Konfuzius im Management - Werner Schwanfelder - ebook

Konfuzius im Management ebook

Werner Schwanfelder

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Opis

Seit die Wirtschaft in China boomt, erlebt auch Konfuzius ein beeindruckendes Comeback. Denn der Erfolg vieler chinesischer Manager beruht auf Grundsätzen, die auf die Lehre des alten Meisters zurückgehen.

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Konfuzius im Management
Werte und Weisheit im 21. Jahrhundert
Schwanfelder, Werner
Campus Verlag
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9783593402215
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|7|Vorwort

Begegnung mit Konfuzius

Ich habe einen Freund in China, mit dem ich über viele Jahre zusammengearbeitet habe. Vor einigen Jahren habe ich mit ihm eine Einkaufsabteilung in China aufgebaut. Inzwischen ist er in einem anderen Unternehmen CEO. Er hat eine beachtliche Karriere gemacht. Bei meinem letzten Besuch in Shanghai trafen wir uns an einem verregneten Abend. Es war schon spät. Wir trafen uns am Bund, wo ich in einem Hotel untergebracht war. Der Bund ist die Uferpromenade von Shanghai, der faszinierendste Platz der ganzen Stadt. Dieser Meinung sind auch die Chinesen. Sie kommen hierher und fotografieren sich ohne Unterlass vor der Skyline der expandierenden Stadt. Wir trafen uns im Paulaner, nicht eben einfallsreich für eine kulinarisch so vielfältige Stadt wie Shanghai. Aber es regnete, und wir tranken ein gepflegtes Bier zu unserem Gespräch, auf das es uns ankam. Mein chinesischer Freund war seit einem Monat CEO der Niederlassung einer deutschen Firma, und es interessierte mich, wie er mit dieser Herausforderung zurechtkam.

Er hatte schon vorher Führungsverantwortung getragen, aber dies war nun doch ein wesentlicher, großer Schritt für ihn. Wir sprachen über die Einstellung, mit der er an diese Aufgabe heranging, und da sagte er einen Satz, der zu diesem Buch führte. »Ich habe einen guten Berater, den ich konsequent in Anspruch nehme.« Ich sah ihn fragend an. Lachend ergänzte er: »Konfuzius.«

Er ist in einer traditionsbewussten Familie groß geworden, deren Lebensweise vom Konfuzianismus geprägt war. Dieses Gedankengut |8|war sozusagen mit seinem Leben verknüpft. Er las die Gespräche von Konfuzius immer wieder, hatte viele Zitate sogar auswendig parat.

»Konfuzius hat viele Weisheiten formuliert, die man auch im täglichen Leben anwenden kann, und natürlich erst recht als Manager, immer da, wo man es mit anderen Menschen zu tun hat. Dabei sind mir die Grundhaltungen wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass Konfuzius bereits vor 2 500 Jahren allgemein Gültiges erkannt hat. Auch für uns Manager.«

Aus diesem Gedanken, den wir dann noch trefflich diskutierten, entstand letztendlich dieses Buch. Ich habe auch die Erfahrungen meines Freundes in diesem Buch untergebracht. Es sind die Geschichten, die Situationen, die sich in der Fahrradfabrik AG Filiale China ereignen, in der er CEO ist. Natürlich ist er in einer anderen Firma beschäftigt. Natürlich habe ich die Beispiele etwas verfremdet, sodass sie keine Rückschlüsse auf lebende Personen zulassen. Aber im Kern sind es seine Erfahrungen mit Konfuzius als Berater.

Die Idee fasziniert mich, weil sie doch eigentlich naheliegend ist. Warum lassen wir uns nicht von einem der großen Weisen aus der Vergangenheit beraten? Weisheit ist nichts Neues, Weisheit ist ein uraltes Menschheitsgut. Man muss es nur immer wieder – wie einen wertvollen Schatz – heben.

Wir benötigen die Weisheit von Konfuzius heute dringend. Und Manager benötigen diese Weisheit heute dringender denn je.

Ich selbst bin Manager und habe seit vielen Jahren Führungsverantwortung. Ich bin im Laufe dieser Zeit zu zwei Einsichten gelangt: Zum einen sind die meisten Fehler, die in Unternehmen gemacht werden, Managementfehler. Nicht die einfachen Mitarbeiter machen die großen Fehler, sondern die Manager. Die Konsequenzen dieser Fehler sind weitreichend. Solange die Konjunktur steil bergan verläuft, machen sich die Fehler nicht bemerkbar. Wenn es steil nach oben geht, wird selten darüber gestritten, ob es noch ein bisschen steiler nach oben gehen könnte. Im Tal der Tränen  |9|aber wird jeder Managementfehler sofort offenkundig. Und die Konsequenz: Die Manager entfalten Hektik, sind überfordert, machen weitere Fehler. Schließlich werden Mitarbeiter entlassen, Unternehmen gehen zugrunde. Das Spiel ist aus.

Nun könnte man meinen, man müsste Manager eben besser ausbilden. Ich denke, dass dies nichts oder nur wenig ändern würde. Ich bin in einem Unternehmen beschäftigt, das großen Wert auf Ausbildung legt. Eigentlich dürfte es bei uns keine schlechten Manager geben. Aber auch bei uns gibt es sehr große Unterschiede. So glaube ich mittlerweile, dass man zwar handwerkliche Managementfähigkeiten erlernen kann, nicht aber die inneren Qualitäten von Management.

Sehr wohl kann man aber sich selbst verändern, sofern man die Einsicht hat. Wenn ich ganz persönlich zu der Ansicht gelange, dass ich meine Managementfähigkeiten verändern muss, dann kann ich dies bis zu einem gewissen Grad auch erreichen. Wie komme ich aber zu der Einsicht, dass ich mich verändern muss? Vielleicht, indem ich auf einen Berater höre. Viele Manager arbeiten auch mit einem persönlichen Coach.

So ein Berater oder Coach könnte Konfuzius sein.

