Haus der Hüterin: Band 6 - Der verschwundene Schlüssel - Andrea Habeney - ebook

Haus der Hüterin: Band 6 - Der verschwundene Schlüssel ebook

Andrea Habeney

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Opis

Rylees angebliche Tante, die betrügerische Adriana, ist auf einer der etwa tausend bekannten Welten verschwunden. Und mit ihr Rylees magischer Schlüssel, den sie dringend benötigt, um die Kräfte des Hauses zu nutzen. Doch bald findet Rylee eine Spur. Ihr Freund, der Vampir Vlad Tepes, verbietet ihr jedoch, auf eigene Faust auf die Suche zu gehen. Doch Rylee lässt sich nur ungern etwas verbieten und überraschend naht Hilfe aus völlig unerwarteter Richtung ... "Der verschwundene Schlüssel" ist Band 6 der Fantasy-Serie "Haus der Hüterin" von Andrea Habeney. Band 1 "Das Erbe", Band 2 "Das Erwachen", Band 3 "Das leere Bild", Band 4 "Das Portal" und Band 5 "Der Verrat" liegen ebenfalls bei mainbook vor. Weitere Bände folgen ...

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Das Buch

Rylees angebliche Tante, die betrügerische Adriana, ist auf einer der etwa tausend bekannten Welten verschwunden. Und mit ihr Rylees magischer Schlüssel, den sie dringend benötigt, um die Kräfte des Hauses zu nutzen.

Doch bald findet Rylee eine Spur. Ihr Freund, der Vampir Vlad Tepes, verbietet ihr jedoch, auf eigene Faust auf die Suche zu gehen. Doch Rylee lässt sich nur ungern etwas verbieten und überraschend naht Hilfe aus völlig unerwarteter Richtung …

„Der verschwundene Schlüssel“ ist Band 6 der Fantasy-Serie „Haus der Hüterin“ von Andrea Habeney. Band 1 „Das Erbe“, Band 2 „Das Erwachen“, Band 3 „Das leere Bild“, Band 4 „Das Portal“ und Band 5 „Der Verrat“ liegen ebenfalls bei mainbook vor. Weitere Bände der Serie folgen.

Die Autorin

Andrea Habeney, geboren 1964 in Frankfurt am Main, in Sachsenhausen aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie in Gießen Veterinärmedizin. 1997 folgte die Promotion. Bis 2013 führte Andrea Habeney im Westen Frankfurts eine eigene Praxis. Heute arbeitet sie als Tierärztin für eine Pharma-Firma.

Als Autorin hat sie sich einen Namen gemacht mit ihrer Frankfurter Krimi-Reihe um Kommissarin Jenny Becker: „Mörderbrunnen“ (Frühjahr 2011), „Mord ist der Liebe Tod“ (Herbst 2011), „Mord mit grüner Soße“ (April 2012), „Arsen und Apfelwein“ (2013), „Verschollen in Mainhattan“ (2014) und „Apfelwein trifft Weißbier“ (Oktober 2015).

Zudem hat Andrea Habeney zwei weitere Fantasy-E-Books bei mainbook veröffentlicht: „Elbenmacht 1: Der Auserwählte“ und „Elbenmacht 2: Das Goldene Buch“.

ISBN 978-3-946413-40-0

Copyright © 2016 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gerd Fischer

Covergestaltung: Olaf Tischer

Coverbild: © Christian Müller - fotolia

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Taschenbücher und E-Books www.mainbook.de

Inhalt

Haus der Hüterin

Andrea Habeney

Haus der Hüterin

Band 6: Der verschwundene Schlüssel

Fantasy-Serie

Rylee steckte die Nase in das Kissen, das noch nach Vladislaw Tepes roch, und inhalierte tief. Der Jahrhunderte alte Vampir war im Morgengrauen aufgestanden und hatte sie verlassen, um sich, wie er sagte, um wichtige Dinge zu kümmern.

Rylee konnte sich vorstellen, worum es sich dabei handeln musste. Vlad hatte einige Tage vorher Maribell, eine Vampirin, die mit Dunkler Magie herumgespielt hatte, in Rylees Herberge Securus Refugium abgeladen. Maribell war einige Zeit für jeden Vampir unwiderstehlich gewesen und hatte so für einige Schwierigkeiten gesorgt.

