Die Frau in Weiß - Wilkie Collins - ebook

Die Frau in Weiß ebook

Collins Wilkie

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Opis

Kunstlehrer Walter Hartright erhält die Aufgabe, den Halbschwestern Marian Halcombe und Laura Fairlie privaten Zeichenunterricht im Limmeridge House in Cumberland zu geben. Auf der Reise, er ist nahe London, spricht ihn eine verängstigte Frau in Weiß an. Er begleitet die Unbekannte bis zur Innenstadt und erfährt, dass sie als Kind in Limmeridge House lebte. Dort angekommen erzählt der verwirrte Hartright Marian Halcombe von seiner Begegnung. Zusammen versuchen sie, dem Geheimnis der Frau in Weiß nachzugehen. Und er verliebt sich in Laura, doch sie ist schon mit dem undurchsichtigen Sir Percival Glyde verlobt. Ehrenhaft will sich der Lehrer zurückziehen und abreisen. Da erhält Laura Fairlie einen anonymen Brief, in dem sie gewarnt wird, Sir Percival zu heiraten – von der mysteriösen Frau in Weiß. Es gäbe ein furchtbares Geheimnis.

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Wilkie Collins

Die Frau in Weiß

Inhaltsverzeichnis
Die Frau in Weiß - Band I
Einleitung
Die Aussage Walter Hartright's in Clement's Inn zu London
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
Die Aussage von Advocat Vincent Gilmore in Chancery-Lane, London
I.
Die Frau in Weiß – Band II
Die Aussage von Advocat Vincent Gilmore in Chancery-Lane, London.
II.
III.
IV.
Miß Halcombe's Aussage.
Aus ihrem Tagebuche.
Aus Miß Halcombe's Tagebuche.
Die Frau in Weiß – Band III
Aus Miß Halcombe's Tagebuche.
(Postscriptum eines aufrichtigen Freundes.)
Die Aussage von Frederick Fairlie Esq re zu Limmeridge House.
Fortsetzung von Mr. Fairlie's Aussage
Aussage der Elisa Michelson, Haushälterin zu Blackwater Park
Aussage der Hester Pinhorn, Köchin im Dienste des Grafen Fosco.
(Nach ihrer eigenen Aussage niedergeschrieben.)
Aussage der Jane Gould.
Noch eine Aussage.
Fortsetzung der Aussage Hartright's.
Zweite Abtheilung.
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
Die Frau in Weiß – Band VI
Fortsetzung der Aussage Hartright's.
Zweite Abtheilung.
IX.
X.
XI.
Mrs. Catherick's Aussage.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
Schluß der Erzählung von Walter Hartright.
I.
II.
III.

Die Frau in Weiß - Band I

Einleitung

Was die Geduld des Weibes zu ertragen fähig ist und die Entschlossenheit des Mannes durchzusetzen vermag, wird diese Erzählung beschreiben.

Wenn man sich darauf verlassen könnte, daß das Auge des Gesetzes jeden verdächtigen Fall ergründete und sein Arm jeden Untersuchungsproceß ohne übertriebenen Beistand des geschmeidig machenden Goldes zu Ende führte, so wären die Ereignisse, welche diese Blätter füllen, durch die Gerichte vor das Tribunal der Oeffentlichkeit gebracht worden.

Aber das Gesetz ist ja noch immer in gewissen unvermeidlichen Fällen der vorhergewonnene Diener des vollen Geldbeutels, und die erste Mittheilung dieser Erzählung blieb daher diesen Blättern vorbehalten. Wie einst der Richter sie hätte hören sollen, so möge jetzt der Leser sie vernehmen. Kein einziger Umstand von Wichtigkeit von Anfang bis zu Ende der Enthüllungen soll nach bloßem Hörensagen mitgetheilt werden.

Soweit Schreiber dieser einleitenden Zeilen (der sich Walter Hartright nennt) zufällig näher mit den zu erzählenden Begebnissen in Verbindung steht, als Andere, wird er dieselben als persönliche Erlebnisse mittheilen. Dort aber, wo seine Erfahrung mangelhaft ist, wird er von der Bühne des Erzählers abtreten, und seine Aufgabe wird an dem Punkte, wo er sie hat fallen lassen, von Personen wieder aufgenommen und fortgesetzt werden, welche über die vorliegenden Umstände nach eigener Erfahrung ebenso genau und bestimmt Bericht erstatten können, als er selbst es vor ihnen gethan.

Auf diese Weise wird die hier mitgetheilte Erzählung von mehr als einer Feder geschrieben werden, sowie ja der Bericht über eine Verletzung der Gesetze im Gerichtshofe auf mehr als einer Aussage beruht – hier wie dort wird dasselbe erreicht, d.h. zu demselben Ende die Wahrheit immer in dem vollsten und hellsten Lichte dargestellt und der Leser in den Stand gesetzt, dem Verlaufe einer vollständigen Reihe von Begebenheiten zu folgen, indem wir die Personen, die am nächsten mit ihnen in Berührung kamen, in den einander folgenden Stadien Wort für Wort ihre eigenen Erlebnisse erzählen lassen.

Zuerst wollen wir Walter Hartright – Zeichenlehrer, achtundzwanzig Jahre alt – vernehmen.

Die Aussage Walter Hartright's in Clement's Inn zu London

I.

Es war am letzten Julitage. Der lange, heiße Sommer ging zu Ende, und wir müden Pilger des Pflasters von London begannen an die Wolkenschatten auf den Kornfeldern und die Herbstbrisen am Meeresstrande zu denken.

Was mein armes Selbst betrifft, so ließ mich der scheidende Sommer arm an Kräften, arm an Frohsinn und, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, auch arm an Gelde zurück. Ich hatte meinen Erwerb während des verstrichenen Jahres nicht so sorgsam zu Rathe gehalten wie gewöhnlich, und da war es kein Wunder, daß meine Verschwendung mich jetzt in die Lage brachte, den Herbst auf sparsame Weise in meiner Mutter Häuschen in Hamstead und in meinem eigenen Junggesellenquartier in London zuzubringen.

Der Abend, dessen erinnere ich mich noch, war still und der Himmel umzogen; die Luft von London war so schwer, das ferne Summen des Straßenverkehres so schwach wie je; des Lebens kleiner Puls in mir, das große Herz der Stadt um mich her schienen beide gleichzeitig und mit der sinkenden Sonne matter und matter zu werden. Ich legte mein Buch von mir – ich hatte weniger darin gelesen, als vielmehr darüber geträumt – und verließ mein Zimmer, um in die kühle Abendluft der Vorstädte hinaus zu wandern. Es war einer jener Abende, die ich allwöchentlich bei meiner Mutter und Schwester zubrachte, und ich richtete also meine Schritts nordwärts nach Hampstead zu.

Begebenheiten, die ich noch zu erzählen habe, nöthigen mich, hier zu erwähnen, daß mein Vater zu der Zeit, von der ich jetzt schreibe, schon seit einigen Jahren verstorben und daß meine Schwester Sara und ich die einzigen überlebenden von fünf Geschwistern waren. Mein Vater war, wie ich, Zeichenlehrer. Seine Thätigkeit nun in diesem Berufe war im höchsten Grade lohnend für ihn gewesen, und seine zärtliche Besorgnis, die Zukunft Derer zu sichern, die von seinen Arbeiten abhängig waren, hatte ihn vom Augenblicke seiner Verheiratung an veranlaßt, einen weit größeren Theil seines Erwerbs der Versicherung seines Lebens zu widmen, als die meisten Leute für diesen Zweck nöthig erachten. Dieser bewunderungswürdigen Vorsicht und Aufopferung hatten meine Mutter und Schwester es zu danken, daß sie nach seinem Tode ebenso unabhängig von der Welt waren, wie sie es während seiner Lebenszeit gewesen. Ich erbte seine Kundschaft und hatte alle Ursache, für die Aussichten dankbar zu sein, die mich bei meinem Eintritte in's Leben begrüßten.

Das stille Zwielicht zitterte noch auf den Hügeln der Heide, und London war unter mir im Schatten des wolkenumzogenen Nachthimmels in einen schwarzen Abgrund hinabgesunken, als ich vor dem Gartenpförtchen des Häuschens meiner Mutter stand. Ich hatte kaum geschellt, als schon die Hausthür heftig geöffnet wurde; anstatt der Magd erschien mein würdiger italienischer Freund, Professor Pesca, und stürzte mir mit einem gellenden Freudenschrei – einer wahren Parodie auf einen englischen »Cheer« – entgegen.

Um seiner selbst willen und – erlaube man mir hinzuzufügen – auch um meinetwillen verdient der Professor die Auszeichnung einer förmlichen Vorstellung. Machte ihn doch der Zufall zum Ausgangspunkte der seltsamen Familiengeschichte, deren Schilderung sich in diesen Blättern vor uns aufrollen soll.

Ich war mit meinem italienischen Freunde zuerst dadurch bekannt geworden, daß ich ihm in großen Häusern begegnete, wo er in seiner Muttersprache, ich im Zeichnen Unterricht ertheilte. Alles, was ich damals von seiner Lebensgeschichte wußte, war, daß er an der Universität Padua angestellt gewesen, daß er Italien aus politischen Gründen verlassen (welcher Art dieselben gewesen, weigerte er sich, irgend Jemandem mitzutheilen) und daß er seit vielen Jahren als Lehrer seiner Muttersprache anständig beschäftigt sei.

