L wie Liebe (Staffel 2) - Ruth Gogoll - ebook

L wie Liebe (Staffel 2) ebook

Ruth Gogoll

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Opis

So dramatisch, wie die erste Staffel geendet hat, entwickelt sich die Geschichte in der zweiten Staffel weiter: Neue Figuren kommen hinzu, oder Paare arrangieren sich neu. Die Singles sind sowieso immer auf der Suche. Das Sappho bleibt Dreh- und Angelpunkt der bunten Lesbentruppe, die um interessante neue Frauen ergänzt wird. ... und immer wieder kommen Fragen auf: Ist Sex wirklich so wichtig? Ist eine Beziehung wirklich sicher? Kann sich aus Freundschaft Liebe entwickeln? Nicht alle Fragen können beantwortet werden, aber das Glück trifft einige unerwarteter, als sie gedacht hatten ...

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Ruth Gogoll

L WIE LIEBE

Staffel 2

Originalausgabe: © 2009 ePUB-Edition: © 2013édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

1. Kapitel

   Die Welt dreht sich weiter   

Carolin saß am Frühstückstisch. Allein, wie immer an den Wochentagen, während derer sie sich auf das Wochenende mit Ina freute.

Ihr Blick fiel auf den Toaster. Ihr Ein-Personen-Frühstücksklapptisch, fast ein Geschenk des unverzichtbaren nordischen Möbelhauses, ließ ihr gerade genügend Platz, um in der Küche zu frühstücken, doch das Gerät auf der schmalen Arbeitsplatte wirkte so überdimensioniert, dass ihr der Raum noch kleiner erschien als er es ohnehin schon war.

Sie seufzte. Es war falsch gewesen, den Toaster von Rebekka anzunehmen. Unter den gegebenen Umständen . . . Rebekka hatte sich etwas davon versprochen, das sie nicht bekommen hatte. Aber Carolin hatte den Toaster schon benutzt – ihr alter tat es ja nicht mehr – und zu spät daran gedacht, dass sie ihn dann nicht mehr zurückgeben konnte.

Die Küchenuhr, die über der Tür hing, ließ mit einem lauten Klick die nächste Minute hinter sich, das war gut morgens, um Carolin daran zu erinnern zur Arbeit zu gehen. Deshalb hatte sie diese penetrant tickende Uhr gekauft, denn oftmals war sie um diese Zeit noch nicht richtig ausgeschlafen und nur halb zurechnungsfähig. Sie schaute auf das Zifferblatt. Rebekka war sicherlich schon längst im Büro.

Carolin biss sich auf die Lippe. Sie konnte den Toaster nicht behalten – und zurückgeben konnte sie ihn auch nicht. Vertrackte Situation. Sie kam sich wie ein Schmarotzer vor.

Mit einer entschlossenen Bewegung stand sie auf, ging ins Wohnzimmer und griff nach dem Telefon. Rebekkas Nummer war leicht zu merken, aber selbst, wenn sie das nicht gewesen wäre, hätte Carolin sie sich wohl längst eingeprägt. Sie hatte ein gutes Gedächtnis für Zahlen. Sie kannte viele Telefonnummern auswendig, die sie nicht oft wählte.

Ja, nur das war es, ihr Zahlengedächtnis, das es ihr nun ermöglichte, Rebekkas Nummer ohne zu zögern einzutippen. Jedenfalls sagte sie sich das, während sie auf den Rufton wartete.

Er ertönte erstaunlich oft, und Carolin wollte schon wieder auflegen, als sich Rebekkas Stimme etwas atemlos meldete.

Carolin hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen. Was dachte sie sich eigentlich dabei, so früh am Morgen anzurufen? Sie kannte Rebekka nicht gut genug, um einfach anzunehmen, dass sie bereits im Büro war. Sie konnte ebensogut noch im Bett liegen – eventuell nicht allein. Carolin spürte, dass ihr der Gedanke daran unangenehm war. »Störe ich dich?« fragte sie etwas unsicher.

»Äh . . . Carolin?« Rebekka schien langsam zu Atem zu kommen.

»Ja, ich . . . soll ich später noch mal anrufen?«

»Nein, schon gut. Ich bin jetzt an einer Ampel.«

Carolin atmete aus. Das klang nicht nach Bett. »Du bist noch mit dem Fahrrad unterwegs?«

»Ja. Ich wurde aufgehalten heute morgen.« Rebekka wirkte sehr entspannt, und nun hörte Carolin auch die Straßengeräusche im Hintergrund. Köln erwachte.

Wodurch sie wohl heute morgen aufgehalten worden war? dachte Carolin. Vielleicht doch im Bett? Durch wen? Sie schüttelte den Kopf. Was ging sie das an? »Dann rufe ich besser später noch mal an – wenn du jetzt unterwegs bist.«

»Etwas Wichtiges?« fragte Rebekka.

»Nein, nichts . . . nichts Wichtiges.« Carolin schluckte. »Nur . . . der Toaster . . . er ist zu groß für mich und . . . er war bestimmt viel teurer als mein alter. Ich möchte dir die Differenz ersetzen.«

»Der Toaster«, wiederholte Rebekka dumpf.

Carolin kam sich schrecklich vor. Es schien, als ob sie Rebekka geschlagen hätte. »Ja, er . . . ich meine, er hat ungeheuer viele Knöpfe und dieses Display . . . ich hatte doch vorher nur ein ganz einfaches Modell.«

»Es ist das Spitzenmodell von Gellert«, sagte Rebekka.

»So sieht er auch aus.« Carolin biss sich erneut auf die Lippe. Auch das noch.

»Du willst ihn nicht mehr?« fragte Rebekka, und es schien, als ob sich die Frage nicht nur auf den Toaster bezog.

»Ich . . . ich habe ihn schon benutzt.« Carolin schluckte schwer. »Also zurückgeben kann ich ihn dir nicht, aber wenigstens . . . die Differenz – Bitte, Rebekka.«

»Es gibt keine Differenz«, erwiderte Rebekka knapp. »Die Ampel wird grün, ich muss weiter.« Weg war sie, aus der Leitung und möglicherweise auch mit einem Fahrradblitzstart von der Ampel.

So oft, wie sie aufhängt, könnte sie das zum Beruf machen, dachte Carolin.

Seufzend legte sie das Telefon wieder auf den Wohnzimmertisch.

Das war wohl das endgültige Aus für ihre nicht existente Beziehung zu Rebekka.

