In Wulnitz ist nichts los - Heinz Kruschel - ebook

In Wulnitz ist nichts los ebook

Heinz Kruschel

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Opis

Das kleine Haveldorf Wulnitz im Jahre 1961. Alle Schüler freuen sich auf den Abschluss der 8. Klasse. Dann können sie endlich in die Kreisstadt gehen. In Wulnitz ist nämlich nichts los, kein Wunder, dass den Kindern immer neue Dummheiten einfallen. Doch dann kommt ein neuer Lehrer ins Dorf, der ihnen erst einmal ein kleines Häuschen verschafft, dass sich die Kinder selbst herrichten dürfen. Nun haben sie einen Bastelzirkel und einen Raum, in dem sie sich regelmäßig treffen können. Die MTS (Maschinen-Traktoren-Station) wird erweitert und bekommt die erste Vollerntemaschine. Schließlich wird eine moderne Straße von der Kreisstadt nach Wulnitz gebaut und die Zentralschule wird zur 10-klassigen Schule. Viele Hürden tun sich den Kindern auf, bis sie sich in Wulnitz wohlfühlen. Aber sie sind nicht mehr allein. Das spannende Buch für Kinder ab 12 Jahre lässt das Erwachen der kleinen Dörfer in der DDR zu Beginn der 1960er Jahre hautnah nacherleben.

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Impressum

Heinz Kruschel

In Wulnitz ist nichts los

ISBN 978-3-95655-102-4 (E-Book)

Das Buch erschien erstmals 1961 im Kinderbuchverlag, Berlin (Band 61 der Reihe „Robinsons billige Bücher“)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2014 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

Am Ufer der Havel, wenige Kilometer vor der Mündung des Flusses in die Elbe, liegt das Dorf Wulnitz. Es lohnt nicht, auf der Landkarte danach zu suchen, es liegt weder an einer Verkehrsstraße noch an einer Bahnlinie.

Die Menschen kennen sich alle, die dort wohnen. Sie haben eine Genossenschaft im Dorfe, eine MT-Station und eine kleine Kirche, deren Uhr jedem Wanderer die elfte Stunde zeigt, ganz gleich, ob es morgens oder abends ist, denn die Uhrzeiger sind nur angemalt.

Nach Norden zu dehnen sich weite Weiden bis zur Havel hinunter, im Süden aber grenzen Wulnitz’ Felder an den Wald. Etwa zwanzig Minuten entfernt liegt der Ortsteil Waldfrieden. Man kommt zu ihm auf einem zerfahrenen schrundigen Wege, der durch dunklen Mischwald führt. In Waldfrieden stehen an die dreißig Siedlungshäuser, alle neu und hell, das alte Gutsgebäude, in dem die Zentralschule untergebracht ist, und die Schuppen, Werkstätten und Gebäude der Station. Hier wohnen nur Genossenschaftsbauern und Traktoristen. Gleich neben der Schule steht ein Häuschen mit blau gestrichenen Fensterläden. Dort wohnt der Schlosser Hansen, der erst vor einigen Jahren aus der Bezirkshauptstadt gekommen ist und in Wulnitz als Lehrausbilder in der MTS arbeitet.

Dreimal in der Woche rumpelt der Linienbus über eine ausgefahrene Straße, die nur zum Teil gepflastert ist, in die kleine Kreisstadt, die fünfunddreißig Kilometer entfernt liegt. Sonst verirrt sich kaum ein Auto nach Wulnitz, hin und wieder einmal Ausflügler zum Wochenende oder ein paar Motorradfahrer. Die nächste Bahnstation ist, wenn man den kürzesten Weg durchs Bruch nimmt, sechs Kilometer weit.

Eine Kleinbahn hält dort die Verbindung mit der großen Strecke Dresden-Stralsund.

Das ist Wulnitz, ein Dorf in dem Landstrich zwischen Elbe und Havel, von Weiden, Wäldern und Ackerflächen begrenzt.

An einem schönen Spätsommertag, es war in der vierten Augustwoche, lagen einige Jungen auf einer kleinen Halbinsel in der Havel und dösten vor sich hin. Aber sie schliefen nicht, obwohl sie auf dem Rücken lagen und die Augen geschlossen hielten.