Ohne geradezu ein Zwerg zu sein – denn er war vom Kopfe bis zu den Füßen vollkommen proportionirt – war Pesca, glaube ich, das kleinste menschliche Wesen, das ich je außerhalb einer Schaubude gesehen habe. Durch seine persönliche Erscheinung überall bemerkbar, fiel er auch noch ferner überall, wo er sich bewegte, durch seine harmlose Sonderlingsart auf. Eine vorherrschende Idee nämlich schien bei ihm die zu sein, daß er dem Lande, das ihm eine Zuflucht und seinen Lebensunterhalt gegeben, seine Dankbarkeit beweisen müsse, indem er sein Möglichstes thue, sich zu einem Engländer heranzubilden. Nicht zufrieden damit, der Nation im Allgemeinen dadurch ein Kompliment zu machen, daß er beständig einen Regenschirm, Gamaschen und einen weißen Hut trug, trachtete der Professor auch darnach, in seinen Gewohnheiten und Vergnügungen sowohl, wie in seiner äußeren Erscheinung ein Engländer zu werden. Da er fand, daß wir als Nation uns durch unsere Liebe zu Körperübungen auszeichneten, gab sich der kleine Professor in der Unschuld seines Herzens aus dem Stegreif all unseren englischen Spielen und Vergnügungen hin, wo er nur immer Gelegenheit dazu fand, in der festen Ueberzeugung, daß er durch Willenskraft sich ebensogut unsere Leibesübungen aneignen könnte als unsere nationalen Gamaschen und unseren nationalen weißen Hut.

Ich hatte ihn auf der Fuchsjagd und beim Cricket (Schlagball-)Spiele blindlings sein Leben in die Schanze schlagen sehen, und bald darauf sah ich ihn ebenso blindlings sein Leben in der See bei Brighton auf's Spiel setzen.

Wir hatten einander dort durch Zufall getroffen und gingen zusammen zum Baden. Wären wir mit einer nur meinem Volke eigenen Körperübung beschäftigt gewesen, so hätte ich natürlich sorgfältig nach Pesca gesehen; da aber andere Nationen sich meist ebensogut im Wasser zu bewegen verstehen wie wir Engländer, so fiel es mir keinen Augenblick ein, daß die Schwimmkunst zu der Liste jener männlichen Körperübungen gehören könne, die der Professor auf eigene Hand lernen zu können glaubte.

Bald nachdem wir Beide das Ufer verlassen, hielt ich im Schwimmen inne, da ich fand, daß mein Freund mich nicht einholte, und wandte mich nach ihm um. Zu meinem Erstaunen und Entsetzen sah ich zwischen mir und dem Strande nichts als zwei kleine weiße Arme, die einen Augenblick über dem Wasser hin und her schlugen und dann verschwanden. Als ich an derselben Stelle hinuntertauchte, lag der kleine Mann ruhig zusammengerollt in einer Höhlung des Ufergesteines und sah nun merklich kleiner aus, als ich ihn je zuvor gesehen hatte. Während ich ihn an's Land trug – ein Zeitraum von wenigen Minuten – kam er in der frischen Luft wieder zum Leben zurück, und unter meinem Beistande gelang es ihm, die Stufen der Badekabine hinanzugehen. Mit seiner theilweisen Wiederherstellung kehrte ihm auch seine wunderbare Selbsttäuschung in Bezug auf das Schwimmen wieder zurück. Sobald er mit seinen klappernden Zähnen wieder sprechen konnte, lächelte er gedankenlos und meinte, es müsse ein Krampf gewesen sein.

Sobald er sich vollkommen wieder erholt und am Strande zu mir gesellt hatte, brach seine warme, südliche Natur augenblicklich durch alle künstliche, englische Zurückhaltung. Er überschüttete mich mit den wildesten Ausdrücken von Zuneigung – erklärte leidenschaftlich in seiner ausschweifenden italienischen Weise, daß sein Leben hinfort mir geweiht sei und daß er nicht eher glücklich sein werde, als bis er Gelegenheit gefunden, mir zum Beweise seiner Dankbarkeit einen Dienst zu leisten, den ich meinerseits bis an's Ende meines Lebens nicht werde vergessen können. Ich that mein Möglichstes, dem Strome seiner Thränen und Beteuerungen Einhalt zu thun, indem ich das ganze Abenteuer von der heiteren Seite aufnahm, und es gelang mir endlich, wie ich mir einbildete, Pesca's überschwängliche Dankbarkeit gegen mich zu mäßigen.

Ich ahnte damals – und auch später, als unsere angenehmen Ferientage in Brighton zu Ende gingen – freilich nicht, daß die Gelegenheit, mir zu dienen, nach der mein dankbarer Freund sich so feurig sehnte, so bald kommen sollte; daß er sie dann augenblicklich so eifrig ergreifen und dadurch den ganzen Lauf meines Lebens in einen neuen Canal leiten und mein Wesen so verändern würde, daß ich mich selbst kaum wiedererkannte.

Und doch war dem so. Wäre ich nicht nach Professor Pesca untergetaucht, als er in seinem Steinbette unter dem Wasser lag, so wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie zu der Geschichte in Beziehung gekommen, welche diese Blätter erzählen werden – so hätte ich vielleicht nie auch nur den Namen des Weibes gehört, das seitdem in allen meinen Gedanken gelebt, dem alle meine Thatkräfte gehören, das der eine leitende Einfluß geworden, welchem mein ganzes Leben folgt.

II.

Pesca's Gesicht und Benehmen, als wir an jenem Abende am Gartenpförtchen meiner Mutter einander gegenüberstanden, genügten vollkommen, um mir zu sagen, daß sich irgend etwas Außergewöhnliches zugetragen habe. Es war indessen ganz nutzlos, augenblickliche Aufklärung von ihm zu fordern. Ich konnte nur, während er mich bei beiden Händen in's Haus zog, vermuthen, daß er, mit meinen Gewohnheiten vertraut, jenen Abend, um mich sicher zu treffen, dort hinausgekommen, und daß er nur irgend eine Neuigkeit von ungewöhnlich angenehmer Beschaffenheit mitzutheilen habe.

Wir stürzten Beide sehr plötzlich und in einer die gute Sitte verletzenden Weise in's Zimmer. Meine Mutter saß lachend und sich fächelnd am offenen Fenster. Pesca war ein besonderer Liebling von ihr, und seine wildesten, excentrischesten Streiche waren in ihren Augen immer verzeihlich. Arme, liebe Seele! vom ersten Augenblicke an, wo sie entdeckte, daß der kleine Professor ihrem Sohne zugethan, öffnete sie ihm ohne allen Rückhalt ihr Herz, fand sich in alle seine sonderbaren ausländischen Eigenthümlichkeiten, ohne auch nur zu versuchen, eine einzige von ihnen zu verstehen.

Meine Schwester Sara schloß sich trotz ihrer Jugend seltsamerweise bei Weitem schwerer an. Sie ließ Pesca's herrlichen Gemüthsanlagen alle Gerechtigkeit widerfahren, aber sie konnte seine Eigenthümlichkeiten nicht so unbedingt, wie meine Mutter, um meinetwillen hinnehmen. Bei ihren echt insularischen Begriffen von Schicklichkeit empörte sie sich fortwährend gegen Pesca's angeborene Verachtung äußerer Sitten, und sie war immer mehr oder weniger unverhohlen erstaunt über die Vertraulichkeit ihrer Mutter mit dem excentrischen kleinen Ausländer.

Ich habe nicht allein bei meiner Schwester, sondern auch bei Anderen die Bemerkung gemacht, daß wir von der jüngeren Generation lange nicht so herzlich und empfänglich sind wie unsere Eltern. Ich sehe oft alte Leute in der Erwartung irgend eines in Aussicht stehenden Vergnügens aufgeregt und bewegt, während ihre ruhigen Enkel ungerührt bleiben. Es fragt sich wirklich, ob wir wohl ebenso natürlich in unserer Knaben- und Mädchenzeit waren, wie unsere Großeltern zu ihren Zeiten gewesen sein mögen. Hat der große Fortgang in der Erziehung etwa einen zu langen Schritt gethan, oder sind wir nicht etwa in diesen modernen Tagen ein klein wenig zu wohlerzogen?

Ohne zu versuchen, diese Fragen mit Bestimmtheit zu beantworten, darf ich wenigstens berichten, daß ich meine Mutter und Schwester nie zusammen in Pesca's Gesellschaft sah, ohne die erstere für die jüngere von Beiden zu halten. Heute zum Beispiel lachte meine Mutter herzlich über die knabenhafte Manier, in der wir in's Zimmer stürzten, während Sara mit gestörter Gemüthsruhe die Scherben einer zerbrochenen Theetasse vom Boden aufnahm, die der Professor in seinem eiligen Laufe nach der Thür mir entgegen niedergeworfen hatte.

»Ich weiß wirklich nicht, was sich noch ereignet hätte, Walter, wärst du noch langer ausgeblieben,« sagte meine Mutter, »Pesca ist halb wahnsinnig geworden vor Ungeduld, und ich vor Neugierde. Der Professor hat irgend eine wunderbare Neuigkeit mitgebracht, die, wie er sagt, dich betrifft, und er war grausam genug, uns auch nicht die kleinste Andeutung davon geben zu wollen, ehe sein Freund Walter käme.«

»Sehr ärgerlich, es macht das Service unvollständig,« murmelte Sara vor sich hin, indem sie trauernd wie ein in's weibliche übersetzter Marius auf die Trümmer der zerbrochenen Tasse schaute.

Unterdessen schleppte Pesca in seliger Unkenntnis des unverbesserlichen Schadens, den seine Hände angerichtet, einen großen Lehnstuhl zum anderen Ende des Zimmers, um uns alle Drei übersehen zu können, wie ein öffentlicher Redner seine Zuhörer überschaut. Nachdem er die Rückseite des Stuhles uns zugedreht, sprang er hinein und redete höchst aufgeregt aus dieser improvisirten Kanzel seine kleine Gemeinde von Dreien an.