~*~*~*~

»Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn ich auch mal angeschwiegen werde«, bemerkte Melly, während sie sich kurz über den Tresen beugte. »Ich muss viel zu viele sinnlose Unterhaltungen mit halb Betrunkenen oder gerade Verlassenen führen, die sich bei mir ausheulen. Aber dass du hier nun schon eine geschlagene Stunde sitzt und kein Wort sagst, beunruhigt mich doch etwas.« Sie betrachtete Carolin mit einem besorgten Blick. »Ist irgendwas mit Ina?«

»Ina?« Carolin schaute auf, als hätte sie diesen Namen noch nie gehört. Dann schien sie in die Wirklichkeit zurückzufinden. »Nein, nicht Ina. Sie kommt am Freitag, und ich freue mich schon darauf.«

»Ah, nicht Ina«, wiederholte Melly, und ein leichtes Schmunzeln schlich sich in ihre Mundwinkel.

»Ich gehe wohl besser nach Hause«, murmelte Carolin abwesend. Sie hatte Mellys Reaktion noch nicht einmal bemerkt, so sehr war sie in Gedanken versunken. »Wenn ich sogar dich schon mit meiner Schweigsamkeit nerve. Ich komme wieder, wenn ich unterhaltsamer bin.«

»Aber Süße, war doch nicht so gemeint.« Melly schüttelte den Kopf. »Du kannst so lange schweigend hier sitzen, wie du möchtest. Noch ein Milchshake? Oder ein Cocktail? Kostet nur die Hälfte in der Happy Hour.«

»Ist jetzt Happy Hour?« Carolin blickte verwirrt fragend an Melly vorbei auf die Uhr, die hinter der Theke hing.

»Für dich schon«, sagte Melly.

Carolin hatte das Gefühl, dass sie irgend etwas nicht mitbekam.

»Und für die zwei würde ich auch eine Ausnahme machen«, lachte Melly und schaute zur Tür, die sich gerade geöffnet hatte, um Gäste hereinzulassen. »Wenn sie dich aufheitern.«

»Aufheitern? Warum denn? Was ist los?« Rick kam besorgt auf Carolin zu, und Anita, die ihr folgte, stellte sich neben Carolin an die Theke und runzelte die Stirn.

»Nichts ist los. Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt.« Carolin reagierte gereizt. »Ich bin ein bisschen übermüdet, überarbeitet, über-irgendwas, mehr ist nicht. Kommt doch mal vor. Demnächst ist Buchmesse. Wir haben eine Menge zu tun im Verlag.«

»Ja, das kenne ich«, sagte Anita und legte lächelnd einen Arm um Carolins Schultern. »Du musst dich nur mal ausschlafen.«

Rick warf einen zweifelnden Blick auf Melly, und Melly zuckte die Schultern. »Ich sagte gerade, ich würde euch einen Cocktail zum halben Preis spendieren, wenn ihr ein bisschen Leben in die Bude bringt«, wiederholte sie. »Wollt ihr?«

»Was? Leben in die Bude bringen?« Rick lachte. »Jederzeit.« Sie warf einen Blick durch das relativ leere Lokal. »Machen sich wirklich gut, die Stühle.«

»Ja, finde ich auch. Das hast du gut hinbekommen.« Melly lächelte. »Ich mache euch zwei Cocktails, in Ordnung? Mit oder ohne Alkohol?«

»Mit«, sagte Rick.

»Für mich bitte ohne«, ergänzte Anita.

»Und du, Carolin?« Melly versuchte Carolin wieder aus ihrer Trance zu wecken.

»Nichts«, sagte Carolin. Sie blickte auf. »Oder vielleicht doch. Diesen tropischen, den du letztens neu erfunden hast.«

»So ganz erfunden nicht.« Melly lachte. »Ich habe nur ein paar Zutaten des Originalrezepts geändert.« Sie warf einen Blick auf das Regal hinter sich, auf dem die Spirituosen standen. »Ich muss mal schauen, ob ich überhaupt noch Curaçao dahabe.« Sie verschwand durch die Küche in den Lagerraum.

Rick schob sich auf den Barstuhl neben Carolin. »Es ist also so viel los im Verlag?«

Carolin kannte Rick schon lange genug, um zu wissen, dass das nicht die Frage war, die sie eigentlich hatte stellen wollen. »Ja«, sagte sie und schaute Rick nicht an.

Anita ging um sie herum und stellte sich neben Rick. Rick legte automatisch einen Arm um sie, als ob sie sie beschützen wollte, während Anita sich leicht an sie schmiegte und lächelte. Sie fühlte sich offensichtlich wohl. »Muss interessant sein, in einem Verlag zu arbeiten«, sagte sie. »Ich liebe Bücher. Das wäre mein Traum.«

»Oh, nimm meinen Job, bitte . . .« Carolin stöhnte. Alle beneideten sie um ihren Job, als ob es nichts Schöneres auf der Welt gäbe. Aber in letzter Zeit bezweifelte sie das sehr. Thomas wälzte immer mehr Arbeit auf sie ab, die nicht in ihrem Sinne war. Sie hatte das Gefühl, er gab alles, wozu er keine Lust hatte, an sie weiter, egal ob es zu ihrem Arbeitsgebiet passte oder nicht.

»Würde ich sofort«, sagte Anita. »Aber ich glaube kaum, dass sie mich nehmen. Ich habe nur Verkäuferin gelernt.«

»Das ist genauso eine kaufmännische Ausbildung wie meine als Verlagskauffrau«, bemerkte Carolin achselzuckend.

»Es ist wohl kaum dasselbe«, erwiderte Anita. »Jedenfalls sehen das die Arbeitgeber so.« Sie seufzte.

»Würdest du deinen Job denn lieber wechseln?« fragte Rick erstaunt. »Ich dachte, du bist gern Verkäuferin.«

»Ja, schon, in gewisser Weise . . .« Anita zuckte die Schultern. »Ich freue mich, wenn ich Kunden beraten kann, und ich mag Stoffe, modische Accessoires, so was. Aber ein paar Stunden sitzen am Tag hätte was.«

»Oh, das kannst du im Verlag genug.« Carolin atmete tief durch. »Da kommst du zu gar nichts anderem.« Ein nachdenklicher Ausdruck trat plötzlich in ihr Gesicht. »Verkäuferin . . .«, wiederholte sie sinnend. »Eigentlich ist es doch egal, was du verkaufst, oder?«

»So theoretisch . . .«, antwortete Anita nickend. »Ich habe schon alles mögliche verkauft. Man muss ja auch in den verschiedenen Abteilungen aushelfen, und während der Ausbildung war ich überall. Aber Werkzeuge liegen mir nicht so.« Sie lächelte unsicher.

