Goldrausch - Bernd Franzinger - ebook

Goldrausch ebook

Bernd Franzinger

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Opis

Brand in einer renommierten Softwarefirma! Bei der Brandnachschau finden Feuerwehrleute im Büro des Finanzvorstandes einen stark verkohlten Leichnam, dessen Schädel mit einem schweren Gegenstand brutal zertrümmert wurde. Hauptkommissar Tannenberg nimmt nur widerwillig die Ermittlungen auf, denn sie führen in eine Welt, in der er sich ganz und gar nicht zu Hause fühlt. Während er sich, genervt von einem cleveren Anwalt und überhäuft von privaten Problemen, mit der frustrierenden kriminalistischen Alltagsarbeit herumplagt, werden seine Kollegen vom Virus der Geldgier infiziert. Der Traum vom mühelosen Reichtum wird schließlich so dominant, dass selbst der heimtückische Mord an einem Obdachlosen von den Mitarbeitern des K1 nur als störende Randerscheinung wahrgenommen wird. Doch plötzlich überstürzen sich die Ereignisse …

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Titel

Bernd Franzinger

Goldrausch

Tannenbergs zweiter Fall

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2004 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095–0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

4. Auflage 2008

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Gesetzt aus der 9,5/13 Punkt StempelGaramond

ISBN 978-3-8392-3136-4

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Zitat

»Da sprach Midas: ›Darf ich wählen, großer Bakchos, so schaffe, dass alles, was mein Leib berührt, sich in glänzendes Gold verwandle.‹

Der Gott bedauerte, dass jener keine bessere Wahl getroffen, doch winkte er dem Wunsche Erfüllung.

Des schlimmen Geschenkes froh, eilte Midas hinweg und versuchte sogleich, ob die Verheißung sich auch bewähre; und siehe, der grünende Zweig, den er von einer Eiche brach, verwandelte sich in Gold.

Rasch erhob er einen Stein vom Boden, der Stein ward zum funkelnden Goldklumpen. Er brach die reifen Ähren vom Halm und erntete Gold; das Obst, das er vom Baume pflückte, strahlte wie die Äpfel der Hesperiden.

Ganz entzückt lief er hinein in seinen Palast. Kaum berührte sein Finger die Pfosten der Tür, so leuchteten die Pfosten wie Feuer; ja selbst das Wasser, in das er seine Hände tauchte, verwandelte sich in Gold.

Außer sich vor Freude, befahl er den Dienern, ihm ein leckeres Mahl zu richten. Bald stand der Tisch bereit, mit köstlichem Braten und weißem Brote belastet.

Jetzt griff er nach dem Brote, – die heilige Gabe der Demeter ward zu steinhartem Metall; er steckte das Fleisch in den Mund, schimmerndes Blech klirrte ihm zwischen den Zähnen; er nahm den Pokal, den duftenden Wein zu schlürfen, – flüssiges Gold schien die Kehle hinabzugleiten.

Nun ward es ihm doch klar, welch ein schreckliches Gut er sich erbeten hatte; so reich und doch so arm, verwünschte er seine Torheit; denn nicht einmal Hunger und Durst konnte er stillen, ein entsetzlicher Tod war ihm gewiss.«

Aus einer griechischen Sage

1

Die Frau, die kurze Zeit später einem grausamen Verbrechen zum Opfer fallen sollte, senkte andächtig den Blick in die vor ihr stehende weiße Espressotasse. Ihr Inhalt war genau so, wie er sein musste: tiefschwarz, aromatisch und mit einer sahnigen, ockerfarbenen Crema bedeckt.

Gedankenversunken nahm sie den Zuckerstreuer in die rechte Hand, neigte ihn vorsichtig zur Seite und verfolgte gebannt den flachen Strahl der aus dem Edelstahlröhrchen herausrieselnden Kristalle. Die glitzernden Zuckerkörnchen verschmolzen auf der sämigen Crema für einen winzigen Augenblick zu einem braunen Karamellbrocken, der sich sogleich auf den Weg in Richtung des Tassenbodens machte.

Sie hatte nie recht verstanden, wieso die meisten ihrer Zeitgenossen sich dieses eindrucksvolle Schauspiel dadurch entgehen ließen, indem sie mit einer abrupten Kippbewegung den Zucker lieblos in das dickwandige kleine Porzellantässchen hineinschütteten.

So wie es Männer tun, diese kulturlosen Banausen! Als ob sie einen Pudding stürzen würden. Eigentlich hab ich noch keinen erlebt, der das nicht so gemacht hätte. Weil bei denen immer alles schnell gehen muss. Die können einfach nicht genießen. Anstatt dieses köstliche Getränk langsam zu schlürfen, warten sie, bis es etwas abgekühlt ist, um es dann wie einen kalten Schnaps mit einem Schwung in sich hineinzukippen, dachte sie, während sie mit einem kleinen Silberlöffel vorsichtig ihr Lieblingsgetränk mit der sirupartigen Beigabe vermischte.

Da sie sich gänzlich unbeobachtet wähnte, streute sie als Krönung ihres Espresso-Rituals eine Prise Zucker auf die Handinnenfläche, tupfte mit der Zunge die süßen Kristalle behutsam ab und verteilte sie in ihrem Mund.

Nun war alles vorbereitet.

Ihre leicht geöffneten Lippen umschlossen den wulstigen Tassenrand. Genüsslich sog sie die ersten Tropfen der zartherben Flüssigkeit auf.

Es war der letzte angenehme Sinneseindruck ihres Lebens.

»Los, mach schon, du blöde Ampel – spring endlich um!«, zischte Tannenberg in Richtung der Signalanlage, die sich aber von seiner Schimpftirade völlig unbeeindruckt zeigte und ihn auch weiterhin provozierend aus ihrem leuchtendroten Glasauge angrinste.

Wie ein nervöses Rennpferd, das mit allen Fasern seines athletischen Körpers dem erlösenden Öffnen der Startbox entgegenfiebert, wartete er ungeduldig auf die Grünphase.

Wenn sich auch nur eine kleine Lücke aufgetan hätte, ich wäre schnell bei Rot hinübergehuscht – egal, ob an dieser verdammten Ampel Kinder stehen oder nicht, grollte es in seinem Innern.

Die langsam in beide Fahrtrichtungen, Stoßstange an Stoßstange dahinkriechenden Blechkarawanen ließen ihm jedoch nicht die geringste Chance.

Obwohl sein Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel von einer enormen Anspannung beherrscht wurde, hatte er die äußerst suspekte Person natürlich gleich bemerkt, die auf der anderen Straßenseite hektisch hin und her lief, ab und an einen kurzen, verstohlenen Blick in das Innere des Postgebäudes warf und schließlich hinter einer Haus-ecke verschwand.

Aber solange dieser Kerl nicht gerade jetzt irgendjemanden ermordet oder selbst ermordet wird, bin ich nicht zuständig! Außerdem hab ich heute dienstfrei, huschte ein Anflug von klammheimlicher Freude über sein strapaziertes Gemüt. – Verdammter Blechkasten, wenn du jetzt nicht gleich spurst, montier ich dich nachher ab und werf dich in die Schrottpresse!

Die massive Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht, denn plötzlich lächelte die eingeschüchterte Ampel in ihrem freundlichsten Grün wohlwollend auf ihn herab.

Triumphierend setzte sich der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission sofort in Bewegung und erhöhte umgehend seine Schrittfrequenz, schließlich hatte er es eilig – mehr als eilig; denn anhand der überdimensionierten Uhr, die ihm von der frisch renovierten Bahnhofsfassade herunter ihren großen schwarzen Zeigefinger mahnend entgegenstreckte, konnte er sich davon überzeugen, dass der Intercity aus Mannheim bereits eingelaufen sein musste.

Mit kurzen, schnellen Trippelschritten eilte er hinunter in die von kaltem Neonlicht durchfluteten Katakomben.

Gleis 5. Da ist es ja schon, stellte Tannenberg erleichtert fest und spurtete hektisch die schwarzgelben Betonstufen hinauf.

Wo ist der Zug, wo sind die Passagiere, pochte es hinter seiner Schädeldecke.

Hechelnd wie ein erfolgloser Jagdhund, der gerade abgehetzt zu seinem Besitzer zurückkehrte, blickte er frustriert die Gleise entlang – erst ungläubig in die eine Richtung, dann kopfschüttelnd in die andere.

