Der Köder - Heinz Kruschel - ebook

Der Köder ebook

Heinz Kruschel

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Opis

In den zwanziger Jahren, als die Basmatschen im sowjetischen Zentralasien, unterstützt von den Engländern, mit Terror und Mord einen muselmanischen Staat aufbauen wollten, kämpften Sawrija und Ulug nicht nur um ihre Liebe, sondern auch um das Leben des Dichters, das sie aber nicht mehr retten konnten. Während des zweiten Weltkrieges wollte ein Sechzehnjähriger nicht glauben, dass sein väterlicher Freund nicht wiederkehren sollte. Er sträubte sich gegen den Befehl, ihn im Interesse der Gruppe aufzugeben, ihrer Aufgabe und der Sache wegen, und er musste sich doch gegen den Freund entscheiden. Und spät entscheidet sich Boris in den ersten Tagen des bulgarischen Aufstandes, zu spät für seine Mutter Rusha, die von seinen ehemaligen Freunden getötet wurde, aber noch nicht zu spät für den Zug der Gefangenen, die auf dem Wege vom Zuchthaus zum Bahnhof überfallen werden sollten. Noch hörte er das Lied, „das die Räder des Wagens singen werden". Das Dorf, in dem Orestes mit Caridad und den anderen Klassenkameraden alphabetisieren sollte, lag im unwegsamen Bergland von Baracoa, und die Menschen lebten dort unter bitteren Verhältnissen. Die Kinder starben früh, weil es an Eiweiß mangelte, die Leute glaubten dem Medizinmann, Epidemien brachen aus, die Konterrevolution gab sich noch nicht geschlagen. Der fünfzehnjährige Orestes musste entscheiden und handeln wie ein Mann. Sogar gegen seinen Pflegevater, der Kuba mit ihm verlassen wollte. In den vorliegenden vier Erzählungen Heinz Kruschels stehen junge Menschen vor Aufgaben, die unlösbar erscheinen. Sie müssen Entscheidungen treffen, die fast zu schwer für sie sind, die Entscheidungen junger Revolutionäre. Sie müssen über sich selbst hinauswachsen. Kruschel gestaltet vier außergewöhnliche Stoffe in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten. Der Reiz des Bandes liegt in der erregenden Darstellung wie auch in der thematischen, weil internationalen Vielfalt. Der kritische Vergleich des jugendlichen Lesers mit den Helden der Erzählung wird geradezu herausgefordert.

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Impressum

Heinz Kruschel

Der Köder

Die Zauberer von Baracoa

ISBN 978-3-95655-114-7 (E-Book)

Das Buch erschien erstmals 1974 im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Ende der Basmatschen

Sag, wie lange wandertest du dein Leben,

Gleich im stetigen Schritt der Tage und Nächte,

Auf den Straßen, die lang sind und krumm sind,

Schlecht gepflastert mit schlechter Erfahrung,

Lügenumwuchert, wanderst streng fürchtend

Abzuirren vom Weg unter der Sonne oben, die

Gleich entfernt bleibt im Bogen, aber

Deine Füße versanken im Staub der Nähe?

Dann geschah, dass Wolken jäh aufeinanderstießen,

Sprühende Steine, dass plötzlich zu sehen, was

Schlief da unter der Müdigkeit Asche, dass

Deines Herzens Muschel aufbrach vom Hieb

Dieses uralten Gesetzes der Menschenwelt:

Stimme wie Hieb und Schneide, wie Kosmosschwingen,

Raum durchstoßend, Ferne durcheilend zwingt Liebe

Auch den Strengsten zur Aufrichtigkeit des Herzens.

Sulfia, aus »Gesetz der Liebe« übertragen von Klaus Wolf

Vorspann

Die Wüste heißt Tschul. Sie ist grau und. kahl wie ein Steppenwolf. Der Mann reitet den ganzen Tag, sein Pferd lahmt. Im letzten Kischlak, einem Dorf von zweihundert Seelen, haben sie ihm kein neues Pferd gegeben.

Der Abend kommt. Es ist nicht mehr weit bis Taschkent, aber der Mann muss übernachten. Er steigt ab, schnallt die gesteppte Decke los und rollt sie auf. Der Mann ist jung, sein Chalat ist staubig, aber von feinem Tuch. Als er den ledernen Schlauch abbindet, merkt er, dass es nicht sein eigener ist.

Dieser hier ist alt und brüchig und nur zu einem knappen Viertel gefüllt. Er denkt: Sie haben mir den Wasser schlauchvertauscht, und sie haben mir kein Pferd gegeben, ich habe ihnen nichts getan, ich hätte ihnen das Pferd gut bezahlt. Hatten die Ältesten solche Angst vor dem Dorfsowjet?

Er lässt das Pferd trinken, legt sich dann hin und wickelt sich fest in die Decke. Die Wüste ist nicht sandig, der Boden fasst sich kühl und schwer an. Die Erde könnte Früchte tragen, wenn man sie bewässerte.

Der Mann blickt besorgt auf das Pferd. Er hätte doch ein Kamel nehmen sollen. Es kann sein, dass er morgen das Pferd erschießen muss. Es liegt auf der Erde und versucht, mit dem Maul ein paar blattlose Kräuter zu erreichen. Der Mann weiß, dass er ohne Pferd zu spät nach Taschkent kommen wird.

Aber er weiß nicht, dass ihm vom letzten Kischlak aus ein Mann gefolgt ist, ein Mann auf einem kräftigen Kamel, mit prall gefüllten Wassersäcken.

Der Verfolger hält auch an, um zu übernachten. Er ist jung und untersetzt, sein Gesicht ist hellbraun, der Chalat ist aus braunem, grobem Wollstoff.

Der Verfolger schläft zwei oder drei Stunden, dann wartet er, bis die Sonne aufgeht, und sieht zu, wie sich der Mann in der weiten Senke vor ihm um das Pferd bemüht, wie er einen Revolver aus dem breiten Gürtel zieht. Dann hört er einen Schuss.

Als der junge Mann den Sattel abschnallt und die Taschen leert, die das Pferd getragen hat, steigt der Verfolger auf das Kamel und reitet langsam dem Manne entgegen. Der steckt den Revolver in das Hüfttuch zurück, behält aber seinen Griff in der Hand - bereit, die Waffe herauszureißen.

Der Verfolger hebt die Hände und zeigt ihm die offenen Handflächen. Dann legt er die rechte Hand auf das Herz und grüßt: »Salam alaikuml«

Der junge Mann erwidert den Gruß: »Alaikum salam.«

Der Verfolger steigt ab. -

1. Kapitel

Der Staub war überall in der Stadt, auf den Straßen und in der Luft. Ein böiger Wind wirbelte ihn auf. Es hatte monatelang nicht geregnet.

Tamerlan ging schnell. Seit drei Tagen war er in Taschkent. Seit drei Tagen hatte er den Mullah nicht sprechen können. Ein ihm unbekannter Kirgise hatte die Botschaft an sich genommen und ihm gesagt, er solle warten.

Misstrauten sie ihm?

Er wollte die Schwester mitnehmen, das musste der Mullah einsehen, die Schwester konnte nicht länger im Hause von Ungläubigen bleiben. Sie besuchte sogar eine ihrer Schulen, die in einem geschlossenen Hof untergebracht war. Nein, Sawrija gehörte zu ihm, er war nun das Oberhaupt der Familie, und Sawrija wusste das auch. Sawrija liebte ihren älteren Bruder. Und er liebte sie.

Viele Menschen waren auf den Straßen. Tamerlan achtete nicht auf sie. Die Frauen mit ihren Schleiern glichen stummen Larven. Manchmal sah er unverschleierte Frauen und wandte das Gesicht ab. In dem Menschenstrom, der zum Basar drängte, fühlte sich Tamerlan wohl. Er wechselte auch nicht die Straßenseite, wenn ihm eine Milizstreife entgegenkam.

Aber dann, hinter der Brücke, schrien gellend die Larven auf, sie waren nicht stumm, sie schrien und drängten sich verängstigt zusammen. Eine Frau, sehr jung, ein Mädchen noch, hetzte den Ständen der Händler und den Werkstätten der Handwerker entgegen, gefolgt von einem dicken Usbeken, dessen Turbanenden sich während des Laufes lösten.