»Nein, ich dachte . . . Bücher.« Carolin blickte fragend. »Wir suchen noch Hostessen für die Buchmesse. Selbst das will Thomas mir aufs Auge drücken, und ich wehre mich mit Händen und Füßen. Wenn ich aber niemand finde . . .« Sie gab einen entsagungsvollen Seufzer von sich. »Ich hasse die Buchmesse. Dabei könnte ich in der Zeit so schön meine Tabellen auf den neuesten Stand bringen. Aber wenn ich zur Messe muss . . .«

Anita starrte sie an. »Du meinst . . . ich könnte . . .?«

»Es wäre nur ein Aushilfsjob«, nickte Carolin. »Nichts auf Dauer. Nur ein paar Tage. Aber wenn du so auf Bücher stehst . . . Ich wäre dir wahnsinnig dankbar.«

»Ich weiß nicht, ob ich so schnell Urlaub bekomme«, überlegte Anita zweifelnd, »aber ich kann es ja mal versuchen. Das wäre die Erfüllung eines Traumes für mich.« Sie schaute Rick mit strahlenden Augen an und wandte ihren Blick dann wieder zu Carolin. »Und du willst wirklich nicht –?«

»Oh nein! Nein, danke.« Carolin hob abwehrend die Hände. »Wie schnell kannst du herausfinden, ob du Urlaub bekommst?«

»Morgen«, entgegnete Anita aufgeregt. »Ich frage gleich morgen früh.« Sie fiel Rick vor lauter Begeisterung um den Hals und küsste sie glücklich auf den Mund.

Rick schaute um Anita herum und fragte: »Ina kommt am Wochenende?« Ihr Blick musterte Carolin merkwürdig durchdringend.

Carolin nickte. »Ja, wie immer.«

»Ist das nicht schwierig, so eine Fernbeziehung?« Anita runzelte die Stirn. »Wie fühlst du dich unter der Woche?«

»Es geht«, erwiderte Carolin etwas zögernd. »Wir telefonieren jeden Tag, und ich habe im Moment ja auch viel Arbeit, so komme ich kaum zum Überlegen.«

»Vielleicht ganz gut so«, sagte Rick. Ihr Blick schweifte zur Decke. »Zu viel überlegen bringt manchmal nur Ärger.«

»Ich hab’ ihn gefunden!« Melly kehrte aus dem Lagerraum zurück und schwenkte eine Flasche mit blauem Inhalt in ihrer Hand. »Der letzte.« Sie begann die Cocktails zu mixen. »Na, ich dachte, hier tanzt mittlerweile der Bär«, fuhr sie lachend fort. »Ihr wolltet doch Stimmung machen.« Sie schaute Rick an.

Rick verzog die Mundwinkel. »Da habe ich wohl etwas zuviel versprochen.«

»Oder auch nicht.« Anita löste sich von Rick und ging zur Musicbox hinüber. Sie wählte einen Titel, und gleich darauf übertönte der Klang die leise Hintergrundmusik, die die Stimmung im Lokal bislang klassisch untermalt hatte.

Melly schaltete die Anlage stumm und schaute zu Anita hinüber. Dann warf sie einen schmunzelnden Blick auf Rick. »Ich glaube, sie wartet auf dich.«

Anitas Gesichtsausdruck wies tatsächlich darauf hin. Rick erhob sich und ging zu ihr, verbeugte sich vor ihr und lächelte sie an. »Darf ich bitten?«

Anitas Lächeln glitt zusammen mit ihr in Ricks Arme. »Mit Vergnügen«, sagte sie.

Melly beobachtete die beiden, als sie zu tanzen begannen, dann stellte sie die Cocktails, die sie gemixt hatte, nebeneinander auf die Bar, einen davon vor Carolin. »Sie sind ein schönes Paar, die zwei«, sagte sie etwas nachdenklich.

Carolin seufzte. »Reicht es aus, ein schönes Paar zu sein?« Sie nippte an ihrem Cocktail.

Melly schaute sie an. »Wie meinst du das?«

»Ach, nur so.« Carolin zuckte die Schultern. »Es gibt viele schöne Frauen auf der Welt – und viele schöne Paare.« Sie versank anscheinend desinteressiert erneut in der Beschäftigung mit ihrem Cocktailglas.

»So ganz allgemein?« Melly hob die Augenbrauen und betrachtete sie. »Oder denkst du da an die eine oder andere spezielle schöne Frau?«

»Ina ist sehr schön«, erwiderte Carolin vage, ohne Melly anzusehen.

»Das ist sie.« Melly spitzte die Lippen. »Und ihr seid auch ein schönes Paar.«

»Sag ich doch.« Carolin vermied es immer noch, den Blick zu heben.

»Hm.« Melly schien nicht zufrieden, aber sie sagte nichts weiter.

»Rick war mit Thea zusammen, und davor mit dir – und jetzt ist sie mit Anita«, fuhr Carolin fort, als spräche sie zu sich selbst.

»Wir waren nicht zusammen«, widersprach Melly sofort. »Nur –« Sie schaute zu Rick hinüber. »Nur eine Nacht.«

»Ich weiß«, sagte Carolin. »Du gehst keine längeren Beziehungen ein.« Sie seufzte. »Vielleicht ist das das beste.«

»Wie kommst du auf einmal darauf?« Melly wirkte erstaunt. »War das nicht immer das, was du wolltest: eine feste Beziehung? Mit einer Frau, die du liebst?«

»Ja, mit einer.« Carolin stocherte mit dem Strohhalm in ihrem Cocktail herum. »Was ich sagen wollte, ist, Rick hat immer erst mit einer Frau Schluss gemacht, bevor sie sich mit einer anderen eingelassen hat, sie war nie gleichzeitig –«

»Du meine Güte, Carolin, das ist doch nicht etwa dein Ernst?« Melly starrte sie an. »Wie lange bist du jetzt mit Ina zusammen?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich dachte immer, du wärst – na ja, ich dachte, du würdest nichts von Zweigleisigkeit halten, so wie ich dich verstanden habe.«

»Tue ich auch nicht.« Carolin atmete tief durch und trank einen Schluck. »Der Cocktail ist hervorragend.« Sie lächelte Melly an.

»Tust du nicht? Was soll dann das ganze Gerede?« fragte Melly. »Lenk nicht ab. Ich weiß, dass der Cocktail gut ist. Ich bin ziemlich stolz darauf.«

»Kannst du auch sein.« Carolin schaute zu Rick und Anita, die immer noch tanzten. Anita lag glücklich in Ricks Arm, und Rick lächelte auf sie hinunter, als ob sie ein Kind wiegte. »Vielleicht ist es leichter, wenn man nicht verliebt ist«, bemerkte sie nachdenklich.

Melly folgte ihrem Blick und zögerte einen Moment, bevor sie hinzufügte: »Ganz sicher ist es das.«

»Warum hast du das getan, Melly?« fragte Carolin. »Rick am ausgestreckten Arm verhungern lassen? Du hast ihr das Herz gebrochen.«

»Ich . . . nein«, erwiderte Melly tonlos. »Schau sie dir doch an. Sie ist viel besser dran ohne mich.« Sie drehte sich um und ging in die Küche.

2. Kapitel

   Intermezzo   

»Wenn du weiter so deprimiert in die Gegend starrst, bringe ich mich um.«

»Wie? Was hast du gesagt?« Rebekka blickte irritiert auf, als erwache sie aus einem Traum.

