Meine Wanderungen und Wandlungen - Ernst Moritz Arndt - ebook

Meine Wanderungen und Wandlungen ebook

Ernst Moritz Arndt

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Opis

Ein autobiografisches Werk eines der berühmtesten deutschen Schriftsteller.

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Meine Wanderungen und Wandlungen

Ernst Moritz Arndt

Inhalt:

Ernst Moritz Arndt – Biografie und Bibliografie

Meine Wanderungen und Wandlungen

Meine Wanderungen und Wandlungen, E. M. Arndt

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849604004

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Ernst Moritz Arndt – Biografie und Bibliografie

Deutscher Patriot, wurde 26. Dez. 1769 in Schoritz auf der Insel Rügen geboren, die noch schwedisch war, und starb 29. Jan. 1860 in Bonn. Sein noch als Leibeigner geborner Vater, damals Inspektor auf einem Gute des Grafen Malte-Putbus, ließ ihn die gelehrte Schule zu Stralsund besuchen. Seit 1789 studierte er zuerst in Greifswald, dann in Jena, neben der Theologie mit Vorliebe Geschichte, Erd- und Völkerkunde, Sprachen und Naturwissenschaften. Nachdem er eine Zeitlang in der Heimat als Kandidat und Hauslehrer zugebracht hatte, machte er 1798–99 eine größere Reise nach Österreich, Oberitalien, Frankreich und zurück durch Belgien und einen Teil von Norddeutschland, die er in den »Reisen durch einen Teil Deutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs« (Leipz. 1804, 4 Bde.) beschrieb, nachdem er schon 1800 eine Schrift »Über die Freiheit der alten Republiken« herausgegeben hatte. Nach seiner Rückkehr habilitierte sich A. Ostern 1800 in Greifswald als Privatdozent der Geschichte und Philologie, verheiratete sich mit der Tochter des Professors Quistorp, die ihm aber bald wieder durch den Tod entrissen ward, und erhielt, nachdem er sich ein Jahr (1803/1804) in Schweden aufgehalten, 1805 eine außerordentliche Professur. Die 1803 erschienene »Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen« zog ihm zwar Klagen mehrerer adliger Gutsbesitzer zu, bestimmte aber den König von Schweden. 1806 die Leibeigenschaft und die Patrimonialgerichte in Vorpommern aufzuheben. Aus derselben Zeit datiert das Schriftchen »Germanien und Europa« (1803), worin A. die von Frankreich drohenden Gefahren beleuchtete. Andre Schriften aus diesen Jahren handeln über die Sprache und die Erziehung. Unter dem Druck der politischen Verhältnisse gab er 1806 den ersten Teil seines großen Werkes: »Geist der Zeit« (6. Aufl. des Ganzen Altona 1877) heraus, der die kommenden Ereignisse prophetisch voraus verkündete und das deutsche Volk zum Kampf gegen Napoleon aufrief. A. selbst arbeitete damals in der schwedischen Kanzlei zu Stralsund. In jener Zeit hatte er mit einem schwedischen Offizier, der geringschätzig von Deutschland gesprochen, einen Zweikampf, in dem er schwer verwundet wurde. Nach der Schlacht bei Jena floh er nach Schweden und fand dort eine Anstellung, die ihm Zeit ließ, den zweiten Teil des Werkes »Geist der Zeit« auszuarbeiten, der 1809 in London erschien und im feurigsten patriotischen Schwung auf die Wege hinwies, auf denen allein Deutschland aus der Erniedrigung erlöst werden könne. Der Sturz seines geliebten Königs Gustav IV. bewog ihn 1802, nach Deutschland zurückzukehren und sich nach Berlin zu begeben. In dem patriotischen Kreise des Buchhändlers Reimer empfing er hier mannigfache Anregung, doch lebte er, da er von Napoleon geächtet war, nicht ohne Gefahr. 1810 konnte er zwar nach dem Friedensschluß zwischen Frankreich und Schweden sein altes Amt in Greifswald wieder antreten, aber schon im Januar 1812 begab er sich wieder nach Berlin, Breslau, Prag und knüpfte überall mit den hervorragendsten preußischen Patrioten enge Beziehungen an. Er war, erfüllt von der Vorstellung, daß Preußen seinen politischen und patriotischen Forderungen gerecht werden könne, ganz Preuße geworden. Stein berief ihn zur Förderung seiner auf die Befreiung Deutschlands gerichteten Pläne zu sich nach Petersburg, und mit ihm kehrte A. nach der Niederlage Napoleons nach Deutschland zurück. Jetzt begann erst eigentlich seine durchgreifende Wirksamkeit. In zündenden Worten, in immer neuen Gedichten, Flugschriften und Ausrufen aller Art rief er das Volk zu den Waffen. Unermeßlich ist der Einfluß, den er auf die Befreiung Deutschlands gewann durch: »Was bedeutet Landwehr und Landsturm?«, den »Deutschen Volkskatechismus«, »Über Entstehung und Bestimmung der deutschen Legion«, »Grundlinien einer deutschen Kriegsordnung« und die Schrift »Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze«, »Über Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache« (1813), »Über das Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa« (1813), »Noch ein Wort über die Franzosen und über uns« (1814). In dem Schriftchen »Das preußische Volk und Heer« (1813) schildert er mit beredten Worten, wie Preußen aus tiefstem Sturz wieder auferstanden sei durch zwei Mittel, welche die Staatsleiter mit wahrer Umsicht angewendet: »den Geist freizulassen und das Volk kriegsgeübt zu machen«. Seine schönen Kriegs- und Vaterlandslieder, erschienen in zwei Sammlungen: »Lieder für Deutsche« (1813) und »Kriegs- und Wehrlieder« (1815), sachten die Begeisterung mächtig an. Sie gingen später in die vollständigern Ausgaben seiner »Gedichte« (zuerst Frankf. 1818, 2 Bde.; Ausgabe letzter Hand, Berl. 1860; 2. Aufl. 1865; Auswahl 1889) über. Noch 1813 veröffentlichte er einen dritten Teil seines Werkes »Geist der Zeit«, worin er die Grundzüge eines neuen, zeitgemäßen Verfassungszustandes in Deutschland gab, die er weiter ausführte in der Schrift »Über künftige ständische Verfassungen in Deutschland« (1814). Der Vertretung des Bauernstandes widmete er eine besondere Schrift (1815). Während die deutschen Heere auf französischem Boden kämpften, ließ er Flugblatt auf Flugblatt ausgehen, so: »über Sitte, Mode und Kleidertracht«, »Entwurf einer deutschen Gesellschaft«, »Blicke aus der Zeit in die Zeit«, »Über die Feier der Leipziger Schlacht«, sämtlich von 1814, dann »Friedrich August von Sachsen«, »Die rheinische Mark und die deutschen Bundesfestungen«, beide von 1815. Seine publizistische Tätigkeit konzentrierte er in der Zeitschrift »Der Wächter«, die er 1815–16 zu Köln herausgab. 1817 veröffentlichte er seine »Märchen und Jugenderinnerungen« und den 4. Teil vom »Geist der Zeit«. 1818 wurde er Professor der Geschichte an der neubegründeten Universität zu Bonn, nachdem er 1817 die Schwester Schleiermachers, Nanna (gest. 16. Okt. 1869), als zweite Gattin heimgeführt hatte. Seine akademische Wirksamkeit war indessen von kurzer Dauer. Nach Beginn der Demagogenverfolgungen infolge von Kotzebues Ermordung wurden wegen des vierten Bandes des »Geistes der Zeit« und wegen Privatäußerungen im September 1819 Arndts Papiere in Beschlag genommen, er selbst im November 1820 von seinem Amt suspendiert und im Februar 1821 die Kriminaluntersuchung wegen demagogischer Umtriebe gegen ihn eröffnet.

