L wie Liebe (Staffel 5) - Ruth Gogoll - ebook

L wie Liebe (Staffel 5) ebook

Ruth Gogoll

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Opis

Nachdem in Staffel 4 Anita mit Tonia glücklich geworden ist, wird es Zeit, dass auch die anderen glücklich werden. Doch das ist manchmal gar nicht so einfach, wenn Frauen sich selbst im Wege stehen. Glück lässt sich nicht erzwingen, auch wenn die große Liebe vielleicht schon lange an der Ecke wartet. Frau muss sie immer noch einfangen (und darf nicht vor ihr weglaufen). Doch obwohl noch das eine oder andere Missverständnis geklärt werden muss, die eine oder andere ein wenig in Richtung Glück geschubst werden und Paare zu sich selbst finden müssen: Hier kommt das Happy End, das bei el!es garantiert ist.

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Ruth Gogoll

L WIE LIEBE

Staffel 5

© 2014édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-094-3

1. Kapitel

   Erwachen   

Carolin schaute nachdenklich zum Fenster hinaus. Sie war ins Krankenhaus gekommen, um einen Ultraschall machen zu lassen, und mit ihrem Baby war alles in Ordnung, aber nun, da sie in Sabrinas Zimmer stand, kam ihr diese Ordnung sehr zerbrechlich vor. Es konnte innerhalb von Sekunden vorbei sein, so wie es das auch bei Sabrina gewesen war.

Sie drehte sich um und betrachtete Sabrinas schmale Gestalt im Bett, die geöffneten Augen, das völlig entspannt, fast wie lächelnd wirkende Gesicht. Vielleicht ging es ihr ja gut. Vielleicht war sie glücklich dort, wo sie jetzt war.

Carolin ging zu ihr, nahm die Augentropfen und träufelte etwas auf die Augäpfel. Die Augen durften nicht austrocknen. Sie warf noch einen Blick in Sabrinas Gesicht, dann schaute sie wieder hinüber zum Fenster. Sie würde noch eine Weile hierbleiben, damit Chris ausruhen konnte. Sie hatte sich im Schwesternzimmer hingelegt. Die Schwestern erlaubten es, weil sie Mitleid mit ihr hatten.

Carolin seufzte. Wenn Rebekka so etwas passieren würde . . . Sie wüsste nicht, was sie täte. Wahrscheinlich genau dasselbe wie Chris: hoffen und warten.

Sie setzte sich und schlug ihr Buch auf. Wie so oft in letzter Zeit war es ein Buch über Kindererziehung. Sie wollte nichts falsch machen. Ob sie sich in dieser Hinsicht auf Rebekka verlassen konnte, wusste sie nicht, und ihre Schwiegermutter hatte zwar bei Rebekka gute Arbeit geleistet, aber Carolin wollte sich von ihr keinesfalls die Zügel aus der Hand nehmen lassen. Sie musste selbst für ihr Kind sorgen können.

Während sie das Gefühl hatte, dass dieses Buch wieder einmal in fast allem dem widersprach, was sie im letzten Buch gelesen hatte, flog die Zeit dahin, und es wurde langsam dunkel draußen. Sie stand auf, um das Licht einzuschalten.

Ein leises Stöhnen kam vom Bett. Carolin ging hinüber und zog die Decke weiter über Sabrinas Schulter hoch. Vielleicht fror sie, obwohl das Krankenzimmer eher überheizt und stickig war.

Etwas frische Luft hereinzulassen konnte auf jeden Fall nicht schaden. Als Carolin das Fenster öffnete, ertönte wieder das leise Stöhnen hinter ihr. Sie trat ans Bett, setzte sich auf die Bettkante, strich sanft über Sabrinas Gesicht. »Was ist denn?«, fragte sie leise. »Was hast du? Möchtest du etwas?«

Sie wusste, dass es sinnlos war. Sabrina würde nicht antworten. Aber so hatte sie wenigstens das Gefühl, mit ihr kommunizieren zu können. Wenn sie auch nicht wusste, was Sabrina davon mitbekam. Vielleicht spürte sie zumindest die Anteilnahme, die Sorge.

»Vermisst du Chris?«, fragte Carolin sanft. »Sie kommt bald wieder, keine Angst.« Sie strich noch einmal über Sabrinas Wange und wollte aufstehen, um ihr Buch weiterzulesen, da schien es ihr, als ob Sabrinas Augenlider flatterten.

Carolin schüttelte irritiert den Kopf. Wahrscheinlich träumte Sabrina nur. Oder ihr ganzer Zustand war ein langer, immerwährender Traum. Wer wusste das schon?

Aber da war es wieder. Der starre Blick, an den Carolin sich so gewöhnt hatte, schien sich zu verändern. »Sabrina?«, fragte sie. »Bist du da?«

Was für ein Unsinn, dachte sie im nächsten Augenblick. Das ist doch alles nur Wunschdenken. Bestimmt fragt Chris das jeden Tag hundert Mal. Sie stand auf.

Sabrinas Lippen zitterten. Sie schienen sich leicht zu öffnen.

Carolins Herz begann wild zu schlagen. »Sabrina?«, fragte sie erneut. »Hörst du mich?« Ruhig, ruhig, dachte sie. Wenn Chris jetzt hier wäre, würde sie mir bestimmt sagen, dass das schon oft passiert ist. Ich habe es nur noch nie gesehen.

»Kannst du mir irgendein Zeichen geben?«, fragte sie. »Einen Finger heben oder so?« Sie beobachtete Sabrinas Hände, aber da tat sich nichts. Alles nur Einbildung. Langsam beruhigte sie sich wieder. Wusste ich’s doch. Sie wandte sich ab, griff nach ihrem Buch und setzte sich in den Sessel.

»Urg.« Ein krächzender Laut drang aus Sabrinas Kehle.

Carolin sprang wie von der Tarantel gestochen hoch. Sie stürzte zum Bett, schaute in Sabrinas Gesicht. Die Augen waren offen wie immer, aber sie schienen – Sie wollte schon zur Klingel für die Schwester greifen, dann unterließ sie es. Ich darf Chris nicht beunruhigen, dachte sie. Wenn es doch nur Einbildung ist?

»Sabrina«, sagte sie drängend. »Bist du wach? Wirklich wach? Gib mir doch irgendein Zeichen.«

»T-« Sabrinas Zunge schob sich mühsam einen Millimeter durch ihre Lippen. »W-«

Das kann keine Einbildung mehr sein! Carolin hatte das Gefühl, ihr Herz würde gleich aus der Brust springen. »Willst du etwas trinken?«, fragte sie aufgeregt. »Hast du Durst?«

Sabrina nickte. Es war nur eine winzige Bewegung, aber sie nickte! Und ihre Augen schlossen sich . . .

Carolin angelte nach der Klingel, verfehlte sie, griff wieder danach, fiel fast zu Sabrina aufs Bett. Endlich hatte sie den Knopf gefunden und drückte darauf. Ein Licht ging an. Die Schwester hatte den Ruf erhalten.

Carolin wusste nicht, ob sie bei Sabrina bleiben oder lieber Chris wecken sollte, sie war für den Moment überfordert. Also blieb sie sitzen und betrachtete Sabrinas Gesicht. »Sabrina . . .«, flüsterte sie.

Die Tür öffnete sich. Die Schwester kam herein. Sie warf einen professionell interessierten Blick aufs Bett. »Ist etwas passiert?«

»Sie –« Carolin hatte keine Stimme mehr. Sie räusperte sich. »Ich glaube, sie ist aufgewacht. Richtig aufgewacht.«

Die Schwester schien unbeeindruckt. »Das kann täuschen«, sagte sie.