Ein langer Dünner trug eine Brille, deren rechter Bügel mit Draht geflickt war. Jetzt schob er sie auf die Stirn und sprach leise vor sich hin: „... dann trennte ich mich von der Karawane und schlich mich vorsichtig, jeden Strauch als Deckung benutzend, zurück. Die schwache Stelle der Franzosenfestung war ausgemacht, in dieser Nacht musste sie mithilfe der wilden Beduinen des Scheichs fallen ...“

Er schwieg und pustete die Luft durch die Nase.

„Na und, Komma?“, fragte ein Junge, der helle Haare hatte und braun wie ein Mulatte war, „wie geht es nun weiter, Schorsch?“

Der Angeredete schickte einen schläfrigen Blick hinüber und stupste seinen Nachbarn an. „Benno ist dran, meine Zeit ist um!“

Benno, ein breiter, strohblonder Junge mit Stupsnase und Sommersprossen, fuhr zusammen.

„Ja. Hm. Also der Scheich sagte zu mir, du musst sie führen, sagte er. Die Pferde aber lassen wir zurück. Ja. Hm und dann ... dann preschten sie eben los.“

Heinz, ein schmächtiger Junge mit schön geschwungenen Augenbrauen, sagte gelangweilt: „Ich denke, sie hatten keine Pferde mehr. Und dann preschten sie ...?“

Benno riss die Augen auf, sie waren hell und blau, und sagte nichts weiter als: „Ach so!“

Die Kette in ihrer Erzählung war gerissen, die Sonne machte schläfrig, keiner hatte mehr Lust, den Faden weiterzuspinnen. Dabei spielten sie sonst gern Geschichten erzählen. Einer musste sich immer eine fantastische Sache ausdenken, und jeder der Jungen spann dann ein Stück der Geschichte weiter. So träumten sie von Forschern im ewigen Eise, von verirrten Urwaldjägern und den letzten heulenden und tanzenden Derwischen.

Aber heute zog das alte Spiel nicht mehr, vielleicht hatten sie es auch schon zu oft gespielt.

Georg stand auf, rückte seine Brille zurecht und zog die knielange Badehose hoch. „Ich gehe noch mal ins Wasser“, sagte er.

Rudi, der Mulatte, und Heinz rappelten sich auch hoch, nur Benno blinzelte in die Sonne: „Ich muss nach Hause. Füttern!“

Ein Lastkahn glitt gemächlich vorüber. „Fanto - Hamburg“ stand in fetten Lettern am Heck. Er pflügte das Wasser, sodass Wellen gegen das Ufer schlugen, viele blanke Kieselsteine rollten träge hin und her.

„Na los, noch einmal, dann gehen wir alle!“, ordnete Rudi an. Die vier Jungen sprangen ins Wasser, ohne sich vorher abzukühlen.

Heinz machte einen prächtigen Bauchklatscher. Er schimpfte und massierte seinen Bauch. „Nicht mal ’ne Badeanstalt gibt es in Wulnitz. Ein Wunder, dass wir hier noch baden dürfen, aber diese Stelle haben die Angler wohl noch nicht gesehen!“

Georg kraulte, er setzte auch im Wasser seine Brille nicht ab, sodass er wie ein großer Schellfisch aussah. Benno trat Wasser und schielte zu den Gänsen hinüber, die er nachher zurücktreiben musste.

„Ich habe eine Idee“, meinte er zu Rudi, der auf dem Rücken schwamm und „stiller Mann“ machte.

„Na und, Komma?“, fragte Rudi zurück.

„Na und, Komma“ war bei ihm Schlagwort, er konnte es sich nicht abgewöhnen.

„Wir müssten so eine kleine Badeanstalt bauen, die Pioniergruppe müsste es machen“, schlug Benno vor.

Rudi winkte ab, soweit das im Wasser möglich war; er war der Vorsitzende der Gruppe. „Das hat doch alles keinen Zweck. Erstens wird das im Fluss sowieso nicht erlaubt, und zweitens“, er machte eine kleine Pause und holte tief Luft, „wer weiß, wo wir alle im nächsten Jahre stecken. Es will doch keiner hierbleiben!“

Sie schwammen ein Stück gegen die Strömung. Um die Flussbiegung kam ihnen ein Angelkahn entgegen.

