Krückenmann - Sven Elvestad - ebook

Krückenmann ebook

Sven Elvestad

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Opis

»Und er hielt einen Stock in der Hand?« »Ja, ich sah deutlich, daß er einen Stock hatte.« »Einen Stock aus Elfenbein?« Das Mädchen wurde immer unruhiger. Es schien eine Qual für sie zu sein, die Fragen beantworten zu müssen. »Ja, wenigstens war ein weißer Griff daran«, erwiderte sie leise. In diesem Augenblick wandte sich der schlanke Herr, der plötzlich von dem Stuhl an der Tür aufgestanden war, an den Chef und fragte: »Gestatten Sie, daß ich das Verhör einen Moment übernehme?« »Bitte, Herr Krag«, lautete die Antwort. Das junge Mädchen zuckte zusammen, als sie den Namen des berühmten Detektivs hörte. »Ich habe nichts weiter zu sagen«, stammelte sie. »Ich will auch nur noch ein paar Fragen stellen«, erklärte Krag. »Sie sahen deutlich, daß der Stock weiß war?«

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  Krückenmann

Sven Elvestad

idb

ISBN 9783961505593

I.

Am 25. Februar 1899, um sieben Uhr morgens, fand man in der Christian Kroghsgate einen bewußtlosen Mann. Eine zur Ablösung anrückende Patrouille von Schutzleuten bemerkte ihn. Einer von ihnen ging zu dem nächsten Telephon und läutete bei der Kriminalpolizei an. Und in dem Augenblick, da der Bewußtlose in einen Wagen gelegt wurde, um nach dem Landeskrankenhause gebracht zu werden, war bereits ein Kriminalbeamter zur Stelle.

Dieser erkannte sofort, daß hier ein Verbrechen vorlag. Der Verletzte hatte eine große Wunde an der linken Seite des Kopfes, unmittelbar über dem Ohr. Es war ein Mann mittleren Alters, offenbar ein Bauer.

Der Beamte fuhr mit nach dem Krankenhause, wo der Gefundene rasch verbunden wurde. Der Arzt stellte fest, daß seine Verwundung nicht lebensgefährlich sei. Aber nur durch ein Wunder sei er dem Tode entronnen. Die Wunde sei durch ein stumpfes Instrument verursacht, durch einen Knüppel oder eine Eisenstange, und die Waffe sei mit außerordentlicher Kraft geführt worden.

Aus den Papieren des Überfallenen ging hervor, daß er der Sohn eines vermögenden Bauern aus der Gegend von Elverum war. Man hatte ihn seiner Uhr und aller sonstigen Wertsachen beraubt.

Als er das Bewußtsein so weit zurückerlangt hatte, daß er über seine Erlebnisse berichten konnte, erzählte er, er sei am Tage zuvor in stark berauschtem Zustand mit ein paar »Damen« und ein paar ihm unbekannten Männern zusammengeraten, die ihn weiter mit Bier und Schnaps traktiert hätten. Er erinnerte sich, daß diese Leute ihn tief in der Nacht in eine abseits gelegene Straße geführt, wo ihn plötzlich ein gewaltsamer Schlag an den Kopf getroffen hätte. Als er auf den Bummel gegangen war, hatte er 350 Kronen Papiergeld, darunter einen Hundertkronenschein in seiner Brieftasche gehabt. Bis zu dem Überfall hatte er vielleicht 25 Kronen verbraucht. Er war also um 325 Kronen und eine wertvolle goldene Uhr bestohlen worden.

Die Polizei registrierte die Sache sofort in die Rubrik der allgemeinen Überfälle. Man nahm einige Verhaftungen unter den »lockeren Vögeln« der Straße vor. Doch gelang es nicht, die Urheber zu fassen.

Am 4. März, um zwei Uhr nachts, tat zufällig wieder einer jener Schutzleute, die den verwundeten Bauernburschen aus Elverum gefunden hatten, in der Christian Kroghsgate Dienst.

Plötzlich vernahm er aus dem Dunkel der Straße einen lauten Schrei. Er eilte zu der betreffenden Stelle und stieß auf ein junges Mädchen. Sie war es, die geschrien hatte. Er fand sie in einem unverkennbaren Zustand größten Entsetzens. Sie zitterte am ganzen Körper, ihr Haar war in schlimmster Unordnung. In furchtbarer Erregung klammerte sie sich an seinen Arm und rief:

»O Gott, ich hatte eine schreckliche Erscheinung!«

Und dabei wies sie über die Straße.