Der dicke Mann lief schnell. Er hielt ein Messer in der rechten Hand. Einen Augenblick lang dachte Tamerlan daran, ihm ein Bein zu stellen. Er überlegte zu lange. Der Mann war schon bei der Frau, packte sie am Haar und stieß das Messer in ihren Rücken. Einmal. Sie brach zusammen, ohne einen Schrei. Tamerlan trat heran. Die Frauen flohen kreischend.

Der dicke Mann stand teilnahmslos, das Messer in der Hand, die schlaff herabhing. Er stand und blickte auf die vor ihm liegende Frau. Seine Augen waren ausdruckslos und stumpf, er stand und starrte. »Sie hat das nackte Gesicht gezeigt«, sagte ein alter bärtiger Tadshike zu Tamerlan.

»Das tun schon viele«, sagte Tamerlan, »man kann sie nicht alle töten.«

»Aber sie war seine Frau.«

Andere widersprachen dem Alten. Eine Schande sei das, über zehn Jahre nach der Revolution, eine mittelalterliche Sitte. Einige Männer hatten einen Kreis um den Mörder gebildet, keiner von ihnen nahm ihm das Messer aus der Hand, sie umringten ihn nur und warteten auf die Miliz. Eine Greisin kniete nieder und streichelte das Gesicht der jungen Frau.

Tamerlan überquerte die Straße und stieg die Stufen zu der Medresse Kukeldasch hinauf. Bevor er in dem dunklen Eingang verschwand, drehte er sich um und sah, wie der dicke Usbeke von zwei Milizionären verhaftet wurde. Er leistete keinen Widerstand, gab das Messer hin und wurde abgeführt.

Einen Augenblick fühlte sich Tamerlan kraftlos und lehnte sich an die kühle Mauer. Er hatte Sawrija in jedem Jahr einige Male gesehen, aber immer nur für kurze Zeit, was wusste er schon von ihr? Was wusste er noch von ihr? Sie war kein Mädchen mehr, dem man Märchen erzählen konnte, sie war fünfzehn Jahre alt und heiratsfähig.

Tamerlan sah noch zu, wie die junge Frau weggebracht wurde, einige Männer legten sie auf einen zweirädrigen Wagen und deckten sie zu.

Wenig später stieg er die enge, steile Wendeltreppe hinauf, die auf das Dach der blau verzierten Medresse Kukeldasch führte. Aber kein Mensch war oben. Und heute hatte er den Mullah erwartet. Er trat an die Brüstung. Unter ihm lag der Platz der vier Wasser. Die Geräusche der Feilschenden drangen schwach herauf, aber das Leben pulsierte auf dem Basar. Blumen, getrocknete Früchte, Grippekugeln, Geschirr, Brotfladen, Schaffleisch und Vögel wurden angeboten, ein Kampf zweier Hähne wurde vorgeführt. In holzverschalten Nischen saßen die Wiegenbauer und Bettschnitzer, hobelten und pinselten und versuchten, einander zu überschreien und die Käufer anzulocken. Nur die Kupferschmiede hockten still und stolz vor ihren kleinen Feuern und konzentrierten sich ganz auf die Arbeit: aus einem Stück einen Krug anzufertigen.

Hinter sich vernahm Tamerlan ein Geräusch. Er wandte sich um. Ein beinamputierter Mann, der auf einem flachen Karren saß, befand sich auf dem Dach. Eine Weile sahen sich die beiden Männer an. Der Krüppel war von einem Alter, das man schwer bestimmen konnte, ein hagerer Mann mit eingefallenem Brustkorb, einer ledernen Haut und pockennarbigem Gesicht. Er war wie ein Bettler gekleidet, sein Chalat war zerlumpt, der Turban von schmutzigem Grau. In Buchara hatte Tamerlan Hunderte von Krüppeln gesehen, in der wundersamen Stadt erhofften sie Heilung und Trost.

»Du bist Tamerlan?«

Keine Antwort. Der Krüppel zeigte ihm die grüne, dünne Scherbe eines glasartigen Steins. Er war im Aufträge des Mullahs da.

»Ja.«

»Der Friede sei mit dir.«

»Wie heißt du?«

»Nenne mich Pulad Ikramow.«

»Warum will mich der Mullah nicht sprechen?«

»Er hat mich beauftragt.«

Tamerlan spürte Zorn in sich aufsteigen, und er hatte Mühe, nicht unhöflich zu werden. »Ich wollte ihn sprechen.«

»Du bist mit diesem Fremden gekommen ...«

»Ist er etwa verdächtig?«

»Ja. Und er ist dein Freund.«

»Das stimmt. Er hat mir in der Wüste das Leben gerettet. Und höre zu, Pulad Ikramow oder wie du heißen mögest: Georgi Urasarjew war Kadett und Offizier, er ist unter falschem Namen von Russland bis Taschkent gekommen, nicht fliehend, sondern kämpfend. Er will zu uns, er sucht uns, wo soll er denn hin? Dass ich noch lebe, verdanke ich ihm. Ich musste mein Pferd erschießen und hatte kein Wasser mehr, mitten in der Wüste ...«

»Das wissen wir schon, Tamerlan.«

»Na also. Stellt ihn auf die Probe.«

»Das werden wir. Er ist kein Russe?«

»Nein. Er ist in Usbekistan geboren, seine Eltern haben in Moskau gelebt, dort ist er aufgewachsen.«

»Du willst deine Schwester mitnehmen?«

»Sie gehört zu mir.«

»Soll sie mit dir in die Berge gehen?«

Wie ein Verhör, dachte Tamerlan unwillig. »Später vielleicht«, sagte er, »zuerst soll sie in Buchara bei guten Freunden bleiben.«

Der Krüppel nickte zustimmend. »Hier wohnt sie in einem Ui, die Leute sind einfach, aber sie sind gegen uns. Ihre Tochter spielt sogar Theater und hat den Schleier abgelegt. Willst du deine Schwester verheiraten? Oder verkaufen?«

»Davon kann keine Rede sein«, sagte Tamerlan barsch, »und es hat dich auch nicht zu interessieren. Werde ich den Mullah noch sehen?«

»Kaum.«

»Soll ich keine Antwort mit zurücknehmen?«

»Du wirst nicht allein reiten. Ihr brecht morgen Nacht auf.«

»Wohin?«

»Du wirst es erfahren.«

Tamerlan fragte nicht weiter. Er spürte, dass der Krüppel das Gespräch beenden wollte. Er ärgerte sich. Seit Jahren war er bei den Basmatschen in den Bergen, seit Jahren vertrauten ihm sogar Busruk Hodscha, Abdullah und Ibrahim Beg. Er hatte selber Gruppen in den Kampf geführt - dieser Bettler aber, der das Recht hatte, ihn auszufragen, misstraute ihm.

In den Wirren der Revolution, die in den turkestanischen Gebieten erst einige Jahre später als in Leningrad und Moskau siegte, waren Tamerlans Eltern - wohlhabende usbekische Geschäftsleute, die mit einflussreichen Russen verkehrt hatten - ums Leben gekommen. Tamerlan und seine kleine Schwester Sawrija wuchsen in einem Kinderheim auf. Die Jahre verflossen wie Tage, manchmal erinnerte er sich daran, wie er Sawrija persische Märchen erzählt hatte ...

Dann holten sie ihn. In einer Nacht verließ er das Heim, ein Onkel des Vaters brachte ihn in die Berge von Wuadil und Schachimardan. Du bist alt genug, um zu kämpfen, Tamerlan, räche Vater und Mutter, die Gläubigen werden ein eigenes Reich haben, einen muselmanischen Staat, die Engländer unterstützen uns dabei, in Turkestan werden die Bolschewiki nicht siegen.

