Herakles - Louis Couperus - ebook

Herakles ebook

Louis Couperus

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Couperus' historischer Roman über die Herakles-Sage gehört ohne Zweifel zu den besten Werken des holländischen Schriftstellers.

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Herakles

Louis Couperus

Inhalt:

Louis Couperus – Biografie und Bibliografie

Herakles

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Herakles, Louis Couperus

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849607913

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Louis Couperus – Biografie und Bibliografie

Der bedeutendste niederländ. Romanschriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts, geb. 10. Juni 1863 im Haag, verstorben am 16. Juli 1923 in De Steeg. Verlebte seine Jugend in Batavia und kehrte dann nach Holland zurück, wo er mit 20 Jahren seine erste Gedichtsammlung: »Een Leut van Vaerzen«, veröffentlichte, der er 1887 eine zweite: »Orchideen«, folgen ließ. Später wandte er sich ganz der Romandichtung zu, seitdem sein erster Roman: »Eline Vere« (1889, 4. Aufl. 1898), der mit kecken Strichen ein Bild des gesellschaftlichen Lebens im Haag entwirft, einen durchschlagenden Erfolg hatte. Ungleich höher stehen seine folgenden Werke: der Roman »Noodlot« (1890, 3. Aufl. 1899; deutsch: »Schicksal«, Stuttg. 1892), die Novelle »Extaze« (1891; deutsch, das. 1895) und die Novellensammlung »Eene Illuzie« (»Eine Illusion«, 1892; z. T. deutsch von E. Otten: »Novellen«, Berl. 1897, 2 Bde.). Dann folgten die Romane »Majesteit« (1893) und »Wereldvrede« (1894; beide deutsch von Raché, Dresd. 1895), »Metamorfoze« (1897), die Märchendichtungen »Psyche« (1897) und »Fidessa« (1899) und weiter die Romane »De stille Kracht« (1899; deutsch, Dresd. 1902), »Langs lijnen van Geleideljjkheid« (I899), »Kleine Zielen« (1901).

Herakles

1

Durch die dichten Wälder von Mykenä, wo die schweren Eichenstämme sich gleich einer Schar finsterer Riesen zum blauen, in der Sonne leuchtenden Meer hinabzogen, dröhnte sein müder, suchender Schritt; sein Fuß zertrat das Gesträuch. Und die wilden Tiere flohen davon, und die Vögel flatterten höher empor, wie sein Rufen den ganzen Wald mit dem Schall seines verzweiflungsvollen Schreies erfüllte:

"Hylas!"

In der Ferne, wo Felsen nur undeutlich verschwommen sichtbar waren, spottete das Echo. Er hörte es spotten, den Namen leise wiederholen, den Namen mit dem melodischen Klang, einem Klang, dem seine Verzweiflung den Ausdruck brennenden Schmerzes verlieh:

"Wehe! Wehe! O Hylas!"

Er war auf einen vom Blitz gefällten Eichenstamm gesunken, und er glich selber einem Baum, den des Schicksals Blitze getroffen hatten. Wo die schaumweiße Quelle dem Felsen entsprang und sich dann als ein breiter Bach an den zarten Birken entlang den Weg bahnte, auf dem sie sich endlich im dichten Walde verlor, da erscholl ein Lachen, hellperlend wie Vogelsang – und verstummte sogleich wieder.

Er hob sein umdüstertes Haupt empor. Er hatte es vernommen: das waren die Nymphen der Quelle, die sich vor ihm verborgen hielten.

"Hylas!" rief er noch einmal, "bist du da, woher ich das Lachen vernehme? Wo die Nymphen die Wasser zerteilen? So komm doch endlich; suche ich dich doch schon den ganzen Tag und die ganze Nacht. Komm hervor, fürchte nicht meinen Groll, verstecke dich nicht länger. Wieder senkt sich die dunkle Nacht über den Wald, wieder breitet sich die schwarze Nacht über das Meer. Kein Mond schimmert durch die dunklen Wolken, und willst du noch länger säumen, so wirft du dich verirren, und ich werde dich verlieren!"

Das Echo wiederholte spottend das letzte Wort, und dann – dann ward es totenstill im Walde, und totenstill in seinem einsamen Herzen.

Sein enges Hirn hatte es nun begriffen: Hylas, seine Freude, war ihm von den lachenden Wassernymphen geraubt. Geraubt war ihm das Kind: nicht eigenwillig entflohen war Hylas. Die verliebten Nymphen hatten ihm den Knaben genommen. Jetzt fauchte sein wilder Atem, jetzt ballten sich seine Fäuste, jetzt siedete sein machtloser Zorn. Die Wasserjungfrauen in ihrer feuchten Tiefe, die Verräterinnen, die schilfhaarigen schnöden Najaden mit den spottenden, grünen Fischaugen, die bleichen, allzeit triefenden, die immer lachten und die er verschmäht hatte, wenn sie lüstern lockend zwischen den gelben Lilien hervorkicherten: die hatten ihm seinen Knaben geraubt, indes er badend auf ihren Wellen trieb. Dessen ward sich Herakles nun bewußt. Jetzt war ihm die Wahrheit kund. Er riet nicht mehr – er wußte nun: er brauchte nicht länger zu suchen; er würde Hylas nicht mehr finden. Was half ihm seine Kraft gegen diese schmiegsamen, schlangenglatten Wesen! Erwürgen konnte er sie nicht: sie würden seinen Fäusten entgleiten. Zu Schaum kneten konnte er sie: dann aber würden die feuchten Gespenster seinem Griff entfliehen und in ihren Quellen sich sogleich wieder wandeln und lachend die schlammig-grünen Haare schütteln.

Er saß auf dem Baumstamm in der dunklen Nacht. Jetzt weinten seine großen, ins Dunkel starrenden Augen. Gebeugt saß er da: die Ellenbogen stützte er auf die Kniee, die Füße hatte er breit aufgestellt, die Hände hingen matt und kraftlos herab. Große Tränen tropften auf die gefallenen Blätter herab wie Regen, und in der Stille der Nacht gab ihr Aufschlagen nun den einzigen Laut. Gleich Regentropfen fielen sie herab.

In seinem bangenden Herzen war es düster, düster wie im Walde. Jetzt hatte er alles verloren, und jetzt fühlte er sich wie ein von bösem Schicksal Verfluchter. Was nützte es ihn, ob er gleich des Zeus Sohn war? Was nützte es ihn, ob ihn gleich Athena beschirmte und ihn sogar als Säugling einen einzigen Augenblick listig an Heras Brust gelegt hatte, so daß ein Tropfen ihrer göttlichen Milch ihm eines Gottes Kraft verliehen hatte? Was nützte ihn seine Kraft wider Heras Haß? Er blieb der Unterdrückte, der Bastard seiner betrogenen Mutter Alkmene, zu der Hermes schlau den Zeus geführt hatte. Der Vater der Götter in Gestalt des guten Amphytrion, Alkmenes Gemahl, hatte Herakles zum Leben erweckt: ein Sohn des Zeus also war er. Doch was half es ihm, dem Bastard, dem nach allem Traurigen blinder Zorn den Geist umdüsterte, bis er zum Mörder seiner eigenen Mutter geworden war und ihr das Schwert in die Brust gestoßen hatte!

Buße, immer währende Buße, Leiden, immer währendes Leiden: das sollte sein Leben sein bis zum Ende – Freude sollte er nicht kennen, die Liebe nicht, noch irgendein anderes Glück! – Schwere Last, Last, die selbst für seine Kräfte schwer war, sollten seine breiten Schultern all seine Tage hindurch schleppen!

Nun saß er da in der Nacht voller Schmerz und Finsternis, und seine Tränen tropften so schwer, daß er das Rauschen des Regens zu vernehmen wähnte. Allein es regnete nicht ... Schaute der matte Mond zwischen den dunklen Stämmen hindurch, oder von wannen kam der bleiche Schein zu seinen Füßen? – Herakles hatte das schmerzende, schwere Haupt emporgehoben und blickte auf den matten Schimmer. Es war, als ob der Schein an den riesigen Eichenstämmen entlang glitte, sich silbern leuchtend über den Gischt des Baches hinwegzog, um dann wie Tau über die Sträucher und auf die zu Boden gesunkenen Blätter zu fließen. Und nun sah Herakles, daß es nicht der Mond war – daß die Helle näher und näher kam, und daß sich die Gestalt einer Unsterblichen daraus löste. Vor ihm stand Athena, und ihre leuchtenden blauen Augen blitzten auf Herakles herab. Ihr schuppiger Panzer schimmerte in olympischem Glanze. Das Ägisfell lag wie eine mondlichtumsäumte Wolke um ihre jungfräulichen Schultern, und aus den Falten ihres Peplos, der von ihrem eigenen Glanz widerstrahlte, trat die Göttin wie eine silberne Bildsäule hervor. Silbern erstrahlte ihr Schild, silbern blitzte ihr Helm, silbern leuchtete ihr Speer, und aus dem Medusenhaupt in der Ägis glühten die unsterblichen Augen der Gorgo gleich zwei funkelnden Sternen. Der heilige Glanz, der von der Jungfrau ausging, fiel zu des Herakles breiten Füßen über den Boden hin.