Sie hatte kein Resultat: Arndts Forderung einer Ehrenerklärung wurde nicht erfüllt, er ward aber auch nicht für schuldig erklärt, sein Gehalt ihm gelassen, die Erlaubnis, an der Universität Vorlesungen zu halten, jedoch nicht wieder erteilt. Eine Schilderung des Prozesses gab A. später selbst in dem »Notgedrungenen Bericht aus meinem Leben, aus und mit Urkunden der demagogischen und antidemagogischen Umtriebe« (Leipz. 1847, 2 Bde.). In den folgenden Jahren schrieb er: »Nebenstunden, Beschreibung und Geschichte der Shetländischen Inseln und Orkaden« (Leipz. 1826); »Christliches und Türkisches« (Stuttg. 1828); »Die Frage über die Niederlande« (Leipz. 1831); »Belgien und was daran hängt« (das. 1834); »Leben G. Aßmanns« (Berl. 1834); »Schwedische Geschichten unter Gustav III. und Gustav IV. Adolf« (Leipz. 1839); »Erinnerungen aus dem äußern Leben« (3. Aufl., das. 1842). Ein tiefer Schmerz traf ihn 1834 durch den Verlust seines Sohnes Wilibald, eines blühenden Knaben von 9 Jahren, der in den Fluten des Rheins ertrank. Es war einer der ersten Regierungsakte Friedrich Wilhelms IV., A. wieder in sein Amt einzusetzen und ihm seine Briefe und Papiere zurückgeben zu lassen. Die Universität wählte A. 1841 zum Rektor. Es erschienen nun: »Versuch in vergleichenden Völkergeschichten« (2. Aufl., Leipz. 1844); »Schriften für und an seine lieben Deutschen« (das. 1845–55. 4 Bde.), eine Sammlung seiner kleinen politischen Schriften; »Rhein- und Ahrwanderungen« (Bonn 1846). 1848 ward A. von dem 15. rheinpreußischen Wahlbezirk in die deutsche Nationalversammlung gewählt und hier durch feierliche Huldigung der ganzen Versammlung begrüßt. Doch beschränkte sich seine Beteiligung an den Verhandlungen auf kurze, aber kräftige Reden im Sinne der konstitutionell-erbkaiserlichen Partei; er war auch Mitglied der großen Deputation, die dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone anbieten sollte. Am 30. Mai 1849 trat er mit der Gagernschen Partei aus der Versammlung aus und zog sich wie der in die Stille seines akademischen Lebens zurück. Aber den Glauben an eine bessere Zukunft Deutsch lands verlor er nicht; dieser Glaube leuchtete aus seinen »Blättern der Erinnerung, meistens um und aus der Paulskirche in Frankfurt« (Leipz. 1849), der letzten größern poetischen Gabe von ihm, sowie aus seinem »Mahnruf an alle deutschen Gauen in betreff der schleswig-holsteinischen Sache« (1854), dem Büchlein »Pro populo germanico« (Berl. 1854), der an mutigen »Blütenlese aus Altem und Neuem« (Leipz. 1857) und der Schrift »Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn H. K. Fr. vom Stein« (Berl. 1858, 3. Aufl. 1870). Wegen einer angeblich den General Wrede und das bayrische Militär beleidigenden Stelle in letzterm Werk ward A. vor das Schwurgericht in Zweibrücken geladen und, da er nicht erschien, in contumaciam

Einleitung.

