Das Mädchen Ann und der Soldat - Heinz Kruschel - ebook

Das Mädchen Ann und der Soldat ebook

Heinz Kruschel

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Opis

Die Männer schauen ihr nach, der hübschen blonden Ann Plitzko. Und Ann weiß, dass sie gefällt. Da ist der junge Dornbusch, der Sohn vom Tierarzt, Konstantin Weber vom Städtischen Theater und schließlich der Ingenieur Werner Lorenz - sie alle wollen in ihrem Leben eine Rolle spielen. Doch Ann hat genug von diesen Liebeleien, die stets an der Oberfläche bleiben. Sie will nicht zu den Frauen gehören, die ihr Leben und ihr Glück auf der Jagd nach immer neuen Liebeserlebnissen vertun. Und sie braucht einen Menschen, der ihr hilft, zu sich selber zu finden, einen, der sie behutsam bei der Hand nimmt und ihr zeigt, wie schön das Leben sein kann. Sie muss mit der engen, muffigen Atmosphäre des Elternhauses brechen, mit dem Vater, der mit seinen Nörgeleien ihr und ihrer Mutter Leben vergiftet hat - sie mus einen neuen Anfang finden. Da begegnet ihr Walter Sixtus, der kluge, energische Soldat, für den es keine unlösbaren Probleme zu geben scheint, der auf alle Fragen eine Antwort findet. Ist er der Mann, der ihrem Leben Halt gibt? „Jede Liebe ist ein Experiment. Vielleicht besteht eine Ehe aus hundert Experimenten. Eins wird glücken."

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Impressum

Heinz Kruschel

Das Mädchen Ann und der Soldat

ISBN 978-3-95655-112-3 (E-Book)

Das Buch erschien erstmals 1964 im Deutschen Militärverlag, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2014 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Für die scheinheiligen Gestalten, die der Schönheit böse sind, weil sie unabhängig von ihrem Willen existiert, ist in unseren Reihen kein Platz.

Paustowski

1. Kapitel

Sie schwammen unter dem gelben Licht des Mondes am Ufer entlang und fanden die meterbreite Öffnung im Schilfgürtel. Das Glitzern war überall, doch es ließ sich nicht greifen. Sobald sie das Wasser zerteilten, schwand der helle Schleier.

„Wir sind ganz schön betrunken“, rief Ann. Sie keuchte. Walter legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben, bis sie bei ihm war. „Lass dich abschleppen“, sagte er.

Da drehte sie sich einmal, die hellen Haare ringelten sich wie Algen um ihren Kopf. Hatte sie den Einfall gehabt, auf die Euleninsel zu schwimmen, wollte sie es auch allein schaffen.

Der Kanal erweiterte sich, das Wasser wurde ruhiger. Vom Nachthimmel hob sich bizarr die Euleninsel ab, starrer Sumpfwald wie aus einer vergessenen erdgeschichtlichen Formation.

Walter tauchte, spürte unter sich die glitschigen, ineinander gewachsenen Wurzeln der alten Bäume und kraulte in schnellem Tempo die letzten Meter. Wollweich strich es gegen seinen Leib, hier hatte er Grund.

Sie schwimmt zu tief, dachte er, irrsinnig auch, nach Mitternacht auf die Euleninsel zu wollen. Zuerst hatten alle an eine Schnapsidee geglaubt. „Wenn ihr nicht wollt, schwimme ich allein, ihr Helden!“ Die anderen würden nicht auf sie warten.

Als der helle, tanzende Fleck vor ihm war, rief er: „Vorsicht, die Krebse!“

Sie schrie nicht, wie das viele Mädchen getan hätten, sie warf sich ihm entgegen, ausgepumpt, schnell und flach atmend.„Blöde, der Sekt und der viele Kognak“, sagte sie, „in mir dreht sich alles, aber Alkohol ist eine schöne Erfindung, man vergisst schnell das, was einem vor Tagen noch wichtig war.“

Walter rieb ihren nackten, vor Kälte zitternden Rücken und sagte: „Du redest ziemlich normal.“

„Ich bin es nur nicht.“

Sie küssten sich. Ihre Lippen waren nass und warm. Er spürte ihre Zunge und wollte es ihr gleichtun, da drückte sie seinen Kopf zur Seite. „Sympathische Gegend, nicht“, sagte sie leise, „hier könnte nur das Einhorn leben. Schön, keinen Menschen in der Nähe zu wissen.“

„Bin ich keiner?“, fragte er, presste sie an sich und lachte. Es schallte über das stille Wasser. In der Ferne versuchte jemand zu jodeln.

„Hör schon auf“, sagte sie, „das klingt ja grässlich. Natürlich bist du ein Mensch, leider. Sogar ein Soldat. Wo steckst du eigentlich? Ich habe dich vor‘n paar Tagen in der Stadt gesehen. Aber in Uniformen kenne ich mich nicht aus.“

Er sagte fröhlich, weil es ihn stolz machte, Ann in seinen Armen zu halten, schließlich hatte er nur einmal mit ihr auf dem Abiball tanzen können: „Bei der Flak, Melusine, bei der schweren, da kann auch ein Einhorn nichts machen.“

Sie stand auf und strich das Wasser aus dem Haar. Er berührte ihre Hüften und Schenkel. Sie waren glatt und kühl. „Ann.“

Sie bewegte sich nicht und sagte leichthin und von oben herab:

„Kommt jetzt der übliche Schmus? Ich liebe dich, ach Gott. Lass dir doch was anderes einfallen. Liebe ist eine Erfindung der Alten. Die Insel, der Mond, ein Mädchen, was? Und schon steckte der Soldat eine neue Eroberung in die Brusttasche seines Ehrenkleides, papipapo ... Eine Zigarette könnte ich jetzt rauchen.“

„In diesem Anzug habe ich keine Taschen“, sagte er, Unsicherheit in der Stimme und bemüht, auf ihren Ton einzugehen. So hatte sich noch kein Mädchen bei ihm verhalten.

„Dann wärme mich, es ist kalt.“

„Wollen wir zurück?“

„Willst du?“

„Nein, aber wenn du denkst, dass ich …“

„Schon gut, sei nur nicht gleich beleidigt.“ Sie küsste ihn. Seltsames Mädchen, dachte Walter. Um aus der klug zu werden, muss man Psychologie studieren. Vielleicht ist ihr Typ auch nicht zu analysieren.