Svenja lachte. »So habe ich dich ja noch nie erlebt. Du bist doch sonst nicht so schlecht drauf. Ist dein Fahrrad kaputt oder was?«

»Mein Fahrrad?« Rebekkas Blick wurde noch irritierter. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Mit meinem Fahrrad ist alles in Ordnung.«

»Dann mach doch gefälligst nicht so ein Gesicht. Das kann einem ja den ganzen Tag vermiesen.«

Rebekka atmete durch. »Tut mir leid. Ich wusste nicht, dass mein Gesichtsausdruck so einen Einfluss auf deine Gemütslage hat.«

»Jedenfalls bin ich nicht vorbeigekommen, um mir die Laune verderben zu lassen.« Svenja setzte sich auf eine Ecke von Rebekkas Schreibtisch und legte den Kopf schief. »Eher im Gegenteil.«

Rebekka lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Was hast du vor?«

»Ach Süße. So phantasielos bist du doch nicht.« Svenja lachte, beugte sich vor und strich mit einem Finger über Rebekkas Wange. »Sonst jedenfalls nicht.« Ihre Stimme flüsterte und ihre Augen blitzten.

Rebekka wich dem Finger aus und lehnte sich zu ihrem Schreibtisch vor. »Ich habe viel Arbeit.«

Svenja hob die Augenbrauen. »Oh?« Sie rutschte vom Schreibtisch und ließ ihre Haare fliegen, während sie den Kopf schüttelte. »Du und deine Arbeit. Ihr solltet heiraten, damit euer Verhältnis legalisiert ist.«

»Tja.« Rebekka zuckte die Schultern. »Du willst shoppen gehen?« Sie warf einen kurzen Blick auf Svenjas City-Outfit.

»Ich weiß, dafür bist du nicht zu haben.« Svenja seufzte entsagungsvoll, als ob Rebekka ihr eine große Last aufbürdete, die sie kaum zu tragen in der Lage war. »Es langweilt dich zu Tode.«

»Ich habe keine Zeit«, korrigierte Rebekka unwillig. »Und ja, ich finde es auch nicht besonders aufregend.«

»Nicht so aufregend wie deine Akten hier jedenfalls.« Svenja tippte auf einen Papierstapel auf Rebekkas Schreibtisch. Verständnislos blickte sie eine Sekunde darauf, dann überzog ein süßes Lächeln ihr Gesicht. »Wie ist es denn mit Ausgehen? Ich meine, nicht tagsüber . . . abends.«

»Svenja . . .« Rebekka verdrehte die Augen.

»Ach komm . . .« Svenja beugte sich wieder vor und schaute Rebekka direkt in die Augen. »Du kannst nicht rund um die Uhr arbeiten, oder? Irgendwann musst du mal nach Hause gehen, etwas essen, dich vielleicht auch mal ein wenig amüsieren. Weißt du überhaupt noch, wie das geht?« Erneut legte sie den Kopf schief, und man sah ihr an, dass sie ganz genau wusste, wie so etwas ging.

»Das Leben besteht nicht nur aus Vergnügen«, erwiderte Rebekka scharf.

»Darüber solltest du noch einmal nachdenken.« Svenja lächelte leicht. »Aber ich sehe, dass ich im Moment keine Chance bei dir habe. Ich warte auf bessere Zeiten.« Ihr Lächeln wurde verführerisch. »Die kommen bestimmt.«

Rebekka seufzte.

»Okay, okay, ich geh’ ja schon.« Svenja hob leicht die Hände. »Ich will dich auf keinen Fall von deiner ach so wichtigen Arbeit abhalten. Sonst stirbst du noch an Entzugserscheinungen.«

Rebekka warf einen stirnrunzelnden Blick auf sie.

»Bin schon weg.« Svenja lachte. »Aber so leicht wirst du mich nicht los!« Sie verschwand mit einem eleganten Schwung ihrer verführerisch geformten Hüften durch Rebekkas Bürotür.

Kaum war der Türrahmen wieder leer, sank Rebekka in ihren Stuhl zurück, und der gleiche nachdenkliche Gesichtsausdruck, den Svenja als so störend empfunden hatte, ergriff erneut von ihr Besitz. Deprimierend, hatte Svenja gesagt. Ja, vielleicht hatte sie recht. Rebekka hatte sich selten so schlecht gefühlt.

Sie konnte sich diesem Gefühl aber nicht ewig hingeben. Es gab andere Dinge, die wichtiger waren. Mit hochgezogenen Augenbrauen ließ sie ihren Blick über den vollen Schreibtisch schweifen. Viel wichtiger.

Entschlossen rückte sie ihren Stuhl an den Schreibtisch heran und nahm einen Stift in die Hand.

3. Kapitel

   Im Fegefeuer   

»Na, heute brauchst du niemand, der Stimmung in deinem Laden macht«, lachte Rick. »Ist ja voll wie schon lange nicht mehr!«

»Die Live-Musik ist einfach immer der Renner«, bestätigte Melly und warf einen Blick durch das Lokal, in dem Leiber tanzend wogten. »Macht schon Spaß, so viele Leute hier zu sehen.«

»Und lässt die Kasse klingeln«, vermutete Rick. »Ich gönne es dir.«

»Wenn die Band bezahlt ist, bleibt da nicht mehr so viel übrig«, schränkte Melly ein, »aber es ist es schon wert, da hast du recht.«

»Samstagabend in der City . . .«, sang Rick vor sich hin und lächelte Melly an.

»Wo ist Anita?« fragte Melly schnell.

»Auf der Buchmesse.« Rick schmunzelte. »Sie war so aufgeregt, dass sie fünf Kostüme mitgenommen hat, obwohl sie nur drei Tage da ist.«

»Na ja, man muss ja auch etwas zum Wechseln haben«, nickte Melly verständnisvoll. »Du bist nicht mitgefahren?«

Rick wiegte zweifelnd den Kopf. »Ist nicht so ganz mein Ding. Ich hätte mir ein paar Fachbücher anschauen können oder Reisebücher, Fotos . . . aber der ganze Rummel, und dann nur um Bücher . . .«

»Anita ist glücklich dort?« Melly ging hinter die Theke zurück.

»Oh ja.« Rick lächelte. »Sie findet es sehr spannend. All die Autoren und Verlage . . . es ist wie ein Abenteuerurlaub für sie.«

Melly lachte. »Vermutlich nicht die Vorstellung, die jeder von Abenteuerurlaub hat.«

»Sicher nicht.« Rick setzte sich an die Theke. »Gibst du mir ein Bier?«

Melly griff nach einem Glas und begann das Bier zu zapfen. »He, Carolin und Ina.« Sie wies mit dem Kopf zur Tür.