Sie kämpften seit Jahren den Heiligen Krieg. Tamerlan war dabei, als sie in den Bergen eine Einheit der dritten Turkmenischen Brigade bis auf den letzten Mann vernichteten. Aber wie viele Kämpfer hatten sie selbst schon verloren? Der Onkel war gefallen, und manchmal schien es Tamerlan, als glaubten die Engländer nicht mehr an einen muselmanischen Staat, der ihnen den Weg nach Indien freihalten könnte.

Sawrija war überrascht gewesen, als er ihr sagte, sie würden nun zusammenbleiben. Überrascht und traurig. Da gab es einen Jungen in ihrem Alter: Ulug, der jüngste Sohn der Familie, in der sie lebte. Es wird ihr leid tun, ihn zu verlassen. Aber sie wird sich an alles gewöhnen. Aber ob sie wirklich wollte?

Er scheuchte den Gedanken zurück. Wollen. Er war nicht nur ihr Bruder, er vertrat den Vater, Sawrija musste gehorchen. Und seine Schwester würde gehorchen, sie war sanft, sie hatte ihm immer gehorcht.

Der Beinamputierte sah zu dem jungen Manne mit den ebenmäßigen Gesichtszügen auf. Tamerlan war von straffer, biegsamer Gestalt, seine Haut war so glatt, dass der Mann unwillkürlich mit den Fingerspitzen über die Narben des eigenen Gesichts tastete, über seine wimpernlosen Augen und den rissigen, grauen Mund. Dann legte er die rechte Hand auf das Herz und verneigte sich. Das Gespräch war beendet.

»Wo ist der Treffpunkt?«, fragte Tamerlan. »Und wann?«

»Zwei Stunden nach dem Abendgebet. Wie immer im Park der alten Moschee ... Deine Schwester und der Fremde aber ...«

»Was?«

»Sie sollen sich erst gegen Mitternacht dort einfinden, nicht eher. Sie sollen nicht erfahren, dass du früher an der gleichen Stelle sein wirst.«

»Gut.«

Der Bettler rollte seinen Karren bis an die Brüstung zurück und wartete, dass Tamerlan das Dach verließ.

Auf der Straße war es kühler und noch windiger geworden. Der Staub bedeckte schon den Blutfleck, der Staub und ein Zweig weißen Flieders. Die Miliz würde den Festgenommenen verhören. Aber der Mörder würde nur sagen können: »Sie hat die Gesetze des Scheriats verletzt, sie hat ihr Gesicht geöffnet und die Parandscha abgelegt. Eine Frau, die ihr Gesicht zeigt, muss sterben.«

In einer Tschaichana, einer kleinen Teestube unweit des Bossu, wie das tanzende Wässerchen genannt wurde, das den russischen Teil der Stadt von den usbekischen Lehmhäusern abgrenzte, traf sich Tamerlan mit Georgi Urasarjew. Sie begrüßten sich, hockten mit übergeschlagenen Beinen auf dem abgewetzten Teppich der Teestube und sahen zu, wie der grüne Tee aufgebrüht wurde. Beide beherrschten sich. Es war nicht üblich, sich sogleich Neuigkeiten mitzuteilen. Dann tranken sie. Tamerlan blickte auf Georgi, auf die Bewegungen, mit denen er die Piala, die flache Tassenschale, anfasste. Nicht wie ein Fremder, dachte er.

Dann fragte Georgi: »Nehmt ihr mich auf?«

Tamerlan nickte. Er sagte nicht, dass der Mullah misstrauisch war.

»Ich danke dir.«

»Ich bin es, der in deiner Schuld steht, du hast mir das Leben gerettet.«

»Du hättest das auch getan.«

Tamerlan dachte: Ich bin mir dessen nicht so sicher, ich muss vorsichtig sein und darf mich nicht unnötig in Gefahr bringen. Aber Georgi hat mich gerettet, ohne dass er gefragt hat, wer ich bin oder zu wem ich gehöre. Wir haben über vieles gesprochen, ich habe ihn auf die Probe gestellt, als wir zusammen auf seinem Kamel weitergeritten sind. »Dieses Land«, hatte Georgi gesagt, »wird sich nie von dem fernen Moskau aus beherrschen lassen ...«

»Du wirst mit Sawrija auf uns warten, Georgi, ich sage dir noch, wann und wo.«

»Auf uns? Wir reisen nicht allein?«

»Nein.«

»Ich habe mich mit deiner Schwester schon bekannt gemacht, die Leute sind gut, bei denen sie lebt, der Mann arbeitet in einer Seidenfabrik, ein Analphabet, die Frau ist bescheiden und Ulug, der Sohn, ein lustiger Bursche. Aber da ist Scharafat, die Tochter, die den Schleier nicht mehr trägt und sogar Theater spielt.«

»Sie raubt anderen Menschen die Seele«, sagte Tamerlan, »es wird für Sawrija höchste Zeit, dass sie dieses Haus verlässt.«

Georgi dachte: Ob er das alles glaubt? Die Muselmanen denken, dass ein Maler kein menschliches oder tierisches Wesen darstellen, dass ein Schauspieler keinen anderen Menschen spielen dürfe. Die Mullahs verbieten es, sagen, es sei unmenschlich, anderen Wesen Herz und Seele zu stehlen. Ob er das alles glaubt? Ich werde ihm nicht sagen, dass Ulug und Sawrija zusammen eine Schule besuchen, sonst würde er sie noch bestrafen. Oder weiß er das und schweigt dazu? Es müssen mehr Basmatschen in der Stadt sein, als wir vermutet haben. Was planen sie? Oder treffen sie sich nur hier, um ihren Gruppen in den Bergen zu Hilfe zu kommen? Georgi lächelte vor sich hin. Wenn du wüsstest, dass ich es gewesen bin, der im letzten Kischlak vor Taschkent die Ältesten und den Sowjet davon überzeugt hat, dir kein Pferd zu verkaufen, dass ich es gewesen bin, der die ledernen Wasserbeutel vertauscht hat, dass ich dir schon von Buchara aus auf den Fersen bin. Du bist mein Trumpf, Anatol wird sich wundern ... Aber noch habe ich keinen ihrer Führer gesehen, noch kann es für mich kritisch werden ...

Georgi Urasarjew wäre viel lieber in Moskau, aber was sollte er machen? Die Genossen hatten recht. Du bist in Taschkent geboren, du sprichst schneller usbekisch und tadshikisch als der Mullah in der Moschee, du bist hellbraun und schwarzhaarig, einen besseren Aufklärer können wir nicht schicken. Mein lieber Genosse, wenn die Sowjetmacht endgültig in Mittelasien siegen will, dann muss sie neunzehnhundertneunundzwanzig mit den Basmatschen fertig werden. Und nicht mit einer kleinen Gruppe, nein, der Kern, die Führung und die englischen Verbindungsleute müssen vernichtet werden, du kannst dein Studium später fortsetzen, du heißt jetzt Georgi Urasarjew, bist ein ehemaliger Offizier Koltschaks, hast deine Eltern verloren, also benimm dich wie ein Weißgardist, aber übertreibe nicht, deine Papiere sind echt, du brauchst nicht den Muselmanen zu spielen, das würden sie dir nicht glauben; aber sie müssen dir glauben, dass du aus vielerlei Gründen die Bolschewiki hasst, immerhin hat dein Vater durch sie sein Gut verloren und ist von ihnen erschossen worden ...

Georgi dachte: Hoffentlich ist dieser Tamerlan, dieser fanatische Jüngling, eine echte heiße Spur, die mich weiterführt. Anatol hat in der Zentrale nicht daran geglaubt, aber ich habe so ein Gefühl, auf der richtigen Fährte zu sein. Wissen möchte ich, ob sie in Taschkent noch etwas vorhaben, aber fragen kann ich nicht und darf ich nicht, Tamerlan muss fest zu mir halten, er ist mein wichtigster Bürge ...

Sie tranken Tee und aßen rundes Brot, das sie in Stücke rissen. Das Brot war noch warm. Graue Esel trippelten vorüber, auf ihnen saßen alte Männer mit spitz geschnittenen Bärten.

