Montrose - Sven Elvestad - ebook

Montrose ebook

Sven Elvestad

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Opis

Unter sehr mysteriösen Umständen verschwindet der Abbè Montrose und Privatdetektiv Asbjörn Krag muss die Ermittlungen aufnehmen. Aber weder ein Mord noch eine Entführung wider Willen scheinen wahrscheinlich. Wo ist der Abbé abgeblieben ...

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Montrose

Sven Elvestad

Inhalt:

Montrose

I. Eine Frühlingsnacht

II. Während Keller diktiert

III. Die Photographie

IV. Mord

V. Der Unglücksvogel

VI. Leuchtende Farben.

VII. Eine Mannsperson.

VIII. »Zum vergoldeten Pfau« I

IX. »Zum vergoldeten Pfau« II

X. Der singende Priester

XI. Gelehrsamkeil und Cocktails

XII. Das Gefängnisgesicht

XIII. 333

XIV. Die Königsfamilie

XV. Die Erklärung

XVI. Die Gemüsehändlerin

XVII. Die Schlüssel

XVIII. Das Schicksal

XIX. Die Gestalt im Garten

XX. Der Brief

XXI. Die fünf Teufel

XXII. Unter den Bäumen des Gartens

XXIII. Husarenweg 28

XXIV. Blumen und schmutzige Finger

XXV. Das Kind und der Mord

XXVI. Die Finger.

XXVII. Die Jagd

XXVIII. Die Peitschenschläge

XXIX. Der Vicomte

XXX. Vor der Entscheidung

XXXI. Kellers Papiere

XXXII. Arnold Singers Bekenntnis I.

XXXIII. Arnold Singers Bekenntnis II.

XXXIV. Nummer 32. Hier.

XXXV. Pol wird nüchtern.

XXXVI. Pols Brief.

XXXVII. Das Märchen ist aus

XXXVIII. Seine Eminenz.

XXXI. Abbé Montroses Rückkehr

XL. Schluß.

Montrose, S. Elvestad

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849628581

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Cover Design: © Eky Chan - Fotolia.com

Montrose

I. Eine Frühlingsnacht

Schutzmann Nummer 314 steckte seine Signalflöte in die Tasche, blieb regungslos stehen und spähte die Straße hinunter. Die Uhr mochte ungefähr drei sein, es war eine ganz stille Frühlingsnacht und ziemlich dunkel. Der Himmel war von schwarzen Wolken bedeckt. Es hattehatte kürzlich geregnet, und die Luft war von einem betäubenden Blumenduft aus den Gärten gesättigt. Kein Wagenrollen und keine Schritte waren zu hören. Die asphaltierte Straße stieg sanft an und verschwand am Horizont. Zu beiden Seiten der Straße lagen Villen, unter den duftenden Blüten der Fruchtbäume halb begraben. Kein Licht in den Fenstern. Der Schutzmann lauschte noch immer, während er einen bestimmten Teil der Straße im Auge behielt, der von einem hohen und vornehmen Gitter aus Schmiedeeisen begrenzt war. Dahinter ragte die Silhouette eines schlanken Kirchturms zwischen den dunklen Kronen der Bäume hervor. Auch andere Teile eines Gebäudes waren zwischen den Bäumen sichtbar, der Schimmer von einer schönen Fassade, Bruchteile von Gesimsen und ein Stück Mauer. Von hier draußen sah es aus, als ob ein großer Herrensitz oder ein altes Schloß in der Stille des Gartens hinter den dichten Eisenstäben des Gitters träumte.

Endlich ertönte der Laut von Schritten weiter hinten in der Straße, die hastigen Schritte näherten sich, und der lauschende Schutzmann nickte erfreut. Ein Mann kam angelaufen. Kurz darauf schien er aus dem Schatten der Bäume aufzutauchen. Es war ein zweiter Schutzmann.

»Beeile dich,« rief Nummer 314. »Hier geht etwas vor.«

»Ich habe dein Signal gehört,« antwortete der andere atemlos. »Was ist denn los?«

Dieser Schutzmann trug in blanken Messingziffern die Nummer 12 auf seiner Uniformmütze.

314 zeigte auf das Gitter.

»Da drinnen,« antwortete er erklärend, während er den anderen mit sich zog, »Geschrei, Lärm und zersplitterte Fensterscheiben.«

»I du meine Güte,« rief Nummer 12 erstaunt. »Dort drinnen?«

Die beiden Schutzleute blieben vor dem großen Portal von kunstvoll geschmiedetem Eisen zwischen massiven Granitsockeln stehen, das den Eingang zu dem Besitztum bildete. Natürlich, das Tor war verschlossen.

314 überlegte einige Sekunden, und um keine Zeit mit unnötigen Erklärungen zu verlieren, sagte er laut:

»Es ist besser,« sagte er, »über das Gitter zu steigen, als um das Haus herum zu der anderen Straße zu laufen.« (Das große Besitztum breitete sich nämlich zwischen zwei Straßen wie eine Parkanlage aus.)

Nummer 12 war derselben Meinung, und wie geübte Turner kletterten sie schnell über das Gitter. Sie machten so wenig Lärm wie möglich, dennoch konnten sie es nicht verhindern, daß es um sie herum knackte, als sie von dem Gitter in das dichte Gebüsch hinuntersprangen. Ohne sich zu besinnen, rannten sie weiter auf das Gebäude zu, das jetzt deutlicher in dem hinteren Teil des Gartens zu sehen war.