Dieses Buch will das Nachdenken über Veränderungsnotwendigkeiten begleiten und vielleicht auch fördern. Es will dem Manager, dem wirtschaftlich denkenden Menschen Konfuzius als Berater oder Coach nahe bringen. Vielleicht hat dieser Konfuzius mit seiner Weisheit aus alter Zeit das Potenzial, Einstellungen zu ändern, Managementqualitäten zu verbessern. Vielleicht hat der Einzelne, der Leser, die Möglichkeit, Erkenntnisse für sein weiteres Arbeitsleben abzuleiten.

Konfuzius, das ist eine Person in weit entfernter Vergangenheit. Dennoch ist sein Name sehr geläufig. Viele Menschen sprechen über Konfuzius. Viele Zitate sind mit seinem Namen verbunden. Wie kann man Konfuzius erfassen?

Vielleicht auf einer Reise?

Ich habe geschäftlich viel in China zu tun. Und ab und zu nehme |10|ich mir auch die Freiheit, privat in China Urlaub zu machen und dann meinen Interessen in aller Ruhe nachzugehen. Ein Interesse richtete sich darauf, Konfuzius zu finden und ein bisschen auch zu begreifen.

Daher entschloss ich mich, eine Reise in seine Heimat zu machen. Ich begann in der Stadt Taian in der Provinz Shandong. Dort packten wir unsere Sachen und machten uns auf, einen der fünf heiligen Berge des Buddhismus in China zu erklimmen – den Taishan-Berg. Sein Hauptgipfel wird als Gipfel des Jade-Kaisers bezeichnet. Er ist über 1 500 Meter hoch, ein anstrengender Marsch stand uns bevor. Das Taishan-Gebirge ist stark bewaldet. Hier wachsen weit über 20 000 uralte Bäume. Das passt irgendwie zu Konfuzius, ist unsere Vermutung. Aber das denken nicht nur wir, sondern auch viele andere, vor allem chinesische Touristen, die sich gemeinsam mit uns auf den Weg machen. Der Taishan-Berg ist ein beliebtes Reiseziel, und es gibt den entsprechenden Rummel um den Berg herum. Der Berg ist eine majestätische Erscheinung und flößt Betrachtern und Besuchern Respekt ein. Die Chinesen besuchen ihn wegen seiner Bedeutung als »Altar des Himmels«. So haben sich bereits 72 Kaiser der chinesischen Geschichte zum Taishan-Berg begeben, um dort dem Himmelsgott Opfergaben darzubringen. Viele Generationen glaubten, dass der Himmelsgott den Kaiser legitimiere, auf der Erde zu herrschen. Dem Himmelsgott war man auf dem Taishan-Berg am nächsten.

1987 wurde der Taishan-Berg im Osten des Berglandes von Shandong übrigens von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit aufgenommen. Das hat zwar keine unmittelbaren Auswirkungen, aber die Chinesen sind sehr stolz darauf, und das Bergland von Shandong ist natürlich noch viel bekannter geworden. Heute besuchen das Gebiet daher nicht nur chinesische Touristen, sondern auch solche aus Korea und Japan, und ab und zu ist auch ein einsamer Wanderer aus Europa dabei.

Den Gipfel des Taishan kann man auf mehrere Arten erklimmen. Wir nehmen wie die meisten den Minibus bis zum Tor des |11|Mittleren Himmels, das sich auf halber Höhe befindet. Von dort führt eine Seilbahn zum Hauptgipfel hinauf. Wir jedoch erklimmen den letzten Teil des Taishan-Berges zu Fuß. Dies scheint uns der angemessene Weg zu sein: Wir müssen und wollen Mühe und Kraft einsetzen, um uns dem Himmel zu nähern.

6 293 Stufen führen hinauf zum Gipfel des Jade-Kaisers. Die Strecke ist steil und in der Tat mühsam. Früher glaubte man, das Paradies zu erreichen, wenn man den langen Aufstieg hinter sich gebracht hatte. Das glauben wir zwar nicht und die meisten Chinesen wohl auch nicht mehr, aber vielleicht versucht doch der eine oder andere und vielleicht auch wir, wenn wir ehrlich sind, einen Zipfel vom Paradies zu ergattern.

Ganz oben auf dem Gipfel erstreckt sich ein weitläufiger Platz, bestimmt durch eine Straße und Wirtshäuser. Die Straße heißt Tianjie, auf Deutsch »Straße des Himmels«. Die meisten Touristen entscheiden sich dafür, in einem der Wirtshäuser hoch oben auf dem Gipfel zu übernachten. In der Morgendämmerung stehen sie früh auf und beobachten vom Gipfel aus den Sonnenaufgang. Wir machen es ihnen einfach nach.

Vor mehr als 2 500 Jahren bestieg der große Denker Konfuzius den Taishan-Berg. Der majestätische Gipfel erweckte große Ehrfurcht in ihm. Als er vom Gipfel hinunterschaute, hatte der Philosoph den Eindruck, dass das Reich unter ihm »klein« wirke, so die Überlieferung. Dieser Eindruck beflügelte seinen Ehrgeiz und seine philosophischen Studien.

Wir beobachten den Sonnenaufgang, der sich nicht so richtig aus den Wolken befreien kann, eine kurze Zeit ist es wirklich still, und man meint den Himmel zu fühlen. Aber bald ist die Luft erfüllt von dem allgemeinen Touristengetümmel. Da kommt keine Ehrfurcht mehr auf. Jedenfalls ist die Welt da unten klein. Wir müssen Konfuzius zustimmen. Von hier oben relativiert sich so manches, was die Menschheit auf dem gesamten Erdball bewegt.

Die Heimat von Konfuzius befindet sich nicht weit vom heiligen Berg Taishan, in der kleinen Stadt Qufu im Südwesten der |12|Provinz Shandong. Hier wurde Konfuzius geboren und hier ist er aufgewachsen. Qufu ist daher auch die nächste Station unserer Reise.