Vielleicht steh ich ja nur auf dem falschen Bahnsteig, sagte er gerade zu sich selbst, als auf dem gegenüberliegenden Gleis ein von einer roten Diesellok gezogener, altmodischer Personenzug mit schrill quietschenden Bremsen einfuhr.

Plötzlich spürte er von hinten einen kräftigen Stoß in seinen Rücken. Erschrocken zuckte er zusammen. Adrenalinschübe schossen durch seinen Körper. Ein Griff an die Dienstwaffe – die er gar nicht dabei hatte.

Mit einer schnellen Bewegung drehte er sich um.

»Und wenn ich nun einer wäre, der es nicht so gut mit dir meint wie ich?«, fragte Eva Glück-Mankowski mit einem derart herausfordernden Lächeln, dass Tannenberg sich nicht mehr beherrschen konnte.

»Was soll der Schwachsinn? Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen!« Er konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Als ob er eine Heerschar aufgescheuchter Wespen zu verjagen hätte, stapfte er wild mit den Armen um sich schlagend auf dem Bahnsteig herum. »Für solche Scherze hab ich überhaupt kein Verständnis! Ich renn mir hier einen ab – und du hast nichts anderes zu tun, als mir Todesangst einzujagen.«

Die Psychologin in Diensten des Landeskriminalamtes blieb ganz ruhig, verfolgte nahezu regungslos seinen Tobsuchtsanfall. »Weißt du, was der Herr Oberstaatsanwalt jetzt sagen würde?«

»Was soll denn das nun schon wieder?« Tannenberg baute sich drohend vor ihr auf. »Bist du nur hierher gekommen, um mich zu provozieren? Meine Stimmung ist doch schon total im Eimer!«

Eva ignorierte seine Worte. »Er würde sicherlich sagen«, sie veränderte ihre Stimme und fuhr in der tiefsten Tonlage, zu der sie fähig war, fort: »Liebe Frau Kollegin, hören Sie, wie der Herr Hauptkommissar mal wieder Amok läuft? Jetzt wissen Sie auch, warum ich ihn irgendwann einmal Wotan getauft habe.«

»Ich lach mich gleich kaputt! Dann geh doch zu deinem Dr. Hollerbach. Der ist garantiert immer noch scharf auf dich.«

»Hör ich da so etwas wie Eifersucht heraus?«

»Das hättest du wohl gerne!«

Eva ging einen Schritt auf Tannenberg zu und legte ihre Arme um seinen Hals. »Wolf, ich hab mich wirklich sehr auf dich und unser gemeinsames Wochenende hier unten bei dir gefreut. Schließlich ist es das erste Mal seit der Mordserie vor gut einem Jahr, dass ich wieder in Kaiserslautern bin. Wir sollten nicht streiten. Es tut mir Leid, dass ich dich erschreckt habe. Das wollte ich wirklich nicht.«

Tannenberg befreite sich vorsichtig aus der zärtlichen Umklammerung.

»Ist schon gut«, murmelte er leise vor sich hin, während er an ihrem Kopf vorbei in Richtung des mächtigen Sandsteinmassivs blickte, das den Hauptbahnhof von Norden her begrenzt.

»Denkst du eigentlich noch oft an diese verrückte Sache von damals?«

»Eva, komm tu mir bitte einen Gefallen: keine Psychokacke! Keine Traumabewältigung oder so ’n Zeug. Auch kein Wort über den alten Fall! Okay?«

»Okay! Und was machen wir nun mit dem angebrochenen Abend?«

»Verrat ich jetzt noch nicht. Lass dich einfach mal überraschen«, entgegnete der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission geheimnisvoll und verabschiedete sich mit seiner rothaarigen Begleiterin grußlos von der tristen, kalten Gleisanlage.

Als die beiden die kathedralenähnliche Bahnhofshalle betraten und Tannenberg die vielen hektischen Menschen wahrnahm, die dort für kurze Zeit wie in einem pulsierenden Ameisenhaufen aufeinander trafen, um sich danach gleich wieder in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen, begann er zu grübeln.

Jeder weiß in diesem unüberschaubaren Chaos anscheinend genau, wo er hin will. Aber wo will ich denn eigentlich mit Eva hin?, fragte er sich, wieder einmal völlig willenlos diesem ohne jegliche Vorwarnung aufkeimenden Melancholieschub ausgeliefert, der sich ab und an in sein Bewusstsein einschlich und ihn heimtückisch wie ein plötzlicher Migräneschmerz überfiel. Will ich überhaupt irgendwo mit ihr hin? Gibt es überhaupt einen Weg in eine gemeinsame Zukunft mit ihr?

Sie hatten sich letztes Jahr im Sommer kennen gelernt, waren sich seitdem aber erst zwei Mal wieder begegnet. Tannenberg hatte sie im Herbst in Mainz besucht, wo sie mit einer völlig überdrehten, affektierten Künstlerin in einer Wohngemeinschaft zusammenlebte. Außerdem hatten sie sich anlässlich eines Rolling-Stones-Konzerts im Frühjahr in Düsseldorf getroffen.

Es war bislang keine tiefe emotionale Bindung entstanden, jedenfalls nicht von seiner Seite aus. Eva schien möglicherweise anders zu empfinden. Genau wusste er das allerdings auch nicht. Diesem Thema ging er stets aus dem Weg. Er hatte ihr gesagt, dass er Zeit brauche, auch wegen Lea, seiner Frau, die vor einigen Jahren verstorben war, die ihn aber in Wirklichkeit nie verlassen hatte, sondern ihn immer noch Tag für Tag durch sein Leben begleitete.

»Du, Wolf, das ist schon merkwürdig«, drängte sich die Mitarbeiterin des Landeskriminalamtes mit Vehemenz in Tannenbergs Gedankenwelt.

»Was ist merkwürdig?«, fragte er mürrisch.

»Na ja, ich bin schon lange nicht mehr mit der Bahn gefahren und hab eigentlich gedacht, es hätte sich nach der Privatisierung dieses ehemaligen Staatsunternehmens einiges zum Positiven verändert. Das scheint aber nicht der Fall zu sein: Die Züge werden immer noch von unfreundlichem Personal begleitet, sind immer noch überfüllt und dreckig. Da scheint sich wirklich nichts Entscheidendes getan zu haben.«

»Wie auch? Es sind ja immer noch dieselben Leute, die dort arbeiten«, knurrte er übellaunig vor sich hin.

»Aber die investieren doch enorme Summen.«

»Vielleicht in Gleise – oder was weiß ich«, meinte Tannenberg zusehends genervter.

Dieses Thema schien ihn überhaupt nicht zu interessieren.

»Du beschäftigst dich wohl nicht sehr gerne mit wirtschaftlichen Dingen, oder?«, lies sie nicht locker.

»Nein, damit hab ich wirklich nichts am Hut.«

»Zu recht!«, bemerkte Dr. Eva Glück-Mankowski mit ironischem Unterton, fasste Tannenberg an seiner linken Schulter, wartete, bis er sich zu ihr gedreht hatte und blickte ihm dann tief in die Augen. »Du bist schließlich Beamter; und ein Beamter braucht sich um solche Sachen ja auch nicht zu kümmern. Der bekommt sein Geld vom Staat, zahlt keine Sozialversicherung, zieht sich abends seine Zipfelmütze über die Ohren, zündet sich eine Kerze an und begibt sich nach vollbrachtem Tagwerk zufrieden zur Nachtruhe, wo er dann von der nächsten Beförderung träumt.«

»Meine liebe Eva, wenn du mich zum tumben Deutschen Michel degradieren willst, solltest du nicht vergessen, dass du selbst Beamtin bist«, entgegnete der altgediente Kriminalhauptkommissar schlagfertig.

»Ja, und? Ich interessiere mich trotzdem für ökonomische Zusammenhänge«, rief Eva über eine wie an einer Perlenschnur aufgezogene Jugendgruppe hinweg, die sich zwischen sie und Tannenberg gedrängt hatte.

Der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission hatte keine Lust mehr, sich die Seele aus dem Leib zu schreien und forderte deshalb seine Begleiterin mit eindeutigen Gesten zum beschleunigten Verlassen der überfüllten Bahnhofshalle auf.