»Aber warum wohnt dein Bruder nicht bei uns?«, fragte Ulug. »Warum soll ich schweigen? Warum erzählst du den Eltern und Scharafat nicht, dass er hier war? Was will er von dir?«

Sawrija seufzte und legte das Buch hin. Sie war dabei, die Legende von der orientalischen Prinzessin Schirin und dem Steinklopfer Farchad ins Russische zu übersetzen, aber die Arbeit ging ihr nicht mehr von der Hand. Sie konnte sich nicht konzentrieren.

»Er ist mein Bruder, und ich liebe ihn, Ulug«, sagte sie, »ich liebe dich auch, aber für mich ist Tamerlan der Vater, das verstehst du doch. Ich kann dir nicht sagen, warum er nicht hier wohnt und warum er nicht die Eltern besucht. Tamerlan ist stolz, weißt du, vielleicht schämt er sich, nicht für mich gesorgt zu haben?«

»Aber wo lebt er?«

»In Buchara.«

»Wirst du auch nach Buchara gehen?«

»Ich weiß es nicht.« Sie sah ihn lange an. »Eines Tages gewiss, ich gehöre wohl zu ihm. Aber ich werde dich nicht vergessen.«

»Manchmal denke ich, hinter deinem Bruder verbirgt sich ein Geheimnis. Was tut er in Buchara?«

»Ich weiß es nicht.«

»Warum sagt er es dir nicht?«

»Vielleicht denkt er, das sei Männersache.«

Ulug sagte ihr nicht, was er wirklich dachte. Dein lieber Bruder ist ein Basmatsche, oder er hat mit ihnen zu tun. Er wollte Sawrija, die an Tamerlan hing, nicht verletzen. Er hatte keine Gewissheit und keine Beweise. Aber er fürchtete, Sawrija zu verlieren, eines Tages nach Hause zu kommen, sie in den Räumen und im Garten nicht mehr zu finden. Und er glaubte, dass sie ihm nicht alles sagte. Sollte er Scharafat von dem Besuch erzählen? Das ging nicht, er hatte Sawrija ein Versprechen gegeben und wollte es nicht brechen.

Ulug bemühte sich, angestrengt nachzudenken, und zog die glatte, runde Stirn in Falten. Das wirkte auf Sawrija komisch, sie brach in Lachen aus. Aber ebenso plötzlich brach das Lachen ab, ihr war eher nach Weinen zumute. Gegen Mitternacht, dachte sie, und ich darf ihm kein Wort sagen, ich darf mich nicht verabschieden von ihm, von seinen Eltern und von Scharafat ...

»Wollen wir weitermachen?«, fragte sie ihn und nahm das Buch wieder auf.

»Wo bist du?«

»Warte. An der Stelle, da Schirin jenem Freier die Hand reichen wollte, dem es gelänge, die Steppe zu bewässern. Und wie Farchad mit seiner Hackschaufel in den Felsen drang, um dem Gebirgswasser einen Weg in die Steppe zu bahnen ...«

»Ich bin schon weiter. Der hinterlistige Perserschah Chosrau ließ in der Steppe Schilfgras ausbreiten, und als die Sonne aufging, spiegelte sie sich auf den glänzenden Matten und täuschte eine große Wasserfläche vor. Also gab Schirin dem Betrüger die Hand, während Farchad das Wasser bis an den Rand der Steppe geführt hatte. Als Schirin und Farchad den Betrug merkten, warf Farchad seine Hacke so, dass sie den Kopf Chosraus vom Rumpfe trennte ...«

»Man kann die Steppe nicht bewässern«, sagte Sawrija, »wo das Wasser endet, da endet auch die Erde, nicht wahr?«

»Du irrst«, entgegnete Ulug, »es ist falsch, wenn das die Mullahs sagen. Die Steppe wird eines Tages fruchtbares Land sein, Wein wird dort wachsen.«

»Das glaube ich nicht, die Wüste ist Allahs Garten.«

»Weißt du, Sawrija, was haben die Menschen früher alles geglaubt! Sieh dir Scharafat an, die Menschen lieben sie, weil sie im Theater spielt. Und wie sie spielt. Und sie trägt keinen Schleier. Und sie raubt keinem Menschen die Seele. Oder glaubst du das von Scharafat?«

»Nein. Ich bewundere sie.« Aber manchmal war ihr die selbstbewusste Scharafat auch unheimlich.

»Oder hast du schon vergessen, wie vor zwei Jahren die Basmatschen den Hof überfielen, in dem wir unsere Schule hatten? Wenn uns damals nicht die Miliz verteidigt hätte, wären wir nicht mehr am Leben. Warum wollen die Basmatschen und die Mullahs und die Beis nicht, dass das Volk schreiben und lesen kann? Warum soll es dumm bleiben?«

»Das ist etwas anderes.«

»Nein. Es gibt kein Ende der Erde. Auch dort nicht, wo das Wasser endet. Wir werden die Steppe bewässern, vielleicht werden wir beide sogar dabei sein ...«

»Ja. Vielleicht ...« Sawrija beugte sich über ihr Buch und begann zu schreiben. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Vielleicht war dies ihre letzte Schulaufgabe ...

Der Regisseur kam in den Umkleideraum. »Hamsa ist da, er hat nicht viel Zeit und will dich sprechen.«

»Hamsa? Scherze nicht mit mir.«

Scharafat, schon als Cordelia geschminkt und angezogen, glaubte es nicht und war verlegen. Ihre Kolleginnen umringten sie. »Erzähle uns nachher, wie er aussieht, Scharafat!«

Scharafat folgte dem Regisseur. Ihr Herz hämmerte. Hamsa, der große Hamsa, wollte sie sprechen, Hamsa, der berühmteste Mann Mittelasiens, der Kolchosen gründete, Musikstücke schrieb, der das Theater schuf, im Bildungswesen arbeitete. Sie kannte sein Bild, ihn selbst hatte sie noch nicht gesehen.

Dann stand sie vor ihm, und das Herzklopfen schwand. Er war um die vierzig. Die Bilder machten ihn älter, fand sie. Eine hohe Stirn, große dunkle Augen, ein energisches Gesicht, der Schnurrbart, die Tjubetejka auf dem Hinterkopf. Sein Händedruck war fest und warm. »Ich hätte dich gern als Cordelia gesehen, Scharafat«, sagte er, »aber die Genossen wollen, dass ich sofort die Stadt verlasse, es sollen sich Basmatschen in Taschkent aufhalten, die es auf mich abgesehen haben ...« Er sah sie prüfend an. »Das ist ja nicht neu für mich, aber diesmal konnte ich die Genossen nicht überzeugen. Ich will in Samarkand mein Stück >Der Bei und der Knecht< inszenieren, und ich möchte dich bitten, dass du die Rolle der Magd übernimmst.«

»Ja«, sagte sie sehr schnell, »das will ich gern tun.«

»Rachmat«, sagte er, »ich bedanke mich.« Er gab ihr eine Durchschrift des Szenariums. Die Klingel schrillte und rief die Schauspieler zur Bühne. Hamsa verabschiedete sich. »Wir sehen uns bald wieder.«

Asimowa, ihre Freundin, wartete schon auf sie. Sie spielte im »Lear« die Goneril, die zusammen mit Regan, ihrer Schwester, gegen Cordelia intrigiert, sodass diese von ihrem Vater verstoßen und enterbt wird.

»Sollst du in einem seiner Stücke spielen?«, fragte Asimowa.

Scharafat nickte. Sie konnte es noch nicht fassen.

»Du bist glücklich, nicht wahr?«

»Ja.«

Das Spiel begann. Wie immer, so ging auch heute das Publikum in dem voll besetzten Hause mit, es kam zu missbilligenden Rufen, als Goneril und Regan, die beiden regierenden Töchter, ihren eigenen Vater ächteten. Viele Besucher sprangen auf, als der Herzog von Cornwall den alten König blendete. Eine alte Frau rief laut nach der Miliz.

Als zur Pause der Vorhang fiel und die Schauspieler an die Rampe traten, jubelten die Zuschauer Scharafat zu. Eine Frau ging nach vorn, wandte sich um, breitete die Arme vor Scharafat aus und rief laut: »Das ist meine Tochter!« Wieder brach der Beifall los. Scharafat verneigte sich und lächelte. »Setz dich wieder, Mutter«, sagte sie.