Dies Buch über seine Beziehungen zu dem Freiherrn vom Stein ist wohl eins der besten Bücher, die Arndts Feder entstammen. Es ist, sagen wir es getrost, ein Vermächtnis an die deutsche Nachwelt. Vieles, ja das meiste von der großen Arndtschen Produktion ist vom Strom der Zeit hinweggeschwemmt, aber dieses Denkmal, das er dem Freiherrn vom Stein setzte, ist geblieben. Der Mann, den Arndt hier mit feinfühlender Hand gezeichnet hat, war zu groß, als daß er nicht in der Geschichte des Vaterlandes eine bleibende Statt haben sollte. Plastisch tritt der rasche, feurige, mit dem jähen Geist stets seinen Entwürfen vorauseilende Mann vor uns hin. Wie er war, wie er lebte, wie er dachte, alles das gibt uns hier ein Meister der Feder, ein Mann von unbestechlicher Wahrheitsliebe; ein Erzieher des deutschen Volkes gibt das Bild des Erziehers der deutschen Nation, und wenn wir das letzte Blatt dieses würdigen Buches umgeschlagen haben, so mag es auf unsere Lippen kommen: Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem!

T.R.

Meine Wanderungen und Wandlungen

Das Kometenjahr 1811, welches heute noch durch seinen Wein berühmt ist, leuchtete in dem Sinn der europäischen Menschen und auch in meinem Sinn mit der Erwartung und Hoffnung auf von gewaltigen Entscheidungen und Umwälzungen der Dinge, die da nächstens erfolgen würden. Das kleine und dumme Volk träumte und schwatzte sich mit Ungeheuerlichkeiten von Krieg und Pest müde; die Frommen und die Gescheiten schauten mit sehr verschiedenen Gedanken, Gelübden und Gebeten zum Himmel empor, nicht in ihren Anfängen, aber wohl in ihren Enden der Gebete und Gedanken miteinander einstimmig. Ich, damals ein kleiner Professor in Greifswald, hatte mit vielen Tapfern schon spanische und tirolische Gedanken. Ich empfand und wußte, daß ein sogenanntes allgemeines, alle Welt in Frieden und Faulheit zugleich begrabendes zweites römisches Imperatorenreich, wie der große Attila Europas es verkündigen und weissagen ließ, eine Unmöglichkeit war. Ich hatte zu vielen Zorn und Haß in der Brust; ich wußte, daß gottlob viele, ja die meisten davon noch genug im Herzen trugen: es mußten noch gewaltige Kämpfe kommen. Das große Gewitter im Osten über den polnischen und russischen Sümpfen, Wäldern und Wüsten dunkelte düster am Horizont auf. Ich nahm in diesem Kometensommer des Jahres 1811 Abschied von meiner Stelle in Greifswald, fuhr im Herbst jenes Jahres nach Berlin und holte mir von dem dortigen russischen Gesandten Pässe für Rußland, jenem Gesandten, einem Grafen Lieven, besonders empfohlen durch zwei alte schwedische Stockholmer Gönner und Freunde, durch den General Armfelt, damaligen Statthalter Finnlands, und durch den früheren schwedischen Oberhofmarschall Freiherrn Munck. Mit diesen Pässen hatte ich mich für allen Notfall versehen, und solcher Notfall trat bald ein. Im Winter 1812 ging ich nach Berlin und wartete dort ein paar Monate das näher heranziehende Gewitter ab. Dann ging es nach Schlesien, um von da beim Kriegsausbruche sogleich weiter gegen Osten fliehen zu können. Denn von meinem Napoleon durfte ich mich freilich nicht einholen lassen. Dieser Bruch und Ausbruch kam und fand mich gerüstet. Ich fuhr dann durch Böhmen und Polen gen Moskowien, noch besonders eingeladen von einem großen Vorausreisenden, dem Reichsfreiherrn vom Stein, der, gleich mir, von Napoleon geächtet, durch einzelne meiner Schriften auf mich aufmerksam geworden war. Ich zog nicht allein gegen den Osten, ich, ein armer antinapoleonischer Federheld, der gegen den Gewaltigen nur Gänsespulen wetzte, sondern es zogen viele tapfre Degen aus deutschen Landen, besonders manche preußische Offiziere dahin, um die Glut des gerechten deutschen Zorns gegen den großen Überlister und Dränger der Könige und Völker im welschen Blute abzukühlen. Da half es freilich nicht, es mußte dieser Zorn auch in deutschem Blute, das für Napoleon mitfließen sollte, abgekühlt werden. Napoleon war schon Attila, der die dick zusammengerollten Haufen bezwungener Völker und auch die Scharen deutscher Könige und Fürsten über Oder, Weichsel und Dnjestr mit sich und hinter sich hertreiben ließ. Gegen Ende Augusts des Jahres 1812 stand ich vor dem berühmten Minister Freiherrn vom Stein.

Er empfing mich freundlich mit den Worten: »Gut, daß Sie da sind. Wir müssen hoffen, daß wir hier Arbeit bekommen.« Ich sah einen Mann vor mir gedrungenen mittleren Wuchses, schon mit ergrauendem Haar und etwas vornübergeneigt, mit leuchtendsten Augen und freundlichster Gebärde. In bester, getreuester Meinung hatte er mich zu sich gewünscht und gerufen, und ich, wie ich vor ihm stand, schien einem Bilde solches Wohlwollens zu entsprechen. Er empfing mich wirklich mit solcher fröhlichen Zärtlichkeit, als hätten wir uns schon Jahre gekannt, und ich, mit welcher hohen Verehrung ich auch vor den berühmten Mann getreten war, deuchte mir fast wie vor einem alten Bekannten vor ihm zu stehen. Die Jugendblödigkeit des geborenen Plebejers, die auch nie sehr demütig gewesen war, war in dem dreiundvierzigjährigen Mann, der vor dem fünfundfünfzigjährigen Freiherrn stand, schon vor einem Vierteljahrhundert abgerieben und abgeklopft. Ich hatte in großen Hauptstädten schon genug Welttreiben gesehen und war unter Grafen und Baronen und weiland Staatsministern und Fürsten kein Fremdling mehr. Kurz, ich ward auf das allerfreundlichste empfangen und für den nächsten Morgen wieder berufen, um gleichsam meine Anweisung und Einweisung in meine Petersburger Stellung aus seinen Händen überliefert zu erhalten. Ich mußte sogleich mit ihm zu Mittag essen; dann beschied er mich auf den morgenden Vormittag. Ich war im Hotel Demuth abgestiegen, wo er wohnte; wenige Wochen darauf bezog er ein stolzeres, ministerlicheres Palais.