Auf dem Abiturientenball hatte er sie an der kleinen Bar kennengelernt. Die Älteren - er hatte vor fünf Jahren sein Abi gebaut - saßen hier auf ihren Stammplätzen, tranken Kognak mit Selters und erzählten alte Geschichten, die sie schon so oft gehört hatten. („Weißt du noch, wie wir das Thema für Bio erfahren haben? ,Was eine Frau pflegen muss, um den Männern zu gefallen.‘ Als er das verraten hatte, tippten wir alle richtig: die Haut!“) Im Saal wurde ein Twist wiederholt, dann drängten in der Pause die verschwitzten, frischgebackenen Abiturienten aus der Aulatür. Ein schlanker, dunkler Junge mit hochmütigem Gesicht verschaffte sich Platz an der Bar. „Tanzt doch mal, ihr Verflossenen dieser Anstalt, ’nen langweiligen Tango könnt ihr wohl noch!“ Die Blonde neben ihm lachte. Sie trug ein weißes ärmelloses Kleid und hatte langes, gepflegtes Haar. Der Dunkle bestellte Sekt und erzählte. „Ausgerechnet mich haben sie in der Prüfung mit den lauten Trompetern einer alten Revolution gequält. Einheit auf Reinheit, Nacht auf Schlacht und Hämmer auf Schlemmer. Freiligrath und Herwegh, Losungen und transparente Propaganda. Ich habe zwei Gedichte hingeschmettert wie ein Jahrmarktsrufer und dann die Beziehung zur Gegenwart gesucht und gefunden. Und mit Heines Stellung zum Kommunismus brilliert, Vorwort zur Lutetia, in Deutsch eine glatte EINS. Ich sei sehr ausdrucksstark und parteilich gewesen, sagte der Marabu ...“

„Ausgerechnet du“, meinte das Mädchen spöttisch. Sie sah Walter an. „Wir haben uns doch schon einmal gesehen …“

„Leider nein“, sagte Walter, „dann würde ich Sie nämlich unterhalten. Sekt und Prüfungsgequatsche. Ist der Knabe immer so zackig?“

„Er verträgt nichts, aber er hat’s. Sohn vom Tierarzt.“

Der Dunkle beugte sich vor. „Natürlich, Ann, den kennen wir. Sozialistisches Leitideal, hängt gegenüber unserer Klasse an der Wand. Walter Sixtus, Abitur mit Auszeichnung und Lessingmedaille, kann studieren mit Freibrief, wo er will und was er will …“

Er trank noch einen Schluck, seine Augen bekamen einen glasigen Schimmer. Walter sagte zu dem HO-Fräulein: „Dem Kleinen hier nichts mehr, auch wenn er’s Doppelte zahlt.“ Und zu dem blonden Mädchen: „Darf ich bitten?“

„Moment.“ Sie zog ihre Lippen nach: tiefrot, glänzend. Der Arztsohn stützte sich schwer auf die Tischkante. Der Rausch radierte ihm den Hochmut aus dem Gesicht. Er sah aus wie ein kleiner, vergnatzter Junge.

„Fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe“, lallte er.

Ein letzter Tanz über eine halbe Stunde. Die vier Jungen von der Kapelle hatten schweißnasse Gesichter und spielten nur noch laut. Ann tanzte zauberhaft leicht. Die Lehrerfrauen sahen ihr mit freundlich-verschlossenen Mienen nach und nippten am Wein, das Schlagzeug hämmerte, das Mädchen hielt die Augen geschlossen.

Länger als bis Mitternacht wurde nie in dieser Schule gefeiert, das war Gesetz. Pünktlich riss der Hausmeister die breiten Flügelfenster auf und drehte auf der Bühne das Licht ab. Die Musiker-Jungs tranken noch zwei Flaschen Bier, die sie hinter der Orgel versteckt hatten. Auf dem Schulhof knatterte es. Autos und Motorräder fuhren in die silbrig blaue Nacht.

Nur wenige Gruppen hielten sich noch, ein Chorgesang brach ab, die frische Luft ernüchterte. Man war vier Jahre in diese Schule gegangen und wollte nicht so flüchtig auseinanderlaufen. Ein Vorschlag: „Wir werden baden gehen!“ Jungen in dunklen Anzügen und Mädchen in teuren Kleidern liefen zum Fluss. Im Schilf flatterten erregt die Vögel.

„Wer kommt mit auf die Euleninsel?“, fragte Ann herausfordernd. Ihr nackter, weißer Körper glänzte im Mondlicht.

„Du bist verrückt, mit dem Kopf?“

„Das artet in Anstrengung aus!“

„Gegen die Strömung und dann noch durch den Kanal!“

Sie sah Walter an: „Wenn ihr nicht wollt, schwimme ich allein, ihr Helden!“

Neben ihnen raschelte es im Wasser. Ann erschrak. „Du bist stumm wie ein Fisch und ich fast nüchtern. Woran denkst du?“

„Der Tierarztsprössling ist ein Freund von dir?“, fragte er. Sie lagen auf der Seite. Er streichelte die Mulde zwischen ihren Brüsten.

„Wichtigkeit, der Dornbusch“, sagte sie. Sekundenlang tauchten Erinnerungen an die Partys in der Wohnung des Klassenkameraden auf: Schlagermusik, von der niemand wusste, ob Claus Dornbusch sie vom Freiheitssender oder vom NWDR abgenommen hatte, Cool Jazz, Heidi Dichters Glück mit diesem Scheich, Malapartes Perversliteratur und Taunus 17, die Linie der Vernunft - Kult um die Banalität, geschmacklos, verlogen, aber herrlich bequem.

„Er betrügt alle und kommt damit am weitesten. Du hast es selber gehört. Sogar im Kabarett mimte er mit.“

Walter sagte: „Er wird auf die Nase fallen.“

„Aber weich. Er wird gut leben. Manchmal beneide ich ihn.“

Er küsste ihren Hals und sagte dicht an ihrem Ohr: „Das passt nicht zu dir. Du bist unbequem und besser.“

Was für große Worte, mein Junge, dachte Ann, was reden wir von einem andern? Viele Menschen sind schizophren heutzutage. Wie geht’s mir denn? FDJ und Schulgruppenleitung, Chor und beste Schülerin in Staatsbürgerkunde. Kennen mich die Lehrer? Die Eltern? Nur gut, dass sie mich nicht kennen. Das menschliche Bewusstsein lässt sich nicht zergliedern wie ein Aufsatz: Wie ich bin und wurde (Eltern und Kindheit und Umwelt, Schule und Jugendverband, Interessen und Ziele und Folgerung - alles im Verhältnis wie eins zu sieben zu eins). Wenn das so leicht wäre. Es ist es nicht, Gott sei Dank. Wer kennt sich schon selbst genau? Wenn man imstande wäre, sich zu analysieren, jeden Schritt, jeden Gedanken, dann muss man sich doch langweilig finden.