An diesem Abend wurde das Stück nicht zu Ende gespielt. Als das Licht im Saal verlöschte, stürmten verschleierte, in Frauengewänder gehüllte Männer auf die Bühne, rissen Revolver aus den Gürteln und schossen gegen die Decke. Die Schauspieler wurden in die Garderobenräume gedrängt, es kam zu einem Handgemenge, Schüsse peitschten, ein Ruf erklang: »Wo ist Hamsa?« Auch die Eingänge waren besetzt. Basmatschen im Theater! »Tod für Hamsa!«

Die Menschen saßen still auf ihren Plätzen. Manchmal schossen die Männer vom Eingang her über die Köpfe der Sitzenden hinweg. Hamsa fanden sie nicht, er hatte das Theater schon vor Beginn der Vorstellung verlassen.

Scharafat, die verwundete Asimowa in ihren Armen, beobachtete die Banditen, die die Schauspieler verhörten. Einmal glaubte sie, in einem der Männer Tamerlan, den Bruder Sawrijas, erkannt zu haben, aber die Schleier verhüllten die Gesichter zu dicht. Asimowa wimmerte, sie war von einem Schuss in die Hüfte getroffen worden und blutete stark.

Der Überfall dauerte nur wenige Minuten. Scharafat hörte, wie auf der Straße geschossen wurde, die Basmatschen stürzten auf den Hof des Theaters, warfen sich auf die Pferde und stürmten zum Tor hinaus.

Einen Augenblick später galoppierte eine Gruppe berittener Milizionäre vorbei und nahm die Verfolgung auf. Im Theater, das noch nicht verlassen werden durfte, untersuchte ein Arzt Asimowas Wunde. Dann verband er sie wortlos. Asimowa war ohnmächtig und atmete nur noch schwach. Scharafat sagte: »Sie bleibt am Leben, bestimmt bleibt sie am Leben ...«

Der Arzt erhob sich, blickte sie still an und schüttelte den Kopf.

Die Nacht war dunkel. Die Wolken über dem Tschirtschin verdeckten den Mond. Als die Milizionäre zurückkamen, führten sie einen verletzten Gefangenen mit sich, zwei Basmatschen hatten sie getötet, aber die Bande war entkommen.

Als Scharafat mit ihren Eltern gegen Mitternacht endlich zu Hause war, saßen Ulug und die Großmutter noch im Garten. Scharafat hatte sofort eine Vermutung, sie dachte an Tamerlan und fragte: »Wo ist Sawrija?«

Ulug antwortete nicht, die Großmutter weinte. Sie gingen ins Haus, der Vater zündete eine Petroleumlampe an und fragte streng: »Was weißt du, Ulug?«

Die Brauen des Jungen zuckten, er wollte nicht weinen und biss die Zähne auf die Unterlippe. Sein Kinn zitterte.

»Sie ist weg«, sagte die Großmutter, »ohne Abschied.«

»Was weißt du, Ulug? Nun sprich endlich! Hat man Sawrija verschleppt?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

Scharafat sagte: »Wir sind heute im Theater von Basmatschen überfallen worden, sie haben Hamsa gesucht. Asimowa ist schwer verletzt und wird sterben. Einem Basmatschen verrutschte der Schleier, ich habe ihn erkannt. Es kann nur Tamerlan gewesen sein ...«

Ulug sah seine Schwester mit aufgerissenen Augen an. »Tamerlan, sagst du?«

»Ja.«

»Er ist hier gewesen, er und ein Fremder, den ich noch nie gesehen habe. Ich sollte euch nichts erzählen. Sawrija wollte es nicht. Heute hat der Fremde sie abgeholt. Aber sie muss darauf gewartet haben, sie hatte ein Bündel gepackt.«

»Weißt du, wohin sie gingen?«

»Nein. Aber ich weiß, dass Tamerlan in Buchara wohnen soll.«

»Wir müssen zur Miliz, eine Anzeige machen«, sagte die Mutter.

»Aber sie ist freiwillig mit ihrem Bruder gegangen«, sagte der Vater, »sie haben keine Eltern mehr, er ist ihr Vormund, er hat sie nicht gewaltsam entführt. Da kann die Miliz nichts machen.«

Scharafat überlegte. »Die Miliz vielleicht nicht, aber ich gehe zum Komitee, die Tscheka muss das erfahren.«

»Ich gehe mit dir«, sagte Ulug.

»Jetzt noch? Mitten in der Nacht?«, fragte die Mutter.

Der Vater stand auf. »Kommt, ich begleite euch, Scharafat hat recht.«

Der Wind hatte sich gelegt, die Luft war lau. In den Anlagen roch es nach Flieder und Jasmin. Überall standen Posten an den Kreuzungen, Streifen patrouillierten durch die Straßen. Zwei junge Soldaten begleiteten Scharafat, Ulug und den Vater zum Komitee.

Die Karawane ritt die ganze Nacht in zügigem Tempo. Erst als es heller wurde, begann Sawrija zu frieren. Der Morgen war kalt und feucht. Sie ritt zwischen dem Fremden, den man Georgi nannte, und ihrem Bruder. Einmal hatte sie gefragt, warum sie in der Nacht reisten, aber Tamerlan hatte geantwortet: »Tagsüber ist das Reisen in der Steppe kein Vergnügen. Ich wäre vor Kurzem fast umgekommen, wenn Georgi nicht gewesen wäre ...«

Es waren noch einige Frauen und Mädchen in der Karawane, wie Sawrija erst jetzt, im Morgendämmer, sehen konnte, sonst nur Männer, etwa zwanzig Männer.

Sawrija war es nicht gewohnt, so lange auf einem Pferde zu reiten, sie fühlte sich zerschlagen und fürchtete, gar nicht mehr gehen zu können. Aber noch mehr quälten sie Fragen: Was waren das für Männer, die mit ihnen ritten? Gehörte Tamerlan zu ihnen? War es richtig, dass ich ihm gefolgt bin, dass ich mich nicht einmal verabschiedet habe?

Tamerlan schien ihre Bedenken zu ahnen. Er redete über die Unsicherheit auf den einsamen, großen Straßen und über die Hitze, die tagsüber herrschte. Sonst wurde kaum gesprochen, mal ein Zuruf, eine Frage, eine knappe Antwort.

Die Sonne ging auf. Sie hatten sie im Rücken und ritten ihren eigenen Schatten nach. Die Landschaft war baumlos.

Später ritten sie durch hüfthohes Gras und durchquerten einen flachen Fluss, an dessen Ufern schmale Pappelhaine standen. Der Boden unter den Pappeln war kahl, die Rinde der Bäume salzbedeckt. Riesige Schwärme von Stechmücken stiegen auf und umkreisten die Karawane. Sie befanden sich in der Nähe einer Oase. Am Horizont tauchten dunkle Rauchsäulen auf, sie ritten auf das große Dorf zu.

Am Eingang standen einige Männer in prächtigen, bunten Chalaten und hießen die Karawane im Namen des Dorfsowjets willkommen. Später saßen sie dann auf Teppichen im Garten eines geräumigen Hauses, tranken heißen grünen Tee, aßen flaches gewürztes Brot und Halwakugeln, die aus Marzipan und Nüssen hergestellt waren.

Sawrija stopfte ein Kissen unter ihr schmerzendes Gesäß.

Georgi lächelte ihr zu und nickte. Sie fühlte sich froher. Immerhin hatte der Sowjet des Kischlaks den Empfang und das Essen organisiert. Konnten da die Männer, die mit ihnen ritten, Basmatschen sein? Für Basmatschen gab ein Dorfsowjet keinen

Empfang.