Ich ging gerührt und bewegt durch die Haltung, Art und Rede des ritterlichen Mannes in mein eignes Kämmerlein und mußte grübeln über eine Anwandlung von Erinnerungen, wo mir eben die Menschen und Dinge der Erinnerungen nicht kommen wollten. Diese Anwandlung von Erinnerungen und Ähnlichkeiten und meine Grübelei nahm die folgenden Tage noch zu, bis ich es einmal plötzlich hatte und rufen mußte: Fichte! Ja, mein Fichte, mein alter Fichte war es fast leibhaftig: dieselbe gedrungene Gestalt, dieselbe Stirn, die auch bei Fichte zuweilen recht hell und freundlich glänzen konten, dieselbe mächtige Nase bei beiden, nur mit dem Unterschiede, daß dieser mächtige Schnabel bei Fichte in die Welt hineinstieß, als die da noch suchte, bei Stein aber wie bei einem, der sein Festes, worauf er stoßen sollte, schon gefunden hatte. Beide konnten freundlich sein, Stein noch viel freundlicher als Fichte; in beiden ein tiefer Ernst und zuweilen auch eine schreckliche Furchtbarkeit des Blickes, der bei dem Sohn des deutschen Ritters gelegentlich doch viel schrecklicher war als bei dem Sohn des armen Lausitzer Webers.

Stein wies mir nun ungefähr die Stellung an, welche ich mit und an und unter ihm haben sollte. Das »Unter« aber hat er niemals gegen mich gebraucht. Über seine Stellung zu dem hohen Zaren sprach er nimmer ein Wort, sondern schloß das kurz mit den Worten ab: »Sie wissen ja, warum und wozu ich hier bin, so gut Sie es wissen, warum Sie so weit nach Osten ziehen gewollt haben. Unsre kleinen Geschäfte werden sich finden.« Und dann nannte er mir das Nächste und die nächsten Personen, welche ich sehen müsse, und bei welchen ich schon angemeldet sei. Ich habe nur hinzugehen und meinen Namen zu nennen. Ihre Namen hießen: der alte Herzog von Holstein-Oldenburg, Graf Lieven, jüngst noch russischer Gesandter in Berlin, Graf Kotschubey, Oberst Arentschild und einige Etcaetera. Hier die Erklärung über dieses Nächste:

Wie gesagt, über sein Verhältnis zum Kaiser Alexander, also noch weniger über etwaige Gespräche und Verhandlungen mit ihm hat er außer freundlichem Lobe, welches er dem Selbstherrscher reichlich spendete, fast nie ein Wort mit mir gesprochen. Diese seine Wirksamkeit und Arbeit ist begreiflich immer unter vier Augen geblieben, und von eigenen Taten und Werken erzählte er überhaupt fast nie; in der äußerlichen sichtlichen Stellung aber stand er hier in Petersburg gleichsam als Stellvertreter Deutschlands und der möglichen Entwickelungen und Erfolge und der Vorbereitungen und Rüstungen der Dinge, die sich auf Deutschland beziehen und für Deutschland ergeben könnten, gleichsam ein noch sehr in der Luft oder vielmehr in dem Lichte des Gedankens schwebender deutscher Diktator. In der Ferne schwebte allen uns Deutschen, die noch ein heißes, zorniges Herz für unser Vaterland hatten, die Wiederaufrichtung desselben aus dem Jammer und der Schande, die Vernichtung des scheußlichen Rheinbundes und die Zertrümmerung der französischen Macht vor. In der Nähe, hier in Rußland, fochten unter Napoleons Fahnen wenigstens 150000 Deutsche, seine Soldaten, aus eroberten deutschen Landen ausgehoben, die heranbefohlenen Rheinbundstruppen, endlich die Hilfsscharen Österreichs und Preußens. Es war die Meinung und Hoffnung, wenn das Kriegsglück des gewaltigen Attila etwa wanke, die Herzen dieser über alle Ströme und Wüsten so weit gegen Osten aus der Heimat fortgetriebenen Jünglinge zu erschüttern und sie zu erinnern, daß sie jenseits ein großes Vaterland haben, für dessen Glück und Ehre sie lieber in den Streit gehen sollten, als sich von dem fremden Überzieher in den Tod treiben zu lassen. Viele tapfre Männer, welche von edlem Zorn und heller Hoffnung brannten, waren unter diesem Zeichen deutsches Vaterland nach Rußland gegangen, unter Alexanders Fahnen gegen Napoleon zu fechten und aus allen Kräften deutsche Jünglinge für die Erlösung ihres Vaterlandes zu einer Gegenschar zu waffnen. Dies war der Gedanke der Deutschen Legion. Für die Errichtung und Gründung derselben ward in Petersburg zunächst geplant und gearbeitet, und hierfür bekam ich gleichsam meines Eintritts erste Tätigkeit und Beschäftigung.