»Sehen Sie, da geht er!« rief sie. »Sehen Sie, daß er einen Stock mit einer Elfenbeinkrücke hat?«

Im Licht der qualmenden Laterne bemerkte nun der Schutzmann ganz deutlich, daß eine große männliche Gestalt um die nächste Ecke verschwand. Er trug einen Rock mit langem Schoß und hielt einen Spazierstock in der Hand.

Der Schutzmann lief ihm nach, fand ihn jedoch nicht. Als er zu der Stelle zurückkam, an der er das junge Mädchen verlassen hatte, war auch dieses verschwunden.

Er fand diesen Vorfall ein wenig merkwürdig und berichtete ihn am nächsten Tage seinen Vorgesetzten. Die Polizei war zunächst nicht geneigt, sich um die Geschichte zu kümmern. Als der Chef jedoch erfuhr, daß sie sich an derselben Stelle zugetragen habe, an der vor wenigen Tagen der überfallene Bauernbursche gefunden worden war, verlangte er, daß das Mädchen herbeigeschafft werde.

Der Schutzmann war auch imstande, ein so genaues Signalement von ihr anzugeben, daß es keine Schwierigkeit machte, sie zu finden. Schon um sechs Uhr nachmittags wurde sie dem Chef in einem der Vernehmungszimmer vorgeführt.

Es war eine ganz junge Fabrikarbeiterin, die bereits einmal in eine Diebessache verwickelt gewesen war. Sie hieß Selma Strand.

Der Chef fragte sie, warum sie in der vorigen Nacht so erschrocken gewesen sei.

Das Mädchen zögerte lange mit der Antwort. Sie war offenbar sehr nervös; die Anwesenheit all der Polizisten beunruhigte sie. Und sie antwortete ausweichend.

»Ich ängstigte mich,« sagte sie, »weil im Dunkeln ein großer Mann auf mich zukam.«

»Kannten Sie diesen Mann?«

»Nein.«

»Warum ängstigten Sie sich dann? Sprach er mit Ihnen?«

»Ja – nein – er sagte nur ein paar Worte.«

»Was sagte er denn?«

»Das weiß ich nicht mehr.«

»Nannte er Sie bei Namen?«

»Ich sagte ja, daß ich ihn nicht kannte.«

»Bedrohte er Sie?«

»Nein, das tat er nicht.«

»Aber dann begreife ich nicht, warum Sie sich so ängstigten. Sie haben ja laut geschrien.«

Das Mädchen suchte nach einer Antwort und warf verlegene Blicke ringsum.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein schlanker, gut gekleideter Herr trat ein. Er nickte dem Chef zu, der wohlwollend lächelte. Die anderen Polizisten grüßten respektvoll. Der Ankömmling nahm auf dem Stuhl zunächst der Tür Platz.

Der Chef setzte das Verhör fort.

»Antworten Sie offen und ehrlich. Sie haben doch wohl nichts zu verbergen? Können Sie uns den Mann beschreiben? Wissen Sie, wie er angezogen war?«

»Ich glaube. Er trug einen schwarzen Rock. Und auf dem Kopf hatte er, wenn ich nicht irre, eine Pelzmütze.«

Der Schutzmann, der in der Nacht die Begegnung mit dem Mädchen gehabt hatte, trat nun vor und sagte:

»Ich sah ganz deutlich, daß der Mann einen breitkrempigen Hut auf dem Kopf hatte.«

»Nun, das ist wohl möglich«, warf das Mädchen rasch ein. »Es war so dunkel, daß ich es nicht so genau unterscheiden konnte.«

»Und er hielt einen Stock in der Hand?«

»Ja, ich sah deutlich, daß er einen Stock hatte.«

»Einen Stock aus Elfenbein?«

Das Mädchen wurde immer unruhiger. Es schien eine Qual für sie zu sein, die Fragen beantworten zu müssen.

»Ja, wenigstens war ein weißer Griff daran«, erwiderte sie leise.

In diesem Augenblick wandte sich der schlanke Herr, der plötzlich von dem Stuhl an der Tür aufgestanden war, an den Chef und fragte:

»Gestatten Sie, daß ich das Verhör einen Moment übernehme?«

»Bitte, Herr Krag«, lautete die Antwort.

Das junge Mädchen zuckte zusammen, als sie den Namen des berühmten Detektivs hörte.

»Ich habe nichts weiter zu sagen«, stammelte sie.

»Ich will auch nur noch ein paar Fragen stellen«, erklärte Krag. »Sie sahen deutlich, daß der Stock weiß war?«

»Ja, der Griff war weiß.«

»Aber wie kamen Sie darauf, daß es Elfenbein sei? Als Sie den Schutzmann sahen, riefen Sie ja aus, der Mann habe einen Elfenbeinstock.«

»Ich glaubte es, weil er weiß war.«

Der Detektiv überlegte einen Augenblick.