Als sie schließlich draußen im Freien standen, gab die Kriminalpsychologin immer noch keine Ruhe. Wie ein zeterndes altes Marktweib, das gerade von einem Kunden auf verdorbene Ware hingewiesen wurde, redete sie gestenreich weiter auf ihn ein: »Auch einem Beamten sollte doch eigentlich klar sein, dass die Wirtschaft unsere Gesellschaft bestimmt und nicht umgekehrt! – Und was heißt das?«

Schweigend drehte Tannenberg sein Gesicht in die letzten wärmenden Sonnenstrahlen eines bilderbuchmäßigen Herbsttages.

»Und das heißt letztlich: Wir sollten uns alle für ökonomische Zusammenhänge interessieren, weil sie – und ich betone ausdrücklich, nur sie – der Garant für den reibungslosen Fortbestand unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft sind! Oder was glaubst du wohl, wie schnell unser politisches System mit all seinen schönen sozialen und humanistischen Werten zusammenbrechen würde, wenn die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, den Leuten ihr Wohlstand flöten geht, Klassenkämpfe wieder ausbrechen …«

»Jetzt hör aber mal auf!«, warf Tannenberg energisch dazwischen. »Du redest ja wie eine Wirtschaftspolitikerin! Was soll ich denn machen, um dich zufrieden zu stellen? Mir Telekom-Aktien kaufen?«

»Na, das wäre sicherlich nicht die beste Entscheidung«, stellte die Kriminalpsychologin belustigt fest. »Welcher einigermaßen intelligente Mensch wäre denn bereit, einem privatisierten Staatsunternehmen sein sauer verdientes Geld in die Rippen zu werfen? Nein, aber du könntest dich einem Investmentclub anschließen.«

»Was für ’n Quatsch! Was soll ich denn da?«

»Zum Beispiel etwas lernen. Du würdest staunen, von welchen Dingen du bislang überhaupt keine Ahnung hast! Und du könntest übrigens auch nebenbei ein bisschen Geld verdienen. Wir haben im PFI …«

»Wo?«, unterbrach Tannenberg verständnislos.

»In unserem Privaten Frauen-Investmentclub, mein Guter! Wir haben im PFI eine Durchschnitts-Performance von 19% in den letzten 6 Jahren erreicht. Das sind 114% Gesamtgewinn, nicht schlecht oder?«

»Performance? Du, bitte wechsle das Thema, dieses Zeug interessiert mich wirklich nicht die Bohne«, flehte Tannenberg. »Solange die Kripo nicht privatisiert wird, kann mir dieser ganze Kram den Buckel runterrutschen!«

»Kripo privatisieren – eine interessante Vorstellung! Wie würde da wohl die Dividende aussehen?«

»Eva, komm, es reicht!«

Die ersten Platanen hatten bereits damit begonnen, sich geräuschlos ihres farbenprächtigen Herbstkleides zu entledigen. Tannenberg verfolgte mit seinem nachdenklichen Blick ein großes, buntes Blatt, das auf einem kühlen Windstoß tanzend, langsam zur asphaltierten Erde schwebte.

Erneut kreisten seine Gedanken um die Frage, welche Art von Beziehung er zu Eva hatte. War sie seine Freundin, war sie seine Geliebte, war sie beides – war sie weder das eine noch das andere? Da er jetzt sowieso keine neuen Antworten auf dieses alte, ungelöste Problem zu finden meinte, beschloss er, dieses leidige Thema umgehend zu vertagen.

»Du, Eva, ich hab eben mal in Ruhe darüber nachgedacht: Ich hab doch eine intensive Beziehung zur Wirtschaft!«, sagte er plötzlich in die bedrückende Stille hinein – und war sich sofort sicher, einen genialen Überraschungscoup gelandet zu haben.

»Wieso? In welchem Bereich?«, fragte sie doch tatsächlich gleich neugierig nach.

»Na ja, im ursprünglichsten Bereich der Wirtschaft natürlich. Da bin ich sogar ein ausgesprochen großer Wirtschaftsfreund!«

»Versteh nicht, was du meinst!«

»Wirtschaft-Gaststätte-Kneipe-Lokal – oder wie sagt man bei euch da oben: Pinte oder Bistro? Wobei wir übrigens beim ersten Teil meines Überraschungsprogramms für heute Abend angekommen wären: Dort vorne an der Ecke befindet sich nämlich das Chez Philippe – soll wirklich gut sein. Meint jedenfalls mein Bruder. Und der kennt sich bestens aus, wenn’s um teure Restaurants geht. Ich geh ja immer nur um die Ecke ins La Mamma. Aber heute möchte ich dir schon etwas Besonderes bieten.«

»Sehr nobel, der Herr«, freute sich die LKA-Mitarbeiterin.

Tannenberg hatte sich bei seinem Bruder kundig gemacht und bestellte für beide das Menu Surprise und einen 1996er Elsässer Riesling. Als kalte Vorspeise servierte der Kellner Crudités.

»Was macht denn eigentlich deine Sekretärin – wie hieß sie noch mal?«, fragte Eva, während sie sich begeistert über den vor ihr stehenden, kunstvoll arrangierten Rohkostteller hermachte.

»Sie lebt zum Glück noch und heißt nach wie vor Petra Flockerzie, genannte Flocke«, korrigierte Tannenberg arrogant.

Die Kriminalpsychologin überging zunächst die oberlehrerhafte Bemerkung ihres Gegenübers. »Sucht sie immer noch nach der idealen Diät?«

»Klar, das ist ihre Lebensaufgabe. Jetzt weiß ich auch, wieso du auf sie kommst – wegen der Rohkost.«

»Erraten! Ich bin ganz schön gespannt, wie es bei diesem Menu Surprise weitergeht. Gib mal ’nen Tipp ab.«

Tannenberg zuckte nur kurz mit den Schultern und wandte sich lieber dem hervorragenden Riesling zu. Evas Frage wurde ziemlich schnell beantwortet: Quiche Lorraine – und zwar in einer besonders köstlichen Zubereitungsvariation.

»Die Fahrt hier herunter zu dir hat sich ja schon allein wegen des vorzüglichen Essens gelohnt«, bemerkte die Psychologin anerkennend und tupfte sich mit ihrer blütenweißen Textilserviette leicht auf die Mundwinkel. »Das liegt bestimmt an der räumlichen Nähe zum Elsass.«

»Wahrscheinlich. Mein Bruder hat mir erzählt, der Koch hätte vorher im berühmten Cheval Blanc gearbeitet.« Tannenbergs Stimmung besserte sich zusehends. Er bestellte eine zweite Flasche Wein. »Willst du eigentlich nicht wissen, wie die nächste Überraschung für heute Abend aussieht?«

»Doch, natürlich!«

Der musikbegeisterte Kriminalbeamte zog in Zeitlupe zwei Eintrittskarten aus der Innentasche seines Sakkos, drehte sie aber noch nicht um. »Was glaubst du wohl, was das ist?«

»Schätze mal, zwei Eintrittskarten.«

»Sehr gut! Und wofür?«

»Für’s Theater? – Hoffentlich nicht für ein Fußballspiel!« Eva schnitt angewidert eine Grimasse, als ob sie gerade in eine Zitrone gebissen hätte.

»Nein. – Aber schade, dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin!« Ganz langsam drehte Wolfram Tannenberg sein rechtes Handgelenk nach außen, so dass sie den Aufdruck auf den beiden Karten lesen konnte.

»Wahnsinn! Dire Straits! In Kaiserslautern? Das glaub ich nicht!«

»Das kannst du aber ruhig glauben. In zwei Stunden beginnt das Konzert im Kulturzentrum ›Kammgarn‹. Ich freu mich nämlich auch schon die ganze Woche über bärenmäßig drauf!«

»Schön, Wolf! Die Überraschung ist dir wirklich gelungen«, sagte Eva, zog die Hand mit den Konzertkarten zu sich herunter und streichelte sie zärtlich. »Sag mal, was war eigentlich in der letzten Zeit dienstlich bei euch so los?«

»Ach, nichts Besonderes«, entgegnete Tannenberg, während er die Eintrittskarten zurück in seine Jacke steckte.

»Was? Kein einziger Fall von Mord und Totschlag in Kaiserslautern? In der ganzen Zeit nicht?«

»Doch natürlich, aber das Übliche halt nur, nichts Spektakuläres: Ein im Suff begangener Totschlag im Pennermilieu und ein brutalen Mord an einem Zuhälter. Aber lass uns doch bitte von etwas anderem reden!«

»In Ordnung! – Ah, da kommt ja auch schon der nächste Gang des Überraschungsmenüs«, rief Eva Glück-Mankowski erwartungsvoll aus und beobachtete interessiert den jungen, attraktiven Kellner, wie dieser mit ebenso graziösen wie gemächlichen Bewegungen einen schmalen Servierwagen seitlich an den Tisch der beiden Gäste heranschob und mit ausdrucksloser Mimik daneben stehen blieb.