In Beziehung auf die Errichtung dieser Legion hatte Stein mir die oben genannten Namen ausgesprochen. Ich muß also hier über sie ein wenig erzählen.

Der Herzog von Oldenburg war vor zwei Jahren von Napoleon von Land und Leuten verjagt, nächster Vetter und Gefreundter des Kaisers von Rußland. Er sollte gleichsam der Feldmarschall dieser Hoffnungsschar sein und hatte den alten Obersten Arentschild, einen hannöverschen Bremenser, als seinen Generaladjutanten mitgebracht. Er stand an der Spitze für die Angelegenheit dieses Ausschusses und neben ihm Stein und die Grafen Kotschubey und Lieven. Stein sagte zu mir: »Sie können sich mit Ihrem Namen ihm nur vorzeigen, sich verneigen und ihn sprechen lassen. Er steht da wie ein langbeiniger Storch und wird Ihnen stans pede in uno ein Examinatorium über die ganze deutsche Reichsgeschichte und deren Fürstenstämme zumuten.« Ich ging hin, fand in der Tat die Bestätigung in steifer fürstlicher Freundlichkeit, habe nur dieses erste einzige Mal Gelegenheit gehabt, mich persönlich vor ihm zu verneigen, mit seinem Sohne aber hatte ich in Smolensk im Feldlager an dem Generalstisch des Herzogs Alexander von Württemberg vier, fünf Tage mit meinem Freunde, dem Grafen Chasot1, am gemeinsamen Mittagstische gesessen. Später erkannte ich wohl, daß Stein und der Herzog in demselben Gespann zusammen nimmer gut ziehen konnten. Sie haben zu verschiedene Gründe und Anfänge der deutschen Dinge gewollt, also auch zu verschiedene Aufforderungen und Verkündigungen für die deutschen Angelegenheiten. Der Herzog wollte alles allein mit, durch und für die Fürsten anfangen und in ihrem Namen Deutschland! rufen, Stein aber meinte mit einem sehr spanischen Gefühl, auch die Fürsten müsse man erst lehren, wieder deutsch zu gehorchen und nicht zu glauben, daß Gott allein für sie die Welt geschaffen habe; nur durch alle, durch alles Volk, Große und Kleine, werde die Zerbrechung des welschen Joches möglich sein. Die beiden Herren, der Weserfürst und der Rheinritter, sind demnach immer weiter auseinandergekommen; der Herzog von Oldenburg als Haupt der Legion ist zuletzt bloßer Name geblieben, die Legion selbst ist ein ganz anderes Ding geworden, als man bei ihrem Anfange gemeint hat. Begreiflich, daß der Herzog mich, ein Steinsches Nachtschaden- oder Landschadenkraut, nur ein einziges Mal angesehen hat.

General Graf Lieven war eben als russischer Gesandter aus Berlin angekommen, ein wohlwollender und der guten Sache freundlicher, aber kein bedeutender Mann; der Mann aber hatte einen Mann hinter sich. Dieser Hintermann war die Macht und hieß Gräfin Lieven, eine kurländische Freiin von Benkendorf. Sie war eine echte, lebendige, bewegliche Kurländerin, ich möchte sagen: von der schlanksten Beweglichkeit und Geschmeidigkeit, welche den kurländischen deutschen Adel auszeichnen; obgleich die erste Jugendblüte von ihr abgeblasen war, doch noch mit angebornen Reizen und mit einer leichten, ungelernten Anmut. Diese beiden empfingen mich sehr freundlich, einen Bekannten schon von Berlin her, wo ich einigemale bei ihnen eingeladen gewesen war und meine Pässe für Rußland empfangen hatte. Bei den späteren Sieges- und Freudenfesten in Petersburg bin ich bei der allgemeinen Freude, welche in der Hauptstadt alle Stände und Geschlechter damals mischte, von der schönen Kurländerin oft mit zärtlichsten Händedrücken und Umhalsungen beglückt worden. Noch in ihrem Alter ist diese Gräfin Lieven in den Marmorsälen von London und Paris eine leuchtende und mitspielende diplomatische Gestalt geblieben.

Ich habe eben nicht umsonst von der echten, lebendigsten Kurländerin gesprochen; ich hätte sie auch eine halbe Polin nennen können. Bei den Kurländern – ich meine, bei dem kurländischen Adel – muß man immer an die Polen denken, unter deren Herrschaft und Einfluß das reiche, fruchtbare Land Kurland ein paar Jahrhunderte gestanden hat. Ich kenne ja meine leichtfüßigen, leichtzungigen, leichtlispelnden Kurländer, habe vor manchen längstverschienenen Tagen in Jena manche liebenswürdige kurländische Rittersöhne (Korfe, Mirbach, Sacken usw.) zu lustigen Kameraden gehabt. Bei dem ersten Anblick des Kurländers und der Kurländerin fällt einem in ihrer Art und Sitte und in der leichthin säuselnden und lispelnden deutschen Sprache derselben die Beweglichkeit, Geschmeidigkeit, Leichtigkeit und Leichtfertigkeit der Polen und Polinnen in vielfältigen Ähnlichkeiten sogleich auf. Die weiland reizende berühmte Herzogin von Kurland und ihre Töchter und diese Kurländerin Gräfin Lieven haben ganz die Leichtigkeit und Anmut der schönen Polinnen gehabt. Dies alles ist nicht wunderbar, aber doch sonderbar genug. In solcher Weise wirkt schon die Nachbarschaft, wie viel mehr aber die Herrschaft mit ihren mitgebrachten Verbindungen und Beziehungen eines verschiedenartigen Volkes auf ein ganz anderes. Ich weise dies sogleich in einem Beispiel nach. Der livländische deutsche Bürger und Edelmann war ursprünglich während der Herrschaft der deutschen Ritterschaften zwischen dem dreizehnten und sechzehnten Jahrhundert ganz derselbe Stoff und die gleiche Art des kurländischen und preußischen, aber Livland und Estland haben über ein Jahrhundert unter Schweden gestanden, haben manche schwedische Familien und noch mehr schwedische Art und Sitte bei sich eingebürgert, leben jetzt bald anderthalb Jahrhunderte unter den Russen, und wie verschieden in Haltung und Gebarung sind die Männer und Frauen von dem Kurländer und der Kurländerin!

