Covent Garden Ladies: Ein Almanach für den Herrn von Welt - Rubenhold Hallie - ebook

Covent Garden Ladies: Ein Almanach für den Herrn von Welt ebook

Rubenhold Hallie

0,0

Opis

Ein gescheiterter Dichter, ein gefallenes Mädchen und ein Notizbuch voller schlüpfriger Details. Spannend wie ein Roman steigt dieses Debüt in die Londoner Halbwelt des 18. Jahrhunderts hinab. Mit "Covent Garden Ladies" hat Hallie Rubenhold ein wichtiges Stück Sozialgeschichte und ein schillerndes Porträt der georgianischen Gesellschaft geschrieben.AUTORENPORTRÄTHallie Rubenhold, wurde 1971 als Kind britischer Eltern in Los Angeles geboren. Sie studierte Geschichte und Kunstgeschichte in den USA und Großbritannien. Bevor sie sich für eine Laufbahn als Autorin entschied, war Hallie Rubenhold als Universitätsdozentin für Geschichte und Kuratorin der National Portrait Gallery in London tätig. Hallie Rubenhold lebt in Muswell Hill, London.-

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 575

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Hallie Rubenhold

Covent Garden Ladies

Ein Almanach für den Herrn von Welt

Aus dem Englischenvon Clemens Brunn undMaximilien Vogel

Saga

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Als die englische Originalausgabe dieses Buches im Frühjahr 2005 erschien, konnte ich nicht vorhersehen, dass Covent Garden Ladies einen solchen Erfolg haben würde. Mit Freude stellte ich in den wenigen seither vergangenen Jahren fest, dass die Geschichten der vergessenen Frauen von Covent Garden und ihres Lebens im 18. Jahrhundert sehr viele Leser zu bewegen vermochten. Bemerkenswerterweise hat das Buch die Anregung zu einer Gemäldeausstellung und zu einer Fernsehdokumentation gegeben und bildete den Ausgangspunkt für die Historienserie City of Vice des Senders Channel 4. Doch habe ich überhaupt nicht daran gedacht, dass diese stark London-zentrierte Geschichte auch die Fantasie nichtbritischer Leser in ihren Bann schlagen könnte.

Es hat mich sehr geehrt, als Wolf-Rüdiger Osburg vom Osburg Verlag mit dem Wunsch nach einer deutschen Übersetzung an mich herantrat. Er hatte erkannt, dass das Drama, die Tragödie und Komödie, von Covent Garden Ladies nicht nur von einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit handelt, sondern darüber hinaus auch vom menschlichen Wesen überhaupt. Ich möchte ihm wie auch meinen Übersetzern Clemens Brunn und Maximilien Vogel sowie meinem Lektor Bernd Henninger dafür danken, dass sie diese deutsche Ausgabe möglich gemacht haben.

Hallie Rubenhold

London, 15. Dezember 2008

Kapitel 1

Der Vorhang öffnet sich

Auch wenn der Ort vielleicht nicht wiederzuerkennen ist – wir befinden uns in Covent Garden. Der Anblick wirkt wohl etwas unvertraut, ohne das Markthallengewölbe aus Stahl und Glas und ohne all den Touristentrubel. Es gibt keine Straßenmusikanten, keine Fahrradrikschas und auch keine Läden, die billigen Plastikkrimskrams verhökern. Mitte des 18. Jahrhunderts ist da nur der unverbaute, nackte Platz mit Pflastersteinen, Schmutz und offenen Abwasserkanälen.

Es herrscht ein buntes Treiben, selbst schon im ersten Morgenlicht. Um diese frühe Stunde brummt der Platz vor Londoner Leben. Obst- und Gemüsehändler, Fuhrmänner, Balladensänger, Scherenschleifer und Milchmädchen umwogen einander im täglichen Reigen ihrer Arbeit. Unter breitkrempigen Strohhüten balancieren Frauen mit roten Ellbogen fruchtgefüllte Körbe auf ihren Hüften. Männer schuften in wollenen Gehröcken oder Lederschürzen, den Dreispitz über die schläfrigen Augen gezogen. Barfüßige Kinder jagen Hunde. Alte Männer humpeln an behelfsmäßigen Stöcken, die genauso krumm sind wie ihre Rücken. Die zahnlosen, runzligen Frauen sind viel jünger, als sie aussehen. Viele aus den Reihen derer, die – gegen die Morgenkälte dick eingemummt – zum Feilschen hierhergekommen sind, gehören zum Heer der Londoner Dienstboten. Mit schwer gefüllten Körben werden sie zu den Häusern ihrer Arbeitgeber zurückgeeilt sein, noch bevor Herr und Herrin aus den Federn sind.

Natürlich hat dieses Fest fürs Auge auch Nase und Ohr etwas zu bieten. Der mit frischen und faulenden Produkten vollgestapelte Markt verströmt den süßlichen Geruch von Kohl und Äpfeln. Auch die feuchte Schärfe von Pferdeäpfeln lastet überall, genauso der gelbe Kohlenrauch und der Duft von brennendem Holz. Die eher unvermuteten Odeurs jedoch dünsten die trüben Pfützen aus. In Ermangelung eines funktionierenden Abwassersystems stöhnt London unter dem eigenen Gestank. Die Wohlhabenden haben ein besonderes Geschick darin entwickelt, die jähen olfaktorischen Angriffe durch den Hauch von Verwesung und menschlicher Exkremente abzuwehren, indem sie ihre Nasen hinter parfümierten Taschentüchern und Blumensträußchen verstecken. Die Armen wiederum haben schlicht gelernt, mit diesen Unannehmlichkeiten zu leben. Seit langem hat die arbeitende Klasse entdeckt, dass ein Lied helfen kann, Not und Entbehrung zeitweise vergessen zu machen, und ihre Weisen erfüllen die Luft. Viele der auf dem Platz gepfiffenen oder gesummten Melodien waren zuvor in einem der beiden umliegenden Theater zu hören. Musik ist eine tragende Säule der Abendunterhaltung im Covent Garden Theatre am Ostrand des Platzes wie auch im konkurrierenden Theatre Royal in der Drury Lane. Seit je ist dieser Teil der Stadt, bei Tag und bei Nacht, ein Ort der Instrumente und Stimmen gewesen. Wenn die Bühnenlichter gelöscht sind, stimmt stattdessen der Markt sein Konzert von Klängen an. Straßenverkäufer schreien ihre Waren aus, ihre Rufe fließen misstönend ineinander. Zwischen dem Singsang ihrer Aufforderungen zum Kauf von Quitten und Apfelsinen schäkern und scherzen sie, fordern einander übermütig heraus. Andere Arten von Musik überlagern ihre Verkündigungen – das städtische Geklapper von Pferdehufen, das Quietschen und Aufschlagen von Holzrädern, zuschlagende Türen, rollende Fässer, plärrende Säuglinge, das Quieken und Brüllen von Tieren. Es gibt keine leise tickenden Maschinen, keinen Strom und keine automatisierten Abläufe, die Mensch und Vieh die Arbeiten abnehmen würden; nur das Ächzen und Schwitzen der Kreatur.

Bei aller Geschäftigkeit des Marktplatzes erschöpft sich die Bedeutung von Covent Garden indes keineswegs im emsigen Treiben des morgendlichen Handels. Nicht jeder kommt hierher, um die Früchte für Pasteten und Desserts zu kaufen. Wenn sich der Morgen in den Nachmittag wandelt und die Verkäufer ihre letzten Waren an den Mann gebracht haben, erwacht allmählich das lukrativere Gewerbe des Platzes, und das Zentrum des Geschehens verlagert sich vom umzäunten Gemüsehandel in der Mitte hinter die Steinfassaden der Randgebäude.