Rudi sah genauer hin.

„Mensch, das sind doch Sieke und Ma! Wetten, dass? Was sagt ihr denn dazu?“

Im Angelkahn saßen ein Junge, schwarzhaarig und finster blickend, und ein Mädchen mit blonden Zöpfen. Ma, das Mädchen, winkte fröhlich, aber der Schwarze beachtete die Schwimmer gar nicht, sondern stakte das Boot schnell vorbei.

„Stolz wie ein Spanier!“, rief Rudi, und Heinz schloss vor Staunen den Mund zu spät, er schluckte und prustete. In langen Stößen schwammen sie zum Ufer und blieben dort liegen, nur die Beine ließen sie im Wasser.

„Sieke und Ma! Was sagst du dazu?“, meinte Georg und legte die Brille zum Trocknen auf einen Stein.

„Wer weiß, was dahintersteckt, wir werden es schon rauskriegen“, sagte Rudi, „vielleicht wird er Uwe jetzt abschreiben!“

Uwe war Siekes treuer Schatten.

Benno stand auf und tanzte auf einem Bein hin und her, er machte Verrenkungen, um sich das Wasser aus dem Ohr zu schütteln. Dabei rutschte seine Hose. Das erinnerte ihn an den Heimweg.

Er pfiff nach den Gänsen.

Während sich die Jungen anzogen, sagte Heinz: „Jetzt gehen wir ab morgen in die achte Klasse. Die Ferien sind lang gewesen, wir haben uns fast totgeangelt.“

„Noch ein Jahr, dann können wir in die Stadt!“ Heinz schlug Georg, seinem Halbbruder, auf die schmale Schulter.

Die Jungen schlenderten am Ufer entlang, die Gänse watschelten hinterdrein.

„Eine Badeanstalt bauen ist Quatsch“, sagte Rudi, „für wen denn? Ich werde wohl auch weggehen. Im Thälmannwerk soll es eine Lehrwerkstatt geben, in der zweihundert Jungen und Mädchen lernen. Das ist ’ne Sache. Und dann Kino und Sport, richtige Sportplätze!“

„Und Kino nicht nur einmal in vierzehn Tagen, sondern wann man will!"

„Wir hauen alle ab!“

Die Freunde gingen den Koppelweg hinauf.

2. Kapitel

Sieke sah sie noch, als er den Kahn festmachte und Ma beim Aussteigen behilflich war.

Ma trug kurze weiße Hosen und einen grellroten Nicky. Sie war die Enkelin des Schäfers von Wulnitz.

„Da gehen sie“, sagte Sieke und wies mit dem Daumen in das Land. „Der Herr Vorsitzende der Pioniergruppe und seine Getreuen. Sicher zerbrechen sie sich den Kopf, was wir beide wohl besprochen haben.“

Er machte den Kahn fest. Ma setzte sich auf den Grasrain und zog die nass gewordenen Turnschuhe aus.

„Was du immer denkst!“, meinte sie, „worüber sollen sie sich schon unterhalten. Morgen geht es wieder los, darüber werden sie reden!“

Sie stand auf.

„Ich muss gehen, die Bücher müssen zurechtgelegt werden!“

Schon lief sie den Koppelweg entlang.

„Warte doch“, rief Sieke wütend, „so warte doch. Machst du es denn nun?“

Ma blieb stehen, formte die Hände zu einem Trichter und rief: „Ja! Ja!“

Dann rannte sie davon.

Sieke hockte sich nieder und warf flache Steine über die Wasserfläche, mitunter tanzten sie über die schmalen Wellenköpfe hinweg, dann wurden sie geschluckt und verschwanden. Er dachte: Mit Mas Hilfe werde ich es schaffen, sonst bleibe ich hängen, und der Traum ist aus.