Vor vier Wochen, als wir die „Darstellung meiner Entwicklung“ geschrieben hatten, wurde ich gelobt: Meine Arbeit sei nicht nur ausführlich und gekonnt, sondern auch ehrlich. Es stand viel drin: Kinderkrankheiten und Erziehungseinflüsse, was einen besonders beeindruckt und warum man sich gerade diese Fachrichtung als Studienwunsch gewählt hat. (Das war ein Witz, zu dieser Zeit hatte ich schon meine zweite Ablehnung in der Tasche, meine Wut darüber hätte ich ’reinschreiben müssen.) Deutsch, Musik, Russisch und Geschichte gefallen mir am besten, habe ich geschrieben und auch mit meinen Neigungen begründet, aber die Wahrheit? In den anderen Fächern finde ich die Lehrer langweilig; was sie erzählten, konnte ich auch nachmittags im Buche nachlesen. „Ich besitze eine optimistische Grundhaltung“, schrieb ich zum Schluss, der Klassenleiter fand das richtig. So wenig kennt er mich ... Wir haben eine „Schau abgezogen“ mit unserer „Darstellung“, würde Dornbusch sagen. Es stand manches nur deshalb drin, weil man so seine Erfahrungen gemacht hat. Und es war vieles anders geschrieben, als es in Wirklichkeit ist. Aber man weiß, was mancher Lehrer gern lesen will, also macht man es so. Dann gab es Zensuren dafür, gute Noten für die gekonnten Lügen. Hat das auch was mit Dialektik zu tun?

Aber für diesen Jungen scheint es solche Probleme nicht zu geben. Er hat immer eine hygienisch einwandfreie Antwort bereit und küsst nur nach erteilter Erlaubnis. Sein Körper ist hart, schöne Augen hat er auch. Mandelförmiger Lidschlitz, objektiv vollkommenste Form eines Menschenauges, würde Frau Doktor Schwahn sagen und dabei verlegen über ihre dünnen Brauen wischen, unter denen die Augen prall vorstehen. Dieser Junge hier. Er hat Grübchen, wenn er lacht. Allmählich aber wird es ungemütlich, der Reiz der Stunde verklingt, das Ende ist ein Schnupfen ...

„Ich möchte aber lieber denkfauler und bequemer sein“, sagte sie und legte ihre Hände auf sein knochiges Gesicht, „und nun gondeln wir zurück, Soldat und Preisträger mit Freibrief. Sonst wird es hell, und wir merken, dass wir die ganze Zeit im Schlamm gelegen haben.“

Sie schwammen nebeneinander her und blickten sich dabei an. Ihr langes, helles Haar lag auf dem Wasser. Die Nacht hatte nur noch ein straffes, dünnes Tuch aufgespannt, schon schimmerte der neue Tag hindurch. Die Luft war sehr mild und ohne Wind.

Als sie bei der Badestelle anlangten, war niemand mehr da. Ihre Kleidungsstücke lagen auf einem Haufen. In den lockeren Sand war ein Stock gebohrt, auf dessen Spitze ein silbriges Fischlein schwach zappelte.

„Quälerei“, sagte Walter zornig und befreite behutsam das Tier und kauerte sich am Ufer nieder und sah zu, wie es davontorkelte.

„Du hättest den Fisch töten sollen“, meinte Ann, „er stirbt ohnehin.“

„Aber im Wasser doch, das ist sein Element. Ich möchte auch nicht im luftleeren Raum umkommen.“

Sie gingen, die Hände ineinander verschränkt, auf dem Hangweg des Flusses entlang. Es wurde fahlhell, und über dem wattigen Bodennebel, der in ungefügen Klumpen die Wiesen bedeckte, tauchten die Spitzen der Sträucher auf. Dann standen sie vor dem roten, strengen Hause, die Tür war unverschlossen. Sie traten leise auf, und doch hallten die Schritte hohl auf dem leeren Gange. Offene Fenster klapperten. An einem Garderobenhaken hing ein roter Mantel. Auf einer im Flur abgestellten Tafel stand - halb verlöscht - die Potenzreihe sinus x ...

Ann zeigte auf eine Klassentür. „Die 12 b“, sagte sie, „meine Klasse. Es ist vorbei, man gehört nicht mehr dazu.“ Walter blickte sie verwundert an. Das kluge Mädchen ist traurig, dachte er, dabei räsoniert und spottet es auf die Schule und die Lehrer. Ann steht auf doppeltem Boden. Aber warum? Warum spricht sie nicht auch über die guten Lehrer, über jene, die ihr das Denken beigebracht haben?

Sie gingen über den großen Schulhof und standen einen Augenblick vor dem verkohlten Papierhaufen (einem alten Brauch folgend, verbrannten die Abiturienten am Tage des Abschlussballes ihre Hefte und Kladden).

„Auch so eine blöde Tradition“, sagte Walter.

„Eine schöne“, widersprach sie, „was soll man denn mit dem Zeug, wenn man’s jetzt noch nicht kapiert hat. Komm, ehe uns der Hausmeister noch entdeckt, der schläft nur drei Stunden.“

In der grüngestrichenen Baracke waren immer noch die Schlafräume der Mädchen untergebracht. Sie schlichen, die Schuhe in den Händen, über die knarrenden Dielen zur letzten Tür. Anneliese Plitzko, Brigitte Rondi, stand auf dem Türschild in sauber gemalter Antiqua.

