Die Zeitreisende, 12. Teil - Hardy Manthey - ebook

Die Zeitreisende, 12. Teil ebook

Hardy Manthey

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Opis

Vor 15 000 Jahren hat unsere Zeitreisende als Afra ihr erstes Abenteuer gemeistert und musste dafür einen hohen Preis zahlen. Also ist es nicht die Maria Lindström, mit der alle Abenteuer begonnen haben. Oder doch? Wir wissen es nicht und werden es vielleicht nie erfahren. Maria Lindström, ebenfalls nur eine Episode? Diese Frage stellt sich für unsere Zeitreisende gar nicht. Sie geht ihrem neuen Auftrag entgegen. Nicht alles, was die Minoser vor 15 000 Jahren zurückgelassen haben, konnte Afra damals zerstören. Das muss Aphrodite nun vollenden. In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ist sie auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Minoser um die ganze Welt unterwegs. Viele gefährliche Abenteuer muss sie meistern. Die Horch- und Sendeanlagen der Minoser muss sie zerstören und zwar bis 1940. Begleiten Sie unsere Heldin dabei! Gleichzeitig betritt sie das 20. Jahrhundert, das die Welt komplett verändern und in ihren Grundfesten erschüttern wird. Es ist das Jahrhundert der Revolutionen, der wissenschaftlichen Umbrüche, Kriege und Grausamkeiten. Auch nach der Überarbeitung der Urfassung kann ich dem Leser nicht alle Schrecken des Jahrhunderts ersparen. Sie sollen den Leser dafür sensibilisieren, dass sich so etwas im 21.Jahrhunder nie wieder wiederholen darf. Vor allem an meine weiblichen Leser appelliere ich, dafür zu kämpfen, dass die Leistungen der Frauen des 20. Jahrhunderts gewürdigt werden und der Kampf um die Gleichberechtigung fortgesetzt wird. Die Frage nach außerirdischer Zivilisationen, die sich vielleicht auch der Leser stellt, stellt sich für mich nicht mehr. Sie sind schon lange unter uns. Wir müssen uns eher fragen, wie wir mit ihnen umgehen wollen. Was unsere Zeitreisende tun muss, ist dabei aber keine Hilfe. Ihr Fall ist ein Sonderfall. Wie der Leser das sieht, muss jeder für sich selbst herausfinden.

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Impressum

Hardy Manthey

Die Zeitreisende, 12. Teil

Die Suche nach den verborgenen Sendern der Minoser in Afrika

Ein fantastischer Roman

2. überarbeitete Auflage

ISBN 978-3-86394-613-5 (E-Book)

Titelbild: Ernst Franta unter Verwendung des Gemäldes "Judas und Tamar“ von Emile Jean Horace.

© 2014, 2017 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Prolog

Vor 15 000 Jahren hat unsere Zeitreisende als Afra ihr erstes Abenteuer gemeistert und musste dafür einen hohen Preis zahlen. Also ist es nicht die Maria Lindström, mit der alle Abenteuer begonnen haben. Oder doch? Wir wissen es nicht und werden es vielleicht nie erfahren. Maria Lindström, ebenfalls nur eine Episode? Diese Frage stellt sich für unsere Zeitreisende gar nicht. Sie geht ihrem neuen Auftrag entgegen. Nicht alles, was die Minoser vor 15 000 Jahren zurückgelassen haben, konnte Afra damals zerstören. Das muss Aphrodite nun vollenden. In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ist sie auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Minoser um die ganze Welt unterwegs. Viele gefährliche Abenteuer muss sie meistern. Die Horch- und Sendeanlagen der Minoser muss sie zerstören und zwar bis 1940. Begleiten Sie unsere Heldin dabei.

Gleichzeitig betritt sie das 20. Jahrhundert, das die Welt komplett verändern und in ihren Grundfesten erschüttern wird. Es ist das Jahrhundert der Revolutionen, der wissenschaftlichen Umbrüche, Kriege und Grausamkeiten. Auch nach der Überarbeitung der Urfassung kann ich dem Leser nicht alle Schrecken des Jahrhunderts ersparen. Sie sollen den Leser dafür sensibilisieren, dass sich so etwas im 21.Jahrhunder nie wieder wiederholen darf. Vor allem an meine weiblichen Leser appelliere ich, dafür zu kämpfen, dass die Leistungen der Frauen des 20. Jahrhunderts gewürdigt werden und der Kampf um die Gleichberechtigung fortgesetzt wird.

Die Frage nach außerirdischer Zivilisationen, die sich vielleicht auch der Leser stellt, stellt sich für mich nicht mehr. Sie sind schon lange unter uns. Wir müssen uns eher fragen, wie wir mit ihnen umgehen wollen. Was unsere Zeitreisende tun muss, ist dabei aber keine Hilfe. Ihr Fall ist ein Sonderfall. Wie der Leser das sieht, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung

Hardy Manthey

Das 20. Jahrhundert - 1935

Vorsichtig steigt Aphrodite aus dem Sarkophag. Niemand ist zu sehen.

Bin ich zu früh ausgestiegen? Nein, ich lege mich nicht zurück in den Sarkophag, entscheidet sie. Sie geht  noch etwas steif unter die Dusche. Sie genießt das warme Wasser und schließt die Augen. Plötzlich spürt sie, dass jemand mit unter der Dusche steht. Erschrocken schlägt sie die Augen auf. Neben ihr steht Maria, ihre Tochter, ebenso nackt wie sie und duscht sich auch.

„Hallo, Mutter. Dein Sohn lässt sich entschuldigen. Ich übernehme heute deine Einweisung!“, erklärt die Tochter und genießt wie Aphrodite das angenehm warme Wasser.

Aphrodite fragt: „Wie geht es dir, Maria? Hast du mit Jesus und Co. in deiner Zeit alles gut überstanden? Du bist wunderschön, Maria!“

Maria lächelt und erwidert: „Danke, alles im grünen Bereich. Du siehst aber auch gut aus. Ganz so schlimm kann also dein Steinzeitabenteuer in Afrika doch nicht gewesen sein!“

„Du irrst dich gewaltig, Tochter. Ich bin heilfroh, alles überstanden zu haben. Das Wort schrecklich ist dafür eine böswillige Untertreibung. Es war einfach nur der helle Wahnsinn, die Hölle pur. Die Männer dort sind schlimmer als jede Krankheit!“, erwidert Aphrodite aufgebracht.

Maria ist entsetzt: „Dann will ich nichts gesagt haben. Aber um die Männer kannst du auch bei deinem neuen Abenteuer keinen Bogen machen. Du musst dich mit ihnen arrangieren, um erfolgreich zu sein!“

„Das ist nicht dein Ernst, Tochter!“

Beide Frauen genießen jetzt die Luftdusche. Im Spiegel betrachtet sich Aphrodite kritisch. Stellt aber zufrieden fest, dass sie locker mit ihrer Tochter mithalten kann. Sie ist formvollendet und betörend schön. Auch ohne lästigen BH kann sie sich sehen lassen. Vor dem Spiegel steht eine blutjunge, wunderschöne Frau. Sicher, die afrikanischen Maßstäbe, die die Männer dort an die Frauen ansetzten, sind in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wohl nicht mehr gefragt. Überhaupt, sie hat jetzt wieder helle Haut. Aber ihre dunkle Haut war auch schön. Na und nun ist sie eben wieder hellhäutig und blond. Ihre Tochter Maria hat sehr langes, schwarzes Haar. Aphrodites blondes Haar ist nicht so lang, aber auch wunderschön. Sie beide sind doch recht verschiedene Frauen, stellt Aphrodite bei ihrer Beobachtung vor dem Spiegel kritisch fest.

Maria scheint ihre Gedanken mitlesen zu können, lächelt und wirft ihr einen Bademantel zu: „Mutter, du bist ganz schön eitel. Keine Sorge, du bist wirklich eine schöne Frau. Du kannst dich sehen lassen. Komm bitte mit nach nebenan. Wir müssen jetzt einiges besprechen. Es duldet keinen Aufschub. Wir haben nur ein begrenztes Zeitfenster offen!“

Aphrodite schämt sich jetzt ihrer übertriebenen Eitelkeit. Selbst die eigene Tochter wird schon zur Konkurrentin.

„Entschuldige, Maria, ich weiß, ich bin ein törichtes Weib. Meine Eitelkeit treibt manchmal seltsame Blüten. Doch ich kann leider nicht aus meiner Haut heraus. Ich bin einfach zu sehr Frau!“, rechtfertigt sie sich und folgt ihrer Tochter. Sie betreten zusammen einen kleinen Raum mit einem runden Tisch und zwei Sesseln. Die Frauen nehmen dort Platz.

„Ich hoffe, dass Aphrodite von ihrer Urmutter Afra immer noch alles weiß!“

„Denke schon, dass ich die Sender knacken kann. Vorausgesetzt, die Sicherheitsanlagen sind auch so angelegt wie in der Brutanlage. Wenn nicht, dann haben wir ein echtes Problem!“, meint Aphrodite etwas unsicher.

Maria wirft lässig ihre schönen Beine übereinander und meint dabei: „Bis jetzt können wir davon ausgehen, dass du alles im Griff hast. Kommen wir nun zu deinem neuen Abenteuer. Wie kann eine Frau in einer recht frauenfeindlichen Zeit an einer gefährlichen Expedition teilnehmen? Afrika ist der dunkle Kontinent. Du musst dort den ersten Sender der Minoser finden und ausschalten. Dich in einen Mann zu verwandeln, wäre theoretisch und praktisch für uns natürlich möglich. In deinem speziellen Fall sollten wir aber tunlichst die Finger davon lassen. Dein ganzer Körper, deine Psyche ist eine einzige Kampfansage an den Mann. Als Mann würdest du dich selbst zerfleischen. Nach deinem Afrikaabenteuer wird das erst recht so sein. Du bist eine Urmutter. Auch spüre ich deutlich, dass du dich jetzt an den Männern rächen willst. Davon rate ich dir natürlich dringend ab!“

„Das ist eine Unterstellung! Sicher, ich bin auf Männer im Moment nicht so gut zu sprechen. Von einem Mann getötet zu werden, ist mehr als nur ein traumatisches Erlebnis. Du hast ja bisher nicht so schlimme Erlebnisse mit den Männern gehabt, sondern eher positive Erfahrungen gemacht. Als Mann hätte ich es heute sicher leichter, an einer Expedition teilnehmen zu können!“, meint Aphrodite unsicher.