»Jetzt, meine guten Lieben,« begann Pesca (der stets »guten Lieben« sagte, wenn er »meine lieben Freunde« meinte), »hört mir zu. Die Zeit ist gekommen – ich erzähle meine gute Neuigkeit – ich spreche endlich.«

»Hört, hört!« rief meine Mutter – wie ein Unterhausmitglied – auf den Scherz eingehend.

»Das Nächste, was er zerbrechen wird, Mama,« flüsterte Sara, »wird der Rücken unseres besten Lehnstuhles sein.«

»Ich gehe in meinem Leben um ein wenig zurück und richte meine Rede an das edelste aller erschaffenen Wesen,« fuhr Pesca fort, indem er über den Stuhl hinweg heftig meine unwürdige Wenigkeit apostrophirte, »der mich todt (durch Krampf) am Boden des Meeres fand und mich wieder in die Höhe zog; und was sagte ich, als ich wieder in's Leben und in meine eigenen Kleider zurückkehrte?«

»Weit mehr, als nothwendig war,« entgegnete ich so verdrießlich wie möglich, denn die geringste Ermuthigung in Bezug auf diesen Gegenstand diente nur dazu, daß sich des Professors Gemüthsbewegung in eine Thränenfluth auflöste.

»Ich sagte,« fuhr Pesca beharrlich fort, »daß mein Leben hinfort meinem lieben Freunde Walter gehöre – und das thut es. Ich sagte, daß ich nie wieder glücklich sein werde, bis ich irgend ein gutes Etwas für Walter gethan – und ich bin nie zufrieden mit mir gewesen, bis auf den heutigen, gesegneten Tag. Jetzt,« schrie der begeisterte, kleine Mann aus vollem Halse, »jetzt dringt nur das überströmende Glück wie Schweiß aus jeder Pore meiner Haut; denn bei meiner Treue, meiner Seele, meiner Ehre, dieses Etwas ist endlich geschehen, und das einzige Wort, das uns zu sagen übrig bleibt, ist: richtig-Alles-richtig!«

Es dürfte vielleicht nothwendig sein, hier zu wiederholen, daß Pesca sich etwas darauf zugute that, in seiner Sprache sowohl wie in seiner Kleidung, seinen Manieren und Vergnügungen ein vollkommener Engländer zu sein. Da er einige unserer gebräuchlichsten Redensarten aufgegriffen, streute er sie in seine Unterhaltung ein, wie sie ihm eben einfielen, indem er sie in der Freude seines Herzens an ihrem Klange und seiner allgemeinen Unwissenheit über ihre Bedeutung in nach eigener Erfindung zusammengesetzten, auch wohl wiederholten Wörtern von sich gab und sie dabei ineinander laufen ließ, als ob sie aus einer einzigen langen Silbe beständen.

»Unter den stolzen Häusern Londons, in denen ich die Sprache meines Vaterlandes lehre,« sagte der Professor, indem er ohne ein Wort weiterer Vorrede sich mitten in die so lange von ihm verschobene Erklärung stürzte, »ist ein mächtig vornehmes auf dem großen Platze, genannt Portland. Ihr wißt Alle, wo das ist? Ja, ja, steht-versteht-sich. Das vornehme Haus, meine guten Lieben, beherbergt eine vornehme Familie. Eine Mama, die blond und stark ist; drei junge Misses, die blond und stark sind; zwei junge Misters, die blond und stark sind, und ein Papa, der blondeste und stärkste von Allen, der, ein mächtiger Kaufmann, bis an den Hals in Gold steckt – einst ein schöner Mann, doch – da er jetzt einen nackten Kopf und ein Doppelkinn besitzt – gegenwärtig nicht mehr schön. Jetzt gebt Acht! Ich lese mit den jungen Misses den göttlichen Dante, und ach! Güte-du-meine-Güte! – keine menschliche Sprache vermag zu sagen, wie sehr der göttliche Dante die drei hübschen Köpfe verwirrt! Einerlei – Alles zu seiner Zeit – und je mehr Stunden, desto besser für mich. Jetzt gebt Acht! Stellt Euch vor, daß ich die drei jungen Misses heute, wie gewöhnlich, unterrichte, wir sind alle viere unten zusammen in Dante's Hölle. Beim siebenten Kreise – aber einerlei: den drei blonden und starken jungen Misses sind alle Kreise gleich – beim siebenten Kreise dessenungeachtet bleiben meine Schülerinnen stecken; und ich, um sie wieder in Gang zu bringen, declamire, erkläre und rede mich in unnützer Begeisterung in die glühendste Hitze hinein, als – da hört man einen Stiefel knarren draußen im Corridor, und herein tritt der goldene Papa, der mächtige Kaufmann und glückliche Besitzer des nackten Kopfes und des doppelten Kinnes. – Ja! meine guten Lieben, ich bin der Sache jetzt näher, als ihr glaubt. Habt ihr so lange Geduld gehabt? oder habt ihr zu euch selbst gesagt: Teufel – zum – Teufel! Pesca ist heute Abend langweilig?« Wir erklärten, daß er uns im höchsten Grade unterhalten habe. Der Professor fuhr fort:

»In seiner Hand hält der goldene Papa einen Brief, und nachdem er sich entschuldigt, daß er uns in unseren höllischen Regionen mit gewöhnlichen Tagesangelegenheiten störe, wendet er sich zu den drei jungen Misses, beginnt, wie ihr Engländer Alles, was ihr in dieser gesegneten Welt Zu sagen habt, beginnt mit einem großen O. ›O, meine Lieben,‹ sagte der mächtige Kaufmann, ›ich habe hier einen Brief von meinem Freunde Mr...... Wohlgeboren‹ (der Name ist mir entfallen, doch einerlei, wir werden darauf zurückkommen; ja, ja – richtig-Alles-richtig). Also der Papa sagt, ›ich habe hier einen Brief von meinem Freunde, dem besagten Wohlgeboren, er wünscht, daß ich ihm einen Zeichenlehrer empfehle, der zu ihm auf sein Landhaus kommen kann.‹ Güte – du – meine – Güte! Als ich den goldenen Papa diese Worte sagen hörte, hätte ich, wenn ich groß genug gewesen wäre, um zu ihm hinaufzureichen, seinen Hals mit meinen Armen umschlungen und ihn in einer langen, dankbaren Umarmung an meine Brust gedrückt! So aber zuckte ich nur auf meinem Stuhle zusammen. Ich saß auf Kohlen, und meine Seele brannte zu sprechen, aber ich hielt den Mund und ließ den Papa fortfahren. ›Vielleicht wißt ihr,‹ sagt dieser gute Mann des Geldes, indem er seines Freundes Brief zwischen seinem goldenen Daumen und Zeigefinger hin und her dreht, ›vielleicht kennt ihr einen Zeichenlehrer, meine Lieben, den ich empfehlen könnte.‹ Die drei jungen Misses sehen einander an und sagen dann (indem sie mit dem unvermeidlichen großen O anfangen): ›O nein, Papa! aber da ist Mr. Pesca – .‹ Bei dieser Erwähnung meiner kann ich nicht länger an mich halten – der Gedanke an euch, meine guten Lieben, steigt mir wie Blut in den Kopf – ich springe von meinem Stuhle, wie wenn plötzlich ein Speer aus dem Boden durch den Sitz desselben emporgefahren wäre – ich wende mich zu dem mächtigen Kaufmann und sage (englische Redensart): Lieber Herr, ich habe Ihren Mann! den ersten, allerersten Zeichenlehrer der Welt. Empfehlen Sie ihn heute Abend mit der Post und schicken Sie ihn morgen mit Sack und Pack (wieder eine englische Redensart) mit dem Zuge ab! ›Halt, halt,‹ sagt der Papa, ›ist er ein Ausländer oder ein Engländer?‹