Nach Norden eröffnet sich der Blick auf einige der berüchtigteren Lokalitäten. Ganz im nordöstlichen Winkel liegt, leicht vom Arkadengang verdeckt, einer der Hauptschauplätze unseres Geschehens. Unter einem prächtigen, frei hängenden Kneipenschild, auf dem das Konterfei von Englands berühmtem Barden prangt, befindet sich der Eingang zu einem Wirtshaus, das als »The Shakespear’s Head« bekannt ist. Die schändlichen Details über die Vorgänge in seinen dämmrigen Zimmern wollen wir für später aufheben. Nebenan, südlich vom Shakespear’s Head, befindet sich das Bedford Coffee House, ein um ein winziges Quäntchen reputableres Etablissement. Seine distinguierte Klientel aus Literaten- und Theaterkreisen, die ihm ein gewisses modisches Flair verleiht, erhebt dieses Haus minimal über den zweifelhaften Leumund seines Nachbarn. Gegenüber vom Shakespear, nach Norden hin, befindet sich das vornehme Haus der Kupplerin Mrs. Jane Douglas. Die Betrunkenen aus den Gasthäusern sorgen dafür, dass Mutter Douglas’ Mädchen die Kunden nie ausbleiben, und so blüht das Geschäft bis weit in die 1760er Jahre hinein. In späterer Zeit richten die Damen des Kupplergewerbes ihr Augenmerk dann auf die schickeren Viertel: zunächst Soho, dann St. James’s, Mayfair und Piccadilly. Im Augenblick jedoch geht das Geschäft recht gut für Jane Douglas und ihre Zunftschwestern von Covent Garden, die es sich in diesem sündigen Winkel eingerichtet haben. Auch die Inhaber von Haddock’s Bagnio, direkt südlich der Ecke Russell Street ebenfalls am Platz gelegen, können sich nicht über magere Umsätze beklagen. Dass man hier unter einem Dach ein türkisches Bad, eine Mahlzeit und die Gesellschaft einer käuflichen Dame genießen kann, ist eine neue Attraktion, die in adligen Kreisen gut ankommt. Jede Nacht kann man diese Herrschaften zwischen Haddock’s und der benachbarten Bedford Arms Tavern (nicht zu verwechseln mit dem Bedford Coffee House oder der Bedford Head Tavern in der Maiden Lane) herumtorkeln sehen. In puncto fleischliche Zerstreuungen ist hier also fürwahr viel geboten, und so ist es auch verzeihlich, wenn man darüber die Pfarrkirche St. Paul’s Covent Garden in all ihrer strengen Schönheit übersieht, die die Westseite des Platzes einnimmt. Von hier aus hat sie seit über hundert Jahren schweigend das Geschehen verfolgt.

Doch auch unter dem strafenden Blick von St. Paul’s scheint sich der Platz mit dem sündigen Treiben bestens arrangiert zu haben. Im näheren Umkreis drängen sich noch viele weitere liederliche Etablissements; alle benachbarten Straßen sind regelrecht verseucht mit Bordellen, wüsten Spelunken, lärmenden Kaffeehäusern und unzähligen billigen Absteigen für die »arbeitenden Damen«. Die berüchtigsten Meilen sind Bow Street, Drury Lane und Brydges Street im Osten des Platzes. An der Ecke von Brydges Street (der heutigen Catherine Street) und Russell Street liegt The Rose, das Konkurrenzhaus des Shakespear’s Head; ein unzüchtiger und schändlicher Ort, wo sich »Posiermädchen« nackt auf den Tischen räkeln. Hier fliegen Gläser und Bierkrüge durch die Luft, Menschen werden Augen ausgeschlagen und die Nasen gebrochen. Gewiss kein Hort der Sicherheit, doch das sind auch die nächtlichen Straßen nicht. Die großen Verkehrsadern wie die engen Gassen sind das Revier der Wegelagerer und Straßenräuber. Selbst die engelsgesichtigen jungen Fackelträger, die anbieten, den Nachtschwärmern heimzuleuchten, stecken oft mit den Räubern unter einer Decke. In diesem Teil Londons versucht man mit allen erdenklichen Mitteln zu bekommen, was man kriegen kann. Mit der Welt von Covent Garden vertraute Gentlemen behalten ihre Uhr immer im Auge und eine Hand an der Geldbörse, wenn sie sich der Dienste der dortigen Damen erfreuen.

So überraschend es scheinen mag: Direkt im Herzen dieser Sündenmeile, eingekeilt zwischen einem Bordell und einem Schankhaus, hat der Arm des Gesetzes sein lokales Hauptquartier. Hier herrscht Richter John Fielding, bis zu dessen Tod im Jahr 1754 an der Seite seines federführenden Bruders Henry. Eine Polizei, wie wir sie kennen, gibt es nicht. Die Nachtwächter sind zu kaum etwas nütze und leicht zu bestechen. Dennoch ist Richter Fielding entschlossen, dem Verbrechen die Stirn zu bieten, und hat eine Truppe von acht Männern eingestellt – die Sondereinsatzgruppe der »Bow Street Runners« –, um Gesetzesbrechern das Handwerk zu legen. Bisher vermochten sie noch nicht viel zu ändern. Covent Garden ist ein Paradies für Schurken.

Die ursprünglichen Bewohner hätten sich die Zukunft ihres Viertels sicher etwas anders vorgestellt. In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts hatte der vierte Earl of Bedford den Architekten Inigo Jones damit beauftragt, eine vornehme Piazza im italienischen Stil anzulegen. Anfänglich hatte hier der höhere Adel seine Londoner Wohnungen, aber nach der Eröffnung des Theatre Royal 1663 begann es mit der ganzen Gegend bergab zu gehen. Das stets sittenlose Theater und seine Schauspielertruppen brachten den Pöbel, und der Pöbel liebte das Trinken und Huren, zumindest erzählt man sich’s so. Gleichwohl bestätigt schon ein kurzer Blick über den Platz und die umliegenden Straßen, dass auch der Adel die Ausschweifung genauso liebt wie jedermann sonst. Ohne Frage war es nicht zuletzt dessen Geld, was Covent Garden zu seinem Wohlstand verhalf. Als der Obst- und Gemüsemarkt 1670 seine Stände aufschlug, florierten die Kuppelgeschäfte der Frischfleischlieferanten bereits.

So wie der Morgen in Covent Garden Marktzeit ist, ist die Nacht die Zeit, um andere Waren anzupreisen. Wenn am Abend die Lampen angezündet werden und die Bogenfenster der Kaschemmen und Kaffeehäuser in schummrigem Orange erglühen, zeigt der Platz sein geschminktes Gesicht. Man hört Lachen und Johlen, es werden Streiche gespielt und Hiebe ausgeteilt. Wände und Dielenbretter erbeben unter den Regungen hastiger Begattung. Kinder werden gezeugt und beim Kartenspiel Vermögen verloren. Männer wie Frauen erliegen den Verlockungen von Gin, Wein, Bier und Branntwein. Manche sacken unter die Tische, andere erbrechen sich auf ihre Kleider. Vielen werden die Taschen geplündert. Das Streben nach Vergnügen ist der größte Gleichmacher der Gesellschaft, bringt die Söhne von Herzögen mit den Töchtern von Schneidern und mit brotlosen Künstlern zum Zechen zusammen. Die wohlhabenden Kaufleute der Stadt, Offiziere, Anwälte, Maler und gemeine Kriminelle begegnen sich frei und ungezwungen. Bedenkt man, dass Großbritannien ganz und gar vom Unterschied der Klassen bestimmt ist, passiert in Covent Garden wahrhaft Erstaunliches. Das finden auch diejenigen, die selbst Zeuge davon werden, wie die folgenden Zeilen eines anonymen Dichters belegen:

Here buskin’d Beaus in rich lac’d Cloathes

Like Lords and Squires do bluster;

Bards, Quacks and Cits, Knaves, Fools and Wits

An Odd surprising Cluster.