»Ich weiß.« Carolins Stimme klang immer noch schwach. »Aber sie sagt, sie will etwas trinken. Sie hat Durst.«

Das ließ selbst die Schwester erstaunt die Augenbrauen heben. »Sie hat gesprochen?« Sie kam auf das Bett zu.

»Nicht wirklich«, sagte Carolin, »aber sie hat genickt, als ich sie gefragt habe. Und ihre Augen sind zu. Sehen Sie?« Sie stand auf, um der Schwester den Weg freizumachen.

Die Schwester griff nach Sabrinas Handgelenk und prüfte den Puls. »Etwas erhöht«, sagte sie, »aber das ist auch nichts Besonderes.«

»Darf ich ihr etwas zu trinken geben?«, fragte Carolin. »Vielleicht sehen wir es dann.«

Die Schwester wirkte skeptisch. »Versuchen Sie es mit dem Schwamm«, schlug sie vor.

Carolin nahm den Schwamm, mit dem sie schon oft Sabrinas Lippen betupft hatte, öffnete die Wasserflasche, die auf dem Nachttisch stand, und ließ etwas Wasser auf die Oberfläche des Schwammes laufen, bis er sie aufgesogen hatte. Sie drückte den Schwamm leicht gegen Sabrinas Lippen.

Sabrinas Lippen bewegten sich. Sie versuchte zu saugen.

»Sehen Sie?« Carolin strahlte die Schwester an. »Sie ist da!«

»Das heißt noch gar nichts«, sagte die Schwester. »Das sind nur Reflexe.«

»Sabrina.« Carolin beugte sich über Sabrinas Gesicht. »Öffne die Augen, heb deine Hand, mach irgendetwas. Sonst glaubt sie es nicht.«

Sabrinas Augenlider flatterten. Sie versuchte die Augen zu öffnen, schaffte es halb. »D-dan. . .ke«, hauchte sie. Man konnte es nicht wirklich verstehen, aber Carolin nahm an, dass es das heißen sollte. Und Sabrinas Augen blickten nicht mehr starr ins Leere. Sie schaute Carolin direkt an.

»Ich hole Chris«, stieß Carolin hervor. »Schlaf nicht wieder ein! Bleib wach! Sie ist gleich da!« Sie stürzte zum Zimmer hinaus. »Chris! Chris!« Schon auf dem Gang rief Carolin laut Chris’ Namen.

»Sch!« Eine Schwester trat aus dem Glaskasten der Anmeldung. »Das ist ein Krankenhaus hier!«

»Ich weiß.« Carolin strahlte sie an. »Aber sie ist aufgewacht. Sie ist aufgewacht! Verstehen Sie?« Sie rannte weiter ins Schwesternzimmer. »Chris! Chris! Wach auf!«

Chris schlief vor lauter Erschöpfung so fest, dass sie nicht gleich wach wurde, Carolin musste sie schütteln. »Chris!«

Chris blinzelte. Als sie Carolin so aufgeregt über sich gebeugt sah, blieb ihr fast das Herz stehen. Sie nahm das Schlimmste an. »Was ist mit . . . Ist sie –?«

»Sie ist aufgewacht!«, rief Carolin laut. »Aufgewacht! Verstehst du?«

Chris starrte sie wie vom Donner gerührt an. »Sie . . . sie –« Sie schluckte. »Das dachte ich schon öfter«, antwortete sie dann sehr gedämpft. Sie wollte sich nicht freuen, weil die Enttäuschung danach immer so niederschmetternd war. Das hatte sie schon viel zu oft erlebt, besonders am Anfang, als sie jeden Tag gehofft hatte, dass Sabrina aufwachen würde.

»Sie hat Danke gesagt, sie hat getrunken.« Carolin schüttelte Chris heftig an der Schulter. »Nun komm schon. Sonst schläft sie wieder ein!«

Endlich konnte Chris ihre Erstarrung überwinden. Aber im Gegensatz zu Carolin versuchte sie ihre Euphorie zurückzuhalten. Je mehr sie sich freute, desto tiefer war der Fall. Deshalb folgte sie Carolin auch nur langsam über den Gang, während Carolin eilig vorauslief.

»Nun komm schon!« Carolin kam zurückgelaufen und nahm Chris bei der Hand. »Willst du sie denn ewig warten lassen?«

»Carolin . . .« Chris blieb stehen.

Carolin lächelte. »Du hast Angst.« Sie ließ Chris’ Hand los. »Ich gehe vor. Ich sage dir, ob sie immer noch wach ist.« Schnell schlüpfte sie in Sabrinas Zimmer. Als sie ans Bett trat, waren Sabrinas Augen geschlossen. »Sabrina«, sagte sie. »Chris ist da.«

Wie zuvor flatterten die Lider und hoben sich quälend langsam, bis ein winziger Schlitz entstand. Sabrina versuchte zu sprechen, aber es kam nichts heraus.

»Sie ist wach!« Carolin schaute zur Tür, wo Chris stand. »Komm her. Sie ist wirklich wach!«

Chris wäre am liebsten zum Bett gestürzt, aber sie kam nur vorsichtig näher, sie konnte es immer noch nicht glauben, wollte sich nicht zu früh freuen. »Sabsi . . .«, flüsterte sie, als sie endlich davorstand.

Sabrinas Lippen zitterten wie schon zuvor, als sie versucht hatte zu sprechen. »W-wo –?«, fragte sie mühsam. Wieder musste man raten, was es wohl heißen sollte.

Chris brach auf der Bettkante zusammen. »Sabsi . . .« Sie schluchzte auf. Ihr ganzer Körper bebte.

Carolin legte eine Hand auf Chris’ Schulter. »Du bist im Krankenhaus, Sabrina«, sagte sie. »Du warst sehr, sehr krank.«

Sabrina öffnete ihre Augen ein wenig mehr, und es schien eine Anstrengung zu sein, die sie kaum bewältigen konnte. »M-müde«, hauchte sie schwach.

Ein Arzt kam zur Tür herein. »Wo ist denn unser Dornröschen?«, fragte er. Er trat ans Bett.

Sabrinas Augen schlossen sich erneut.

Der Arzt nahm ebenso wie die Schwester zuvor ihr Handgelenk, prüfte den Puls. »Der Puls rast«, bemerkte er überrascht.

Chris saß immer noch auf der Bettkante. Langsam hob sie den Blick. »Sie ist wach«, flüsterte sie tonlos und ungläubig.

»Nicht so ganz«, sagte der Arzt. »Ich glaube, jetzt schläft sie. Sie kann sich nicht lange wachhalten.«

Chris betrachtete Sabrinas Gesicht. »Wird sie wieder aufwachen?«

»Hoffentlich«, sagte der Arzt. Er schaute Chris ernst an. »Aber versprechen Sie sich nicht zu viel davon. Es könnte sein, dass sie nicht mehr dieselbe ist, die sie einmal war.«

2. Kapitel

   Trautes Heim, Glück allein   

»Du sollst doch nicht so schwer heben!« Rebekka stürzte auf Carolin zu und riss ihr die Einkaufstüten aus der Hand.

Carolin lachte. »Ich bin nicht krank, Rebekka, ich bin nur schwanger.«

»Trotzdem«, sagte Rebekka. Sie trug die Beutel in die Küche und stellte sie auf der Kücheninsel ab. »Du darfst dir nicht zu viel zumuten.«

»Du bist süß.« Carolin lächelte und zog ihre Jacke aus. »Wieso bist du eigentlich schon zu Hause?«

Sie betrachtete Rebekkas große, athletische Gestalt in dem Kostüm, das Carolin bei ihrem ersten Treffen im Restaurant so erschlagen hatte, als sie noch nicht wusste, wer Rebekka war. Rebekka trug diese Kostüme wie eine Uniform. Sie sah sehr gut darin aus, aber sie mochte sie nicht, und meistens hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als sie zu Hause fallen zu lassen. Da sie noch nicht umgezogen war, musste sie gerade erst gekommen sein.