Engländer bis ins Rückenmark, entgegnete ich. ›Respectabel?‹ sagt Papa. Sir! sage ich (denn diese letzte Frage empört mich sehr und ich bin nicht länger vertraulich mit ihm), Sir! das unsterbliche Feuer des Genies brennt im Busen dieses Engländers, und was noch mehr ist, sein Vater besaß es schon vor ihm. ›Einerlei,‹ sagt dieser goldene Barbar von einem Papa, wir sprechen nicht von seinem Genie, Mr. Pesca. Wir verlangen in diesem Lande kein Genie, wenn es nicht zugleich auch respectabel ist – dann aber freuen wir uns sehr, es zu besitzen, sehr. Kann Ihr Freund Zeugnisse beibringen – Briefe, die seinen Charakter verbürgen?‹ Ich mache eine nachlässige Handbewegung. Briefe? sage ich. Ja! Güte-du-meine-Güte! Das wollt' ich meinen, wahrlich! Bände von Briefen und Portfolios voller Zeugnisse, wenn Sie es wünschen? ›Eins oder zweie werden genügen,‹ sagt dieser Mann des Geldes und des Phlegmas. ›Lassen Sie ihn mir dieselben zuschicken, mit Angabe seines Namens und seiner Adresse. Und halt, halt, Mr. Pesca – ehe Sie zu Ihrem Freunde gehen, nehmen Sie lieber ein Billet mit.‹ Cassenbillet! sage ich entrüstet. Kein Cassenbillet, bis mein braver Engländer es verdient hat, wenn ich bitten darf. ›Cassenbillet!‹ sagt Papa in großem Erstaunen; ›wer spricht denn von Cassenbilleten? Ich meine ein Billet, enthaltend die Bedingungen – ein Memorandum von dem, was man von ihm verlangt. Fahren Sie in Ihrem Unterrichte fort, Mr. Pesca, und unterdessen will ich Ihnen den nothwendigen Auszug aus meines Freundes Briefe machen.‹ Der Mann der Waaren und des Geldes geht und nimmt Feder, Tinte und Papier zur Hand, und ich steige wieder in Dante's Hölle hinab und meine drei jungen Misses mir nach. In zehn Minuten ist das Billet geschrieben, und Papas Stiefel knarren wieder den Corridor entlang. Von diesem Augenblicke an weiß ich bei meiner Treue, meiner Seele und Ehre weiter nichts. Der herrliche Gedanke, daß ich endlich Gelegenheit gefunden, mich meinem theuersten Freunde in der Welt erkenntlich zu erweisen, und daß der Dienst bereits so gut wie schon geleistet ist, steigt mir zu Kopfe und macht mich trunken. Wie ich mich und meine jungen Misses wieder aus den höllischen Regionen heraufziehe, wie ich dann meine übrigen Geschäfte abmache und wie mein bißchen Mittagessen in meinen Hals hinabgleitet, weiß ich ebensowenig wie der Mann im Monde. Genug, ich bin hier, mit dem Billet des mächtigen Kaufmannes in der Hand, in Lebensgröße, heiß wie Feuer und froh wie ein König! Ha! ha! ha! richtig-Alles-richtig-richtig!« Hier schwenkte der Professor das Memorandum der Bedingungen über seinem Kopfe und endete seine lange, geläufige Rede mit seiner gellenden italienischen Parodie eines englischen »Cheers«.

Sobald er geendet, erhob sich meine Mutter mit gerötheten Wangen und glänzenden Augen. Sie ergriff beide Hände des kleinen Mannes.

»Mein lieber, guter Pesca,« sagte sie, »ich zweifelte nie an Ihrer wahren Zuneigung für Walter – jetzt aber bin ich mehr als je davon überzeugt!«

»Gewiß, wir sind Professor Pesca um Walters willen sehr dankbar,« fügte Sara hinzu. Sie erhob sich halb von ihrem Sitze, wie sie sprach, als ob sie ebenfalls an den Lehnstuhl treten wollte; sowie sie aber gewahr wurde, daß Pesca voller Entzücken meiner Mutter Hände küßte, blickte sie ganz ernst und blieb an ihrem Platze. »Wenn der familiäre kleine Mensch meine Mutter schon so behandelt, wie würde er da erst mich behandeln?« Gesichter sprechen zuweilen die Wahrheit, und das war ohne alle Frage Saras Gedanke, als sie sich wieder setzte.

Obgleich ich selbst die Herzensgüte in Pesca's Beweggründen dankbar anerkannte, so war ich doch über die Aussicht auf künftige Beschäftigung lange nicht so erfreut, als ich hätte sein sollen. Sobald der Professor mit den Händen meiner Mutter fertig war und ich ihm für sein Verwenden zu meinen Gunsten herzlich gedankt hatte, bat ich, das Memorandum über die Bedingungen sehen zu dürfen, das sein achtungswerther Beschützer zu meiner Durchsicht aufgesetzt hatte.

Pesca überreichte es mir mit einem triumphirenden Schwenken der Hand.

»Lies!« sagte der kleine Mann majestätisch. »Ich verspreche dir, mein Freund, daß das Schreiben des goldenen Papas wie mit Trompetenschall für sich selber redet.«

Das Memorandum war jedenfalls deutlich, offen und verständlich. Es unterrichtete mich –

Erstens, daß Frederik Fairlie, Esquire, zu Limmeridge House, Cumberland, während eines Zeitraumes von wenigstens vier Monaten der Dienste eines durchaus tüchtigen Zeichenlehrers bedürfe.

Zweitens, daß die Pflichten, welche dem Lehrer obliegen würden, zweierlei seien. Er sollte den Unterricht zweier junger Damen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei beaufsichtigen und dann seine Mußezeit dazu verwenden, eine werthvolle Sammlung von Zeichnungen, die ganz in Unordnung und vernachlässigt war, zu ordnen und aufzukleben.

Drittens, daß das Honorar, welches Demjenigen geboten werde, der sich diesen Pflichten gewissenhaft zu unterziehen anheischig mache, vier Guineen wöchentlich sei; daß er in Limmeridge House wohnen und dort wie ein Gentleman behandelt werden solle.

Viertens und letztens, daß Niemand sich um diese Stelle zu bemühen brauche, der nicht die untadeligsten Ausweise über Charakter und Fähigkeiten beibringen könne. Diese Ausweise solle man Mr. Fairlie's Freunde einsenden, der bevollmächtigt sei, das Uebereinkommen abzuschließen. Dann folgten noch Name und Adresse von Pesca's Gönner auf dem Portlandplatze – und damit endete das Memorandum.

Die Aussicht, welche dieses Anerbieten darbot, war allerdings eine anziehende – die Beschäftigung aller Wahrscheinlichkeit nach leicht und angenehm; sie wurde mir in der Herbstzeit des Jahres vorgeschlagen, wo ich am wenigsten zu thun hatte, und das Honorar war nach meinen persönlichen Erfahrungen in meinem Berufe außerordentlich anständig. Ich wußte dies; ich wußte, daß ich Ursache haben würde, mich glücklich zu schätzen, falls ich mir die angebotene Beschäftigung sicherte – und dennoch hatte ich kaum das Memorandum gelesen, als ich schon eine unerklärliche Unlust verspürte, irgend etwas in der Sache zu thun. Ich hatte noch nie in allen meinen früheren Erfahrungen meine Pflicht und meine Neigung sich so in mir streiten gefühlt, als bei dieser Gelegenheit.

»O Walter, dein Vater hat nie ein solches Glück gehabt!« sagte meine Mutter, nachdem sie das Memorandum gelesen und mir zurückgehändigt hatte.

»Solche vornehme Leute kennen zu lernen!« bemerkte Sara, sich auf ihrem Stuhle aufrichtend – »noch dazu unter so angenehmen Verhältnissen der Gleichheit!«

»Ja, ja; die Bedingungen sind in jeder Beziehung verführerisch genug,« erwiderte ich ungeduldig. »Aber he ich meine Zeugnisse einsende, möchte ich ein wenig Zeit haben, um zu überlegen –«

»Ueberlegen!« rief meine Mutter aus. »Ei, Walter, was ist mit dir?«

»Ueberlegen!« rief meine Schwester aus. »Welch eine sonderbare Idee unter so günstigen Umständen!«

»Ueberlegen!« stimmte der Professor ein. »was ist da weiter zu überlegen? Beantworte mir dies! Hast du nicht über deine Gesundheit geklagt und hast du dich nicht nach einem Schlucke Landluft gesehnt, wie du es nennst? Nun! das Papier da in deiner Hand bietet dir unausgesetzte Schlucke Landluft für vier Monate. Ist dem nicht so? Ja? Dann – du brauchst Geld. Nun! Sind vier Guineen die Woche gar nichts? Meine-Güte-du-meine-Güte. Gebe sie nur Einer mir – und meine Stiefel sollen, wie die des goldenen Papas, mit einem Bewußtsein des überwältigenden Reichthums des Mannes, der in ihnen geht, knarren! Vier Guineen die Woche, und was noch mehr ist, die reizende Gesellschaft zweier junger Misses; und was noch mehr ist, dein Bett, dein Frühstück, dein Mittagsessen, deine üppigen englischen Thees und Gabelfrühstücke und dein schäumendes Bier, alles umsonst – wie, Walter, mein lieber, guter Freund – Teufel-zum-Teufel! – zum ersten Male in meinem Leben habe ich nicht Augen genug im Kopfe, um dich anzusehen und mich über dich Zu verwundern!«

Weder meiner Mutter offenbares Erstaunen über mein Betragen noch Pesca's eifrige Aufzählung der Vortheile, welche mir die neue Beschäftigung in Aussicht stellte, erschütterten meine scheinbar ungerechtfertigte Abneigung, nach Limmeridge House zu gehen. Nachdem ich alle kleinlichen Einwendungen aufgeworfen, die ich nur gegen meine Reise nach Cumberland erdenken konnte, und nachdem mir dieselben der Reihe nach zu meiner eigenen Niederlage beantwortet waren, versuchte ich, ein letztes Hindernis mit der Frage aufzurichten, was aus meinen Schülern in London werden sollte, während ich Mr. Fairlie's junge Damen nach der Natur zeichnen lehrte. Die einleuchtende Antwort hierauf war, daß der größere Theil derselben auf ihren Herbstreisen sein werde, und die wenigen, die dableiben würden, der Obhut eines Collegen anvertraut werden könnten, dem ich seine Schüler einst unter ähnlichen Verhältnissen abgenommen hatte. Meine Schwester erinnerte mich daran, daß dieser Herr nur ausdrücklich für diese Saison seine Dienste angeboten, falls ich die Hauptstadt zu verlassen wünschte; meine Mutter bat mich ernstlich, doch nicht meine eigenen Interessen und meine Gesundheit durch eine einfältige Grille zu gefährden, und Pesca flehte mich in jammervollen Tönen an, ihm nicht bis in's innerste Herz weh' zu thun, indem ich das erste dankbare Dienstanerbieten ausschlüge, das er dem Freunde und Lebensretter zu machen im Stande gewesen.