Rick drehte sich um. Wieder einmal erschlug sie Inas Model-Schönheit fast, aber trotzdem mochte sie sie nicht. Sie grinste etwas schief. Wahrscheinlich bin ich nur eifersüchtig, dachte sie. Carolin ist meine älteste Freundin, und ich gönne ihr ja auch, endlich die Frau ihres Lebens gefunden zu haben, aber irgendwie ist mir keine Frau gut genug für sie, auch wenn sie so aussieht wie Ina.

»Hallo Rick«, begrüßte Ina sie mit dem ihr eigenen undefinierbaren Lächeln, von dem man nie wusste, was es bedeuten sollte.

»Hallo Ina«, erwiderte Rick kühl und wandte sich dann mit einem viel wärmeren Blick an Carolin. »Na, Linchen?«

Carolin stutzte. »Hast du sie noch alle?«

Rick lachte und legte freundschaftlich eine Hand auf Carolins Schulter. »Du bist einfach so süß, ich kann nicht anders.«

»Du solltest Caro nicht so ärgern«, sagte Ina immer noch lächelnd.

Carolin seufzte. »So lang ist mein Name doch nicht. Ich wünschte, jemand würde ihn mal im ganzen benutzen und nicht immer nur Teile davon. Das mag ich nicht.«

»Na, dann sagen wir doch Carolinchen«, schlug Ina schelmisch vor. »Da ist auf jeden Fall dein ganzer Name enthalten.«

»Untersteh dich.« Carolin drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. Dann schmiegte sie sich an sie und schaute Rick an. »Anita vertritt mich gut auf der Buchmesse, habe ich gehört. Thomas ist ganz begeistert von ihr.«

Rick verzog die Mundwinkel. »Das glaube ich«, sagte sie. Wenn Männer Anitas Brüste sahen, waren sie immer begeistert von ihr.

Carolin verstand, fuhr aber fort: »Nicht nur deswegen, glaube ich. Sie ist wirklich eine gute Verkäuferin, hat ein Händchen für die Kunden. Sie könnte selbst Eisbären Kühlschränke verkaufen, sagt Thomas.«

Rick nickte. »Ja, sie hat eine sehr sympathische Art mit Kunden umzugehen. Das habe ich bei mir im Geschäft auch schon gemerkt. Welche Bezugsstoffe sie den Kunden auch immer empfiehlt, sie kaufen es, egal wie teuer es ist. Ihre Beratung allein hat mir schon ein paar neue Kunden gebracht.«

»Sie ist wirklich nett«, sagte Carolin mit einem Blick auf Rick, der etwas Fragendes hatte.

»Ja.« Rick nippte an ihrem Bier. »Sie ist wirklich nett.«

Carolin schaute sie noch einen Moment an, dann sah sie zu Ina hoch. »Sollen wir tanzen? Mich wundert, dass du so lange warten kannst.«

»Du hast mich einfach vorhin zu sehr fertiggemacht, ich bin noch ganz erschossen«, erwiderte Ina blinzelnd.

Rick drehte ihren Kopf in die andere Richtung. Es war schon ein Kreuz. Niemals waren ihr solche Themen peinlich gewesen, aber sich vorzustellen, wie Carolin und Ina miteinander schliefen, trieb ihr fast die Röte ins Gesicht. Sie beobachtete die wogenden Leiber auf der Tanzfläche, bis Ina und Carolin sich zu ihnen gesellten. Die beiden waren das absolut perfekte Paar.

»Hast du Chris in letzter Zeit gesehen?« fragte Melly. »Ihr habt doch sonst öfter mal was zusammen unternommen.«

Rick schüttelte langsam den Kopf. »Nachdem sie aus Norwegen zurück war, habe ich sie nur einmal zufällig getroffen. Aber sie wollte nicht – ich meine, du weißt schon – reden.«

»Du weißt also auch nicht, was eigentlich los war? Warum sie sich getrennt haben?« Melly schaute Rick fragend an.

»Nein.« Rick starrte an Melly vorbei in die Luft. »Niemand weiß das. Ich glaube, Sabrina wollte nicht mehr. So wie Chris aussah, war es jedenfalls nicht ihr Wunsch, sich von Sabrina zu trennen. Es muss furchtbar gewesen sein.« Sie seufzte. »Ich kann mir die beiden kaum als Einzelperson vorstellen. Sie waren immer so eine . . . Einheit. Kein Blatt passte da dazwischen. Und jetzt . . .«

»Ja.« Melly blickte nachdenklich. »Manchmal kann das schnell gehen. Oder man kann es nicht verhindern. Ob Chris in Norwegen –?« Sie legte leicht den Kopf schief.

»Jemand kennengelernt hat?« Rick zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Gesagt hat sie nichts. Aber irgendwie . . . nein, ich glaube nicht.«

»Worüber sprecht ihr?« Carolin trat neben Rick. »Ein großes Glas Mineralwasser«, warf sie in Mellys Richtung. »Gib’s zu, du machst die Luft extra trocken, damit die Leute mehr trinken.« Sie lachte.

Melly hob die Augenbrauen. »Natürlich tue ich das. Ist ja mein Geschäft.« Sie hielt einen Literstiefel in die Höhe. »Reicht das?«

»Fürs erste«, sagte Carolin.

»Wir haben über Chris und Sabrina gesprochen«, fuhr Melly fort, während sie den Stiefel langsam volllaufen ließ. »Traurige Geschichte.«

»Ja, sehr traurig.« Carolin atmete tief durch. »Aber ich habe schon so etwas vermutet. Sabrina war in letzter Zeit . . . komisch.« Sie stützte sich auf der Theke ab.

»Sabrina?« fragte Rick. »Es lag also an ihr?«

»Genau sagen kann ich es nicht. Ich habe sie nicht mehr gesehen seit . . . auf jeden Fall war das noch, bevor Chris aus Norwegen zurückkam. Und da hat sie mir Fragen gestellt – also eigentlich hätte ich das nicht von ihr erwartet.«

»Was?« fragte Melly und schob Carolin den gefüllten Stiefel über die Theke. »Dass sie dir Fragen stellt?«

»Solche Fragen«, entgegnete Carolin und nahm einen großen Schluck aus dem Stiefel. »Ich meine, ob man sich in zwei Leute gleichzeitig –« Sie brach ab.

Mellys Gesicht verzog sich schmunzelnd. »Sie wollte vielleicht nur eine fachkundige Meinung hören.«

Rick starrte Melly an, dann Carolin, dann wieder Melly. Verständnislos lenkte sie zum Schluss ihren Blick in Carolins Gesicht. »Carolin?«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Melly spricht«, erwiderte Carolin trotzig und versteckte sich hinter dem riesigen Stiefel.

Neue Gäste trafen ein, und Melly musste sich ihnen widmen.