Dies war mir schon klar unter meinen Jenenser Burschen, es ist mir in Petersburg noch viel klarer geworden. Bei den Livländern, deucht mir, ist noch manches von schwedischer Schwere und Ruhigkeit, aber gottlob auch von schwedischer Geradheit und Derbheit, wovon der leichtere Kurländer viel weniger zeigt. Dies sind so Schatten und Bilder der Länder und Völker, welche dem Auge wie leichte Schimmer und Schatten vorschweben, welche man sich aber hüten muß mit zu dicken und festen Farben zu malen.

Der Russe Graf Kotschubey und seine Gemahlin. Ich bin mit Stein in diesem Hause oft eingeladen gewesen und habe ihre Art und ihr Leben also kennnen gelernt. Kotschubey war Stein bei seinen Arbeiten zugeordnet, und Stein hatte den Mann bald sehr liebgewonnen. Wenn man diese Familie und ihr Wesen betrachtete, ihre schlichte, einfache, prunklose Weise, so konnte man wohl fragen: von welchem Planeten sind diese in dieses starre Schneeland Moskowien gefallen? können solche Pflanzen auch an der Newa wachsen?

Arentschild! Klingt ja mein eigner Name in diesem Namen wieder. Er stammt wirklich, wie ich, aus Schweden. Nach Gustav Adolf, in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, kamen infolge schwedischer Besitzungen und der Besteigung des schwedischen Königsthrons durch Fürsten deutschen Bluts (des wittelsbachischen) nach Pommern und an Elbe, Weser und Rhein manche schwedische Kriegsmänner, Landvögte und andre Beamte, die ihre Geschlechter dort hinpflanzten, deren Kinder und Enkel dort nun halbverdeutschte Namen führen. Arentschild ist die schwedische Ritterfamilie Örnsköld (Adlerschild). Unser alter Oberst schien mir in der Tat viele, fast zu viele schwedisch-nordische Ruhigkeit und Gelassenheit in sich zu tragen. Sein Adjutant, Major Stülpnagel, klagte sogar über ihn: »Der Alte ist nicht bloß ruhig, nein, er kann nichts mehr; unter ihm werden wir keine geschwinde Schwerthiebe führen.« Er ist später, als es wirklich Schwerthiebe geben sollte, gar nicht zum Oberkommando gekommen. Dazu war von Stein zuerst der edle Graf Chasot ausersehen, der aber in Rußland an der schrecklichen Kriegslazarettseuche starb, nach ihm Gneisenau, der aber sogleich nach seiner Rückkehr aus England eine höhere Bestimmung erhielt; endlich ist Steins Schwager, der österreichische General Graf Wallmoden, ihr tapfrer Führer geworden.

Bei den Geschäften, die mir von dem Minister aufgetragen wurden, hatte ich auch häufig mit den Obersten und Offizieren der Legion zu tun, auch zuweilen Hader zu schlichten und Händel beizulegen, wie es bei der Zwiespältigkeit der Ansichten von Stein, Oldenburg und Arentschild denn auch an allerlei Außerordentlichkeiten und Abenteuerlichkeiten nicht fehlen konnte. Die meisten Offiziere der Legion waren Preußen, welche Abschied oder Urlaub genommen hatten, um in Rußland ihre Säbel an Franzosenköpfen zu erproben: manche derselben adligste und zugleich edelste Männer, die wir später als Feldherren und Generale in ihrem alten preußischen Kriegsrock wiedergesehen haben: Grafen Dohna, Freiherrn Horste, Goltze, Horn, Alvensleben usw. Mit vielen ist mir bis in meine späten Jahre frohe Erinnerung unsrer Petersburger Tage und treue Genossenschaft und Freundschaft geblieben.

Hier ein paar Proben:

Major von Stülpnagel war Erster Adjutant Arentschilds, ein Ukermärker, ein feiner, sehr tätiger und geschickter Offizier, dem Minister durch seinen Schwager, den Grafen Arnim-Boitzenburg, ganz besonders empfohlen, wie denn auch der Graf Arnim in seinem brennendsten Franzosenhasse mehrere auf Rußland gegen Osten fahrende preußische Offiziere mit seinem Golde reichlich gefördert und ausgerüstet hatte. Stülpnagel klagte nun oft über Steins unerträgliche Grobheit, der ihn manches Verkehrte empfinden lasse, was in verzwickten Verhältnissen und Persönlichkeiten liege, und dann seinen Ärger darüber auf ihn gleichsam ablade. Ebenso hatte Stein vor mir, wenn ich den Stülpnagel lobte, sich wohl so ausgesprochen: »Gehen Sie mir mit Ihrem Stülpnagel! Das ist ein blöder Zuckler und Bücklingmacher.« Da riet ich nun auf seine Klagen dem Stülpnagel einmal: »Nun fassen Sie sich mal einen Ochsenmut gegen den Löwen und werden Sie wieder grob.« Und das hatte er getan. Als ich nach solcher seiner Erkühnung den folgenden Morgen zu Stein kam, sagte er: »Sie hatten nicht ganz unrecht, ich hatte mir den Stülpnagel doch falsch vorgestellt; er ist doch so übel nicht, aber er sollte nur nicht so fein sein wollen und ein wenig mehr soldatisch auf die Menschen losgehen.« Ich hatte Stein bald abgemerkt, daß man auf ihn wirklich ein wenig soldatisch losgehen mußte, daß er, die zu schüchtern oder zu fein vor ihm auftraten, für Tröpfe oder gar für Schleicher und Schelme hielt.