Er blieb traurig und finster sitzen: seine mächtigen Hände hingen schwer und kraftlos herab, die Adern waren geschwollen, die viereckigen Fingerspitzen weit gespreizt. Schmerz und Trostlosigkeit in seinem düster leidenden Herzen waren so groß, daß selbst der Glanz der Göttin, der vor ihn fiel, seine mißmutige Haltung nicht zu wandeln vermochte, gleich als sei die Ehrfurcht in ihm erstorben ...

"Herakles!" ...

Die Göttin nannte seinen Namen. Ihre Stimme klang wie die eines Jünglings, tief und voll, und der Klang zitterte im Laube der Eichen nach. Herakles aber, der nun das düstere Haupt höher hob, sprach dumpf, dieweil er in seiner Haltung verharrte: "Sie haben ihn mir geraubt, die Wassernymphen, die feuchten, grünhaarigen, ewig lachenden. Ich habe sie verschmäht, wenn sie zwischen den gelben Lilien hervorlugten, und nun haben sie sich gerächt. Sie haben mir ihn geraubt, der meine einzige Freude war. Golden war sein Gelock wie Sonnenglanz, und zart war er und schlank wie ein Birkenstamm. Ich lehrte ihn den Bogen spannen und den Wurfspieß schleudern, und wenn er müde war, ruhte er an meiner Brust. Es war mein Glück, auf ihn hernieder zu schauen, wenn er schlief. Er lächelte allzeit, ohne zu lachen. Um ihn war stete Freude. Wenn ich ihm in die frohen Augen blickte, glaubte ich, vor Seligkeit dahinzuschmelzen. Wenn ich bekümmert war, streichelte er mich mit seiner lieben Hand und tröstete mich mit einem einzigen Wort. Er lief wie ein Lämmchen mir allzeit zur Seite: er war wie ein kleines Brüderlein. das ich sehr, sehr lieb hatte. Allzeit waren wir zusammen. Als Jason mich aufforderte, mit ihm zu fahren und unter den fünfzig Ruderern der Argo meinen Sitz zu nehmen, blieb der Knabe bei mir und machte sich ganz klein zwischen meinen Knieen. Die im Gleichtakt rudernden Argonauten zu erfreuen, blies er auf einer kleinen Rohrflöte. Er zwitscherte wie ein kleiner Vogel zu meinen Füßen, und die Helden schauten ihn lachend an, indes sie ruderten, und streichelten ihm das runde Kinn. Als wir zur Rast an Mykenäs Küste anlegten, schweiften wir beide, fern von den anderen, glückselig durch die duftenden Felder und dichten Wälder. Er lief vor mir her: wie ein Zicklein hüpfte er über die Steine im schäumenden Bache und rief mir zu, daß er baden wolle, weil das Wasser so kühl sei und so klar. Ich nickte ihm zu. Plötzlich war er verschwunden, zwischen den gelben Lilien untergetaucht. Ich rief ihn, ich suchte ihn: das Wasser war so seicht, er, der wie ein Fischlein schwamm, konnte nicht ertrunken sein. Ich begriff nicht, wo er geblieben war: ich rief wieder, ich suchte den langen, langen Tag und die Nacht, bis ich endlich begriff, und bis mit der Dunkelheit Gewißheit in mein armes Hirn kam. Sie hatten ihn mir geraubt, sie hatten ihn in einer der engen Grotten ihrer Quelle versteckt, die geschmeidigen, glatten, schnöden Najaden. Ich möchte sie zertreten – aber noch unter meiner Sohle würden sie davonschlüpfen und nur lachen und murmelnd mir entgleiten ... Und jetzt – jetzt versenken sie ihn in die Wogen ihrer unersättlichen Lüste."

Ein Schluchzen erschütterte des Herakles Brust, gleich als führe ein Erdbeben über die Hügel, und sein schweres Haupt sank herab wie ein Felsblock. Große Tränen tropften zwischen seinen breiten Zehen mitten in den Glanz, der die Göttin umwob, und leuchteten dort wie Tau im Mondenschein.

"Herakles," sprach Athena nochmals, und ihre tiefe Jünglingsstimme klang durch das Laub, "war es also beschlossen, daß du mit Jason zu den Gestaden Aias ziehen solltest, um das goldene Vlies zu gewinnen?"

Der Held hob den Kopf.

"Warum nicht?" fragte er traurig. "Es sind ihrer so viele Helden, die das Schiff gen Osten rudern werden, daß der König Aietes sich ihrer nicht erwehren kann. Wer könnte wohl dem Jason widerstehen, wenn ihm zur Seite die Dioskuren Kastor und Pollux, Telamon, Peleus, Theseus und Meleagros kämpfen? Und wer endlich könnte dem Herakles widerstehen? Warum sollte ich mich nicht zu den Helden gesellen? Bin ich nicht ein Kämpe wie sie, ist mein Arm nicht vielleicht der kräftigste? Sind meine Fäuste mit den ihren zu vergleichen? Ich war ein Kind noch, als ich die Schlangen daherschleichen sah, die Hera wider mich sandte, und furchtlos nach ihnen griff und sie lachend zerdrückte, bis ihnen die spitze, dreigespaltene Zunge aus dem Rachen hing und sie tot zu meinen Füßen lagen. Und habe ich nicht den kithärischen Löwen erschlagen, der des Königs von Thespiä Herden bedrohte? Bin ich unwürdig?"

Vor dem Helden, der empört und traurig auf dem Baumstamm saß, stand streng und strahlend die Göttin. Sie reckte die eine Hand aus, die auf ihrem großen Schild ruhte, und berührte des Helden Stirn. Er erbebte unter dem Druck ihrer leuchtenden Finger. Sie sprach – und ihre blauen Augen trafen streng die seinen:

"Es ist nicht also beschlossen. Du wirst nicht mit nach Aia fahren. Herakles, Herakles, denke doch nach: ist denn diese Stirn so eng, daß sie nicht einmal sich erinnern kann? Ist denn alles Gedächtnis geschwunden? Herrschen denn nur die Triebe, die Wallungen, die Leidenschaften, ungezügelte Menschlichkeiten in diesem tollen Strudel, in dieser siedenden Enge? Herakles, bedenke, bedenke! Wer tötete den sanften Linos, in dessen zarter Seele alles, was Wohllaut heißt, ein Echo fand? Wer war der Schüler des Linos und erschlug ihn doch mit erhobener Leier? Wer schlief als Gatte an der Seite Megaras von Theben? Wer tötete sie, und wer tötete ihre und seine Kinder in unbeherrschtem wütenden Grimm, in toller Aufwallung, im blinden Jähzorn seines engen, allzu engen Hirns? Und wer, höre mich, o Herakles und antworte, wer war der Sohn der Alkmene, der seine eigene Mutter erschlug?"

Unter dem Druck des leuchtenden Fingers der Göttin erzitterte der Held. Zagend noch richtete er sich auf wie ein Baum, der durch ein Wunder sichtbarlich emporwächst. Riesengroß stand er nun da. so groß, daß er nicht länger zu Athena emporzublicken brauchte. Er sah die Göttin von Auge zu Auge; er war entsetzt. Er stand in ihren silbernen Glanz getaucht und erschauerte wie ein Eichenstamm, den der Sturm trifft.

"Ist das Leben eine Luftfahrt zu den Ufern von Aia, um deretwillen Töchter und Söhne, Kinder und Mutter in finsterer toller Wut ermordet wurden? Und wenn dem Jason die Fahrt durch seine Schicksalsgöttin bestimmt ward, ist sie dann auch dem Herakles bestimmt? Und ist des Herakles Buße nur frohes Spiel mit einem schönen Königssohn, dessen heitere Augen, dessen Flötenspiel die Erinnerungen bezwingen und in Schlaf wiegen?"