Qufu wurde, wie später Peking, entlang einer kosmischen Achse angelegt. Der Palast der Hauptstadt des Fürstentums Lu – Vorgänger des heutigen Qufu – wurde von Nord nach Süd ausgerichtet, Stadttore, Türme, Altar axial angeordnet. So gilt Qufu bis heute als eines der ältesten Beispiele der chinesischen Stadtanlage.

Die heutige Stadt liegt im südwestlichen Teil der alten Lu-Hauptstadt, die von einer Mauer mit 16 Stadttoren umgeben war. Unter dem Ming-Kaiser Jiajing (Regierungszeit 1521–67) wurde Qufu um den Konfuzius-Tempel herum neu aufgebaut. Der Tempel bildet immer noch das eigentliche Zentrum Qufus – mit 21 Hektar nimmt er ein Fünftel der Stadtfläche ein.

Heute leben in der von Tourismus und Landwirtschaft geprägten Gegend in und um Qufu 510 000 Menschen, von denen 110 000 stolz sind auf denselben Familiennamen: Kong. Davon leitet sich der europäisierte Name Konfuzius ab.

Qufu wird heute immer noch bevorzugt von Akademikern und Gelehrten besucht. Es scheint für sie ein »Muss« zu sein, die Quelle der chinesischen Philosophie aufzusuchen. So ist Qufu keine normale Touristenstadt, sie ist eher die Philosophenstadt und in diesem Sinne natürlich die Konfuziusstadt.

»Lasse dich erheben durch die Lieder, stehe fest durch die Riten und werde vollendet durch die Musik.« Bis in unsere Zeit wird dieser Lehrsatz des Konfuzius bei Gedenkfeiern für den großen Weisen in Qufu befolgt. Ob die vielen lauten chinesischen Touristen dies heute noch so verstehen, ist uns nicht ganz klar geworden.

Konfuzius war einst ein unscheinbarer Wanderprediger, einer unter vielen, als sich damals vor zweieinhalbtausend Jahren überall in China neue philosophische und politische Strömungen herauskristallisierten. Er war auf der Suche nach dem idealen Herrscher. Diesem wollte er mit Fleiß dienen. Gefunden hatte er ihn |13|nicht, so kehrte er enttäuscht in seinen Heimatstaat Lu zurück. Seine Lehrsätze und philosophischen Gedanken sind später von Schülern niedergeschrieben worden und bilden eine eigene Gedankenwelt und Philosophie, den Konfuzianismus. Seine Ideen haben in China und in ganz Asien tiefe Spuren hinterlassen.

Als Tourist pilgert man natürlich zunächst einmal zum Konfuzius-Tempel. Konfuzius heißt auf Chinesisch Kong Fuzi oder Kong Zi, also Meister Kung. Unter jenem Aprikosenbaum, unter dem auch wir nun stehen, soll er seine Schüler gelehrt haben. Er sprach dabei von den mythischen Herrschern der Frühzeit, die der Überlieferung nach allein durch ihr tugendhaftes Vorbilds regierten. Konfuzius suchte die Zukunft in der Vergangenheit zu erkennen.

Vom mächtigen Stadttor aus erstreckt sich Chinas größter Konfuzius-Tempel. Das erste Tempeltor trägt die Inschrift »Schall der Gongs und Vibrieren der Jade-Klingsteine«. Nach dieser Einstimmung auf das Opfergeschehen durchschreitet der Besucher weitere sieben Tore und gelangt schließlich zur ersten Halle, der Bibliothek Kuiwenge. Steininschriften, die bis in das Jahr 56 n. Chr. zurückreichen, belegen hier, wie alt der Konfuziuskult bereits ist. Die bedeutendsten finden wir im folgenden Hof, durch Pavillons geschützt. Im zweiten Hof des Osttrakts befindet sich ein Brunnen, aus dem angeblich schon Meister Kung persönlich getrunken haben soll. Der gesamte mittlere Trakt fiel im 18. Jahrhundert einem Brand zum Opfer und wurde danach komplett neu aufgebaut. Rund um den Innenhof läuft eine Galerie, die mit Inschriften und Steinreliefs ausgeschmückt ist. In diesem Hof haben sich früher zu Opferfeiern tausend Mitwirkende versammelt. Wir können dies heute kaum nachvollziehen. Zugegebenermaßen stören auch die vielen lauten chinesischen Touristen solche Gedanken. In der Mitte des Hofes liegt, von einem Pavillon überdacht, die sogenannte »Aprikosenterrasse«. Der Name ist eine Anspielung auf eine alte Textstelle, laut der Konfuzius einst an erhöhter Stelle umgeben von seinen Anhängern saß und musizierte.

|14|Der prächtigste Bau der gesamten Anlange ist die Opferhalle Dacheng Dian mit ihren Drachensäulen. Leider sind die pompösen Goldschreine und Statuen im Inneren der Halle bloße Nachbildungen aus den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Innenausstattung wurde während der Kulturrevolution zerstört. An die Opferhalle schließt sich eine weitere, kleinere Halle an. In dieser sogenannten »Schlafhalle« befindet sich ein Schrein für Konfuzius’ Frau. Schließlich folgt noch die »Halle der Spuren des Weisen«, an deren Wänden Szenen aus dem Leben des Konfuzius zu sehen sind.

Nach Konfuzius’ Tod ließ der Fürst von Lu einen ersten kleinen Gedenktempel für den in seiner Zeit gescheiterten Staatslehrer bauen. Es dauerte immerhin 200 Jahre, bis die chinesischen Kaiser erkannten, wie gut sie ihren Herrschaftsanspruch von den Lehren des Konfuzius ableiten konnten. Daher erhoben sie die konfuzianische Philosophie zur Staatsdoktrin. Rein äußerlich kann man die Auswirkungen am Konfuzius-Tempel in Qufu erkennen. Er wurde von Dynastie zu Dynastie größer und prächtiger ausgestaltet.