»Waren Sie es auch gewesen, die geschrien hatte?« fragte er dann. »Der Schutzmann hatte mehrere Schreie gehört.«

»Ja, ich war es gewesen. Ich ängstigte mich, als der Mann aus der Finsternis gerade auf mich zugegangen kam.«

»War der Mann gut gekleidet?«

»Ja, ziemlich gut.«

»Und Sie kannten ihn nicht?«

»Nein, ich habe ihn nie zuvor gesehen. Das kann ich beschwören.«

»Danke, das ist nicht nötig. Wo wohnen Sie?«

Das Mädchen gab eine Adresse an – offenbar erleichtert, weil das Verhör zu Ende war.

Als sie gegangen war, schickte Krag nach einem Kriminalbeamten. Er trat mit ihm an das Fenster und wies auf die Straße hinunter.

»Sehen Sie das Mädchen dort unten mit dem blauen Hutband?« fragte er ihn. Sie ist soeben hier vernommen worden.«

»Jawohl, ich sehe sie.«

»Gut. So gehen Sie ihr nach, und lassen Sie sie nicht aus dem Auge. Aber sie darf nicht merken, daß sie verfolgt wird.«

Der Beamte verschwand sofort. Und einen Augenblick später konnte man ihn die Straße hinunterschlendern sehen – auf demselben Wege, den das junge Mädchen genommen hatte.

Der Chef blieb mit Krag allein zurück.

»Was halten Sie von dem Mädchen?« fragte der erstere.

»Ich bin überzeugt, daß sie uns etwas verbirgt. Es ist ja ganz klar, daß sie den Mann mit dem Elfenbeinstock kennt.«

»Es kann doch aber nicht wohl einer ihrer Freunde gewesen sein.«

Krag zuckte die Schultern.

»Wer weiß«, sagte er. »Ich glaube, das Mädchen war ebenso überrascht wie erschrocken. Sicher ist jedenfalls, daß sie einem Manne begegnet ist, den zu sehen sie unter keinen Umständen erwartet hat.«

»Meinen Sie, daß die Sache für uns von Interesse ist?«

»Möglich«, antwortete Krag, indem er zur Tür ging. »Es verhält sich ja stets so, daß wer etwas vor der Polizei zu verbergen hat, auch etwas von ihr zu fürchten hat.«

»Aber es läßt sich doch kaum annehmen, daß die Geschichte mit dem Überfall von neulich nacht in Verbindung steht?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts. Wir wollen nun zunächst abwarten, was für Nachrichten uns der ausgesandte Detektiv bringen wird. Hat das Mädchen uns eine falsche Adresse aufgegeben, so ist es um so schlimmer für sie. Wir wollen sie jedenfalls fortan Schritt für Schritt verfolgen, und ich werde mich wohl kaum in meiner Annahme irren, daß sie uns schließlich selbst zu dem Manne mit dem Elfenbeinstock führen wird.«

Damit ging Krag.

Am nächsten Tage legte der dem Mädchen nachgesandte Detektiv Bericht ab. Sie war direkt nach ihrer Wohnung gegangen; die Adresse stimmte mit der von ihr angegebenen überein.

Asbjörn Krag war schon im Begriff, die Angelegenheit als völlig gleichgültig aufzugeben, als etwas eintraf, was ihn veranlaßte, mit seinem ganzen Interesse und seiner ganzen Energie einzugreifen.

Am 8. März wurde ein neuer Überfall aus der Christian Kroghsgate gemeldet, genau von der gleichen Stelle, an der der Bauernbursche aus Elverum ausgeplündert worden war und das junge Madchen den Zusammenstoß mit dem geheimnisvollen Manne gehabt hatte. Dieses Mal war der Überfallene ein Matrose. Er war von zwei Männern, mit denen er Karten gespielt hatte, in der Nacht an jenen Platz gelockt worden. Sie hatten im Laufe des Abends zwar sehr viel getrunken, aber der Matrose wußte sich dennoch aller Einzelheiten des Geschehnisses zu erinnern.