»Schnell, schnell!« rief 314, indem er weiterraste, denn während sie liefen, hörten sie von neuem Lärm von Stimmen und zerbrochenen Fensterscheiben.

»Hörst du?« rief Nummer 12.

»Ja,« stieß der andere hervor.

»Sie schimpfen und fluchen. An so einem Ort, hu! Jetzt kneifen sie aus.« Klappernde und eilige Schritte von laufenden Menschen entfernten sich in die entgegengesetzte Richtung, man hörte das Krachen von Zweigen und Ästen. 314 setzte die Signalflöte an den Mund und pfiff höchst jämmerlich. Dann wurde alles still. Die Schutzleute wußten, daß die andere Straße nicht asphaltiert war. Darum konnte man dort laufen, ohne daß die Schritte auf dem weichen Boden zu hören waren. Die Gewalttäter, wer sie auch sein mochten, hatten sich wahrscheinlich schon zwischen den vielen Gäßchen dieses Stadtteils in Sicherheit gebracht.

Die Schutzleute hatten jetzt die Haupttür erreicht. Wieder dachte 314 laut. Es war ihm klar, daß ein Einbruch stattgefunden hatte. Ein losgerissener Fensterflügel mit zerbrochenen Scheiben hing lose in den Angeln und kreischte kläglich. Drinnen flackerte ein unruhiger, aber schwacher Feuerschein. Das bestimmte ihn.

»Steig durchs Fenster und sieh nach, was drinnen los ist,« sagte er zu Nummer 12. »Ich mach indessen, daß ich weiterkomme.«

Während der andere Schutzmann durch das offene Fenster stieg, lief 314 durch den Garten, um, wenn möglich, noch einen Schimmer von den Verbrechern zu erhaschen. Aber alles war jetzt wieder ganz still. Er konnte deutlich ihren Weg über die niedergetretenen Blumenbeete und an den geknickten Ästen vorbei verfolgen. Als er zum Gitter kam, sah er einen dunklen Stoffetzen von einer Eisenstange flattern. Er kletterte hinauf und nahm ihn an sich. Es war ein abgerissenes Stück von einem Priesterrock, wie die katholischen Priester ihn zu tragen pflegen.

314 blieb auf dem Gitter sitzen und sah sich spähend um. Aber es war nirgends ein lebendes Wesen zu entdecken. Die Straße war wie ausgestorben. Der dämmernde Frühlingsmorgen warf einen schwachen Schein in das Gäßchen hinab und blitzte auf Fenstern und Ladenschildern.

Dort in dem Straßengewirr, dachte 314 bei sich, verbergen sie sich. Und er seufzte, denn er wußte, daß es vorläufig hoffnungslos sein würde, die Verbrecher in diesem Großstadtchaos zu suchen, wo die Straßen sich kreuzten wie Risse in altem Lehm.

Nachdem er den Garten längs des Gitters vergeblich untersucht und keine Spur gefunden hatte, kehrte er mit dem Stoffetzen in der Hand zu seinem Kollegen zurück. Hätte Nummer 314 den geringsten Sinn für Naturschönheit gehabt, würde ihm die wunderbare Ruhe, die frühlingsmilde Stille, die nach dem Lärm im Garten herrschte, ans Herz gegriffen haben. Die Bäume neigten sich groß und unbeweglich über die weißen Gartenwege; die Blumenbeete, die noch feucht waren nach dem abendlichen Regen, strömten leise Wohlgerüche aus. In einer Laube von dichtem wildem Wein standen Liegestühle aus hellem Korbgeflecht, über dem einen Stuhlrücken hing achtlos eine vergessene Decke. Tiefer drinnen im Garten sah man über den Bäumen den Turm einer kleinen roten Ziegelsteinkirche – und gerade vor 314 lag das Wohnhaus, wo der Einbruch stattgefunden hatte, ein entzückendes kleines Fachwerkgebäude, von Beeten mit weißen und blauen Frühlingsblumen umgeben, die Mauern waren von dem dichten Grün der Schlinggewächse bedeckt und über dem Dach schwebten Kirschbaumkronen wie duftende Wolken. Das ganze Gebiet von der Kirchturmspitze bis zum Gitter schien nichts als seltsame, sanfte Ruhe auszudrücken, in die die Erinnerung an das Geschrei und den Lärm der zersplitterten Fensterscheiben wie etwas sinnlos Unzugehöriges hineinklang. Nichts von all diesem aber empfand Nummer 314, während er auf das niedrige Fachwerkgebäude zuschritt. Er rechnete nur trocken und planmäßig: Einbruch zehn Minuten vor drei Uhr – er dachte bereits an den Rapport. Und verständig wie er war, dachte er gleichzeitig an die Einwendungen, die gemacht werden würden: Warum, würde man ihn vielleicht auf der Polizeibehörde fragen, warum lief nicht einer von Ihnen auf die andere Seite des Hauses. Darum, wollte er antworten, weil man selbst bei hastigstem Lauf nicht weniger als fünf Minuten gebraucht hätte, um um das Haus herumzugelangen. Und von dem Augenblick, wo die Schutzleute beim Gitter standen, bis die Diebe verschwanden, waren kaum zwei Minuten vergangen. So dachte 314.

Als er in die Nähe des Hauses kam, wurde die breite Tür aufgerissen und in der Tür stand Nummer 12.