Zehn jeweils aus einem Steinblock gehauene Säulen tragen das doppelte Dach des Tempels. Darauf Drachen, die mit der Sonne spielen. Diese Steinmetzarbeiten sind so außergewöhnlich kunstvoll, dass sie beim Besuch des Kaisers verhängt wurden, heißt es. Der Sohn des Himmels sollte nicht vor Neid erzürnen, weil es so vollendete Säulen in seinem Palast nicht gab.

Die Chinesen, die einst das Tor zum Konfuzius-Tempel in Qufu durchschritten, konnten sehr stolz auf sich sein, denn sie hatten in diesem Staat schon viel erreicht: Sie hatten jahrzehntelang kaum verständliche Texte auswendig gelernt. Sie hatten viele harte Prüfungen bestanden und waren nun Anwärter auf ein Staatsamt. Für die hohen Beamten, die Mandarine, war es zunächst Brauch und später sogar Pflicht, vor Antritt ihres Amtes zu diesem Tempel zu pilgern. Auch alle Beamten, ausgebildet nach den von Konfuzius aufgestellten Regeln, das heißt in den klassischen Werken sowie |15|in Riten, Musik und im Bogenschießen und in der alten Schriftsprache geprüft, mussten diesen Ort aufsuchen. Diese Gelehrten des Konfuzianismus waren die Säulen der Gesellschaft und übten bis ins 20. Jahrhundert hinein großen Einfluss auf die chinesische Politik und Gesellschaft aus.

In der Tempelanlage stehen Zypressen, die einst von Kaisern gepflanzt wurden: Sie gelten als Symbol für die immerwährende Gültigkeit der Lehren des Konfuzius. Dem heutigen Besucher fällt vor allen Dingen das kaiserliche Gelb auf. Kein Sterblicher im Reich der Mitte durfte solche gelben Ziegel verwenden. Sie blieben dem Kaiser vorbehalten. Der Konfuzius-Tempel ist eine der wenigen Ausnahmen. Auch die Drachen als Dachschmuck weisen auf den kaiserlichen Einfluss hin, denn auch sie sind Symbole für den Kaiser. Mit diesen Insignien sollten natürlich die Besucher beeindruckt werden. Erhabene Gefühle, Ehrfurcht und Respekt begleiteten sie auf dem heiligen Weg zum Haupttempel. Dabei mag aber auch Vorfreude den Gang der Besucher beschleunigt haben, denn für sie waren nunmehr alle Hindernisse auf dem Weg zu künftigem Reichtum überwunden: Schließlich waren mit jedem Amt reichhaltige Pfründe verbunden.

Wir schreiten durch die Audienzhalle, in der früher Gesuche eingereicht und Gericht gehalten wurde. Von dort aus wurde auch der größte private Landbesitz in China verwaltet. Hatte Konfuzius zu seinen Lebzeiten noch Bescheidenheit und Menschlichkeit gepredigt, waren seinen Nachfahren diese Eigenschaften offenbar völlig fremd. Jahrhundertelang herrschten sie fürstengleich über ihre Leibeigenen, bis zuletzt der Nachfahre aus der 75. Generation mit Chiang Kai-shek vor den Kommunisten nach Taiwan flüchten musste. Während der anschließenden Plünderung wurden große Teile der Residenz zerstört. Trotzdem ist sie eines der besten Beispielen früherer chinesischer Wohnkultur. So befindet sich das private Wohnzimmer noch etwa in dem Zustand wie 1949, als die Bewohner flohen. Die Wasserpfeifen im Arbeitszimmer scheinen nur auf die Rückkehr ihrer Besitzer zu warten. Interessante Aufschlüsse |16|über die frühere chinesische Wohn- und Alltagskultur gibt auch die Konstruktion der Räumlichkeiten: Da alle Räume miteinander verbunden und somit frei zugänglich waren, gab es kaum Privatsphäre. Einzig hinter den Bettvorhang konnte man sich zurückziehen. In diesen verwinkelten Gemächern kann sich der Betrachter auch gut die Szenen vorstellen, die sich damals abgespielt haben dürften, die Machtspiele und Intrigen, Rangkämpfe und Eifersüchteleien unter den zahlreichen Konkubinen der Herren Kong. Konfuzius’ Lehre wurde zu seinen Lebzeiten nicht anerkannt, dann missbraucht und schließlich während der Kulturrevolution bekämpft. Damals galt sie als »reaktionäre Ideologie«. Maos Rote Garden zerstörten die Statue des Philosophen, erst 1984 wurde eine Gipskopie aufgestellt.

Ein, man könnte sagen bedeutendes, Missverständnis ist die Erklärung des pragmatischen Moralisten Konfuzius zum Gott, welche der letzten Kaiser erließ. Das hätte sich Konfuzius zu Lebzeiten nicht gefallen lassen, denn er hielt nicht viel von Religion: »Opfert den Göttern, aber haltet euch fern«, soll er einmal gesagt haben. Er, dem das Jenseits wenig galt, ist heute ein Gott.

Dennoch, wir sind auf der Spurensuche. Was finden wir von Konfuzius, seinen Gedanken, seinen Idealen? Immer noch empfinden wir den Konfuzius-Tempel als das, was er über alle Jahrhunderte war, als heiligen Ort. Noch heute gilt der Tempel vielen asiatischen Touristen als eine Art Mekka.

Hier im Konfuzius-Tempel kann man die chinesische Architektur und Baukunst in einer sonst selten auffindbaren Vollkommenheit studieren: Dreifache Dächer mit himmelwärts aufgebogene Ecken, Holzkonstruktionen, die ohne einen einzigen Nagel zusammengefügt seit Jahrhunderten fest und unverändert stehen. Allein die Paläste der Verbotenen Stadt können dem Vergleich mit der Tempelanlage von Qufu standhalten.