Allerdings hatte sie auf den Gassen ärmlich gekleidete Menschen gesehen, während die Männer vom Sowjet gut gekleidet und wohlgenährt waren. Aber sie dachte nicht lange darüber nach, sie fühlte sich müde und war froh, als man ihr ein Zimmer zeigte, in dem sie schlafen konnte. Vom Fenster aus sah sie noch, wie ein Reiter in den Hof ritt, der von den anwesenden Männern höflich begrüßt wurde. Er trug einen Umhang von weißem Filz, darunter einen feuerroten seidenen Chalat. Es schien ein Usbeke zu sein, er hatte jedenfalls die typischen Merkmale: ein ovales Gesicht, eine kräftige Nase, ein rundes Kinn, volles, straffes Haar und schmale dunkle Augen. Als er abstieg, sah Sawrija, dass er sehr klein war. Auch Tamerlan schien ihn zu kennen, er begrüßte ihn lange und freundlich.

Sawrija hörte auch noch, wie Rufe auf der Gasse laut wurden, aber alle Fenster des Hauses gingen zum Garten und zum Hofe hinaus. Die Müdigkeit war stärker als ihre Neugier, sie schlief schnell ein.

Georgi Urasarjew hatte es in seiner Tätigkeit gelernt, die wichtigsten Fakten und Eindrücke eines Tages zu bewahren und dabei alles Unwichtige rasch zu vergessen. Seitdem er das Treffen mit Tamerlan in der Wüste arrangiert hatte, schrieb er keine Zeile auf, er behielt die Namen von Personen im Gedächtnis und seine Vermutungen wie die Vorkommnisse, und er hätte an dem Tage, da sie in dem Dorfe Gäste des Sowjets waren, folgenden Bericht schreiben können: Die Mitglieder des Sowjets sind verdächtig, es handelt sich um wohlhabende Bauern, denen es gelungen ist, an der Macht zu bleiben und nun im Namen des Sowjets zu herrschen. Sie diffamieren die Sowjetmacht. Nach dem Essen kam Busruk Hodscha, ein Basmatschenführer aus Buchara, ein eitler, kleiner Bursche. Wieder wurde ich verhört, mehr im Gespräch. Er blieb aalglatt und freundlich. Ich weiß nicht, ob er meine Geschichte glaubt. Tamerlan ist mein bester Zeuge, und er scheint angesehen zu sein. Später wollte mich Busruk Hodscha augenscheinlich auf die Probe stellen. Es war das Gerücht ausgestreut worden, Busruk Hodscha sei ein Vertreter des turkmenischen Büros der Partei. Bittsteller fanden sich ein, die Klage über den Dorfsowjet führten. Ich sollte für Ordnung sorgen und tat es, drängte die Leute zurück, ließ sie einzeln in den Hof kommen, wo Busruk Hodscha ihre Sorgen anhörte, aber nicht lange. Er beschwichtigte sie und versprach Besserung, er wollte sich besonders über Fragen der Versorgung mit den Mitgliedern des Dorfsowjets beraten. Da rief ein alter, graubärtiger Bauer in zerschlissenem, wattiertem Chalat: »Mit denen doch nicht, warum ist von uns Armen denn keiner im Sowjet?« Busruk Hodscha sagte, er lasse sich nicht provozieren, die Partei wisse, was sie tue, der Alte solle sein konterrevolutionäres Geschwätz lassen. Lächerlich, wie sich dieser Kerl einen Parteifunktionär vorstellt, widerlich die ganze Komödie. Aber ich musste sie mitspielen, ich bekam von dem Basmatschen den Befehl, die Leute aus dem Garten zu bringen. Busruk Hodscha warf mir seine lederne Knute zu. Ich trieb die Bittsteller hinaus. Nur für mich dachte ich: Verzeiht, Genossen. Wenn ich euch schlage, dann tue ich das für euch, entschuldigt, ihr werdet nie erfahren, wer ich bin, aber diese Bande wird euch nicht mehr lange quälen, dafür werde ich sorgen.

Busruk Hodscha war mit mir sehr zufrieden. Dann befahl er, dass man für Sawrija und für die anderen Frauen zweirädrige Karren, Arbas, bereitstellen solle, den Frauen könne man nicht zumuten, bis Buchara zu reiten. Nun weiß ich endlich, wohin es geht. In Buchara kann ich Kontakt aufnehmen und mit Anatol sprechen. Es wäre mir lieb, wenn Sawrija mir vertrauen würde. Das Mädchen ist immer noch ahnungslos, sie weiß nicht, dass sie sich unter Basmatschen befindet. Ich werde es ihr sagen müssen. Oder ob ich damit warte? Es könnte sein, dass sie es sofort Tamerlan erzählt und ihn zur Rede stellt, dass sie in Schwierigkeiten kommt und darunter zu leiden hat. Tamerlan verhält sich sehr geschickt. Er hat einen Dshigiten zurechtgewiesen, als der während des Marsches auf die Sowjetmacht schimpfte. Nun sind wir Gäste des Komitees, diese Tatsache wird in ihr einen eventuellen Verdacht, unter Basmatschen zu sein, beseitigt haben. Es ist schwer, allein zu richtigen Entscheidungen zu kommen. In Buchara werden wir weitersehen.

Es ist Mitte April und schon sehr schwül in Buchara. Der Junge wollte die erste Nacht unter einer alten Handelskuppe übernachten, in der bis vor wenigen Jahren noch die Geldwechsler, Münzenmacher und Juwelenhändler ihre Stände hatten, aber dann war es ihm zu kalt geworden.

Seit dieser ersten Nacht in der fremden Stadt lebt er in einem zerfallenen Mauerwerk der Arkzitadelle, die über der Stadt thront, und hört, wenn der Muezzin vom Minarett täglich fünfmal zum Gebet ruft.

Tagsüber kann er von hier aus den großen Karawanenweg beobachten, nachts wickelt er sich in eine Decke, kaut Maulbeeren und Scheptala, süße gedörrtePfirsiche, und denkt nach.

In Taschkent haben die Männer im Revolutionskomitee nicht geglaubt, dass die Karawane nach Buchara ziehen würde. Ihrer Meinung nach wäre das eine Täuschung, die Basmatschen würden nach Fergana ziehen und von dort aus in die Berge. Dort wären ihre Stützpunkte, dort würden sie sich verkriechen.

In den Nächten auf der Burg des Emirs, wo schon Dschingis-Khan residiert hat, schläft der Junge erst gegen Morgen für ein paar Stunden ein. Fragen und Zweifel plagen ihn. Er will das Mädchen finden, er ist davongelaufen und mit dem Geld seiner Schwester bis Buchara gefahren. Im Zuge wurde er nicht kontrolliert.

Manchmal weint er nachts.

Am dritten Tage schnürt er seine Decke zusammen, verlässt die Burg und die Stadt und läuft auf der Karawanenstraße in die Wüste hinaus. Er hält die Untätigkeit nicht länger aus.

Er ist nicht allein auf der Straße. Mehrere Jungen sind da, kleine Bettler und Diebe, wie er sie in Buchara oft beobachtet hat. Ahnen sie die Ankunft einer Karawane?

Mit ihm spricht keiner. Er ist größer als die Jungen. Und er ist ein Fremder. Sie erkennen ihn nicht an.

Sie trotten stundenlang dahin.

Als es dämmert, sehen sie eine Staubwolke. Die Jungen rennen der Karawane entgegen. Laut rufend, schreiend, bettelnd. Einige Männer schwingen Riemenpeitschen und scheuchen sie zurück, aber ein kleiner Reiter in einem weißenFilzumhang wirft ihnen einige Hände voll Münzen zu.

Der Junge steht hinter einem Tamariskenstrauch und lässt die Karawane an sich vorüberziehen. Auf einigen Arbas liegen Frauen. Er kann das Mädchen, das er sucht, nicht erkennen. Aber er sieht den Fremden, der zusammen mit ihrem Bruder in Taschkent war, der Fremde reitet das einzige Kamel in der Karawane, eine große, zweihöckrige Stute. Langsam folgt der Junge den Reitern.

Die Horde der Bettler läuft der Stadt zu. Die Karawane legt eine Rast ein. Aber sie schlagen kein Lager auf.

Der Junge denkt: Sie wollen die Nacht abwarten und die Dunkelheit.