Ann schloss die Tür hinter sich ab. „Die Gitti ist schon nach Hause gefahren“, flüsterte sie, „aber leise müssen wir sein, die Wände sind dünn. Ich habe noch was Schönes für uns. Kannst du eine Sektflasche auch ohne Krach öffnen?“

„Schwimmst du im Geld?“, fragte Walter. „Oder sind deine alten Herrschaften so spendabel?“ Er sah sich im Zimmer um. Die Betten waren schon abgezogen, an den Wänden hingen, mit Reißzwecken befestigt, Reproduktionen von Zeichnungen und Stichen Albrecht Dürers: Der verlorene Sohn; Ritter, Tod und Teufel; der knorrig zerfurchte Greisenkopf, die Vier Apostel.

Das Mädchen ging zu Walter, der vor den streng blickenden Aposteln stand, um sie in der Grauhelle des Frühlichts besser sehen zu können, drückte ihm die bauchige Flasche in die Hand und flüsterte: „... und lassen sich gern grussen auf dem Markt und sitzen gern obenan in den Schulen ... Dieselben werden dester mehr Verdammnus empfahen ... Evangelium, 12. Kapitel, die Texte hat Dürer selbst unter die Tafeln gesetzt.“

„Willst du Kunstgeschichte studieren?“, fragte Walter, brach den dünnen Draht am Flaschenhals und drückte den Korken mit leichtem Blubbs heraus.

Ann zog die Vorhänge zu, setzte sich auf das Bett, hockte die Beine an und verschränkte die Hände über den Knien. Dann tranken sie den Sekt aus Zahnputzgläsern und rauchten. „Ich wollte mal.“

„Und nun?“

„Nun will ich nicht mehr.“

„Wie soll ich das verstehen, Melusine?“, fragte er.

„Es ist dein Fehler, du willst zuviel verstehen. Ich studiere nichts. Abi mit eins Komma sechs gebaut, aber ohne Studienplatz, ohne Vorimmatrikulation, nicht mal Aussichten, auch nicht auf Pädagogik.“ Sie trank schnell aus und goss nach, der Sekt schäumte über ihre Hand.

Er nahm ihr das Glas fort. „Glatte Haut und wirre Gedanken“, sagte er, „willst du dich nicht mal aussprechen? Was kommst du dir vor wie ein Märtyrer? Du wirst in einem Betrieb arbeiten und dann studieren, das ist immerhin besser, als Herrn Dornbusch auf die Uni zu schicken und ihn dann mit seiner großkotzigen Fresse loszulassen, um Menschen anzuleiten oder zu kurieren. Kunsthistoriker braucht man außerdem nicht in hellen Scharen.“

„Wie leicht sagt sich das eigentlich, wenn man einen Freibrief hat, mein Junge“, sagte sie und vergaß für einen Augenblick die Absicht, leise sprechen zu wollen, „wenn man studieren kann, wann und wo auch immer man will.“

„Du weißt doch, dass ich Soldat bin.“

„Also hast du schon studiert?“

„Nein. Einen Beruf gelernt. Ich studiere nach meiner Entlassung.“

Sie legte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Nacken.

„Gib mir noch einen Schluck“, bat sie. Ihr Gesicht war ernst. Er setzte ihr vorsichtig das Glas an die Lippen, sie trank in kleinen Schlucken. „Du bist ein Wunder, Soldat, so was gibt es noch, eine Ausnahme. Also doch sozialistisches Leitideal, die Praxis als Schule, einfach toll. Haben sie dich überredet?“

Er legte seine Hände auf ihre Knie und runzelte die Stirn. Seine hellen Augenbrauen stießen über der Nasenwurzel zu einem dicken Strich zusammen. Er sagte: „Wie beurteilst du, was Ausnahme, was Regel ist? Ich hätte gleich studieren können, ja. Aber ich war auf der Penne FDJ-Sekretär, musste immer die Gemüter beruhigen und agitieren: Das praktische Jahr oder ein Beruf sind nur nützlich für uns. Der hat gut reden, dachten manche, und sie dachten es nicht nur. Solche, die auf der Kippe standen und miese Leistungen hatten, sagten: Du bist fein 'raus. Das hatte ich satt. Ich will immer so handeln, wie ich rede, verstehst du das? Ist das altmodisch, Melusine?“

„Nein“, sagte sie leise, „altmodisch ist das gar nicht.“ Und mit trauriger Stimme: „Vielleicht muss das so sein, dass wir heute mit neunzehn anders denken, oder?“

Er gab keine Antwort. Sie dachte: Er soll nicht denken, dass ich ein Spießer bin, er soll nicht so oberflächlich urteilen, was weiß er schon von meinem Leben. Ich lese es ihm vom Gesicht ab, dass er sagen möchte: Nein, heute braucht man nicht anders zu sein, überhaupt nicht. Er scheint besser zu sein als viele andere, ehrlicher und von einer anständigen Langweiligkeit, die aufreizend wirkt. Er kann gut zuhören und sitzt auf meinem Bett, hält sich an meinen Knien fest und spricht und fummelt nicht an meinem Kleid herum und sagt: ,Komm, Kleine, lassen wir das Gerede, was soll’s. Denken wir nicht an morgen.“ Er gehört zu denen, die nicht zufrieden sein können, wenn sie irgendwo eine menschliche Tragik wittern. Er lässt sich nicht treiben.

„Leg dich zu mir“, sagte sie und rückte ein Stückchen zur Seite. Die Bettkante drückte im Rücken. Anns Kopf lag auf seiner Brust. Es war nicht sehr bequem. Ihr Haar war noch feucht und roch nach Flusswasser.

„Meine Lippen sind ausgefranst. Ich muss mich wohl bemalen, wie?“, fragte sie. „Aber ich bin zu faul dazu, du darfst mich nicht ansehen.“

„Das ist aber schade.“

„Warum?“

„Du bist hübsch, auch ohne Make-up.“

Sie drehte sich zu ihm. „Danke. Was ist denn hübsch an mir, sag es bitte.“

Walter berührte mit den Lippen ihre Wimpern, ihre braungrünen Augen, den Mund, der noch einen schwachen Rest Lippenstift trug, und küsste ihren Hals und den weichen Ansatz der Brust.

„Mehr erreiche ich jetzt nicht“, sagte er.

„Aha, es reicht auch.“

Sie lächelten sich an.

Im Zimmer war es schwül. Draußen prallte die Sonne gegen die verhängten Fenster. In der Baracke wurde es unruhig. „Fährst du heute zu deinen Eltern?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht.“

„Zwei Tage habe ich noch. Wenn du willst, hole ich dich mit dem Motorrad ab, Ann.“

Sie gähnte. „Und von wo?“

„Wie du willst. Von hier?“

„Einverstanden. Heute werde ich bis mittag schlafen.“ Sie wandte ihm den Rücken zu.