Maria schüttelt den Kopf und erklärt: „Belüg dich doch nicht selbst. Schau dich doch an, Mutter! Alles an dir ist pure Weiblichkeit, ist Frau in ihrer schönsten Vollendung. Da willst du doch diesen schönen Körper nicht gegen den trockenen dürren Körper eines behaarten Mannes eintauschen? Das ist nicht dein Ernst!“

Auf einem riesigen Bildschirm taucht jetzt in Lebensgröße ein nackter Mann auf.

Maria zeigt auf den Mann: „So könntest du nach der Umwandlung aussehen. Willst du das wirklich?“

Aphrodite fröstelt bei dem Anblick. So behaart und nackt herumzulaufen, das geht schon gar nicht. Auch wenn der Mann sicher allen Anforderungen gerecht wird. Doch alles in ihr widersetzt sich bei der Vorstellung, so auszusehen. Sie schaut einfach weg und sagt leise: „Natürlich bin ich gerne eine Frau. Mann sein ist schlicht der Horror. Überhaupt, wenn ich mir den Mann so ansehe, ist die Evolution an ihm spurlos vorbeigegangen. Die Männer haben sich nicht zum Positiven verändert. Adam und Yao waren wenigstens noch schlank. Sind nicht die Männer im zwanzigsten Jahrhundert alle mit Bierbauch ausgestattet? Oder irre ich mich da?“

„Die Männer leiden in dieser Zeit besonders unter den neuen Bedingungen der Überflussgesellschaft. Ich weiß aber nicht, ob das auch schon für die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gilt. Über die Zeit weiß ich selbst nicht so viel!“, meint Maria unsicher.

Aphrodite ist nachdenklich: „Also doch das Abenteuer als Frau wagen? Auch mein schönstes Lächeln wird keinen Mann davon überzeugen, dass ich unbedingt an einer so gefährlichen Expedition teilnehmen muss!“

Maria lacht: „Das ist wohl wahr, Mutter. Doch eine Lösung muss her. Einer Expedition heimlich folgen, ist auch so gut wie ausgeschlossen. Die Expedition, die 1936 gestartet wird, wird offiziell weder von Deutschland noch von Österreich unterstützt. Es sind wohl Abenteurer mit viel Geld, die sie privat organisieren. Es gibt keine Pressemitteilungen über den Start der Expedition. Wir wissen nur, dass Jahre später in einer Todesanzeige die Expedition nach Nordafrika erwähnt wurde und alle Expeditionsmitglieder für tot erklärt wurden. In den USA hat ein Journalist an eine Tageszeitung in Deutschland telegrafiert, dass die einzige Frau der Expedition überlebt haben soll. Er könnte das sogar beweisen. Er forderte aber für weitere Informationen eine für damalige Zeit unerhörte Summe. Er forderte wohl hunderttausend Dollar. Doch dem geldgierigen Mann glaubte niemand. Übrigens wurde damals die bewusste Frau von den Deutschen weltweit gejagt. Ob du das bist, wissen wir nicht mit Bestimmtheit. Auszuschließen ist es aber nicht. Du liebst es ja, dich überall mit den Männern anzulegen. Warum sich nicht mal gleich von einem ganzen Land jagen lassen? Passen würde das zu dir!“

Aphrodite ruft begeistert: „Also hat doch eine Frau an der Expedition teilgenommen. Wer war sie?“

„Wie schon gesagt, das wirst du wohl gewesen sein. Eine zweite so verrückte Frau gab es sicher zu dieser Zeit bestimmt nicht!“, meint Maria lächelnd.

„Mit den Zeitreisen ist das schon eine unvorstellbare Sache. Ich habe also vielleicht doch an dieser Expedition teilgenommen und weiß nichts davon. Wie ist das möglich?“

Maria weicht ihrem fragenden Blick aus und erklärt: „Es ist dieses Mal eine ganz verrückte Sache. Ich darf dir nicht zu viel verraten, sonst willst du vielleicht nicht mitmachen. Zu widersprüchlich sind auch die Informationen, die wir gefunden haben!“

„So schlimm wird es wieder für mich?“, fragt Aphrodite schon wieder aufgeschreckt.

Maria nickt: „Glaube schon!“

„Egal, da muss ich wohl wieder durch. Nun sag schon, wie werde ich als Frau Mitglied einer Expedition, die das dunkle Afrika ergründen will? Wie komme ich zum Sender?“, fragt Aphrodite neugierig.

Maria lächelt: „Unser Vorschlag: Du selbst organisierst die Expedition. Versuchen kannst du es in jedem Fall!“

„Ich soll eine Expedition organisieren? Ich kann nicht einmal mein Leben vernünftig organisieren und ihr wollt, dass ich gleich eine ganze Expedition organisiere?“, fragt Aphrodite überrascht. „Wie soll das gehen? Wie mach ich das? Überhaupt, wie werde ich mich in Deutschland oder Österreich etablieren? Sag nicht, dass ich wieder die Identität einer toten oder kranken Frau annehmen muss!“

„Für dich haben wir uns dieses Mal etwas ganz anderes ausgedacht. Denn sich hinter toten Frauen zu verstecken, hatte seine Risiken, das weißt du ja aus leidiger Erfahrung,. Nein, dieses Mal machen wir es anders. Du gehst am 28. Mai 1935 in Kairo zur deutschen Botschaft. Du behauptest dort, das uneheliche Kind eines deutschen Geschäftsmannes zu sein. Eines Mannes, der am 10. Mai 1935 in Kairo verstorben ist. Wir wissen mit ziemlicher Sicherheit, dass er auch keine lebenden Verwandten mehr in Deutschland hat. Marotti hat den geringen Nachlass, vor allem aber seine Dokumente, gekauft. Dazu geben wir dir echten altägyptischen Schmuck und einige wirklich wertvolle Edelsteine mit. Mit einem Teil des beachtlichen Vermögens kannst du die Beamten dort bestechen. So gelangst du nach Deutschland und kannst von da aus die Expedition organisieren und starten.“

Aphrodite versteht Maria nicht ganz und fragt: „Warum muss ich überhaupt erst nach Deutschland reisen, wenn ich schon in Ägypten bin? Das ist doch unlogisch?“

„Weil es in Deutschland jede Menge Fachleute gibt, die dir helfen können und sicher auch helfen werden. Du köderst diese Männer mit der Behauptung, dass dein verstorbener Vater eine altägyptische Grabkammer in Ägyptisch-Sudan gefunden hätte. Von dort sei ja auch der Schmuck, den du ihnen zeigst. Du musst dann nur noch die Abenteurer um dich scharen, die dir helfen werden, den Schatz zu bergen. Nur du weißt natürlich, wo sich der Schatz befindet. Aber um die Grabkammer zu öffnen, sind tatsächlich Fachleute gefragt. Also darfst du logischerweise als Frau auch an der Expedition teilnehmen. Die Männer werden Gift und Galle spucken, aber dich werden sie mitnehmen!“

Aphrodite schüttelt den Kopf: „Mitnehmen werden sie mich. Doch die Männer steinigen mich, wenn ich denen keinen Schatz bieten kann. Frauen wurden und werden für geringere Vergehen gemeuchelt. Maria, mal ganz ehrlich, mir ist das zu gefährlich, einfach zu riskant!“

„Du wirst tatsächlich den Männern einen Schatz bieten können. Du brauchst auch noch viel Geld, um in Mexiko und auf Neu Guinea die Sendeanlagen zu finden. Nur der Schatz ist nicht ägyptisch, sondern stammt von zwei nubischen Königsgräbern!“

„Wie finde ich diesen Königsschatz? Ich bin nicht Indianer Jones“, spottet Aphrodite.

Maria erklärt lächelnd: „Du warst schon selbst dort. Nur eben einige Jahre davor, bevor die Gräber dort angelegt wurden!“

„Ich war schon dort?“, fragt Aphrodite ungläubig.

Maria nickt und erklärt: „Den Königsschatz findest du in Amara!“

„In Amara? Die Stadt sagt mir was“, meint Aphrodite erstaunt.

Maria nickt und erklärt: „Oben auf dem Platz mit dem Obelisken, dort wo du als Göttin in den Himmel aufgestiegen bist, haben wenige Jahre später zwei nubische Könige ihre Gräber errichtet. Du brauchst dort nur zu graben, dann findest du tatsächlich die versprochenen Schätze. Die Gräber sind bis jetzt nicht geplündert, weil die offiziellen Gräber der beiden Könige ganz woanders errichtet wurden. Niemand weiß von ihrer Existenz. Wir wissen auch nur davon, weil im Obelisken fast fünfzig Jahre lang eine Kamera angebracht war, die das Gelände beobachtet hat. Weil später ein Erdbeben den Obelisken zum Einsturz brachte und dabei viele Menschen umkamen, ist der Platz dort jetzt verflucht!“

„Gut, den Platz finde ich bestimmt wieder. So viel kann sich da oben auch in zweitausend Jahren nicht verändert haben. Doch wie geht es weiter? Brauche ich wirklich die Hilfe der Männer?“

„Jetzt wirst du übermütig. Da verkennst du völlig die Zeit, in der du leben wirst. Du brauchst Männer um dich, die dich davor bewahren, als blonde Schönheit in einem Harem zu landen. Du musst auch in Kairo sofort zur Botschaft gehen. Sonst bist du schneller, als es dir lieb ist, in einem Bordell gelandet. Die Chance, die Frau eines reichen Arabers zu werden, ist realistisch in dieser Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Gegend ist dort durch Unruhen recht instabil. Dann bist du für Jahrzehnte hinter dicken Mauern verschwunden. Bedenke, Mutter, dass im nahen Saudi Arabien die Sklaverei offiziell erst neunzehnhundertsechzig abgeschafft wurde!“

„Ich glaubte, dass die Sklaverei in dieser Zeit längst verboten sei!“, ist Aphrodite ehrlich überrascht.