Auf was wartet dieser gestylte Latin Lover den? fragte sich Tannenberg. Verflucht! Was will der Kerl bloß?

Eva warf ihm einen unruhigen, flackernden Blick zu. Sie zog die Augenbrauen hoch. Ihre Hände öffneten sich zu einer fordernden Geste.

Mist! Trial and error, fiel ihm plötzlich das Grundprinzip der Evolution aus seiner Schulzeit ein: Ausprobieren! Erster Versuch: dezentes Lächeln und Kopfnicken.

Anscheinend hatte er zufällig direkt ins Schwarze getroffen, denn der livreeartig gekleidete Kellner reagierte sofort, bedachte ihn ebenfalls mit einem freundlichen Lächeln, beugte sich kurz nach vorne und lupfte anschließend mit einer etwas übertriebenen Theatralik den silberfarbenen Deckel einer auf einem Rechaud stehenden Servierschüssel. Dann sagte er: »Filet Surprise – bon appétit!«

Entsetzt blickte Tannenberg auf den Berg braungebratener Pfifferlinge, die mit ihren schlaffen Körpern leblos über den Fleischstückchen hingen. Völlig irritiert schaute er zu Eva, die augenscheinlich ebenfalls ihrer Sprachfähigkeit beraubt worden war. Dann ging ein plötzlicher Ruck durch seinen Körper.

»Die Rechnung bitte«, sagte er mit zitternder Stimme.

Nun war der südländische Restaurantbedienstete seinerseits sichtlich irritiert und gaffte erst Eva und danach ihren Begleiter mit offenem Mund fassungslos an.

»Haben Sie nicht gehört: die Rechnung bitte«, wiederholte der Kriminalbeamte; und als der anscheinend schockgefrostete Mann immer noch keine Reaktion zeigte, ergänzte er auf Französisch: »L’ addition, s’il vous plait!«

Der Kellner wollte zuerst stotternd etwas entgegnen, entschied sich dann aber spontan dafür, Tannenbergs Forderung kommentarlos nachzukommen und verschwand in Richtung Küche. Kurze Zeit später erschien ein sympathischer älterer Herr in der typischen weißen Berufskleidung eines Kochs, der sich mit einem wunderbaren französischen Akzent als Inhaber des Restaurants vorstellte und um Aufklärung über die plötzliche Appetitlosigkeit seiner Gäste bat.

Nun konnte Tannenberg natürlich nicht den wahren Grund dafür nennen, weshalb er seit der Mordserie vor über einem Jahr keinen einzigen Speisepilz mehr gegessen hatte. Also erfand er eine – wenig glaubhafte – Ausrede, die aus einem dringenden dienstlichen Termin bestand. Kopfschüttelnd verließ der frustrierte Restaurantbesitzer den Tisch, wobei er in seiner Muttersprache irgendwelche unverständliche Brocken schimpfend vor sich hinmurmelte.

Eva wusste natürlich ganz genau, was in Tannenberg vorgegangen war, als man ihn mit dem unerwarteten Anblick der Pfifferlinge konfrontiert hatte. Schließlich war sie ihm damals in ihrer Funktion als Profilerin des Landeskriminalamtes die ganze Zeit über tapfer zur Seite gestanden – bis zum bitteren Ende.

»Wolf, ich hab ’ne total irre Idee: Wir gehen jetzt einfach zu McDonalds und essen noch einen Hamburger«, schlug sie spontan vor, nachdem die beiden das französische Spezialitätenlokal verlassen hatten und nun im Nieselregen unter einer weit herabhängenden Bogenlaterne standen. »Das hab ich nämlich noch nie gemacht.«

»Ehrlich?«, seufzte Tannenberg nachdenklich.

»Und jetzt machen wir das! Los, komm!«

In diesem Moment schoss ein Auto um die Ecke der Bismarckstraße und raste mit hoher Geschwindigkeit auf die beiden zu. Tannenberg wollte gerade seine direkt am Fahrbahnrand stehende Begleiterin zu sich in Richtung der Restauranttreppe zerren, als er das zivile Dienstfahrzeug der Polizei erkannte.

»Mensch Michael, du verdammter Idiot! Bist du verrückt geworden?«, schrie er aufgebracht seinen Mitarbeiter an.

»Tut mir Leid, Wolf, ich wollte euch nicht erschrecken«, entschuldigte sich Kriminalkommissar Schauß durch das heruntergelassene Seitenfenster. »Hallo, Frau Doktor! Du warst über dein Handy nicht zu erreichen. Und da habe ich dich eben überall gesucht. Dein Bruder hat mir dann den entscheidenden Tipp gegeben.«

»Und warum veranstaltest du diesen ganzen Zirkus?«, wollte Tannenberg von seinem jungen Kollegen wissen.

»Die Feuerwehr hat oben im PRE-Park einen Brand gelöscht und dabei eine verkohlte Leiche gefunden.«

»Nein, nicht heute! Nicht heute, wo wir doch zum Dire-Straits-Konzert wollen«, jammerte Dr. Eva Glück-Mankowski.

»Du kannst ja schon vorgehen. Vielleicht schaff ich’s ja auch noch rechtzeitig. Die fangen sowieso immer später an. Ich komm auf alle Fälle nach in die Kammgarn.«

Die LKA-Beamtin überlegte nur einen kurzen Augenblick und entgegnete dann resolut: »Das kommt ja gar nicht in Frage! Ich fahr natürlich mit! Du weißt doch ganz genau, dass ich bei einem spektakulären Mordfall einfach nicht widerstehen kann.«

»Wer sagt dir denn, dass es sich bei dieser Sache um einen spektakulären Mordfall handelt? Es kann ja wohl auch ein Unfall gewesen sein«, gab Tannenberg zu bedenken. »Aber gut, wenn du unbedingt willst! Da triffst du wahrscheinlich auch endlich deinen geliebten Oberstaatsanwalt wieder.«

»Kollege Schauß, wo fahren wir da hin? In einen PRE-Park? Was ist denn das? Ein Vergnügungs- oder Freizeitpark?«, fragte die Kriminalpsychologin interessiert, nachdem sie auf der Rückbank des silbernen Mercedes Platz genommen hatte.

»Nein, so was ist das nicht. Das ist mehr so eine Art modernes Gewerbegebiet. Aber warum das Ding PRE-Park heißt, weiß ich eigentlich auch nicht. – Du, Wolf?«

»Keine Ahnung! Jedenfalls ist es das Kaiserslauterer Silicon Valley: Softwarefirmen und so’n Computerzeug eben.«

Während sich die beiden anderen Fahrzeuginsassen angeregt miteinander unterhielten, blickte Tannenberg geistesabwesend durch die mit einer Vielzahl von kleinen Wassertröpfchen benetzte Windschutzscheibe. Obwohl der Nieselregen immerfort für weiteren Nachschub sorgte, hatte er jedoch im ungleichen Kampf mit den viel mächtigeren Wischerblättern keinerlei Siegchancen; denn jedes Mal, wenn sich eine neue Tröpfchenarmada auf der gewölbten Sicherheitsglasfläche niedergelassen hatte, nahte bereits das zerstörerische Unheil in Form der unerbittlichen schwarzen Gummibänder, die erbarmungslos alles vernichteten, was sich ihnen in den Weg stellte.

Das wär’s doch: Einfach alles wegwischen – alle Erinnerungen, alle Ängste, alle Selbstvorwürfe! Seine Augen folgten den rhythmisch ihre Arbeit verrichtenden Scheibenwischern. Das wäre tatsächlich das Beste, stellte er mit einem tiefen inneren Stoßseufzer fest.

Aber bislang war es ihm noch nicht gelungen, sich dauerhaft der zermürbenden Vorwurfsattacken zu entledigen, die ihn wie eine lästige Gichterkrankung schubweise heimsuchten. Vor allem nachts, wenn sein ruheloses Gehirn ihn mit stetig wiederkehrenden Erinnerungsbildern konfrontierte, war er ihnen wehrlos ausgeliefert.