Der Held war über dem Schild der Göttin zusammengesunken und schluchzte verzweifelt, und sein hartes Haupt schlug gegen den Stahl der Götterwehr, daß die Funken stoben. Seines Rückens Wucht glich einer Felsenmasse, wie er der Athena zu Füßen sank. Jetzt blickte sie voller Mitleid auf ihren Schützling herab, und ihre Hand ruhte auf seinem lockigen Haupt.

"Herakles," sprach sie nun beinahe flüsternd, "richte dich auf aus deinem Leid. Erinnere dich: die Zeit ist gekommen, die Buße beginnt! Der lange Weg liegt vor dir! Herakles, blicke auf!"

Die Göttin hob das Antlitz des Helden an dem bärtigen Kinn empor und wies mit ihrem Speer hinaus. Herakles sah, wie der Wald Mykenäs von rosiger Morgendämmerung durchschimmert ward. Und er sah, wie das Meer unter dem rosigen Gold des aufgehenden Morgens leuchtete. Und auf dem rosig überschimmerten, goldenen Meere sah er in der Ferne die Argo, die der neunundvierzig Helden gleichmäßig bewegte Ruder schon am Horizont dem Gestade von Kolchis entgegentrieben.

Der Held hatte sich erhoben. Er brüllte mit dröhnender Stimme: "Jason!" Und er wollte sich durch das Gestrüpp stürzen, am waldigen Abhang hinab, dem strahlenden Meere entgegen. Schon machten seine Arme die Bewegungen eines Schwimmenden ... Allein die Göttin hielt ihn streng zurück und sperrte ihm den Weg, und laut rief sie: "Nein, nicht gen Osten! Gen Westen führt dich der Weg der Buße! Dorthin gehe!"

Gebieterisch wies sie ihn auf die Straße gen Westen. Er beugte das Haupt, und von ihrem jetzt mitleidsvollen Blick gelenkt, schritt er, das Haupt gebeugt, die finsteren Augen vor Schmerz rot geschwollen, das traurige Herz übervoll von Leid, gehorsam von dannen – gen Westen.

2.

Im Palast von Mykenä saß der Herrscher Eurystheus, der Perseide, klein, schwächlich, dürftig und mißgestaltet auf seinem breiten, runden Thronsessel. Denn Zeus hatte, als sein Sohn Herakles ihm geboren werden sollte, in übermütiger Freude den Göttern verkündet, daß der erste Sproß aus Perseus' Stamm, der an jenem Tage das Licht der Welt erblickte, ein mächtiger Herrscher sein sollte. Hera hatte ihren Gemahl beim Styx schwören lassen, daß seine Verheißung Wahrheit werden sollte, und war dann, mit Haß im Herzen, eilends zur Erde hinabgefahren. um die Geburt des Eurystheus zu beschleunigen, indes sie Alkmene sich in schweren, langen Geburtswehen winden ließ. Und wirklich wurde Eurystheus dank den Bemühungen der Hera zuerst geboren, doch klein blieb er, schwächlich und mißgestaltet, und so saß er jetzt als Herrscher Mykenäs auf dem breiten, runden Thronsessel. Und vor ihm stand der riesige Held, und das Volk von Mykenä strömte in unübersehbaren Scharen herbei.

"Eurystheus," sprach Herakles voller Spott, "unvergleichlicher Held aller Helden, kraftvoller Herrscher und mächtiger Fürst, strahlender Perseide, lieber Vetter! Dir huldigt Herakles, der Sohn des Zeus und der Alkmene, ein Nachkomme des Perseus gleich dir! Siehe, ich stehe vor dir wie dem Sklave, dem du befehlen sollst, was dein Wille ist, seit das Orakel von Delphi durch den Mund der von schweren Dämpfen umwogten Pythia mich unter dein Gebot stellte. Du, dem Zeus die mächtige Herrschaft vermachte, wie er beim Styx geschworen hatte: herrsch und befiehl über mich! Sprich: was soll ich, dein Knecht, vollbringen, auf daß du zufrieden seist?"

In seinen goldenen Mantel gehüllt, klein, schwächlich, dürftig und mißgestaltet, in sich zusammengesunken, hatte Eurystheus, dem allzu weit die Krone auf dem spitzen Schädel saß, noch ehe der Held erschienen war, schon überlegt, sorgsam überlegt, welches Werk er ihm als grausame Buße auferlegen wolle. Denn Eurystheus war eitel auf den Schutz der Hera, wenngleich ihr Mühen ihn allzufrüh und unausgetragen das Sonnenlicht hatte schauen lassen, und er glaubte, er wäre durch die himmlischen Mächte dazu erwählt, den Muttermörder zu strafen. Dennoch empfand der Herrscher Angst, nun der Held vor ihm stand, denn ungeachtet seiner Eitelkeit war sein überlegendes Hirn in dem engen Schädel voll klarster Einsicht, und er begriff es wohl, der Mißgestaltete, daß er nicht, wie andere Helden, kraft seiner Stärke und Unüberwindlichkeit herrschte: er begriff es wohl, daß er seine Herrschaft nur der launischen Gunst der Götter zu danken hatte. Was sollte werden, wenn jemals Hera sich von ihm wenden, jemals Zeus seinen Bastardsohn, der wahren Bedeutung jener Verheißung gemäß, zum Herrscher erheben würde? Wie, wenn der plötzliche Wechsel der Göttergunst und der Schicksalslaune Herakles den Gedanken eingäbe, nach der Krone zu greifen, die ihm, den Eurystheus, zu weit war? Allein des Eurystheus Angst erwies sich als eitel. Der Held, den er haßte und fürchtete, richtete sich nun baumhoch vor ihm auf, und wie ein Riesenstamm stand er vor dem runden Thron und wartete mit spöttischem Lächeln, indes Eurystheus noch zauderte, bis er befahl:

"Töte mir den Löwen!"

"Ich habe den Löwen von Thespiä erlegt," antwortete der Held und erhob stolz das Haupt auf dem breiten Nacken über den Muskelmassen der mächtigen Schultern.

Eurystheus grinste und sprach:

"Töte mir den Löwen von Nemea!"

Da erbleichte der Held unter seinem krausen Barte, denn er sah vor sich ein Ding der Unmöglichkeit. Eurystheus hätte ihm ebensogut befehlen können: "Führe mir den Hund Zerberus aus dem Tartaros hier vor!" oder: "Nimm dem Atlas, der das Himmelsgewölbe schleppt, seine Last von den Schultern!" Und der Held begriff bei des Eurystheus Befehl, daß die Götter sein Ende wünschten. Finster wandte er sich darum ab und raunte in seinen Bart: "Es sei!"