„Vieles ist verboten und es geschieht doch. Du musst schon ganz offiziell eine Deutsche mit allen erdenklichen Papieren sein, wenn du den Händlern entkommen willst. Nur deine deutschen Papiere können dich als Frau vor Schlimmerem bewahren. Auch dann ist eine hübsche Europäerin nur in männlicher Begleitung wirklich sicher. Also halte dich an die Männer, auch wenn es dir schwerfallen sollte. Wir hoffen, dass zumindest die deutschen Männer Ehrenmänner sind. Darum auch der für dich scheinbar unlogische Umweg über Deutschland. So schlecht ist der Ruf der deutschen Männer zu dieser Zeit noch nicht!“

Aphrodite fragt: „Ich brauche mich also nur als uneheliche Tochter eines deutschen Geschäftsmannes ausgeben und schon bin ich Deutsche? Wer ist meine Mutter?“

„Nun weiter zu deiner Legende. Deine Mutter hat dich als neugeborenes Kind schon deinem Vater übergeben und euch verlassen. Sie war wohl eine Tänzerin. Wir haben ein Foto von einer halbnackten, blonden Frau in seinen Dokumenten gefunden. Wer diese Frau wirklich ist, wissen wir leider nicht. Auf der Rückseite des Fotos steht nur: Said 1906. Du bist bei deinem Vater aufgewachsen!“

Aphrodite ist skeptisch: „Die Frau kann mir vielleicht gefährlich werden. Überhaupt, der Mann hat doch bestimmt nicht isoliert in Kairo gelebt. Die Einheimischen werden nichts von einer Tochter wissen. Ich fliege schneller auf, als es mir lieb sein wird!“

„Der Mann ist in Kairo in einem Armenkrankenhaus verstorben. Gelebt hat er nach den Papieren aber viele Jahre in Assiut und in Karthum. Die Behörden werden sich kaum die Mühe machen, extra deinetwegen in Assiut oder Karthum Nachforschungen anzustellen. Dafür schmierst du sie ja auch kräftig!“

Aphrodite hat immer noch Zweifel und lässt nicht locker: „Wie kommt aber der gescheiterte Geschäftsmann zu diesem Vermögen, das ihr mir ja mitgebt?“

„Er war eben ein Geizhals!“, erwidert Maria.

Aphrodite ist immer noch unsicher: „Es ist dennoch recht riskant.“

„Ohne Risiko ist in deinem Geschäft nichts zu machen. Du musst immer schön vorsichtig sein. Ach übrigens, der Mann hieß Xaver Leopold Bruchmann. Wir schlagen vor, dass du dich als Aphrodite Mercedes Bruchmann bei der deutschen Behörde meldest!“

„Aphrodite Mercedes Bruchmann klingt gut. Aber sag mal, habt ihr auch nachgeprüft, ob er ein echter Deutscher war? Ich meine, nicht dass ich Jüdin bin und in Deutschland gleich ins KZ wandere. Das ist doch diese schlimme Zeit? Oder etwa nicht?“

Maria nickt und behauptet: „Der Mann war Rassist und Faschist bis ins Knochenmark. Das beweisen seine wenigen Briefe, die nach Deutschland gehen sollten. Der Mann hat sie nie abgeschickt. Sie waren an seine Schwester gerichtet, die aber schon 1921 in München verstorben ist. Er hat sich schon 1928 seinen arischen Stammbaum ausstellen lassen. Damals hat noch nicht einmal Hitler seinen Stammbaum so tief zurückverfolgen lassen, glaube ich zumindest!“

Aphrodite lacht: „Das ist gut. Dann bin ich also so eine Nazitussi.“

Maria warnt: „Halte dich bloß mit politischen Äußerungen zurück. Das kann dir schnell zum Verhängnis werden. Ein Adolf Hitler ist zu dieser Zeit eine echte Kultfigur!“

„Ja, ja! Ich habe es kapiert. Was ist noch zu beachten? Muss ich wieder aus dem Wasser steigen? Womöglich aus dem Nil? Der Nil ist doch so schmutzig. Oder war das damals noch nicht so?“

Maria schüttelt mit dem Kopf und erklärt: „Wir setzen dich am frühen Morgen direkt bei den großen Pyramiden ab. Du wartest, bis die ersten Touristen da sind. Dann nimmst du dir eine Kutsche und lässt dich gleich zur deutschen Vertretung fahren. Mach bloß als Frau keine Extratouren durch Kairo. Erst die wichtigen Papiere, dann das Vergnügen!“

„Wie soll es danach weitergehen? Ich meine, nach der Behörde!“, fragt Aphrodite immer noch unsicher.

„Wir machen es dir so leicht wie möglich. Du hast schon bei den Pyramiden einige tausend britische Pfund bei dir. Bis du gültige deutsche Papiere hast, vergehen mehrere Tage. Du solltest dich so lange im „Mena House Oberoi“ einquartieren. Lass dich dort auch ordentlich einkleiden. Dort könntest du dir vielleicht einen passenden Mann anlachen, mit dem du nach Deutschland reisen kannst.“

„Muss das sein? Schon wieder ein Mann? Geht es nicht auch mal zur Abwechslung mit einer vermögenden Frau?“, fragt Aphrodite, schon wieder schlecht gelaunt. Immer wieder Männer, das stört sie.

Maria lächelt: „Reiche herumreisende Frauen sind zu dieser Zeit noch eine echte Rarität. Du wirst ohne Männer nicht weit kommen. Glaube mir das bitte!“

„Schon gut. Ich weiß, dass auch dieses Abenteuer nicht ganz ohne Gefahren sein wird. Gibt es noch etwas zu bereden?“

„Es ist wohl alles gesagt!“

„Dann kann es ja losgehen. Wo geht es nun lang?“, fragt Aphrodite.

„Komm bitte mit. Neben der Dusche liegen deine neuen Sachen.“

Aphrodite folgt ihrer Tochter. Als sie dort ihre Sachen liegen sieht, ist sie erst geschockt. Seidenstrümpfe mit Bändern, daneben Strumpfbandhalter. Dahinter ein entsetzlich geformter BH, ein Mieder, ein weißes Unterhemd und ein Unterrock. Darauf liegt billiger Modeschmuck, glaubt Aphrodite. Das cremefarbene Kleid gefällt ihr. Gleich mehrere Hüte und Schals entdeckt Aphrodite. Drei Handtaschen hat sie auch zur Auswahl. Das ist Stress pur. Vor 15 000 Jahren hatte sie es einfacher.

„Das trägt jetzt die moderne Frau der dreißiger Jahre. Da musst du eben durch. Sieh es von der positiven Seite, du kannst dort deine weiblichen Reize in neuer Vielfalt hervorheben“, behauptet Tochter Maria schmunzelnd.

Genervt bittet Aphrodite: „Du musst mir beim Ankleiden helfen.“

Maria nickt, hilft ihr, zeigt ihr das Mieder und erklärt: „Das Mieder hat es wirklich in sich. Die Aussage „in sich“ kannst du bitte wörtlich nehmen. Innen sind jede Menge Taschen und geheime Fächer eingearbeitet. In den Taschen stecken Edelsteine, Goldschmuck und sehr viel Bargeld. Über hunderttausend britische Pfund in großen Scheinen, um Platz zu sparen. Es ist im rechtlichen Sinne Falschgeld. Damals war noch vieles einfacher. Auch etwas mehr als tausendfünfhundert ägyptische Pfund, dieses Mal echte Scheine, sind in der von dir ausgewählten Handtasche. Neben den tausend kleinen Dingen, die eine Frau so braucht, findest du auch einen Kugelschreiber. Damit kommst du in Kairo schon ganz gut über die Runden. Das Mieder ist dazu auch noch kugelsicher. So richtig in Serie hergestellt, gibt es den Kugelschreiber erst Ende der fünfziger Jahre des Jahrhunderts, aber das Risiko gehen wir für dich ein.“

„Was gibt es schon bei einem Kugelschreiber zu riskieren?“, fragt Aphrodite und hält still, als ihr die Tochter den BH schließt.

Maria hält den Kugelschreiber in der Hand und erklärt: „Neben der logischen Funktion, damit schreiben zu können, ist es auch noch eine tödliche Waffe. Es steckt genug Energie in ihm, um zehntausend Elefanten zu töten. Einen Panzer könntest du damit einschmelzen!“

„Seid ihr jetzt wahnsinnig geworden! So ein gefährliches Teil kann ich doch nicht mitnehmen. In der Hand der Faschisten ist der Kugelschreiber vielleicht kriegsentscheidend“, protestiert Aphrodite.

Maria lächelt und erklärt: „Deine Sorge ist unbegründet. Es ist die Weiterentwicklung des Stabes, den du auf dem Planeten der Frauen nutzen durftest. In der Hand eines Fremden ist es immer nur ein Stab ohne jede Funktion. Kommt er ganz unbefugt in fremde Hände, löst der Stab sich durch einen Zeitsprung vor den Augen des Betrachters ganz auf. Kurz zur Funktion, Mutter. Du musst den Kugelschreiber nur aufdrehen, was nur dir gelingt, und schon ist es eine Waffe. Auf dein Ziel halten und drücken!“

„Okay, ihr habt also eure Haltung aufgegeben, dass keine Technik aus der Zukunft genutzt werden darf. Im Umkehrschluss bedeutet das, es wird für mich brandgefährlich!“, schlussfolgert Aphrodite.

„Du bist uns allen einfach nur viel zu wichtig geworden. Darum der ganze Aufwand für dich. Also meckere nicht! Wie du siehst, haben wir dich bestens ausgestattet“, protestiert die Tochter.

Aphrodite hebt ihre Arme, damit Maria ihr das Mieder leichter anlegen kann und meint: „Ich sage doch gar nichts. Ich bin euch auch dankbar, dass ihr mich so unterstützt. Bequem ist das Mieder aber nicht!“

„Bequem ist vieles nicht für die moderne Frau. Ich glaube, du wirst noch so manche Überraschung erleben. So ganz ohne ist die Zeit wirklich nicht!“, meint Maria und hilft ihr in das cremefarbene Kleid.

Aphrodite stöhnt: „Ich muss mir wohl immer eine Frau holen, die mir täglich beim An- und Auskleiden behilflich ist!“

„Du kommst schon alleine klar. Alles nur Übung. Die Frau könnte deine Geheimfächer entdecken. Ob das so gut ist, glaube ich nicht!“, meint Maria warnend.

„Die Schuhe haben auch recht hohe Absätze.“ Aphrodite übt sich kurz im Gehen. Sie ist selbst überrascht, wie gut das gelingt. Im Spiegel betrachtet sie sich kritisch. Mit dem Ergebnis ist sie überhaupt nicht zufrieden. Irgendwie fühlt sie sich wie eine Presswurst. Überhaupt, der Busen quillt über und in den Strümpfen sehen ihre Beine gar nicht mehr so schön aus. Ein Glück, dass ihr Kleid bis zu den Knöcheln geht.

Jetzt setzt Maria ihr auch noch einen Hut mit breiter Krempe und langer Feder auf.