Immer dann, wenn auf seiner inneren Kinoleinwand die Felsen und die dekorierten Frauenleichen auftauchten, sagte er sich zwar sofort, dass er damals gar nicht anders hatte handeln können. Aber diese rationalen Interventionsversuche nutzten einfach nichts, denn die bösartigen Folterknechte in seinem Kopf ließen sich davon nicht im Geringsten beeindrucken.

Wie hatte sein Mentor, der alte Kriminalrat Weilacher, immer wieder gesagt: Junge, jeder schwierige Fall wird dich dein Leben lang begleiten – wie schlechter Mundgeruch. Du kannst dir so oft, wie du willst, die Zähne putzen, du wirst ihn nie ganz los. Du kannst ihn nicht abschütteln, denn, egal, wo du bist, egal, was du tust, er ist immer schon da – mal mehr, mal weniger aufdringlich. Das Einzige, was hilft, ist: akzeptieren. Wehre dich nicht gegen die bohrenden Vorwürfe, die du dir machst. Es hat keinen Sinn! Du bist auch nur ein Mensch, und Menschen machen eben nun mal Fehler! Und bei deinem nächsten Fall kannst du ja versuchen, es besser zu machen.

Mein nächster Fall. Eigentlich hab ich überhaupt keine Lust auf einen neuen Fall, meldete sich seine innere Stimme wieder einmal ungefragt zu Wort. Aber vielleicht ist es ja gar kein neuer Fall, sondern wirklich nur ein Un-Fall, zu dem man mich nur routinemäßig ruft, weil die Möglichkeit ja eigentlich nie von vornherein gänzlich auszuschließen ist, dass es sich doch um eine Straftat gegen Leib und Leben handelt – und die Angelegenheit damit eindeutig in meinen Zuständigkeitsbereich fällt.

»Sag mal Wolf, wo ist denn die Kopenhagener Straße eigentlich?«, fragte plötzlich Michael Schauß.

»Keine Ahnung, Herr Kollege. Ich weiß zwar einigermaßen, wo Kopenhagen liegt, aber bis vor zwei Minuten wusste ich noch nichts von der Existenz einer Kopenhagener Straße in Kaiserlautern. Aber zur Klärung derartiger Fragen soll es ja bekanntermaßen solche komischen Dinger geben, auf denen Straßen, Schulen usw. eingezeichnet sind.«

»Alter Klugscheißer! Komm, dann greif mal ins Handschuhfach und hol mir den Stadtplan raus!«, forderte der junge Kommissar und stoppte den silbernen Mercedes Kombi.

Während sich sein Mitarbeiter mit dem Falk-Plan abmühte, wurde Tannenberg auf das hell erleuchtete Fitnessstudio aufmerksam, hinter dessen etwa zehn Meter entfernter Glasfassade sich Dutzende Menschen aus diversen Altersklassen mit allen möglichen modernen Folterwerkzeugen herumquälten.

»Eva, das wäre doch mal was für dich: Fitnessstudio! Schau mal, wie sich diese fetten Tanten auf den Heimtrainern einen abstrampeln. So ein Schwachsinn! Und da zahlen die noch ’nen Haufen Geld dafür. Aber diese komischen Anzüge, die sie tragen, sehen gar nicht so schlecht aus – richtig sexy. Oder, wie sagt man heute so schön: echt geil, ey!«

Gemächlich befreite sich die Kriminalpsychologin von ihrem Sicherheitsgurt und drückte ihren fülligen Oberkörper betont lässig zwischen die Rückenlehnen der beiden Vordersitze. »Du, wenn ich deinen Body – wie man heute so schön sagt – richtig in Erinnerung habe, könnte dir so was auch nicht schaden.«

Volltreffer.

Tannenberg reagierte auf diese schlagfertige Retourkutsche mit seiner altbewährten Ablenkungsstrategie und fragte umgehend seinen Kollegen, ob dieser die Kopenhagener Straße inzwischen endlich gefunden habe. Schauß antwortete nicht sofort, sondern faltete den Stadtplan erst einmal in aller Ruhe wieder zusammen und überreichte ihn dann grinsend seinem Vorgesetzten.

»Ja, Wolf, ich weiß jetzt, wo’s ist. Aber möchtest du dich nicht lieber noch ein wenig an dem Anblick der hübschen Damen ergötzen? Das ist ja hier ein richtiges Spannerparadies! Ich glaub, hier fahr ich öfter mal hin!«

»Laber nicht, fahr endlich!«, knurrte Tannenberg wie ein angeketteter Hofhund, dem man gerade den frisch gefüllten Fressnapf mit Hilfe eines langen Stocks aus seinem Einflussbereich weggeschoben hatte.

Als der silbergraue Dienstwagen in die Europaallee einbog, sahen die Kriminalbeamten bereits von weitem die vielen kreisenden Blaulichter und die milchigen Leuchtkegel der an den größeren der zahlreichen Feuerwehrautos angebrachten Halogenstrahler.

»Da hätten wir uns den Blick in den Stadtplan ja sparen können. Bei dem Aufmarsch, den die hier veranstalten«, meinte Kommissar Schauß mit vorwurfsvollem Unterton und warf seinem Chef einen kurzen, leicht verächtlichen Blick zu, den dieser aber vorsätzlich ignorierte.

Stur wie einer der alten Panzer, die hier früher jahrzehntelang vor sich hingerostet waren, starrte Tannenberg scheinbar teilnahmslos in Richtung der unwirklichen nächtlichen Beleuchtungsorgie im hinteren Teil des ehemaligen Kasernengeländes.

»Mensch Leute, macht doch endlich mal das Blaulicht aus«, schrie er, gleich nachdem er das Auto verlassen hatte unwirsch in die vor dem Gebäude versammelte Menschenmenge, die sich aus Schaulustigen, Reportern, uniformierten Polizisten und Feuerwehrmännern zusammensetzte. »Ich denke, der Brand ist schon lange gelöscht. Warum macht ihr dann noch so’n Aufstand?«

»Das ist unser spezieller Service für dich, Tanne. Damit du blindes Huhn überhaupt weißt, wo du hin musst«, rief Brandrat Schäffner lachend zurück.

»Besten Dank, alte Keule!«, begrüßte Tannenberg seinen alten Kumpel, mit dem er viele Jahre beim TUS Dansenberg in derselben Handball-Mannschaft gespielt hatte. »Freut mich Berti, dass sie dir auch mal wieder das Wochenende versaut haben. – So, nun leg mal los: Was ist denn überhaupt passiert?«

»Also«, begann der hoch aufgeschossene, kräftige Mann, dessen Gesicht von einem gewaltigen graumelierten Schurrbart dominiert wurde, »vor etwa vier Stunden hat uns ein Wachmann angerufen und den Brand gemeldet. Als wir hier eintrafen, stand der hintere Teil des mittleren Gebäudekomplexes lichterloh in Flammen. Da wir mit den Löschzügen direkt an den Brandherd heranfahren konnten, hatten wir das Feuer aber ziemlich schnell unter Kontrolle. Und beim anschließenden Inspektionsgang hat dann einer meiner Mitarbeiter die Leiche gefunden, die …«

»Kommt, dann gehen wir jetzt mal gleich dahin und schauen uns die Sache genauer an«, drängte sich Schauß dazwischen.

Tannenberg war nicht bereit, die unerwünschte Einmischung des jungen Kommissars zu tolerieren und rüffelte ihn mit betont langsam vorgetragenen Worten: »Lieber Herr Kollege, uns interessiert nicht ›die Sache‹. Wenn ich dich daran erinnern dürfte: Wir sind keine Brandsachverständigen. Deshalb interessiert uns nicht primär, was gebrannt hat, wie es gebrannt hat, wo es gebrannt hat. Sondern wir kümmern uns darum, wer verbrannt ist, warum derjenige verbrannt ist, ob der Mensch bereits tot war, als er verbrannt ist usw. Kapiert?«

Michael Schauß antwortete nicht. Er schäumte zwar innerlich vor Wut angesichts dieser öffentlichen Zurechtweisung, aber er setzte sich nicht dagegen zur Wehr, sondern schluckte seinen Ärger wie bittere Medizin kommentarlos hinunter und begab sich grollend zur Befragung des Wachmanns und der Kollegen von der Schutzpolizei, die bereits lange vor ihnen am Brandort eingetroffen waren.