Wir sitzen auf den Treppen der Tempelhalle und sind trotz der vielen Besucher beeindruckt von den gewaltigen Bauten. Hier schlägt in der Tat das geistige Herz Chinas. Auch wenn man Konfuzius |17|selbst in China über lange Jahrhunderte nicht richtig verstehen wollte. Hier ist man ihm trotz allem nah.

Die Nachfahren von Konfuzius verwalteten diese Tempelhalle. Hier veranstalteten sie zu Aussaat und Ernte, aber auch bei Geburtstagen und anderen Gedenken, zur Verehrung der Ahnen große Zeremonien: Angeblich soll Konfuzius selbst die Anzahl der beteiligten Musiker und Tänzer sowie die Art der Instrumente und die Schrittfolgen festgelegt haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich seine Nachfahren damit in Szene setzten. Heute lassen solche Feiern die frühere Bedeutung nur noch erahnen.

Im Laufe der Zeit wurde es geradezu Pflicht, dass jeder Kaiser vor seiner Inthronisation oder nach einem siegreichen Feldzug Qufu besuchte und seine Lobeshymnen auf Konfuzius, dem »Lehrer und Vorbild für 10 000 Generationen« und sich selbst in Stein hauen ließ. Die Texte dieser steinernen Bibliothek aus Hunderten von Stelen wurden immer wieder abgeschrieben und auswendig gelernt. Konfuzius selbst war weniger anspruchsvoll. Von ihm ist nichts Schriftliches überliefert, seine Lehren wurden erst viel später schriftlich niedergelegt.

Um den einfachen Sterblichen die Unvergänglichkeit der Konfuzianischen Lehrsätze begreifbar zu machen, wurden sie auf steinernen Schildkröten festgehalten. Diese Schildkröten – Symbole für langes Leben – tragen Lehrsätze wie: »Die Menschen sind von Natur aus gut, aber wenn sie nichts lernen, wird ihre Natur verdorben.« oder »Nur durch das weise aufklärende Wort des Altertums kann der Mensch gewandelt werden.«

Konfuzius genoss zu Lebzeiten wenig oder kaum Anerkennung. Diese erhielten erst seine direkten Nachfahren, dafür wohl im Übermaß. Viele von ihnen wurden bestattet wie Fürsten. Mandarine stehen als Grabwächter vor den Gruften, steinerne Tiere säumen die Wege zu den Gräbern. Dabei stehen Pferde für den hohen Beamtenrang, Schafe für die kindliche Pietät. Katzen sind die Sinnbilder seherischer Kräfte. All diese Tiere und Figuren sind der Beistand auf dem Weg ins Jenseits für die Nachfahren des großen Weisen.

|18|So mancher Urenkel des Meisters wurde in den Adelsstand erhoben, heiratete kaiserliche Töchter. Das kann man durchaus als Zeichen von Dank verstehen, schließlich legitimierte und stützte der Konfuzianismus ihre Herrschaft durch eine klare Hierarchie: »Der Kaiser untersteht dem Himmel, der Untertan dem Kaiser, der Sohn dem Vater, die Frau dem Mann.« Diese Lehre behielt ihren Geltungsanspruch über 2 000 Jahre lang.

Die Überlegung war dennoch faszinierend: Bildung, nicht adelige Herkunft, sollte den Weg zu Einfluss und Reichtum sichern, hatte Konfuzius gefordert. Dies wurde verwaltungstechnisch umgesetzt, aber blieb dennoch ein Ideal, da letztlich nur die adeligen Grundbesitzer es sich leisten konnten, ihren Söhnen die erforderliche Bildung durch jahrelange private Studien zukommen zu lassen.

»Allerweisester alter Lehrer« lautet die ehrfürchtige Inschrift auf der Grabtafel des Konfuzius im Tempel. Jahrtausende hat dieser Tempel überdauert, immer wieder erneuert, erweitert und vergrößert von den Kaisern, die sich als die Hüter des Konfuzius-Kultes verstanden. Die Umsetzung des Kultes überantworteten sie den Nachfolgern des Weisen in Qufu. Der Kong-Hof, die Residenz der Konfuzius-Nachfolger direkt neben dem Tempel, nimmt eine Fläche von fast 17 Hektar ein und umfasst 463 Räume. Das große Haupttor der Residenz war allein dem Herrscher vorbehalten. Niemand sonst durfte es durchschreiten, nicht einmal die mächtigen und reichen Nachfahren des Konfuzius. Kam der Kaiser zu Besuch in die Residenz nach Qufu, so wurde jedes Mal, wenn der Kaiser durch das Tor ging, ein dreizehnfacher Ehrensalut geschossen.

Wir pilgern noch zu dem nördlich gelegenen Familienfriedhof. Jeder, der den Namen des Weisen Kong trägt, hat ein Recht darauf, im heiligen Hain, dem Familienfriedhof, bestattet zu werden. In der Mitte des Hains liegt das Grab des Meisters. Es hat die Form eines Pferderücken. Dies ist ein Zeichen von Pietät. Die große Stele vor dem links hinten liegenden Konfuziusgrab nennt |19|den Ehrentitel des Weisen: »Großer Vollender, höchster Heiliger, kulturverbreitender König«.

Überall in dem zwei Quadratkilometer großen, lichten Wald entdeckt man alte und neue Grabhügel. Steinerne Grabfiguren, Altartische und Stelen kennzeichnen die Herzogsgräber.1

Geschichte des Konfuzius-Tempels2

Eigentlich kennt man in der chinesischen Philosophie keinen Tempel. Das chinesische Wort für Tempel (miao) hat keinen sakral-kirchlichen Ursprung, sondern leitet sich ab aus dem Wort für »Angesicht« (mao) und bezeichnete den Ort, an dem man sich das Angesicht seiner verstorbenen Ahnen in Erinnerung rief. Damit wird der chinesische Tempel zu einer Begegnungstätte mit den Ahnen.