Dies war eine Stülpnageliade, aber es gab ganz andere Abenteuerlichkeiten bei der Legion. Wie gesagt, die Mehrheit der Offiziere waren treue, edle Preußen, aber auch einige Kurländer und Livländer traten ein, und ich selbst brachte einen Schwedisch-Pommern von Mühlenfels hinein, der in zwei Feldzügen vom Leutnant bis zum Oberstleutnant im russischen Dienst vorgerückt ist; aber Abenteurer aus allerlei Volk und mit allerlei Namen vornehmsten Klanges meldeten sich genug. Petersburg ist ein rechtes Posthalt der Abenteurer, die auf Fortunas Flügeln durch die Welt fliegen, ein europäisches Absteigequartier. Aus Frankreich, England, Deutschland fliegen hier alle Tage solche Vögel zusammen. Gelingt es ihnen hier nicht, so läuft die Reise auf dem freien, lockern Wege Fortunens gewöhnlich über Jassy und Bukarest auf Konstantinopel und von da wohl auf Smyrna oder Alexandria weiter.

So kam uns unter andern einer mit dem großen Namen Baron Douglas, der aber, da wir ihn scharf faßten, dunkel und still verschwand; so ein zweiter mit der Aufschrift Baron Locn-Taxis, ein schönes, stattliches Gewächs mit einem prächtigen Rundkopf und einem jugendlich schwarzen Schnurrbart. Er wollte preußischer Offizier gewesen sein und trug Sterne und Orden an der Brust. Er brachte aus russischen Häusern Empfehlungen, besonders von vornehmen Damen, wobei Stein etwas prustete, war auch bei Stein eingeführt, der mir seine Papiere zur Durchsicht gab. Unsere Offiziere munkelten allerlei hin und her über ihn und wollten ihn nicht zum Kameraden haben; einer von ihnen, mein' ich, sprach auch von einem Gerücht, ein Locn sei im Jahr 1807 unter Blücher und Marwitz in Rügen gewesen, aber bald wegen unlöblicher Geschichten verschwunden und verschollen; mit dem Titel Herr Major, den er sich gab, und dem Orden pour le mérite militaire, den er trug, möge es wohl nicht viel richtiger sein als mit dem Brustschmuck, womit Douglas glänzte. Er aber machte den Kühnen, wollte alle auf die Klinge fordern. Sie riefen mich mit in ihren Kriegsrat. Unser Bedenken fiel dahin aus, daß man kein Ehrengefecht mit ihm eingehen könne, bis er sich erst besser ausgewiesen habe. Es mochte ihm endlich wohl schwül werden. Genug, auch dieses glänzende Meteor verschwand plötzlich, ohne daß jemand Kunde geben konnte, wodurch und wohin. Nun habe ich zehn, zwölf Jahre später aus den Tagebüchern eines französischen Offiziers, welcher bei Mehemet Ali in Janina Oberst eines Regiments gewesen sein wollte, in Zeitungsblättern gelesen, er habe dort einen Preußen namens Locn-Taxis als Kameraden gehabt. Er war also mit seiner europäischen Abenteuerlichkeit zur rechten Stelle, zu den Türken hin verschlagen.

Die Legion hatte jetzt ihr Standquartier in Petersburg; dieses ward später nach Finnland verlegt, wohin nach den großen Schlachten die Menge deutscher Gefangener zu Tausenden abgeführt wurden, aus welchen die Legion gemehrt werden konnte. Sie wuchs allerdings auch dadurch, aber nimmer in dem Maße, wie wir nach der Zahl der Gefangenen gehofft hatten. Zuerst wollten freilich alle Gefangene nicht sogleich diesen Dienst nehmen, aber die meisten waren dazu in ihrer traurigen, jedem rohen russischen Jammer ausgesetzten Lage, die sonst sogar nach Sibirien versetzt werden konnte, begreiflicherweise sehr willig. Man träumte also nun bald den Anwuchs zu einer Zahl von Zehn- und Zwanzigtausenden, aber, aber – Gott sahe drein, oder vielmehr Gott hatte schon drein gesehen. Die Gefangenen waren durch Märsche, Kälte, Mangel und durch harte, grausame Behandlung ihrer russischen Treiber, bei der Wegführung auf Schnee- und Eiswegen in Mark und Gebein welk, dürr und lahm und starben wie die Fliegen dahin. Ich habe ja genug Exemplare dieser unglücklichen, verhungerten und erfrornen Jünglinge gesehen. So ist wenig Frisches und Gesundes für die Legion übriggeblieben. Späterhin, als das Glück sich mit so wunderbarem Umschwung und Umschlag gewaltig gegen Napoleon wandte, ward bei dem geschwinden Lauf der Dinge gegen unsern Westen hin der Gedanke, aus der Legion in Rußland ein Heer zu machen, natürlich aufgegeben. Was da unter Waffen fertig war, marschierte indessen, an Männern, Waffen, Pferden trefflich gerüstet, im Winter 1813 in Königsberg auf: Fußvolk, Reiterei, Artillerie, etwa 5000 bis 6000 Mann. Sie haben im russischen, dann im englischen Sold den großen deutschen Krieg tapfer mit durchgefochten und sind endlich, meist als besondere Regimenter und Geschwader, in den preußischen Dienst übergegangen, welchem fast alle ihre Oberbefehlshaber angehört hatten.