»Die Leiche lag versteckt unter den Überresten der ehemaligen Deckenverkleidung und dem ganzen anderen Gerümpel, das eben bei solch einem Zimmerbrand am Schluss übrig bleibt«, schloss Brandrat Schäffner seinen kleinen Informationsvortrag nach der von Tannenberg hervorgerufenen kurzen Unterbrechung ab.

»Gut, dann gehen wir mal hoch und schauen uns den Toten an.«

»Viel ist davon aber nicht mehr übrig«, entgegnete der Einsatzleiter, während die beiden Männer mit der Kriminalpsychologin im Schlepptau in Richtung des turmähnlichen Zentralgebäudes lostrotteten. »Wir gehen vorne rein. Da ist alles noch unversehrt.«

»Warte mal, Berti«, sagte Tannenberg und blieb plötzlich stehen.

Seine Augen hatten das große, mehrfarbige Unternehmenslogo an der gläsernen Außenfassade entdeckt.

»Was ist denn das überhaupt für eine Firma? ›FIT.net – Innovative Softwarelösungen für den Finanzbereich‹«, las er gleichermaßen langsam wie verständnislos vor.

»Keine Ahnung. Ich kenn mich mit so’m Zeug auch nicht aus«, pflichtete ihm der Brandrat schulterzuckend bei.

»Hinsichtlich dieser Frage kann ich den beiden Herren wahrscheinlich behilflich sein«, bemerkte plötzlich ein auffällig nobel gekleideter, etwa vierzigjähriger Mann, der den Beamten mit ausgestreckter Hand entgegenkam. »Gestatten: Prof. Dr. Siegfried von Wandlitz, CEO der Firma FIT.net.«

Ach du Scheiße, ein Professor – und dann auch noch ein Adliger, schoss es Tannenberg in sein Bewusstsein, das sich allerdings nicht tiefgehender mit diesem Thema beschäftigen konnte, wartete der distinguierte Herr doch mit wichtigen Informationen auf.

»FIT.net ist eine der führenden Firmen im Bereich CRM und …«

»Jetzt erst mal langsam, guter Mann«, unterbrach Tannenberg, während er seine Hände, wie bei der Abwehr eines aggressiven Zeitgenossen, weit auseinandergespreizt vor seinen Oberkörper hielt. »CEO, CRM – könnten Sie sich bitte so artikulieren, dass Ihnen auch ein begriffsstutziger Beamter zu folgen vermag?«

»Herr Professor, darf ich das bitte übernehmen? – Dr. Eva Glück-Mankowski, Kriminalpsychologin in Diensten des Landeskriminalamtes«, stellte sich die Dame, die das Gespräch der beiden Männer die ganze Zeit über interessiert verfolgt hatte, selbst vor.

»Aber liebend gern, Frau Doktor«, entgegnete von Wandlitz überrascht und drehte sich erwartungsvoll zu ihr hin.

»CEO bedeutet ›Chief Executive Officer‹ und ist inhaltlich vergleichbar mit der Position eines Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft. Diese englischen Bezeichnungen für die oberste Hierarchieebene eines Unternehmensmanagements werden vor allem von Firmen benutzt, die über Geschäftsbeziehungen zum nordamerikanischen Markt verfügen …«

»Wie zum Beispiel FIT.net, wo der Ausbau unserer Präsenz in den Vereinigen Staaten zurzeit ganz oben auf der Agenda steht!«

Durch ein Kopfnicken bestätigte die Kriminalpsychologin, dass sie zumindest in der Lage war, dem Einwurf des Professors inhaltlich folgen zu können. An ihre erläuterungsbedürftigen Kollegen gerichtet, fuhr sie mit ihren Begriffserklärungen fort: »Und CRM ist die Abkürzung für ›Customer Relationship Management‹.«

»Respekt, meine Dame, Respekt! So viel ökonomische Sachkenntnis bei einer Beamtin, das findet man selten. Respekt!«

Zuerst hatte es Tannenberg angesichts Evas unerwarteten Produziergehabes die Sprachfähigkeit geraubt. Aber sein Schockzustand währte nur kurz. Dann ging er in die Offensive. »Lass mal den Herrn Professor weitermachen! Der soll sich einfach mal vorstellen, ich sei ein neuer Kunde, dem er so allgemeinverständlich wie nur irgend möglich erklären soll, was seine Firma verkaufen will – denn darum geht’s ja wohl, trotz aller Fremdwörter, immer noch, oder?«

»Genau darum geht es, Herr Kommissar. Entschuldigung: Oberkommissar, Hauptkommissar?«

»Hauptkommissar. Kommen Sie jetzt bitte zur Sache«, mahnte Tannenberg immer genervter.

»Nun gut, unsere Firma entwickelt Software – alsoComputerprogramme.«

Von Wandlitz legte eine Pause ein, anscheinend um eine Rückmeldung über Tannenbergs Verständnisfähigkeit zu erhalten.

»Mit den Begriffen ›Software‹ und ›Computerprogramme‹ kann sogar ich etwas anfangen«, erlöste ihn der Kriminalbeamte kopfschüttelnd.

»Gut. Wir entwickeln also Softwarelösungen, mit denen es unseren Klienten – Banken, Versicherungen, Bausparkassen usw. – möglich ist, ihre Kundenbeziehungen über das Internet herzustellen, zu pflegen, Werbung zu betreiben, Beratertermine zu vereinbaren, die …«

»Danke, das reicht«, beendete Wolfram Tannenberg abrupt den Wortschwall des Firmenchefs. »Sie halten sich hier bitte zur Verfügung. Vielleicht brauchen wir Sie nachher noch mal. – Eva, du bleibst am besten auch hier unten!«

»Kommt gar nicht in die Tüte!«, stellte die Kriminalpsychologin unmissverständlich klar.

»Entschuldigung, Herr Hauptkommissar, aber ich möchte unbedingt mit. Es ist wichtig für mich, weil ich mir doch so einen Überblick über den Schaden verschaffen kann und ich Mitarbeiter informieren und die Versicherung verständigen muss.«

»Tut mir wirklich Leid, aber Sie müssen sich noch ein wenig gedulden, Herr von Wandlitz«, unterbrach Tannenberg erneut.

Berti Schäffner zupfte seinen alten Sportkameraden am Arm. »Wir gehen hier vorne rein. Da kommen wir direkt zum Brandherd.«

Der Einsatzleiter forderte von einem Mitarbeiter, der ein paar Meter von ihm entfernt an einem kleineren Feuerwehrauto stand, zwei leuchtstarke Handlampen für seine Begleiter.

Nachdem diese ausgehändigt waren, begaben sich die drei Personen in den architektonisch sehr modern gestalteten Firmenkomplex.

»Den Strom haben wir natürlich vor den Löscharbeiten abgeschaltet – wegen der Kurzschlussgefahr.«

»Natürlich«, murmelte Tannenberg, der sehr über-rascht darüber war, dass er in dem Treppenhaus keinen Brandgeruch wahrnahm. »Warum riecht es denn hier kaum nach Rauch? Oder bild ich mir das nur ein?«

»Nein, Tanne. Das liegt daran, dass zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen Brandschutzsperren installiert sind. Und die sind zum Glück ziemlich dicht.«

Im zweiten Obergeschoss führte sie ein breiter Korridor vom offenen Treppenhaus zu einem Großraumbüro, in dem in Wabenform jede Menge Computerarbeitsplätze eingerichtet waren. Am anderen Ende der weitläufigen Halle konnte Tannenberg zunächst keine Tür erkennen. Erst als der Feuerwehrmann sie zu einer neben einer Automatenzeile versteckten zweiflügligen Metalltür geleitete, entdeckte auch er die massive Brandschutzvorrichtung.

»Das hab ich gemeint, Tanne: Die ganze Seite hier besteht aus einer durchgängigen Betonwand. Nur durch diesen Ausgang kann man in den anderen Gebäudeteil gelangen«, erklärte der Einsatzleiter und öffnete die in Raumfarbe gestrichene, schwergängige Tür.

Reflexartig zückte Tannenberg sofort sein Taschentuch und hielt es sich vor die Nase.

