Die Forsyte Saga - John Galsworthy - ebook

Die Forsyte Saga ebook

John Galsworthy

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Opis

Im Jahre 1886, der Viktorianischen Zeit, verlobt sich June Forsyte mit Philip Baynes Bosinney, einem Architekten. June ist die Tochter des in der Familie in Ungnade gefallenen jüngeren Jolyon. Deshalb wurde sie von ihrem Großvater, dem Familienoberhaupt Jolyon der Ältere umsorgt. Die Verlobung mit Philip sorgt für neuen Unmut in der Familie. Soames Forsyte, ein Neffe des älteren Jolyon, beauftragt Philip, für ihn ein Haus zu bauen. Soames ist mit der bildhübschen Irene verheiratet. Doch die Ehe verläuft unglücklich. Die einst enge Freundschaft zwischen June und Irene zerbricht schlagartig, als Philip eine Affäre mit Soames Gattin Irene nachgesagt wird. In "Die Forsyte Saga" werden der Auf- und Niedergang einer Familie, die der oberen Mittelschicht Englands Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts angehört, erzählt. Grundthema ist das Leben der fiktiven Familie Forsyte in ihren verschiedenen Facetten. Wiederkehrende Figur ist Soames Forsyte, Prototyp einer ökonomisch erstarkten bürgerlichen Klasse. Er versucht die vom viktorianischen Lebensgefühl geprägten Familienideale und sein Vermögen zu wahren. Geprägt von konfliktreichen, dramatischen Ereignissen, die den Kampf zwischen Familientradition und Befreiung von gesellschaftlichen Fesseln zum Gegenstand hat, gestaltet sich eine unterhaltsame Familiengeschichte über vier Generationen hinweg. Die komplett neue und moderne Übersetzung trägt dazu bei, die zahlreichen Mitglieder der weitverzweigten Forsyte-Familie in Erscheinung treten zu lassen und das Ende einer Epoche aufzuzeigen. Liebhaber der TV-Serie "Downton Abbey" werden ihre Freude an "Die Forsyte Saga" haben.

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Popularność




Die Forsyte Saga Der Besitzstreber

John Galsworthy

aus dem Englischen von Johanna Bönisch

edition oberkassel

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil 1

Empfang beim alten Jolyon

Der alte Jolyon geht in die Oper

Abendessen bei Swithin

Hausplanung

Ein Forsyte’scher Haushalt

James allein unterwegs

Des alten Jolyon kleiner Fehler

Entwürfe für das Haus

Tante Anns Tod

Teil 2

Voranschreiten des Hausbaus

Junes besonderer Abend

Spazierfahrt mit Swithin

James macht sich sein eigenes Bild

Soames und Bosinney korrespondieren

Der alte Jolyon geht in den Zoo

Ein Nachmittag bei Timothy

Ball bei Roger

Ein Abend in Richmond

Definition eines Forsyte

Soames lässt Bosinney gewähren

June stattet ein paar Besuche ab

Fertigstellung des Hauses

Soames sitzt auf der Treppe

Teil 3

Mrs Macanders Beweis

Nacht im Park

Treffen im Botanischen Garten

Reise ins Inferno

Der Prozess

Soames überbringt die Nachricht

Junes Triumph

Bosinneys Abgang

Irenes Rückkehr

Dank an die LeserInnen

John Galsworthy

Impressum

Landmarks

Cover

Inhaltsverzeichnis

Ich widme DIE FORSYTE SAGA in ihrer Gesamtheit meiner Frau, denn ich glaube, von all meinen Werken ist sie am wenigsten unwürdig eines Menschen, ohne dessen Unterstützung, Verständnis und Kritik ich niemals auch nur der Schriftsteller hätte werden können, der ich bin.