Er sagte: „Dann zieh wenigstens dein Kleid aus“, stand auf und drückte die Zigarette aus.

„Wenn Sie das Zimmer der Dame verlassen haben, mein Herr“, sagte sie spöttisch, „du kommst bestimmt?“

„Bestimmt. Musst du nicht zu deinen Eltern?“

„Meine Eltern“, sagte sie, und in ihrer Stimme schwang ein verächtlicher Unterton mit, „da komme ich noch früh genug hin, vielleicht können wir auf dem Rückweg über Treppin fahren ..."

Er legte zwei Finger gegen die Lippen und pustete ihr einen Kuss zu. Sie wollte noch sagen: ,Sieh dich vor, lass dich nicht erwischen vom Internatsleiter, sei leise‘, aber da hörte sie ihn schon auf dem Flur entlanggehen, fest auftretend, dass die alten Dielenbretter jammerten. Sie hörte auch noch, wie er jemandem unbekümmert einen ,Schönen guten Morgen‘ wünschte, dann hörte sie seinen Schritt nicht mehr. Ein Motor tuckerte.

Ann stieß die Fenster auf und ließ die Vorhänge zu. Sie zog sich aus und schlüpfte nackt unter die raue Wolldecke. In vierundzwanzig Stunden musste sie das Internat verlassen haben, ein letztes Mal in ihrem Bett schlafen, dann würde es hier ein Großreinemachen geben und Schluss. Zum neuen Schuljahr würden wieder aus den Dörfern der Umgebung neugierige, schüchterne Mädchen und Jungen kommen, um vier Jahre hindurch Vokabeln zu pauken, Regeln zu lernen, Formeln, im „Faust“ zu lesen, ökonomische Geografie, korrelative Kategorien, durch die Analyse der Erscheinung zum Wesen vordringen ..., rudelweise kreisten die Gedanken in Anns Kopf, sie presste die Hände gegen die Schläfen. Ich bin ganz einfach fertig, dachte sie, müde, aber die Gedanken waren nicht zur Ruhe zu bringen. Der Geist muss den Körper besiegen. Wer hat das gesagt? Goethe, ja, der war auch schon alt, als er das sagte, da hat man mehr Geist als Körper.

Sie starrte in die Zimmerecke. Auf dem ungefügen Kachelofen lag der gepackte Koffer, an der Wärmeklappe hing ihr blauer Bikini. Die Augen brannten. Schlaf doch, schlaf. Sie legte sich auf den Bauch und zerrte die Decke über den Kopf. Im Dunkeln muss es sich schlafen lassen ... Der Junge ist nett. Oder ist das nur seine Taktik? Wir haben nicht mal eine Uhrzeit ausgemacht, bah, er wird schon kommen. Meine Eltern, Vater kann doch nicht zum Ball kommen, in den letzten Jahren sitzt er nur im Lehnstuhl, und Mutter verlässt den Ort nicht, was sollen sie auch hier, die alten Geschichten erzählen, die keiner hören will? Alles habe ich gepaukt. V-Effekt, hatte Galilei schuld? Warum heißt unser Marabu eigentlich Marabu? Storch, in Ostafrika beheimatet, mit nacktem Kopf und großem Kehlsack, das war’s, unser Marabu hat eine Glatze und einen großen Kropf. Was mache ich nun in den Ferien? Mit Dornbuschs Boot zu den Seen fahren? Dieser triste Knabe. Oder der Regisseur? Schon was anderes. Weber ist nicht unflott. Gehe ich in die Stadt und nehme mir ein Zimmer? Ich kann das Nörgeln nicht anhören, ich will nicht jeden Tag ihre Gesichter sehen ... Das Abi bestanden, einen Freibrief müsste man haben wie der Soldat. Er hat kurz geschnittenes Haar und breite Schultern, ein Schrankmann, aber nicht gewalttätig, nein, einer mit einem Herzen als Bremse, vielleicht hätte ich besser schlafen können, wenn er hiergeblieben wäre, wenn ... Aber dann hätte man nur den faden Geschmack auf der Zunge gehabt. Unter seinen Händen schliefe ich bestimmt schon ..., großer langweiliger Junge, sozia... li...stisches ... Leit... ideal ...

Die Stadt am Flusse war nicht groß und tausend Jahre alt. Ihre ältesten Häuser standen auf einer Insel mitten im Strom.

Es gab eine katholische Pfarrkirche, ein kleines Theater, einen Dom mit wuchtigem, kampfbetontem Turm, in dem Scharen von Dohlen nisteten, einige Kinos und Ausflugslokale, die sommers von den Fahrgästen der Dampfer aufgesucht wurden, nicht nur wegen der bewaldeten Umgebung, sondern vor allem wegen der schmackhaften, frischen Gerichte aus Fisch, die man in den Großstädten nicht bekam.

Die Stadt war der Mittelpunkt des Landkreises, es gab eine große Maschinenbaufabrik, die ihre Exponate bis nach Afrika versandte, eine Schiffsreparaturwerft, einige alte Schächte, die man schon vor vielen Jahren stillgelegt hatte. Aber nun waren sie bei den Bohrungen auf neue, große Kalisalzvorkommen gestoßen. In kurzer Zeit brauchte man über sechstausend Arbeiter; in die stille Landschaft würde die Unruhe einbrechen.

Heute, am Sonntag, lag das Städtchen wie ausgestorben unter der Brutglocke des Sommers; von den Steinen strahlte die Hitze wider, und vor der Eisdiele stand eine schweigende Menschenschlange.

Es tat gut, auf dem Motorrad zu sitzen. Walter fuhr in gemächlichem Tempo über die neue Brücke. Der Fluss war mit Segelbooten betupft, die sich widerwillig im lauen Winde bewegten.

In einer halben Stunde war er in Meusingen. Vater war wieder einmal auf einem Lehrgang. Er arbeitete als Lichtbogenschweißer, hatte mit seiner Brigade monatelang geknobelt, wie man den hohen Verschleiß von Schweißdüsen bei Blechträgern mit starken Nähten einschränken könnte, und war schließlich auf die Keramikdüsen gekommen. Sie hatten sich bewährt, nun sollte er seine Erfahrungen weitergeben.