»Hier ist niemand,« sagte Nummer 12, »keine lebende Seele.«

Etwas Merkwürdiges in seiner Stimme weckte indessen 314's Aufmerksamkeit. 314 blieb auf dem Gartenweg stehen. Der Morgen wurde heller und heller. Die blauen Uniformen der Schutzleute hoben sich grell von dem gelben Sand ab. Die Stimmen der Polizeibeamten klangen fast metallisch scharf.

»Hast du was gesehen?« fragte 314.

»Es sieht schrecklich aus drinnen,« antwortete Nummer 12. »Alles ist durcheinander geworfen. Und überall ist Blut.«

»Aber das Feuer?«

»Das Feuer ist gelöscht.«

314 ging weiter. Der Sand knirschte unter seinen schweren Stiefeln.

Dies fand statt am 2. Mai im Garten der katholischen Gemeinde. Die Kirche, deren Turm und Dach zwischen den Bäumen sichtbar war, war die kleine katholische Kirche der großen protestantischen Stadt.

Und das Wohnhaus im Garten gehörte dem gelehrten Abbé Montrose.

II. Während Keller diktiert

Eine Stunde später, als das Leben in der Stadt erwachte, mit eifrigen Schritten auf dem Asphalt, munterem Peitschenknallen und rollenden Wagen, herrschte geschäftige Unruhe in Abbé Montroses Arbeitszimmer.

Dort waren mehrere Menschen zur Stelle gekommen.

Außer den beiden Schutzleuten sah man einen Herrn von mittleren Jahren in einem Frühlingsmantel, dessen Kragen hochgeschlagen war, als ob ihn an diesem herrlichen Frühlingsmorgen fröre. Dieser Herr gähnte mehrmals, und vielleicht fror ihn wirklich, denn Müdigkeit setzt, wie bekannt, die Körpertemperatur herab. Er gab seiner Ungeduld Ausdruck, indem er sich in der Nähe der Tür aufhielt. Er sah aus, als ob er bei sich dächte: Was in aller Welt habe ich hier verloren? Läge ich nur in meinem Bett. Dieser Mann war der Gerichtsarzt.

Neben Abbé Montroses großem Schreibtisch stand eine unbeschreibliche Person. Das heißt, sie war insofern unbeschreiblich, als sie keine besonderen Merkmale an sich hatte. Es war ein Mensch wie Gogols Helden in den »Toten Seelen«, weder hell noch dunkel, weder dick noch mager, ein ganz gewöhnlicher Mensch, den man schon oft gesehen zu haben meint, wenn man ihn zum erstenmal sieht. Er konnte ebensogut Kaufmann wie Beamter sein, er ist aber Detektiv, bei der Detektivabteilung angestellt. Er hat ein für einen Detektiv vorzügliches Äußere, indem er nie und nirgends von seiner Umgebung absticht, ein Mensch, der in der Menge verschwindet, sich in der farblosen Masse verliert. Er heißt Keller.

Neben ihm vor dem Schreibtisch, mit der Feder in der Hand, sitzt Schutzmann Nummer 12 und schreibt sorgfältig und langsam nach Kellers Diktat. Keller sieht sich hin und wieder nach verschiedenen Gegenständen im Zimmer um, es scheint, daß er im Begriff ist, eine Inventarliste aufzunehmen. Einmal wendet er sich an den Gerichtsarzt mit folgender Frage:

»Sind Sie sicher, Doktor, daß diese roten Flecke Blut sind?«

»Ja,« sagt der Gerichtsarzt, »das unterliegt keinem Zweifel.«

»Also,« fährt Keller in seinem Diktat fort, »eine Decke von Blut befleckt, ein rot und gelbes Halstuch, auch von Blut befleckt –«

»Auch ... von ... B ... lut ... be ... fleckt,« murmelt Nummer 12, während er schreibt.

In einem tiefen und bequemen Lehnstuhl sitzt ein ganz stummer Herr, der sich anscheinend nur für seine Stiefelspitzen interessiert. Jedenfalls blickt er die ganze Zeit darauf herab, so daß sich seine Glatze hell von dem dunklen Leder des Stuhles abhebt. Sein Gesicht ist mager und bleich, aber mit festen charakteristischen Zügen und einem leicht ergrauten, kurz gestutzten Schnurrbart. Sein Kinn, das jetzt auf dem schwarzen Schlips ruht, ist ungewöhnlich breit und kräftig.

Neben dem Schreibtisch steht Schutzmann Nummer 314 und verzehrt langsam und bedächtig sein Butterbrot. Nichts hindert einen Schutzmann, sein mitgebrachtes Butterbrot in der Nacht zu essen. Oft können einsame Nachtwanderer Papiergeraschel aus einem halbdunklen Torweg hören, das ist der Schutzmann, der sein Butterbrot ißt. In vielen stillen Städten geschieht in der langen Nacht überhaupt nichts anderes, als daß der Schutzmann sein Butterbrot ißt. Im Augenblick hatte 314 nichts Besonderes zu tun, darum hatte er sein Butterbrotpaket hervorgezogen, wie einfache Naturen nun einmal sind. Es fiel 314 keinen Augenblick ein, daß es merkwürdig war, wie er hier auf dem Schauplatz eines blutigen Dramas stand und kaute.

Denn das große Zimmer trug unverkennbare Anzeichen von furchtbaren Ereignissen.