Vorwort

»Die Forsyte Saga« war ursprünglich als Titel für den Teil gedacht, der nun »Der Besitzstreber« heißt. Ihn für die gesamten Chroniken der Familie Forsyte zu übernehmen, bedeutet ein Nachgeben gegenüber der zähen Beharrlichkeit der Forsytes, die doch in uns allen steckt. Die Wahl des Wortes »Saga« mag wohl kritisiert werden mit der Begründung, dass es etwas Heroisches in sich begreift und diese Seiten doch kaum Heroisches enthalten, doch es wird hier mit der angemessenen Ironie verwendet. Außerdem mangelt es dieser langen Erzählung durchaus nicht am nötigen Konfliktfeuer, auch wenn sie von Personen in Gehröcken und mit Rüschen besetzten Kleidern und einer goldgeschmückten Epoche handelt. Einmal abgesehen von der gigantischen Statur und dem Blutdurst der alten Zeiten, wie sie uns in Märchen und Legenden überliefert werden, waren die Helden der alten Sagas sicherlich Forsytes in ihren Besitzinstinkten und sie waren ebenso wenig gefeit gegen die Auswirkungen von Schönheit und Leidenschaft wie Swithin, Soames oder auch der junge Jolyon. Und wenn Heldenfiguren nie da gewesener Zeiten aus ihrer Umgebung in einer Weise herauszustechen scheinen, die sich für einen Forsyte des Viktorianischen Zeitalters nicht gehört, können wir sicher sein, dass das Stammesgefühl schon damals die treibende Kraft war und dass »Familie« und das Verständnis von Zuhause und von Besitz so wichtig waren, wie sie es heute noch sind, trotz aller momentanen Bemühungen, dies »auszureden«.

So viele haben geschrieben und behauptet, die Forsytes würden auf ihrer Familie basieren, dass man fast geneigt ist, an die charakteristische Eigenart einer imaginären Spezies zu glauben. Sitten und Bräuche verändern und entwickeln sich, und »Timothys Haus in der Bayswater Road« wird in jeder Hinsicht zu einem Hort des Unglaublichen, außer in Bezug auf Grundlegendes. Wir werden seinesgleichen nicht mehr finden und vielleicht auch nicht Menschen wie James oder den alten Jolyon. Und dennoch bestätigen uns die Zahlen der Versicherungsgesellschaften und die Worte von Richtern täglich darin, dass unser irdisches Paradies noch immer ein reiches Reservat ist, in das sich immer wieder die beiden Wilderer Schönheit und Leidenschaft leise ihren Weg bahnen und uns unsere Sicherheit vor unserer Nase wegschnappen. So sicher, wie ein Hund eine Blaskapelle anbellt, wird der Soames’sche Kern der Natur des Menschen sich immer voller Unbehagen gegen den Zerfall auflehnen, der stets rund um den Pferch des Besitzrechts lauert.

»Lasst die tote Vergangenheit ihre Toten begraben«, wäre ein besseres Sprichwort, wenn die Vergangenheit jemals sterben würde. Das Fortbestehen der Vergangenheit ist einer dieser tragisch-komischen Segen, den jedes neue Zeitalter verleugnet, wenn es voller Selbstbewusstsein die Bühne betritt, um zu behaupten, eine absolute Neuheit zu sein.

Doch kein Zeitalter ist so neu! Prätentionen und Mode mögen sich ändern, doch die menschliche Natur hat viel von einem Forsyte, und das wird auch immer so sein. Und schließlich könnte sie eine weitaus schlimmere Kreatur sein.