Gestiefelte Gecken, die in prächtigen Schnürkleidern stecken,

Protzen hier, als wär’n sie Baron oder Gutsherr vom Lande;

Philister, Medikaster, Dichtmeister; Schurken, Narren und Schöngeister

Eine erstaunenswürd’ge, gar sonderliche Bande.

Die eine oder andere Berühmtheit des 18. Jahrhunderts verleiht dieser »erstaunenswürd’gen, gar sonderlichen Bande« einen zusätzlichen Glanz. Im Bedford Coffee House oder in Charles Macklins Piazza Coffee House kann man schon mal David Garrick begegnen, dem prominentesten Schauspieler seiner Zeit, tief ins Gespräch vertieft mit Dr. Samuel Johnson, dem gefeierten Lexikografen. Auch Samuel Foote lässt sich blicken, einen Pulk ambitionierter Aktricen und Stückeschreiber im Schlepptau, unter ihnen zweifellos auch Samuel Derrick – doch von dessen Geschicken später mehr. Sobald er mit Foote fertig ist, wird Derricks nächste Anlaufstelle dann höchstwahrscheinlich Ned Shooter sein, den jemand Arm in Arm mit der Tänzerin Nancy Dawson gesichtet hat. Es gibt noch keine Paparazzi mit langen Teleobjektiven auf der Jagd nach dem perfekten Schnappschuss – was für ein leichtes Leben müssen die damaligen Superstars doch gehabt haben!

An so einem Abend auf der Piazza könnte dem Beobachter auch auffallen, dass die Zahl der Männer die der Frauen bei weitem übersteigt. Echte Damen sind hier zu so später Stunde überhaupt nicht zu finden. Selbst diejenigen, die in ihren eleganten Hüten und ihrem glitzernden Schmuck einen durchaus ehrenwerten Eindruck machen, sind nur die erfolgreicheren Vertreterinnen der »gefallenen Schwestern«. Die Gesellschaft hat viele Namen für jene befleckten Damen, die ihre kostbare Tugend und ihre körperliche Unantastbarkeit geopfert haben, um den Männern der Nation dienstbar zu sein. Man kennt sie unter anderem als »Straßenmädchen«, als »Dienerinnen der Cypria« oder der »Aphrodite«, als »die Unreinen«, als »leichte Mädchen«, »Thaïse«, »Kokotten«, »Halbweltdamen«, »Kurtisanen« und »Hetären«, als »Lohndirnen« und »Freudenmädchen«, als »Venuspriesterinnen«, »Nymphen«, »Schlumpen«, »Vetteln«, »Födeln«, »Luppen«, »Mähren«, »Zaupen« und »Buhlerinnen«, als »gefallene Frauen«, »Metzen« und »Schandhuren«. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Orten und Verhältnissen. Manche wurden in die Prostitution hineingeboren, so wie Charlotte Hayes, eine Venusgeweihte, die in diesem Buch eine große Rolle spielen wird. Andere beginnen sozusagen als Seiteneinsteigerinnen: Waisenkinder, verführte Dienstmädchen, arme Näherinnen, ausgebildete Putzmacherinnen, vielversprechende Nachwuchsschauspielerinnen, Vergewaltigungsopfer. Sie kommen aus London und von überall sonst, aus den entfernteren Grafschaften und aus Schottland und Irland. Selbst von den amerikanischen Kolonien oder den westindischen Inseln her wurden einige an die englischen Küsten gespült, andere hat es von Frankreich, Italien, Deutschland oder den Niederlanden in die britische Metropole verschlagen. In der Einwandererstadt London bilden sie einen bunten Querschnitt der verschiedenen Rassen und Völker.

Entgegen der landläufigen Meinung haben viele der in Covent Garden arbeitenden Damen ihr Leben nicht an den Hungerpfoten der Armut saugend begonnen. Im 18. Jahrhundert ist der Lebensstandard des Einzelnen nichts Fixes, da gibt es keine Garantien. Man kennt keine Sozialhilfe, keine Arbeiterrenten, kein Arbeitslosengeld, keine Zahlungen im Fall der Erwerbsunfähigkeit. Wer seine Arbeit verliert, hat nichts zu beißen. Wer essen will, muss arbeiten bis an den Tod. Nicht einmal Gesellschaftsreformer hätten vom Konzept der nationalen Gesundheitsfürsorge zu träumen gewagt. Es ist eine schwierige Zeit für die Bewohner von London: Auf allen Ebenen – im Wirtschaftlichen, Gesellschaftlichen, Politischen – vollzieht sich ein Wandel. Britannien steht kurz davor, ein altes Imperium in Amerika zu verlieren und in Indien ein neues zu gewinnen. Rohstoffe strömen ins Land, und die Auslagen der Läden sind mit immer mehr nützlichen und interessanten Gütern dekoriert. Monat für Monat scheinen neue Gebäude, Straßen und Plätze aus dem Boden aufzutauchen. Es ist, als liege das Geld auf der Straße, aber man sollte sich nicht täuschen lassen: Die demütigenden Auflistungen der Bankrotteure in den Zeitungen erzählen eine andere Geschichte. In London wimmelt es von Spekulanten und Schuldnern, und nicht wenige Mittelstandsfamilien treibt die Last der Darlehensrückzahlungen in den Ruin. Dem Druck, immer das Neueste zu haben, kann sich keiner entziehen. Jedermann will in den schönsten Kleidern prunken und sein Haus mit Statussymbolen ausstaffieren, aber schon die Mietkosten zu bestreiten, kann schwer werden, und unversehens klettern die eigenen Schulden in astronomische Höhen. (Könnte vertraut klingen, nicht?)

Dem Mittelstand anzugehören, ist zu Beginn der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein relativ neues Phänomen, und noch bilden diese Leute eine seltsam zwiegesichtige Gesellschaftsgruppe. Die ganz oben sind oft so reich wie der Adel. Die in der Mitte und unten – kleine Ladeninhaber, Handwerksmeister, Apotheker, Verleger, Schullehrer, der niedrige Klerus – müssen die meiste Zeit mächtig strampeln, um nicht den Anschluss zu verlieren. Diese »vom sozialen Abstieg gefährdete Mittelschicht« und jene Familien, die einen sehr schwankenden Platz am unteren Ende der Stufenleiter des Erfolgs einnehmen, treten so manche aus dem Kreis ihrer Töchter an die exklusiveren Bordelle der Hauptstadt ab. Mangelnde finanzielle Sicherheit bedeutet, dass ein schlechtes Handelsjahr oder auch ein Brand, ein Rechtsstreit, eine unbesonnene Nacht am Spieltisch den Ruin bringen kann. Wenn »The Fleet«, Londons großes Schuldgefängnis, winkt, wandern das Porzellan, die Tischwäsche, die feinen Seidenwaren und allerlei Möbelstücke häufig ins Pfandleihhaus. Eine Familie, die zuvor den Luxus eines eigenen Hauses genossen hat, muss nun vielleicht in zwei Zimmern zur Miete unterkommen. In einer solchen Talsohle bedarf es oftmals nur eines kleinen Fehltritts zum Abgleiten in die Kriminalität. Möglich, dass diese unglücklichen Leute im Folgejahr ihr Vermögen wiedergewinnen, ihre Güter zurückholen und wieder in ihr Reihenhaus einziehen. Ebenso möglich aber auch, dass sie immer tiefer in das Heer der Armen hinein absinken.