Fußballspieler müsste eigentlich ein Beruf sein, den man lernen könnte, drei Jahre Lehrzeit und dann Berufsfußballer und so. Fremde Länder sehen, keine Mathe, kein Satz des Thales, keine Physik und vor allem - kein Wulnitz. Das wäre was! Dieses öde Nest, jeder weiß immer alles vom andern, jeder Tag ist wie der andere.

Er kratzte sich an den Zehen, erhob sich träge, nahm die Staken über die Schulter und schlenderte los.

Morgen würde die Schule wieder beginnen, morgen früh 8.00 Uhr, und Bollermann würde auch wieder da sein. Bei diesem Gedanken musste Sieke seufzen. Bollermann war Lehrer für Biologie und Erdkunde.

Und dann die Pioniere. Er war ja auch einer, aber zu den Gruppennachmittagen ging er nicht hin. Immer nörgelten sie an ihm herum und wollten sogar über seine Freizeit bestimmen. Nein, so nicht. Er blieb lieber allein, und Ma würde ihm helfen in Mathe, sie hatte es ja eben gesagt. Eigentlich eine Schande, sich vom einzigen Mädchen in der Klasse helfen zu lassen. Ma hatte versprochen, von ihrer Vereinbarung nichts zu erzählen.

Auf den Wiesen an der Havel stand der Nebel, ein roter Streif zog sich am Horizont hin, und an den Koppelpfählen rieben die Rinder ihre struppigen Rücken.

Morgen würde der erste Schultag sein.

3. Kapitel

Das schöne Wetter hielt auch in den ersten Schultagen noch an. Zur Freude der Bauern. Täglich schwankten hoch beladene Erntewagen ins Dorf; nur die Kinder hockten missmutig in den Bänken; denn die Sonne schien gar zu verlockend in die offenen Fenster der Klassenzimmer.

Nur im ersten Stock wurden die Fenster nicht geöffnet, obwohl eine Bruthitze im Raume lag und die Kinder schwitzten. Rudi konnte es nicht mehr aushalten.

Er meldete sich.

Aber Lehrer Bollermann, bei dem sie gerade Biologie hatten, schien den ausgestreckten Arm des Jungen geflissentlich zu übersehen.

„Herr Bollermann!“

Das klang vorwurfsvoll.

Der Lehrer zog die Stirne kraus, soweit das noch ging, denn sie war zerfurcht und bucklig. Er unterbrach seinen Vortrag über Laub- und Lebermoose und sah Rudi ärgerlich an.

„Was willst du?“

„Entschuldigen Sie, dürfen wir die Fenster öffnen?“

Herr Bollermann schluckte und schüttelte den Kopf.

„Nein. Kommt nicht infrage. Ich will Ruhe im Raum haben. Setz dich!“

Ein Murren ging durch die Bankreihen. Jeder wusste, dass Bollermann den Rudi Hansen nicht leiden konnte. Vielleicht hätte ein anderer fragen sollen, der Sohn des Bäckers zum Beispiel, aber der war ja zu feige ....

Der Lehrer klopfte mit spitzem Knöchel auf die Tischplatte. „Ruhe bitte!“

Benno knöpfte gelassen sein Hemd auf. Sieke fächelte sich mit der Kladde Kühlung zu.

„Außerdem schwitze ich nicht. Basta!“, sagte Bollermann böse.

Das war es. Er schwitzt nicht, dachten die Jungen, aber wir. Sie sahen den Lehrer wütend an.

Nur Rudi musste unwillkürlich grinsen. Dem kann es ja auch nicht zu heiß sein, dachte er und fixierte die überaus hagere Gestalt des Lehrers, der spitze Schultern und Knie hatte und sich hölzern und eckig bewegte.

Er trug eine Brille auf der schmalen Nase, die offensichtlich zu groß war, sodass er über den Rand der Augengläser schielen konnte.

Er sah den grinsenden Jungen nicht, sondern fuhr in seinem Vortrag fort.

„Also ist die Gliederung in Stängel und Blätter bei den Lebermoosen nur sehr unvollkommen. Das gewöhnliche Brunnenlebermoos erinnert an einen Farnvorkeim.