Die offenbare Liebe, welche diese Vorstellungen eingab, hätte auf jeden Mann Eindruck gemacht, der nur ein Atom von richtigem Gefühle besaß. Obgleich ich meine unbegreifliche Wunderlichkeit nicht überwinden konnte, so hatte ich doch wenigstens so viel Tugend in mir, mich jenes Vorurtheils zu schämen und die Erörterung damit zu enden, daß ich nachgab und Alles Zu thun versprach, was man von mir verlangte. Der Rest des Abends verging dann fröhlich genug unter heiteren Zukunftsplänen und Muthmaßungen über meine Stellung bei den jungen Damen in Cumberland. Pesca, von unserem nationalen Grog begeistert, der ihm auf wunderbare Weise, fünf Minuten, nachdem er seine Kehle hinunter gegangen, zu Kopf zu steigen schien, behauptete seine Ansprüche, als ein vollkommener Engländer angesehen zu werden, indem er in schneller Aufeinanderfolge eine Reihe von Reden hielt; die Gesundheit meiner Mutter ausbrachte, die meiner Schwester, die meinige und zusammen die Gesundheit von Mr. Fairlie und den beiden jungen Misses; worauf er gleich hinterher für die ganze Gesellschaft eine pathetische Dankesrede hielt.

»Ein Geheimnis, Walter,« sagte mein kleiner Freund vertraulich, als wir zusammen nach Hause gingen. »Ein Geheimnis sei dir vertraut. Ich glühe bei der Erinnerung an meine Beredsamkeit. Meine Seele vergeht vor Ehrgeiz. Eines Tages werde ich in euer edles Parlament eintreten. Es ist der Traum meines ganzen Lebens, der »Ehrenwerthe Pesca M. P« (Mitglied des Parlaments) zu werden!«

Am folgenden Morgen sandte ich des Professors Patrone auf dem Portlandplatze meine Zeugnisse ein. Drei Tage vergingen, und ich schloß daraus mit geheimer Genugthuung, daß meine Papiere nicht ausreichend genug befunden worden. Am vierten Tage kam jedoch eine Antwort. Dieselbe kündigte mir an, daß Mr. Fairlie meine Dienste annehme und mich ersuche, augenblicklich nach Cumberland aufzubrechen. Alle nothwendigen Instructionen betreffs meiner Reise waren sorgfältig und deutlich in einem Postscriptum beigefügt.

Ich traf ziemlich mißmuthig meine Vorbereitungen, früh am folgenden Tage London zu verlassen. Gegen Abend kam Pesca, im Begriffe in sine Mittagsgesellschaft zu gehen, zu mir, um mir Lebewohl zu sagen.

»Ich werde meine Thränen während deiner Abwesenheit mit dem schönen Gedanken trocknen,«, sagte er fröhlich, »daß es meine Hand war, die deinem Glücke in dieser Welt den ersten Schub vorwärts gegeben hat. Geh', mein Freund. Wenn deine Sonne in Cumberland scheint (englisches Sprichwort), da mache ja dein Heu, um's Himmels willen. Heirate eine der beiden jungen Misses, erbe die fetten Güter Fairlie's, werde Ehrenwerther Hartright M. P., und wenn du auf der obersten Stufe der Leiter angelangt bist, erinnere dich, daß Pesca, der unten steht, dir zu dem Allen verholfen hat!«

Ich versuchte, mit meinem kleinen Freunde über seinen Abschiedsscherz zu lachen, aber ich konnte meine üble Laune nicht bemeistern. Etwas in mir schlug einen fast schmerzlichen Mißton an, während er seine heiteren Abschiedsworte sprach.

Als ich wieder allein war, blieb mir nichts zu thun übrig, als nach dem Häuschen in Hamstead zu gehen und meiner Mutter und Schwester Lebewohl zu sagen.

III.

Die Hitze war den ganzen Tag über sehr drückend gewesen, auch der Abend war noch heiß und schwül.

Meine Mutter und Schwester hatten so viele letzte Worte zu sagen gehabt und mich so oft gebeten, noch fünf Minuten langer zu bleiben, daß es beinahe Mitternacht war, als die Magd das Gartenthor hinter mir schloß. Ich that ein paar Schritte auf dem kürzesten Wege nach London zu, dann stand ich still und zögerte.

Der Mond stand groß und voll an dem dunkelblauen, sternenlosen Himmel, und die hügelige Heide sah in dem geheimnisvollen Lichte wild genug aus, daß sie Hunderte von Meilen von der Stadt hätte entfernt sein können, die weiter abwärts lag. Ich konnte mich nicht überwinden, eher als durchaus nothwendig, zu der Hitze und trüben Luft von London zurückzukehren. Die Aussicht, in meine dumpfigen Zimmer schlafen zu gehen, und die, allmälig zu ersticken, schienen mir bei meinem unruhigen Körper- und Gemüthszustande gleichbedeutend. Ich beschloß, durch die reinere Luft auf dem weitesten Umwege, den ich nur machen konnte, heimzuschlendern; den weißen sich hin und her schlängelnden Pfaden, die über die einsame Heide hinliefen, zu folgen und durch die am freiesten liegende Vorstadt von London dorthin zurückzukehren, indem ich den weg von Finchley einschlug und so in der Frische des neuen Morgens auf der Westseite des Regent's Park anlangte. Ich wanderte langsam auf der Heide dahin, im Genusse der himmlischen Stille und voll Bewunderung der sanften Abwechslungen von Licht und Schatten, wie sie einander rund um mich her auf der hügeligen Haide folgten. Solange ich bei diesem ersten und hübschesten Theil meines Nachtspazierganges war, blieb mein Geist für die Eindrücke des Anblickes passiv empfänglich; ich dachte nur wenig an irgend einen Gegenstand – ja, was meine Gefühle betrifft, so dachte ich eigentlich gar nicht.

Als ich aber die Heide verlassen und einen Nebenweg eingeschlagen hatte, wo es weniger zu sehen gab, zogen die Gedanken, welche die kommende Veränderung in meinen Gewohnheiten und Beschäftigungen natürlicherweise hervorriefen, mehr und mehr meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf sich. Als ich am Ende des Weges anlangte, war ich vollkommen in meine phantastischen Visionen von Limmeridge House, Mr. Fairlie und den beiden jungen Damen vertieft, deren Uebungen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei ich so bald beaufsichtigen sollte.

Ich war jetzt an der Stelle angekommen, wo vier Wege einander begegnen – der Weg nach Hampstead, auf dem ich zurückgekehrt war, der Weg nach Finchley, der nach West-End und der nach London. Ich hatte mechanisch den letzteren eingeschlagen und schlenderte langsam die Landstraße entlang – in unnützen Muthmaßungen, wie ich mich entsinne, über das Aussehen der jungen Damen in Cumberland – als in einem einzigen Augenblicke jeder Tropfen Blutes in meinem Körper durch die Berührung einer Hand, die leicht und plötzlich von hinten auf meine Schulter gelegt wurde, erstarrte.

Ich wandte mich schnell um, indem meine Finger sich fest um meinen Stock schlossen.

Da, in der Mitte des breiten, hellen Weges – da, als ob sie soeben aus dem Erdboden entsprungen oder vom Himmel gefallen wäre – stand die Gestalt einer einsamen Frau von Kopf bis zu Füßen in weißen Kleidern, ihr Gesicht in ernster Frage zu dem meinigen gewendet und mit der Hand auf die dunkle Wolke deutend, die über London hing.

Ich war über die seltsame Erscheinung, die so plötzlich in der tiefen Nacht an dieser einsamen Stelle vor mich hingetreten war, zu sehr erschrocken, um sie zu fragen, was sie verlange. Sie sprach zuerst.

»Ist das der Weg nach London?« sagte sie.

Ich sah sie aufmerksam an, als sie diese sonderbare Frage that. Es war jetzt beinahe ein Uhr. Alles, was ich deutlich im Mondlichte unterscheiden konnte, war ein farbloses, junges Gesicht, mager und spitz um Kinn und Wangen; große, ernste, sehnsüchtig aufmerksame Augen; nervöse, zuckende Lippen und helles Haar von lichter, braungelber Farbe. Es lag nichts Wildes, nichts Unbescheidenes in ihrer Manier; dieselbe war ruhig und gefaßt, ein wenig melancholisch und hatte einen kleinen Anflug von Argwohn; nicht gerade die Manieren einer Dame und doch auch nicht die einer Frau aus der niedrigsten Classe. Die Stimme, so wenig ich auch bis jetzt davon gehört, hatte etwas seltsam Stilles und Mechanisches in ihren Tönen, und ihre Sprache war außerordentlich schnell. Sie hielt eine kleine Tasche in der Hand, und ihre Kleidung – Hut, Shawl und Kleid, alles weiß – war, soviel ich dies beurtheilen konnte, gewiß nicht von sehr zartem oder theuerem Stoffe. Ihre Figur war schlank und etwas über die mittlere Größe – ihr Gang und ihre Bewegungen frei von der geringsten Übertreibung. Dies war Alles, was ich in dem matten Lichte und unter den verwirrend seltsamen Umständen unseres Begegnens von ihr sehen konnte, welch eine Art von Frauenzimmer sie war und wie sie dazu kam, eine Stunde nach Mitternacht ganz allein auf der Landstraße zu sein, war mir rein unmöglich zu errathen. Das Einzige, wovon ich mich überzeugt fühlte, war, daß selbst der roheste Mensch und trotz der verdächtig späten Stunde und jener verdächtig einsamen Stelle ihren Beweggrund, zu mir zu sprechen, nicht hätte mißdeuten können.