Es gibt im 18. Jahrhundert nichts Schlimmeres, als arm zu sein. Wir zartfühlenden modernen Menschen vermögen uns, wenn wir nicht gerade Gelegenheit hatten, bestimmte Teile Asiens, Afrikas oder Südamerikas zu bereisen, die harten Realitäten eines Lebens im Stande der Armut kaum auszumalen. Wirkliche Armut bedeutet, immerzu gegen die durch Unterernährung begünstigten Krankheiten anzukämpfen. Sie bedeutet ständigen Hunger, körperliches Unbehagen und entsetzliche Lebensbedingungen. Sie bedeutet, das Bett nicht nur mit anderen ungewaschenen Menschen zu teilen, sondern auch mit Ratten, Mäusen, Läusen, Flöhen und Wanzen; bedeutet, die schneidende Kälte durch zerlumpte Kleidung zu fühlen und nicht einmal Unterwäsche zum Wechseln zu haben. Im London des 18. Jahrhunderts arm zu sein, heißt, nichts zu sagen zu haben, nicht wählen zu können, praktisch keinerlei rechtlichen Schutz zu genießen und niemals wahre Gerechtigkeit zu finden. Und ganz besonders heißt es, von den Höhergestellten gefürchtet und geschmäht zu werden. Von den einen wird man geringschätzig behandelt, als sei man kein menschliches Wesen, von den anderen erst gar nicht beachtet. Wer arm ist, kann leicht Opfer der Gewalt werden, und vermutlich sucht er seine arme Seele mit großen Mengen von billigem, oft gepanschtem Gin zu betäuben. Es ist eine menschenunwürdige, jämmerliche Existenz, in die sich nicht jeder willig ergibt. Harte Arbeit könnte helfen, sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, aber die meisten verfügbaren Stellen sind schlecht bezahlt. Ein Leben in Schande und Verbrechen bietet stets eine praktikable Alternative. Die Prostitution hilft vielen Frauen; dank ihrer können manche sogar bis in die höchsten Gesellschaftskreise aufsteigen. Taschendiebstahl, Raub, Einbruch, Hehlerei, Fälschung und das Verkuppeln wollüstiger Männer mit käuflichen Damen können ebenfalls recht profitabel sein, und ein Gleiches gilt fürs Falschspielen. Hat man das Pech, aus den untersten Schichten Londons zu stammen, bieten solche Betätigungen oft die einzige Hoffnung auf ein Überleben in dieser gnadenlosen Stadt.

Die Geschichte der Harris’s List of Covent Garden Ladies ist auch die Geschichte dieser Menschen, die im 18. Jahrhundert an den Rändern der Gesellschaft herumgeistern. An der Leiter des sozialen Aufstiegs finden sie stets nur einen schwankenden Halt, und in den »normalen« Kreisen der ehrbaren Gesellschaft werden sie nie wirklich akzeptiert. Unsere Hauptfiguren John Harrison (alias Jack Harris), Samuel Derrick und Charlotte Hayes sind Repräsentanten dieses Milieus. Hier hat das Schicksal für uns eine interessante Auswahl aus den kleinen Chargenspielern (man könnte auch sagen: den Ausgestoßenen) der Geschichte zu einem Lehrstück versammelt – der abgebrühte Kriminelle, der unbeirrte, aber verarmte Poet und die Tochter einer Bordellwirtin. Wenn wir uns ihre Lebensgeschichte vor Augen führen, dürfen wir nicht vergessen, dass ihre Charaktere genauso das Produkt ihrer Zeit sind wie wir das der unseren. Ihre Werturteile und Voreingenommenheiten entstammen einer Epoche, die weit weniger nachsichtig war als die unsere. Man sollte nicht in den gleichen Fehler verfallen, zu dem die Moralisten jener Ära neigten, und glauben, dass es ihre Schlechtigkeit war, was sie zu ihrem Handeln trieb – das würde bedenklich an jene einfältige Beschränktheit erinnern, die damals selbst kleine Taschendiebe an den Galgen von Tyburn brachte. Wir haben nun einen ersten Einblick in die Welt unserer Protagonisten erhalten, mit ihren unsäglichen Schwierigkeiten, den Grausamkeiten, Missständen und krassen Ungleichheiten. Im Herzen all dieser Menschen pochte ein unbändiges Verlangen, keine solchen Qualen dulden zu müssen, auch wenn dies paradoxerweise das Leid anderer bedeutete.

Vorneweg noch ein warnender Hinweis: Dies ist keine Geschichte, in der die Missetäter bestraft werden und die Ausgebeuteten Genugtuung erfahren. Wir haben es hier nicht mit dem sicheren, »vergoldeten« georgianischen Zeitalter der Privilegierten zu tun, wie es Jane Austen beschreibt. Sie und ihresgleichen blicken aus dem Inneren der Gesellschaft nach außen, und ihre Blicke reichen nicht bis in die dunklen Winkel einer ihnen fremden Welt hinein. Die aberwitzigen Biografien der Harris’s List können mit keiner erbaulichen Moral aufwarten, und auch zwischen den Deckeln dieses Buches wird sich nichts dergleichen finden lassen. Doch für ihre richtig guten Storys hält die Geschichte eben auch nur sehr selten solch eine bequeme Moral parat.

Kapitel 2

Die Legende von Jack Harris

Geboren wurde Jack Harris just in der Wiege der Illusionen: zwischen zwei Theaterhäusern. Nichts war so, wie es schien in Covent Garden, wo Schauspieler die Identität imaginärer Charaktere annahmen und maskierte Männer und Frauen anonym durch die vergnügungssüchtigen Scharen flanierten. Vor einer solchen Kulisse war es leicht, zu verschwinden oder ein anderer zu werden. Bis er stolz und leichtsinnig wurde, hatte sich Jack Harris nie direkt in den Glanz des Rampenlichts gestellt; nie hatte er jemanden ihn und seine Geschichte wirklich kennenlernen lassen. Er hatte sich gut versteckt gehalten, und das wenige, was er der Welt über sich enthüllte, war erstunken und erlogen.

Nach seiner aufsehenerregenden Verhaftung 1758 wollten plötzlich all jene, die ihn immer nur als einen vor den Kulissen von Covent Garden hin und her huschenden Schatten wahrgenommen hatten, seine Geschichte hören. In all den Jahren zuvor hatte zwar nie jemand ein sonderliches Interesse an ihm gezeigt, doch nun beschloss er, mit der Hilfe eines Schmierenjournalisten seine Geschichte nachzuerzählen und eine Erklärung für seine Verderbtheit zu liefern:

Schon lange bevor seine Eltern ihn in die Welt setzten, habe das Schicksal seine Familie zum Leiden ausersehen. Sein Vater, so gibt er an, stamme aus »einer angesehenen Familie aus Somersetshire«, habe jedoch das Unglück gehabt, als jüngerer Sohn ohne Erbe und mit mageren Aussichten geboren zu werden. Mit Harris’ Mutter schließt er eine Liebesehe, die denn auch prompt die Missbilligung seiner wohlanständigen Verwandten findet. Ohne Geld oder Posten ganz auf sich allein angewiesen, macht sich das junge Paar auf den Weg nach London, wo Harris senior durch »vielerlei Versprechungen großer Männer Ämter, Pfründe und Pensionen« in Aussicht gestellt worden sind. Er glaubt, als ein Spross der Landeigentümerklasse genügend Verbündete in der Regierung zu haben, auf deren Unterstützung er zählen könne. In der Hauptstadt angekommen, muss er jedoch leider feststellen, dass ihm die Türen verschlossen bleiben und dass Männer, die ihn zuvor ihrer Gunst versicherten, jetzt nur mit den Schultern zucken und ihm viel Glück bei den anderen wünschen. Als dann um 1725 Jack auf die Welt kommt, sind die Rücklagen der jungen Familie bald aufgebraucht. Um sich über Wasser zu halten, hat sein Vater keine andere Wahl, als zur Feder zu greifen. Befeuert durch seinen Zorn und das Gefühl, von jenen, die ihn mit falschen Hoffnungen nach London lockten, verraten worden zu sein, macht sich Harris senior in einer Serie wüster Beschimpfungen Luft und verabsäumt nicht, »ebenjene zu schmähen, die seine eigene Schmach so sehr befördert« haben. Von Geburt her ein Whig, beginnt Harris’ Vater nun auch, seine politische Positionierung zu überdenken. Wenn seine bisherigen Verbündeten unter der Aristokratie ihn nicht wollten, würde er eben die Seiten wechseln und sie aus den Reihen der Opposition attackieren. Von seinen angestammten Gesellschaftskreisen gemieden, macht sich Harris senior »unter den antiministeriellen Schreibern jener Zeit bald einen vielbeachteten Namen, und die Landpartei reihte ihn unter ihr Banner«.