Wenn wir jetzt auf das Viktorianische Zeitalter zurückblicken, dessen Blüte, Verfall und »Ableben« in der »Forsyte Saga« gewissermaßen gezeigt werden, erkennen wir, dass wir vom Regen in die Traufe gekommen sind. Es wäre schwierig, die Behauptung zu begründen, die Lage in England sei 1913 besser gewesen als 1886, in dem Jahr, in dem die Familie Forsyte beim alten Jolyon zusammenkam, um die Verlobung von June Forsyte und Philip Bosinney zu feiern. Und 1920, als der Clan erneut zusammenkam, um der Hochzeit von Fleur und Michael Mont seinen Segen zu geben, war England ebenso sicher zu aufgeweicht und bankrott wie es in den 1880ern zu erstarrt und niedrigzinsig war. Wären diese Chroniken eine tatsächlich wissenschaftliche Studie des Wandels im Laufe der Zeit, würden sie wahrscheinlich Aspekte wie die Erfindung des Fahrrads, des Autos und des Flugzeugs, den Einzug einer billigen Presse, den Niedergang des Landlebens, das Städtewachstum und die Geburtsstunde des Kinos eingehend beleuchten. In Wirklichkeit können die Menschen ihre eigenen Erfindungen kaum kontrollieren, sie lernen bestenfalls, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, die diese Erfindungen schaffen.

Doch diese lange Geschichte ist keine wissenschaftliche Studie zu einem Zeitalter. Vielmehr ist sie eine intime Darstellung der Verwirrungen, die Schönheit in den Leben der Menschen verursachen kann.

Die Figur der Irene, die – wie der Leser wohl bemerkt haben mag – immer nur durch die Wahrnehmung anderer Charaktere auftritt, ist eine Verkörperung Verwirrung stiftender Schönheit, die in eine von Besitz bestimmte Welt eindringt.

Es hat sich gezeigt, dass die Leser beim Waten durch die Meere der Saga zunehmend geneigt sind, Mitleid mit Soames zu haben, und zu denken, dass sie damit gegen die Gefühle seines Schöpfers rebellieren. Doch so ist es ganz und gar nicht! Auch er empfindet Mitleid für Soames, dessen Lebenstragödie in dem sehr einfachen, nicht zu verhindernden Unglück besteht, nicht liebenswert zu sein und dabei nicht dickhäutig genug, um sich dieser Tatsache vollkommen unbewusst zu sein. Nicht einmal Fleur liebt Soames so, wie er nach seinem Empfinden geliebt werden sollte. Doch wenn die Leser Soames bemitleiden, sind sie vielleicht auch geneigt, Feindseligkeit gegenüber Irene zu empfinden. Denn im Grunde, so denken sie, war er kein schlechter Kerl, es war nicht seine Schuld, sie hätte ihm verzeihen sollen und so weiter.

Und da sie Partei ergreifen, erkennen sie die simple Wahrheit nicht mehr, die der ganzen Geschichte zugrunde liegt: Wenn in einer Beziehung bei einem Partner absolut und definitiv keine ­sexuelle Anziehungskraft vorhanden ist, dann können kein Mitleid, keine Vernunft, kein Pflichtgefühl und kein was auch immer der Welt eine von der Natur bestimmte Abneigung überwinden. Ob es so sein sollte, spielt keine Rolle, Tatsache ist nämlich, dass es nie so ist. Und wo Irene hart und grausam erscheint, wie im Bois de Boulogne oder in der Goupenor-Galerie, ist sie klugerweise nur realistisch, denn sie weiß, dass auch nur das geringste Zugeständnis den kleinen Finger bedeuten würde, dem das Unmögliche folgt, die abstoßende ganze Hand.

Ein möglicher Kritikpunkt in Bezug auf die letzte Phase der Saga wäre, dass Irene und Jolyon – jene Rebellen gegen Besitztum – geistigen Besitzanspruch auf ihren Sohn Jon erheben. Doch das wäre übertriebene Kritik im Hinblick auf die Geschichte. Denn kein Vater und keine Mutter hätten zulassen können, dass der Junge Fleur heiratet, ohne die Tatsachen zu kennen. Und es sind diese Tatsachen, die für Jon ausschlaggebend sind, nicht die Meinung seiner Eltern. Außerdem begründet Jon seine Meinung nicht auf seinem eigenen Wohl, sondern auf Irenes Wohl, und Irenes Meinung wird zu einem ständig wiederholten: »Denk nicht an mich, denk an dich selbst!« Dass Jon, der die Tatsachen kennt, die Gefühle seiner Mutter versteht, kann kaum zu Recht als Beweis dafür angesehen werden, dass sie doch eine Forsyte ist.