Er ist froh und erleichtert. -

2. Kapitel

Seit zwei Tagen wohnte Sawrija in der Medresse Miri-arab. Von ihrer kleinen, aber wohnlich eingerichteten Zelle aus konnte sie auf den Balkon treten und in den Hof hinabsehen, der akkurat gepflastert war. Hinter dem gegenüberstehenden Gebäude ragte das schlanke Kaljan-Minarett in die Höhe, fast fünfzig Meter hoch und achthundert Jahre alt. Ein Leuchtturm für Karawanen, ein Ausguck für Späher, eine Rufstätte der Muezzins, aber auch ein Minarett des Todes, denn früher wurden von diesem Turm aus verurteilte Frauen auf das Pflaster gestürzt.

Sawrija hätte zufrieden sein können. In ihrer Zelle befand sich eine kleine Bibliothek: der Koran, arabische Literatur, Geografie und Historie des Orients, drei Bücher in russischer Sprache - die Übersetzung des Korans, eine Märchensammlung und das Reisebuch des persischen Dichters und Philosophen Nasir-i-Chosrau: »Sefernance«.

Als Sawrija in den Kreuzgang hinabstieg, um die Medresse zu verlassen und neugierig durch die Straßen der fremden Stadt zu schlendern, verhinderte das ein Wächter und schickte sie in ihre Zelle zurück. Sie beklagte sich bei Tamerlan, der in seiner Zelle einen Gast hatte - Busruk Hodscha. Sie hätte sonst nie gewagt, das Gespräch von Männern zu stören, aber sie war so erregt, so verärgert und unbeherrscht, dass sie sich nicht zurückzog.

Die Männer hörten ihr zu. Busruk Hodscha forderte Tamerlan auf, ihr alles zu sagen. Die Wahrheit.

»Ja, sag mir die Wahrheit«, forderte Sawrija, »sag mir doch, dass ihr Basmatschen seid, Räuber, die Schulen und Dörfer überfallen und Menschen ermorden ...«

Busruk Hodscha beschwichtigte Tamerlan. Sie wisse es nicht anders, sie sei verhetzt worden, aber selbst in ihrer Wut gefalle sie ihm. Er ließ Tamerlan und Sawrija allein. Die Geschwister saßen einander lange schweigend gegenüber, dann begann Tamerlan zu erklären. Sie merkte, dass es ihm schwerfiel, ruhig zu bleiben.

Er entwickelte ihr seinen Plan, malte ihr eine muselmanische Republik aus, die unabhängig von Moskau sein sollte. Für sie lebe und kämpfe er. So könne er am besten das Vermächtnis des toten Vaters erfüllen. Und sie würden siegen, das große England unterstützte sie in ihrem Heiligen Krieg.

Sawrija unterbrach ihn nicht. Jedes Wort traf sie wie ein Hieb. Sie hatte Busruk Hodscha und Tamerlan beschuldigt, Basmatschen zu sein, ja, aber sie hatte dabei gedacht, die Männer würden sie auslachen, würden ihr sagen, dass sie friedlichen Geschäften nachgingen, Händler waren, aber doch nicht Basmatschen.

Und nun gab Tamerlan alles zu. Nun gehörte sie selber zu ihnen, und ihr fielen die beiden kleinen Mädchen ein, die während des Überfalls auf ihre Schule getötet worden waren. Sie flüsterte: »Das ist nur ein böser Traum, Tamerlan, zu denen kannst du nicht zählen, das darf nicht sein ...«

»Wir sind keine Räuber. Wir müssen aus dem Hinterhalt angreifen und stören, Unruhe verbreiten, wir müssen das Volk vorbereiten ...«

»Aber ihr kämpft ja gegen das Volk ...«

»Nein. Nur gegen jene, die den Glauben verraten.«

»Ich kann nicht hierbleiben.«

»Du musst. Du bist meine Schwester, ich sorge für dich. Du wirst darüber nachdenken, Sawrija, wir werden noch öfter darüber sprechen, du willst mich doch nicht verraten?«

Sie schüttelte den Kopf und zog den Schleier fest über das Gesicht. Tamerlan sollte ihre Tränen nicht sehen.

Seit zwei Tagen wusste sie es nun.

Eine Tadshikin, die nicht mit ihr sprach, brachte ihr Essen und Tee, der mit Melonensaft gesüßt war. Sawrija aß wenig, sie war verzweifelt und sah keinen Ausweg. In Buchara gab es keinen Menschen, den sie kannte. Mit wem sollte sie sprechen? Georgi? Der Fremde gehörte auch zu der Bande ... Manchmal dachte sie: Ob Tamerlan recht hat? Ob das Volk einen solchen Staat will, von dem er gesprochen hat? Und sie stellte sich vor, was Scharafat oder Ulug oder was ihre Lehrer oder Ulugs Eltern dazu sagen würden. Nein, dachte sie, Tamerlan irrt sich, die Basmatschen werden gehasst, ich will ihn nicht verraten, ich muss ihn überzeugen, ich muss mit ihm sprechen.

Aber Tamerlan ließ sich am nächsten Tage nicht sehen. Erst am Abend des zweiten Tages wurde sie in der Medresse Zeugin eines Gesprächs zwischen Busruk Hodscha, ihrem Bruder und einigen anderen Männern, die sie von der Karawane her kannte. Sie war in den Kreuzgang hinabgestiegen; die Tür zur Moschee, dem Betsaal der Studenten, war geöffnet, in dem dunklen, schmucklosen Gewölbe saß Busruk Hodscha auf dem weißen Tuch, von dem aus sonst der Geistliche vorbetet.

Er machte den Männern den Vorwurf, in Taschkent Hamsa bei dem Überfall auf das Theater nicht entdeckt und getötet zu haben. Er habe Berichte, dass sich Hamsa zurzeit in Samarkand aufhalte. Die Gelegenheit sei günstig, Hamsa wolle ein Buch über die Basmatschen schreiben und zu diesem Zwecke ins Ferganatal reisen, er dürfe nicht in die Berge bei Schachimardan kommen, er selber werde mit Tamerlan und ausgesuchten Leuten nach Samarkand reisen.

Sawrija fasste sich an die Schläfen und lehnte sich gegen die kühle Mauer. Sie wollten Hamsa töten?

Sie hörte noch, wie Tamerlan bat, seine Schwester und Georgi mitnehmen zu dürfen, und wie Busruk Hodscha darauf erwiderte, dass er nichts dagegen habe, im Gegenteil, beide müssten sich bewähren, an Gelegenheiten würde es nicht mangeln.

Sawrija lief wie gehetzt in die Zelle hinauf, legte sich nieder und stellte sich schlafend, als Tamerlan das Zimmer betrat.

Nach einer Weile verließ er es wieder.

In der Schule hatte sie von Hamsa gehört, sie hatten seine Werke gelesen. Alle Schüler liebten ihn. Sawrija konnte das Gehörte noch nicht fassen: Es hatte einen Überfall auf das Theater gegeben, dort spielte auch Scharafat, dort waren an jenem Abend auch Ulugs Eltern, um ihre Tochter in der Rolle der Cordelia zu sehen. Es wird Tote gegeben haben. Vielleicht hat sogar Tamerlan geschossen, vielleicht lebt Scharafat nicht mehr. Oder die Eltern ...

In der Schule hat sie aus einem Lehrbuch gelernt, das Hamsa verfasst hat. Sie hat Gedichte gelesen, die er geschrieben hat. »Ich will auf der blühenden Erde leben ...« Ihr Bruder aber hat den Auftrag, diesen Mann zu töten, feige zu ermorden.

Im Zimmer war es halbdunkel, vom Balkon her drang noch rötlicher Schein in die Zelle. Sawrija konnte nicht schlafen.

Sie lag im Schatten. Wenn sie die Augen schloss, tauchte das Gesicht ihres Bruders auf, aber nicht das ruhige, gelassene und schöne Gesicht Tamerlans. Seine Augen waren hart und schmal und fremd, die Gesichtszüge verzerrt. Die Bilder lösten einander ab, sie sah ihn im Theater, wie er auf die Bühne stürzte und Scharafat bei den Haaren packte. Und sie sah Busruk Hodscha. Und wie Tamerlan von ihr verlangte, die Frau des Bandenführers zu werden. Du kannst nichts dagegen machen, du wirst es gut bei ihm haben, vielleicht wirst du bald in seinem Hause wohnen, wenn wir gesiegt haben ... Sie hörte Tamerlans Stimme und hielt sich die Ohren zu.