Und er ging. Er durchschritt den vielsäuligen Palast und nahm seinen Weg mitten durch die Scharen der Mykener. Groß und finster stapfte er dahin, den Kopf hatte er leicht gebeugt: es schien, als ob ein dräuender Gott durch ihre Reihen hinschritte. Er ging durch die vielen Pforten der Stadt und schlug den Weg ein, der zum Walde führte. Rings um ihn breitete sich die kahle Ebene aus, und in der Ferne sah er der blauenden Berge einzeln hervorragende Häupter. Der Himmel wölbte sich unergründlich tief über ihm, und in dem duftigen Thymian der Felder zirpten laut die Grillen. Vor dem Helden dunkelte gespenstisch und geheimnisvoll der Wald. Gleich als trüge er wie eine unsichtbare Last seine Traurigkeit auf dem breiten Joch seiner Schultern, so schritt Herakles dahin. Unter seinen breiten Füßen wirbelte der Staub in großen Wolken auf. Einmal blickte er wie vorwurfsvoll zum unergründlichen Himmel empor. Dann aber ließ er wieder den Kopf hangen und schaute auf die Staubwolken zu seinen Füßen. Er schritt dahin, als ginge er seinem Ende entgegen: er fühlte Leid in seinem Herzen, und es war, als schmerze ihn seine mächtige breite Brust. Heras Haß brachte so viel Weh über ihn ob seiner Übeltaten und seines Muttermordes. Sein Hochmut litt unter seiner Erniedrigung. Um den verlorenen Hylas litt er, und mehr als all dieses Leiden schmerzte es ihn, daß seiner Tage Ende zu nahen schien und seine sonst grenzenlose Kraft durch einen einzigen Schlag von der Vordertatze des Untiers gebrochen werden sollte, das Typhon, der Riese, aus dem Schoße der Drachenjungfrau Echidna erzeugt hatte: sie beide waren die grauenvollen Erzeuger furchtbarer Brut, Typhon mit den hundert Drachenköpfen und Echidna, die Jungfrau mit dem Schlangenleib, die ewig Mutter und ewig Jungfrau war, sie beide, die Entsetzlichen, unersättlich als Liebende wie als Geliebte, die Erde und Himmel erschreckten und die Götter vor all den kaum bezähmbaren Ungeheuern erschauern ließen, die sie aus ihrem Schoße erweckten: Chimära und Sphinx, Zerberus und Gorgo. Auch das nemeische Ungeheuer war eine Frucht ihrer entsetzlichen, aller göttlichen Gesetze des Maßes und der Schönheit spottenden Liebe. Typhon selber hatte einst den Zeus besiegt, bevor der Vater der Götter ihn unter dem Ätna zerschmetterte. Wie sollte nun des Zeus Bastardsohn Typhons unsterbliche Brut vernichten können? Der Held dachte nicht an Sieg. In seinem leidvollen Herzen war die wehe Gewißheit, daß er seinem Ende entgegenginge. Als er die Ebene durchschritten hatte, trat er in den dunklen Eichwald von Kleonä. Um des Herakles muskelstarke Riesengröße ragten die nicht minder gewaltigen riesengroßen Eichenstämme. Sie wanden sich, vor Kraft berstend, bis ihre Rinde krachte, und ihre Wurzeln zogen sich weithin, gleich als wollten sie sich vom Stamme entfernen ... Aus den gekrümmten Stämmen reckten sich die mächtigen Zweige mit den schwellenden Knospen, und aus ihren Gabelungen wölbten sich die schlanken Zweige unentwirrbar zu einem dichten Dome. Das raschelnde Laub schwieg niemals und rauschte in einem fort. Und Herakles glaubte in diesem Laubgang durch die sich ewig regenden Blätter die mächtige, beinahe jubelnd lachende Stimme seines Vaters Zeus zu vernehmen, so wie diese Stimme durch die Eichenstämme von Dodonas heiligem Walde sang und lachte. Und sie erfreute das leidvolle Herz des Herakles, und ihr bezaubernder Klang gab es dem Helden ein, einen der jüngsten Eichenstämme mit seinen muskelstarken Armen zu umspannen. Der Baum, zwar jung noch, war schon stark wie ein junger Riese, und es schien fast, als ringe Herakles mit einem Riesenknaben. Auf ihren Kampf, den Kampf des Helden mit dem Baume, blickte der durch das Laubwerk dringende Sonnenschein in wechselndem rotgoldenen Glanze. Herakles riß und zerrte an dem zähen, jungen Baum, als wollte er, der riesige Ringkämpfer, einen anderen seinesgleichen besiegen. Der Baum hielt stand, ächzte, krümmte sich, blieb aber fest auf seinen Wurzelfüßen stehen. Plötzlich schlug er seine Zweige wie in Verzweiflung ob seiner Niederlage in die Luft, und diese Bewegung ließ den Himmel klarer hereinschauen, während das Laub zu dem Laub der anderen zuschauenden Bäume schmerzvoll emporrauschte. So wie sie mit tiefer dunkelndem Blätterwerk schmerzvoll rauschten, rauschen die wiegenden Wogen des Meeres mit anderen echoweckenden Wogen zusammen, hin und wieder. Nun hielt der Held den jungen Baumriesen entwurzelt in seinen Armen, umklammerte ihn, drückte ihn an seine Brust: seine Schenkel waren gestrafft, die Kniee gebogen, die Waden geschwollen, die Füße breit aufgestellt. Und nun legte er die besiegte Eiche wie einen Toten auf den Boden nieder, über die Wurzelfüße der anderen Bäume, auf das schwere, üppig wuchernde, lichte, grüne Moos. Da lag der junge Baum, und seine Blätter sangen nicht mehr: es war, als sei die Stimme des Zeus in ihm erstorben. Herakles hatte sich ihm zur Seite gesetzt und blickte zu der weiten blauen Kuppel hinauf, die sich über dem entwurzelten Baum aus der Himmelstiefe gewölbt hatte. Der Held saß von Licht übergossen inmitten des dunkeln Laubes. Er summte zwischen seinen bärtigen Lippen den fast ganz verstummten, leisen Sang nach, dieweil seine Seele nicht mehr so sehr von Kummer bedrückt war. Er blickte auf den toten Baum, und seine beiden mächtigen Hände streckten sich zu einem der Zweige aus, der weithin gebreitet dalag wie ein Arm. Und mit seinen Fäusten umfaßte er diesen Zweig und brach ihn, riß ihn ab und stürzte sich auf den jungen, zarten Bast, stürzte sich auf das fast weiße, zuckende Fleisch des noch lebenden, gefolterten Holzes. Nach diesem Ast brach er einen zweiten ab, dann einen dritten, einen vierten. Und nach den Ästen griff er in die Wurzeln, riß sie aus, zerrte die üppigen Zweige und wilden Blätter mit starken Händen vom Stamme herab und warf sie fort und streute ihr Laub ringsumher. Um Herakles sah es nun aus wie nach dem vernichtenden Toben eines Sturmes, der sich wütend auf diesen einen jugendlichen Riesenbaum gestürzt hatte, und ernst, schweigsam und finster schauten die anderen Bäume zu. Herakles aber saß breitbeinig auf einem Ast und streifte Blätter und Zweige von dem Baume ab und sang nun selbst den rauschenden Sang, den die Bäume nicht mehr sangen. Und endlich seufzte er müde auf und blickte auf den gefällten, zerstörten Baum zu seinen Füßen. Der junge Riesenbaum lag breit da, und seine Wurzelenden verjüngten sich nach oben. Der junge Riesenbaum war seiner Äste und seiner Blätter beraubt, war zu einer knorrigen Keule geworden, und als Herakles sich erhob und diese Keule maß, reichte sie ihm bis an die Schultern. Sinnend dachte er darüber nach, ob er sich wohl eine dauerhafte, kräftige Waffe geschaffen habe, und betastete die Keule, die er auf dem breiten Baumstumpf aufstellte, wie ein Ringer die Muskeln seines Gegners betastet. Hart waren die Knorren des weißen zerschundenen Holzes, und Herakles war zufrieden und lehnte sich ermattet auf das schmalere Ende der Keule, das er in seine Achselhöhle preßte. Rings um ihn senkte sich aus dem dunklen Himmel die Nacht herab, und die Bäume und der ganze Wald nahmen in der Nacht ihren rauschenden Sang wieder auf, der die Dunkelheit durchtoste.

Der Held ruhte sinnend aus, wie er so auf seine Keule gestützt stand. Und während seine Blicke die Verwüstung schauten, fühlte er, wie von neuem, von neuem Sorge und trübselige Hoffnungslosigkeit sein leidvolles Herz erfüllte ... ungeachtet seiner Waffe, die ihm gar wohl gefiel ...

3.

An der Grenze von Kleonäs Eichenwald lagen in der sternenlosen Nacht die Stämme schräg übereinander gestürzt, gleich als hätten verwüstende Orkane den düsteren Wald durchtost, und unter dem matten Schimmern des Nachthimmels, in dem unbestimmten Schatten der Felsen, durchhallt von der Klage des stöhnenden Sturmes, dehnte sich die Ebene Nemea wie eine verfluchte Wüste aus, wie eine steinige Weite, wie ein starres Entsetzen. Und der Held, der aus dem Walde kam. zögerte, sie zu betreten, denn sie dünkte ihn ein unseliges Schlachtfeld. Die gefällten Bäume lagen da wie die Leichen von Riesen, ihre Arme waren wie nach einem Todeskampf unbeweglich ausgestreckt, und immer wieder stieß des Herakles Fuß an ihre dem Erdboden entrissenen Wurzeln, rührte er weiter an die runden Totenköpfe und Menschengerippe, davon die Ebene übersät war, über die eine sternenlose Nacht ihren unbestimmten Schein breitete, den sie schon von dem noch zaudernden Morgengrauen entlieh. Und die Rippen und der Gebeine zerbrochene Knochen hier und dort und die kugelrunden Totenköpfe mit ihren schwarzen, augenlos starrenden Höhlen schimmerten heller als das noch in Schatten getauchte Felsgestein, das sich höher und höher zu einer Felsenwand emportürmte: von ihr ward die Ebene des Entsetzens abgeschlossen, und hinter ihr versteckte sich der Herr alles dieses Entsetzens, der Sproß der Echidna und des Typhon, der Löwe, der entsetzliche Löwe ...