Aphrodite: „Nee, Maria. Hast du nicht etwas Kleineres?“

Tatsächlich nimmt sie ihr den Hut wieder ab und setzt ihr eine Art kleines Käppi auf.

„Das passt, glaube ich, doch besser zu mir“, meint jetzt Aphrodite zufrieden.

Maria mahnt: „Dann leuchtet aber dein blondes Haar so auffällig. Vor allem die Männer bekommen Stielaugen!“

Aphrodite lächelt: „Man muss auch Opfer bringen.“

„Wie du meinst. Ich glaube, du musst jetzt gehen, die Sonne geht bald auf!“ Maria umarmt und küsst ihre Mutter noch einmal, reicht ihr auch noch eine kleine Reisetasche und zeigt auf eine Tür. Aphrodite nickt nur dankend, gibt sich einen Ruck und geht auf die Tür zu.

Kairo, 28. Mai 1935, früh am Morgen

Maria lächelt ihre Mutter noch einmal zum Abschied etwas verlegen an und winkt mit der rechten Hand. Dann schließt sich der Fahrstuhl für Aphrodite. Sie spürt kaum eine Bewegung, als die Tür sich vor ihr wieder öffnet. Sie sieht als erstes eine Pyramide im Morgengrauen. Als sie den Schritt in den Sand wagt, sind der Fahrstuhl und die Tür plötzlich verschwunden. Sie steht unmittelbar neben der Cheopspyramide. Erschrocken dreht sie sich um. Doch nichts, nur die Wüste und die Pyramiden sind zu sehen. Sie spürt sofort, dass sie schon hier war, direkt an dieser Stelle hat sie vor über zweitausend Jahren schon gestanden. Das weiß sie ganz genau. Puh, das ging ja eben schnell, denkt Aphrodite und geht langsam an der Cheops Pyramide entlang. Sie ist entsetzt, wie stark die Pyramide beschädigt ist. Jetzt hat Aphrodite den Blick in Richtung Osten frei. Sie sieht gerade, wie die Sonne aufgeht. Doch Kairo vor ihr ist unter einem gewaltigen Dunstschleier versteckt. Nur die Spitzen der Minarette, der unzähligen Moscheen dieser Stadt, ragen wie mahnende Finger aus dem Dunst heraus. Das ist also das Kairo Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, zwischen den beiden fürchterlichsten Kriegen der Menschheitsgeschichte. Sie ist froh, nur kurz Gast in dieser schrecklichen Zeit zu sein. Wenn der Zweite Weltkrieg Europa und die halbe Welt verwüsten wird, hat sie ihren Auftrag hoffentlich schon lange erfüllt. Dort, wo sie überall hin muss, um die Sendeanlagen der Minoser zu vernichten, haben weder Deutsche noch Japaner gekämpft, glaubt sie zu wissen. Allerdings, abgerechnet wird erst am Schluss.

Der Wind weht ihr frisch ins Gesicht. Ihr wird kalt. Sie schaut sich nach einem schützenden Platz vor dem kalten Wind um. Hier oben bei den Pyramiden ist tatsächlich niemand. Sie will sich vor dem Wind schützen und gleichzeitig verstecken. Erst dann, wenn die ersten betuchten Touristen die Pyramide bestaunen, kann sie unauffällig als angebliche Touristin von hier verschwinden. So ihr Plan. Den Massentourismus, der Ende des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzt, wird es heute noch nicht geben. Aber sie hofft, dass dennoch genug Leute hierher kommen und sie dann nicht weiter auffällt. Sie sucht jetzt ein gutes Versteck zwischen den Steinen. Aphrodite nutzt ihre Reisetasche als Sitzplatz. So hat sie sich zwischen zwei Blöcken etwas vor dem kalten Wind geschützt und hoffentlich auch gut versteckt. Sie kann den Platz vor sich gut einsehen und hofft, für die ersten Ankömmlinge unentdeckt zu bleiben. Sie reibt sich ihre kalten Hände warm. So kalt hat sie das Land nicht in Erinnerung.

Überhaupt hat sich Aphrodite das Wiedersehen mit den Pyramiden nicht so vorgestellt. Zweitausend Jahre sind auch an den Pyramiden nicht spurlos vorübergegangen. Die ihr noch in guter Erinnerung gebliebenen Tempelanlagen weiter unten sind fast völlig verschwunden. Um die Sphinx zu sehen, muss sie wohl ein Stück weiter hinunter gehen. Soll sie mal nachschauen? Lieber nicht. Dort könnten schon Leute sein. Sicher keine Touristen, aber lästige Händler oder Schuhputzer. Vielleicht sogar Polizei! Die könnten dann dumme Fragen stellen. Sie muss erst wirklich ankommen, bevor sie sich alles in Ruhe anschauen kann. Das Grab und die ausgestellten Schätze des Tutanchamun würde sie sich auch gerne noch ansehen.

Aphrodite hört etwas laut hupen. Dann kommen zwei schrecklich alte Autos gefahren. Drei Männer und drei Frauen springen aus den zwei Autos. Sie grölen lautstark in englischer Sprache herum. Von ihrem Platz aus kann sie deutlich sehen, wie sie Sektgläser und Flaschen in den Händen halten. Die Männer tragen helle Anzüge und altmodische Hüte. Die Damen tragen lange, enggeschnittene Kleider in dunklen Tönen und großkrempige Hüte. Der Wind ist so stark, dass alle ihre Hüte festhalten müssen. Mehr ist im Dämmerlicht noch nicht zu erkennen. Nein, vor offensichtlich betrunkenen Leuten will sie sich nicht zu erkennen geben. Es müssen noch mehr Touristen hier oben sein, bevor sie nicht mehr auffällt.

Jetzt bilden sich drei Pärchen, die getrennt voneinander auf die Pyramiden zugehen. Eines der Paare kommt direkt auf Aphrodite zu. Wohin jetzt?

Sie hört die Frau mit amerikanischem Akzent und ausgestreckten Armen laut rufen: „Liebling, ist das nicht toll hier! Hier spürt man die unendliche Macht Gottes ganz deutlich. Ich atme Gott!“

„Okay, Baby, und ich spür noch etwas ganz anderes!“, stöhnt er und Aphrodite sieht genau, wie er seine freie Hand am Schritt reibt. Dann grapscht er derb mit der Hand nach ihrem Hintern. Sie dreht sich nach ihm um, schlägt ohne Warnung zu und droht: „Wenn ich hier in der Öffentlichkeit auch nur noch ein einziges Mal von dir unsittlich berührt werde, trete ich dir so grob in den Schritt, dass du gleich drei Oktaven höher singen kannst. Du Idiot bist total betrunken. Was du Volltrottel willst, geht hier an so einem heiligen Ort schon gar nicht. Wir sind in einem islamischen Land mit strengen Gesetzen. Das Schlimme an der Sache ist, dass ich und nicht du bestraft wirst. Also geh mir gefälligst hier vom Acker!“

„Komm deinen Ehepflichten nach! Ich will dich hier und jetzt“, droht der Mann lallend, stolpert und hat Mühe, sich auf den Beinen zu halten.

Sie zeigt ihm wütend ihren Stinkefinger und flucht: „Hau ab, du Mistkerl!“

Der Mann tut es ihr mit seinem Finger gleich und greift danach in die Hosentasche. Er holt eine kleine Flasche heraus und trinkt sie gleich ganz leer. Dann wirft er die leere Flasche im hohen Bogen weg und trifft dabei beinahe Aphrodite. Danach öffnet er seine Hose und holt sein Glied heraus. Verlegen schaut Aphrodite weg, als er im hohen Bogen einen Quader der Pyramide bepinkelt. Das ist ein Schwein, denkt Aphrodite. Kommen in ihren Autos und in ihren feinen Anzügen hier hoch und entweihen die heilige Stätte. Sie hat Lust, den Mann in die Schranken zu weisen. Doch sie hält sich zurück. Es ist noch nicht ihre Zeit. Mit solchen Leuten will sie erst gar nicht in Kontakt treten.

Torkelnd folgt der Mann jetzt der Frau. Am Auto streiten sich beide heftig, doch Aphrodite kann sie nicht verstehen.

Nach einigen Minuten sind die Touristen wieder in ihre Autos gestiegen und fahren davon. Dafür kommen jetzt gleich vier Zweispänner auf den Platz. Damen und Herren in weißen Kleidern und Anzügen steigen aus. Einige Damen haben sogar Schirme aufgespannt. Dabei ist die Sonne noch ganz ohne die gewohnte Kraft über dem Dunstschleier Kairos aufgestiegen.

Schon fahren erneut zwei einspännige Kutschen auf den Platz. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Sie steht auf, greift nach ihrer kleinen Reisetasche und geht etwas unsicher auf die wartenden Kutschen zu. Ihre Fahrgäste haben das Plateau gestürmt. Sie kann unbehelligt eine der Kutschen erreichen.

Auf Englisch fragt sie den ersten Kutscher: „Hallo, sind Sie im Moment frei? Ich muss sofort zurück in die Stadt.“

„Nein, Miss, aber den Einspänner vor mir können Sie sofort mieten. Seine Gäste warten auf eine Führung und wollen erst kurz vor Mittag wieder zurück in ihr Hotel, habe ich mitbekommen. Doch meine Gäste wollen gleich wieder zurückfahren!“, erklärt der ältere Ägypter und zeigt auf den Einspänner vor ihr.