Dies gilt auch für jeden Konfuzius-Tempel in China. Er ist eine Begegnungsstätte mit und für die Nachfahren des Konfuzius aus der Familie Kong. Daraus leitet sich auch der Anspruch der Familie Kong ab, die Pflege des Konfuzius-Tempels zu übernehmen. Verantwortlich ist jeweils der älteste Sohn.

Der ursprüngliche, sozusagen der »echte« Konfuzius-Tempel befindet sich im Heimatort von Konfuzius, dort, wo einst das Haus von Konfuzius stand, in dem er seine Schüler unterrichtete. Die Historiker berichten, dass bereits ein Jahr nach seinem Tod, im Jahr 478 vor Christus seine Anhänger ein »Konfuzius-Haus« am Ort seines Wohnhauses einrichteten und zahlreiche persönliche Erinnerungsgegenstände dort unterbrachten. Ein »Tempel« in der heutigen Form wurde aber erst daraus, als die Kaiser und ihr Gefolge Konfuzius für ihre Zwecke entdeckten. Als der erste Konfuzius-Biograf Sima Qian, der Vater der chinesischen Dynastiegeschichtsschreibung (145–86 v. Chr.), es mehrere hundert Jahre später beschrieb, war das Konfuzius-Haus noch immer in seinem ursprünglichen Zustand. Der Gründer der Han-Dynastie war der erste Kaiser, der den Tempel aufsuchte und Konfuzius hier verehrte.

|20|In den folgenden Jahrhunderten erlebte der Tempel ein stetiges Auf und Ab, das die wechselhafte Geschichte des Konfuzianismus widerspiegelt. Während er in der Blütezeit des Buddhismus und in den ersten Jahren der Fremdherrschaft jeweils verfiel, wurde er in der Folge immer wieder und umso prächtiger aufgebaut.

Praktisch alle Kaiser haben im Laufe ihrer Regierungszeit Umbauten oder Renovierungen am Konfuzius-Tempel durchführen lassen. Allein in den knapp dreihundert Jahren der Ming-Dynastie von 1368 bis 1644 wurde der Konfuzius-Tempel mehr als zwanzigmal umgebaut oder renoviert. Dies ist zum Teil mit dem Baustoff Holz erklärbar, der eben nicht für die Ewigkeit gedacht war. Insbesondere die farbenprächtige Bemalung verblasste schon nach wenigen Jahren. Da der letzte große Umbau bereits fast dreihundert Jahre zurückliegt, überzieht den Tempel heute eine Patina des hohen Alters, die jedem chinesischen Kaiser als Frevel erschienen wäre – er hätte den Tempel umgehend in leuchtenden Farben streichen lassen und auf das Dach noch ein paar Ziegel in kaiserlichem Gelb gesetzt.

Im Jahr 1906 wurde der Konfuzius-Tempel neu mit gelben Dachziegeln gedeckt und damit architektonisch dem Kaiserpalast gleichgestellt. Das Konfuzius-Opfer wurde zu einem Opfer zu Ehren des Himmels erklärt, das bedeutet, dass Konfuzius im Prinzip zum Gott erhoben wurde.

Im Laufe der Geschichte brannte der Konfuzius-Tempel mehrmals vollständig nieder, so zum Beispiel in den Jahren 1499 und 1724. Dank der kommunistischen Regierung der VR China erhielt der Tempel schließlich im Jahr 1959 einen Blitzableiter.

Die letzte große Renovierung des Konfuzius-Tempels erfolgte 1977 bis 1981 sowie 1985. Seit 1979 ist der Tempel auch für Besucher aus der westlichen Welt geöffnet.

Wir haben auf unserer Reise nur bedingt den Zugang zu Konfuzius gefunden. Uns begegneten viele fröhlich-laute chinesische Touristen, sie boten uns keinen Kontakt mit den Hütern der Gedanken von Konfuzius. Beeindruckend war dennoch der unverkrampfte Umgang dieser Menschen mit ihrer Kultur und Philosophie. Konfuzius |21|ist noch immer fester Teil des chinesischen Lebens. Der Konfuzianismus muss daher auch nicht besonders gepflegt und gehegt werden, weil alle Chinesen konfuzianisch geprägt sind. Das können wir Europäer mit unseren anderen philosophischen und religiösen Wurzeln nur bedingt nachvollziehen.

Aber Konfuzius ließ uns dennoch nicht los. Wir studierten die Schriften seiner Schüler.

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|23|Konfuzius – Ratgeber seit 2 500 Jahren

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Wer war Konfuzius?

Der Meister sprach:

»Als ich fünfzehn war, war mein ganzer Wille auf das Lernen gerichtet. Mit dreißig stand ich fest im Leben. Mit vierzig war ich nicht mehr verwirrt. Mit fünfzig hatte ich den Willen des Himmels erkannt. Mit sechzig klang meinem Ohr alles angenehm. Mit siebzig folgte ich den Wünschen meines Herzens, ohne dabei die Regeln zu brechen.«

Lunyu 2.4

Dieses Zitat aus den »Gesprächen« (Lunyu)1 könnte der Schlüssel zum Verständnis von Konfuzius sein. Er strebte sein ganzes Leben nach Erkenntnis. Diese Erkenntnis bemühte er sich dann für die menschliche Gesellschaft einzusetzen. So wird Konfuzius zum selbstlosen Diener der Menschheit.

Es existiert nur eine einzige Konfuzius-Biografie, die Sima Qian (der als Herodot des alten China bezeichnet wird) etwa 400 Jahre nach seinem Tod verfasst hat. Ihr verdanken wir unser Wissen über Konfuzius.