Vlad würde sie der Gerichtsbarkeit überstellen. Offenbar war der Gebrauch von Dunkler Magie strafbar.

Sie drehte sich um und räkelte sich. Es war die erste Nacht, die sie gemeinsam mit einem Mann in einem Bett geschlafen hatte.

Nach den traumatischen Ereignissen der letzten Nacht hatte Vlad nur ihre Gesellschaft gewollt, nicht mehr. Er hatte sie im Arm gehalten und ihren Rücken gestreichelt, bis sie endlich eingeschlafen war.

Rylee fühlte ein Kribbeln, aber auch mehr als eine Spur von Angst, wenn sie spekulierte, wie es mit ihnen weiter gehen würde.

Immer noch konnte sie nicht glauben, dass er ernsthaft an ihr, einer komplett unerfahrenen, jungen Frau, interessiert war.

Außerdem, der Gedanke ließ alle angenehmen Gefühle schlagartig verschwinden, war ihr Vertrauen kürzlich erst missbraucht worden.

Adriana war durch das magische Portal im Keller gekommen und hatte sich als ihre Tante ausgegeben. Unter dem Vorwand, sie in den Gebrauch des Portals einweisen zu wollen, hatte sie einen Verbrecher von einem Gefängnisplaneten befreit und war mit ihm sonst wohin geflohen.

Vorher hatte sie den jungen Squatch, der Dauergast in Rylees Herberge war, und ihren Wächter, den Kater Boh, entführt.

Seit gestern wusste Rylee, dass Adriana nicht ihre Tante und für den Tod ihrer Eltern vor sechzehn Jahren verantwortlich war.

Der Gedanke verdrängte die Erinnerungen an die vergangene Nacht. Sie stand auf, duschte rasch und zog sich an.

Als erstes klopfte sie an Squeechs Tür. Er lag noch im Bett, sah aber deutlich besser aus, als noch am Abend vorher. Boh lag auf seiner Decke und der Haufen Taschentücher auf Squeechs Nachttisch zeugte davon, dass seine Katzenhaarallergie nach wie vor nicht besser geworden war.

„Hey“, begrüßte sie ihn. „Gut schaust du aus. Soll ich dir Frühstück bringen?“

Er rutschte im Bett ein Stück höher. „Ich glaube, ich kann aufstehen“, erklärte er. „Ich werde vorher noch duschen.“

Als Wasserwesen musste er sich regelmäßig befeuchten, um nicht auszutrocknen.

„Dann gehe ich schon mal hinunter und bereite etwas vor. Was möchtest du?“

„Eier“, rief er begeistert, „und Speck, und Toast und Marmelade und dieses komische Zeug … ich glaube Honig heißt es?“

Rylee musste lachen. Squeechs Appetit war legendär und ein Zeichen, dass er das Trauma der Entführung gut überstanden hatte. Adriana hatte ihn in einem Dschungel voller Tiere und mindestens ebenso gefährlicher Pflanzen gefesselt zurück gelassen. Den Kater Boh hatte sie betäubt und an einen Händler auf einem anderen Planeten verkauft. Zum Glück waren Rylee und der Schamane Stephan in der Lage gewesen, Adrianas Portalreisen nachzuvollziehen, die beiden aufzuspüren und zu retten.

Nicht alle Reisen jedoch. Manche Ziele waren ihnen verwehrt geblieben und auch die Erkundung dessen, was sie für Adrianas Heimatwelt hielten, stand noch aus.

„Ich serviere dir auch das komische Zeug“, versicherte sie Squeech lächelnd und ließ ihn alleine.

Im Haus war es still wie lange nicht mehr. Außer Squeech hatte sie keinen einzigen Gast. Das würde sich jedoch sicher bald ändern. Endlich war ihr Portal offiziell genehmigt und das Haus auf eine Wertung von dreieinhalb von elf Diamanten hochgestuft worden.

Es wurde Zeit, sich weiter um die Einrichtung zu kümmern. Bisher konnte sie sich auf ihre Unerfahrenheit berufen, aber bald würden die Gäste höhere Ansprüche anmelden und ein Mehr an Ausstattung und Komfort erwarten.