Aphrodite nickt zum Dank, läuft zur Kutsche und fragt den recht jungen, dunkelhäutigen Mann: „Kann ich Ihre Kutsche mieten?“

Der junge Mann lächelt sie mit seinen strahlend weißen Zähnen an und sagt: „Ja, Miss. Ein halbes Pfund für den Tag und ich fahre Sie durch ganz Kairo!“

Aphrodite kramt in ihrer Tasche herum, findet als kleinsten Schein nur eine Einpfundnote. Sie reicht ihm den Schein und sagt: „Das bekommen Sie von mir sofort. Ich zahle noch ein weiteres englisches Pfund, wenn wir heute Abend alles erledigt haben. Okay?“

Der junge Mann scheint vor Glück zu vergehen und hilft ihr beim Einsteigen: „Danke, Miss, wohin soll ich Sie bringen?“

Aphrodite macht es sich bequem und sagt dann: „Bringen Sie mich zum deutschen Konsulat oder zur deutschen Botschaft! Eben ein Amt, wo Deutsche sich Hilfe holen können. Das sofort bitte und machen Sie mit mir keine Stadtführung, ich merke das sofort!“

„Jawohl, Miss!“, verspricht er und gibt seinem Pferd die Peitsche. Der Wagen rollt an. Jetzt ist es für ihre Nase Gewissheit, es sind nicht nur die Pferde, nein, auch die Polster und der junge Mann stinken nach altem Schweiß. Nun gut, alles Gute ist nie beisammen. Dafür fährt sie jetzt an der Sphinx vorbei. So ganz freigelegt scheint sie noch nicht zu sein. Dennoch, Aphrodite ist wie immer beeindruckt. Es geht jetzt an halbverfallenen Hütten vorbei. Sie erreichen eine breite Straße, die aber den Begriff Straße nicht verdient. Sie fahren am „Mena House Oberoi“ vorbei. Das Hotel sieht recht einladend aus. Ja, das Hotel gefällt ihr, hier wird sie sich bestimmt wohlfühlen. Schon sind sie im Trab am Hotel vorbei. Es geht auf dieser Straße immer weiter auf den Nil zu. Dort wartet eine Fähre. Der junge Mann bezahlt den Fährmann. Nach einigen Minuten ist ihre Kutsche von vielen Händlern, Eseln und Ziegen eingekeilt. Jetzt stoßen Männer die kleine Fähre mit Stangen vom Ufer ab. Es wird gerudert. Ein Seil zum anderen Ufer sieht Aphrodite nicht. Sie kann das gegenüberliegende Ufer im Dunst schon schwach erkennen. Die Sonne löst mit viel Kraft den Dunst langsam auf. Ein Kairo öffnet sich vor ihr, wie sie es noch nie gesehen hat. Weitab vom Ufer stehen die ersten Hütten. Das muss bedeuten, dass der Nil kein Hochwasser führt, schlussfolgert Aphrodite. Weiter hinten erkennt sie die Türme und die Kuppel einer Moschee. Dann sieht sie auch schon die zweite und dritte Moschee. Richtige Hochhäuser kann sie noch nicht erblicken. Nur ein- und zweigeschossige Häuser sind von hieraus zu sehen.

Sie haben das andere Ufer erreicht. Schnell löst sich das Gedränge auf der Fähre auf. Schon geht die Fahrt weiter. Neben vielen abenteuerlichen Fuhrwerken aller Art zwängen sich auch immer wieder einzelne Autos durch die Straßen. Sie erreichen jetzt eine breite Asphaltstraße mit hohen Palmen am Straßenrand. Sie verlassen den Nil, es geht sogar an vier- und fünfgeschossigen Häusern vorbei. Dazwischen verstecken sich hinter hohen weißen Mauern prächtige Villen. Schon von Weitem sieht Aphrodite große rote Fahnen mit weißem Kreis und schwarzem Hakenkreuz. Sie braucht nicht lange darüber nachzudenken, das ist die Fahne der deutschen Faschisten. Sie ist da, wird ihr schlagartig klar. Angst kommt auf. Bilder von schrecklichen Ereignissen, die den Zweiten Weltkrieg kennzeichnen, tauchen aus ihrer Erinnerung auf. Bombenhagel, brennende Städte und viele tote Menschen in Konzentrationslagern sieht sie vor ihrem inneren Auge. So hat man ihr in der Schule Faschismus und Krieg erklärt. Jetzt aber heben sich diese roten Fahnen aus dem Palmengarten unschuldig bunt hervor.

Das Tor ist offen und so wird sie direkt zum Eingang vorgefahren. Eine schneeweiße Villa mit Säulen und Vorbauten im antiken Stil präsentiert sich ihr. Über dem Haupteingang thront ein goldener Adler mit einem Hakenkreuz und schaut auf sie herab. Ihr wird jetzt richtig mulmig. Bisher waren Faschismus und Krieg für sie etwas sehr Fernes. Es war etwas, was nie wieder sein wird. Doch jetzt so real mit dem faschistischen Deutschland konfrontiert zu werden, ist etwas völlig anderes. Der schreckliche Krieg steht ja auch der Welt noch bevor.

Aphrodite steigt unglaublich unsicher aus dem Wagen und sagt zum jungen Mann mit schwerer Zunge: „Wie abgemacht, junger Mann, Sie warten hier auf mich. Ich habe Sie für den ganzen Tag bezahlt. Sie wissen schon, ein ganzes englisches Pfund wartet noch auf Sie! Das wollen Sie sich doch nicht entgehen lassen?“

Der junge Mann nickt und grinst sie dabei wieder breit an. Aphrodite traut dem Mann nicht. Sie hofft, dass ihre hohe Belohnung seine Zuverlässigkeit etwas erhöht. Wenn er doch weg sein sollte, wenn sie alles erledigt hat, würde es sie nicht wundern. In den Abenteuerfilmen waren solche Leute stets unzuverlässige verräterische Gestalten. Dabei hat sie als Studentin weder in Ägypten noch in Tunesien schlechten Erfahrungen gemacht.

Etwas wacklig geht sie die Marmorstufen vor ihr hoch. Es kostet Kraft, die hohe schwere Tür zu öffnen.

An der Seite hinter einem Schreibtisch sitzt ein älterer Herr in Nadelstreifenanzug und rotem Schlips. Er trägt ein Hakenkreuz im Schlips.

Der Mann steht auf und fragt auf Deutsch: „Wie kann ich Ihnen helfen, gnädiges Fräulein?“

„Heil Hitler! Ich hoffe doch, dass Sie mir helfen können!“, grüßt Aphrodite, erinnert sich auch noch im letzten Augenblick an die zum Gruß erhobene Hand. Sie versucht den Hitlergruß gerade so, wie sie es aus alten Filmen kennt. Sie freut sich besonders, dass ihr das Deutsch so locker über die Lippen kommt.

Der Mann scheint auch hoch erfreut darüber zu sein, eine gleichgesinnte, junge deutsche Frau vor sich zu haben. Er hebt seinen rechten Arm recht lässig zum Hitlergruß und bietet ihr den Sitzplatz vor dem Schreibtisch an. In welcher Angelegenheit kommen Sie zu uns?“

Aphrodite macht es sich auf dem Sessel bequem, schlägt ihre Beine übereinander und erklärt: „Ich bin Aphrodite Mercedes Bruchmann und will meine Dokumente in Ordnung bringen lassen. Mein Vater ist am zehnten Mai verstorben und hat mich hier alleine zurückgelassen. Ich lebte viele Jahre unten in Karthum und zuletzt in Assiut. Nun will ich nach Deutschland, heim ins gelobte Reich. Vielleicht finde ich noch lebende Verwandte meines Vaters in Deutschland. Er hat mir ein kleines Vermögen hinterlassen. Einen deutschen Pass habe ich leider noch nicht. Ich hoffe, den Pass hier bei Ihnen zu bekommen. Kosten spielen für mich dabei eine untergeordnete Rolle!“

Der Mann hat aufmerksam zugehört, hebt den Telefonhörer ab, spricht leise hinein, legt auf und sagt: „Einen Moment bitte. Der zuständige Beamte holt Sie gleich ab!“

„Danke.“ Aphrodite möchte am liebsten sofort wieder gehen. Angst kommt wieder in ihr auf. Ihr fallen alle Schrecken des Zweiten Weltkrieges erneut ein. Vor allem die Konzentrationslager. Das ist doch Wahnsinn, was sie hier macht. So blöd kann nur sie sein.

Ein Mann kommt die breite Treppe herunter. Er grüßt schon von oben mit dem Hitlergruß.

Aphrodite erwidert den Hitlergruß, bleibt dabei aber sitzen.

Der Mann stellt sich vor: „Heil Hitler! Ich bin Konsul Werner von Rautenberg. Wenn Sie mir bitte folgen wollen!“

„Heil Hitler! Ich bin Aphrodite Mercedes Bruchmann!“, erklärt Aphrodite, folgt dem Mann die Treppe hoch und durch eine Glastür. Dahinter darf sie in einem großen Sessel gegenüber einem wuchtigen Schreibtisch Platz nehmen.

Herr von Rautenberg setzt sich hinter den Schreibtisch und fragt: „Wie kann ich Ihnen dienen, gnädiges Fräulein?“

Aphrodite holt aus ihrer Tasche die Dokumente, legt sie dem Mann vor und erklärt: „Ich bin am 2. Februar 1916 in Karthum geboren, wie die vorliegenden Dokumente beweisen. Meine Mutter hat mich und meinen Vater nach der Geburt sofort verlassen. Sie wurde nie wieder gesehen. Sie war wohl eine Tänzerin oder so etwas Ähnliches. Mein Vater Xaver Leopold Bruchmann hat mich alleine aufgezogen. Leider ist mein Vater, wie Sie aus den Unterlagen entnehmen können, am 10. Mai verstorben. Ich bin jetzt ohne Familie und hoffe, in Deutschland noch lebende Verwandte zu finden. Ich brauche dazu gültige Papiere. Ich habe weder eine Geburtsurkunde noch andere Dokumente über meine Mutter in seinem Nachlass gefunden. Nur alle hoffentlich vollständigen Papiere meines verstorbenen Vaters und meine Geburtsurkunde kann ich Ihnen hier vorlegen! Ich hoffe, dass es reicht, um nicht nur von Geburt, sondern auch amtlich eine Deutsche zu werden!“

Der Mann studiert die vorgelegten Dokumente recht intensiv. Immer wieder kommt dabei auch eine große Lupe zum Einsatz.

„Das ist recht wenig, was Sie mir hier anbieten, schönes Fräulein. Einzig die Papiere Ihres Vaters scheinen wirklich vollständig zu sein. Ihre Geburtsurkunde dagegen ist kaum noch zu lesen. Von den fehlenden Dokumenten Ihrer Mutter wollen wir gar nicht erst sprechen. Das halb verwitterte einzige Dokument Ihrer Frau Mutter, das sie als deutschstämmig ausweist, ist recht wenig!“, behauptet der Mann Stirn runzelnd.

Sie hat begriffen, jetzt muss sie die fehlenden Dokumente mit Geld ausgleichen. Aphrodite holt eine Fünfzigpfundnote aus ihrer Tasche und erklärt: „Ich weiß, dass es Ihnen viel Mühe macht, aber mein Vater hat mir ein ansehnliches Vermögen hinterlassen. Kosten spielen also keine Rolle für mich!“

Das Gesicht des Mannes hellt sich schlagartig auf und er meint: „Ich glaube schon, dass sich alles zu Ihren Gunsten regeln lässt. Die verwaschene Geburtsurkunde stellen wir Ihnen hier erneut aus. Wann wurden Sie geboren?“

„Am 2. Februar 1916 in Karthum“, antwortet sie ohne zu zögern.