Ina trat von hinten zu ihnen. »Ich habe die Band gefragt, ob sie nicht mal nach Kassel kommen wollen«, sagte sie leicht lachend, »aber ich glaube, das reizt sie nicht wirklich.«

»Verständlich«, sagte Rick. »Auch wenn ich Kassel nicht kenne.«

»Ja, verständlich.« Ina lachte sehr amüsiert. »Gerade weil ich Kassel kenne.« Sie nahm Carolin den Stiefel aus der Hand und leerte ihn halb in einem Zug.

Rick beobachtete die Neuankömmlinge, die sich am Eingang stauten. Es waren viele Leute dabei, die sie nicht kannte. Die Live-Musik zog Menschen an, die Mellys Lokal sonst nicht besuchten. Sie kamen nur zum Tanzen. Zwei Frauen, die gerade das Eintrittsgeld zahlten, fielen Rick besonders auf. Eine blond, eine dunkel, beide groß, schlank, elegant – und sie sahen aus, als müssten sie sich ihre Garderobe nicht vom Munde absparen.

Eine der beiden schaute intensiv zu ihnen herüber, als könnte sie sich überhaupt nicht von dem Anblick lösen. Rick fragte sich, ob sie sie wohl kannte, aber sie bemerkte bald, dass diese Frau nicht sie ansah, sie starrte auf –

»Carolin? Kennst du die Frau da?« Rick nickte zum Eingang hinüber.

Carolin drehte sich beiläufig um, um festzustellen, wen Rick meinte, aber ihre lässige Haltung wandelte sich schnell. Rebekka, dachte sie. Oh mein Gott! »Nein, äh . . . ja«, stotterte sie. »Wir sind mal zusammen . . . Fahrrad gefahren.«

»Fahrrad?« staunte Ina. »Du fährst Fahrrad? Hast du nicht gesagt, du hast dein Rad seit Jahren nicht benutzt? Es verstaubt nur im Keller?«

»Ja, so-«, Carolin schluckte, »sozusagen. Bis auf eine Ausnahme.« Sie wusste nicht mehr, wo sie hinschauen sollte. Rebekka konnte sie nicht anschauen und Ina auch nicht.

Rebekka hatte ihren Blick sofort in eine andere Richtung gelenkt, als sie merkte, dass Carolin sie erkannt hatte. Warum hatte sie sich nur von Svenja überreden lassen hierherzukommen? Sie ging sonst nie in die lesbische Szene, und sie hätte sich doch denken können, dass Carolin –

Sie straffte ihre Schultern. Nein, sie durfte die Schuld nicht Carolin zuschieben. Carolin hatte ihr die Wahrheit gesagt, sie hatte ihr nie etwas vorenthalten, jedenfalls nicht wissentlich, und die Frau, die neben ihr stand – Rebekka zog die Augenbrauen hoch –, die musste sie wohl auf dem Laufsteg gefunden haben. Kein Wunder, dass da keine andere eine Chance bei ihr hatte. Hätte ich gewusst, wie sie aussieht, hätte ich die Rose für sie vielleicht nicht gekauft, dachte sie. Unvermittelt musste sie über sich selbst schmunzeln. Ich dachte, sie wäre ein Mann. Ausgerechnet diese Frau . . .

»Kennst du hier jemand?« fragte Svenja, die sich interessiert umsah.

Rebekka räusperte sich. »Nein«, sagte sie. »Niemand.«

»Dann lass uns tanzen«, forderte Svenja sie mit übermütigen Augen auf. »Dafür sind wir ja schließlich hergekommen.«

Rebekka nickte, und sie begaben sich zur Tanzfläche.

Carolin folgte Rebekka versteckt mit ihren Blicken. Sie hoffte, dass Ina es nicht sah und Rebekka sie nicht ansprach. Aber das tat sie nicht. Sie ging mit ihrer . . . Freundin – Carolin schluckte erneut – auf die Tanzfläche zu und verschwand hinter anderen Tanzenden. Die Menge verschluckte sie wie ein Nebel.

Auch wenn Carolin versucht hatte es zu verheimlichen, Rick hatte ihre Reaktion auf Rebekkas Erscheinen sehr wohl mitbekommen. Langsam setzten sich die Puzzlestücke zusammen, erst Mellys Bemerkung und jetzt Carolins Erschrecken . . . »Du wärst wohl besser auf die Buchmesse gefahren«, sagte sie und schaute Carolin an.

Carolin versuchte ihrem Blick auszuweichen. »Buchmesse?« fragte sie betont harmlos.

Rick erinnerte sich daran, dass Ina neben ihnen stand. War wohl kein guter Zeitpunkt, über attraktive Dunkelhaarige zu sprechen, die Carolins Interesse erweckt hatten. »Ach, nur so«, antwortete sie. »Anita sagt, es ist genug Arbeit für zwei.«

»Das ist es immer.« Carolin seufzte. »Allein schon darauf achtzugeben, dass nicht alle Bücher vom Stand geklaut werden.« Sie grinste. »Aber da hat Anita ein weitaus größeres Potential, Diebe abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen als ich.«

»Ts, ts, Carolin«, mahnte Rick mit scherzhaft erhobenem Zeigefinger. »Warst du es nicht, die mich dafür gerügt hat, dass ich Anitas Vorzüge hervorgehoben habe?«

»Es gibt einen kleinen Unterschied zwischen dem Hinweis auf gewisse Vorzüge und irgendwelchen Machosprüchen«, schmunzelte Carolin. »Denkst du nicht?«

»Na ja . . .« Rick zuckte etwas schuldbewusst die Achseln. »Stimmt schon. Aber da kannte ich sie noch nicht.«

»Was für Vorzüge hat sie denn?« fiel Ina interessiert ein. »Ihr macht mich ja ganz neugierig.« Sie grinste.

»Sagen wir mal so«, erläuterte Carolin belustigt. »Wenn man gewisse Teile von uns dreien zusammennehmen würde, hätten wir dennoch erhebliche Mühe, Anitas BH auszufüllen.«

»Wow!« machte Ina. Sie wandte sich an Rick. »Und sie ist deine Freundin?«

»Sie wohnt bei mir«, erwiderte Rick ausweichend. »Vorübergehend.«

Carolin hob die Augenbrauen. Hatte sie doch richtig vermutet. Anita war süß, aber nicht süß genug für Rick. Oder vielleicht zu süß. Rick brauchte eine Frau, an der sie sich reiben konnte, die ihr auch einmal widersprach. Das tat Anita mit Sicherheit nicht.

»Kann ja auch ganz nett sein«, bemerkte Ina lässig. »Ich hatte mal eine Freundin, die auch . . . ähm . . .« Sie warf einen Blick auf Carolin. ». . . oder auch nicht«, beendete sie den Satz etwas konfus.

»Ich wusste nicht, dass du auf so etwas stehst.« Carolin hob die Augenbrauen noch mehr.