Hinter dem Helden, der zauderte, schlich strauchelnd, einem Schemen gleich, die armselige Gestalt Molorchos', des Hirten: den runden Hut hatte er tief in die Stirn gedrückt, den Leib in eine haarige Lammshaut gehüllt: mit seinem langen Stecken tastete er über die Steine und die herumliegenden Gebeine: vorsichtig schritt er vorwärts, und seine stotternden Lippen stammelten angstvoll:

"Herr und Held Alkeios, Sohn des Zeus, den wir Herakles heißen, weil der Hera Haß Euch Ruhm bringen wird, erlaubt, daß ich in den dunklen Wald zurückkehre, nachdem ich Euch bis zu dieser Ebene geführt habe. Denn wie kann ich Armseliger Euch, dem Helden, noch weiter Beistand leisten? Hier liegen inmitten der umgewühlten Bäume und Felsen die bleichenden Gebeine all jener verstreut, die der Löwe in sein Reich schleppte, die das ringsum gefürchtete Ungeheuer in unersättlicher Gefräßigkeit verschlang. Wehe, unter diesen verbleichenden Gerippen und Köpfen stößt mein Fuß jetzt vielleicht an die meiner eigenen Sprößlinge. Herr und Held Alkeios, o herrlicher Herakles, möge die Keule, die Ihr anstatt eines Bogens und der Pfeile wähltet, Euch gegen den Bösen helfen, auf daß Ihr ihn zu Euren Füßen fället ..."

Allein Herakles, der in seinem Herzen nur trübe Hoffnungslosigkeit barg, machte Halt inmitten der steinigen Ebene, streckte die Hand nach dem Hirten aus, legte sie ihm schwer auf die zitternde Schulter und sprach:

"Greis, hast du mich bis hierher geleitet, so erteile mir nun deinen letzten Rat: was tue ich, daß meine Keule und meine Kraft den Gefürchteten vernichten?"

Der Held hielt sein Ohr an des Greisen murmelnden Mund, als lauschte er dem Orakel selber, und fing in der Nacht diese Worte auf:

"Hört, Held: das böse Getier mit dem riesigen Maule schnarcht gesättigt seinen Rausch in der Höhle aus, die es sich unter jenen Felsen grub und aus der es hier im Osten zum Vorschein kommt – oder dort im Westen, jenseits des Gebirges."

Und nun näherte sich des alten Hirten Mund noch dichter dem Ohr des Helden, und plötzlich vernahm Herakles seine Stimme, die klar ward, obwohl er flüsterte, und die nun zu jauchzen und zu jubeln schien: "Schließet ihn im Osten in seiner Höhle ein, mästet ihn im Westen mit Eures Vaters Wald, den er verwüstet hat, bis er übersättigt und matt zu Euren Füßen liegt."

Verwundert über des Hirten Molorchos Stimme blickte Herakles auf. Die Nacht ward plötzlich schaudervoll dunkel. Tiefe Schatten breiteten sich ringsumher. Die Stille war erfüllt von schwindelndem Entsetzen, und in der Ebene unseligem Grauen hatte die Stimme des Hirten bei allem Flüstern gedröhnt und gejauchzt! Und jetzt – jetzt sah Herakles, wie es um ihn her zu leuchten begann, sah, wie der Hirte zurückwich und im Zurückweichen zu wachsen begann, wie er in der Dunkelheit groß und licht zu werden und dann im Dickicht des Eichenwaldes zu verschwinden schien, in dem es vor dem wehenden Winde zu rauschen begann, vor einem frohen Sturm, der die Blätter nach allen Seiten hin verstreute.

Wie mit Dumpfheit geschlagen stand der Held da und vermochte sich der Worte des Hirten nicht mehr zu entsinnen. Da sah er, wie im Osten ein langer, bleicher Lichtstrahl aufging...

Und dann... dann dröhnte ein ungeheures Gebrüll über die Ebene, daß die Erde erzitterte und die Felsen wankten, und es war, als müsse der Himmel unter dem Widerhall bersten, der sich an den Wolken brach.

4.

In dem blassen zitternden Morgenlicht erstieg das entsetzliche Untier den gekerbten Fels. Eine ungeheure, riesengroße Löwengestalt war es, mit beinahe menschlichen Zügen unter der steil aufragenden Mähne, und mit langen, rauhen, roten Haarflocken an dem Körper, von dem es wie Schwefeldampf ausging. Der üble Dunst dieses Dampfes durchdrang die Luft, und das Tier peitschte wie rasend mit seinem Schweif den vom fahlen Glanz des Morgengrauens aufgehellten Nebel. Indes es brüllte, spie es Flammen aus seinem Maule wie aus einem Krater aus, und seine Feuerzunge selber verblaßte in dem roten Rauch. Sein rotes, flammenlockiges Fell schien, von innerem Brande durchglüht, keine Feuchtigkeit, sondern nur sengende Hitze auszuschwitzen.

In der Ebene stand, mit Sinnlosigkeit geschlagen, der Held und wähnte aus einem wilden Traum zu erwachen. Allein das Tier brüllte auf dem gestuften Fels, daß es wie Grollen des Donners klang, und sprang gen Himmel, raste unter der steilen Mähne und stürzte dann in wilder, taumelnder Wut die Felsen hinab...

Es war, als ob ein roter Blitz aufleuchtete und als Feuerstreifen seine brennende Spur hinterließ.

Der Held in der Ebene vergaß seiner Furcht. Er bereute es jetzt, daß er seinen starken Bogen und die stählernen Pfeile abgelegt und sich statt ihrer die schwere, knorrige Keule gewählt hatte. Doch all sein Sorgen und all seine trübe Hoffnungslosigkeit schwand wie dumpfer Nebel, nun er sah, wie das rasende Tier die Felsen hinunter auf ihn zujagte und in seinem Daherstürmen die steinerne Ebene mit grell-feurigen Blitzen erhellte. Der Held lachte sein frohes Lachen, weil das große Tier sich gleich einer wie toll daherspringenden, vor Bosheit trunkenen Katze gebärdete und auf ihn loszuspringen drohte. Er hatte sich breit auf seine beiden Füße hingepflanzt. Die Sohlen waren wie in den Boden gewachsen, das vordere Bein hatte er gebogen, seine Schenkel strafften sich, das Knie schien wie ein großes Viereck, und die Waden spannten sich. Die Keule hatte er mit beiden Fäusten hoch emporgehoben, und so schwang er sie nun, gleich einem schweren Baum. Und wieder lachte sein froher, junger, bärtiger Mund; sein Lachen ließ die Adern an seinem Nacken schwellen: seine Schultern zuckten, seine Brust bebte, und seine Rippen hoben und senkten sich, dieweil sein ganzer Rumpf sich jetzt zugleich mit der geschwungenen Keule nach rückwärts neigte.

Er wartete ab. Rings um das im Zickzack anschleichende Ungeheuer, dessen roten Rücken er sah, und rings um die riesenstarke heldenfrohe furchtlose Erwartung des Helden woben und wogten graue Nebel, umhüllten die Felsenlandschaft, und die letzten Bäume des Eichenwaldes schauten still, angstvoll, reglos zu. Da schien das heranschleichende Untier auf seinen breiten Klauen rückwärts zu gleiten, als bereite es sich zum Sprunge vor, und dann hob es sich zu einem hohen Satze gegen den Helden. Die aus den Höhlen tretenden feurigen Augen schossen grelle Blitze, das einem Krater gleiche Maul spie flammenden Schwefeldampf und lohende Flammen aus. Der Löwe atmete aus allen Poren beißenden Qualm aus und wollte sich auf den Helden stürzen: da beschrieb die hochgeschwungene Keule einen raschen Halbkreis und sauste auf den steinharten Schädel nieder. Brüllend taumelte das Ungeheuer durch die Luft, als es getroffen war, rollte über die Felsen, während die viereckigen Pfoten wie rasend zitterten, warf sich dann auf die Seite, sprang auf, brüllte und sprang wieder hoch. Wiederum beschrieb die schwere Keule den raschen Bogen, und wiederum sauste sie auf den steinharten Schädel herab, und rasend vor Wut und vor Schmerz brüllte das Tier und taumelte und warf sich empor und wiederholte rascher seinen Sprung – doch rascher noch sauste auch jetzt die Keule auf seinen Kopf herab. Und aus des Tieres aufgesperrtem Maul kam ein Brüllen und Heulen, während es sich hinter dem Felsblock versteckte. Da eilte der Held lachend und leichtfüßig, an eigenen Tod, an eigene Vernichtung nicht mehr denkend, um den Felsen herum und ließ seine Keule wiederum auf den Schädel herabsausen, und das Tier wich feuerschnaubend und blutroten giftigen Geifer speiend auf seinen mit furchtbaren Klauen bewehrten Pfoten zurück und wandte sich und floh. Gleich einer ungeheuer großen Katze, die erschreckt, worden war, wich das Tier durch die östliche Pforte seines Schlupfwinkels zurück und verschwand im Dunkel der Höhle. Golden schimmerte der Morgen über den grauen Felsen, über den glatten, weißen Köpfen und Gebeinen, die den Boden übersäten, über den plötzlich wieder raschelnden Baumgipfeln.