Der Mann macht sich Notizen.

Aphrodite legt erneut einen Fünfzigpfundschein auf den Tisch und erklärt: „1924 gab es Unruhen in Karthum. Sie wissen schon, die Briten haben ägyptische Beamte und Truppen aus dem Sudan gewiesen. In dieser Zeit müssen wohl meine Dokumente so zugerichtet worden sein. Ich war mit meinem Vater während dieser Ereignisse in Assiut. Wer hat da schon an so etwas gedacht? Dass viele Dokumente damals verloren gingen, weiß ich auch erst seit ein paar Tagen!“

Der Mann lässt jetzt beide Geldscheine verschwinden und sagt leise: „Ja, es sind unruhige Zeiten. Im englisch-ägyptischen Sudan gab es in den letzten Jahren viel Ärger!“

„Ja, ja, da fehlt die deutsche Gründlichkeit und Ordnung, wie mein Vater mir immer zu sagen pflegte!“, beeilt sich Aphrodite zu versichern. Aphrodite glaubt sich noch gut aus ihrer Studienzeit in München zu erinnern, dass die Deutschen selbst ihre Kleinkrämerei und Pedanterie gerne in den Himmel gelobt haben.

Der Mann strahlt über das ganze Gesicht, nickt ihr zu und meint: „Ich glaube, dass unser Führer die Sache anders angepackt hätte. Überhaupt mein Kompliment. Dafür, dass Sie noch nie in Deutschland waren, können Sie perfekt deutsch sprechen!“

„Ich durfte mit Vater nur deutsch sprechen. Er hat mir auch eine recht fundierte Bildung mitgegeben!“, erklärt Aphrodite betont stolz.

Der Mann nickt anerkennend: „Alle Achtung vor Ihrem verstorbenen Herrn Vater. Er hat Sie hervorragend unterrichtet. Wir werden Ihnen die Papiere kurzfristig ausstellen können. Sie sind ein Jahr weltweit gültig. Wenn Sie in den nächsten Wochen nach Deutschland reisen, können Sie ohne Zeitdruck Ihre endgültigen Dokumente dann in Ihrer neuen Heimat ausstellen lassen. Wo finden wir Sie? Wo kann unser Kurier Ihnen die fertigen Papiere übergeben? Oder wollen Sie noch einmal zu uns kommen?“

Er will einfach nur wissen, wo ich wohne, denkt sie. Seine aufgesetzte Höflichkeit ist schlicht eine weitere Kontrolle. Typisch deutsch. Darum erklärt sie ihm: „Weil ich direkt aus Luxor zu Ihnen gefahren bin, habe ich mir noch keine Bleibe gesucht. Aber ich werde mich wohl im „Mena House Oberoi“ einquartieren. Man hat mir das Haus als sauber und standesgemäß empfohlen. Es wäre nett von Ihnen, mir die Papiere dort zukommen zu lassen. Es ist ja so schrecklich, allein die Fahrt durch Kairo ist für jede alleinstehende Frau eine Zumutung!“

„Das will ich Ihnen gerne glauben, gnädiges Fräulein!“, sagt er und steht auf.

Sie tut es ihm gleich. Dabei legt sie die nächste Fünfzigpfundnote für ihn gut sichtbar auf den Schreibtisch.

Er nickt erfreut und sagt: „Sie sind wirklich großzügig, gnädiges Fräulein!“

„Keine Ursache mein Herr. Ich weiß mich ja jetzt bei Ihnen in guten Händen!“

Er macht sich noch einige Notizen, steht dann auf, reicht ihr ein Kärtchen und erklärt: „Gnädiges Fräulein, lassen Sie sich bitte zu diesem Fotografen fahren. Der Mann ist von uns aus autorisiert, gültige Passbilder zu erstellen. Er wird die nötigen Passbilder von Ihnen machen und gegen ein kleines Trinkgeld liefert der Mann uns die Fotos frei Haus. In Ihrem Interesse fahren Sie bitte gleich hin. Umso schneller sind Sie im Besitz Ihrer Dokumente!“

Aphrodite steht auf, greift nach dem Kärtchen und versichert: „Ich werde mich sofort aufmachen. Er wird so von mir entlohnt, dass noch heute meine Bilder bei Ihnen sein werden!“

„Danke, wir würden das zu schätzen wissen. Ja, gnädiges Fräulein, sonst ist alles besprochen. Erlauben Sie, ich begleite Sie noch bis zu Ihrer Kutsche!“

„Danke“, sagt Aphrodite und hakt sich bei ihm ein.

Er begleitet sie tatsächlich bis zur Tür nach unten und hilft ihr auch in die Kutsche. Belustigt ertappt sie ihn immer wieder dabei, wie er auf ihr etwas verrutschtes Dekolleté schielt.

Noch schnell den Hitlergruß, dann fährt die Kutsche los.

Aphrodite atmet erleichtert auf, als sie wieder unterwegs ist. Die erste Etappe ist überstanden!

Der Fotograf

Erst jetzt schaut sie auf die Karte und liest „Kunst & Foto Labes“, Kairo, Ramseum 2.

Sie gibt dem jungen Mann das Kärtchen. Er nickt nur und steuert seinen Wagen gleich in eine Seitenstraße. Aphrodite will gerade Kairo auf sich einwirken lassen, als der Wagen leider schon hält.

Auf einem großen Schild steht neben arabischen Schriftzeichen auch „Kunst & Foto Labes“ in Goldschrift. Neben der geschlossenen Eingangstür sieht man ein kleines Schaufenster mit dem Porträt eines bärtigen Mannes. Der hoch dekorierte Mann könnte das jetzige Staatsoberhaupt von Ägypten sein. Sie greift nach der Türklinke und ist überrascht, dass die schwere Tür sofort nachgibt. Zögernd öffnet sie die Tür und muss einen Vorhang beiseite schieben. Sie betritt einen halbdunklen Raum. Es riecht nach Chemikalien und alten muffigen Sachen. An den Wänden hängen Fotos von den Pyramiden, der Sphinx und vielen alten Männern. Alles wirkt auf sie recht verschlissen. Neugierig geht sie zu dem nächsten Vorhang, der einen weiteren Raum abtrennt, und öffnet ihn einen Spalt. Erschrocken schließt sie ihn sofort wieder. Lampen strahlen die goldene Statue einer altägyptischen Gottheit an. Werden hier Schätze aus einer illegalen Grabplünderung fotografiert? Es sieht ganz danach aus. Damit will sie nichts zu tun haben. Sie verlässt das Studio und wartet vor dem Haus. Noch einmal wird sie hineingehen und sich dabei deutlich bemerkbar machen. Sie schiebt die schwere Tür auf und hustet laut. Jetzt wurde sie bemerkt. Zwei Männer kommen hinter dem Vorhang hervor. Der eine Mann hält etwas in eine Decke gehüllt, vermutlich die Statue, die Aphrodite gesehen hat. Dieser Mann deutet nur einen Gruß an und verlässt eilig das Studio.

Der Fotograf begrüßt Aphrodite mit einem verlegenen Lächeln.

Aphrodite grüßt ihn mit einem Kopfnicken und sagt auf Deutsch: „Guten Tag, mein Herr, Sie wurden mir vom deutschen Konsulat wärmstens empfohlen. Ich möchte Fotos für meine Dokumente machen lassen. Ich habe es damit recht eilig, bezahle Sie aber gut!“

Freudestrahlend kommt der Mann ihr entgegen, gibt ihr einen Handkuss und sagt auch deutsch: „Grüß Gott, gnädiges Fräulein. Ich stehe Ihnen zu Diensten. Kommen Sie nur weiter herein. Wie Sie eben selbst gesehen haben, ist der letzte Kunde gerade gegangen. Wir können also sofort zur Tat schreiten“, erklärt ihr der Mann mit breitem Lächeln.

„Ich bin bereit!“, versichert Aphrodite und folgt der führenden Hand des Mannes. Sie gehen jetzt hinter den Vorhang, wo noch vor Minuten eine goldene Statue stand. Der hagere Mann zeigt auf einen großen Spiegel und erklärt: „Sie können sich dort zurechtmachen. Brauchen Sie nur Porträtfotos für Dokumente oder wollen Sie auch Ihre außerordentliche Schönheit ins rechte Licht rücken lassen?“

Aphrodite bittet: „Es sollen nur Passfotos sein. Natürlich bitte in bester Qualität und schnell!“

„Kommen Sie schon, Fräulein, stellen Sie sich bitte vor der weißen Wand dort drüben auf. Wir wollen keine Zeit verlieren!“, fordert der Mann sie auf.

Aphrodite nickt und stellt sich vor die weiße Wand. Doch ohne einen Blick in den Spiegel zu tun, will sie sich nicht fotografieren lassen.

Deshalb eilt sie vor den Spiegel und ordnet ihr Haar neu.

Er steht hinter ihr und fragt wie nebenbei recht leise: „Sie haben vorhin schon mehr gesehen?“

Aphrodite nickt und erklärt: „Es ist Ihre Sache, mit wem Sie Geschäfte machen. Ich bin an antiken Kunstschätzen nicht interessiert.“

„Mein Gehör hat mich also doch nicht getäuscht!“

„Sie haben von mir nichts zu befürchten. Ich will nur Passbilder und dann mit den gültigen Dokumenten Ägypten schnell verlassen.“

„Dann wollen wir keine Zeit verlieren“, stimmt er ihr zu und hantiert an der Kamera. Die ersten Fotoplatten sind belichtet. Er dirigiert sie in eine neue Pose und kehrt an seinen Platz hinter der Kamera zurück. Der Fotograf wirft sich das Tuch über und löst das nächste Foto aus.

Unter dem Tuch hervor sagt er laut zu ihr: „Sie sind ein wirklich gutes Fotomodell. Schauen Sie bitte etwas nach rechts. Wollen Sie es wirklich nicht einmal mit etwas mutigeren Aufnahmen versuchen? Mein geübtes Auge kann mich nicht täuschen, Sie sind eine Perle, die zwischen Kieselsteinen am Meeresgrund leuchtet!“

Aphrodite dreht ihren Kopf wie gewünscht und erklärt: „Mag sein, werter Herr, dass es schade ist, dass ich zugeknöpft bleibe. Aber wir beide lieben unser Leben zu sehr, als dass wir wegen so einer Dummheit alles opfern würden. Mich würde man hier öffentlich steinigen. Das wissen Sie doch auch. Sie als Mann würden sicher glimpflicher davonkommen, aber auch das ist es sicher nicht wert!“

Aphrodite lächelt etwas gequält in ihrer starren Haltung in die Monsterkamera hinein. Dass Kameras einmal wirklich so groß waren, kann sie immer noch nicht glauben.