Doch auch wenn das Eindringen der Schönheit und Freiheitsansprüche in einer von Besitz bestimmten Welt die wichtigsten Themen der Forsyte Saga sind, kann sie nicht von der Anklage freigesprochen werden, dass sie die gehobene Mittelschicht einbalsamiert. So wie die alten Ägypter die notwendigen Güter für ein zukünftiges Dasein um ihre Mumien platzierten, so habe ich mich bemüht, die Tanten Ann, Juley und Hester, Timothy und Swithin, den alten Jolyon und James und ihre Söhne mit dem auszustatten, was ihnen ein wenig Weiterleben hernach sichern soll, ein wenig Balsam im turbulenten Gilead eines »Zersetzungsfortschritts«.

Wenn die gehobene Mittelschicht – zusammen mit anderen Bevölkerungsschichten – dazu bestimmt ist, sich zu Formlosigkeit »weiterzuentwickeln«, so liegt sie festgehalten in diesen Seiten für umherwandernde Besucher des weitläufigen und unübersichtlichen Museums der Literatur unter Glas. Hier ruht sie, konserviert in ihrem eigenen Saft: dem Besitzinstinkt. 1922.

»… Ihr antwortet:

Die Sklaven sind ja unser …«

Der Kaufmann von Venedig

Für Edward Garnett

Teil 1

Empfang beim alten Jolyon

Wer bereits die Ehre hatte, bei einer der Familienfeiern der For­sytes zu Gast zu sein, der weiß, was für ein faszinierender und aufschlussreicher Anblick sich einem dort bietet – der Anblick einer Familie der gehobenen Mittelschicht in voller Pracht. Doch diejenigen dieser privilegierten Gäste, die in Besitz psychoanalytischer Fähigkeiten sind (eine Gabe ohne finanziellen Wert und somit eine, der die Forsytes keine Beachtung schenken), werden Zeuge eines Schauspiels, das nicht nur an sich schön anzusehen ist, sondern auch ein tiefliegendes, kompliziertes menschliches Problem verdeutlicht. Um es einfacher auszudrücken: Das Zusammenkommen dieser Familie, von der keiner der Zweige den anderen leiden konnte und keine drei Mitglieder etwas füreinander empfanden, das es verdient, als Sympathie bezeichnet zu werden, zeigt diesem Gast jenen eigenartigen zähen Zusammenhalt, der eine Familie zu einer solch beeindruckenden gesellschaftlichen Einheit werden lässt, einem so deutlichen Abbild der Gesellschaft im Kleinformat. Ihm wurde Einblick gewährt in die dunklen Wege des gesellschaftlichen Aufstiegs, er hat Erkenntnisse über patriarchalisches Leben gewonnen, über das Schwärmen wilder Horden, den Aufstieg und Untergang von Nationen. Er ist wie jemand, der das Wachsen eines Baumes von seiner Pflanzung an beobachtet hat – ein Paradebeispiel für Zähigkeit, Abwehr äußerer Einflüsse und Erfolg inmitten von hunderten anderen, sterbenden Pflanzen, die weniger faserig, kräftig und ausdauernd sind -, um schließlich eines Tages zu sehen, wie er mit vollem, zartem Blattwerk am Höhepunkt seiner Blüte in fast schon abstoßender Üppigkeit gedeiht.

Womöglich könnte am 15. Juni 1886 gegen vier Uhr nachmittags ein zufällig im Haus des alten Jolyon Forsyte anwesender Beobachter die Familie Forsyte am Höhepunkt ihrer Blüte gesehen haben.