Und Herakles stand riesengroß und verwegen da und schwang immer noch die Keule. Nachdem er das Untier vertrieben hatte, blieb der Held ganz verdutzt im Sonnenschein stehen, der jetzt heller leuchtete, nachdem die Dämpfe und Nebel geschwunden waren, bis er plötzlich in seinem erwachenden Gedächtnis von ferne einen lauten, schwellenden, jubelnden Klang vernahm, der also tönte:

"Schließet ihn im Osten in seiner Höhle ein, mästet ihn im Westen mit Eures Vaters Wald, den er verwüstet hat, bis er übersättigt und matt zu Euren Füßen liegt."

Die großen, graublauen Augen des Helden blickten heiterer drein und leuchteten freudig auf, nun er begriff, nun er Athenas Geist in sich erwachen fühlte, nun er wußte, daß Zeus selber sich in dem alten Führer Molorchos verborgen hatte. Und sein junger, froher, bärtiger Mund lachte. Er warf seine Keule weg und bückte sich und riß mit seinen Armen einen Felsblock aus. Mit dem Felsen eilte er, gleich als trüge er spielend ein Kind auf den Armen, an die östliche Pforte der Höhle und warf den Block vor das dunkle Loch, daß es donnerte. Und er bückte sich und riß einen zweiten Felsblock hoch und warf auch ihn donnernd vor das Loch, und er bückte sich wieder und wieder, riß Felsen empor und stapelte sie vor der gähnenden Öffnung hoch auf. Darauf eilte er mit großen Schritten zu des Zeus Eichenstämmen, die das Ungeheuer am äußersten Rande des Waldes durcheinandergewühlt hatte, und bückte sich und riß die Bäume hoch. Auf seiner Schulter trug er zwei, drei Stämme, eine leichte Last, und rannte mit ihnen den Felsberg hinauf. Blauer Schatten fiel gleich einem kühlen Bade auf ihn herab, und die westliche Pforte der Höhle des Untieres öffnete sich wie dessen eigener entsetzlicher Rachen, denn sie spie das gewaltige Brüllen des geflüchteten Löwen aus, das donnernd die Erde erzittern ließ. Allein der Held lachte, froh ob des Zeus und der Athena Hilfe, die er beide mächtig in sich, in seinem Kopf und in seinem Herzen fühlte und in seinem engen Hirn, in seiner weiten Brust, in seinem kleinen Schädel, in seinen beseelten Riesenkräften. Und Stein an Stein schlagend ließ er die Flammen in die dürren entwurzelten Bäume sprühen. Eine helle Lohe schlug empor, und des Zeus Eichen wurden zu Herakles' Fackeln. Drei brennende Stämme lud er auf die Schulter und eilte in die Höhle hinein. Seine Fackeln gaben ihm Licht und schufen wider das in der tiefen Höhle versteckte Untier einen unerträglichen, gottgewollten, heiligen Qualm. Es prallte zurück und dampfte seinen eigenen Dunst aus. Es spie Flammen, und es war, als ob Feuer gegen Feuer kämpfe. Die wild brennenden Eichenstämme verbreiteten ihre Glut und erstickten den Feuerbrodem des Untiers und das Untier selber. Stöhnend öffnete es weit das Maul, das einem flackernden Abgrund glich, und prallte gegen die aufgestapelten Felsen im Osten zurück, wo es keinen Ausweg mehr fand. Da packten es die riesigen Hände des Helden an dem rothaarigen Nacken und warfen es nieder, dieweil die brennenden Eichen sein Werk beleuchteten. Und des Herakles steinharte viereckige Kniee preßten sich auf den keuchenden Leib des Ungeheuers, das nach Luft rang, und seine viereckigen Fäuste preßten sich fester um seinen Nacken, und die raschelnden Eichenblätter der flammenden Bäume regneten jubelnd wie ein Schauer goldenen Laubes in die furchtbare Höhle hinab ...

5.

Der Held war durch das Stadttor von Mykenä getreten: mit der linken Hand umklammerte er die Keule, über der rechten Schulter trug er als staunenerregende Siegestrophäe, die er mit sich brachte, den riesengroßen Löwen, dessen umwalltes Haupt ihm vor den ausschreitenden Füßen hing, während die klauenbewehrten Vordertatzen schlaff herabhingen, die Hinterpfoten über Herakles' Rücken baumelten, der Schweif gleich einer machtlosen Geißel durch den Staub der Straße schleifte. Da hatte sein Kommen ein so fürchterliches Entsetzen ausgelöst, daß Männer, Frauen und Kinder allzuhauf eilends vor ihm davonflohen und sich in ihren Häusern bargen und Türen und Fenster schlossen. Nur die Angesehenen unter ihnen drängten in den Palast des Eurystheus, dem sie zuriefen: "Herakles kommt mit dem Löwen! Herakles kommt mit dem Löwen!"

Und Eurystheus, der ihr Rufen nicht verstand, meinte, daß der Löwe den Herakles verschlungen habe und nun selber durch die Straßen Mykenäs schreite, und darum befahl er, daß man auf allen Seiten die Pforten des Palastes schließe. Doch schon hatte Herakles die Türhüter beiseite gedrängt und schritt mit seiner Beute herein, und Eurystheus entsetzte sich ob dieser Erscheinung, die ihn wie der Löwe selber anmutete, floh aus dem Kreise der verwirrten Höflinge, versteckte sich hinter seinem runden Marmorthron und flehte mit lauter Stimme Heras Beistand an, bis die Herolde ihm zuriefen:

"Fürst und Herrscher über Mykenä, herrlicher Eurystheus, strahlender Perseide, fürchtet nicht den Löwen, denn Euer Sklave Alkeios, des Zeus tapferer Bastardsohn, legt Euch seinen nun kraftlosen Körper zu Füßen."

Eurystheus schaute hinter des Thrones Rückwand hervor und versteckte sich von neuem: er zitterte vor Todesangst und rief: "Gebietet dem Alkeios, daß er gehe und das Untier mitnehme, wohin immer er es haben will: nur hinweg aus meinen Augen, denn vielleicht ist es nicht tot, wie wir glauben, vielleicht wacht es aus einer Betäubung wieder auf."

Da hallte dröhnend des Helden helles Lachen von den tausend dorischen Säulen wider, gleich als würde tausend gefügigen Saiten eine jubelnde Musik entlockt. Er zerrte sich seine Beute von der Schulter, schleuderte sie vor den Thron und rief:

"Herrlicher Held und Vetter, strahlender Perseide, verschwinde nicht gleich der westlichen Sonne hinter deinem Thronhimmel, sondern laß mich auf deinem strahlenden Antlitz die dankbare Freude darüber erschauen, daß ich den Löwen, der dein Land heimsuchte, erlegt habe und seinen wehrlosen Leib dir zu Füßen lege. Eurystheus, allmächtiger Herrscher der Erden, der du der strahlenden Sonne gleichst, erhebe dich gleich Phöbus Apollo, steige empor an deinem Himmel, so du nicht willst, daß mein toter Löwe vor lauter Freude darüber, daß du ihn noch immer für gefährlich erachtest, sich in ein neues Leben brülle und sich dann, ohne deiner Majestät zu achten, an deinen fürstlichen Schenkeln gütlich tue."

Und des Herakles dröhnendes Lachen scholl an den Säulen entlang. Allein Eurystheus rief hinter dem Thron hervor: "Hinweg aus meinen Augen! Aus meinen Augen dieses Ungeheuer! Weg, weg von hier!"