„Sagen Sie, sind die modernen Kameras nicht viel kleiner und handlicher?“, fragt Aphrodite unsicher.

Der Mann löst das nächste Foto aus und behauptet: „Ja, so bleiben. Sie sind ein Naturtalent. Meine Kamera ist Baujahr 1933. Paris! Sie stehen hier Modell vor einer hochmodernen Kamera. Die kleinen Geräte, die die Deutschen neuerdings anbieten, sind nur etwas für Pfuscher und Scharlatane der Fotografie. Ich halte gar nichts von Rollfilmen und Kleinbildkameras. Die Platte wird auch in Zukunft den ernsthaften Kunstfotografen auf dem Weg zum Erfolg begleiten!“

„Schon gut. Ich habe keine Ahnung von moderner Technik. Dauert es noch lange?“, fragt Aphrodite schon ungeduldig.

Der Mann nickt und meint: „Ja leider. Ich brauche jetzt noch Ihren Namen und zehn Pfund oder wollen …!“

„Ich bin Aphrodite Mercedes Bruchmann. Hören Sie, ich gebe Ihnen sogar fünfzehn Pfund!“, unterbricht sie ihn, hält schon das Geld in der Hand und erklärt weiter: „Das müsste für die Bilder reichen. Dafür bringen Sie die Aufnahmen noch heute in das deutsche Konsulat!“

Der Mann denkt kurz nach: „Sie sind sehr großzügig. Wird natürlich prompt für sie erledigt. Aber sagten Sie eben Bruchmann zu mir?“

„Ja, ich bin die Tochter von Xaver Leopold Bruchmann aus Karthum. Er hat aber auch hier in Kairo lange Zeit gelebt. Er ist leider vor ein paar Tagen verstorben!“, erklärt ihm Aphrodite und gibt dem Mann das versprochene Geld jetzt direkt in die Hand.

Der Fotograf steckt das Geld weg und ist jetzt richtig aufgeregt. Er nimmt sie an die Hand, zieht sie in den nächsten Raum und erklärt dabei: „Hören Sie, Ihr Vater war vor drei Jahren bei mir und hat sich fotografieren lassen. Doch die Fotos hat er nie abgeholt, obwohl er sie bezahlt hat!“

Jetzt öffnet er breite Schubladen und kramt in Hängeordnern herum. Er holt eine große Tüte heraus und übergibt sie Aphrodite. Sie weiß nicht, was sie davon halten soll. Es ist eher eine unliebsame Überraschung. Wer weiß, was die Fotos jetzt noch verraten können. Doch sie ist erleichtert, als sie nur den Mann zu sehen bekommt. Keine neue Frau und auch kein Kind sind auf den Fotos zu sehen. Ihr kommt plötzlich ein teuflisch genialer Plan. Mit Geld kann man doch schließlich alles erreichen?!

Sie spielt jetzt die gerührte Tochter. Sie hat den Mann nie gesehen, aber behauptet kühn: „So eine Freude, die Fotos sind wirklich gut getroffen. Ach mein lieber Herr Papa. Hören Sie, ich hätte gerne ein ganz besonderes Erinnerungsfoto!“

„So, was für ein Foto hätten Sie denn gerne?“, fragt er überrascht.

Aphrodite überlegt kurz, dann erklärt sie ihm: „Mein Vater war ein guter Vater. Aber meinem Wunsch, sich einmal mit mir zusammen fotografieren zu lassen, konnte er leider nicht mehr nachkommen. Er erkrankte, kurz nachdem wir zusammen in Kairo eintrafen. Nur eine Woche später starb er. Können Sie da nicht etwas machen? Sie wissen schon, wie ich es meine. Es soll so ein Foto sein, auf dem ich mit Papa zusammen zu sehen bin. Das kann doch technisch kein Problem für sie sein. Oder doch? Das wäre mir fünfzig Ägyptische, nein sogar fünfzig Britische Pfund wert!“

Er schiebt die Augenbraue hoch, überlegt und meint: „Technisch ist das tatsächlich kein Problem. Ich habe alle Fotoplatten von ihm und nun auch von Ihnen. Es ist nur erstaunlich, dass ein kleines Fräulein auf so etwas kommt. Sie wissen, das ist Betrug. Vortäuschung falscher Tatsachen!“

Aphrodite ist begeistert und beschwört ihn: „Niemand wird doch hier betrogen. Hören Sie, ich habe in der Ecke nebenan Frauenkleider gesehen. Eines dieser altmodischen Kleider könnte mir bestimmt auch passen. Mein Vater erlaubte es mir nicht, wie heute in modernen Kleidern herumzulaufen. Das Foto mit ihm zusammen in meinem modernen Kleid wäre dann etwas unpassend und unglaubwürdig. Wie sehen Sie das? Wollen wir es gemeinsam wagen?“

„Hören Sie, ich warne Sie erneut, das ist Betrug. Vielleicht nicht gerade Urkundenfälschung, aber es könnte doch schon eine Straftat sein!“, ermahnt er sie und schaut sie dabei so komisch an.

Aphrodite lässt jetzt nicht locker. Er will nur mehr Geld. Skrupel hat der Mann bestimmt nicht. Für sie ist es die große und einmalige Chance, ihren Betrug zu zementieren. Fotos mit dem angeblichen Vater zusammen sind wie ein Pass. Der Persilschein für ihre Vater-Tochter-Beziehung. Darum bittet sie ihn: „Sie würden mir damit einen Herzenswunsch erfüllen. Es wäre sicher auch im Sinne meines verstorbenen Vaters!“

„Wenn Sie mir auch entgegenkommen, könnte ich über meinen Schatten springen!“, behauptet er und blickt ihr jetzt ganz ungeniert auf ihr Dekolleté.

„Bitte tun Sie es. Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß. Ich bezahle Sie doch auch mehr als nur gut!“, bittet Aphrodite den Mann. So eine Chance wird sich für sie nicht noch einmal bieten.

Er schüttelt den Kopf und meint sarkastisch: „Geld ist nicht alles!“

„An was haben Sie denn gedacht?“, fragt sie und ahnt schon, was der Mann jetzt von ihr will. Der Mann macht sicher viel Geld mit dem Verkauf von Nacktfotos. Sein Bedarf an Modellen ist daher wohl grenzenlos.

Er erklärt kalt: „Ich will natürlich mehr Geld und zusätzlich die Betrügerin splitternackt fotografieren. Nackt in allen Posen!“

Aphrodite blickt dem Mann entschlossen fest in die Augen und erklärt: „Nackt fotografieren lasse ich mich nicht. Das wäre in diesem Land mein Todesurteil und das wissen Sie auch. Machen Sie die Fotos von mir in den alten Kleidern. Die Fotos werden Sie den alten Fotos meines Vaters anpassen. Ich habe Sie dann als Gegenleistung nicht nur sehr großzügig bezahlt. Ich will auch darüber hinwegsehen, dass Sie Geschäfte mit Grabräubern machen.“

Er ist zwar von der Entschlossenheit der Frau vor ihm überrascht, fragt aber noch einmal vorsichtig: „Kann ich Sie nicht doch zu ein paar Nacktfotos überreden? Fotos mit Maske oder so. Wer Sie sind, interessiert meine Kunden nicht. Sie wollen nur die verborgenen Früchte schöner Frauen sehen. Nackte hellhäutige Frauen stehen hoch im Kurs hier in Ägypten und in der arabischen Welt. Immerhin ist die optische Täuschung, die Sie von mir verlangen, auch ein Betrug. Kommen Sie mir nicht mit dem Herz-Schmerz-Familienschmus. Da steckt was anderes dahinter. Ehrlich gesagt will ich es auch gar nicht wissen. Sie bieten mir zu viel Geld dafür!“

Aphrodite wird nur kurz schwach, dann hat sie sich entschieden. Heute will sie sich nicht hinreißen lassen und einem Mann für obszöne Fotos zu Willen sein. Zu oft musste sie in ihrem Leben das tun, was Männer sich für die Befriedigung ihrer Triebe wünschten. Sie verkauft nie wieder ihre Würde und erwidert entschieden: „Entweder Sie machen die Fotos, so wie ich es haben will, oder Sie vergessen das Ganze schnell. Ich will nicht durch Sie in Verruf geraten. Mein Verlobter erschießt erst mich und dann Sie, wenn wir auffliegen. Der Mann versteht in solchen Dingen keinen Spaß!“

Mürrisch reicht er ihr ein Gewand und dreht sich sogar um, als Aphrodite das alte Kleid in die Hand nimmt. Bei ihrem Kleid hat sie Probleme mit den Verschlüssen, aber sie kann es nach kurzem Kampf ablegen. Etwas verwirrt hält sie das alte Kleid in der Hand.

Aphrodite fragt: „Was ist das?“

„Es ist ein echtes bayrisches Dirndl!“, erklärt ihr der Mann, dreht sich zu ihr um und protestiert: „Sie tragen einen Büstenhalter? Das Ding müssen Sie ausziehen. Mit Büstenhalter drunter fliegt Ihr Betrug sofort auf. Ihre Brüste werden schon nicht zu sehr hängen im Dirndl!“

„Gut, Sie könnten Recht haben. Helfen Sie mir?“, fragt sie ihn.

Der Fotograf ruft begeistert: „Ich liebe es, Frauen an- und auszuziehen!“

„Das glaube ich Ihnen“, erwidert Aphrodite und lässt sich von ihm den BH abnehmen. Mit den Händen bedeckt sie ihre Brüste und steigt in das Kleid. Vor dem Spiegel prüft sie sich kritisch.

„Es ist oben herum alles etwas straff, aber sieht sehr gut aus. Sie sind wirklich großzügig von Gott beschenkt worden. Alle Wetter, gnädiges Fräulein. Ihr Verlobter ist ein Glückspilz!“

„Danke. Es wurde genug geredet. Machen Sie endlich die Fotos, meine Kutsche wartet!“

Schnell sind die Fotos gemacht. Sogar Posen, wo sie ihren Vater herzlich umarmt, werden inszeniert. Sie gibt dem Fotografen wie versprochen fünfzig Pfund. Schweigend nimmt der Mann das Geld an. Dass die schöne Frau hart geblieben ist, beeindruckt ihn.