»Weil ich Sehnsucht nach meinen beiden Mädels hatte.« Rebekka kam lächelnd auf sie zu und legte eine Hand auf Carolins Bauch.

»Mir geht es gut«, antwortete Carolin, »und ihr auch. Ich war vorhin im Krankenhaus. Auf dem Ultraschall kann man alles schon ganz deutlich erkennen.«

»Tut mir leid«, sagte Rebekka, während ihre Hand immer noch auf der Wölbung lag, in der ihre Tochter heranwuchs, »dass ich nicht kommen konnte.«

»Das kannst du doch nie.« Carolin seufzte. »Daran bin ich schon gewöhnt.«

»Beim ersten Mal war ich dabei«, protestierte Rebekka.

»Ja.« Carolin strich ihr nachsichtig lächelnd über die Wange. »Aber das ist schon eine Weile her.« Sie schaute plötzlich an Rebekka vorbei in die Luft und sagte leise: »Sabrina ist aufgewacht.«

Rebekka brauchte eine Sekunde, um zu reagieren. »Was?«

Carolin nickte. »Da ich ohnehin im Krankenhaus war, bin ich bei ihr vorbeigegangen, habe Chris für eine Weile abgelöst. Und währenddessen . . . ist Sabrina aufgewacht.«

»Das ist ja wunderbar.« Ein Lächeln überzog Rebekkas Gesicht. »Chris ist sicher überglücklich.«

»Ja, ist sie.« Carolin nickte. »Ich glaube, sie kann es immer noch nicht richtig fassen.«

Rebekka zog sie an sich heran und umarmte sie. »Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn dir so etwas passieren würde«, flüsterte sie.

»Dasselbe habe ich im Krankenhaus gedacht.« Carolin schluckte. »Wenn mit dir etwas wäre . . .« Sie schmiegte sich an Rebekka. »Hoffentlich passiert uns so etwas nie. Pass gut auf dich auf, bitte.«

»Was sollte mir schon passieren?« Rebekka lachte. »Ich sitze den ganzen Tag im Büro.«

»Nicht immer«, sagte Carolin. »In letzter Zeit bist du viel unterwegs.«

»Es passiert nichts.« Rebekka hauchte einen Kuss auf Carolins Wange. »Ich muss doch für euch da sein. Euch beide. Mir darf nichts passieren. Und das tut es auch nicht.«

Carolin atmete tief durch und seufzte. »Jetzt wird alles wieder gut«, sagte sie leise. »Jetzt, wo Sabrina aufgewacht ist, kann es wieder so werden wie früher.«

»Wie früher?« Rebekka schien zu stutzen. »Wie wann früher?«

Carolin seufzte erneut. »Ja, du hast Recht. Sie waren nicht immer glücklich. Aber vier Jahre lang waren sie es. Daran habe ich gedacht. Wenn sie dahin zurück könnten . . .«

»Das können sie nicht.« Rebekka schüttelte den Kopf. »Das weißt du genauso gut wie ich.«

»Ja, ich weiß.« Carolin drehte sich leicht und entfernte sich von Rebekka, ging zur Kücheninsel und begann die Einkäufe auszupacken und in die Schränke zu räumen. »Zurück kann man nie mehr.«

Rebekka wirkte etwas irritiert. »Das klingt so, als möchtest du das auch. Vier Jahre. Zu der Zeit kannten wir uns noch nicht.«

»Aber nein.« Carolin schaute sie an und lachte wieder. »Dahin möchte ich nie zurück.« Sie betrachtete Rebekka mit warmem Blick. »Ich möchte nie wieder ohne dich sein«, fügte sie leise hinzu.

»Und bald sind wir nicht nur zu zweit, sondern sogar zu dritt.« Rebekka ging zu Carolin hinüber und half ihr beim Auspacken. »Das hätte ich mir damals nicht träumen lassen.«

»Ich auch nicht.« Carolin lachte. »Wirklich nicht!«

»Aber Sabrina und Chris . . .« Rebekka reichte Carolin den Blumenkohl. »Was ihnen passiert ist, erinnert einen daran, wie viel Glück man gehabt hat.«

»Man?« Carolin öffnete die Kühlschranktür und legte den Blumenkohl hinein.

»Wir.« Rebekka schmunzelte. »Ich vor allem.«

»Nicht nur du.« Carolin strich ihr sacht über den Arm. »Ich auch.« Sie lächelte Rebekka an.

»Ich verstehe bis heute nicht, warum du mich überhaupt genommen hast«, sagte Rebekka.

»Ich dich?« Carolin lachte überrascht auf. »Du mich.«

»Nein, nein«, widersprach Rebekka, lehnte sich gegen die Kücheninsel und verschränkte die Arme. Es war nichts mehr auszupacken. »Du mich. Ich würde es verstehen, wenn – Aber dir liegt nichts an Geld.«

»Deshalb hätte ich dich fast nicht genommen.« Carolin grinste leicht.

»Eben«, sagte Rebekka. »Und so viel anderes hatte ich dir ja wirklich nicht zu bieten.«

»Manchmal denke ich«, Carolin legte neckend den Kopf schief, »du spielst diese Bescheidenheit nur, um mich dazu zu veranlassen, dir zu sagen, was ich gut an dir finde.«

»Du schimpfst genug«, erwiderte Rebekka. »Ich brauche auch mal ein paar Streicheleinheiten.«

»Die kannst du haben.« Carolin ging auf sie zu und umarmte sie. »Jederzeit.« Sie blickte zu Rebekka hoch. »Schimpfe ich wirklich so viel?«

»Jetzt nicht mehr«, sagte Rebekka. »Eine Weile hast du’s getan. Aber das war . . . verständlich.«

»Es war zu viel für mich.« Carolin seufzte. »Aber ich hätte das nicht an dir auslassen sollen.« Sie lehnte ihren Kopf an Rebekkas Schulter. »Wenn ich allerdings Sabrina so betrachte . . . da kann ich mich wirklich nicht beklagen.«

»Ja.« Rebekka streichelte sanft Carolins Rücken. »Ich habe das alles ja nicht so mitbekommen wie du, aber es muss schrecklich gewesen sein.«

»Chris ist nicht mehr derselbe Mensch seither«, sagte Carolin leise. »Und was mit Sabrina sein wird . . . wer kann das schon wissen? Sie könnte sich sehr verändert haben.«

»Was sagen die Ärzte?«, fragte Rebekka, während sie ganz automatisch Carolin weiterstreichelte.