»Haben Sie mich gehört?« sagte sie, noch immer leidenschaftslos, aber schnell und ohne die geringste Gereiztheit oder Ungeduld. »Ich frug sie, ob das der weg nach London sei.«

»Ja,« erwiderte ich, »das ist der Weg, er führt nach St. John's Wood und Regent's Park. Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich Ihnen nicht schneller antwortete. Ihr plötzliches Erscheinen erschreckte mich etwas, und ich kann mir dasselbe auch jetzt durchaus noch nicht erklären.«

»Sie beargwöhnen mich doch wohl nicht, daß ich irgend etwas Unrechtes begehe, wie? Ich habe nichts Unrechtes begangen. Ich habe ein Unglück gehabt – ich bin sehr unglücklich, so spät hier allein zu sein, warum haben Sie mich im Verdacht, etwas Unrechtes gethan zu haben?«

Sie sprach mit unnöthiger Eindringlichkeit und Bewegung und zog sich mehrere Schritte von mir zurück. Ich that mein Möglichstes, sie wieder zu beruhigen.

»Ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß ich daran denken könnte, einen Verdacht gegen Sie oder irgend etwas Anderes zu hegen, als den Wunsch, Ihnen nützlich zu sein, wenn ich kann. Ich erstaunte nur über Ihr Erscheinen auf der Landstraße, weil mir dieselbe einen Augenblick vorher völlig leer geschienen.«

Sie wandte sich um und deutete auf eine Stelle, wo der Weg nach London mit dem nach Hampstead zusammentraf und wo eine Oeffnung in der Hecke war.

»Ich hörte Sie kommen,« sagte sie, »und verbarg mich dort, um zu sehen, welch eine Art von Mann Sie seien, ehe ich es wagte, zu Ihnen zu sprechen. Ich zweifelte und fürchtete, bis Sie vorbeigegangen waren, und dann war ich genöthigt, hinter Ihnen herzuschleichen und Sie zu berühren.«

»Hinter mir herschleichen und mich berühren? warum nicht mich anrufen? Seltsam, um mich gelinde auszudrücken!«

»Darf ich Ihnen trauen?« fragte sie, »Sie denken nicht schlechter von mir, weil ich ein Unglück gehabt habe, wie?« Sie schwieg in Verwirrung, indem sie ihre Tasche aus einer Hand in die andere nahm, und seufzte bitterlich.

Die Einsamkeit und Hilflosigkeit der Frau rührte mich tief. Der natürliche Antrieb, ihr zu helfen und sie schonend zu behandeln, siegte über das Urtheil, die Vorsicht und den weltlichen Takt, den ein älterer, weiserer und kälterer Mann in dieser seltsamen Lage Zu Hilfe gerufen hätte.

»Für jeden harmlosen Zweck dürfen Sie mir vertrauen,« sagte ich. »Falls es Sie betrübt, mir Ihre seltsame Lage zu erklären, so sprechen Sie nicht weiter davon. Ich habe kein Recht, Erklärungen von Ihnen zu fordern. Sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann; wenn es mir möglich ist, will ich es thun.«

»Sie sind sehr gütig, und ich bin sehr, sehr froh, Ihnen begegnet zu sein.« In diesen Worten zitterte der erste Anflug von weiblicher Zärtlichkeit, den ich bis jetzt in ihrer Stimme nicht gehört hatte; doch in den großen, sehnsüchtig aufmerksamen Augen, die noch immer auf mich geheftet waren, glänzte keine Thräne. »Ich bin erst einmal in London gewesen,« fuhr sie fort, indem sie immer schneller sprach, »und ich kenne den Theil dort von der Stadt gar nicht. Kann ich einen Fiaker oder irgend einen Wagen bekommen? Ist es zu spät? Ich weiß es nicht, wenn Sie mir zeigen wollen, wo ich einen Fiaker finden kann – und nur versprechen, sich nicht um mich zu bekümmern und mich fort zu lassen, wann und wie ich will – ich habe eine Freundin in London, die mich mit Freuden aufnehmen wird – weiter will ich nichts – wollen Sie mir's versprechen?«

Sie schaute ängstlich den Weg hinauf und hinab, nahm wieder die Tasche aus einer Hand in die andere, wiederholte die Worte: »Wollen Sie mir's versprechen?« und sah mir so bang und mit einer so flehenden Angst und Verwirrung in's Gesicht, daß sie mich förmlich traurig machte.

Was konnte ich thun? Hier war ein fremdes, völlig hilfloses Wesen in meiner Macht – und dieses Wesen ein verlassenes Weib. Kein Haus war in der Nähe; Niemand ging vorüber, den ich hätte zu Rathe ziehen können, und ich besaß in der Welt nicht das kleinste Recht über sie, selbst wenn ich gewußt hätte, in welcher Richtung ich dieses Recht hätte geltend machen sollen.

Ich schreibe diese Zeilen mit Zagen, indem die Schatten späterer Ereignisse schon auf das Papier fallen, auf dem ich schreibe; aber dennoch frage ich: was konnte ich thun?

Was ich that, war, daß ich Zeit zu gewinnen suchte, indem ich sie befragte:

»Sind Sie gewiß, daß Ihre Freundin in London Sie zu so später Stunde noch aufnehmen wird?« sagte ich.

»Ganz sicher. Sagen Sie nur, daß Sie mich nicht hindern wollen, Sie, wann und wie ich will, zu verlassen – sagen Sie, daß Sie mich nicht hindern werden, wollen Sie mir's versprechen?«

Als sie diese Worte zum dritten Male wiederholte, trat sie dicht an mich heran und legte ihre Hand mit einer plötzlichen sanften Schüchternheit auf meine Brust, eine magere Hand, eine kalte Hand (ich fühlte es, als ich sie mit der meinigen hinwegnahm) selbst in jener heißen Nacht. Bedenke man, daß ich jung war und daß die Hand, welche mich berührte, einer Frau gehörte.

»Wollen Sie mir's versprechen?«

»Ja.«

Ein Wort! das kleine, gewöhnliche Wort, das zu jeder Stunde des Tages auf Jedermanns Lippen ist. Ach! und ich zittere, jetzt in dem Augenblicke, wo ich es niederschreibe.

Wir wandten uns nach London zu und gingen zusammen in dieser ersten stillen Stunde des neuen Tages dahin – ich und diese Frau, deren Name und Charakter, deren Geschichte und Lebenszwecke, ja, deren Gegenwart au meiner Seite in jenem Augenblicke unergründliche Geheimnisse für mich waren. Es war wie ein Traum. War ich Walter Hartright? War dies der wohlbekannte, erlebnisarme Weg, den an Sonntagen bunte Volksmassen besuchten? Hatte ich wirklich vor wenig mehr als einer Stunde die ruhige, anständige, ehrbar häusliche Atmosphäre des Hauses meiner Mutter verlassen? Ich war zu verwirrt – zu sehr mir eines gewissen Selbstvorwurfes bewußt – um während der ersten Minuten zu meiner sonderbaren Gefährtin zu sprechen. Es war wieder ihre Stimme, die zuerst das Schweigen brach.

»Ich wünsche, Sie nach etwas zu fragen,« sagte sie plötzlich. »Kennen Sie viele Leute in London?«

»Ja, sehr viele.«

»Viele Herren von Rang, welche Titel haben?« Es lag ein unverkennbarer Ton des Argwohnes in dieser sonderbaren Frage. Ich zögerte, sie zu beantworten.

»Einige,« sagte ich nach kurzem Schweigen.

»Viele« – sie schwieg und sah mir prüfend in's Gesicht – »viele im Range eines Baronets?«

Zu sehr erstaunt, um zu antworten, befragte ich sie meinerseits.

»Warum fragen Sie das?«

»Weil ich um meiner selbst willen hoffe, daß es einen Baronet gibt, den Sie nicht kennen.«

»Wollen Sie mir seinen Namen sagen?«

»Ich kann nicht – ich wage es nicht – ich vergesse mich, wenn ich ihn ausspreche.« Sie sprach laut und fast zornig, erhob ihre geballte Hand und schüttelte sie leidenschaftlich; dann, sich plötzlich fassend, fügte sie fast flüsternd hinzu, »sagen Sie mir, welche Sie kennen.«

Ich konnte ihr eine solche Kleinigkeit kaum versagen und nannte daher drei Namen. Zwei von Familienvätern, deren Töchter ich unterrichtete; und noch den eines jungen Mannes, der mich auf einer Seefahrt in seiner Jacht mitgenommen hatte, um Skizzen für ihn zu machen.

»Ach! Sie kennen ihn nicht,« sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung. »Sind Sie selbst ein Mann von Rang und haben Sie einen Titel?«

»Weit entfernt. Ich bin nur ein Zeichenlehrer.« Als ich die Antwort aussprach – vielleicht mit etwas Bitterkeit – nahm sie mit der Hast, die alle ihre Handlungen kennzeichnete, meinen Arm.

»Kein Mann von Rang und ohne Titel,« sagte sie zu sich selbst. »Gott sei Dank! Ihm darf ich trauen!«

Es war mir bis hieher gelungen, meine Neugier aus Schonung für meine Gefährtin zu beherrschen. Jetzt aber überwältigte sie mich.