Wiewohl Verleumdung durch strenge Gesetze geahndet wird, spottet Harris’ Vater der Gefahren einer erbitterten Gegnerschaft zum Kabinettsvorsitzenden Sir Robert Walpole. Sobald er einmal seine Feder gespitzt und Blut geleckt hat, fällt es ihm schwer, sie wieder niederzulegen, besonders da seine feindseligen Ergüsse ihm nun endlich Geld und die Unterstützung einiger vermögender Hintermänner einbringen. Der Horizont scheint sich für die Familie Harris wieder aufzuhellen, die nun in Erwägung zieht, ihrem ältesten Sohn eine standesgemäße Erziehung zukommen zu lassen. Dann aber – Vater Harris steht »bereits im Begriff, mich an die Westminster-Schule zu schicken« – nehmen die Ereignisse eine eher unvorhergesehene schlimme Wendung: Harris senior wird verhaftet.

Harris’ Vater hatte den fatalen Fehler begangen, sich Nathaniel Mist anzuschließen, einem berüchtigten Pfahl im Fleische des Establishments. Mist’s Weekly Journal, eine für ihr unverfrorenes, laut ausposauntes Jakobitentum bekannte verleumderische Publikation, rollte so lange von einer versteckten Druckerpresse, bis die Behörden sie 1728 schließlich aufspürten und kurz und klein schlugen. Auch wenn sie ihr gehöriges Pensum im Gefängnis und am Pranger zu leisten haben, setzen Mist und seine zahlreichen Kollegen die Veröffentlichung ihrer Schmähschriften fort, nun unter dem Mantel des Fog’s Weekly Journal. Eine Reihe von Razzien macht bald jedoch auch diesem Unternehmen ein Ende. Zu der Handvoll regierungsfeindlicher Schreiber, die im Zuge der Verhaftungen dingfest gemacht werden, gehört auch Harris’ Vater.

Wieder einmal erhofft sich Harris senior, nun in einem kleinen Gefängnisloch in der Nachbarschaft eingesperrt, in seiner Notlage Hilfe von seinen Freunden und politischen Verbündeten, doch keiner kommt. Jack erzählt: »Da niemand die Kaution stellte, blieb er mehrere Wochen dort in der Zelle. Kaum hatten sie von seinem Missgeschick Nachricht erhalten, ließen ihn all seine Genossen sogleich im Stich.« Sein Vater sei bald in eine unheilbar tiefe Depression gesunken. Und es wird alles nur schlimmer. Da die Behörden sein Verbrechen als sehr schwerwiegend betrachten, wird Harris senior ins King’s-Bench-Gefängnis verlegt und »zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren verurteilt«. Darüber hinaus wird »eine Geldstrafe von fünfhundert Pfund gegen ihn verhängt«, für Menschen in der Situation der Familie Harris eine erdrückend hohe Summe. Während dieser Zeit, Mitte der dreißiger Jahre, stattet Jack seinem Vater regelmäßig Besuche ab, »obzwar sein Wärter vorwandte, ausdrückliche Weisung erhalten zu haben, niemanden zu ihm zu lassen«. Rückblickend spricht Jack von der tiefen Wirkung, die es auf ihn gemacht habe, seinen Vater in einer so niedergeschlagenen und mitgenommenen Verfassung zu erleben. Harris senior war ein gebrochener Mann:

Sein Unglück hatte sein natürliches Gemüt zu einem solchen Grade verbittert, dass er zu einem ausgemachten Menschenfeinde geriet. Die schändliche Behandlung, die er von beiden Seiten erfahren, hatte ihm den größten Abscheu gegenüber allen eingeflößt, und er schien nun ob seiner Gefangenschaft vor Kummer zu vergehn, allein weil es ihm nun an jeder Gelegenheit gebrach, die Welt so zu hintergehen, wie diese zuvor ihn hintergangen.

Betrogen, entkräftet und krank, legt Harris senior seinem Sohn dringlich ans Herz, aus den Fehlern seines Vaters zu lernen und sich nicht an das Streben nach einem ehrlichen Leben zu verschwenden. Seine letzte väterliche Geste besteht darin, nach der Feder zu greifen, und seine Ratschläge zu Papier zu bringen. In seinem »Wholesome Advice to His Son for His Conduct in Life« (Hochnützlicher Fingerzeig für seinen Sohn, dessen Lebens-Conduite betreffend) fasst er all jene Gedanken zusammen, die er seinem Kinde bei ihrem Zusammensein in der Zelle vorgetragen hat. Da er kein Vermögen sein Eigen nenne, habe eine konventionelle Erziehung für ihn keinen Sinn, gemahnt Harris senior seinen Jungen. Zumindest habe er selbst die Erfahrung gemacht, dass es, wolle man »zu Geld kommen, kein größeres Hindernis« gebe, »als Bildung«. »Nein, mein Sohn«, fährt er fort, »ich habe dafür Sorge getragen, dich für ein ganz anderes Geschäft vorzubereiten«:

Willst du Reichtum erlangen, mein Sohn – studiere die menschlichen Leidenschaften; benutze sie. Strebt ein Mann ehrgeizig nach Ruhm – setze Himmel und Erde in Bewegung, um aus ihm den größten Patrioten aller Zeiten zu machen; aber sichere dir deine Belohnung, bevor du seiner Reputation den tödlichen Streich versetzt. Liebt er das Huren – so ist die Kuppelei ein blühendes Geschäft. Sie muss ein rechtschaffenes Gewerbe sein, sonst würde es so mancher, der es heute ausübt, nicht betreiben. Will er einen Sitz im Parlament – stimme für ihn, besteche für ihn, schwöre für ihn; nichts von alledem ist von Übel. Ein allzu gewissenhafter Mann mag Einwände gegen einen Eid haben, weil er falsch ist; doch könnte er ja auch wahr sein. Lies ihn nicht, und dann wirst du das auch nicht wissen; auch nehmen sie ihn dir so schnell ab, dass du ihn nicht verstehst, selbst wenn du es eigentlich könntest. Wenn dein Gönner die Karten liebt, übe die Geschicklichkeit deiner Hand und betrüge, was du kannst. Sei vorsichtig, lass dich nicht ertappen, und wenn es doch geschieht, so fluche und tobe, fordere zum Kampf und töte, dann ist deine Ehre wiederhergestellt. Dies wird jeden Tag sehr erfolgreich so gehalten; nichts wäscht den Schandfleck der Niedertracht besser ab, als das Blut des Mannes, gegen den du dich versündigt hast! Lass die Gewissenszweifel nicht die Überhand gewinnen. Will man es in der Welt zu etwas bringen, darf man von jenem Gut kein Körnchen im Leibe haben.