»Sie wissen es nicht.« Carolin atmete tief ein. »Es ist ja auch noch alles ganz frisch. Sie war nur kurze Zeit wach.«

»Immerhin«, sagte Rebekka. »Ein Anfang.«

»Ich komme morgen übrigens ins Büro«, kündigte Carolin an, und sie schien ganz ernst zu sein. »Nur falls du deinen Liebhaberinnen Bescheid sagen willst.«

Rebekka lachte leicht. »Ja, werde ich tun. Es ist nett, wenn du das rechtzeitig ankündigst, dann müssen sie sich nicht so sehr beeilen zu verschwinden, wie wenn du überraschend auftauchst.«

»Dachte ich mir schon«, sagte Carolin. »Wir wollen da doch keinen unnötigen Aufruhr verursachen.« Sie schüttelte fast etwas ungläubig den Kopf. »Ich werde noch richtig süchtig nach meiner Arbeit als Controllerin. Sie fehlt mir, wenn ich nicht ins Büro kommen kann.«

»Die Buchhaltung ist dir sehr dankbar.« Rebekka nickte anerkennend. »Anscheinend hast du etliche Abläufe vereinfacht.«

»Ich meine, ich hätte dir das alles erklärt.« Carolin lehnte sich leicht in Rebekkas Arm zurück und runzelte die Stirn. »Zuerst dir, dann erst den anderen.«

»Ja.« Rebekka sah schuldbewusst aus. »Aber ich habe –«

»Nicht richtig zugehört«, ergänzte Carolin seufzend. »Wie immer.«

»Du machst das hervorragend«, verteidigte sich Rebekka. »Ich muss das alles gar nicht so genau wissen.«

»Du bist der Boss.« Carolin blickte sie strafend an. »Du musst solche Dinge genehmigen. Und das hast du.«

»Habe ich?« Rebekka wirkte verlegen. »Es war so viel los, weißt du . . .«

»Und deiner eigenen Frau hörst du natürlich am wenigsten zu.« Carolin seufzte erneut.

»Ich höre dir immer zu.« Rebekka beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss. »Aber ich vertraue dir hundertprozentig. Ich könnte es nicht besser machen als du.«

Carolin lachte plötzlich auf. »Davon bin ich sogar überzeugt!« Sie schüttelte immer noch lachend den Kopf.

»Worüber lachst du?« Rebekka konnte offensichtlich nicht folgen.

»Ich dachte an . . . den Toaster.« Carolin lachte noch mehr. »Wie du damals versucht hast vorzugeben, dass du eine ganz normale Mitarbeiterin bist. Und du konntest es wirklich nicht.«

Rebekka lachte auch. »Ja, das war schwierig. Mit solchen Dingen habe ich im Allgemeinen nichts zu tun.«

»Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.« Carolin legte ihre Arme um Rebekkas Taille und schmiegte sich an sie. »Dass du entlassen werden könntest. Ich sah dich schon mit einem Hut an der Ecke stehen und um milde Gaben betteln.«

»Du hast ja eine blühende Phantasie.« Rebekka lächelte überrascht. »So etwas gibt es bei uns doch gar nicht mehr.«

»Da kannst du mal sehen, was für große Sorgen ich mir um dich gemacht habe.« Carolins Blick wanderte zu dem Toaster hinüber, den sie immer noch benutzten – nun gemeinsam. »Du warst so süß inkompetent. Ich hätte dich am liebsten an die Hand genommen.«

»Ich? Inkompetent?« Das traf Rebekka zutiefst.

»Als Kundendienstmitarbeiterin in der Garantieabteilung«, schwächte Carolin ab. »Dein Revier war eben schon immer die Chefetage. Das hat man deutlich gemerkt. In allem anderen bist du sehr kompetent, aber Kundenbetreuung ist nicht dein Fall.«

»Wohl nicht«, gab Rebekka seufzend zu. »Du könntest das bestimmt wunderbar.«

»Nicht unbedingt«, sagte Carolin. »Dafür muss man eine hohe Toleranzschwelle haben. Die habe ich nicht immer.«

»Mit mir zum Beispiel nicht, wenn ich dich in der Küche störe.« Rebekka grinste schief.

»Ich glaube, du stellst dich mit Absicht so an«, vermutete Carolin etwas tadelnd. »Bei deiner Mutter kannst du es ja.«

»Du kochst viel besser als ich«, behauptete Rebekka. »Und das genieße ich sehr. Warum sollte ich durch meine Einmischung das Ergebnis verderben?«

»Du hast doch immer eine Rechtfertigung für alles.« Carolin schüttelte lachend den Kopf. »Du bist der geborene Ehemann.«

Rebekka verzog das Gesicht. »Entschuldigung«, sagte sie.

Carolin lächelte zärtlich. »Ich liebe dich, mein Schatz . . . auch deshalb. Weil du eben bist, wie du bist. Ich will dich gar nicht anders haben.«

»Da bin ich aber beruhigt.« Rebekka wischte sich theatralisch den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn.

»Nur weil ich ab und zu mit dem Nudelholz hinter der Tür stehe, wenn du nach Hause kommst, heißt das noch lange nicht, dass ich dich ändern will«, bemerkte Carolin treuherzig.

»Womit habe ich so viel Glück verdient?« Rebekka schaute sie auf einmal ernst an. »Eine Frau wie dich zu finden. Eine unter tausend. Unter Millionen.«

»Übertreib nicht so.« Carolin knuffte sie leicht auf den Arm. »Dann glaube ich dir nicht mehr.«

»Vielleicht glaubst du mir das.« Rebekka beugte sich zu ihr und begann sie zu küssen, ganz sanft und liebevoll. Nach einer Weile wurde der Kuss eindeutiger, ebenso wie ihre streichelnden Hände, die nun Carolins Brüste berührten.

Carolins Reaktion war nicht ganz so eindeutig. Sie schien den Kuss zu genießen, aber sie wirkte nicht erregt.

Rebekka beendete den Kuss und schaute sie an. »Keine Lust?«

Carolin hob unentschlossen die Schultern. »Einerseits schon«, sagte sie, »aber andererseits bin ich auch sehr müde. Der Tag war anstrengend. Besonders im Krankenhaus.«

Rebekka begann leise zu lächeln. »Geht mir genauso. Ich dachte nur, du . . . du hättest vielleicht Lust, weil du gestern sagtest, es war so schön, dass du das jeden Tag haben könntest.«

»Du bist so gut zu mir.« Carolin schmunzelte. »Ja, gestern war es sehr schön. Aber heute –« Sie legte neckend den Kopf zur Seite. »Ich überlasse die Entscheidung dir. Entweder dasselbe wie gestern oder . . .«, sie hob eine DVD-Hülle an, um sie Rebekka zu zeigen, »ein schöner Film aus der Videothek, den ich mitgebracht habe.«

Rebekka starrte für einen Moment darauf, dann auf Carolins vergnügt blitzende Augen und holte Luft.

»Film!«, sagten sie beide wie aus einem Mund.

Lachend gingen sie ins Wohnzimmer hinüber.

3. Kapitel

   Wird alles gut?   

»Ich habe dir Suppe gebracht . . . wenn du möchtest«, sagte Chris und stellte eine kleine Suppentasse mit einem Schnabel zum Trinken auf den Klapptisch über Sabrinas Bett. »Essen darfst du ja noch nicht.«

Sabrina schaute zuerst Chris an, dann die Tasse. Sie schien unschlüssig.

»Weißt du nicht, wie es geht?« Chris lachte, setzte sich auf die Bettkante, nahm die Tasse und hielt sich den Schnabel an den Mund. »So«, sagte sie. »Siehst du?« Sie reichte Sabrina die Tasse.

Sabrina versuchte ihren Arm zu heben, aber es gelang ihr nicht. Sie war noch zu schwach.

Chris nahm die Tasse erneut auf. »Soll ich sie festhalten?«, fragte sie. »Willst du Suppe?«

Sabrina nickte leicht.

Chris beugte sich zu ihr und setzte den Schnabel an ihren Mund. Sabrina öffnete ihn nicht gleich. Anscheinend musste sie auch dabei überlegen, wie das ging. Dann tat sie es, und Chris kippte die Tasse leicht, so dass sie trinken konnte.

Nach dem ersten Schluck begann Sabrina zu husten, und Chris zog die Tasse erschrocken zurück. »Zu heiß?« Eigentlich war die Suppe nur noch lauwarm, nachdem sie sie aus der Cafeteria hochgebracht hatte, aber vielleicht empfand Sabrina das nach so langer Zeit der essensmäßigen Enthaltsamkeit anders.