Es liegt als grünes, blattartiges Lager dem Boden auf und heftet sich mit vielen Rhizoiden daran fest …“

Die Stimme des Lehrers war eintönig, und nur wenige hörten zu, das konnten sie später doch alles im Buche nachlesen.

„Womit?“, flüsterte Hänschen dem schwarzen Sieke zu, der eigentlich Siegfried Danitzki hieß.

„Was willst du?“, fragte der leise zurück.

„Na, Rhi, Rhi, Rhizo -, wie hat er gesagt?“

Hänschen war der Sohn des Pastors Müller und ein ängstlicher Schüler, der alles mitschrieb.

„Rhinozeros, du Schaf!“, zischte Sieke wütend, der gar nicht zuhörte, das „Sport-Echo“ unter der Bank aufgeschlagen hatte und die Spielansetzung für den kommenden Sonntag durchlas.

Sieke spielte leidenschaftlich gern Fußball und war der Mittelstürmer der Klassenmannschaft.

Lehrer Bollermann merkte die Unruhe nicht, er dozierte und fuhr mit einem Zeigestock auf den ausgehängten Bildtafeln umher.

Die Kinder hätten sich die Moose lieber draußen im Walde angesehen.

Von hinten wurde Rudi ein kleiner Zettel gereicht. Eine Karikatur. Rudi verzog grimmig die Mundwinkel, dann schob er das Blatt zum Vordermann hinüber.

Georg Kruse saß vor ihm, der Pflegesohn des Traktoristen Gebhardt. Er trug wie immer seine mit Draht geflickte Brille, die schief auf der Nase saß.

„Weitergeben!“, zischte einer aus der hintersten Bankreihe. Georg beugte sich über den Zettel. Zwei Strichmännchen waren draufgemalt: Ein Junge mit einem übergroßen Fußball als Kopf und ein dünnes Mädchen mit abstehenden Zöpfen, darunter zwei ineinander verschlungene Ringe und die sinnige Bemerkung:

„IMMER DEIN! S. D. + M. K.“

Georg lächelte nicht einmal darüber, die Sache war ihm zu albern.

Er schob das Papier zu Uwe, der neben ihm saß, der sah flüchtig drauf, da nahm ihm schon Sieke den Zettel aus der Hand und knüllte ihn zusammen.

Die Sonne stand hoch am Himmel und ließ die Mittagsstunde ahnen.

Dann klingelte es auch.

Lehrer Bollermann war noch nicht am Ende, aber die Jungen packten ein.

Große Pause.

Ma, mit Rufnamen Marlies Kotner, hatte den Zettel bemerkt, ihn aber noch nicht ansehen können. Sie summte ein Lied vor sich hin, wippte im Takt mit dem Kopf, dass die kurzen Zöpfe pendelten, und ging mit den Jungen hinaus.

Bollermann ließ die Fenster öffnen.

4. Kapitel

Von einem Schulhof - so wie ihn die Stadtkinder kennen - mit Mauern, Papierkörben und gestampfter Erde — konnte in Wulnitz keine Rede sein. Wenn man die Zentralschule durch den Hintereingang verließ, befand man sich schon im Walde, und so war eben ein kleines Stück des Waldes zum Schulhof erklärt worden.

„Was stand auf dem Zettel?“, fragte Ma den schwarzen Sieke. Der schürzte die Lippen, sah sie lauernd an und sagte: „Ach, so eine Blödelei von der Pioniergruppe. Witzlos!“ Das Wort „Pioniergruppe“ zog er absichtlich lang, sodass es verächtlich klang.

„Na, und?“, sagte Ma, „du bist doch auch Pionier!“

Sie sah ihn zornig an.

„Natürlich ist er es“, Rudi war herangekommen und biss von der Stulle ab, „aber außerdem ist er noch Quertreiber und Fußballstar!“

Sieke schnippte mit den Fingern. „Soviel, mein Lieber, soviel.“ Er sah sich um und winkte Uwe. „Komm!“

Uwe trottete mit, er war der treue Knappe Siekes und machte alles, was der wollte. In Mathe stand er wie Sieke - fast hoffnungslos.

Ma verteilte gelbe Pflaumen, im Garten ihres Großvaters gab es die saftigsten von ganz Wulnitz.