»Ich fürchte, Sie haben ernste Ursache, sich über einen Mann von Rang zu beklagen?« sagte ich. »Ich fürchte, der Baronet, dessen Namen Sie so ungern aussprechen, hat Ihnen irgend ein großes Unrecht zugefügt? Ist er die Ursache, daß Sie so seltsamerweise und in so später Nacht hier draußen sind?«

»Fragen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht davon sprechen,« entgegnete sie, »ich bin es jetzt nicht im Stande. Man hat mich grausam behandelt, mir ein arges Unrecht angethan. Es wird noch größere Freundlichkeit von Ihnen sein, wenn Sie schneller gehen und nicht mit mir sprechen wollen. Es thut mir so sehr nöthig zu schweigen – damit ich ruhig werde, wenn ich kann.«

wir gingen schnellen Schrittes weiter, und während wenigstens einer halben Stunde wurde von uns Beiden kein Wort gesprochen, von Zeit zu Zeit – da sie mir verboten hatte, Fragen an sie zu richten – sah ich verstohlen auf ihr Gesicht. Es war immer dasselbe; die Lippen fest geschlossen, die Stirn gerunzelt, die Augen eifrig und doch scheinbar gedankenlos vor sich hinsehend, wir hatten die ersten Häuser erreicht und waren dicht vor der neuen Wesley'schen Schule, als ihre Züge milder wurden und sie wieder sprach.

»Wohnen Sie in London?« fragte sie.

»Ja.« Als ich antwortete, fiel mir ein, daß sie möglicherweise beabsichtige, mich um Rath oder Beistand zu bitten und daß ich ihr eine Täuschung ersparen sollte, indem ich ihr sofort meine bevorstehende Abwesenheit von zu Hause mittheilte. Deshalb fügte ich hinzu: »Aber morgen werde ich London auf einige Zeit verlassen. Ich reise auf's Land.«

»Wohin?« fragte sie, »nach Norden oder Süden?«

»Nach dem Norden – nach Cumberland.«

»Cumberland!« sie wiederholte das Wort mit zärtlichem Tone. »Ach! ich wollte, ich reiste auch dorthin. Ich war einst glücklich in Cumberland.«

Ich versuchte noch einmal den Schleier zu lüften, der zwischen mir und dieser Frau gezogen.

»Vielleicht,« sagte ich, »sind sie in dem schönen Lande der Seen geboren?«

»Nein,« entgegnete sie, »ich bin in Hampshire geboren; aber ich ging einmal auf kurze Zeit in Cumberland zur Schule. Seen? Ich erinnere mich keiner Seen. Es ist das Dorf Limmeridge und Limmeridge House, das ich so gern einmal wiedersehen möchte.«

Jetzt war ich an der Reihe, plötzlich stille zu stehen. Da meine Neugierde in jenem Augenblicke einmal sehr erregt war, erfüllte mich die zufällige Erwähnung von Mr. Fairlie's Wohnorte von den Lippen meiner seltsamen Gefährtin in Erstaunen.

»Hörten Sie Jemanden hinter uns rufen?« fragte sie, sowie ich still stand, indem sie erschrocken den Weg auf und ab blickte.

»Nein, nein. Mir fiel nur der Name Limmeridge House auf – ich hörte denselben vor einigen Tagen von Leuten aus Cumberland aussprechen.«

»Ach! nicht von meinen Leuten. Mrs. Fairlie und ihr Mann sind todt und ihre kleine Tochter mag jetzt wohl schon verheiratet und fortgezogen sein. Ich weiß nicht, wer jetzt in Limmeridge wohnt, wer sie auch sein mögen; sobald sie denselben Namen tragen, weiß ich, daß ich sie liebe um Mrs. Fairlie's willen.«

Sie schien im Begriffs noch mehr zu sagen; doch während sie sprach, waren wir weiter gegangen und sahen jetzt den Schlagbaum am oberen Ende des Avenue-Road. Ihre Hand erfaßte meinen Arm fester, und sie sah ängstlich auf das Thor vor uns.

»Sieht der Chausseegeldeinnehmer heraus?« fragte sie.

Er sah nicht heraus; es war Niemand in der Nähe, als wir durch das Thor gingen. Der Anblick der Gaslampen und der Häuser schien sie zu beunruhigen und ungeduldig zu machen.

»Dies ist London,« sagte sie. »Sehen Sie irgend einen Wagen, den ich nehmen kann? Ich bin müde und furchtsam. Ich möchte jetzt gern im Wagen sitzen und fortfahren.«

Ich erklärte ihr, daß wir etwas weiter gehen müßten, um eine Droschkenstation zu finden, wenn wir nicht das Glück hätten, einem leeren Fuhrwerke zu begegnen, und dann versuchte ich, die Unterhaltung wieder auf Cumberland zu leiten. Doch war dies nutzlos. Der Gedanke, im Wagen zu sitzen und wegzufahren, beschäftigte sie jetzt ausschließlich, und es schien ihr fast unmöglich, von etwas Anderem zu sprechen.

Wir hatten kaum den dritten Theil des Avenue-Road zurückgelegt, als ich in geringer Entfernung vor einem Hause auf der gegenüberliegenden Seite der Straße einen Fiaker still halten sah. Ein Herr stieg aus und ging durch das Gartenthor. Ich rief den Kutscher an, als dieser seinen Bock wieder bestieg. Als wir über die Straße gingen, wuchs die Ungeduld meiner Gefährtin in dem Grade, daß sie mich zwang, meinen Gang zu beschleunigen.

»Es ist so spät,« sagte sie, »und nur deshalb beeile ich meine Schritte.«

»Ich kann Sie nicht fahren, Sir, wenn Sie nicht nach dem Tottenham-court-road wollen,« sagte der Kutscher höflich, als ich die Wagenthür öffnete. Mein Pferd ist todtmüde, und ich kann es nicht weiter nehmen, als bis zum Stalle.«

»Ja ja, das paßt mir. Ich wollte eben dorthin – gewiß!« Sie sprach in athemloser Hast und drängte sich an mir vorbei in den Fiaker.

Ich überzeugte mich, ehe ich sie einsteigen ließ, davon, ob der Mann sowohl nüchtern als höflich sei, und als sie dann im Wagen saß, bat ich sie, mir zu erlauben, sie an ihren Bestimmungsort zu begleiten, bis sie in Sicherheit sei.

»Nein, nein, nein,« sagte sie heftig. »Ich bin jetzt ganz sicher und ganz glücklich, wenn Sie ein Gentleman sind, so denken Sie an Ihr Versprechen. Lassen Sie ihn zufahren, bis ich ihm sage, stille zu halten. Ich danke Ihnen, o! ich dank' Ihnen, dank' Ihnen!«

Meine Hand lag auf der Wagenthür. Sie ergriff dieselbe, küßte sie und stieß sie fort. In demselben Augenblicke setzte sich der Fiaker in Bewegung – ich eilte in den Weg, mit einer unbestimmten Idee, ihn wieder anzuhalten, ich wußte selbst nicht, warum – zögerte aus Furcht, sie zu erschrecken oder zu beunruhigen – und rief endlich, aber nicht laut genug, um von dem Kutscher gehört zu werden. Das Geräusch der Räder verlor sich in der Entfernung – der Fiaker verschmolz sich mit dem schwarzen Schatten der Straße – die Frau in Weiß war fort.

Zehn Minuten oder etwas mehr waren verstrichen. Ich war noch auf derselben Seite der Straße, bald mechanisch ein paar Schritte vorwärts gehend, bald zerstreut stehen bleibend. Einen Augenblick bezweifelte ich die Wirklichkeit meines Abenteuers, im nächsten verwirrte und beunruhigte mich ein Bewußtsein, unrecht gehandelt zu haben, das mich jedoch völlig in Unwissenheit darüber ließ, wie ich recht gehandelt hätte. Ich wußte kaum, wohin ich ging oder was ich zunächst zu thun beabsichtige; ich war mir nichts, als der Verwirrung meiner Gedanken bewußt, als ich plötzlich zum Selbstbewußtsein zurückgerufen – erweckt wurde, möchte ich fast sagen – durch das Geräusch schnell hinter mir heranfahrender Räder.

Ich war auf der dunklen Seite der Straße, im Schatten einiger Bäume der Gärten, als ich still stand und mich umschaute. Auf der gegenüberliegenden, helleren Seite der Straße, in kurzer Entfernung von mir ging ein Constabler langsam der Richtung von Regent's Park zu.

Der Wagen fuhr an mir vorbei – eine offene Chaise, in der Zwei Männer saßen.

»Halt' still!« rief der Eine. »Da ist ein Constabler. wir wollen ihn fragen.«

Das Pferd wurde augenblicklich ein paar Schritte jenseits der dunklen Stelle angehalten, wo ich stand.

»Constabler,« rief der, welcher zuerst gesprochen hatte, »Haben sie eine Frau dieses Weges kommen sehen?«

»Was für eine Art Frau, Sir?.«

»Eine Frau in einem lavendelfarbigen Kleide –«

»Nein, nein,« rief der zweite Mann dazwischen, wir fanden die Kleider, die wir ihr gegeben hatten, auf ihrem Bette. Sie muß in den Kleidern fortgegangen sein, die sie trug, als sie zu uns kam. In Weiß, Constabler, eine Frau in Weiß.«

»Ich habe sie nicht gesehen, Sir«

»Falls Sie oder einer ihrer Leute der Frau begegnen, so halten Sie sie fest und schicken sie unter sorgfältiger Aufsicht nach dieser Adresse. Ich bezahle alle Kosten und gebe noch eine gute Belohnung obendrein.«

Der Constabler besah die Karte, die ihm herabgereicht wurde.

»Warum sollen wir sie festhalten, Sir? Was hat sie gethan?«

»Gethan?! Sie ist aus meiner Irrenanstalt entflohen, vergessen Sie es nicht, eine Frau in Weiß. Fahr' zu.«

IV.