Auch wenn er über die Empfehlungen seines Vaters zunächst entsetzt ist, lernt Harris schließlich doch, die Logik hinter ihnen zu begreifen. Als ihm dieses Vermächtnis seines Vaters nach dessen Tod ausgehändigt wird, geht ihm die Eindringlichkeit seiner Botschaft tief zu Herzen.

Bei seinem Ableben hat Harris senior seiner Familie nichts als die Aussicht auf den Hungertod hinterlassen. Er hat auch die Saat des Lasters in seinen jüngsten Sohn gepflanzt. Gewappnet mit des Vaters Ratschlägen, die er »als mein einziges persönliches Besitztum« betrachtet, stürzt er sich kopfüber in eine kriminelle Karriere. Um das Vertrauen der Gesellschaft zu gewinnen, besteht sein erster Schritt darin, sich eine überzeugende Erscheinung zuzulegen, mit der passenden Kleidung und dem richtigen Auftreten, und in die Rolle eines ehrenwerten Gentlemans zu schlüpfen. Hierbei sind »Unkunde und Unverschämtheit, die ja fürwahr die Errungenschaften des modernen Menschen erst so groß machen, die einzigen Ansprüche auf diesen Rang«, die er geltend machen kann. Leider bedarf es, wie er einräumt, einiger minder erfolgreicher Anläufe, bis er seine wahre Berufung entdeckt. Zuerst trifft er Anstalten, ein Politrabauke und Beutelschneider zu werden, der vom Eintreiben von Bestechungsgeldern lebt. Für diesen Zweck habe er »ein Haus in Westminster bezogen, in der Hoffnung, durch Wahlen mein Vermögen zu machen. Da aber zunächst keine allgemeinem Wahlen folgten, musste ich, nebst meinem Hause, all meine diesbezüglichen Hoffnungen aufgeben.« Daraufhin versucht Harris sein Glück als Falschspieler und übt sich in der Kunst, wie man »beim Spiel betrügt«, muss aber zu seinem großen Bedauern feststellen, dass es ihm »wenig fruchtet«, da er »im Rechnen unbegabt und in den Zahlen nicht firm« ist. Kurze Zeit später erkennt er dann irgendwann, wo seine eigentlichen Begabungen liegen. Dienstfertig gibt das Schicksal seinem vorbestimmten Lebensweg endlich die seiner Persönlichkeit entgegenkommende Wende, so dass ihm sein wahres Ziel in den Blick tritt. »Die Natur«, verkündet er rundheraus, »hat mich zum Kuppler geschaffen.«

So weit Harris’ traurige Geschichte. Jene, die sie nach ihrem Erscheinen im Rahmen der Memoirs of the Celebrated Miss Fanny Murray gelesen haben, dürften dem aufrichtig-ernsten Tonfall des Erzählers sauber auf den Leim gegangen sein. Es war eine Geschichte, die gut zur seiner angenommenen Identität passte, seiner Legende Leben und Substanz gab. Da Jack Harris es freilich generell vorzog, ein unauffälliges Leben zu führen, er das helle Licht der Öffentlichkeit scheute und sich lieber im fahlgelben Kerzenschein der Schankhäuser aufhielt, waren diese wenigen Schnipsel alles, was die meisten seiner Kunden je über ihn erfahren haben. Nur einige wenige kannten die Wahrheit. 1779, zwanzig Jahre nach Drucklegung von Jack Harris’ Lebensbeichte, entschloss sich ein altes und gereiftes Mitglied des libertinen Hellfire-Clubs die Nebel der Ungewissheit ein für alle Mal zu zerstreuen. In Nocturnal Revels, seiner Chronik der Londoner Dirnenhalbwelt, geht er mit der Legende ins Gericht: »Ein Mann namens Harris (wie er genannt wird), ein Kuppler, existiert nicht, und es hat ihn vermutlich überhaupt nie gegeben.« Er hatte natürlich recht. Harris hieß eigentlich John Harrison, und seine Lebensgeschichte unterscheidet sich beträchtlich von jener, die er um seinen Decknamen herum erfand.

Anders als Harris verbrachte Harrison eine ausgesprochen unspektakuläre Jugend. Geboren wurde er als Sohn von George Harrison, Inhaber in spe der Bedford Head Tavern in der Maiden Lane, einer Straße, die die Randbezirke des Covent-Garden-Areals gerade noch streifte. Auch wenn sich John Harrison schwerlich brüsten konnte, aus einer Familie von Gutsbesitzern zu stammen, gibt es doch einige wenige entfernte Parallelen zwischen den beiden Lebensgeschichten. So gehörte etwa auch die Familie Harrison, wie die von Harris, zur Zeit von Johns Geburt offenbar noch nicht zur Kirchengemeinde von St. Paul’s, Covent Garden. Als das Bedford Head (eines von mehreren Bierhäusern dieses Namens im Umkreis) 1740 seine Türen öffnete und Harrison senior dessen Eigentümer wurde, muss John bereits ein kleines Kind gewesen sein. Die Schenke mit ihrer frisch geschnitzten hölzernen Innenausstattung war damals ein nagelneues Lokal und noch nicht durch beißenden Kohlenrauch, den säuerlichen Gestank von Alkohol und die Ausdünstungen menschlicher Körper verunreinigt. Für einen Wirt war kaum ein Ort so gut zur Eröffnung eines Gasthauses geeignet wie Covent Garden. Hier konnte er das frei zirkulierende Reservoir sorglos verschleuderter Lohnzahlungen und geerbten Vermögens anzapfen und für sich selbst ein sauber erworbenes Einkommen erwirtschaften. Da Wirtshäuser im 18. Jahrhundert in der Regel als Familienbetriebe geführt wurden, ist es gut möglich, dass die Harrisons bereits seit Generationen im Zapfgewerbe tätig waren und auch schon zuvor ihr Geschäft irgendwo im näheren oder weiteren Umkreis des Platzes betrieben hatten. Doch wo immer sie auch lagen, die Londoner Gasthäuser waren zumeist sicher keine ideale Kinderstube, um rechtliebende junge Menschen mit einem ausgeprägten Gewissen heranzuziehen. In Schmutz und Schmuddel der Schankstube wird der junge John Harrison schon durch eigene Beobachtung viel über die gewalttätige und wollüstige Welt gelernt haben, in die er da hineingeboren war.

Als Kind eines Kneipenbesitzers musste er sicher auch früh anfangen, im Betrieb mitzuhelfen. Seine erste klare Funktion im Bedford Head wird die eines Bierjungen oder einer allgemeinen Aushilfe gewesen sein – jemand, der den Gästen ihre Getränke bringt und leere Krüge und Geschirr wegträgt. Da Lesen, Schreiben und Rechnen ebenfalls als zum Betreiben eines Gasthauses erforderliche Fähigkeiten betrachtet wurden, erhielt ein Wirtssohn auch eine gewisse Schulbildung, höchstwahrscheinlich durch eine nahe gelegene Armenschule. Sein wirklich nützliches Wissen eignete er sich jedoch vorwiegend an, indem er seinen Vater oder irgendein anderes älteres männliches Familienmitglied bei der Erledigung der unerlässlichen Aufgaben ihres Gewerbes begleitete. Wenn er nicht am Zapfhahn aushalf oder seine Einnahmen zählte, wird George Harrison seinen Betrieb aus dem Hintergrund überwacht haben. Er beaufsichtigte die Arbeit der Kellner, die sich, mit Bier beladen, von Tisch zu Tisch plagten, und verdächtige Subjekte behielt er sorgsam in seinem prüfend zusammengekniffenen Auge. Sobald er das entsprechende Alter erreicht hatte, konnte John seinem Vater in diesen Aufgaben assistieren, um schließlich als Vollmitglied in die Reihen des treusorgenden männlichen Bedford-Head-Bedienpersonals aufgenommen zu werden. Als einfacher Tischkellner wird der junge Harrison gegenüber der Kundschaft seines Vaters die Rolle des beflissenen Dieners eingenommen haben. Wenn er sich alle Mühe gab, ihr Verlangen nach Speis und Trank zu befriedigen, konnte er auch eine Belohnung in Form von Trinkgeldern erwarten und sich ein paar Pennys verdienen, indem er den feinen Herren ehrerbietig Teller voll Fleisch und mit Portwein gefüllte Gläser auftrug. Doch wird er bald gelernt haben, dass er mit der Befriedigung ihrer weniger legalen Wünsche viel erklecklichere Summen einheimsen konnte.