Die Mutter, klein, zart und flink, freute sich zwar über sein Kommen und kochte einen starken Kaffee für ihn; sie sah immer auf einen Blick, wenn er nicht geschlafen hatte. „Damit du munter wirst, Sixti“, sagte sie und entschuldigte sich gleich: Sie müsse mit dem LPG-Vorsitzenden zu den Weiden am Fluss. Sie habe fest versprochen, sich den Melkstand anzusehen, den die Leute aus eigenen Mitteln gebaut hätten. „Hättest du nur geschrieben, dass du kommst!“

Walter griente. Er wusste, dass sie dann auch gefahren wäre, seine unruhige Mutter, die seit vielen Jahren schon Bürgermeister von M. war.

Anna Sixtus erzählte, schlürfte den Kaffee und sah auf den großen, braungebrannten Jungen, der - welche Mutter merkt das nicht - gar nicht zuhörte. „Ich werde, wenn du im Herbst entlassen wirst, ein paar Tage ausspannen, bestimmt“, sagte Anna Sixtus und lächelte etwas ungläubig dabei, „Vater nimmt auch Urlaub, dann fahren wir an die See und sind mal alle zusammen, bestimmt, ich verspreche es dir.“

Natürlich würde daraus nichts werden, das wusste Walter, aber heute hätte er gern mit ihr über dieses seltsame Mädchen gesprochen, das er kennengelernt hatte.

„Im Eisschrank steht kalter Braten. Wie lange bleibst du denn? Bis morgen, ach …“ Draußen hupte ein Jeep. „Da ist er schon“, sie küsste den Jungen, „war es schön auf dem Ball?

Ich glaube schon, man schmeckt es. Französischer Lippenstift ...“

Dann war er allein, ging in seine Kammer, schlief tief einige Stunden, wusch sich und blätterte in den Büchern, unkonzentriert, abwesend mit seinen Gedanken.

Er nahm einen Zeichenblock und blickte auf die leere, weiße Fläche, als könnte er ein Bild darauf projizieren. Er malte gern, Brücken und Bauwerke, manchmal auch Tiere. Heute wünschte er sich, Menschen zeichnen zu können, nur ein Gesicht. Ein ovales mit großen Augen, seltsame Mischung von braun und grün, unter schwungvollen Brauen und einen Mund, dessen Unterlippe ausgeprägt war. Ein Mädchenkopf auf schlankem Hals. Das Gesicht Anneliese Plitzkos.

Am frühen Nachmittag fuhr er in die Stadt zurück. Ann hatte auf ihn gewartet.

Sie saß auf einer Bank neben der Holundertreppe, die zum Fluss hinabführte. „Ich habe noch nie auf einen Jungen gewartet“, sagte sie, „du bist der erste, dabei sollen Soldaten doch pünktlich sein!“

„Sagt man so? Die Uhrzeit war sehr unbestimmt, meine Dame, es ehrt mich.“

„Quatsch, ich war bloß zu faul. Aber der Hausmeister muss ein paar Zigarren kriegen. Er hat erlaubt, dass ich noch eine Nacht in der Baracke schlafen kann. Wir haben zwei Tage für uns.“ Sie trug eine gestreifte Hose und einen lockeren weißen Pullover.

Ehe sie abfuhren, sagte sie: „Aber eine Bedingung, Edelsozialist. Kein Gespräch über Schule, Abi, Politik. Lassen wir mal das Philosophieren, ich habe schon schlecht davon geträumt.“

Er lachte, nahm sie um die Hüften und setzte sie auf den Sozius.

Sie fuhren auf kühlen, schlingernden Waldpfaden und staubigen Feldwegen kreuz und quer durch den Kreis, sahen zu, wie auf der Elbe, die zu dieser Jahreszeit wenig Wasser führte, ein schwer beladener Lastzug aus der CSSR auf Grund fuhr und umgeladen werden musste, aßen in einer kleinen Dorfkneipe Aal in Aspik, badeten in dem tiefen, kühlumschatteten See und dösten in der Sonne. Am gegenüberliegenden Ufer tollten Kinder im seichten Wasser umher.

„Wenn ich Maler wäre“, meinte Ann, „würde ich die Sonne als Illusion malen. Wie ich sie sehe, wenn ich die Augen schließe. Als blaugelbe Ringe und rote Punkte, die stark leuchten … Und nach einer Weile: „Hier bewegt sich alles, das Wasser, die Luft, wir, das ganze Leben. Nur die Sonne scheint unverändert, Tag für Tag, Jahr um Jahr …“

Walter sagte: „Sehr trügerisch. Sie verliert durch die Strahlung in jeder Sekunde über vier Millionen Tonnen an Masse.“

„Profaner Mensch, Bildungsprotz!“

„Pseudo-Philosoph.“

Sie balgten sich in dem sonnenheißen Sande und küssten sich. „Du machst Fortschritte“, sagte sie außer Atem. „Kannst es schon besser als gestern ...“

„Du hast Erfahrungen, wie ...?“

„Wenn ich die in meinem Alter nicht hätte, würde ich wohl als Jungfer sterben.“

„Der Dornbusch, wie?“

Sie lachte laut. „Lass doch diesen Knochen mal los“, sagte sie, „der arme Kleine, ein Möchtegern …“

„Und sonst?“

Sie stützte sich auf. „Sind wir eigentlich verheiratet miteinander?“

„Leider nicht, Melusine.“

„Gott sei Dank, du kennst mich noch nicht. Ich habe eine Schwester, die ist seit zehn Jahren verheiratet, der Mann hat ’ne gute Stellung bei der Bahn, Oberinspektor oder so’n dämlicher Titel, ein Kind haben sie auch …“

„Na und?“

„Nichts und. Gar nichts. Zuerst große Liebe, dann von Jahr zu Jahr Abkühlung. Dabei fehlt ihr nichts. Sie kriegt alles, was sie braucht, er sorgt sich um ihre Gesundheit und macht ihr Geschenke. Und er ist kreuzbrav, ein richtiger Beamter. Ich glaube, sie will einfach nicht behandelt werden wie ein Lieblingspudel, dem es immer gut gehen soll, weil er mal teuer war und in Mode gekommen ist. Sie wollte was vom Leben haben, als Mensch leben. Aber er versteht das nicht. Und nun? Sie wissen nicht mal, worüber sie sich unterhalten sollen und kämpfen nur noch um die Zuneigung des Kindes. Wenn meine Schwester ,hüh‘ sagt, sagt der Mann jetzt ,hott‘. Im Monat einmal hat er Lust auf sie, aber dann will sie nicht, kann man es ihr verdenken?“