An diesem Tag fand ein Empfang statt, um die Verlobung von Miss June Forsyte, der Enkelin des alten Jolyon, und Mr Philip Bosinney zu feiern. Herausgeputzt mit hellen Handschuhen, dunkelbeigen Anzugwesten, Federn und Kleidern, war die gesamte Familie anwesend. Sogar Tante Ann, die nur noch selten ihre Ecke im grünen Empfangszimmer ihres Bruders Timothy verließ, wo sie im Schutz eines Straußes von gefärbtem Pampasgras in einer hellblauen Vase den ganzen Tag saß und las oder strickte, umgeben von einer drei Generationen der Forsytes umfassenden Ahnengalerie. Sogar Tante Ann war da, ihr unbeugsamer Rücken und die Würde ihres ruhigen alten Gesichtes eine Personifikation des unnachgiebigen Besitzanspruchs auf ihre Idee der Familie.

Wann immer ein Forsyte sich verlobte, heiratete oder geboren wurde, waren die Forsytes anwesend. Wann immer ein Forsyte starb – aber bis jetzt war noch keiner der Forsytes gestorben, sie starben nicht. Der Tod widersprach ihren Prinzipien, und so trafen sie Vorkehrungen gegen ihn, die instinktiven Vorkehrungen von vor Lebenskraft strotzenden Menschen, die empfindlich auf Übergriffe auf ihr Eigentum reagieren.

Die Forsytes, die sich an diesem Tag unter die anderen anwesenden Gäste mischten, sahen noch gepflegter als gewöhnlich aus und strahlten dabei eine wachsame, neugierige Selbstsicherheit aus, eine würdevolle Autorität, als ob sie sich einer Sache zum Trotz zurechtgemacht hätten. Das Naserümpfen, das sich üblicherweise in Soames Forsytes Gesicht zeigte, hatte sich auch in ihren Reihen ausgebreitet. Sie waren auf der Hut.

Die unterbewusste Offensivität ihres Verhaltens hat diesen Empfang beim alten Jolyon zum entscheidenden Moment der Familiengeschichte werden lassen, zu dem Vorspiel ihres Dramas.

Die Forsytes waren über etwas verärgert, nicht als Einzelpersonen, sondern als Familie. Dies äußerte sich in ihrer betont makel­losen Kleidung, einer überschwänglichen Herzlichkeit innerhalb der Familie, einer übertriebenen Betonung der Bedeutung von Familie und – dem Naserümpfen. Was die Forsytes witterten, war Gefahr – so unerlässlich, wenn es darum geht, den grundlegenden Charakter einer jeden Gesellschaft, Gruppe oder Einzelperson zutage zu bringen. Die Vorahnung einer drohenden Gefahr ließ ihre Rüstung erstrahlen. Zum ersten Mal schienen sie als Familie das Gefühl zu haben, mit etwas Unbekanntem und Unsicherem in Verbindung zu sein.

Drüben am Klavier stand ein großer und fülliger Mann, der zwei Westen über seiner breiten Brust trug, zwei Westen und eine Rubinnadel, statt, wie bei gewöhnlicheren Anlässen üblich, einer Atlasweste und einer Diamantnadel. Sein glattrasiertes, kantiges, altes Gesicht mit seinen hellen Augen und der Haut, die die Farbe hellen Leders hatte, thronte mit seinem ehrwürdigsten Ausdruck über seiner Atlashalsbinde. Dieser Mann war Swithin Forsyte. In der Nähe des Fensters, wo er mehr als genug frische Luft abbekam, brütete sein Zwillingsbruder James mit seinem stets gebeugten Rücken über der Szene. Wie der massige Swithin war er größer als eins achtzig, doch er war sehr schlank, als ob er von Geburt an dazu bestimmt gewesen wäre, den Mittelweg zu finden und den Durchschnitt zu wahren – der alte Jolyon nannte die Brüder den Dicken und den Dünnen. In James’ grauen Augen lag ein Ausdruck von starrer Versunkenheit in einen geheimen sorgenvollen Gedanken, von Zeit zu Zeit unterbrochen, um mit schnellem, wandelndem Blick die wirklichen Geschehnisse um sich herum zu überprüfen. Seine Wangen, die durch zwei parallele Falten schmäler erschienen, und seine breite, glattrasierte Oberlippe wurden von vollen, langen Koteletten umrahmt. In seinen Händen drehte und wendete er eine Porzellanschale. Nicht weit von ihm entfernt stand sein einziger Sohn ­Soames, blass und gut rasiert, dunkelhaarig, ziemlich kahl, und lauschte einer Dame in Braun. Dabei streckte er sein Kinn schräg nach oben und rümpfte seine Nase auf die zuvor beschriebene Art, als ob er ein Ei verschmähe, das ihm ohnehin nicht bekommen würde. Hinter ihm stand sein Cousin, der großgewachsene George, Sohn von Roger, dem fünften Forsyte, mit einem sardonischen Ausdruck auf dem fleischigen Gesicht und dachte über einen seiner boshaften Scherze nach. Irgendetwas in Verbindung mit diesem Empfang hatte sie alle betroffen.