Zunächst machte sie Frühstück. Squeech schlug sich den Bauch voll, schien danach aber wieder völlig erschöpft und zog sich zurück. Rylee würde später mit ihm über die Überwachungseinrichtungen sprechen müssen, die er ohne ihre Erlaubnis in seinem Zimmer zusammengebaut hatte. Aber das hatte Zeit.

Sie machte einen Rundgang durch den ersten Stock und räumte die Gästezimmer auf. Sie bezog die Betten neu und putzte überall, wo es nötig war. Dann suchte sie auf dem Speicher und in dem kürzlich entdeckten Lagerraum im Keller nach weiteren Einrichtungsgegenständen. Hier und da entdeckte sie einige Verbesserungen, die das Haus eigenständig vorgenommen hatte. Seit das Portal aktiv war, hatte es den größten Teil seiner Energie in seine Versorgung einspeisen müssen. Jetzt jedoch, wo Squeech einen Starkstromanschluss installiert hatte, würde es sich wieder mehr um andere Verbesserungen kümmern können.

Rylee legte die Hand auf die grob verputze Wand im Treppenhaus. Das Haus schien zu vibrieren und gleichzeitig Wärme abzugeben. Sie legte die Stirn an den Putz und schloss die Augen. „Danke für alles“, flüsterte sie und konzentrierte sich auf ihre Verbindung. Stirnrunzelnd ließ sie wieder davon ab.

Mit Adriana war auch der Schlüssel, der das Symbol ihrer Stellung war und ebenfalls als Verstärkung, als Katalysator ihrer Kräfte diente, verschwunden. Ohne ihn war es schwieriger, die Verbindung zwischen ihr und Securus Refugium wahrzunehmen und zu nutzen. Sie konnte nur hoffen, dass die angebliche Hüterin gefunden würde und den Schlüssel noch in ihrem Besitz hätte.

Die Chancen waren jedoch gering. Selbst Rylee, die vor ein paar Wochen nicht einmal von der Existenz fremder Welten gewusst hatte, war inzwischen klar, dass es nicht Hunderte sondern Tausende von ihnen gab. Adriana konnte zu jeder von ihnen gereist sein.

Mutlos schleppte sie die Teppiche, die sie in einer Truhe gefunden hatte, in den Garten und klopfte sie aus. Dann verteilte sie sie auf die Zimmer. Auch einige Lampen und Tischdecken waren in Kisten verstaut gewesen und zierten bald Gäste- und Esszimmer.

Zufrieden sah sie sich um und warf einen prüfenden Blick auf die Uhr. Sie sollte noch einkaufen und die Vorräte auffüllen. Aber zuerst stand noch etwas Wichtigeres an:

Sie nahm das Telefon und wählte die Nummer des Schamanen Stephan. Er hatte Boh zurückgekauft. Für eine, wenn Rylee es richtig verstanden hatte, immense Summe, die sie niemals würde zurückzahlen können. Trotzdem würde sie es irgendwie versuchen.

Er hob nach dem ersten Läuten ab. „Rylee! Ist etwas passiert? Geht es Squeech gut?“

„Er ist noch etwas müde aber guter Dinge und hat ordentlich gefrühstückt. Ich rufe wegen etwas anderem an: Ich wollte mich noch einmal bedanken. Gestern Abend ist es irgendwie untergegangen.“

Seine Stimme wurde weich. „Nicht nötig. Boh ist auch mein Freund.“

„Ich gebe dir das Geld zurück, aber ich weiß noch nicht wie. Wenn das Portal erst einmal läuft …“

„Das brauchst du nicht“, unterbrach er sie. Dann zögerte er einen Moment. „Ich habe auf meinen Reisen viel Geld verdient und auch meine Firma hier auf der Erde läuft gut. Die Summe ist für dich zwar riesig, für mich aber trotzdem kaum mehr als ein Taschengeld. Ich gebe es gerne für Boh aus.“

„Aber ich möchte das nicht!“, erklärte Rylee bestimmt. „Ich möchte es nach und nach zurückzahlen, wenn ich darf. Wie viel ist es in Euro?“

Sie meinte, ihn leise lachen zu hören. „Etwa eine Million.“

„Eine …?!“ Rylee verschlug es die Sprache. „Das meinst du nicht im Ernst?“

„Doch. Und der Preis war angemessen. Ich habe das Geld schon nach Aldibaran übertragen.“

„Aber das kann ich nie …“, meinte sie verzagt.