»Es riecht hier zwar nicht sehr angenehm; aber du brauchst dir wegen möglicher Gesundheitsgefahren keine Gedanken zu machen. Wir haben mehrmals die Luft gemessen. Kein Grund zur Sorge.«

Verlegen entfernte der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission die provisorische Atemschutzmaske aus seinem Gesicht und ließ sie dezent in der Hosentasche verschwinden. Der aufdringliche Gestank, der aus der geöffneten Korridortür herausströmte und sich erfolgreich den Weg in sein Riechzentrum gebahnt hatte, löste bei ihm ein spontanes Déjà-vu-Erlebnis aus: Es roch so ähnlich wie damals, als er gemeinsam mit seinen Freunden am Ende einer Fete das Lagerfeuer ausgepinkelt hatte. Es war allerdings nicht exakt derselbe Geruch; denn obwohl dieser hier auch sehr feucht war, enthielt er als zusätzliche Komponente verbrannten Kunststoff.

Leicht schmunzelnd blickte Tannenberg sich im Treppenhaus um, leuchtete erst nach unten und dann nach oben. Wie man deutlich sehen konnte, hatte das Feuer zwar die Flurtür etwas angeknabbert, aber sonst in diesem Bereich relativ wenig Schaden angerichtet. Auf den ersten Blick waren im abwärts führenden Treppenhaus nur an den Wandflächen direkt neben den Stufen leichte Brandspuren im milchigen Strahlerkegel der Taschenlampe zu erkennen.

»Komm weiter. Da kannst du sehen, wo das Feuer richtig gewütet hat«, forderte Schäffner.

Aber Tannenberg rührte sich nicht von der Stelle. »Wo kommen diese Rußspuren da an der Wand her?«

»Sehr gut beobachtet, Herr Kommissar! Wir vermuten, dass der Brandstifter sich hier eine Feuerspur gelegt hat.«

»Eine Feuerspur?«, fragte Eva Glück-Mankowski verwundert.

»Ja, es sieht sehr danach aus, als ob irgendjemand unten vom Hinterausgang bis hier hoch mit Brandbeschleunigern – wahrscheinlich Benzin – eine Spur gelegt hat«, bemerkte Berti Schäffner, und korrigierte sich sogleich: »Beziehungsweise von hier oben nach unten. Ist wohl wahrscheinlicher!«

»Praktisch ’ne flüssige Zündschnur.«

»Könnte man so nennen, Tanne.«

»Aber warum?«, fragte die Kriminalpsychologin leise.

»Um Zeit zu gewinnen – und um sich nicht selbst zu gefährden«, spekulierte der Brandexperte.

»Das werden die Sachverständigen sicherlich genauer abklären können. Komm, Berti, lass uns jetzt mal da reingehen«, drängte Tannenberg und richtete den Leuchtstrahl seiner Lampe in einen rabenschwarzen, ausgebrannten Flur, dessen Boden mit einem weißen Schaumteppich überzogen war. Aus ihm ragten eine Vielzahl verkohlter Gegenstände heraus, die von der zerstörerischen Kraft des Feuers so stark verändert worden waren, dass ihr ursprünglicher Zustand nur noch zu erahnen war.

»Vorsicht – nicht stolpern! Unter dem Schaum liegt alles mögliche Zeug rum. Außerdem ist es hier ziemlich glitschig. Eigentlich sollte ich euch im Dunkeln hier gar nicht reinlassen. Aber, wartet mal: Ich sag den Jungs einfach, sie sollen hier hinten nochmals die Strahler anmachen. Hätte ich ja schon längst dran denken können! Aber, Tanne, das ist eben der leidige Zahn der Zeit, der immer mehr an uns alten Männern nagt. Oder hast du mit dem Älterwerden noch keine Probleme?«

»Hör endlich auf, hier so blöd rumzuquatschen!«, war alles, was der Angesprochene zu diesem Thema beitragen wollte.

Kurz nachdem der Einsatzleiter mit seinen Kollegen draußen vor dem Gebäude telefoniert hatte, hörte man, wie Dieselmotoren gestartet wurden. Mit nur geringer zeitlicher Verzögerung zündeten leuchtstarke Halogenscheinwerfer, die den Korridor von der hinteren Seite her erhellten.

»Stopp!«, rief plötzlich eine dunkle Männerstimme aus dem Treppenhaus.

Es war der Leiter der Kriminaltechnik, der mit seinem Team und dem Gerichtsmediziner Dr. Rainer Schönthaler die Treppe emporgestiegen kam.

»Hallo, lieber Mertel! Ihr seht einfach putzig aus, in euren weißen Ganzkörperanzügen – wie kleine Eisbären«, begrüßte Eva den Chef der Spurensicherung.

»Das gibt es ja gar nicht! Da rennen wir uns ab und das LKA ist wieder mal vor uns da!«

»Purer Zufall. Ich bin nur rein privat hier.«

Dem vielsagenden Blick des Kriminaltechnikers hielt Tannenberg tapfer stand. »Mertel, ich weiß genau, was du jetzt sagen wirst.«

»Dann mal los, Wolf! Da bin ich aber gespannt.«

»Wegen der Lösch- und Aufräumarbeiten der Feuerwehr sind die meisten Spuren vernichtet worden. Weil diese unbelehrbaren Trampeltiere einfach keine Rücksicht auf uns nehmen usw., usw.«

»Stimmt ziemlich genau. Wenn du so treffsicher in die Zukunft schauen kannst, solltest du es vielleicht mal mit Lottospielen versuchen.«

»Ja, sollen wir mit dem Löschen und mit der Brandnachschau etwa warten, bis der Herr Oberspurensicher aufgekreuzt ist?«, wetterte Brandrat Schäffner los.

Weil Mertel diese, für einen leidenschaftlichen Kriminaltechniker wie ihn, nahezu unerträglichen Situationen schon des öfteren erlebt hatte, sah er sich genötigt, gleich noch eine weitere Breitseite abzufeuern: »Da diese vorsätzlichen Spurenvernichter bekanntlich immer ganze Arbeit leisten, könnt ihr gleich mit reinkommen. Aber mindestens zwei Meter Abstand zum Leichnam. Klar?«

Die allseitige Einverständniserklärung erfolgte wortlos. Die beiden Kriminalbeamten und der Einsatzleiter traten etwas zur Seite und ließen die Kriminaltechniker und den Gerichtsmediziner mit ihren großen Alu-Koffern passieren. In ausreichendem Sicherheitsabstand folgten sie dann den Männern in den hell erleuchteten, dreieckigen Raum, dessen Glasfassade anscheinend von der Hitze des Feuers oder einer Explosion zum Teil weggesprengt worden war.

Durch die offenen Glasflächen drückte sich leichter Nieselregen ins Gebäudeinnere.

Das helle Scheinwerferlicht blendete Tannenberg so stark, dass er zunächst nur grell aufblitzende Sternchen sah. Erst als er sich mit dem Rücken zur Lichtquelle drehte, konnte er die stark verkohlte Leiche inmitten eines fürchterlichen Trümmerchaos erkennen. Sie lag flach auf dem Rücken neben einem dürren Stahlgerippe.

Wahrscheinlich ein ehemaliger Schreibtisch, schlussfolgerte er.

Neben ihr stieg heller Wasserdampf aus verkohlten, mit weißen Schaumkronen besetzten Gerümpelteilen empor, die vielleicht einmal zu einer Regalwand oder zur Deckenverkleidung gehört hatten.

»Wir haben die Leiche erst ziemlich spät und auch eher zufällig entdeckt. Eigentlich nur deshalb, weil ein Kollege bei der Brandbegehung den Unrat durchwühlt hat, um den möglichen Ausbruchsherd des Feuers ausfindig zu machen«, erklärte der ranghohe Feuerwehrmann.

»Und dann hat er das ganze Zeug, das auf dem Toten gelegen hat, entfernt, irgendwohin geschmissen und als Krönung auch noch die Sachen, die direkt um die Leiche herumlagen, zur Seite geräumt. Es ist echt zum Kotzen mit euch!«, rief Mertel zornig und kniete sich vor dieses verkohlte schwarze Etwas, das einmal ein Mensch gewesen sein sollte.

Tannenberg tastete mit seinen Blicken den verwüsteten Raum ab. Die einzigen Dinge, die sich der enormen Zerstörungskraft des Flammeninfernos trotzig widersetzt hatten und so nahezu unbeschadet ihren Originalzustand bewahren konnten, waren ein an der rechten Wand angebrachtes Waschbecken und mehrere mit Ruß geschwärzte Heizkörper. Ansonsten hatte das ausgehungerte Feuer alles, was es in diesem großflächigen Büro finden konnte, gierig in seinen gefräßigen Schlund gezogen, darauf herumgekaut und anschließend die unverdaulichen, schwarzen Brocken wieder ausgespien.