Es war die Bibliothek und das Arbeitszimmer des Abbés, mit stilvollem und sicherem Geschmack eingerichtet, der sowohl Kultur wie Reichtum verriet. Die vielen Bücher, die die eine Längswand fast ganz bedeckten, waren alle kostbar gebunden. Da waren alte Möbel und alte Bilder und auf dem Teppich lagen die traurigen Überreste von altem Porzellan. Denn die Friedensstörer waren mit diesem schönen Raub übel umgegangen. Möbel waren umgestoßen, Bücher aus den Borten gerissen, überall lag Papier verstreut, und der große Schreibtisch war von Tinte und Blut beschmutzt. Ein Mahagonischrank war vollständig zerbrochen und die Schubladen lagen auf dem Fußboden. Das zersplitterte Fenster hing lose in den Angeln und bewegte sich kreischend im Morgenwind.

Wir haben bisher Nummer 314 und Nummer 12 kennengelernt, ferner den Gerichtsarzt und den Detektiv Herrn Keller. Wer aber war der Herr mit den Stiefelspitzen, der schweigsame Herr, der aussah, als ob er zwischen den Kulissen säße und auf sein Stichwort in einem Konversationsstück wartete?

Man wird es sofort erfahren, denn plötzlich zeigte es sich, daß der Mann mit den Stiefelspitzen durchaus kein uninteressierter Beobachter war, sondern daß er im Gegenteil Kellers Diktat mit größter Aufmerksamkeit gefolgt ist. Keller war in seiner Inventaraufnahme bei folgendem angelangt:

»Die Photographie einer jungen Dame –« als der Herr mit den Stiefelspitzen den Kopf hebt und sagt:

»Aus?«

»Aus?« fragte Keller erstaunt. »Was meinen Sie damit, Herr Asbjörn Krag?«

»Aus Arendorffs Atelier,« setzt der andere fort und erhebt sich. »Wenn die Liste genau sein soll, dürfen Sie doch das Wesentlichste nicht vergessen.«

Asbjörn Krag, der bekannte Detektiv, begab sich in den Garten, und der Gerichtsarzt folgte ihm, während die anderen Polizeibeamten ihre Arbeit fortsetzten. Krag konnte mit seiner geschmeidigen Gestalt noch für einen jungen Mann gelten. Sein eigenartiges Gesicht mir den tiefen Linien um den Mund, den nadelfeinen Fältchen an den Augen und die kahle, weiße Stirn aber schienen darauf zu deuten, daß er das mittlere Alter bereits überschritten hatte.

Trotzdem aber war Krag erst vierzig Jahre alt.

»Was meinen Sie dazu?« fragte der Gerichtsarzt und gähnte. Verbrechen waren für ihn etwas Altgewohntes.

»Ich meine, daß es ein herrlicher Morgen ist,« antwortete der Detektiv, kreuzte die Arme und atmete begehrlich die duftgesättigte Luft.

»Nein, ich meine die Sache da drinnen,« sagte der Arzt.

»Das sehen Sie ja selbst,« antwortete Krag, »Einbruch, Plünderung, Raub, was Sie wollen. Ich nehme an, daß Abbé Montrose viele Wertsachen in dem zerbrochenen Mahagonischrank gehabt hat.«

»Es sind mehrere Verbrecher gewesen.«

»Zweifelsohne. Einer von ihnen war höchstwahrscheinlich Seemann.«

»Alle Wetter, woher wissen Sie das?«

Krag wandte sich zum Arzt um und zeigte seine kräftigen Zähne in einem gutmütigen Lächeln.

»Es fiel mir ein Vers aus einem Seemannslied ein,« antwortete der Detektiv, »der so lautet:

In leuchtenden spanischen Farben, In Farben von rot und gelb –

An diesen Vers habe ich die letzte halbe Stunde unablässig denken müssen.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte der Arzt mit leiser Stimme. »Glauben Sie, daß ein Mord begangen ist? All das Blut –«

»Ja, Blut ist überall,« antwortete der Detektiv ausweichend.

»Jedenfalls hat ein Kampf auf Leben und Tod stattgefunden.«

»Ohne Zweifel.«

»Wo aber ist Abbé Montrose?«

»Verschwunden,« sagte Krag, »aber er ist zugegen gewesen.«

»Heute nacht, während des Kampfes?«

»Sicherlich.«

Der Gerichtsarzt schauerte wie bei Kälte zusammen.

»Es wäre traurig,« sagte er, »wenn ihm ein Unglück zugestoßen ist, solch edle Persönlichkeit, solch wirklich hervorragender Gelehrter – glauben Sie, daß man ihn erschlagen hat?«

»Nicht unmöglich,« sagte der Detektiv.

»Und seine Leiche mitgenommen?«

»Das wäre allerdings eine merkwürdige Idee,« murmelte Krag.

»Man hat einen Fetzen von dem Priesterrock des Abbés an dem Gitter gefunden, auf dem Weg, den die Verbrecher bei ihrer Flucht eingeschlagen haben –«

»Sehr richtig,« sagte Krag, »und der Abbé ist nirgends zu finden. Das Ganze ist rätselhaft.«

»Und unheimlich?« fragte der Arzt unsicher.

Krag nickte.

»Und unheimlich,« bestätigte er.

Ein sanfter Wind bewegte die Bäume des Gartens, das Laub rauschte, es klang wie eine ferne Brandung. Krag blieb stehen, starrte grübelnd vor sich hin und der Gerichtsarzt hörte ihn murmeln:

»Er kommt nicht wieder ... vielleicht kommt er nicht wieder –«

Der Detektiv starrte gedankenvoll in die Ferne, als erwarte er, daß jemand oder etwas, eine Person oder ein Wahrzeichen sich zwischen den mächtigen, wogenden Kronen der Bäume zeigen und mit dem Morgenlicht durch das Laub auf ihn zukommen würde.