Jetzt lachte er offen. „Wie gesagt, ich will es nicht zurück. Aber du wirst bald eine reiche Frau sein. Du kannst hohe Gebühren für die Benutzung des Portals nehmen. Und wenn ich einmal irgendwohin reisen muss, kannst du mir die Passage ja schenken.“

„Wenn du meinst“, antwortete Rylee zweifelnd und verabschiedete sich, nicht ohne noch einmal zu versichern, dass sie alles tun würde, das Geld zurückzuzahlen.

Ihre Eltern, die Jahrzehnte lang das Haus geleitet hatten, mussten demnach ebenfalls über Geld verfügt haben, aber vermutlich hatte Adriana es bereits vor vielen Jahren gestohlen. Wäre es irgendwo im Haus versteckt, hätte es das Versteck sicher schon enthüllt und sie nicht nach ihrem Eintreffen fast ohne einen Cent ums Nötigste kämpfen lassen.

Das Portal … Zimmermann von der Gesellschaft, die den Häusern vorstand, hatte ihr erklärt, dass die Erschaffer der Portale eine Art Support böten.

Sobald es ihr möglich wäre, würde sie diesen in Anspruch nehmen. Vielleicht käme ihre Freundin Emily später vorbei und würde das Haus so lange hüten.

Und richtig, eine halbe Stunde später stand Emily, beladen mit Einkäufen, in der Tür.

Sie wirkte aufgeregt. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen blitzten.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Rylee belustigt. „Habe ich ein Auto wegfahren hören?“

Emily lachte. „Du wirst es nicht glauben! Ich nehme Fahrstunden!“

Rylee nahm ihr überrascht die Tüten ab. „Fahrstunden? Willst du dir ein Auto kaufen?“

„Ja, warum nicht? Ich bin damit viel mobiler, komme ein bisschen herum und die Einkäufe fallen mir auch leichter.“

„Was hast du denn alles mitgebracht?“

„Ich dachte, ich kaufe gleich für dich mit ein, falls du dich noch um Squeech kümmern musst. Oder schon auf dem Weg zu den Portal-Magiern bist“, setzte sie augenzwinkernd hinzu.

Rylee grinste verlegen. „Ich habe gerade daran gedacht. Lass mich die Sachen wegräumen. Was bekommst du an Geld?“

Emily winkte ab. „Diesmal nichts. Ich esse so oft bei dir.“

„Aber du hast auch schon so oft bezahlt. Und ich habe doch jetzt etwas Geld von den Gästen. Was ist es nur, dass mir heute jeder Geld schenken will?“ Sie erzählte von Stephans Angebot.

Emily nickte. „Nimm es an! Ich glaube nicht, dass Stephan eine Gegenleistung erwartet. Trotz eurer Situation.“

„Situation?“, stellte sich Rylee dumm. Sie wusste nur zu gut, was Emily meinte. Beide, Vlad Tepes, der Vampir, und Stephan, der Schamane … beide waren an ihr als Frau interessiert.

Und beide bewegten etwas in ihr, doch mittlerweile kristallisierte sich heraus, dass es nur Vlad in ihrem Bauch kribbeln ließ, während Stephan mehr und mehr zu einem guten Freund wurde. Vielleicht der Beste, den sie je hatte …

Sie wechselte das Thema. „Ich hätte auch gerne Fahrstunden“, meinte sie sehnsüchtig. „Aber wann und wie?“

„Das ist doch kein Problem. Das Haus kannst du mittlerweile ein paar Stunden alleine lassen. Und der Fahrlehrer holt dich hier ab. Du musst nur zur Theorie in den Ort. So lange kann ich hier die Stellung halten.“

„Das würdest du tun? Ich würde gerne fahren lernen und ein Auto habe ich ja sogar schon!“

Im alten Schuppen hinter dem Haus hatte sie einen ebenso alten wie gut erhaltenen SUV gefunden.