„Dann soll sie den Kerl laufen lassen.“

Ann sagte nachdenklich: „Das würde ich auch tun und habe es auch gesagt, aber es muss wohl schwerer sein, als man denkt. Sie hat Angst, dass das Mädchen bei ihrem Vater bleibt, darum geht sie nicht. Über dreißig ist sie, vom Leben erwartet sie nichts mehr. So ist es, das ,Verheiratetsein‘, mein Gott, muss man dazu tagtäglich das gleiche Gesicht sehen? Sogar im Bett?“

„So ist es doch nicht überall. Du verallgemeinerst. Du hast doch auch Eltern.“

„Ja, die habe ich“, sagte Ann bitter, „Mutter läuft um Vaters Lehnstuhl herum, und der regiert sie mit einem Blick aus seinen Augen ...“

„Meine sind da ganz anders“, sagte er fröhlich, „wenn sie zusammen sind, das kommt nur selten vor, benehmen sie sich wie ein Liebespaar, weißt du …“

„So, das gibt es?“

Ann hockte die Beine an und sprang auf und schüttelte den Sand ab. Sie ging zum Ufer. „Wollen wir?“, fragte Walter. „Wir wollen!“

Das Wasser war merklich kühl, vielleicht fünfzehn, höchstens sechzehn Grad. Auf der Oberfläche blühte Wasserhahnenfuß. Sie schwammen um die Wette. Immer wieder zu tief, dachte er, sie beobachtend wie ein Trainer, der sich um den Stil seines Schülers sorgt, kraulte dann zurück und spornte sie mit Zurufen an.

„Lass die Belehrung“, sagte sie und holte zwischen den Worten tief Luft, „wir wollten doch die Politik lassen.“

„Ach, ist das auch schon welche?“

„Natürlich. Ich hasse Belehrungen und Ratschläge.“

„Kind.“

„Pauker.“

Allmählich kommt sie mir unnormal vor, dachte er, in jedem Jahr gehen tausend Abiturienten in die Betriebe, lernen einen Beruf, studieren dann, und sie macht einen Zirkus auf. Oder sollte noch etwas anderes dahinterstecken? Sonst scheint sie doch nicht der Strebertyp zu sein, für den ein sofortiger Studienbeginn allein selig machend sein könnte.

„Du wunderst dich, wie?“, fragte sie.

„Ja.“

Sie wühlte die Beine in den lockeren Sand und schaufelte ihn über ihren Leib. „Ist meine Nase schon rot von der Sonne?“

„An dir ist doch nichts rot, nicht mal die Nase.“

Sie sagte, dabei blieb ihre Miene freundlich, nur die Stimme klang kalt: „Schnell mit dem Urteil bei der Hand, das kenne ich, Genosse. Da ist schwarz, hier ist weiß, dazwischen gibt es nichts, dazwischen darf es nichts geben, theoretisch gesehen jedenfalls, ach ihr.“

Er spürte die Bitterkeit in ihren Worten und fragte schnell: „Willst du mir, bevor wir über Zwischen- und Mischfarben schwatzen, nicht erzählen, was eigentlich los ist?“

„Nein“, sagte sie, „es hat keinen Zweck und ist gegen die Abmachung.“

„Das ist doch albern. Du entrüstest dich über die Schule. Aber was du weißt, hast du von ihr. Was du bist, bist du auch durch sie.“

Sie antwortete nicht, lag bäuchlings im Sande und betrachtete interessiert das Blumengestrüpp, das im kargen Grase neben der Sandnarbe wucherte, Farbengetupf. Über einer blasslila Blüte mit gezackten Rändern und tiefem Kelch schwebte ein Silberkäfer und ließ sich auf den Blütenrand nieder, betäubt, berauscht vom Honigduft ...

Hastig putzte er die Flügel, als könnte er es nicht abwarten, schob die Vorderbeine glättend über den Rüssel und stürzte sich der Süße entgegen.

„Interessant, nicht wahr“, sagte Ann leise und wies auf eine Spinne, die flink und vielfüßig am Blumenstängel emporkroch, um den ahnungslosen Käfer in seinem Rausche zu fangen, Faden um Faden für das Fangnetz zu ziehen gegen den Ansturm des Silbernen, der zurück in die Bläue des Tages wollte. Es gelang ihm nicht mehr.

„Sie saugt ihm die Käferseele aus“, sagte Walter, „wollen wir ihn retten?“

Sie pickte mit einem Grashalm an den Fäden herum, Spinne und Käfer rollten, ein verschlungenes Klümpchen Grau, heraus. „Er hat es nicht anders verdient“, sagte Ann, „und nun habe ich einen Mordshunger.“

Abends saßen Ann und Walter zwischen müden Ausflüglern in einem Gartenlokal vor der Stadt. Bunte Papiermonde schaukelten, ein Männerchor sang grollend auf der Bühne von den jungen hübschen Mädchen, die immer wieder aufwachsen, und eine stämmige Blondine verkündete über eine schrill funktionierende Lautsprecheranlage die Sieger des Volkskunstausscheids.

In einer Ecke klatschte man, mehrere Burschen pfiffen gellend, Ann und Walter saßen eingekeilt vom Lärm an ihrem wackligen Tisch und tranken einen jugoslawischen Wein, der so herb schmeckte, dass er den Schlund verengte. Ihre Schultern brannten, sie waren matt und froh, und ihre Augen glänzten dunkel.

Ein hagerer Mann, nicht mehr ganz nüchtern, stieß an ihren Tisch, murmelte mit stierem Blick Entschuldigung und sagte dann, sich zusammenreißend und das Mädchen erkennend: „Sieh da, die Ann Plitzko. Ist es gestattet?“ und ließ sich auch schon auf einen Stuhl fallen.