Sabrina schüttelte den Kopf, nur angedeutet. Alle ihre Bewegungen wirkten nur wie angedeutet, man musste sehr gut aufpassen, um sie mitzubekommen.

»Du kannst noch nicht richtig schlucken«, vermutete Chris. »Tut mir leid. Daran hätte ich denken sollen.«

Sabrina schaute sie an, und Chris schien es, als ob sie etwas fragen wollte, aber es war schwierig für sie, die Worte zu formen. Nach einer Weile brachte sie heraus: »W-wer . . .?«

»Wer?« Chris blickte sie aufmunternd an. »Was willst du wissen?«

». . . b-bist . . . d-du?«, setzte Sabrina mühsam und kaum verständlich fort.

Chris erstarrte. Ihr fiel fast die Tasse aus der Hand. Mit zitternden Fingern stellte sie sie auf dem Tablett ab. »Du weißt nicht, wer ich bin?«, fragte sie erschüttert.

Sabrina schüttelte wieder mit dieser angedeuteten Bewegung den Kopf, die man fast nur erahnen konnte.

Chris schluckte, räusperte sich, schluckte erneut. »Ich bin Chris –«, antwortete sie leise. »Deine Frau. Wir sind verheiratet.«

»V-ver-hei-ra-t-tet«, versuchte Sabrina Silbe für Silbe nachzusprechen, aber das Wort schien ihr nichts zu sagen.

»Das bedeutet –«, Chris konnte mit dem Frosch im Hals kaum sprechen, »das bedeutet«, fuhr sie mühsam fort, »dass wir füreinander da sind, unser Leben lang. Du für mich und ich für dich. So wie jetzt. Das haben wir uns gegenseitig versprochen.«

»Ver-spro-chen.« Sabrina wiederholte das Wort wie ein Papagei, offensichtlich ohne etwas damit zu verbinden.

»Sabsi . . .« Chris schaute sie verzweifelt an.

Sabrina runzelte die Stirn. »Sa-bri-na«, sagte sie.

»Ja, du heißt Sabrina, aber ich habe dich immer Sabsi genannt«, erklärte Chris. »Erinnerst du dich?«

Sabrina schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Du erinnerst dich nicht.« Chris fühlte sich, als wäre sie gerade erneut in ein tiefes, dunkles Loch gefallen, nachdem sie schon meinte, das Licht am Ende des Tunnels erreicht zu haben. »Du erinnerst dich nicht an uns.«

»Uns«, sagte Sabrina. Sie schaute Chris an. »Wir . . . sind . . . uns. Wir . . . sind . . . verhei-ratet.« Es klang wie eine kaputte Schallplatte.

»Ja, genau«, sagte Chris. »Aber allein es zu sagen, genügt nicht. Wenn du nicht weißt, was es bedeutet.« Sie schob das Tablett über Sabrinas Bett beiseite und beugte sich über sie. Vorsichtig hauchte sie einen Kuss auf Sabrinas Lippen. »Erinnerst du dich daran?«, fragte sie. »Das haben wir oft getan.«

Sabrina fuhr mit ihrer Zunge an ihren eigenen Lippen entlang, als wollte sie dem Kuss nachspüren. »Kuss«, sagte sie. »Wir haben . . . uns . . . gek-küsst.« Sie runzelte wieder die Stirn.

»Hat es dir gefallen?«, fragte Chris. »Magst du es?«

»Ich . . . w-weiß n-nicht.« Sabrina wirkte sehr unsicher.

Chris lächelte genauso unsicher. »Du wirst dich wieder daran erinnern, bestimmt. Jetzt, wo du aufgewacht bist . . .«

»Ich . . . habe . . . ge-. . . geschlafen«, sagte Sabrina.

»Ja.« Chris nickte. »Sehr, sehr lange. Wir dachten schon alle, du würdest nie mehr aufwachen.«

»Nie . . . mehr«, wiederholte Sabrina. »Nie.« Sie runzelte erneut die Stirn.

»Mach dir keine Gedanken über Wörter, die du nicht verstehst«, beruhigte Chris sie. »Der Arzt sagt, das wird alles zurückkommen.« Das hatte er zwar nicht gesagt, aber Chris fand, dass Sabrina etwas Aufmunterung vertragen konnte. Wie sie selbst . . .

»Na, was macht unsere Patientin?« Carolin und Anita kamen freudestrahlend herein.

Anita ging auf Sabrina zu und umarmte sie. »Wie schön, dass du wieder wach bist.«

Sabrina reagierte nur mit einem verständnislosen Blick.

»Das ist Anita«, sagte Chris. »Und hier, Carolin. Sie war bei dir, als du aufgewacht bist.«

»Ca-rolin.« Sabrinas Blick wanderte an Carolins Gestalt hinab. »Du bist sch-schw-schwanger.« Es fiel ihr noch schwerer, dieses Wort auszusprechen als andere.

Chris wurde blass. Viele Wörter schien Sabrina nicht mehr zuordnen zu können, dieses aber schon. Chris erwartete, dass Sabrina im nächsten Moment nach ihrer eigenen Schwangerschaft fragen würde, nach ihren Zwillingen . . .

»Ja.« Carolin lächelte beruhigend. Sie hatte Chris’ Reaktion bemerkt und konnte sich vorstellen, was sie dachte. »Rebekka und ich bekommen ein Kind.«

»Und bei der Taufe bist du dabei.« Anita hatte die Bestürzung, die sie ebenfalls bei Sabrinas Bemerkung empfunden hatte, überwunden und verbreitete schnell gute Laune. »Vielleicht wirst du ja sogar Patin.«

»Das Kind hat schon mehr Paten, als es brauchen kann«, seufzte Carolin. »Meine Verwandtschaft, Rebekkas Verwandtschaft, und mein ehemaliger Chef rechnet auch fest damit.«

»Das ist doch schön«, lachte Anita. »Das gibt viele Geschenke zum Geburtstag.«

»Wahrscheinlich wird Rebekka allein ein ganzes Spielzeuggeschäft leerkaufen«, erwiderte Carolin mit komisch hochgezogenen Augenbrauen. »Wenn ich sehe, was sie jetzt schon alles anschleppt . . . Als ob ein Säugling mit einem Dreirad etwas anfangen könnte . . .«

Anita lachte erneut. »Sie will verhindern, dass ihr eigenes Kind so unsportlich wird wie seine leibliche Mutter.«

Carolin knuffte sie freundschaftlich in die Seite. »Seit ich Rebekka kenne, habe ich überhaupt keine Gelegenheit mehr, unsportlich zu sein. Sie jagt mich ja ständig über sämtliche Radwege.«

»Jetzt auch noch?«, fragte Anita mit einem Blick auf Carolins Bauch.

»Ja, gut, seit einiger Zeit nicht mehr«, gab Carolin zu, »aber wahrscheinlich bringt sie die Fahrräder schon direkt nach der Geburt in den Kreißsaal mit. Für uns alle drei.«

»Langsam.« Chris hob die Hand. »Ich glaube, das geht alles zu schnell für Sabrina.«

»Oh, entschuldige.« Carolin ging zu Sabrina und umarmte sie ebenfalls. »Wie geht es dir denn?«

»Sie hat Suppe getrunken«, erklärte Chris. »Es geht ihr gut.« Sie atmete tief durch. »Allerdings kann sie sich nicht mehr daran erinnern, dass wir verheiratet sind.« Sie schluckte. »Sie weiß nicht einmal mehr, wer . . .«, sie schluckte schwer, »wer ich bin.«

»Oh.« Anita und Carolin schauten sich betroffen an.

Carolin strich Chris tröstend über den Arm. »Sie wird sich wieder erinnern. Sie braucht nur etwas Zeit.«

»Ja.« Chris versuchte tapfer zu lächeln.