Drei Frauen saßen dicht nebeneinander in einer Reihe – die Tanten Ann, Hester (die beiden alten Jungfern der Familie Forsyte) und Juley (kurz für Julia), die – auch nicht mehr die Allerjüngste – sich so weit vergessen hatte, Septimus Small zu heiraten, einen Mann von schwächlicher Konstitution. Sie hatte ihn um viele Jahre überlebt. Jetzt lebte sie mit ihrer älteren und ihrer jüngeren Schwester im Haus Timothys, ihres sechsten und jüngsten Bruders, in der Bayswater Road. Alle drei Frauen hatten einen Fächer in der Hand und durch feine Farbwahl oder eine vielsagende Feder oder Brosche drückte jede von ihnen aus, wie feierlich dieser Anlass war.

In der Mitte des Raumes, unter dem Kronleuchter, stand, wie es sich für einen Gastgeber gehörte, das Oberhaupt der Familie, der alte Jolyon selbst. Mit seinen achtzig Jahren, dem schönen, weißen Haar, der hohen, gewölbten Stirn, den kleinen dunkelgrauen Augen und dem gewaltigen weißen Schnurrbart, der seitlich bis zu seinem kräftigen Kiefer herabhing, hatte er ein patriarchalisches Äußeres, und trotz seines hageren Gesichts und der eingefallenen Schläfen schien er im Besitz ewiger Jugend zu sein. Er hielt sich sehr gerade und seine klugen, wachsamen Augen hatten noch immer ihren strahlenden Glanz. Und so erweckte er den Eindruck, über den Zweifeln und Abneigungen unbedeutenderer Menschen zu stehen. Er hatte ein präskriptives Recht dazu, da er seit unzähligen Jahren das Sagen hatte. Es wäre dem alten Jolyon nie in den Sinn gekommen, dass es angebracht wäre, Zweifel oder Auflehnung auszustrahlen.

Zwischen ihm und den vier anderen ebenfalls anwesenden Brüdern, James, Swithin, Nicholas und Roger, gab es sowohl große Unterschiede als auch viele Ähnlichkeiten. Jeder dieser vier Brüder war wiederum ganz anders als der andere, und dennoch waren auch sie sich sehr ähnlich.

Bei all den unterschiedlichen Gesichtszügen und -ausdrücken dieser fünf Personen ließ sich doch bei allen eine gewisse Entschlossenheit des Kinns feststellen, die den äußeren Unterschieden zugrunde lag, ein Stempel ihrer Art, der so prähistorisch war, dass man ihn nicht mehr zurückverfolgen konnte, so subtil und immerdar, dass man nicht darüber sprechen konnte – Qualitätszeichen eines echten Forsyte und Garant für Erfolg und Wohlstand der Familie.