Ann rückte ein Stückchen ab und sagte in abweisendem Ton: „Das ist Tüte Ritter.“

„Ich weiß“, sagte Walter, „der beste Mann aus der Hoblerei.“

Ritter entblößte die schadhaften, braunen Zähne und lächelte selbstgefällig. „So ist es, Sixti“, sagte er, „hast du eine Flamme? Ich denke, Sportler sind immer abstinent. Du verbrennst dir bloß die Hände, nischt für ungut, 4,8 Promille im Blut. Hast du Urlaub?“

„Sonderurlaub.“

„Brav, brav. Immer ins Schwarze getroffen, schön marschiert?“

„Nee“, sagte Walter, dem der Mann auf die Nerven fiel, „ich habe ein paar Zentner Pilze gesammelt.“

„Häh?“

„Der Kommandeur raucht die nämlich gern getrocknet in der Pfeife.“

Ann lachte, Tüte Ritter drückte sich am Tisch hoch und sagte: „Sparwitz. Ich bin bloß Reserve eins, aber du wirst sehen: Ich werde so roboten, dass sie mich freistellen werden und ich nicht mal meine paar Wochen zu machen brauche.“ Und zu Ann: „Beste Empfehlung an den Herrn Hilfsregisseur und an den Zahnarzt-Filius, Madam.“

Die Musik setzte ein, auf der kleinen, steinglatten Tanzfläche schoben sich die Paare. Tüte Ritter verbeugte sich vor dem Mädchen: „Darf ich?“ Er fasste nach ihrer Hand.

„Sie tanzt nur mit Männern, die trotz einiger Biere geradestehen können“, sagte Walter ärgerlich. Ann kniff vergnügt ein Auge zu.

„Wie du einer bist, was?“, fragte Ritter.

„Erraten, die Reserve geht jetzt besser ins Bett“, sagte Walter, ging mit Ann durch die Tischreihen zur Tanzfläche, die so überfüllt war, dass sie sich nur auf der Stelle im Takt der blechernen Musik bewegen konnten.

„Das Vergnügen ist zweifelhaft, mein General“, sagte Ann und sah, wie Ritter den Garten verließ, „wir können uns auch wieder hinsetzen, der böse Mann ist weg.“

„Tüte hat sich noch nicht geändert“, sagte Walter ärgerlich, „er hat Vater und Mutter im letzten Kriege verloren, aber politisch ist er eine Null, ein Säugling. Dabei hat er goldene Hände.“

„Und? Die Leistung in der Produktion entscheidet, denke ich. Ritter ist Aktivist, man hat ihn uns mal vorgestellt, als wir zum polytechnischen Unterricht im Betrieb waren, er stotterte blödes Zeug daher und schielte nach unseren Beinen, stimmt, aber Schönredner gibt es doch genug, oder?“

„Das ist es ja nicht. Tüte Ritter arbeitet für sich allein, er lässt keinen in seine Karten sehen. Solche hat es früher auch gegeben, weißt du. Nur das Geld interessiert ihn, nicht der Nutzen.“ Walter hatte die Stirn gerunzelt und sah in sein leeres Glas.

Sie dachte: Was ist das nun - eine Aufklärungsstunde oder ein Rendezvous vor Mitternacht? Will dieser Soldat nur ablenken? Er ärgert sich doch in Wirklichkeit über mich. Das ist ein solider Mann zum Heiraten, das findet man nicht alle Tage, er nimmt das Leben ernst und die Liebe auch. Nun tut er wohl wieder beleidigt, weil er nichts von dem ,Herrn Hilfsregisseur‘ weiß, Tüte ist ein dämlicher Kerl. Lieber Junge, ich frage dich auch nicht nach deinen Mädchen, du bist fortschrittlich und zurückgeblieben zugleich, man küsst und badet und tanzt, und schon meldest du Ansprüche an. Wo leben wir denn?

Ann hob das Glas an die Lippen und sagte: „Der Theaterfritze ist doch bloß ’n Verflossener von mir, übrigens hat er auch sein Diplom. Und - Eifersucht ist nun wirklich ein bürgerliches Überbleibsel.“

Die Kapelle spielte einen langweiligen Walzer, auf der Tanzfläche wurde es leerer.

„Dein Regisseur interessiert mich nicht“, sagte Walter und lächelte etwas steif, „ich wundere mich nur, wie du das Abi noch so gut bauen konntest ...“

„Erstens vielleicht deshalb so gut, Genosse Soldat, und zweitens ist das Abitur ja kein Sprung in die Tiefe, mein Gott, Reifeprüfung wird das genannt, na ja. Es ist schon eine Kunst zu prüfen, ars admiranda. Weißt du, wie Doktor Seeliger die dicke Elke geprüft hat? Sie war unser Nervenbündel und hat sich nur von Tabletten ernährt während des Abis. Sie war jedenfalls schon rot geheult, als sie in die Lateinprüfung kam. Es ging ganz gut, dann fragte sie Seeliger zum Schluss noch nach den Kriegen, die Rom gegen Karthago geführt hat. Aber Elke wusste von keinen Kriegen mehr, alles war weg. Da gab der Doktor Hilfestellung: ,Na, die peh ... peh ..., die pu ... pu …‘

Prompt dämmerte es: ,Die Punischen Kriege.‘ Da drehte sich Seeliger triumphierend zur Kommission um, lächelte über die dicken Brillengläser hinweg und meinte: ,Sehen’s, meine Herrschaften, das Madel weiß es, ich hab’s jo gewusst!‘“

Walter lachte. So war Seeliger, er musste längst das Rentenalter überschritten haben, ein gutmütiger Wiener, bei dem nie ein Schüler schlechter als mit einer Drei bestand. „Naja“, sagte er, „der gute Kuk, ist er immer noch da? Er hat doch mit eurer Elke gezittert, vielleicht mehr als sie.“

Sie strich über seine Hand. „Ich fange auch immer wieder vom Abi an“, sagte sie, „leg deine Hand um meinen Buckel, aber vorsichtig, er ist geladen, heiß wie Feuer, und dabei habe ich ’ne Gänsehaut.“

„Sonnenbrand also.“

„Alles für dich. Dafür bestellst du noch ’ne Flasche von dieser Sorte, einverstanden? Ich bin blank, jetzt ist Schluss mit dem Stipendium, und ich verdiene selber Geld, das einzige, was mich freut.“

Er rief nach dem Ober.

Auf der Bühne schnulzte ein sehr junger Sänger von dem Gefühl, ihr sehr nahe zu sein, weil er wisse, dass sie in dieser Straße wohne. Sie tanzten Slow-Fox, Ann hatte ihre Hände hinter Walters Nacken verschränkt.