»Chris«, sagte Sabrina plötzlich. Und als alle sich zu ihr umdrehten und sie ansahen, wiederholte sie: »Chris« und lächelte stolz wie ein Kind, das gerade etwas Neues gelernt hat.

Chris traten Tränen in die Augen.

»Ruhig, ruhig.« Anita stützte Chris ein wenig, weil sie schwankte. »Es wird alles gut. Es wird alles wieder gut.«

4. Kapitel

   Im Spiegel   

Melly lag im Bett und wälzte sich herum. Dabei fiel ihre Hand auf das zweite Kissen. Sie ließ sie einen Moment dort liegen. Leer. Was auch sonst?

Sie drehte sich zurück und atmete tief durch. Manchmal, wenn sie nachts so allein war, dachte sie darüber nach, wie es wohl wäre, jemand bei sich zu haben. Nicht nur für eine Nacht.

Sie starrte in der Dunkelheit an die Decke. Es gab immer Schatten, Lichter, die von der Straße hereinfielen. Selbst nachts war dort noch Leben. Es gab Lokale, die weit länger geöffnet hatten als das Sappho.

Es war eine harte Woche gewesen, und das Wochenende würde noch härter werden. Morgen war Samstag. Nein. Sie schaute auf ihren Wecker. Heute. Es war bereits vier Uhr morgens. In zwölf Stunden würden wahrscheinlich schon die ersten Tanzlustigen eintrudeln. Es gab immer einige, die es kaum erwarten konnten.

Sie seufzte. Für die Tanzabende stellte sie zwar zusätzliches Personal ein, aber auch da konnte es noch Überraschungen geben. Plötzliche Krankheit oder Arbeitsunlust. Unerwartete private Verpflichtungen. Und dann musste sie selbst einspringen, obwohl sie schon alle Hände voll zu tun hatte.

Sie fühlte sich ausgelaugt und hätte gern weitergeschlafen, sich ein wenig erholt, aber der Schlaf wollte und wollte nicht kommen.

»Ach, was hat das für einen Sinn?« Sie schlug die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Ihre Augen fühlten sich zwar an wie zu stark aufgepumpte Fußbälle und ließen sich kaum öffnen, aber ein bisschen kaltes Wasser würde da sicherlich helfen. Sie ging in die Dusche.

Als sie kurze Zeit später wieder heraustrat, hatte das kalte Wasser sein Werk getan. Ihre Augen fühlten sich nur noch ungefähr so groß an wie Pfirsiche. Mehr würde sie wohl im Moment nicht erreichen.

Sie rubbelte sich ab, um wieder warm zu werden, und zog sich an. Ein Blick in den Spiegel.

Heute werden sie mich bestimmt alle in Ruhe lassen, so wie ich aussehe. Selbst die größten Aufreißerinnen finden das nicht attraktiv.

Und es war ihr gerade recht.

»Schlecht geschlafen?«

»Oh ja.« Melly atmete tief durch. »Kommst du heute Abend?« Sie ließ ihren Blick nur müde über Rick streifen.

»Hältst du das denn durch?« Ricks Augen musterten sie besorgt.

»Was? Dass du kommst?« Mellys Lächeln geriet schief. »Ich werd’s schon überstehen.«

»Das meinte ich nicht.« Rick kam um die Theke herum und stellte sich neben Melly, die sich mit einer Hand an der Kaffeemaschine abstützte. »Ich bin nicht die beste Barfrau, aber ich könnte dir helfen. Zumindest mit Bier kenne ich mich aus.«

»Das wird nicht reichen«, erwiderte Melly kraftlos, »aber danke für das Angebot.«

»Du musst mal ausspannen, Urlaub machen«, sagte Rick, während sie sich wieder auf ihren Platz vor der Theke zurückbegab. »Oder vielleicht nachts allein schlafen.« Sie warf aus dem Augenwinkel einen Blick auf Melly.

Melly hob nur angedeutet die Brauen. »Ich war allein. Diese Nacht und viele Nächte. Was unterstellst du mir da?«

»Oh, ich dachte . . .«, sagte Rick. »Früher warst du nicht oft allein.«

»Das hast du dir eingebildet«, erwiderte Melly. »Weil du jede Frau, die mit mir raufgeht, mit Argusaugen verfolgst.«

»Vielleicht hast du Recht«, nickte Rick. »Tut mir leid. Aber das mit dem Urlaub stimmt. Du solltest wirklich mal für eine Weile zumachen.«

»Und wovon soll ich dann leben? Die Kosten laufen ja weiter. Nein, so einfach ist das nicht.« Melly kam um die Theke herum und setzte sich neben Rick auf einen Barstuhl. Müde fuhr sie sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Deine Kosten sind nicht so hoch, aber meine schon. Die Miete, die Leute, Sozialabgaben, meine eigene Krankenversicherung . . .« Sie brach ab und lachte ungläubig auf. »Das müsste Silly hören. Sie würde sich kaputtlachen. Ihre kleine, rebellische Schwester macht sich Sorgen um ihre Krankenversicherung!«

»Wie geht es Silvia?«, fragte Rick.

Melly zuckte die Schultern. »Den Umständen entsprechend. Ich habe ihr übrigens dasselbe vorgeschlagen wie du mir gerade. Dass sie Urlaub nehmen soll, ein Freisemester beantragen. Aber sie sagt, nur die Arbeit hält sie aufrecht.«

»Dich aber nicht«, stellte Rick fest. »Du fällst gleich um.«

»Und das, wo ich gerade erst aufgemacht habe.« Melly seufzte.

»Vielleicht sollte Silvia ihr Freisemester hier verbringen und dich vertreten«, schlug Rick vor.

»Oh ja!« Melly lachte. Die Idee schien sie aufzuheitern. »Grace Kelly hinter der Bar. Das würde den Umsatz bestimmt in die Höhe schießen lassen!«

»Das wäre doch positiv«, grinste Rick. »Denkst du nicht? Und du könntest einmal ausspannen.«

»Das ist nett gemeint, Rick«, Melly legte eine Hand auf Ricks Arm, »aber das löst alles das Problem nicht. Ich brauche eigentlich einen Geschäftspartner, der mit Verantwortung übernimmt. Auch finanziell.«

»Bist du in Schwierigkeiten?« Rick runzelte die Stirn.

»Kredite sind der Tod jedes Unternehmens«, erwiderte Melly. Sie stand auf. »Nein, ich bin nicht in Schwierigkeiten, aber es ist auch nicht einfach.«

»Wie wäre es mit einer Geschäftspartnerin?«, fragte Rick.

»Nein, Rick.« Melly schüttelte den Kopf. »Danke, aber . . . nein.«

»Ich hätte auch nicht viel Kapital, um es ins Sappho zu investieren«, gab Rick zu. »Aber ich würde dir gern helfen.«

»Ich weiß.« Melly ging hinter die Theke zurück und ließ einen pechschwarzen Espresso in eine Tasse laufen. Als er fertig war, starrte sie hinein und fügte dann einen zweiten hinzu. Sie drehte sich um und schaute Rick an. »Bis heute Abend muss Kaffee reichen.«

»Ich sollte dann auch los.« Rick warf erneut einen besorgten Blick auf Melly. »Obwohl ich dich nur ungern allein lasse.«

»Kannst du ruhig.« Melly lächelte schwach. »Ich bin schon ein großes Mädchen.«

Sie blickte Rick hinterher, als sie ging.

5. Kapitel

   Schreiben ist ein bittersüßer Schmerz   

»Ja?«

»Vorzimmer Professor Wilke. Könnte ich bitte Frau Lessing sprechen?«

»Am Apparat«, sagte Anna.