Der Rufname von Konfuzius war Qiu (Erdhügel), er trug den Beinamen Zhongni, was so viel wie der »zweitgeborene Sohn Ni« bedeutet. Er stammte aus einer verarmten Familie aus dem Kleinadel. Seine Heimat war der Staat Lu in der heutigen Provinz |24|Shandong. Er wurde 551 v. Chr. in Qufu, etwa 180 Kilometer südlich von Jinan (der Hauptstadt von Shandong) geboren und starb 479 v. Chr. Die in der westlichen Welt übliche Bezeichnung Konfuzius ist eine Latinisierung der Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert von Chinesisch Kong Fuzi (Lehrer Kong). Von den Chinesen wird Konfuzius meistens nur Kongzi (Meister Kong) genannt.

Konfuzius hatte eine eher armselige Kindheit, sein Vater starb früh, und seine Mutter konnte ihn und seinen älteren Bruder gerade so ernähren. Ob er eine Ausbildung in einer Schule genoss oder ob er von seiner Mutter und seinem Großvater ausgebildet wurde, ist nicht geklärt. In seiner Jugendzeit lernte er jedenfalls die »sechs Künste«, wie es damals üblich war. Sie umfassten Riten, Musik, Bogenschießen, Wagenlenken, Schreiben und Rechnen. Schon früh konnte er schreiben und übertraf bald den Wissensstand seiner Lehrer.

Konfuzius lebte in der Chun-Qiu-Zeit, die von 772 bis 481 v. Chr. dauerte und nach den Annalen des Staates Lu (chunqiu) benannt ist. Die Zeit, in der Konfuzius lebte, war eine Zeit der Wirren. Zwischen einer Vielzahl von Kleinstaaten gab es ständige Kämpfe und kriegerische Auseinandersetzungen. Der König der damaligen Zhou-Dynastie besaß praktisch keine Macht und konnte dem Chaos nur tatenlos zusehen. So ist es auch gar nicht verwunderlich, dass der Grundgedanke der Philosophie von Konfuzius die Ordnung ist. Er wollte Ordnung in das Chaos der Welt bringen, indem er einen weisen Herrscher suchte, der diese Gedanken umsetzen würde. Allerdings scheiterte sein Lebenswerk in dieser Hinsicht.

Der Historiograf Sima Qian berichtet, dass Konfuzius als junger Erwachsener zunächst bescheidene Verwaltungsstellen im Staat Lu bekleidete. Er war Aufseher über die Getreidespeicher eines Bezirkes und Aufseher über die öffentlichen Weiden. Später war er wegen seiner Vertrautheit mit traditionellen Kultangelegenheiten, Riten und Zeremonien als wandernder Lehrer tätig.

Seine politische Laufbahn war kurz. Sie begann um 500 v. Chr. |25|in der Stadt Zhongdu, die für das Herzogtum Lu eine wichtige Rolle spielte. Er brachte Ordnung in die Stadt, indem er die Methoden, die er lehrte, anwandte. Die anschließenden Ämter als Bau- beziehungsweise Justizminister erledigte er zur Zufriedenheit des Herzogs von Lu. Bekannt ist sein Wirken als Zeremonienmeister während eines wichtigen Treffens zwischen den Herzögen von Lu und Qi, bei dem er durch seine moralische Überlegenheit während der Verhandlungen den Herzog Qi zur Herausgabe umstrittener Gebiete brachte.

Konfuzius scheiterte in Lu aber schließlich doch an einer List des Herzogs von Qi, der diese Niederlage nicht vergessen hatte. Nach der Überlieferung schickte der Herzog von Qi 80 schöne Frauen und 120 Pferde an den Hof des Herzogs von Lu, der sich dadurch von den Staatsgeschäften und der korrekten Durchführung der Riten ablenken ließ. Konfuzius war enttäuscht und quittierte seinen Dienst.

Es begann eine 13-jährige Wanderschaft durch verschiedene Staaten des damaligen China. Er suchte vergeblich einen Herrscher, der bereit gewesen wäre, seine Vorstellungen in der Politik umzusetzen. Konfuzius litt immer mehr unter dem Gefühl seiner Erfolglosigkeit, er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Am Ende seines Lebens soll er sich in Lu aufgehalten haben. Er starb im Alter von 72 Jahren; seine Schüler trauerten drei Jahre lang. Damit wird auf die dreijährige Trauerzeit angespielt, die Kindern beim Tode ihrer Eltern vorgeschrieben war.

Konfuzius hatte als Erster in der Geschichte des chinesischen Denkens eine Art Schule begründet. In seinen »Gesprächen« treten 22 Schüler auf. China befand sich zu der Zeit des Konfuzius in einem gesellschaftlich-ökonomischen Umbruch. Aus diesem Grunde waren die Menschen auf der Suche nach einer neuen Orientierung. Die »Gespräche« zeigen eindrücklich, dass Konfuzius diese neue Orientierung geben will und sich um ihre Vermittlung in die Politik bemüht. Konfuzius hat sein Werk nicht selbst verfasst; es liegen einzig Aufzeichnungen seiner Schüler vor. Die |26|Überlieferung des Textes erfolgte über die verschiedensten Wege, sodass heute in den »Gesprächen« unterschiedliche Textschichten vorliegen. In Europa wurde Konfuzius erst im 17. Jahrhundert bekannt, als die Jesuitenmissionare Kunde von ihm erhielten und 1687 eine lateinische Übersetzung in Paris herausgaben. Konfuzius ist in der Aufklärungszeit mit Begeisterung aufgenommen worden, erschien doch seine Lehre als eine von Religion befreite Ethik. Auch in Europa trug er bei zur Neuorientierung der Gesellschaft.

Die Bezeichnungen des Konfuzius im Lunyu

Schon oft wurde beobachtet, dass in den 20 Kapiteln des Lunyu, »Gespräche«, Konfuzius in unterschiedlicher Weise bezeichnet wird. Der Name in der häufigsten Form ist tzu, »Meister«. […]

Der Familienname des Konfuzius war K’ung. […] Dieser Familienname geht auf den Mannesnamen eines Vorfahren namens K’ung-fu Chia, der in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts [v. Chr.] gelebt hatte, zurück. […] Wahrscheinlich hat sich dieser Familienname K’ung erst allmählich als solcher verfestigt. Noch der Vater des Konfuzius wird bei den seltenen Erwähnungen in den Quellen durch andere Namen bezeichnet.