„Die Fotos können zusammen mit meinen Passbildern an das deutsche Konsulat geschickt werden. Nein, das ist doch keine so gute Idee. Liefern Sie alle Fotos in mein Hotel“, bittet ihn Aphrodite.

Der Mann ist immer noch enttäuscht: „Mit den neuen Fotos zusammen werde ich morgen oder erst übermorgen fertig. Wo sind Sie abgestiegen?“

„Sie finden mich im Mena House Oberoi. Wo sonst?“, behauptet sie und hofft, dass so ein Luxushotel nie wirklich ausgebucht sein wird.

Eilig verlässt sie das Fotogeschäft. Sie ist richtig stolz darauf, dieses Mal hart geblieben zu sein. Mit den Nacktfotos wäre sie doch auch wieder in die Schmuddelecke geraten. Wer weiß schon, was alles daraus geworden wäre. Sie steigt in die wartende Kutsche und befiehlt dem Kutscher: „Bringen Sie mich jetzt auf dem schnellsten Weg zum Mena House Oberoi!“

„Wie Miss es wünscht“, versichert ihr der junge Mann und gibt dem Pferd die Peitsche.

Zwar ist noch nicht der entscheidende Schritt getan, aber sie ist ihrem Auftrag ein gutes Stück näher gekommen. Entspannt lässt sie die quirlige Stadt Revue passieren.

Das neue Leben

Die Kutsche hält endlich vor dem Haupteingang des Mena House. Ihr erster Eindruck von der Stadt sagt ihr, Kairo ist das nackte Verkehrschaos. Wie dieses Verwirrspiel aus Kutschen, Eselskarren, Autos, Lastwagen und scheinbar planlos herumirrenden Menschen funktioniert, hat sie nicht begriffen. Nein, das kann sie auch nicht begreifen. Am frühen Morgen ging es noch geordnet auf den Straßen zu. Jetzt herrscht dort nur Chaos und Anarchie. Dass sie nun unversehrt vor dem Mena House steht, grenzt für sie an ein Wunder. Wie versprochen bekommt der junge Mann seinen Lohn. Überschwänglich bedankt er sich dafür und fährt davon. Er vergisst aber nicht, ihr beim Wenden noch einmal zuzuwinken. Sie lächelt nur gequält zurück. Die Nerven liegen bei ihr blank. Um ruhiger zu werden, lässt sie erst einmal den Blick auf dem schön angelegten Garten vor dem Hotel ruhen. Hier scheint alles weitab vom Chaos der Stadt zu sein. Das ist sicher auch das Programm des Luxushotels.

Aphrodite betritt die große Hotelhalle. Die verschnörkelte Goldschrift „Rezeption“ weist ihr den Weg. Drei junge Männer in dunklen Anzügen lächeln sie freundlich an.

„Guten Tag, ich möchte für ein paar Tage bei Ihnen logieren. Ich suche ein Zimmer mit Bad, das ist mir sehr wichtig!“, erklärt Aphrodite bewusst auf Deutsch und kommt so den Männern zuvor. Sie will sich von Anfang an als Deutsche outen und den Abstand zum Personal gleich festschreiben. Als ehemalige Sklavin ist es ihr besonders wichtig, als Herrin vor den jungen Männern zu erscheinen. Gleichzeitig hofft sie auch, als Deutsche schnell genug Kontakt zu deutschen Männern herstellen zu können. Sie wurde von ihrer Tochter Maria extra belehrt, dass hier ohne Männer nichts läuft. Dann also ran an die Männer. Sie ist lange genug Hure gewesen, um sich hier in null Komma nix einen Mann angeln zu können, gibt sie sich bewusst zuversichtlich. Die Herren dieser Zeit sind auch nicht anders gestrickt als die Männer anderer Zeiten. Ihre weiblichen Reize, gekonnt in Szene gesetzt, werden auch das männliche Geschlecht der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts nicht kalt lassen. Sie hofft nur, dass die Männer hier nicht alle gleich mit der Holzhammermethode auf ihre Signale reagieren wie der geldgierige und nach Gewinn strebende Fotograf in der Stadt. Den Weg einer Hure will sie sich hier endlich ersparen. Es muss doch auch für sie als Frau einen Weg geben, ganz normal mit den Männern umgehen zu können. Immerhin sind sie nicht in der Steinzeit. Hier herrschen schließlich Kultur und Zivilisation. Oder etwa nicht? Die Antwort auf diese Frage gibt sie sich aber erst am Ende ihres Abenteuers im 20. Jahrhundert. Abgerechnet wird immer erst am Schluss.

Ein junger Mann mit zartem Oberlippenbart drängt sich vor, schiebt seine Kollegen beiseite und sagt freudestrahlend auf Deutsch zu ihr: „Herzlich willkommen, gnädiges Fräulein! Wie kann ich Ihnen dienen?“

Aphrodite lächelt ihn an: „Ein Zimmer, ein Zimmer mit Bad, mit Balkon und mit Blick zu den Pyramiden hätte ich gerne. Was kostet das Zimmer mit Frühstück? Ich bleibe voraussichtlich fünf Tage. Später verlängern kann ich immer noch. Oder?“

Der junge Mann blättert in einem Buch herum, rechnet kurz und erklärt: „Für Sie, gnädiges Fräulein, kosten die fünf Tage nur tausendzweihundert Britische Pfund. Oder zahlen Sie in Reichsmark? In Ägyptischen Pfund ist es natürlich teurer. Das müsste ich dann aber erst noch umrechnen!“

Aphrodite gibt sich bei dem Preis unbeeindruckt und erklärt: „Ich zahle mit Britischen Pfund. Zeigen Sie mir das Zimmer bitte. Gefällt es mir, dann bezahle ich die fünf Tage im Voraus!“

Der junge Mann nimmt ihre kleine Tasche und geht mit ihr zu einem der Fahrstühle. Sie fahren nur eine Etage höher. Er schließt Zimmer 226 für sie auf. Hinter der Tür geht es durch einen kleinen Flur in ein geräumiges Zimmer. Er stellt die Tasche auf einem klobigen Ledersessel ab und beeilt sich, das große Fenster weit zu öffnen. Sofort wird es hell im Zimmer. Tatsächlich kann sie die Pyramiden sehen. Aphrodite fällt jetzt ein, dass sie in der Tasche nur Ägyptische Pfund hat. Darum greift sie in die Tasche, gibt ihm fünfzig Ägyptische Pfund und sagt: „Das ist nur für Sie. Das Zimmer gefällt mir. Ich nehme es. Ich mache mich nur etwas frisch. Dann zahle ich wie versprochen unten an der Rezeption für fünf Tage im Voraus.“

Der junge Mann lächelt sie an und sagt leise: „Gnädige Frau, Sie brauchen in unserem Haus nicht im Voraus bezahlen. Sagen Sie mir lieber bitte, auf welchen Namen ich das Zimmer anmelden kann. Das ist hier viel wichtiger!“

„Tragen Sie das Zimmer ein auf den Namen Aphrodite Mercedes Bruchmann!“

„Ich benötige bitte auch noch Ihre Heimatadresse!“, sagt er etwas irritiert.

Aphrodite überlegt und lügt dann: „Karthum, die Straße habe ich vergessen!“

Der junge Mann ist ehrlich überrascht und fragt: „Sie kommen nicht aus Deutschland?“

Aphrodite nickt und behauptet: „Ich war noch nie in Deutschland. Mein verstorbener Vater war hier in Ägypten und unten im Sudan ein erfolgreicher Geschäftsmann!“

Er nickt erstaunt und meint dann: „Also, Fräulein Aphrodite Mercedes Bruchmann aus Karthum. Das muss eben erst mal genügen. Danke, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, gnädige Frau!“

Schon ist er verschwunden und Aphrodite endlich allein. Während sie sich auszieht, sucht sie das Bad oder eine Dusche. Beides ist schnell gefunden. Das Bad hat zwei Waschbecken und eine riesige Badewanne mit herrlich altmodischen vergoldeten Armaturen. Duschen kann man nur, wenn man in die Wanne steigt. Die Mode, sich nur zu duschen, ist also noch nicht angekommen. Sie lässt sofort Wasser in die Wanne ein und zieht sich ganz aus. In der Wanne stellt sie sich hin und duscht sich mit der Handbrause erst einmal ab. Das Wasser ist warm und hat guten Druck. Sie kann sich mit dem Wasserstrahl angenehm massieren. Zum Schluss duscht sie sich kalt ab. Sie fühlt sich wie neu geboren. Die erste Hürde ist beinahe genommen. Morgen oder übermorgen kommen sicher ihre Papiere. Es wird schon schief gehen, denkt sie. Nach der ausgiebigen Dusche wickelt sie sich das große Badetuch um und setzt sich auf den Stuhl, der vor dem offenen Fenster steht. Sie genießt den Blick auf die Pyramiden. Ja, so gut erhalten, wie die Pyramiden bei ihrem letzten Besuch waren, sind diese nun nicht mehr. Schade, aber dafür sind jetzt ja auch zweitausend Jahre vergangen.

Sie wird müde und legt sich auf das Bett. Sofort schläft sie ein.

*

Etwas gelangweilt schlürft Aphrodite den Drink. Es ist schon der zweite Abend hier im Hotel, ohne dass wirklich etwas passiert. Männer? Fehlanzeige! Die Fotos hat der Fotograf persönlich vorbeigebracht. Der Mann tat ihr zu auffällig wichtig mit den mitgebrachten Fotos. Die Fotomontagen sind ihm gelungen. Gleich drei Passbilder hat sie einem Mann vom Hauspersonal in einem Brief an das Konsulat mitgegeben. Sie will nicht schuld sein, dass es mit den Papieren noch länger dauert.

Ihr einziger Lichtblick war heute Nachmittag der Ausflug ins Kaufhaus Königin Viktoria. Als sie dort merkten, dass sie etwas mehr einkaufen wollte, hat man spontan für sie eine kleine Modenschau organisiert. Sie ist jetzt um einen Kleiderschrank voll Klamotten reicher aber auch um sechstausend Britische Pfund ärmer. Noch einmal knapp zweitausend Pfund wird sie los, wenn sie von Alexandria mit dem Schiff bis Venedig reisen wird, das hat sie schon herausgefunden. Dann muss sie mit dem Zug weiter bis nach Berlin. In Berlin wird sie für eine angemessene Wohnung auch noch einen Batzen Geld los. Blank ist sie damit zum Glück noch lange nicht. Das Geld ist nicht ihr Problem.