Als er in der anderen Raumecke die Überreste einer teuren Gastronomie-Espressomaschine entdeckte, versetzte ihm dieser deprimierende Anblick einen regelrechten Stich ins Herz.

»Verfluchtes Feuer!«, schimpfte er leise vor sich hin.

»Wolf, kommst du mal?«, rief plötzlich der Gerichtsmediziner, der sich ebenfalls neben dem verbrannten Leichnam niedergekniet hatte.

Tannenberg zögerte. »Sag mir’s doch einfach. Ich muss mir das doch wirklich nicht antun, schließlich hab ich gerade zu Abend gegessen.«

»Du alte Memme! Also gut: Die Leiche weist schwerste Kopfverletzungen auf. Um es auf den Punkt zu bringen: Ihr Schädel wurde regelrecht zertrümmert. Die Knochen von Stirn und Hinterkopf liegen praktisch direkt aufeinander.«

»Was?«, fragte Tannenberg fassungslos.

»Ja, du hast richtig gehört. Von daher kann man eigentlich froh sein, dass der Mensch hier verbrannt ist.«

»Warum?«

»Was meinst du wohl, wie das hier vor dem Brand ausgesehen hat: Eine Matschepampe aus Gehirnmasse und …

»Komm, sei ruhig!«, befahl Tannenberg und ging ein paar Schritte zurück in den durch die geborstenen Fensterscheiben hereinströmenden Frischluftkanal. »Könnten diese Verletzungen nicht auch durch herabgestürzte Deckenplatten verursacht worden sein?«

»Nein, Wolf, sicher nicht, denn dann würden wir ein, vielleicht auch zwei Bruchstellen in der Schädeldecke finden. Und das aber auch nur dann, wenn es extrem schwere Deckenverkleidungen gewesen wären, die meines Wissens im Innenausbau aber schon seit vielen Jahren gar nicht mehr erlaubt sind. Das hier sieht irgendwie so aus, als ob einer mit einem Mörser eine Walnuss zerstoßen hätte.«

»Das kann nur ein Wahnsinniger gewesen sein«, murmelte Tannenberg, der seinen alten Freund, den Gerichtsmediziner, in dienstlichen Angelegenheiten nicht zuletzt wegen seiner stets außergewöhnlich anschaulichen Vergleiche so sehr schätzte, leise vor sich hin.

»Leider nicht, Herr Hauptkommissar«, bemerkte die Kriminalpsychologin mit ruhiger Stimme. »Fast jeder Mensch ist zu solch einer barbarischen Handlung fähig. Das steckt tief in uns drin, vor allem in euch Männern. Denk nur mal an die liebevollen Familienväter, die im Blutrausch zu bestialischen Kriegsverbrechern wurden. Diese Dispositionen treten vor allem in emotionalen Extremsituationen zutage, wo dann plötzlich alle humanistischen Hemmschwellen wegfallen und sämtliche Sicherungen durchbrennen.«

Tannenberg ging nicht auf die männerfeindlichen Provokationen ein, die Eva Glück-Makowski in ihren kleinen Vortrag hineingepackt hatte, sondern versuchte sich ihrer psychologischen Fachkompetenz zu bedienen, auf die er in der Vergangenheit schon des Öfteren zurückgegriffen hatte: »Irre! Du meinst, das hier kann die Tat eines ganz normalen Biedermanns sein?«

»Genau! Oft sind es sogar diejenigen, die sich sonst in ihrem Leben besonders korrekt und angepasst verhalten. Wenn die dann mal aus irgendeinem Grund ausflippen, dann aber gleich richtig.«

»Schau mal, was ich gefunden habe«, rief Mertel von der Kriminaltechnik dazwischen, der sich bereits auf den Weg zu Tannenberg gemacht hatte. Er hielt ihm eine kleine, durchsichtige Plastiktüte mit einem Kettchen und zwei Ringen entgegen. »Ich schätze mal, es handelt sich bei dem Leichnam um eine Frau. Diese Schmuckstücke passen wohl kaum zu einem Mann, vor allem nicht dieser Diamantring.«

»Da hast du sicherlich Recht.« Tannenberg begab sich zum Einsatzleiter der Feuerwehr, der sich ein paar Meter von ihm entfernt gerade mit einem auf der Drehleiter stehenden Kollegen unterhielt. »Du, Berti, sei so gut und sag mal deinen Leute unten vorm Eingang, dass einer von ihnen diesen Professor von Wandlitz hier zu uns hochbringen soll.«

Brandrat Schäffner instruierte umgehend seine Mitarbeiter.

Kurze Zeit später erschien der Firmenchef und wurde von Tannenberg und seiner Begleiterin noch im Treppenhaus in Empfang genommen.

»Kann ich jetzt endlich mal den angerichteten Schaden begutachten?«, legte er gleich fordernd los.

»Gemach, gemach, Herr Professor. Sie können in der nächsten Zeit hier noch nicht rein. Die Spurensicherung muss erst ihre Arbeit fertig machen; und das kann dauern!«, gab der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission scharf zurück.

»Na gut. Ich sehe ja auch von hier, dass anscheinend nur das Büro von Susanne zerstört wurde und der Bereich der Softwareentwicklung verschont geblieben ist. Gott sei Dank! Wir haben nämlich zurzeit einen wichtigen Großauftrag abzuwickeln. Und in unserem harten Konkurrenzgeschäft zählt jeder Tag. – Gut, dann werde ich jetzt nach Hause fahren und versuchen, jemanden von der Brandversicherung zu erreichen, damit die so schnell wie möglich den Schaden aufnehmen. Weiß man eigentlich schon etwas über die Ursache des Feuers?«

»Nein«, log Tannenberg ohne Gewissensbisse. »Wessen Büro ist das überhaupt? Sie sagten Susanne …«

»Ja, Susanne Niebergall, CFO und Mitgesellschafterin unseres Unternehmens. Bevor Sie wieder Ihre Kollegin fragen müssen«, ergänzte von Wandlitz überheblich: »CFO ist die Abkürzung für ›Chief Financial Officer‹ – früher hätte man ganz einfach ›Chef-Buchhalterin‹ gesagt. So, jetzt muss ich aber los!«

»Entschuldigung, Herr Professor, da wäre noch etwas«, entgegnete der Kriminalbeamte eher beiläufig.

»Ja, was gibt’s denn noch?«

Tannenberg zog das Tütchen mit dem von Ruß geschwärzten Silberschmuck der Toten aus seiner Sakkotasche und leuchtete es mit der Taschenlampe an. »Haben sie dieses Kettchen und diese Ringe hier schon mal gesehen?«

Von Wandlitz griff mit seiner rechten Hand an den leicht angekohlten Türrahmen und stützte sich ab. Dann nahm er das Plastiktütchen und setzte sich auf die oberste Stufe der Treppe. »Oh Gott, das ist ja Susannes Schmuck. Was ist denn passiert? Ist sie etwa da drin?«, fragte er stockend. Er schlug sich mit der anderen Hand leicht an die Stirn, schluckte mehrmals und räusperte sich, bevor er schniefend nachschob: »Ist sie tot?«

»Wir können noch nichts Definitives über die Identität der oder des Toten sagen, den die Feuerwehr im Büro Ihrer Kollegin entdeckt hat«, entgegnete Tannenberg und bat anschließend die Kriminalpsychologin, den Professor nach unten zu begleiten und dafür zu sorgen, dass er, falls er nicht mit seinem eigenen Auto hierher gekommen sei, von einem Streifenwagen nach Hause gebracht würde.

Anschließend begab er sich wieder in den verwüsteten Büroraum, um bei Dr. Schönthaler weitere Informationen einzuholen: »Was ist, hast du etwas Interessantes für mich gefunden?«

Aber der Rechtsmediziner schien nicht bereit, auf Tannenbergs Frage einzugehen, denn er wandte sich an Mertel: »Du alter Spuren- und Dreckschnüffler, was fehlt hier in diesem verwüsteten Raum eindeutig?«

Der angesprochene Kriminaltechniker, der sich im Laufe der Jahre mit der manchmal etwas provokanten und makaberen Ausdrucksweise des Pathologen wohl oder übel arrangiert hatte, blickte kurz hoch, sah sich um und widmete sich dann weiter seiner analytischen Arbeit.

»Also, dir fällt nichts auf, Mertel?«, ließ Dr. Schönthaler nicht locker.