Dass die Bedford Head Tavern ein Familienbetrieb war, bedeutet nicht, dass sie auch ein ehrbares Haus war. Nichts weist darauf hin, dass sie sich eines besseren Leumunds erfreute als die Etablissements nebenan; all jene berüchtigten Kaschemmen, die die Maiden Lane verschandelten. Nur ein paar Türen vom Bedford Head die Straße hinunter schwärte eine stinkende Pestbeule von einem Schankhaus: Bob Derrys Cider Cellar. Bob Derry, seine Frau und Tochter nebst Schwiegersohn hatten ihre liebe Not, den in ihre widerliche Lasterhöhle ein und aus strömenden dichten Verkehr der vom Trunk getriebenen Zecher zu regulieren. Räumlichkeiten und Ausstattung von Derrys »Apfelweinkeller« waren, »wie der Name bereits nahelegt«, sehr »roh und einfach«, vermerkte John Timbs, ein Chronist der Gastronomiegeschichte. Derrys Haus war rund um die Uhr geöffnet und gewährte dem Bodensatz der Nachtschwärmer Asyl: all jenen, die bereits zu betrunken waren, um noch gehen oder richtig sprechen zu können. Von Derry geflissentlich ignoriert, machten hier Taschendiebe und syphilitische Straßendirnen ein Mordsgeschäft. Wie Samuel Derrick 1761 schrieb, war das Haus dafür bekannt, dass es dort immer wieder das eine oder andere Problemchen mit tätlichen Auseinandersetzungen gab – brutale Spektakel, wo Männer ihre Rivalen verprügelten oder die Schönen der Nacht sich gegenseitig die Gesichter zerkratzten. Die Kundschaft von Derrys Cider Cellar war nicht gerade dafür bekannt, bei einem guten Kampf dazwischenzugehen; sie gehörte eher zu jenem Schlag, der über den Ausgang Wetten abschließt. Einmal ging die Sache mit dem Doppelmord an zwei Trinkern aus, die nach einer erbitterten Auseinandersetzung grausam erstochen wurden.

Zwar stellen die Annalen von Covent Garden das Bedford Head der berüchtigten Lasterhöhle nebenan an keiner Stelle ebenbürtig an die Seite, dennoch wird man dieses Haus kaum als einen Hort der Gesetzmäßigkeit betrachtet haben. Die meisten der Etablissements im Umkreis dürften auf die eine oder andere Weise in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sein, ob sie nun Huren erlaubten, offen Freier anzuwerben (eine allgemein akzeptierte Praxis), Hehlerei trieben oder stadtbekannte Kriminelle vor den Wachen versteckten. Häufig entfalteten die Eigentümer oder deren Personal auch noch weit schlimmere kriminelle Aktivitäten, und Kellerräume oder Obergeschosse wurden zum Schauplatz von Missetaten wie Diebstahl, Erpressung, betrügerische Münzbeschneidung, Falschmünzerei, von Misshandlung und Vergewaltigungen. In einem Milieu, wo sich das Anständige und das Unerlaubte zu einem unauflöslichen Gewebe verflochten hatten, muss Harrison bereits in die Welt der Gesetzesbrecher eingeführt worden sein, ehe er überhaupt in der Lage war, zwischen beiden Seiten zu unterscheiden. Da Kellnern und Kuppeln praktisch nicht voneinander zu trennen waren, ist es auch wenig wahrscheinlich, dass George Harrison seinen Sohn davon abzuhalten suchte, sein Geld mit dem »Vermitteln von Bekanntschaften« zu verdienen. Ähnlich wie im Fall seines Alter Egos dürfte vielmehr neben den äußeren Umständen auch die ermunternde väterliche Zusprache John Harrison zum Zuhälter gemacht haben.

Im 18. Jahrhundert waren das städtische Wirtshaus und sein Verwandter, das Kaffeehaus, in erster Linie Domänen der Männer. In ihrer Bestimmung waren sie sich bisweilen sehr ähnlich, dienten als Orte der gesellschaftlichen Begegnung und als ein Forum, wo Männer von Rang miteinander Geschäftliches und Neuigkeiten besprachen. Bestimmte Berufsstände bevorzugten oft bestimmte Örtlichkeiten, trotzdem traf hier im Allgemeinen eine bunte Bandbreite von Berufen und Gesellschaftsschichten auf engem Raum zusammen. Auch wenn die Hauptattraktion der Kaffeehäuser das von ihnen feilgebotene koffeinhaltige Modegetränk war, gab es hier, wie in den Cafés auf dem Kontinent, doch auch Alkoholisches. Die besseren Häuser beider Kategorien boten neben flüssigen Erfrischungen auch Speisen an, die entweder in der öffentlichen Schankstube oder, wenn der Gast über die entsprechenden Mittel verfügte, ein Stockwerk höher in abgesonderten Räumlichkeiten eingenommen werden konnten. Im Laufe des Jahrhunderts entfalteten die Aktivitäten in diesen Obergeschossräumen mehr und mehr ihre eigene Geschichte. Sie boten den Mitgliedern von Herrenclubs einen idealen Rahmen für ihre monatlichen oder jährlichen Versammlungen. Diese Zusammenkünfte, die in den Abendstunden häufig mit Gesprächen über Politik, Wissenschaft und Kunst bei einem zeremoniellen Mahl begannen, arteten oftmals zu nächtelangen Massenorgien aus. Bezechte Männer konnten nach den Maßstäben der ehrbaren Gesellschaft weder als würdevoll noch als ungefährlich gelten; folglich durfte keine Frau, die darauf Wert legte, sich eine Dame zu nennen, sich auch nur in die Nähe der Tür eines solchen Etablissements wagen. Dennoch wimmelte es in den Kaffee- und Wirtshäusern von Frauen, insbesondere in den um Covent Garden gelegenen. Das waren jene Frauen, die – wie zeitgenössische Autoren behauptet hätten – »kraft ihres Standes« dazu bestimmt waren, die Männer zu unterhalten. Wo immer Männer tranken, kamen über die Jahrhunderte hinweg bald auch die Huren. War erst einmal der Bierdurst gelöscht und der Bauch mit gutem Essen gesättigt, blieben nur noch die fleischlichen Begierden zu befriedigen. Das machte es den Prostituierten leicht, denen die Freier sozusagen in den Schoß fielen. Und es fügte sich, dass die eine Person, die an der Nahtstelle zwischen dem trunkenen Gast und seiner ersehnten geschlechtlichen Erleichterung stand, eben die männliche Bedienung im Gasthaus war.