Der persönliche Name, »Rufname«, des Konfuzius war Ch’iu, »Hügel«. Einer alten Legende nach soll die Mutter des Konfuzius auf einem Berg namens Ni-ch’iu um Nachkommenschaft gebetet haben. Zum Dank für die Erhörung erhielt der darauf geborene Sprössling einen Teil dieses Bergnamens zu seinem eigenen. Der vollständige Name des Konfuzius lautet also K’ung Ch’iu. – Nur in einem einzigen der ungefähr 500 Abschnitte des Lunyu wird Konfuzius so genannt. […]

Neben dem üblichen tzu, »Meister«, findet sich vergleichsweise oft noch K’ung-tzu, »Meister K’ung«: 67 Vorkommen in 43 Abschnitten. […]

Eine gebräuchliche Bezeichnung des Konfuzius ist auch die mit seinem Mannesnamen Chung-ni, »Mittlerer Ni«. […] Diese Namensform enthält |27|meistens ein Element, das in einer semantischen Beziehung zu dem persönlichen Namen steht. Hier ist das Ni, das den anderen Teil des oben erwähnten Bergnamens Ni-ch’iu aufgreift. Das »Mittlerer« bezieht sich auf den Rang in der Brüderfolge. Konfuzius hatte einen früh verstorbenen älteren Bruder.2

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Welche Qualitäten zeichnen Konfuzius als Berater aus?

Wir haben angeregt, Konfuzius als Berater anzustellen. Welche Qualitäten sollen gerade Konfuzius auszeichnen und seine Eignung zum Berater ausmachen?

Stellen wir uns vor Beantwortung dieser Frage die allgemeinere Frage: Was ist eigentlich ein Berater?

Jemand, der Rat gibt, sollte ein gewisses Mehrwissen haben, das ihn dazu befähigt. Ein Ratgeber kann eine einzelne Person beraten, aber natürlich auch eine Gruppe von Personen oder ein Unternehmen.

Eine Einzelberatung kann man auch als Coaching bezeichnen. Der Coach wird beschrieben als ein Partner auf schwierigen Wegstrecken, in Krisen oder bei einer Neuorientierung. Manchmal kommt der Mensch alleine nicht mehr weiter. Alles ist festgefahren oder aussichtslos. Hier fängt die Arbeit des Coachs an.

Genauso kann sich ein Unternehmen in einer schwierigen Situation befinden, es braucht Anregung von außen, braucht neue Strukturen. Hier beginnt das Wirken des Beraters.

In jeder Krise, in jedem Konflikt steckt sowohl für den Einzelnen wie auch für das Unternehmen eine Chance. Nur können sie der Einzelne und die Mitarbeiter des Unternehmens nicht sehen, solange sie feststecken. Das Unternehmen braucht Hilfe, einen Berater, der Anregungen gibt, die Kreativität weckt, neue Ideen und neues Bewusstsein fördert.

|28|In diesem Sinn trifft der Ausspruch Konfuzius’ zu: »Der Weg ist das Ziel.« Der Berater hat das Ziel, die Perspektiven seiner Betreuten zu klären. Das ebnet den Weg für eine neue Lösung, die den Weg und das Ziel gleichermaßen erkennen lassen.

Coach bezeichnete ursprünglich die Kutsche, später wurde mit »Coach« oder »Coachman« auch der Kutscher gemeint. Seine Aufgabe ist das Führen und Betreuen (der Pferde), und in diesem Sinne wurde der Begriff »Coach« beziehungsweise »Coaching« zunehmend verwendet. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung »Coach« an Universitäten in England für Personen verwendet, die andere auf Prüfungen, Aufgaben und sportliche Wettbewerbe vorbereitet haben. Die Tätigkeiten eines Coachs waren also bereits damals nicht nur auf den Sportbereich beschränkt.

Coaching ist eine Form der Beratung für Personen mit Managementaufgaben (Führungskräfte, Freiberufler). In einer Kombination aus individueller, unterstützender Problembewältigung und persönlicher Beratung und Begleitung hilft der Coach als neutraler Feedbackgeber. Der Coach nimmt dem Klienten jedoch keine Arbeit ab, sondern berät ihn primär auf der Prozessebene. Grundlage dafür ist eine freiwillige und tragfähige Beratungsbeziehung.

Im Einzel-Coaching können die Anliegen des Gecoachten umfassend und auch langfristig bearbeitet werden. Da berufliche und private Themen oft nicht zu trennen sind und sich gegenseitig beeinflussen, reichen die Maßnahmen des Coachs dabei auch in den privaten Bereich hinein, wenn dies notwendig erscheint und gewollt ist.

Während früher fast ausschließlich Topmanager als Zielgruppe für Einzel-Coaching gesehen wurden, werden mittlerweile entsprechende Beratungsmaßnahmen auch für mittlere und untere Führungskräfte angeboten und zunehmend nachgefragt. Auch Freiberufler nehmen aufgrund mangelnder Austauschmöglichkeiten häufig Beratung in Anspruch.

Der wohl wichtigste Grund, Coaching in Anspruch zu nehmen, ist ein Mangel an Rückmeldung (Feedback) über das eigene |29|Verhalten, was zu einem unrealistischen Selbstbild, beruflichen Orientierungsschwierigkeiten und allen darauf aufbauenden Problemen führen kann (zum Beispiel Führungsprobleme, Konflikte, Karrierestillstand, Motivationsdefizit, Burnout, Leistungsabfall).

Ein typisches Beispiel für die Auswirkung von mangelndem Feedback ist der verschrobene Chef, dessen Allüren allen Mitarbeitern bekannt sind, aber nie thematisiert werden (können). Ein solcher Versuch wäre riskant, da Feedback – wenn es Wirkung zeigen soll – auch akzeptiert werden muss.