Herakles gehorchte, noch immer laut lachend, riß fügsam den Löwenleib an der Mähne empor, warf ihn sich über den Rücken und rief: "Ich spute mich, Herr, ich eile, Herr, denn fürwahr: der Löwe wird wieder lebendig."

Und im Trabe eilte er an die Pforte und warf den Löwen auf den Platz, dieweil die Türhüter hinter ihm die Pforten schlossen.

Das Volk scharte sich dicht um den Helden und den Löwen. Und alle jubelten erfreut auf, doch mit verhaltener Freude, damit Eurystheus sie nicht hören sollte, und fragten:

"Was tun wir, Herakles, mit dem toten Untier, das Eurystheus sich zu nehmen weigert?"

"Zieht ihm die Haut ab," sagte der Held lachend, "und gerbt mir das Löwenfell, daß es mir zum Mantel werde und über meinen Rücken auf die Füße herabfalle."

Und mit dröhnendem Lachen, einem Lachen, das Straße und Platz erfüllte, schritt er, die Keule über der Schulter, zu dem silbern leuchtenden Birkenwalde hin, der in der sinkenden Nacht schimmerte.

6.

Dort legte er sich zur Ruhe, und ihm war traurig zu Sinne. Ringsum erhoben sich die zarten Birken wie silberne Springbrunnen, und ihr herabhängendes Laub glich langsam herniedertropfenden Wasserstrahlen, die vom Schein des aufgehenden Mondes beschienen waren. Wie ein weißes, weites Meer breitete sich der Hain in der weiten weißen Nacht aus, und über diesem mattschimmernden Wasser lag wie stille Wehmut ein weißer Nebel. Flüsternde Halme und silbern leuchtendes Schilf und hell zitternde Iris erblühten am sacht rauschenden Meeresufer. Eine klare Luft, ein wolkenloser, stiller, blauer, klarer Himmel wölbte sich darüber, und matt leuchteten die Sterne.

Unter dem herabhängenden Birkenlaube lag Herakles, und ihm war trübe zu Mute. Seine Kräfte waren erschöpft, seine Muskeln entspannten sich und wurden schlaff, seine matten Augen, die so groß waren und an Glanz dem lichten Himmel glichen, blickten müde und träumerisch über das Meer. Gleich einem jungen und kräftigen schlafenden Freunde lag ihm zur Seite die Keule, die er liebgewonnen hatte und die seine Hand behutsam streichelte, als wollte er des Freundes Ruhe nicht stören.

Kaum ein Laut drang durch die Nacht, nur das Rauschen der Wasser war zu vernehmen und das wehmütige Singen der Halme, die von dem Winde bewegt wurden. Allein Herakles schlief nicht neben seiner ruhenden Keule. Er gedachte voller Kummer an die Seinen, die er getötet hatte, als Hera ihn mit Raserei erfüllte: an Alkmene, die Mutter, an Megara, die Gattin, an seine starken Söhne, seine schönen Töchter, an alle, die ihm lieb gewesen waren und die er in wilder Wut, verblendet, erschlagen hatte, daß ihr Blut ihm zu Füßen floß, als er aus seinem Wahn erwachte. Er gedachte seines Kummers um den lieben Knaben Hylas, den man ihm so grausam geraubt hatte: sein einziges Glück, seinen einzigen Trost, die Freude seiner unfrohen Tage, und in ihm war Gram und nicht endendes Leid ob seiner erniedrigenden Sklaverei. Er, der Sohn des Zeus, er, der einzig würdige Perseide, er, der kräftigste von allen, kaum Mensch noch, beinahe Gott schon, er, den die erhabene Hera, ihr selber unbewußt, an ihrem Busen genährt hatte – nun Sklave des Mißgestalteten, ihres Lieblings, des Eurystheus, den sein Fuß leichtlich zertreten konnte wie eine Kröte! Zeus und Athena wachten über ihm, doch war es selbst diesen beiden Gottheiten unmöglich, das unbarmherzige Schicksal zu ändern. Das heiligste Orakel hatte ihm geboten, ohne Murren die zehn Werke zu vollführen, die Eurystheus ihm gebieten würde. Doch sollte es ihm möglich werden, Unmöglichkeiten zu vollbringen? Den Löwen von Nemea zu vernichten, war ihm ein nichtig Spiel gewesen: doch was würde Eurystheus jetzt in seinem spitzen Schädel grübelnd ersinnen? Und wenn nun das Schicksal am Ende wollte, daß ihm das nächste Werk mißlänge und daß er mit Schmach und Unehre beladen zu des Tartaros Tiefen hinabstiege?

Der Held seufzte tief und traurig auf, und seine traurige Mattigkeit ward noch größer als die Wehmut, die seine gespannten Muskeln und seine Kräfte schlaff machte. So erschöpft war er, daß ihm die Tränen in die Augen kamen. Und seine Hand streckte sich unwillkürlich nach der Keule aus, als wollte er in seinem Schmerz den schlafenden Freund wecken, nun Hylas nicht mehr dort ruhte. Er richtete die Keule schräg auf und stellte sie an einen Birkenbaum, unter dem sie nun beide, Held und Keule, Erquickung suchten; sein müdes, trauriges Haupt lehnte sich an die Knorren der Keule, und so schlummerte er ein, gleich als läge sein Kopf auf den Knieen eines jugendlichen Freundes.

Die weiße Nacht schwand, und das weiße Meer begann rosig zu schimmern, indes die Winde ganz still geworden waren und die Zweige der mattglänzenden Birken, Bronnen gleich, ihre Zauberstrahlen allüberall in den stillen Wald herabtropfen ließen, den die aufgehende Sonne mit rosigem Scheine färbte.

7.

Eurystheus, der auf seinem runden Marmorthron darüber nachsann, welches Werk er seinem Sklaven nunmehr auferlegen sollte, welches Werk so schwer, daß er ihm erliegen müßte und dem von Neid und Haß erfüllten Vetter nicht mehr vor Augen kommen würde, schrak empor:

"Was ist das für ein Lärmen auf den Straßen?" rief er seinem Herold zu, der in der Pforte der Thronhalle stand. "Was haben meine Mykener zu jubeln, und wem jauchzen sie so freudig zu? Gilt es vielleicht einem benachbarten König, der mich besuchen will, um mir, dem Perseussproß, seine Tochter als Gattin anzubieten?"

"Held der Helden, strahlender Fürst von Mykenä, der Ihr den Löwen von Nemea zu Tode brachtet und Eure Lande von dieser fürchterlichen Plage befreitet," rief Kopreus, der Herold, seinem Herrn zu, "es ist nur Euer demütiger Sklave, der Bastard Alkeios, der naht, um Euren zweiten Befehl zu vernehmen."