Die große Stadt erwachte mehr und mehr. Der Lärm des Tages hatte die Stille abgelöst.

III. Die Photographie

»Die Tageszeitung«, die um zwölf Uhr herauskam, war die erste Zeitung, die einen ausführlichen Bericht aber das seltsame Ereignis brachte. Die Zeitung behandelte das Geschehnis recht ausführlich, da es nach Meinung der Redaktion keinen Zweifel gab, daß hier ein merkwürdiges und häßliches Verbrechen begangen sei. Die Zeitung legte das Hauptgewicht auf das mystische Verschwinden von Abbé Montrose.

Hier einige Auszüge aus dem Manuskript des Berichtes: »Das Verbrechen ist zwischen zwei und drei Uhr heute nacht begangen worden. Nach den Fußspuren im Garten zu urteilen, sind mindestens drei, wahrscheinlich aber noch mehr Personen, an dem Verbrechen beteiligt gewesen. Sie beabsichtigten Abbé Montroses Wohnung zu plündern, wo man teure Wertgegenstände vermutete. Hierin haben die Missetäter sich auch nicht geirrt. Abbé Montrose ist, wie bekannt, ein sehr reicher Mann, der eine ästhetische Vorliebe für alte Schmucksachen hatte und wahrscheinlich eine ganze Sammlung davon besaß. Einige davon bewahrte er in seiner Bibliothek in einem vierhundertjährigen alten venezianischen Wandschrank auf. Dieser Schrank ist zerbrochen und sein Inhalt verschwunden. Ferner hat man festgestellt, daß der Abbé tags zuvor zehntausend Kronen in der Bank erhoben hat, mit denen er die Wochenrechnungen des katholischen Hospitals bezahlen wollte. Abbé Montrose war nämlich der Kassenführer des Hospitals. Die Auszahlungen pflegten am Freitag stattzufinden. Daß das Verbrechen gerade in der Nacht zum Freitag begangen ist, kann der Polizei ein Fingerzeig sein, daß man die Verbrecher zwischen denen suchen muß, die mit den lokalen Verhältnissen vertraut waren. Diese zehntausend Kronen sind auch gestohlen.

Abbé Montrose« – fuhr die Zeitung fort – »hatte sein Schlafzimmer neben der Bibliothek. Wahrscheinlich ist er durch das Geräusch, das die Verbrecher in der Bibliothek machten, geweckt worden. Aber bereits hier zeigt sich der erste mystische Umstand. Anstatt nämlich gleich ins Nebenzimmer zu stürzen und die Diebe zu verscheuchen, hat Abbé Montrose sich gute Zeit zum Ankleiden gelassen und sich erst, nachdem er den Priesterrock übergeworfen hat, in die Bibliothek begeben. Was sich dann ereignete, ist schwer zu verstehen. Einer der Verbrecher mag eine Pfeife geraucht und sie beim Erscheinen des Abbés in seiner Kirchentracht, vor Schreck von sich geworfen haben; vielleicht war es die Absicht des Abbés, den Verbrechern zu imponieren. Die brennende Pfeife hat auf dem Teppich Feuer gefangen, das von den Schutzleuten gelöscht wurde. Die Blutspuren und der Zustand des Zimmers beweisen, daß ein furchtbarer Kampf stattgefunden hat. Abbé Montrose hat es verstanden, in der kurzen Zeit, wo er als Haupt der katholischen Gemeinde wirkte – wenn auch keine Freundschaftsverbindung, denn er ist ein sehr verschlossener Mann –, so doch höchste Anerkennung für seine Wohltätigkeit und großen wissenschaftlichen Verdienste zu erringen. Wir bedauern darum, der Ansicht Ausdruck geben zu müssen, daß dieser hochgeachtete Mann wahrscheinlich das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Gleichzeitig aber müssen wir auf die Mystik hinweisen, die die Sache in ihr Dunkel einhüllt. Am merkwürdigsten ist der Umstand, daß die Verbrecher Zeit gefunden haben, den Abbé – tot oder lebendig – zu entführen. In welcher Absicht dies geschehen sein könnte, ist sowohl für die Polizei, wie für andere, die sich in diese merkwürdige Angelegenheit vertieft haben, ein bisher unlösbares Mysterium.

Bei Redaktionsschluß« – so endet die Darstellung – »erfahren wir, daß man noch nichts von dem Abbé weiß. Die letzte Spur des verschwundenen Priesters ist der Fetzen seines Rockes, den die Schutzleute an dem Gitter gefunden haben.«

Diesen Artikel las Asbjörn Krag, während er auf der Fensterbank in Detektiv Kellers Kontor saß. Nach beendigter Lektüre legte er die Zeitung beiseite und wandte sich dem Fenster zu. Die Räume des Polizeiamtes gingen auf einen großen, offenen Platz hinaus, auf dem mehrere Straßen mündeten und wo der Verkehr der Großstadt lärmte. Krag war allein im Zimmer, aber er schien auf jemanden zu warten, denn er sah mehrmals ungeduldig auf seine Uhr. Schließlich ging die Tür auf und Keller kam herein.

»Der Mann hat recht,« sagte Keller und reichte Krag ein Stück Papier. »Es scheint wirklich, daß Abbé Montrose seine Aufzeichnungen auf solche kleinen Papierfetzen machte. Ich habe mehrere gefunden.«

Während Krag den Zettel las, vertiefte Keller sich in die Tageszeitung, die Krag beiseite gelegt hatte.