»Du bist überzeugt, dass der Intelligence Service noch immer seine Verbindungsleute bei ihnen hat?«

»Ja, Anatol. Aber ich habe noch keine Beweise.«

»Ich fahre heute nach Samarkand. Jeden Morgen nach Sonnenaufgang wird Bakor im dritten Grab der Nekropole Schah-i- Sinda sein, die Basmatschen werden bestimmt das Grab des lebendigen Schahs besuchen, das ist ihr Heiligtum. Aber nimm dich in acht, Georgi.«

»So besorgt?«

»Ja. Das Spiel ist gefährlich. Misstrauen sie dir noch?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht hat es ihnen gereicht, zu sehen, wie ich die Dorfarmen verprügelt habe ... Habt ihr übrigens mit dem Kischlak etwas vor?«

»Eine Kommission wird den Dorf Sowjet überprüfen. Ganz offiziell, aber erst in vierzehn Tagen. Bis dahin müsste unsere Aktion beendet sein.«

»Gut. Ich bin in einer Stunde mit Tamerlan und Sawrija verabredet, wir wollen dem Mädchen die Stadt zeigen und sie zugleich davor bewahren, eine Dummheit zu begehen.«

»Wieso?«

»Sawrija scheint alles zu wissen.«

»Aber woher?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht ahnt sie nur etwas. Vielleicht hat ihr Tamerlan alles gesagt. Jedenfalls spricht sie kaum noch mit ihrem Bruder und ist niedergeschlagen.«

»Du musst ihr Vertrauen erringen.«

»Ich weiß. Es wird sich noch eine Gelegenheit finden. Übrigens hat uns die Familie, bei der Sawrija in Taschkent lebte, verständigt. Ulug, ihr Sohn, ist verschwunden ...«

»Basmatschen?«

»Das glaube ich nicht.«

»Hast du eine Vermutung?«

»Ulug ist in Sawrijas Alter, nicht wahr? Weißt du, wie sich die beiden verstanden haben?«

»Ich glaube, sehr gut.«

»Er wird sie suchen, auf eigene Faust.«

»Das gefällt mir.«

»Mir gar nicht.«

»Warum nicht?«

»Wir müssten ihn finden. Er darf nicht unüberlegt handeln. Aber finde mal in Buchara einen solchen Bengel! Suche eine Stecknadel ...«

»Vielleicht meldet er sich bei euch?«

»Das wäre zu hoffen. Aber ich glaube nicht daran. Er ist durchgebrannt und muss fürchten, dass wir ihn zurückschicken.«

»Ich muss gehen.«

»Ja. Geh in den Keller. Von dort führt ein unterirdischer Gang bis zu einem Hof hinter dem Labi-Chaus. Dort wohnt einer von uns. Das ist unauffällig. Mach deine Sache gut.«

»Du auch.«

Der Labi-Chaus, ein im siebzehnten Jahrhundert angelegter Teich, von uralten Maulbeerbäumen umgeben, versorgte mit vielen ähnlich angelegten Teichen bis zum Jahre 1920 die Bezirke Bucharas mit dem bräunlichen Wasser. Hier füllten die Wasserverkäufer ihre Ledersäcke und zogen damit in die Gassen. Das Wasser war eine stinkende, verdreckte Brühe, von der jeder Tropfen gefährliche Krankheitserreger barg. Im Teich lebten Kröten und Würmer. Eine Krankheit, die durch dieses Wasser hervorgerufen wurde, nannte man Pindunka. Die Adern der Menschen schwollen an und platzten unter grässlichen Schmerzen. Viele Menschen wurden durch die Pindunka blind. Eine andere Krankheit nannte man Rischta, ein kleiner Wurm erzeugte im Körper Tausende von winzigen Larven ...

Alle Teiche, bis auf den Labi-Chaus, wurden zugeschüttet. Er blieb als Erinnerung für die Kinder und die Besucher aus anderen Ländern: Seht, so lebten wir vor der Sowjetmacht, seht nicht nur die fünfhundert Moscheen und die über hundert Medressen, seht nicht nur die schönen Ornamente, die glasierten Kacheln, die schachbrettartigen Ziegelmuster auf dem Minarett, die Kuppeln und Türme, seht die Verliese in der Burg Ark, seht die narbigen Rücken der alten Männer, die der Emir bestraft hatte, weil sie während der Fastenzeit unerlaubte Speisen gegessen hatten, seht euch die Fotos vom Kinderbasar an, noch vor zehn Jahren kauften die Reichen hier ihre Sklaven ein ...

Es war schwül, aber viel Betrieb auf den Straßen. Reis dampfte in großen Kesseln. Schaschlik bruzelte. Die Alten saßen mit untergeschlagenen Beinen in den Teestuben und schwiegen sich an, Esel trompeteten. Auf den Kuppeln der Medressentürme nisteten Störche. Eseltreiber trotteten durch die engen, lehmgestampften Gassen.

An einem Kiosk kaufte Tamerlan für seine Schwester Wasser und Sirup. Das Getränk erfrischte sie. Georgi und Tamerlan aßen Samsa, eine mit Fleisch, Zwiebeln und schwarzem Pfeffer gefüllte Pastete. Sawrija blieb teilnahmslos und hatte nicht einmal einen Blick für die schönen blauen Türme der Tschor-Minor-Moschee.

Als sie über den Basar gingen, Sawrija immer zwischen Tamerlan und Georgi, drängten sich Verkäufer an sie heran. »Eine bunte Tjubetejka für deine Frau? Oder eine goldbestickte?« - »Seidene Pluderhosen? Handgestickte Hosenbänder?« - »Baklawa gefällig? Der Teig ist frisch, und die Nüsse sind köstlich!«

Sawrija dachte daran, dass sie hier eine Gelegenheit hätte, in der Menge unterzutauchen, davonzulaufen, den nächsten Milizmann anzusprechen und zu sagen: Die mit mir gehen, sind Basmatschen. Mein Bruder und sein Freund haben den Auftrag, Hamsa zu ermorden, kommen Sie schnell, es sind noch mehr Basmatschen in Buchara, sogar Busruk Hodscha ist da ... Aber sie hatte nicht den Mut dazu. Der Gedanke war ihr ungeheuerlich. Sie konnte den eigenen Bruder nicht verraten. Es musste eine andere Lösung geben.

Tamerlan war zufrieden, als Sawrija den Wunsch äußerte, wieder zur Medresse zurück zu wollen. Sie gingen durch eine enge, staubige Gasse, die den Namen »Blinder Knecht« trug und die so schmal war, dass sie nicht nebeneinander gehen konnten. Tamerlan scheuchte halbwüchsige Bettler weg, aber ein großer Junge, der das Gesicht bis auf die Augen verhüllt hatte, blieb ihnen auf den Fersen und versuchte, Sawrija eine Handvoll Maiskörner zu verkaufen. Tamerlan ging vor Sawrija, die sofort die Stimme des Jungen erkannte - es war Ulug. »Wir gehen nach Samarkand«, flüsterte sie ihm zu, »sie halten mich fest, ach, Ulug, sie wollen Hamsa töten ...« Sie blickte sich um und fing einen schnellen Blick Georgis auf. Tamerlan hatte nichts von der Begegnung gemerkt. Ulug blieb zurück.

Die Gasse mündete in einen Platz, auf dem sich eine Moschee befand. Georgi sagte zu Tamerlan: »Solange wir unterwegs waren, ist uns immer ein Kerl gefolgt, ich will mich mal um ihn kümmern, sonst spüren sie uns noch in der Medresse auf.«

Tamerlan nickte und meinte, Georgi solle vorsichtig sein.

»Keine Bange, ich bin schon mit anderen Kerlen fertig geworden.«

»Aber ich habe keinen bemerkt«, sagte Sawrija schnell. Sie fürchtete für Ulug. Tamerlan nahm ihren Arm, und sie gingen weiter.