In der dunkeln Straße war plötzlich ein großer, grobknochiger Mann aus einem Torweg herausgestürzt und hatte mit einem Knüppel auf ihn losgeschlagen. Der Matrose war sofort bewußtlos zusammengebrochen. Beim Erwachen hatte er dann etwas Warmes über das Gesicht rieseln gefühlt, sich an den Kopf gegriffen und die ganze Hand voller Blut gehabt. Man hatte ihm ein großes Loch geschlagen. Fast bewußtlos war er dann durch die Straßen geschwankt, bis er einen Schutzmann gefunden, der ihn in eine Sanitätswache gebracht hatte, wo er verbunden worden war.

Der Matrose gab ein genaues Signalement von den beiden Männern, die den Abend über mit ihm zusammen gewesen waren. Aber dieses paßte auf keine der zweifelhaften Existenzen, die der Polizei von ähnlichen Überfällen her bekannt waren.

Der Überfallene war an jenem Tage ausgemustert worden und hatte daher ziemlich viel Geld, etwa 400 Kronen bei sich gehabt. Diese waren fort.

Die Geschichte beunruhigte die Polizei. Sie hatte absolut keine Anhaltspunkte. Man nahm einige überstürzte Verhaftungen vor, die zu keinem Ergebnis führten. Die Zeitungen schrieben und schalten über grauenvolle Zustände in der Stadt und über die Schlappheit der Polizei.

Diese nahm schließlich eine vollständige Durchsuchung der Christian Koghsgate vor. Haussuchungen in allen Wohnungen, Verhöre aller Bewohner. Doch nicht um einen Schritt kam man der Lösung näher.

Wer waren die Verbrecher? Warum geschahen die Überfälle stets an derselben Stelle und in derselben Straße? Stand der Mann mit dem Elfenbeinstock irgendwie mit diesen Dingen in Verbindung?

Vorläufig konnte man nicht anderes tun, als die Straße und die Gegend ringsum während der Nacht mit doppelten Patrouillen besetzen.

Inzwischen arbeitete Asbjörn Krag, der sich die Sache sofort hatte übergeben lassen. Aber auch ihm gelang es nicht, die geringste Klarheit herbeizuführen.

Als er eines Vormittags in seinem Kontor saß, wurde eine Dame mittleren Alters zu ihm hereingeführt.

»Wie ich höre, sucht die Polizei einen geheimnisvollen Mann mit einem Elfenbeinstock«, sagte sie.

»Jawohl«, antwortete Krag interessiert. »Können Sie uns vielleicht etwas von ihm berichten?«

»Er muß nun wohl tot sein«, meinte die Dame. »Ich kann Ihnen eine merkwürdige Geschichte erzählen.«

II.

Asbjörn Krag betrachtete die schwarz gekleidete Dame, die an dem Tisch vor ihm saß. Sie gehörte scheinbar dem besseren Mittelstande an und machte sofort einen sehr guten Eindruck auf den Detektiv. Er hielt sie für eine pensionierte Beamtenwitwe.

»Leute meiner Art,« begann sie, »leben am liebsten möglichst still und zurückgezogen. Wenn ich mich trotzdem an die Polizei wende, begreifen Sie also, daß mir etwas ganz Seltsames begegnet sein muß. Aber ich möchte doch vor allem darum bitten, daß meine Name nicht mit der Angelegenheit in Verbindung gebracht wird.«

»Vorausgesetzt, daß die Sache uns nicht dazu zwingt«, wandte Krag ein.

»Nein,« erwiderte die Dame, »meine Rolle darin ist vollkommen bedeutungslos, sowohl für die Polizei als auch für die Sache selbst. Wie ich Ihnen bereits sagte, handelt es sich um den Mann, den die Polizei sucht, jenen Mann mit dem Elfenbeinstock. Daß er gesucht wird, ersah ich aus den polizeilichen Aufrufen.«

Krag nickte und machte sich eine Notiz auf einem Papier.

»Er ist tot?« fragte er.

»Ja, ich weiß nicht, was ich glauben soll«, lautete die Antwort der Dame. »Er ist nun seit einigen Tagen fort, und zwar verschwand er auf eine sehr merkwürdige Weise.«

»War er vielleicht Ihr Mieter?«

»Ja. Wir wohnen in der Oscarsgate. Und da unsere Wohnung für unsere bescheidenen Bedürfnisse nun zu groß geworden ist, vermieten wir ein möbliertes Zimmer. Vor einigen Monaten kam Herr Brandt – so heißt er – zu uns und fragte, ob er das Zimmer bekommen könnte. Da er sehr anständig und ordentlich aussah, hatten wir kein Bedenken, es ihm zu überlassen. Er zog sofort mit seinen Sachen ein.«

»Ehe Sie fortfahren,« unterbrach sie Krag, »müssen Sie so liebenswürdig sein, mir das Signalement des Mannes zu geben.«