Das Stück Papier, das Keller Krag gegeben hatte, war eine abgerissene Seite von einem Block, auf der folgendes stand:

»Habe Gartenarbeiter S. für sechs Arbeitstage dreißig Kronen ausbezahlt.« Dann kam das Datum: 1. Mai.

»Das ist eine Entlastung für ihn,« sagte Krag, »wir wollen ihn aber trotzdem in Haft behalten.«

»Natürlich,« antwortete Keller und blickte von der Zeitung auf. »Die Tageszeitung weiß übrigens noch nichts von der Verhaftung,« fügte er hinzu, »und das ist gut. Diese verfluchten Reporter mit ihrer Geschwätzigkeit verderben uns immer das Spiel. Der Abbé aber ist noch immer verschwunden und der Schreck in der Gemeinde ist groß. Mary, seine alte Haushälterin, hat den ganzen Vormittag geweint. Ich habe eben den Rapport von unserem fliegenden Korps bekommen, nirgends eine Spur, obgleich das ganze Mayonnaise-Viertel kreuz und quer durchsucht worden ist.« (Mayonnaise-Viertel wurde in der Polizeisprache jener unruhige und chaotische Stadtteil genannt, der hunderttausend mehr oder weniger zweifelhafte Individuen beherbergte und der seine schmutzigen Ausläufer bis zu dem vornehmen Viertel erstreckte, wo die katholische Gemeinde ihre Kirche, ihr Hospital und ihren großen Garten hatte.)

Keller schlug sich mit der zusammengefalteten Zeitung aufs Knie.

»Wenn ich nur begreifen könnte,« sagte er, »was mit der Entführung des Priesters bezweckt wird. Tot oder lebendig haben sie ihn mitgeschleppt. Was in aller Welt wollen die Herren Verbrecher damit erreichen? Ist es eine Erpressungssache, eine Entführung?«

»Warum gerade Abbé Montrose entführen, der weder Familie noch Freunde hat?« sagte Krag. »Und gesetzt den Fall, daß die Verbrecher ihn umgebracht haben, – aus einem Toten kann man doch kein Geld mehr herausschlagen.«

»Nein eben. Wozu dann aber all diese Umstände? Bedenken Sie, die Verbrecher haben ihn über das Gartengitter und mit in die Mayonnaise geschleppt. Ist es nicht auch seltsam, daß keiner Zeuge dieses ungewöhnlichen Schauspiels gewesen ist? Wozu wollen Sie nun greifen? Dem Arrestanten noch weiter zu Leibe gehen?«

»Nein,« antwortete Krag, »ich will ihn bis auf weiteres in Ruhe lassen. Ich erwarte eine Mitteilung vom Hafen. Ich kann nämlich das alte Seemannslied von den bunten spanischen Farben nicht vergessen.« –

Dieses Gespräch fand ungefähr um ein Uhr mittags zwischen den beiden Detektiven statt. Das Gespräch verriet, daß sich etwas Wichtiges ereignet hatte: Man hatte eine Verhaftung vorgenommen. Diese Verhaftung war noch ein Geheimnis für die große Öffentlichkeit.

Was war es, was sich ereignet hatte?

Folgendes. Asbjörn Krag und Keller hatten, nachdem der vorgeschriebene Rapport mit dem dazugehörigen Verzeichnis über die gefundenen Sachen abgeschlossen war, die übrigen Beamten fortgeschickt. Darauf hatten die beiden Detektive in einer Konferenz die Umstände zu sammeln versucht, die für die augenblickliche Lage Bedeutung haben konnten. Es gab genügend Spuren.

Krag hatte gesagt:

»Eines ist sicher: Die Verbrecher sind überrascht worden. Ein heftiger Kampf hat stattgefunden, höchstwahrscheinlich zwischen ihnen und dem Abbé. Er hat sich tüchtig verteidigt. Darauf deutet das Aussehen des Zimmers und der Sachen, die die Verbrecher in der Hitze des Gefechts verloren haben. Diese Gegenstände, das Halstuch, die Photographie, der Tabaksbeutel usw. verraten gleichzeitig, daß die Verbrecher wahrscheinlich zwischen dem Pack zu suchen sind, das sich in dem Schlupfwinkel des Mayonnaise-Viertels aufhält. Mehrere dieser Sachen leiten zu direkten Spuren hin, vor allen Dingen die Photographie.«

»Es ist die Photographie einer jungen Dame,« fuhr Krag fort, »eines jener hübschen, sympathischen, jungen Mädchen, wie man sie zu Tausenden in den Zigarren- oder Modegeschäften der Stadt findet. Wahrscheinlich ist sie die Braut eines der Verbrecher und heißt Anni, oder Dolli oder Polli oder dergleichen. – Die Photographie ist augenblicklich der beste Wegweiser, der zur Aufklärung des Verbrechens führen kann. Lassen Sie uns dem Wegweiser folgen.

Auf der Rückseite der Photographie steht nämlich Name und Adresse des Ateliers, abgesehen von der Nummer 2,007 und dem bekannten Satz: ›Die Platte wird für Nachbestellungen aufbewahrt.‹ Ferner ist die Photographie ziemlich schmutzig und scheint seit längerer Zeit von dem Besitzer in der Tasche getragen zu sein. Eine genaue Untersuchung wird wahrscheinlich Fingerabdrücke und weitere Merkmale an den Tag bringen.«

Das alles war der Grund, weshalb Photograph Arendorff bereits morgens um sechs Uhr aus dem Bett geholt wurde und die beiden Herren in sein Atelier begleiten mußte. Eine Minute später war man sich darüber klar, daß die Photographie die Frau des Arbeiters Arnold Singer, Husarenweg 28, darstellte.