Eurystheus hatte sich zornig erhoben und eilte durch die Säulen an die geöffnete Pforte des Palastes: dann trat er aus dem weißen Portikus heraus auf die Treppenstufen und blickte unter der vorgehaltenen Hand auf die sonnenbeschienene Straße. Sah er recht, und hatte Kopreus die Wahrheit geredet? War es nur Alkeios, der Sklave, den Hera ihm, dem Eurystheus, zu Ehren demütigen wollte, der nun riesengroß, gleich einem unbekannten Gotte herannahte, und dem das zusammengeströmte Volk Mykenäs zujubelte? Die Säulen der Häuser waren festlich mit Laubgewinden geschmückt. Aus den Fenstern der Häuser hingen Purpurdecken herab. Auf den Treppen drängte sich die Menge, wie sie sich auf den Dächern drängte, und inmitten der einander stoßenden, freudig jubelnden, laut jauchzenden Scharen nahte wahrlich der Sklave Alkeios, den das Volk bereits Herakles nannte. Eurystheus erkannte ihn jetzt trotz der rasenden Wut, die ihn verblendete, weil der Held, der da kam, gleich einem neuen, noch nicht erschauten Gott voll Stolz und Kraft nahte: auf dem Haupte trug Herakles, der Riese, den Kopf des nemeischen Löwen, und der gewaltige Recke schien noch gewachsen, hob sich geradezu schaudererregend aus dem taumelnden Volk empor. Das tote Auge des gefällten Untiers in dem zum Helm gestalteten Kopfe funkelte grell wie ein Beryll: aus dem ungeheuren Rachen blitzten die entsetzlichen Zähne, und die rote Mähne fiel gleich wallenden Locken über des in stolzer Männlichkeit einherschreitenden Herakles breite Schulter herab. Das golden leuchtende Fell deckte des Helden Rücken, und um den Arm, der die Keule trug, fielen die Felle der Pfoten, an denen die scharfen Klauen sichtbar waren. So war er selbst einem Löwen gleich, einem Ungeheuer, das doch in seiner Wunderschönheit etwas Gottähnliches hatte, als er inmitten der anbetenden Menschheit näher heranschritt. Sein bronzefarbenes Antlitz, das der goldblonde Bart umrahmte, zeigte starke Züge und dabei eine bewundernswerte sanfte und liebeweckende Güte. Unter der niedrigen Stirn, in die sich bereits Runzeln eingegraben hatten und um die das dichte, goldbraune, lockige Haar unter dem Löwenhelm hervorkam, blickten die Augen, graublau wie der wechselnde Himmel, träumerisch und doch lachend über das herandrängende Volk hinweg, und seiner Lippen straff gewölbte Bogen entspannte ein wohlwollendes Lächeln. Die Männer bewunderten seine gleich Hügeln gewölbten Schultern, die verzweigten Stränge seiner starken Muskeln, die sich über seinen schweren Armen spannten, seine breite viereckige Brust, die sich hoch über die schlanken Rippen hob, die straffen Waden, den schwer auftretenden Schritt, den weiten Griff seiner guten, breiten Hand, damit er die Keule im Arm hielt. Die Frauen liebten ihn um seiner unwiderstehlichen Kraft und der so sichtbarlich ihm innewohnenden Güte willen, und sie fürchteten ihn nicht, wenngleich sie alle wußten, daß er seine Mutter Alkmene erschlagen, seine Gattin erwürgt, seine Söhne und Töchter in blinder Raserei zertreten und vernichtet hatte. Nein, sie fürchteten Herakles nicht, und sogar die Kinder fürchteten ihn nicht, ungeachtet des roten Fells, das ihn umhüllte. Sie fürchteten den Helden nicht und liefen sorglos heran, um ihn zu sehen. Vor ihm her schritten Mykenäs Jünglinge und trugen ihm Bogen und Köcher, die ihnen fast allzu schwer waren und daran sie, ihrer viele, zu schleppen hatten, und ihre Schwestern, Mykenäs Jungfrauen, streuten Rosen und Myrten vor seine Füße und schwenkten ihm Lorbeerzweige entgegen, gleich als wäre er der ersehnte Bräutigam.

So sah Eurystyeus ihn nahen, und er ward noch um einen Schatten bleicher von Neid, und Haß verzerrte seine Züge, und endlich schrie er schrill und heiser seinem Sklaven und allen zu, die ihm wie im Triumphzug eines Königs folgten:

"Alkeios und ihr, Mykener, seid ihr denn alle mit Torheit geschlagen, daß ihr in den ruhigen Straßen einer Stadt, die meiner Herrschaft Wohlfahrt und Freude verdankt, einen solchen Aufruhr verursacht? Was soll dieser jubelnde Ehrenzug eines, der ein Missetäter, ein Büßender, ein Sklave ist, bedeuten?"

"Herrlicher Überwinder des nemeischen Löwen, ruhmreicher Vetter, Perseide!" rief Herakles dem Eurystheus zu, "zürne nicht deinem dankbaren Volke, weil es mich statt deiner ehrt, so wie es auch mir das Fell des Löwen umhing, anstatt es dir umzulegen. Denn wer wüßte nicht, daß ein Fürst, ein Feldherr und Held wie du seine Statthalter, seine Schwertträger und seine Diener besitzt, die ihm das ungeheure Werk abnehmen, dessen Ehre dank der weisen Fügung des Schicksals dennoch dem Gebieter zufällt? Ich, Herr, trage nur für dich dieses Fell, das für deinen bereits etwas schwachen Rücken zu rauh und zu weit sein dürfte: so wie ich für dich, Herr, den Löwen erschlug, der ein wenig wild und wüst für dich und deine so leicht schlotternden Kniee sein mochte, die ihm wohl schwerlich seine eisernen Riesenrippen hätten eindrücken können. Aber wenn du, o Herr und Held und Fürst, im Triumph durch dein Land ziehen willst, werden die Jungfrauen Mykenäs dir die Rosen und die Myrten streuen und dir die Lorbeerreiser entgegenschwenken, und ich, dein Sklave, werde mit ihnen allen, vielleicht am kräftigsten und aus stärkster Lunge, dir zujubeln."

"Alkeios!" rief Eurystheus zitternd aus, "bei der göttlichen ehrwürdigen Hera, die mich beschirmt, bei dem strahlenden Phöbus Apollo, dessen heiligstes Orakel zu Delphi dich, du Mörder und Missetäter, meinem erhabenen Befehl unterstellte, ich befehle: tritt mir nicht mehr unter die Augen und vernimm diesmal mein Wort aus dem hell tönenden Munde meines Heroldes Kopreus: meine Majestät duldet nicht länger den entweihenden Anblick deiner Unwürdigkeit!"

Donnernd erscholl des Herakles Lachen, Eurystheus aber wich hinter die Säulen zurück und floh in seinen Palast, auf dessen Schwelle er dem Herold zitternd etwas zuflüsterte. Darauf schlossen sich die Pforten hinter dem Fürsten, und aus der vorderen Säulenhalle trat Kopreus und rief mit hell tönendem Munde, daß der eherne Klang über die lange Straße hinweg tönte:

"Töte die Hydra von Lerna!"

Das Lachen des Helden verstummte plötzlich, er stand da wie versteinert, denn jetzt fühlte er, daß ihm allzeit Dinge der Unmöglichkeit auferlegt werden würden bis zu seiner endlichen Schande und Schmach, und daß Hera mächtiger war als Zeus und Athena zusammen. Traurig und ratlos stand er da inmitten des erbleichenden Volkes von Mykenä. Dann wendete er sich ab und murmelte in seinen Bart: "Es ist gut." Und er schritt dahin in der Richtung auf die schwülen Sümpfe.

... Auf dem Platz vor dem Palast blieb das Volk in Schmerz und trüber Hoffnungslosigkeit versammelt, und die Jungfrauen schütteten ihre Körbe aus und schluchzten und fielen einander in die Arme. Eine düstere Nacht senkte sich über die Stadt: in der grauen Ferne zuckte ein Wetterleuchten auf ...

8.

Es war ein düsterer Morgen nach drei düsteren Tagen, die Herakles im Tempel seines Vaters Zeus zu Argos verbracht hatte, drei Tagen voller Büßen und Beten. Und während seiner Läuterung war das Gewitter nicht vom Himmel gewichen, und tiefe und schwere dunkelgraue Wolken, die hin und wieder barsten, standen über den grauen Bergen und über dem Agäischen Meer.

Rings um den geschlossenen Tempel blieb Tag und Nacht das in seiner Liebe erzitternde Volk versammelt und wartete, bis Herakles aus dem Tempel heraustreten würde, denn man wollte ihn mit allen Ehren dorthin geleiten, wo die Gefahr begann. Und Jolaos, der Lenker, führte an diesem Morgen den auf raschen Rädern dahinrollenden Wagen, der mit den schnaubenden wilden, weißen Rossen bespannt war, bis vor den Tempel und wartete zufrieden und mutig inmitten der finsteren Männer und der weinenden Frauen.

"Fürchtet nichts, o ihr Leute von Argos!" rief Jolaos. während er die wilden Hengste zügelte, die sich neben der Deichsel bäumten, so daß die Räder sich nach vorn drehten und dann wieder zurückglitten. "Fürchtet nichts für den Helden Herakles, der auch die Hydra von Lerna töten wird! Er hat als Kind die Schlangen erwürgt, die Hera wider ihn sandte. Seine Fäuste trafen, als er zum Jüngling erwachsen war, den Löwen von Thespiä. Und vor wenigen Tagen erst erlegte und erwürgte er den Riesenlöwen von Nemea. Fürchtet nichts, o ihr Leute von Argos! Der Held ist ja der Sohn des Zeus."

Und nun öffneten die Priester die Pforten, und an ihrer Seite trat Herakles, der Zeusentsprossene, aus seines Vaters Tempel und schritt dahin, als wäre er selber ein Gott. Den roten Löwenkopf trug er als Helm auf dem Scheitel, während ihm das gelockte Fell von den Schultern herab über den Rücken fiel. Er lächelte ruhig und voll sanfter Güte, und keiner von all denen, die zu ihm aufblickten, gewahrte die Wehmut in seinen Augen, deren Farbe dem grauen Morgen glich, durch dessen Wolken kaum ein Streifen