Unter der jüngeren Generation, dem großen, bulligen George, dem blassen, energischen Archibald, dem jungen Nicholas mit seiner liebenswerten, zaghaften Hartnäckigkeit und dem ernsten, fast schon lächerlich unbeirrbaren Eustace, gab es diesen Stempel ebenfalls - vielleicht etwas weniger deutlich, aber dennoch unverkennbar. Es war ein Zeichen von etwas Unauslöschlichem in der Seele der Familie. Immer wieder im Laufe dieses Nachmittags konnte man in all diesen so unterschiedlichen wie ähnlichen Gesichtern einen Ausdruck von Misstrauen erkennen und das galt zweifellos dem Mann, dessen Bekanntschaft zu machen sie hier zusammengekommen waren. Philip Bosinney war bekanntermaßen ein junger Mann ohne Vermögen, doch es hatte schon zuvor Verlobungen und auch Hochzeiten zwischen Mädchen der Familie Forsyte und solchen Männern gegeben. Das war also nicht der Grund, warum die Forsytes Schlimmes befürchteten. Sie hätten nicht erklären können, was die Ursache ihres unguten, durch das Gerede in der Familie vernebelten Gefühls war. Es hieß auf alle Fälle, er habe bei seinem Anstandsbesuch bei den Tanten Ann, Juley und Hester einen weichen grauen Hut getragen – einen weichen grauen Hut, noch nicht mal einen neuen, ein staubiges altes Ding ohne jede Form. »So sonderbar, meine Liebe – so seltsam«, Tante Hester habe versucht es von einem Stuhl zu scheuchen, als sie durch den schmalen, dunklen Flur ging (sie war ziemlich kurzsichtig), denn sie habe es für eine dreckige streunende Katze gehalten – Tommy habe so beschämende Freunde! Sie sei ganz verstört gewesen, als es sich nicht bewegte.

So wie ein Künstler immer auf der Suche nach dieser wesentlichen Kleinigkeit ist, die den gesamten Charakter einer Szene, eines Ortes oder einer Person ausmacht, so hatten sich jene unbewussten Künstler – die Forsytes – intuitiv auf diesen Hut eingeschossen. Er war ihre wesentliche Kleinigkeit, das Detail, in dem die Bedeutung der ganzen Sache lag. Denn jeder von ihnen hatte sich selbst gefragt: »Also bitte, hätte ich so einen Besuch mit so einem Hut gemacht?« Und die Antwort war immer: »Nein!« Diejenigen mit etwas mehr Fantasie hatten noch hinzugefügt: »Das wäre mir nie in den Sinn gekommen!«

Als George die Geschichte hörte, grinste er. Dieser Hut war ganz offensichtlich als Witz gemeint gewesen! Er selbst war Experte auf diesem Gebiet. »Der traut sich was«, sagte er, »der wilde Pirat!«

Und diese scherzhafte Bezeichnung, »der Pirat«, ging von Mund zu Mund, bis es die bevorzugte Art war, auf Bosinney anzuspielen.

Ihre Tanten machten June danach Vorwürfe wegen des Hutes.

Sie sagten: »Wir finden, du hättest ihn den nicht tragen lassen dürfen!«

June hatte darauf auf ihre herrische, energische Art geantwortet, ganz wie der Ausbund an Willenskraft, der sie war: »Ach! Was soll’s? Phil weiß doch nie, was er anhat!«

So eine unerhörte Antwort hatte niemand glauben können. Ein Mann, der nicht wissen sollte, was er anhatte? Nein, nein! Was war denn dieser Mann schon, der mit seiner Verlobung mit June, der anerkannten Erbin des alten Jolyon, eine so gute Partie gemacht hatte? Er war Architekt, das alleine rechtfertigte nicht, so einen Hut zu tragen. Keiner der Forsytes war selbst Architekt, aber einer von ihnen kannte zwei Architekten, die niemals einen solchen Hut zu einem feierlichen Anlass während der Londoner Saison tragen würden.