»Du bist die schönste Frau, die ich kenne«, sagte Ina sofort und legte die Arme um Carolin. »Das weißt du doch.«

»Hast du schon mal in den Spiegel geguckt?« erwiderte Carolin etwas launig.

»Äußerlichkeiten sind unwichtig«, sagte Ina. »Nur die inneren Werte zählen.«

Carolin schmunzelte. »Hört man öfter, aber witzigerweise haben Frauen, deren innere Werte nicht so nach außen dringen, dennoch keine Hundertschaften von Verehrerinnen um sich, wohingegen die Frauen –« Sie brach ab und sah Ina an. »Ich glaube, ich rede mich in Teufels Küche, ich höre lieber auf«, sagte sie verlegen lachend.

»Ihr beide könnt euch ja nun wirklich nicht beklagen«, meinte Rick leicht übermütig. »Da geben sich doch die Verehrerinnen die Klinke in die Hand.«

»Was dir natürlich völlig unbekannt ist, nicht wahr, Rick?« Carolins Augen blitzten vergnügt.

»Ich wusste gar nicht, dass du so ein Schwerenöter bist, Rick«, fügte Ina mit interessiertem Gesichtsausdruck hinzu.

»Ich bin allein hier«, sagte Rick und drehte sich mit erhobenen Händen um die eigene Achse, »und ich sehe auch keine Hundertschaften von Frauen, die sich um mich reißen.«

»Du bist nur allein, weil Anita nicht da ist«, setzte Carolin dagegen. »Das gilt nicht.«

»Du meine Güte . . . Chris!« bemerkte Rick plötzlich überrascht.

Carolin drehte sich um. »Sie sieht nicht gerade aus, als wäre sie zum Amüsieren hergekommen«, stellte sie nach einem Blick auf Chris fest.

»Kannst du ihr das verdenken?« Rick nickte Carolin und Ina zu. »Ich kümmere mich um sie«, und sie ging zu Chris hinüber.

»Wie sieht es aus, wollen wir tanzen?« fragte Ina. »Oder sollen wir auch zu Chris –?«

»Nein, nein.« Carolin beobachtete Rick, wie sie Chris begrüßte, und es sah nicht so aus, als ob Chris noch mehr Gesellschaft verkraften könnte. »Lass uns tanzen.«

Carolin ließ sich in Inas Arme sinken und vergaß für einen Augenblick, wo sie war. Inas streichelnde Hände machten den Tanz zu einer süßen Tortur und versetzten sie fast wieder in ihre Wohnung zurück . . . ins Bett.

»Wir hätten vielleicht doch nicht weggehen sollen«, flüsterte Ina begehrlich in ihr Haar. »Wessen Idee war das eigentlich?«

»Deine«, sagte Carolin. »Du wolltest tanzen.«

»Warum kann man nicht beides machen?« flüsterte Ina. »Tanzen und –?«

»Zu Hause könnten wir das«, wisperte Carolin. »Aber hier . . .« Sie öffnete die Augen, die sie in Inas Armen geschlossen hatte, und im blitzenden Licht der Bühnenscheinwerfer erkannte sie einige Gesichter. Sie wollte zu Rick hinüberschauen, da blieb ihr Blick an einem Paar hängen, das sie schon vergessen hatte – oder eher wohl verdrängt.

Rebekka tanzte engumschlungen mit ihrer Begleiterin, die Blonde schmiegte sich selig an sie, und als die Musik endete, blieben beide stehen, die Blonde, etwas kleiner als Rebekka, glitt an Rebekka hoch und küsste sie leidenschaftlich. Sie drängte ihre Hüften gegen Rebekkas, und es war offensichtlich, dass sie mehr als nur tanzen wollte. Das Gespräch, das Ina und Carolin soeben geführt hatten, wurde von Rebekka und ihrem blonden Engel lebhaft in die Tat umgesetzt.

Carolin spürte, wie die blonde Frau ihr zunehmend unsympathisch wurde. Ich habe kein Recht, dachte sie. Gerade ich nicht . . . Ich habe Rebekka abgewiesen, und da hat sie sich eben eine andere gesucht. Oder – oder war die vielleicht schon vorher da?

Carolin war immer davon ausgegangen, dass Rebekka Single war, aber das musste ja nicht stimmen. Schließlich war sie selbst auch keiner und hatte Rebekka trotzdem attraktiv gefunden. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass es bei Rebekka nicht genauso sein könnte. Zweigleisigkeit war heutzutage keine Seltenheit mehr, viele empfanden es schon fast als normal.

Doch irgendwie . . . irgendwie hatte Rebekka nicht den Eindruck gemacht. Aber die kennen sich nicht erst seit gestern, dachte Carolin, je länger sie Rebekka und ihre Begleiterin beobachtete. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie sie anstarrte. Der Anblick zog sie wie in einen Sog hinein, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte.

Plötzlich blickte Rebekka auf und starrte Carolin ebenfalls an. Es war zu dunkel und das Licht flackerte zu sehr, um einen Ausdruck in ihrem Gesicht zu erkennen, aber Carolin bildete sich ein, dass ein gewisser Triumpf aus Rebekkas Augen sprach, ein Das-hast-du-nun-davon.

Was hätte ich denn tun sollen? dachte Carolin. Warum bist du nicht ein paar Wochen früher aufgetaucht? Dann wäre alles ganz einfach. Oder auch nicht, wenn sie Rebekkas Freundin so betrachtete. Die sah nicht so aus, als würde sie gern teilen.

Ina bemerkte glücklicherweise nichts von Carolins Aufmerksamkeit für Rebekka, sie war nur kurz stehengeblieben, als der laufende Titel verstummte, und tanzte gleich darauf weiter, als der nächste begann. Ihre Hände streichelten Carolin, und das, was Rebekka sah, ähnelte wohl dem, was Carolin eben mit Rebekkas Freundin beobachtet hatte. Es war geradezu pervers. Sie beide starrten sich an, während ihre Freundinnen sich an ihnen abmühten.

Carolin kam sich vor wie in dem Musical West Side Story. Dort, als Tony und Maria sich zum ersten Mal beim Tanzabend in der Turnhalle begegneten, hörte die Welt für die beiden auf zu existieren. Alles um sie herum verschwamm, sie sahen nur noch sich, waren wie in einer eigenen Welt gefangen, die mit der Außenwelt nichts zu tun hatte. Die anderen tanzten und amüsierten sich laut, während Tony und Maria sich langsam aufeinander zubewegten, die Musik nur leise im Hintergrund, eine völlig andere Musik als die, die für den Rest der Anwesenden spielte, und endlich voreinander stehenblieben und sich tief in die Augen sahen.

Genauso wie Rebekka jetzt ihr in die Augen sah.

Carolin hörte die Musik nicht mehr, die spielte, sie bewegte sich nur, weil Ina sie führte, und ihre Augen versuchten den Kontakt zu Rebekka nicht zu verlieren.