»Einen Moment. Ich stelle durch.« Ein leichtes Rauschen hielt die Verbindung aufrecht.

»Silvia Wilke«, meldete sich dann eine melodiöse Stimme. »Anna?«

»Hallo Silvia«, erwiderte Anna überrascht. »Lange nichts gehört.«

»Ich hatte eine Menge zu tun. Aber jetzt . . .«, Silvia räusperte sich leicht, »ist es besser. Ich bereite das nächste Semester vor, und ich habe mich daran erinnert, dass du einmal sagtest, du wärst bereit, an einem Seminar über lesbische Literatur als lebendes Beispiel teilzunehmen.«

Anna lachte. »Habe ich das gesagt? Dann wird es wohl stimmen. Du willst wieder ein Seminar zu dem Thema anbieten?«

Kurz war es still. »Ja, will ich«, bestätigte Silvia dann. »Ich denke, es ist ein wichtiges Thema.«

»Für uns Lesben auf jeden Fall«, nickte Anna. »Und ich bin gern dabei. Ich freue mich immer, wenn ich über lesbische Literatur reden kann. Vielleicht kann ich ein paar Vorurteile aus dem Weg räumen. Davon gibt es ja genug.«

»In der Tat.« Silvia seufzte. »Die meisten verwechseln lesbische Literatur mit Pornos.«

»Richtig«, sagte Anna. »Da können wir doch mit meinen Sexszenen dagegenhalten!« Sie lachte.

»Deine Bücher sind erotisch, aber nicht pornographisch«, entgegnete Silvia pikiert. »Genau das wollte ich herausarbeiten.«

»Ja, natürlich.« Anna räusperte sich. »Entschuldige bitte, wenn ich das nicht ernstgenommen habe. Dein wissenschaftliches Interesse, meine ich. Ich bin keine Wissenschaftlerin, ich verstehe nichts davon.«

»Das ist Tiefstapelei«, behauptete Silvia, »und wenn ich mich recht erinnere, passt diese Art von Bescheidenheit gar nicht zu dir. Auch in deinen Büchern klingt das durch. Du bist sehr stolz auf das, was du tust. Und so unwissenschaftlich finde ich vieles gar nicht. Du formulierst deine Erkenntnisse nur anders, als wir es müssen.«

»Ja . . . na ja . . .« Anna zuckte die Schultern. »Ich bin schon stolz auf das, was ich tue, das ist wahr. Aber ich bin wirklich keine Wissenschaftlerin. Ich mache das alles mehr aus dem Bauch heraus.«

»Viele meiner Kollegen auch«, erwiderte Silvia trocken. »Und dann suchen sie im Nachhinein Beweise, die ihr Bauchgefühl stützen. Sie nennen es aber trotzdem Wissenschaft.«

Anna lachte erneut. »Klingt, als hieltest du nicht viel von deinen Kollegen.«

»Kommt drauf an«, sagte Silvia. »Aber das war eigentlich nicht unser Thema. Ich wollte nur wissen, ob du an dem Seminar teilnimmst. Dann sollten wir uns einmal treffen, um das vorzubereiten.«

»Sollten wir wohl.« Anna überlegte eine Sekunde. »Bei dir oder bei mir?«, fragte sie dann. »Oh, entschuldige, so war es natürlich nicht gemeint«, setzte sie schnell hinzu.

»Es ist nur einer der üblichen Sätze aus deinen Büchern, ich weiß«, entgegnete Silvia. »Du bist es so gewöhnt.« In ihrer Stimme schien etwas mitzuschwingen, das man fast für ein Schmunzeln hätte halten können.

Anna runzelte die Stirn. Sie erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sie bei ihrer letzten, kurzen Begegnung mit Silvia verzweifelt versucht hatte, ihr ein Lächeln zu entlocken. Es hatte nicht geklappt. Wenn sich das geändert hatte, würde sich ihre Zusammenarbeit sehr viel angenehmer gestalten. Abgesehen von ihren eigenen Vorbehalten gegen Intellektuelle, die sie immer noch nicht aufgegeben hatte. Aber Silvia machte das durch ihre Schönheit wieder wett.

Zumindest konnte Anna sich das einreden. »Ich nehme an, du bevorzugst dein Büro an der Uni«, sagte sie.

»Ja«, bestätigte Silvia. »Da habe ich alle meine Unterlagen zur Hand.«

»Muss ich irgendetwas mitbringen?«

»Nur die Schriftstellerin Anna Lessing und ihre Ansichten.« Silvia schien tatsächlich gut gelaunt zu sein. »Deine Bücher habe ich hier.«

»Alle?«, fragte Anna erstaunt. »Sind ja eine ganze Menge.«

»Ja, alle«, erwiderte Silvia. »Ich bin immer gern gut vorbereitet.«

»Na, dann . . .« Anna fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee war, sich mit Silvia aus beruflichen Gründen zu treffen. Sie wusste, dass sie nichts mit ihr anfangen wollte – und durfte, aber sie wusste genauso gut, dass Silvias Anziehungskraft ihre Wirkung auf sie nicht verfehlen würde, und sie überlegte, wie sie sich dagegen wappnen konnte. »Wann?«, fragte sie.

»Wie wäre es morgen Nachmittag?« Silvia schien etwas nachzusehen. »Um . . . vier? Nein, sagen wir halb fünf.«

»Kein Problem«, sagte Anna. »Nachmittag ist immer gut, weil ich vormittags schreibe. Aber nachmittags ist sowieso die Luft raus.«

»Da kannst du dich dann auch mit mir treffen?« Silvia wirkte so aufgeräumt, dass es Anna verunsicherte.

»Ja, genau. Das ist meine Zeit für vertrocknete, alte Professorinnen«, scherzte Anna.

»Danke für das Kompliment.«

»Oh Mann . . .« Anna verzog das Gesicht. »Das war wieder nicht so gemeint. Sollte ein Witz sein.«

»Ich weiß. Ich kenne deinen Humor. Habe ihn oft genug gelesen«, erwiderte Silvia.

»Und du magst ihn nicht.«

»Oh doch.« Silvia schien zu lächeln. »Ich mag ihn sogar sehr. Ich muss mich nur daran gewöhnen, es nicht zu lesen, sondern zu hören. Deshalb ist es gut, wenn wir uns treffen.«

»Vermutlich«, sagte Anna. »Dann bis morgen um halb fünf.«

»Bis morgen um halb fünf«, bestätigte Silvia und legte auf.

»Warum tue ich das?«, flüsterte Anna ins Telefon, bevor sie es selbst weglegte.

Ihre Begegnungen mit Silvia, so zufällig und harmlos, wie sie gewesen waren, hatten trotzdem einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen. Silvia war eine außergewöhnlich schöne Frau, und darüber hinaus erinnerte sie sie – warum auch immer, sie konnte es sich nicht erklären – an Anita.

Anita, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Was sich in ihrer Schreibausbeute niederschlug. Sie wusste, dass es einmal so hatte kommen müssen, dass Anita, ihre süße, liebevolle Muse, eine Frau finden würde, die in ihr mehr sah als das. Die sie liebte und ihr das gab, was sie verdiente: eine auf Dauer angelegte Beziehung.

Auch wenn sie sie nicht gesehen hatte, hatte sie doch gehört, dass Anita glücklich war. Und sie gönnte Anita dieses Glück von ganzem Herzen. Sie hatte so viel durchgemacht, so viel erdulden müssen, so viele Enttäuschungen mit ihrer großen inneren Kraft überwunden, dass es nur recht und billig war, wenn eine Frau sich hundertprozentig zu ihr bekannte, sie nach Strich und Faden verwöhnte.