Dann kam ihr eine Idee. „Du könntest den SUV fahren, bis ich einen Führerschein habe. Dann steht er wenigstens nicht nur herum!“

Emily zögerte. „Du weißt, ich bin nicht arm“, meinte sie dann, „allerdings ist es eine recht gute Idee. Wir können zum Beispiel gemeinsam einkaufen fahren.“

„Also ist es abgemacht!“, erklärte Rylee. „So bald wie möglich probieren wir, ob er überhaupt noch fährt. Er braucht sicher eine neue Batterie. Ich könnte wetten, Squeech reißt sich darum, sie einzubauen.“

Gemeinsam räumten sie die Einkäufe weg. Dann trat Emily an die Kaffeemaschine. „Ich koche mir jetzt einen Kaffee, setze mich auf die Veranda und du kümmerst dich um einen Termin bei diesen Portal-Magiern.“

Rylee nickte begeistert. Sie dankte Emily und machte sich auf den Weg in den Portalraum. Zunächst räumte sie die Bilder, die heruntergefallen waren, weg. Dann trat sie an den großen Spiegelrahmen an der Stirnseite des Raumes und betrachtete die Steuerungskonsole daneben. Eine grüne Taste in der Mitte, hatte Zimmermann gesagt. Und richtig, da war sie, groß wie ein altes Fünfmarkstück. Etwas war darauf eingeprägt. Sie beugte sich vor und versuchte, das Symbol zu erkennen. Es handelte sich um eine Art Lorbeerkranz, der jedoch eine quadratische Form hatte.

Prüfend sah Rylee an sich herunter und strich sich ein letztes Mal über die Haare. Ihr Herz pochte in ihrem Hals. Dann drückte sie entschlossen die Taste.

Ohne dass sie weitere Ornamente am Rahmen des Spiegels drücken musste, öffnete sich das Portal.

Im gleißenden Licht konnte sie wenig erkennen. Ohne zu zögern, machte sie einen großen Schritt hindurch, fühlte wieder das Ziehen und, diesmal schwächer, das Gefühl von Orientierungslosigkeit. Dann stand sie auch schon in einem konservativ eingerichteten Büro. Ihre Füße versanken in einem tiefen burgunderroten Teppich.

Hinter einem Schreibtisch aus dunklem Holz saß eine junge Frau in einem eng geschnittenen hochgeschlossenen Gewand. Auf der Front des Schreibtischs befand sich das selbe Symbol wie auf der Taste der Steuerungskonsole.

Freundlich und ohne überrascht zu sein über ihr plötzliches Auftreten, lächelte sie. „Guten Morgen!“ Sie warf einen prüfenden Blick auf ihren Monitor. „Auf Ihrer Welt ist doch Morgen?“

Rylee nickte. „Ja, hier denn nicht?“ Sofort schalt sie sich über die überflüssige Frage. Die Zeit lief, so viel wusste sie bereits, auf jedem Planeten anders.

Die Frau schien keinen Anstoß an der Frage zu nehmen. „Wir haben hier ein halbes Jahr Ihrer Zeitrechnung Tag und ein halbes Jahr Nacht. In der einen Hälfte kommt man kaum aus dem Bett, in der anderen kann man nicht einschlafen. Anstrengend!“

„Das glaube ich gerne“, bemerkte Rylee mitfühlend.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte die Frau. „Haben Sie einen Termin?“

„Nein“, bedauerte Rylee, „ich glaube, ich würde gerne einen ausmachen. Ich habe vor ein paar Wochen ein Haus mit einem Portal übernommen und kenne mich noch kaum damit aus.“

„Aber Sie benutzen es bereits?“, fragte die Frau alarmiert. „Dann ist es wohl besser, ich rufe Ihnen sofort einen Service-Magier. Ihr Name?“

„Montgelas“, sagte Rylee leise.

„Einen Moment. Nehmen Sie doch bitte kurz Platz.“

Rylee setzte sich und sah sich um. Der Raum hätte sich in jedem x-beliebigen Bürogebäude auf der Erde befinden können. Nur Fenster fehlten. Und irgendetwas an ihm war seltsam.

Die Empfangsdame telefonierte leise über ihr Headset. Dann sah sie auf. „Dr. Peart hat gleich Zeit für Sie. Möchten Sie einen Krafcnik?“

„Ich weiß nicht einmal, was das ist“, sagte Rylee hilflos.