Auch Rebekka und ihre Freundin bewegten sich zum Takt des sanften Blues, der es erlaubte, fast auf der Stelle zu treten.

Doch auf einmal wechselte die Musik, etliche Anwesende schrien auf, es wurde ein bekannter Discotitel gespielt, der die Tanzfläche in einen Hexenkessel verwandelte. Alle sprangen in die Luft und erfreuten sich, je hektischer die Musik wurde, an zunehmend sportlicher werdenden Bewegungen.

»He, Süße, was ist los mit dir?« Svenja hüpfte herum wie ein Gummiball und strahlte Rebekka an. »Das ist doch dein Lieblingslied!« Wieder warf sie die Arme in die Höhe und jauchzte begeistert auf.

Rebekka kam sich vor, als wäre sie gerade erst aus einem Traum erwacht – oder noch nicht richtig. Immer noch versuchte sie Carolins Bild nicht zu verlieren, das so wehtat. In den Armen einer anderen Frau und offenbar glücklich.

Ja, sie hatte zu ihr herübergeschaut, ja, sie hatte Svenja und sie beobachtet, aber sicherlich nicht aus Interesse. Nur weil sie sich zufällig kannten und weil sie Svenja noch nie gesehen hatte. Das taten sie doch alle. Wer ist die neue Frau an ihrer Seite? Es war mit ein Grund, warum Rebekka nicht gern in die Szene ging. Sie kam sich vor wie in einem inzestuösen Dorf.

Seit ihrem letzten Telefonat hatte sie viel an Carolin gedacht, manchmal kam es ihr vor, als dächte sie ununterbrochen an sie. Für einen Moment starrte sie Carolin noch an, sah, wie die Finger ihrer Freundin Carolins Pobacken kneteten – und konnte es nicht mehr ertragen. »Ich geh’ mal kurz –« Sie nickte Svenja zu und entschwand in Richtung der Toiletten.

Carolin hatte Ina folgen müssen, die sie bei Einsetzen des rhythmischen neuen Titels begeistert herumgerissen hatte, und dabei den Blickkontakt zu Rebekka verloren. Als sie wieder hinübersah, war Rebekka verschwunden. Nur ihre blonde Freundin tanzte mit wild fliegenden Haaren mit – wenn Carolin das richtig sah – drei Frauen gleichzeitig, die sich um ihre Aufmerksamkeit bemühten. Sie schien es sehr zu genießen.

Oh Rebekka, dachte Carolin. Ist das die richtige Frau für dich? Sie schaute sich nach Rebekka um, soweit ihr das möglich war, während Ina mit ihr tanzte, aber sie entdeckte Rebekka nicht. Vielleicht ist sie gegangen, dachte sie. Meinetwegen? Hoffentlich nicht.

Der Discotitel laugte die Tanzenden in ein paar Minuten so sehr aus, dass anscheinend alle froh waren, als er endete und sie sich zur Bar oder zu ihren Getränken am Tisch begeben konnten. Die Tanzfläche leerte sich. Bis auf Rebekkas Freundin und ein paar weitere Unentwegte, die offenbar fitnessgestählt beim nächsten Titel noch einen Zahn zulegten.

»Hast du auch solchen Durst?« fragte Ina. Sie drehte sich halb zur Bar um.

»Oh . . . oh ja«, nickte Carolin. »Klar. Aber nur Wasser. Sonst falle ich um.«

»Okay.« Ina begab sich mit Riesenschritten zur Oase, sprich zur Theke.

Carolin suchte weiter mit ihren Blicken nach Rebekka, aber sie war wohl tatsächlich gegangen. Seufzend machte Carolin sich auf, das alte Wasser herauszulassen, bevor neues hinzukam.

Im hinteren Teil des Lokals war es sehr dunkel. Wie immer drückten sich dort einige knutschende Pärchen herum, deren Aktivitäten die wenn auch begrenzte Helligkeit der Tanzfläche nicht mehr vertrugen. Carolin hörte seufzende und stöhnende Geräusche, auch das Ratschen eines Reißverschlusses.

Sie schmunzelte, während sie fühlte, wie ihr heiß wurde. Vielleicht würden Ina und sie sich später auch hierher zurückziehen, wenn ihnen der Weg nach Hause zu weit erschien – sehr wahrscheinlich sogar. Sie stellte sich an der Toilettenschlange an. Es dauerte eine Weile, bis sie hineingehen und danach wieder zurückkehren konnte. Ina würde schon auf sie warten. Sie versuchte sich zu beeilen, wurde aber abgelenkt von einem Wasserfleck auf ihren Schuhen. Beim Händewaschen hatte sie nicht aufgepasst. Na gut, es war nur –

»Ups, Entschuldigung.« Sie war gegen jemand gerannt, die am Abzweig zur Telefonnische lehnte. Im nächsten Moment begannen ihre Knie zu zittern. »Rebekka . . .«, flüsterte sie. Sie brauchte sie nicht zu sehen, sie konnte sie riechen. Ihr Duft war unverwechselbar.

Rebekka drehte sich langsam um. »Carolin . . .« Ihre Stimme klang tonlos.

Carolin schluckte, räusperte sich. »Schön . . . schön, dich hier zu sehen.«

»Du siehst mich?« Diesmal klang Rebekkas Stimme amüsiert.

Nein, ich fühle dich, dachte Carolin mit klopfendem Herzen. Es klopfte ihr bis zum Hals. Sie lachte etwas verlegen. »Offenbar braucht man sich nicht zu sehen, um sich zu erkennen«, erwiderte sie leichthin, als ob es nur eine harmlose Bemerkung wäre.

»Scheint so«, sagte Rebekka. Sie wies auf die Tanzfläche, eine verschwommene Bewegung, die nur zu erahnen war. »Die Musik geht weiter.«

»Ja.« Carolin blieb stehen. »Rebekka, ich –«

Rebekkas Gestalt, immer noch nur ein schwarzes Abbild vor blitzenden Lichtern, bewegte sich leicht.

»Ich . . .« Carolin streckte die Hand aus, um Rebekka zu berühren. Sie fühlte den weichen Stoff von Rebekkas Jacke. Trotz der schweißtreibenden Aktivitäten auf der Tanzfläche hatte sie sie nicht abgelegt.

Rebekka schien wie eine Erscheinung vor ihr zu schweben, keine richtige Form zu haben, keinen Körper. Aber unter dieser Jacke war ein Arm, ein warmer, pulsierender Arm, der sich nun auf Carolin zubewegte, sie erreichte, sanft über ihre Seite strich.

Carolin zuckte zusammen wie unter einem elektrischen Schlag, als ob der Stoff nicht ausreichte, sie von der Gewalt des gefährlichen Stroms zu isolieren.

Rebekka beugte sich vor, und wie in Zeitlupe trafen sich ihre Lippen.