Um sieben Uhr befanden Krag und Keller sich vor Nummer 28 auf dem Husarenweg. Hier stießen sie auf einen Mann, dem sie die Photographie zeigten, und der sagte:

»Das ist das Bild meiner Frau und die Photographie gehört mir.«

Die Einzelheiten bei der Begegnung zwischen den Detektiven und diesem Mann aber waren derartig, daß sie die größte Bedeutung für die Entwicklung dieser sonderbaren Sache bekommen sollten.

Darum ist es nötig, ausführlicher auf das Geschehene einzugehen, von dem Augenblick, wo die Detektive das Atelier des schlaftrunkenen Photographen verließen, bis zu der Begegnung mit dem Mann auf dem Husarenweg.

Also: Krag und Kellner verließen den Photographen. –

IV. Mord

Hier muß festgestellt werden, daß der Husarenweg nicht zum Mayonnaise-Viertel gehörte, im Gegenteil, der Husarenweg gehörte zu den Straßen in dem großen neuen Viertel, das nach Osten das Verbindungsglied zwischen Stadt und Land bildete. Dort hatte eine fürsorgliche Stadtverwaltung die eine von den großen Gemeindewiesen zur Bebauung nach modernen Prinzipien für den kleineren Mittelstand zur Verfügung gestellt. Auf dem großen Gebiet hatte sich in kurzer Zeit eine reizende Gartenstadt erhoben, Straße nach Straße von kleinen Villen, mit gepflegten Gärten umgeben. Den Straßen hatte man militärische Namen gegeben, um die glorreiche Militärmacht des Landes zu ehren. Außer dem Husarenweg gab es dort den Kürassierweg, den Infanterieplatz, die Dragonergasse, Generalstraße usw. Und da beständig neue Straßen hervorschossen, hatte man, um im Stil zu bleiben, seine Zuflucht zu Bezeichnungen wie: Sergeantweg, Bajonettplatz und Ordonnanzstraße nehmen müssen.

Ein Stück von dem bewußten Hause entfernt, verließen Krag und Keller das Auto und gingen das letzte Ende zu Fuß. Es war zu der Stunde, wo Menschen sich zur Arbeit begeben. Auf dem Fußsteig wimmelte es von Arbeitern, Kontoristen und Ladenmädchen, überall klingelten die eifrigen Warnungsrufe der Fahrradglocken, und die Straßenbahnen fuhren bimmelnd und vollbesetzt vorbei. Es war die Ouvertüre zu dem mächtigen Musikwerk des Arbeitstages, dieser lebhafte und mitreißende Auftakt des Lebens, der den Morgen in allen Großstädten prägt.

»Sehen Sie nur,« rief Keller und faßte seinen Freund am Arm. Sie waren vor Nummer 28 stehen geblieben, auf der anderen Seite der Straße. Nummer 28 war, wie die meisten Villen, ein kleines, freundliches Einfamilienhaus mit einem eingefriedigten Garten davor. Auf dem Gang, der das Haus von der Straße trennte, zwischen blühenden Apfelbäumen, ging ein junges, glückliches Paar. Der Mann war nicht eigentlich in Arbeitstracht, aber auch nicht städtisch gekleidet. Man konnte glauben, daß er auf einem Speicher oder dergleichen beschäftigt war. Die Frau trug beglückt ein kleines Mädchen auf dem Arm. Es ging wie ein Glücksschimmer von ihnen aus und man sah ihnen von weitem an, was sie waren: jungverheiratet und glücklich, ein junges Weib, das ihren Mann begleitet, der zur Arbeit geht. Der Mann gab seiner Frau die Hand zum Abschied – strich der Kleinen übers Haar und sah sich nach der Straßenbahn um, die sich mit kreischendem Laut der Haltestelle näherte.

»Das ist unser Mann,« sagte Krag und schritt über die Straße, »leider müssen wir das Idyll stören.« Keller folgte ihm.

Jedesmal wenn Krag einen Verbrecher verhaften wollte, achtete er genau darauf, wie die betreffende Person sich in dem Augenblick benahm, wo es ihr klar wurde, daß die Polizei da sei. In solcher schicksalsschweren Sekunde konnte Krag viel in dem Auge eines Menschen lesen, Schreck, Verwirrung, Verzweiflung, und er hatte gelernt, zwischen der Ratlosigkeit desjenigen, der nicht versteht, und desjenigen, der sich ertappt weiß, zu unterscheiden.

Als er aber vor diesem jungen Mann stand und sagte: »Wir sind von der Polizei,« meinte er, in dem Blick des Mannes keine dieser gewohnten Beobachtungen entdecken zu können.

»Ihr Name ist Singer?« fragte Krag.

»Ja,« antwortete der Mann, »Arnold Singer ist mein Name. Was wünschen Sie von mir?«

»Sie sind Arbeiter?«

»Ja.«

Vielleicht ist er älter als er aussieht, dachte Krag. Sein Gesicht war weder regelmäßig noch hübsch zu nennen. Die Augen aber waren merkwürdig, blau und offen, der Blick fest und ruhig, fast grüblerisch in sich gekehrt. Bei diesem Blick stutzte Krag unwillkürlich, und er sah jetzt auch, daß die Augen dem Gesicht den Ausdruck ungewöhnlicher Intelligenz verliehen. Es war nicht zum erstenmal, daß der Detektiv stutzte, wenn er einem Menschen Aug' in Aug' gegenüberstand und einen überzeugenden Ausdruck von der Intelligenz dieses Menschen empfangen hatte.