Die Frau tippte kurz etwas in das Computer ähnliche Gebilde vor sich. „Es handelt sich um ein Getränk. Auf Ihrer Welt kommt ihm Kaffee wohl am nächsten.“

„Sehr gerne“, antwortete Rylee aus vollem Herzen. Kaffee würde diese merkwürdige Situation sicher realer erscheinen lassen. Adriana, die falsche Hüterin, hatte ihr erzählt, die Gilde, die die Portale erschaffen habe, ließe niemanden an ihrem Wissen teilhaben. Wie viele Lügen hatte sie ihr wohl noch aufgetischt? Wahrscheinlich war alles, was sie ihr erzählt hatte, unwahr.

Wut stieg in Rylee empor, die sich gegen Adriana aber auch gegen sich selbst richtete. Wie hatte sie bloß so leichtgläubig sein können? Die Hoffnung, jemanden aus ihrer Familie zu finden und alles über den mysteriösen Tod ihrer Eltern zu erfahren, war einfach übermächtig gewesen und so war sie ein leichtes Opfer geworden. Vlad …

Ihre Gedanken wurden durch das Auftauchen eines extrem hochgewachsenen Mannes unterbrochen. Er war dünn wie eine Heuschrecke, überragte Rylee jedoch um mindestens zwei Köpfe. Seine Bewegungen waren eckig und schienen nicht ganz menschlich, als hätte er hier und da ein Gelenk zu viel.

Sein Lächeln war freundlich und er streckte ihr eine Hand mit überlangen Fingern entgegen.

„Rylee Montgelas!“, sagte er mit einer Stimme, die blechern hallte. „Es ist mir eine Freude. Ich habe Ihre Eltern gekannt!“

Rylee sprang auf und schüttelte die dargebotene Hand. Sie fühlte sich seltsam hart an, als wäre sie aus Stahl und nicht aus Fleisch und Knochen. „Wirklich?“

„Aber ja. Mein guter Freund Paice hat das Portal in Securus Refugium installiert. Ich war einmal mit ihm dort, um die letzten Einstellungen vorzunehmen. Wie geht es dem Haus?“

„Äh …“ Rylee wusste im ersten Moment nicht, was sie darauf antworten sollte. „Gut, glaube ich. Als ich es übernommen habe, hatte es lange geschlafen. Aber es ist mittlerweile schon wieder ziemlich aktiv und hilft mir viel …“, schloss sie lahm.

„Es ist ein feines Haus!“, erklärte der Lange. „Paice hat es sehr gemocht. Ich bin übrigens Dr. Peart. Kommen Sie bitte mit …“

Er winkte sie durch die Tür, durch die er gekommen war. Jetzt erkannte Rylee, was ihr an den Proportionen zuvor merkwürdig vorgekommen war. Die Türen waren höher als üblich, mindestens 2,5 Meter.

Peart führte sie in einen riesigen Raum, in dessen Mitte ein Portal aufgebaut war, das demjenigen aus der Fernsehserie Stargate aufs genaueste ähnelte. Peart sah ihren verblüfften Blick. „Ein kleiner Spaß von uns!“ Er kicherte. „Diese … wie sagt ihr … Fernsehserie lief gerade, als wir das letzte Mal auf der Erde waren. Sie hat uns ausgesprochen amüsiert. Als ein neues Lehrportal errichtet wurde, haben wir es als Vorbild genommen.“

„Im Prinzip ist es also egal, wie die Portale aussehen?“

Bevor er antworten konnte, erschien die Empfangsdame und brachte auf einem kleinen silbernen Tablett zwei Tassen mit einer schwarzen Flüssigkeit. Rylee roch vorsichtig daran, dann nahm sie einen winzigen Schluck und verbrannte sich beinahe die Zunge. Es schmeckte rauchig, aber gut.

Peart schien unempfindlicher zu sein. Er nahm einen großen Schluck, bevor er ihre Frage beantwortete. „Absolut egal. Wir bauen sie so, dass sie der Rasse, für die sie gedacht sind, angenehm sind. Und natürlich so, dass sie möglichst vielen Wesen erlauben, sie zu passieren. Was hilft einem Ratacamischen Glopsugarus ein Portal, das nur einen halben Meter Durchmesser hat?“ Er lachte und erwartete offensichtlich, dass sie einfiel.