Hier ward ich also sogleich, wenn nicht mit hineingestellt, doch hinangestellt und habe auch für die Bestimmung und Verteidigung dieser Deutschen Legion in zwei Jahren manchen Tintentropfen aus der Feder laufen lassen müssen. Hier erzähle ich nun beiläufig, daß Stein mich als einen literarischen Mitläufer oder Beiläufer in dem Budget seines Departements mit aufgeführt hatte. Er brachte, als er die hiesige Art kennen gelernt, den lächelnden Scherz an mich: »Hören Sie, Sie müssen ein russisches Zeichen, das hier jedermännniglich trägt, einen Orden haben. Das ist hierlandes eine Einlaßkarte; sonst läßt kein Pförtner Sie ein.« Worauf ich lachend erwiderte: »Ich und ein russischer Orden? Ich werde in keinen Schlössern und Palästen zu tun haben, wo Eure Exzellenz nicht eintreten, und Ihr Name ist Marke genug.« Es ist also dabei geblieben.

Wundersamer Wechsel der menschlichen Dinge und Geschicke: in den Jahren 1807 und 1808 hatte ich in Stockholm aus dem Kabinette meines Herzens Verkündigungen und Pamphlets, harte und bittere, gegen die Russen und den Kaiser Alexander geschrieben, und jetzt in Petersburg schrieb ich für denselben Kaiser Alexander und für mein Deutschland, das wir für den Krieg fertigmachen wollten.

Hatte ich Haar und Farbe gewechselt? Nein. Stein ließ mir meine Reisekosten, die ich aus eigenem Beutel bestritten hatte, und die einige hundert Taler ausmachten, ersetzen und Diäten, etwa einen Friedrichsdor für den Tag, anweisen. Diese, so wie manche andre Summe in seinem Auftrage, hatte ich aus dem wundersamen und grauenvollen Labyrinth des Kaisers Paul von einem Oberzahlmeister Worotschenko abzuholen, dem längsten und schlanksten Russen, den meine Augen gesehen haben, und, wie mir deucht, einem der freundlichsten und ehrlichsten.

In diesem Paulslabyrinth, wo die wundersamsten durcheinander gewundenen und verschlungenen Rundgänge und Durchgänge mit einer Menge Treppen, Treppchen und Türen sich befanden, bin ich viel aus- und eingegangen und habe hier, obgleich mit einem vorzüglichen Orts-, Namen- und Zahlensinn von der Natur begabt, seine vielverschlungenen und verworrenen Wege und Stege doch nimmer richtig gehen lernen gekonnt. Ja, bei hellem Tage, nach manchen Tappungen, Hin- und Herläufen, Stampfungen und Klopfungen an Türen, Türchen und Pförtchen war das gewöhnliche Resultat, daß Worotschenko, durch das Gepolter aufgeweckt, mir fast immer zu Hilfe kam. Diesem Russen – er war damals ein Jüngling, dessen feines, redliches Gesicht mir noch heute hell vor Augen steht – mußte ich, ich weiß nicht, wodurch, das Herz abgewonnen haben. Er ließ sich gern in Gespräch mit mir ein, wollte auch über die Westlande und Südlande, welche ich besser kannte als er, von mir gern etwas lernen und erzählte mir dann gebeten und ungebeten wieder, was ich als Gegengeschenk zu empfangen wünschte. So stehe denn hier einiges über Pauls Labyrinth und die zu ihrer Zeit über ganz Europa als eine blutige Mär hingeklungenen Begebenheiten dieses grauenvollen Baugeflechtes:

Kaiser Paul, ein seltsamer Fürst, der einen orientalisch-tatarischen Charakter aus Turan mit europäischer Gesittung und Bildung im wunderlichsten Gemisch verband, der von Jugend auf in den gewaltigen, oft mordlichen moskowitischen Geschichten und in der Geschichte seines eigenen Vaters, die er wohl kannte, viele natürlichste Spiegelungen buntester und dunkelster Phantasie erblickt hatte, der auch nimmer hatte vergessen gekonnt, wie seine Mama, die große Katharina, seine Jugend und sein Mannesalter bis an ihr Ende von Wächtern und Auflaurern hatte belauschen lassen, – dieser Kaiser Paul hatte sich sein künstlichstes Elsternest gebaut, in welchem Eingänge und Ausgänge auf eine ganz besondere Weise berechnet und durcheinander verwirrt waren. Dieser Palast steht da als ein ungeheurer, rundester, dickster Bienenkorb, von oben bis unten ein vollständiges Rund. Es gab einen Haupteingang mit einer mächtigen Treppe, welche noch da ist, aber auch einige kleine Seiteneingänge, welche jetzt vermauert sind. Dieser künstlichste Fuchsbau, worin aber kein Fuchs, sondern ein ganz eigentümlich gestalteter, bald gutmütiger, bald grimmiger Bär saß, war mit seinen vielen Rundläufen, Hallen, Treppen und Türen absichtlich so berechnet und gebaut, daß nur einer, der lange darin gewohnt und die bunte Karte des Ganzen wohl studiert und auswendig gelernt hatte, sich darin hatte zurechtfinden können. In diesem seinen Labyrinth wollte Kaiser Paul niemand bestricken und fangen, und doch ist er selbst darin gefangen und abgefangen worden. Hier stehe über diese Abfangung aus meiner Erinnerung darüber, was der treffliche Stettiner Pommer, der weiland kaiserliche Staatsrat und Petersburger Akademiker Adelung, und mein zutraulicher Labyrinthleiter Worotschenko mir darüber erzählt haben.