Dieser Ausdruck hatte nichts mit Bildung oder Gelehrsamkeit des Individuums zu tun, es war etwas Ursprüngliches, etwas Überlegenes, Tatkräftiges und Elastisches, das aus dem forschenden Blick der Augen strahlte. Solche Augen hatte Krag sowohl im Parlament wie vor den Gerichtsschranken, sowohl zwischen berühmten Staatsmännern, wie zwischen schlauen Verbrechern aus der Tiefe des Mayonnaise-Viertels gesehen. Der Zufall kennt keine Regel, und gleichzeitig begriff Krag, daß der Mann, den er vor sich hatte, sich nicht leicht zur Strecke bringen lassen würde.

Während Asbjörn Krag diese blitzschnellen Beobachtungen machte, hatte Keller die Photographie hervorgezogen. Sie brauchten keine Vergleiche anzustellen, denn bereits von der anderen Seite der Straße hatten die Detektive die junge Frau erkannt. Der Arbeiter gab auch ohne weiteres zu, daß es seine Frau sei.

»Das ist sie,« sagte er und faßte sie unterm Arm.

Sie war etwas ängstlich geworden, was keiner der Detektive verwunderlich fand. Das Wort Polizei wirkt immer einschüchternd auf einfache Naturen.

»Wem gehört aber die Photographie,« sagte Keller.

»Mir. Ich habe sie wahrscheinlich gestern verloren.«

»Wo?«

Der Arbeiter blickte von einem zum andern. Lacht er? dachte Krag.

»Den Ort kann ich nicht angeben,« antwortete der Arbeiter. »Das kann man ja nie, wenn man etwas verloren hat.«

»Wo wollen Sie jetzt hin?« fragte Krag, »zur Arbeit?«

»Ja.«

»Wo arbeiten Sie?«

»Ich will erst Arbeit suchen.«

»Sie haben also keine feste Arbeit. Was ist Ihr Fach?«

»Eigentlich bin ich Gartenarbeiter. Aber ich nehme auch andere Arbeit.«

»Wann sind Sie gestern abend nach Hause gekommen?«

»Gegen neun Uhr.«

»Und sind dann zu Hause geblieben?«

»Nein, ich bin ungefähr um elf Uhr fortgegangen und eine Stunde später zurückgekommen.«

»Wo haben Sie sich in der genannten Zeit aufgehalten?«

Der Arbeiter zuckte die Achseln.

»Ich bin spazieren gegangen,« antwortete er.

Krag zeigte aufs Haus.

»Begleiten Sie uns hinein,« sagte er.

Der Arbeiter ging ohne Unruhe, aber zögernd voraus. Die junge Frau beschloß den Zug. Sie kamen in ein ziemlich großes Wohnzimmer, das nett und einfach möbliert war. Die Fenster standen offen, die weißen Mullgardinen blähten sich im Morgenwind, es war ein helles und freundliches Heim. Krag bemerkte, daß ein gepackter Koffer in der Nähe der Korridortür stand. Die Frau ging mit dem Kind ins Nebenzimmer, kam wieder herein und schloß die Tür hinter sich. Keller begann gleich das Zimmer, besonders den Teppich, zu untersuchen. Der Arbeiter betrachtete ihn neugierig. Lacht er wieder? dachte Krag.

Plötzlich wandte Keller sich an die Frau.

»Ist dieser Teppich heute gefegt worden?« fragte er.

»Nein, noch nicht,« antwortete sie etwas zaghaft, als ob die Bemerkung des Detektivs einen Vorwurf gegen sie als Hausfrau enthielte.

»Ist er gefegt worden, seit Ihr Mann gestern Nacht von seinem Spaziergang nach Hause kam?«

»Nein.«

»Das darf er auch nicht,« sagte Keller, »der Teppich darf nicht gefegt werden, bevor ich ihn näher untersucht habe, verstanden!«

Auf Aufforderung des Arbeiters nahm Asbjörn Krag Platz, der Arbeiter selbst aber blieb stehen. Er wartete.

»Lieber Herr Singer,« sagte Asbjörn Krag, »Sie müssen uns etwas Näheres über Ihren nächtlichen Spaziergang mitteilen.«

»Vorher möchte ich gern wissen,« sagte Singer, »weswegen die Polizei mich in Verdacht hat. Ich nehme an, daß hier irgendein unglückseliges Mißverständnis vorliegt. Um was handelt es sich?«

»Raub und Mord,« antwortete Krag, » Mord,« wiederholte er deutlich.

Seltsam. Es war, als ob das Zimmer plötzlich dunkler wurde, die weißen Gardinen schienen graubleich zu werden, wie die Laken in einem Totenbett, und in der Stille, die den Worten des Polizeibeamten folgte, ging ein kalter Lufthauch durchs Zimmer. Auf diese Weise empfindet das Gemüt stets die Nähe eines Mordes, es ist, als ob das Tageslicht grau wird vor Entsetzen, wenn dies schrecklichste aller Worte nur ausgesprochen wird. Auch die Anwesenden fühlten sich von dieser plötzlichen und unwiderstehlichen Unruhe ergriffen.

Da unterbrach Krag das Schweigen.

»O ihr starken Männer und ihr schwachen Weiber!« sagte er, »sehen Sie nur Ihre Frau.«