Als er ihren verständnislosen Blick sah, wurde er geschäftsmäßig. „Ich vergaß, dass Ihr noch nicht viel herum gekommen seid. Wie seid Ihr aufgewachsen? Wieso war das Haus nicht bewohnt?“

In kurzen Worten erzählte Rylee von ihrer Jugend im Pflegeheim und wie Esterhazy von der Gesellschaft sie an ihrem achtzehnten Geburtstag abgeholt und ohne weitere Informationen oder gar Hilfe im Haus abgeladen hatte.

„Das ist ein Skandal!“, ereiferte sich Peart. „Hätten wir davon gewusst … Dafür muss die Gesellschaft zur Rechenschaft gezogen werden!“

„Das ist mittlerweile geschehen!“, beruhigte sie ihn. „Die Verantwortlichen wurden ihres Amtes enthoben. Es hat sich wohl nur um ein paar schwarze Schafe gehandelt, die über die Jahre in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.“

Dann ging sie einen Schritt auf das Portal zu. „Wie viele von denen gibt es dort draußen?“, fragte sie andächtig.

Mit einem Unterton von Stolz sagte er: „Siebenhundertunddreizehn. Auf über fünfhundert Welten.“

„Und überall dort könnte ich hinreisen?“ Die Vorstellung überwältigte sie.

„Technisch gesehen, ja. Praktisch gesehen nicht überallhin“, dämpfte er ihren Enthusiasmus. „Wir stellen die Portale her, der Besitzer entscheidet dann, wie sie eingesetzt werden. Manche werden ausschließlich privat genutzt, andere sind nur bestimmten Personengruppen zugänglich oder führen nur zu bestimmten Orten. Andere, meist die in großen Handelszentren, können theoretisch überall hinführen. Eures …“, sagte er und kam damit ihrer Frage zuvor, „kann das ebenfalls. Das ist selten für ein in einem Haus installiertes Portal. Nur durch seine Größe sind Beschränkungen gesetzt.“ Er sah ihren verwirrten Blick. „Na, was nicht durch passt, passt nicht durch!“ Wieder lachte er fröhlich. „So, dann wollen wir euch mal einweisen!“

Im Verlauf der nächsten Stunde erklärte er Rylee die Bedienung der Steuerung, die nicht viel anders als das Mailprogramm eines modernen PCs funktionierte. „Die Grundeinstellung des Portals haben wir vorgenommen, sodass Ihr alle Anreisen genehmigen müsst. Ihr könnt diese Einstellung, wenn Ihr es wünscht, für jede Route einzeln ändern.“

Dann kam er auf die Ornamente zu sprechen. „Mit Ihnen wählt Ihr, wie Ihr ja schon wisst, die einzelnen Ziele an. Ihr solltet sorgfältig dabei sein. Kürzlich hat es einen schweren Unfall gegeben, als sich ein Einwohner des Planeten Kroks verwählt hat. Auf seinem Heimatplaneten herrscht nur minimale Schwerkraft und er hat statt den Nachbarplaneten, auf dem ähnliche Verhältnisse herrschen, eine weit entfernte Welt angewählt, die eine extrem hohe Schwerkraft aufwies. Bedauerlicherweise hat er es zu spät gemerkt und ist aus dem Portal getreten. Platsch, zerquetscht!“ Dabei schlug er eine Hand auf die andere. Rylee zuckte zusammen.

„Das ist ja … furchtbar“, stotterte sie.

Er machte eine eckige Handbewegung. „Deshalb wählt sorgfältig und schaut zuerst, wo Ihr rauskommen werdet. Dann kann nichts passieren.“

Er drückte das Ornament oben in der Mitte. „Der Not-Ausschalter. Wenn Ihr hier draufdrückt, schließt sich das Portal in Sekundenbruchteilen. Könnte nützlich sein!“

Rylee dachte an das Tier, das versucht hatte, ihnen aus der Dschungelwelt zu folgen, und nickte.

Peart war mit seinen Ausführungen am Ende. „Hier ist eine schriftliche Kurzanleitung. Und nein, es gibt kein Adressbuch. Einreisebedingungen ändern sich zu schnell. Die Adresse mancher öffentlicher Portale findet Ihr im Interstellaren Web, den Rest müsstet Ihr euch auf anderem Weg besorgen. Eure Eltern hatten sicher ein Buch mit den ihnen bekannten Adressen.“