist die Spezies so festgestellt, dass Untaten nicht jederzeit, an jedem Ort möglich wären. Für böse Überraschungen ist der Mensch immer gut. Wegen seiner Offenheit kann er sich ärger aufführen als jede Bestie. Daher bedarf er der Moral, mit der er sich im Zaume hält. Moral ist nicht dazu da, ein gutes Leben zu sichern oder das Glück zu befördern. Ihre erste Aufgabe ist, die Verletzungsmacht des einen über den anderen einzudämmen. Moral ist ein Schutzwall vor Übergriffen, ein Bollwerk der negativen Freiheit.