Sie lächelte. Ach, Anita . . . du süße, süße Frau, meine wundervolle Muse.

Tief durchatmend seufzte sie. Was vorbei war, war vorbei. Die Wörter flossen nicht mehr so aus ihr heraus wie damals, als Anita bei ihr gewesen war, aber sie war professionell genug, immer noch schreiben zu können. Wenn auch mit größerer Anstrengung. Sie musste zu der Gelassenheit zurückfinden, die ihr zu eigen gewesen war, bevor sie Anita kennengelernt hatte. Allerdings war seitdem eine Menge geschehen.

Sie stand auf und ging in die Küche, nahm sich ein Glas Wein.

Sie war allein. Das Leben einer Schriftstellerin war einsam, auch wenn es manchmal nicht so aussah, weil sie viele Frauen kannte, viele Frauen ihr Bett für eine Nacht oder ein paar Nächte teilten. Dennoch war es meistens nicht mehr als das. Es hatte nur zwei Ausnahmen gegeben: Anita und . . . Sabrina.

Sie setzte sich auf die Couch und lehnte ihren Kopf gegen das Polster zurück. Sabrina . . . Nichts hatte sie so mitgenommen wie alles, was mit Sabrina zusammenhing. Heute wusste sie, dass es eine Amour fou gewesen war, ein Wahnsinn, der nur in einer Katastrophe enden konnte. Und so war es dann ja auch gekommen. Nicht nur Sabrina war in einen Abgrund gestürzt, sondern auch sie, Anna.

Natürlich hatte sie das nicht gezeigt. Das tat sie nie. Sie hatte sich cool gegeben, unbeeindruckt, so, als ob das Leben einfach so weitergehen würde. Als ob sich nichts geändert hätte. Aber das hatte es.

Auch wenn sie die Gefühle tief in sich vergraben hatte, kamen sie immer wieder hoch, versetzten sie Wochen oder Monate zurück, ließen Dinge wieder aufleben, die sie lieber vergessen wollte.

Es gab wohl kaum jemand, der sich das vorstellen konnte, aber sie, die coole, überlegene, immer mit einer spöttischen Bemerkung alles ins Lächerliche ziehende Anna Lessing, hatte geweint.

Sie hatte immer wieder Wege gefunden, sich zu betäuben, und wenn es mit Arbeit gewesen war, aber wie oft hatte das mit dem Niederschreiben der immer gleichen Fragen geendet, die in einer einzigen gipfelten: Warum?

Aber es hatte alles nichts genützt. Ihr letzter Strohhalm war Anita gewesen, doch auch die hatte sie verlassen, um zu neuen Ufern aufzubrechen, zu einem glücklicheren Leben.

Sie hatte wieder einmal so getan, als würde es ihr nichts ausmachen, aber es machte ihr etwas aus. Vielleicht wurde sie einfach alt.

Sie lachte über sich selbst. Wenn man in den Dreißigern war, sollte man sich nicht so fühlen. Doch sie konnte es nicht verhindern. Sie fühlte sich ausgebrannt. Leer. Zu leer, um anderen noch Geschichten von der großen Liebe zu erzählen, die doch nur Illusion war.

Sie nahm einen Schluck Wein und starrte blicklos in die Luft. Es gab nichts, was ihren Blick ablenken konnte, auffangen. Kein Lächeln einer Frau, das das ganze Zimmer erhellte, einfach nur, weil sie da war.

Die Frauen sind mein Untergang, dachte sie. Ich liebe sie, und doch kann ich keine an mich binden . . . mich an keine binden. Bindungsunfähig, hatte Céline das genannt, und sie hatte Recht gehabt.

Sie fragte sich, wie es Céline jetzt ging. Sie hatten nie miteinander geschlafen, und doch kam sie ihr wie eine ihrer Verflossenen vor. Vielleicht, weil sie so viel über Sex geredet hatten. Es hatte Céline verunsichert in ihrer festen Burg der Heterosexualität, das hatte Anna gemerkt, aber sie hatte sich mit aller Kraft dagegen gewehrt, diese Verunsicherung auszunutzen.

Nicht schon wieder. So war es bei Sabrina gewesen, und das war der größte Fehler, den sie je begangen hatte. Sie hatte die Beziehung, in der Sabrina lebte, ihre Ehe, so geschüttelt sie auch gewesen sein mochte, nicht respektiert. Sie wusste, dass ihr Verhalten unmoralisch gewesen war. Und doch hatte sie nicht anders gekonnt. Sabrina hatte sie in einem Grade gereizt –

Amour fou, dachte sie erneut. Vorher war es nur ein Begriff für sie gewesen, eine literarische Figur. Jetzt wusste sie, dass es mehr war als das. Man verlor völlig den Verstand.

Nein, das wollte sie nie wieder erleben. Sie sollte sich eine nette Frau suchen, die nichts Melodramatisches an sich hatte, ein Haus mit Garten, Kinder, sich niederlassen, zur Ruhe setzen.

Mit Mitte dreißig? Jetzt bist du wirklich wahnsinnig geworden!

Sie schüttelte den Kopf über sich, trank ihren Wein aus und stand auf, um ihr Glas nachzufüllen. In der Küche war ein Zettel mit einem Magneten am Kühlschrank befestigt. Es war eine unbedeutende Notiz wegen eines Telefonanrufs, schon lange nicht mehr aktuell. Anita hatte sie geschrieben, und wie üblich hatte sie ein kleines Herz darunter gemalt. Vielleicht hatte Anna die Notiz deshalb nicht weggeworfen. Es war immer wieder schön, dieses Herz zu sehen, eine Erinnerung an bessere Zeiten.

Mensch, Lessing, reiß dich zusammen! Du wirst doch nicht etwa sentimental?

Doch, so fühlte sie sich: sentimental. Sentimentaler, als ihr lieb war. Sie hatte immer gemeint, sie könnte dieses Gefühl zwischen Buchdeckeln einschließen, sich dadurch davon befreien, aber das war aussichtslos. Sie gab sich tough und war es doch nicht. Es war nichts weiter als ein Image. Genauso wie das Image der romantischen Schriftstellerin, die vor Gefühlen zerfloss.

Das, was sie in ihren Büchern ausdrückte, waren ihre eigenen Sehnsüchte. Sehnsüchte, die sie offenbar mit vielen ihrer Leserinnen teilte, aber nie hatte wahrhaben wollen.

Sie hatte noch nie geliebt. Nicht wirklich geliebt. Sie dachte, Sabrina hätte sie von diesem Mangel befreit, aber das war ein Irrtum. Wahnsinn war nicht Liebe. Diese Besessenheit war krank gewesen, kein Ausdruck eines tiefen, schönen Gefühls.

An ihrem zweiten Glas Wein nippend begab sie sich an ihren Schreibtisch. Vielleicht fiel ihr ja etwas ein, das sie von diesen trüben Gedanken ablenkte.

Sie kritzelte ein wenig vor sich hin, wie sie es oft tat, wenn ihr nicht so recht etwas einfiel, in der Hoffnung, irgendetwas davon würde sich zu einem Bild zusammensetzen, zu einer Szene, einem Ausgangspunkt für eine Geschichte.

Nach einer Weile hörte sie auf, starrte mit dem Stift in der Hand nur auf das chaotisch aussehende Blatt. Ihr Blick fiel auf eine Zeile.

Wer ist Silvia?

Plötzlich bemerkte sie, dass sie das nicht nur einmal geschrieben hatte.

Wer ist Silvia? Was ist sie?

Sie starrte auf die Wörter und lachte ungläubig auf. Dann fand sie noch eine Zeile:

Dass alle Welt sie preiset.

Und noch eine:

Heilig, schön und klug ist sie.