»Als wir vor wenigen Wochen den Abend in einem gewissen Wirtshause nahe des Covent Garden verbrachten, erhitzte der Wein etlichen meiner Gefährten so sehr das Blut, dass sie nach dem Hauptportier läuteten und ihn wahrhaftig fragten, ob er denn nicht mit Mädchen für sie dienen könne«, notierte ein mit den zeitgenössischen Kuppeleigepflogenheiten unvertrauter junger Zeitungsschreiber. Lüsternen Männern standen natürlich alle möglichen Ventile der Triebabfuhr zur Verfügung, wenn aber der Zuhälter die Geschlechtspartnerin vermittelte, bestand gegenüber der Zufallsbegegnung mit einer x-beliebigen Straßendirne doch ein immerhin geringfügig besserer Schutz vor Krankheiten. Zumindest theoretisch war das ein wichtiger Aspekt. In ihrer elementarsten Form konnte die Aufgabe eines kuppelnden Kellners einfach nur darin bestehen, eine geeignete im Haus verfügbare Frau oder eine ihm bekannte Dame aus der Nähe zu ihrer Kundschaft zu geleiten. Wie Jack Harris höchstselbst klargestellt hat: »›Kuppler‹ bedeutete nicht mehr, als durch die Nachbarschaft zu eilen und das erstbeste Lumpenweib zu den Herren in dem Wirtshause zu bringen, zu dem ich gehörte.« Dieser Service war ein Bestandteil seiner Aufgabe, schließlich hatte er für die Zufriedenheit der Gäste zu sorgen, solange sie in den Räumlichkeiten des Wirtes weilten. War die Kundschaft nur willens, ihr Geld weiterhin in seinem Haus auszugeben, gab es für einen Gastwirt wenig Grund zur Klage.

Leider bezeichnete das Wort pimp (»Zuhälter« oder, mit dem zeitgemäßen Wort, »Kuppler«), das damals wie heute Vorstellungen von der Niedertracht und Unbarmherzigkeit des Abschaums der Menschheit heraufbeschwört, unterschiedslos alle Männer, die »Frauenzimmern Gesellschafter vorstellten«. Auch wenn die Beurteilung des Autors E. J. Burford im Allgemeinen zutrifft, der die Zuhälter aller Epochen als »böse, herzlose, gemeine Kreaturen ohne jedes positive Merkmal« beschreibt – »erbärmliche Männer, die auf Kosten erbärmlicher Frauen leben« –, fällt doch der »Kuppelkellner« des 18. Jahrhunderts ein wenig aus diesem verbreiteten Bild heraus. So wie die Prostituierten den unterschiedlichsten Kategorien zugehörten, gab es auch unter den Zuhältern Abstufungen. Nicht jeder Lude war ein brutaler Schläger, der in dunklen, dreckigen Gassen lauerte. Die unter der Fassade des Kellnerns betriebene Kuppelei – damals sprach man auch von der »Hurenwirtschaft« oder Maquerellage (pandering) – war bemüht, sich zumindest des äußeren Anscheins des Hässlichen zu entledigen. In jedem Fall war Harrison zu der Überzeugung gelangt, dass am bloßen Zusammenbringen zweier williger Parteien nichts sonderlich Schlimmes sei. In späteren Jahren sollte er (oder jedenfalls »Jack Harris«) argumentieren, als Kuppler eben nur genau dies und nicht mehr getan zu haben. Das sei an sich, wie er schloss, nichts wofür er sich »hätte schämen müssen«.

John Harrison musste nicht aktiv danach streben, Zuhälter zu werden. Vielmehr war der Handel mit Sex eine Berufung, die sich ihm ganz von selbst eröffnete, sobald er einmal seine Kellneraufgaben übernommen hatte. Hierbei war es sein Glück, dass sich diese Beschäftigung so gut in seine Lebensumstände einpasste. Viele der jungen Frauen, die das Bedford Head frequentierten, hatte er wohl schon in der Kindheit als Nachbarinnen und Spielkameraden gekannt. Die Töchter der notleidenden Familien des Kirchspiels, die in den umliegenden Häusern lebten oder als Dienstmädchen oder Marktfrauen auf dem Platz arbeiteten, waren vielfach auch jene Mädchen, die sich später verkauften, um ihr Brot zu verdienen. Die Geschichten von ihrem Eintritt ins Freudenleben gehörten zum gängigen Kneipengeplauder; Harris könnte sogar im direkten Gespräch von ihrer Situation erfahren haben. In vielen Fällen wird er mit den Eltern oder Geschwistern dieser Frauen bekannt gewesen sein, und nicht minder wahrscheinlich ist es, dass er ihre Verführer und später ihre zahlenden Unterhalter persönlich kannte. In Harrisons Ohren muss der Klatsch des ganzen Viertels widergehallt haben – wessen Tochters Bauch neuerdings eigentümlich rund erschien, oder wer mit der Hand unterm Rock der Küchenmagd ertappt worden war. Sicherlich hatte er einen besseren Überblick darüber, wer »von Franzosen angesteckt« war (also die Lustseuche Syphilis hatte) als die meisten Freier: wertvolle Informationen für einen Zuhälter. Wann immer Harrison mit dem »Bekanntschaftenvermitteln« angefangen haben mag, sich selbst auch als Kuppler zu verstehen begann er jedenfalls erst um 1751, kurz bevor er sich den Decknamen Jack Harris zulegte.

So leicht es gewesen sein mochte, im Gasthaus seines Vaters in dieser Funktion zu reüssieren, seinen berüchtigten Namen hat sich John Harrison noch nicht im Bedford Head gemacht. Das Schicksal hatte eine andere Lokalität für ihn ausersehen. 1753 veränderte irgendein Ereignis den Lauf seines Lebens und katapultierte ihn aus der vertrauten Umgebung der Maiden Lane in eine völlig neue Sphäre. Wir wissen nicht, ob George Harrison gestorben war oder vielleicht schlecht gewirtschaftet hatte – 1754 war er jedenfalls nicht mehr der Besitzer des Etablissements, in dem John seine Jugend verbracht hatte. Was aus den übrigen Familienmitgliedern geworden sein könnte, wo sie lebten und welchem Broterwerb sie fortan nachgingen, bleibt ein Rätsel. Nur John entschied sich, in Covent Garden zu bleiben, an jenem Platz, den er vielleicht stärker als der Rest der Familie als seine Heimat begriff. Nun, da sich die Familienbande des väterlichen Unternehmens gelöst hatten, lag seine Zukunft woanders. Zum Glück musste er nicht weit reisen, um seine neue Bestimmung zu finden. Im östlichen Eck der Piazza, unter einem bunt verzierten Schild, befand sich die Shakespear’s Head Tavern.

Kapitel 3

Der irische Dichter

Ähnlich wie die derben Kaschemmen und rauen Hintergassen von Covent Garden John Harrisons Charakter früh ihren unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hatten, sollten bei einem anderen jungen Mann die Theater und Bücherstände Dublins ihre Spuren hinterlassen. Ungefähr um die Zeit, da der jugendliche Harrison den Gästen des Bedford Head ihre Bierkrüge auftrug, schrieb ein bessergestellter irischer Schuljunge fieberhaft Reimpaar um Reimpaar nieder. Schon im zarten Alter von dreizehn hatte Samuel Derrick entschieden, Dichter zu werden. Kein zweitklassiger Federfuchser oder Verfasser niedriger Trivialwerke, sondern jemand, dessen Name an der Seite von Jonathan Swift und William Congreve ins Pantheon der anglo-irischen Literatur eingehen würde. Seine Lehrer sowie »etliche geistreiche Männer der gebildeten Welt« hatten in seinen frühen Arbeiten durchaus vielversprechende Ansätze entdeckt. Einer von ihnen, Swifts Verleger George Faulkner – und womöglich ebenso der berühmte Dichter höchstselbst –, war voll des Lobes gewesen. Diese »geistreichen Männer« konnten nicht ahnen, dass ihre frühe Billigung eine Folge von Ereignissen anstoßen sollte, die Samuel Derrick weitab von seinem vorgezeichneten Pfad führen würde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!