»Sie ist aus meiner Irrenanstalt entflohen.«

Ich kann nicht mit voller Wahrheit sagen, daß der fürchterliche Schluß, auf den diese Worte hindeuten, mich wie eine plötzliche, unerwartete Offenbarung getroffen hatten. Einige der sonderbaren Fragen, welche die Frau in Weiß nach meinem unüberlegten Versprechen, sie unbeschränkt thun zu lassen, was sie wolle, an mich gerichtet, hatten schon die Vermuthung in mir aufkommen lassen, daß sie entweder von Natur flüchtig und unstet sei, oder irgend ein kürzlich erlittener, erschütternder Schlag das Gleichgewicht ihrer Geistesfähigkeiten gestört habe. Aber die Idee wirklichen Wahnsinns, die wir Alle mit dem bloßen Namen einer Irrenanstalt verbinden, war mir, offen gestanden, in Bezug auf sie, keinen Augenblick in den Sinn gekommen. Ich hatte in ihrer Sprache und ihrem Benehmen nichts bemerkt, was dies zur Zeit gerechtfertigt hätte, und selbst jetzt nach dem neuen Lichte, das die Worte des Fremden zum Constabler auf die Sache geworfen, sah ich noch nichts, das eine solche Ansicht gerechtfertigt hätte.

Was hatte ich gethan? Dem Opfer der schrecklichsten aller Einkerkerungen Beistand zur Flucht geleistet, oder in die weite Welt von London ein Wesen losgelassen, dessen Handlungen zu beaufsichtigen meine Pflicht und die Pflicht jedes Menschen war? Mir schwindelte, als sich mir diese Frage aufwarf, bei dem vorwurfsvollen Bewußtsein, daß sie zu spät komme.

In meinem verstörten Gemüthszustande war es unnöthig, an ein Schlafengehen zu denken, als ich endlich in meiner Wohnung in Clement's Inn anlangte. In wenigen Stunden sollte ich meine Reise nach Cumberland antreten. Ich setzte mich und versuchte, erst zu zeichnen und dann zu lesen – aber die Frau in Weiß war zwischen mir und meinem Bleistifte, zwischen mir und meinem Buche, war das unglückliche Geschöpf zu Schaden gekommen? Das war mein erster Gedanke, obgleich ich ihn selbstsüchtig von mir wies. Dann folgten andere Gedanken, bei denen zu verweilen wenig qualvoll war. Wo hatte sie den Fiaker anhalten lassen? Was war jetzt aus ihr geworden? Hatten die Männer in der Chaise sie gefunden und festgehalten? Oder war sie noch frei und Herrin ihrer eigenen Handlungen und gingen wir Beide auf unseren weit auseinanderliegenden Pfaden einem und demselben Punkte in der geheimnisvollen Zukunft zu, an dem wir noch einmal einander begegnen sollten?

Es war mir eine Erleichterung, als die Stunde kam, meine Thür zu schließen, von meinen Londoner Beschäftigungen, meinen Schülern und Freunden Abschied zu nehmen und mich in Bewegung zu setzen auf dem Wege zu neuen Interessen und einem neuen Leben. Sogar das Gewühl und Getöse an der Eisenbahnstation, die zu anderen Zeiten so unerträglich sind, belebten mich und thaten mir wohl.

Meine Reiseinstruction enthielt die Weisung für mich, nach Carlisle zu fahren und dann meinen Weg auf einer Zweigbahn fortzusetzen, welche der Küste zulief. Als erstes Unglück nahm unsere Locomotive zwischen Lancaster und Carlisle Schaden. Der hiedurch herbeigeführte Verzug hatte zur Folge, daß ich für den Zug, mit dem ich sogleich auf der Zweigbahn meine Reise hätte fortsetzen sollen, zu spät kam. Ich hatte mehrere Stunden zu warten, und als ich endlich mit einem späteren Zuge auf der Limmeridge House am nächsten gelegenen Station anlangte, war es nach zehn Uhr und die Nacht so finster, daß ich kaum den Weg nach der Ponychaise sehen konnte, welche Mr. Fairlie geschickt hatte, mich zu erwarten.

Der Kutscher, offenbar durch meine späte Ankunft sich verletzt fühlend, war in jenem Zustande äußerst achtungsvoller Verdrießlichkeit, welcher englischen Dienern eigen ist. Wir fuhren langsam und in tiefem Schweigen durch die Dunkelheit. Die Wege waren schlecht, und die dichte Finsternis vergrößerte die Schwierigkeit, schnell zu fahren. Es waren nach meiner Uhr beinahe anderthalb Stunden vergangen, seitdem wir die Station verlassen hatten, als ich das Rauschen der See in der Ferne und das Knirschen der Räder auf glattem Kieswege hörte, wir waren durch ein Thor gekommen, ehe wir auf dem Kieswege anlangten, und mußten noch durch ein zweites, ehe wir vor dem Hause hielten. Ich wurde von einem feierlichen Bedienten ohne Livree ehrfurchtsvoll empfangen, von ihm unterrichtet, daß die Familie sich für die Nacht zurückgezogen, und dann in ein großes, hohes Zimmer geführt, wo am unteren Ende einer langen Mahagonispeisetafel ein Nachtessen meiner harrte.

Ich war zu müde und zu verdrießlich, um viel zu essen oder zu trinken, besonders da der feierliche Diener mich auf eine ebenso umständliche Weise bediente, als ob anstatt eines einzigen Mannes eine kleine Mittagsgesellschaft im Hause angekommen sei. In einer Viertelstunde war ich bereit, mich auf mein Schlafzimmer führen zu lassen. Der feierliche Diener führte mich auf ein hübsch möblirtes Zimmer, sagte: »Das Frühstück ist um neun Uhr aufgetragen, Sir,« schaute sich um, ob auch alles an Ort und Stelle sei – und zog sich geräuschlos zurück.

»Was werde ich diese Nacht in meinen Träumen sehen?« dachte ich bei mir, als ich mein Licht auslöschte, »die Frau in Weiß oder die unbekannten Bewohner dieses Hauses?« Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie ein alter Freund der Familie im Hause zu schlafen, und dennoch nicht ein einziges Mitglied derselben, auch nur dem Ansehen nach, zu kennen!

V.

Als ich am nächsten Morgen aufstand und mein Fensterrouleau in die Höhe zog, lag die See freudig und leuchtend in dem breiten Augustsonnenlichte vor mir, und die ferne Küste von Schottland säumte den Horizont mit ihren schmelzend blauen Wellenlinien.

Der Anblick gewährte mir eine solche Ueberraschung und Veränderung nach meinen langweiligen Erfahrungen in den Kalk- und Ziegelsteinlandschaften Londons, daß ich, sowie ich ihn erschaute, in ein neues Leben und neue Ideenkreise einzutreten schien. Es kam mir ein verworrenes Gefühl, als ob ich plötzlich meine Bekanntschaft mit der Vergangenheit verloren hätte, ohne dabei eine größere Klarheit der Ideen in Bezug auf die Gegenwart oder die Zukunft zu gewinnen. Umstände, die nur wenige Tage alt waren, verblichen in meiner Erinnerung, als ob sie sich vor vielen Monaten ereignet hätten. Pesca's drollige Erzählung von der Art und Weise, wie er mir meine gegenwärtige Beschäftigung verschafft hatte; der Abschiedsabend, den ich bei meiner Mutter und Schwester zugebracht hatte; selbst mein geheimnisvolles Abenteuer auf meinem Heimwege von Hampstead: das Alles waren Begebenheiten geworden, die sich möglicherweise zu einer früheren Epoche meines Lebens zugetragen haben konnten. Obgleich die Frau in Weiß noch in meiner Erinnerung war, schien doch ihr Bild bereits undeutlicher geworden zu sein.

Kurz vor neun Uhr ging ich ins Erdgeschoß hinunter. Der feierliche Diener vom vorigen Abend begegnete mir, wie ich in den Gängen umherwandelte, und zeigte mir voll Menschenfreundlichkeit den Weg nach dem Frühstückszimmer.

Der erste Blick, den ich um mich warf, als der Mann die Thür wieder hinter mir schloß, zeigte mir einen wohl besetzten Frühstückstisch, der in der Mitte eines langen Zimmers mit vielen Fenstern stand. Ich blickte vom Tische nach dem am weitesten von mir entfernten Fenster und sah an demselben eine Dame stehen, mit dem Rücken mir zugewandt. Sowie ich sie erblickte, frappirten mich die seltene Schönheit ihrer Gestalt und die ungekünstelte Anmuth ihrer Haltung. Ihre Figur war groß, doch nicht zu groß, von hübsch und wohl entwickelten, doch nicht allzu starken Formen; ihr Kopf saß mit einer ungezwungenen, biegsamen Festigkeit auf ihren Schultern; ihre Taille, vollkommen in den Augen eines Mannes – denn sie nahm ihre natürliche Stelle ein – füllte ihren natürlichen Zirkel aus und – was deutlich und reizbar sichtbar war – ward nicht durch ein Schnürleibchen entstellt. Sie hatte mein Eintreten in's Zimmer nicht gehört, und ich gewährte mir den Genuß, sie einige Augenblicke zu bewundern, ehe ich als das am wenigsten in Verlegenheit setzende Mittel, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, einen der mir zunächst stehenden Stühle rückte. Sie wandte sich augenblicklich zu mir um; die unbefangene Anmuth jeder Bewegung ihrer Glieder und ihres Körpers, als sie von dem anderen Ende des Zimmers zu mir kam, machte mich förmlich zittern vor Erwartung, ihr Gesicht deutlich zu sehen. Sie verließ das Fenster – und ich sagte zu mir selbst: die Dame ist brünett. Sie ging ein paar Schritte vorwärts – und ich bemerkte, daß sie jung war. Sie kam näher – und ich sagte zu mir (mit einem Gefühle der Ueberraschung, das ich nicht mit Worten zu beschreiben vermag): die Dame ist – häßlich!