Gefährlich – sehr gefährlich! June hatte das natürlich nicht verstanden, aber sie war ja auch, obwohl sie noch keine neunzehn war, für derartiges Verhalten bekannt. Hatte sie nicht zu Soames’ Frau, die immer so stilvoll gekleidet war, gesagt, Federn seien geschmacklos? Soames’ Frau trug seitdem tatsächlich keine Federn mehr, so schrecklich direkt war die gute June!

All diese Bedenken, das Missfallen und das absolut aufrichtige Misstrauen hielten die Forsytes nicht davon ab, der Einladung des alten Jolyon folgend zusammenzukommen. Einen Empfang in Stanhope Gate gab es nicht alle Tage, der letzte war zwölf Jahre her. In der Tat hatte es keinen mehr seit dem Tod der Frau des alten Jolyon gegeben.

Noch nie waren sie so zahlreich zusammengekommen, denn sie hatten sich trotz all ihrer Unterschiede auf mysteriöse Weise vereint, gegen eine Gefahr gewappnet, die sie alle bedrohte. Wie eine Herde Kühe, wenn ein Hund auf die Weide kommt, standen sie Kopf an Kopf und Schulter an Schulter, bereit, sich auf den Eindringling zu stürzen und ihn zu Tode zu trampeln. Natürlich waren sie auch gekommen, um herauszufinden, was für Geschenke letztendlich von ihnen erwartet werden würden. Die Frage der Hochzeitsgeschenke wurde zwar für gewöhnlich folgendermaßen geregelt: »Was schenkst du denn? Nicholas schenkt Löffel!« – Doch es hing trotzdem so viel vom Bräutigam ab. Sah er gepflegt, elegant und wohlhabend aus, musste man ihm eher etwas Anständiges schenken. Das würde er erwarten. Am Ende schenkte jeder genau das, was richtig und angemessen war, ausgehandelt durch eine Form der Regulierung innerhalb der Familie, so wie Preise an der Börse ausgehandelt werden. Wie diese anständigen Geschenke konkret aussahen, wurde in Timothys geräumigem Backsteinhaus in der Bayswater Road verhandelt, von wo aus man einen Blick auf den Park hatte und wo auch die Tanten Ann, Juley und Hester wohnten.

Die bloße Erwähnung des Hutes rechtfertigte also das Unbehagen der Familie Forsyte. Wie unmöglich und falsch wäre es doch für jede Familie gewesen, anders zu empfinden. Es war doch, wie es für immer typisch für die gehobene Mittelschicht sein sollte, so wichtig, auf ein gewisses Erscheinungsbild zu achten!

Der Urheber dieses Unbehagens stand etwas entfernt bei der Tür und unterhielt sich mit June. Sein lockiges Haar sah zerzaust aus, als ob ihm das, was sich da um ihn herum abspielte, fremd wäre. Er wirkte auch so, als würde er insgeheim über etwas schmunzeln.

George sagte zu seinem Bruder Eustace gewandt: »Sieht aus, als würde er sich gern davonmachen – der verwegene Pirat!«

Dieser »sehr eigenartig aussehende Mann«, wie ihn Tante Juley später nannte, war durchschnittlich groß und kräftig gebaut, mit einem eher dunklen, fahlen Teint, einem aschfarbenen Schnurrbart, sehr ausgeprägten Wangenknochen und eingefallenen Wangen. Seine Stirn neigte sich nach hinten Richtung Scheitel und trat wulstartig über seinen Augen hervor, die Art von Stirn, wie man sie bei den Löwen im Zoo sieht. Er hatte cognacfarbene Augen, deren Blick manchmal irritierend unaufmerksam war.

Nachdem der Kutscher des alten Jolyon June und Bosinney zum Theater gefahren hatte, hatte er zum Butler gesagt: »Also ich weiß ja nicht, für mich sieht der wie ein halbzahmer Leopard aus.« Und immer wieder kam einer der Forsytes und schlängelte sich vorbei, um einen Blick auf ihn zu werfen.

June stand vor ihm und wehrte diese Neugier ab – ein kleines Ding, »nur Haar und Energie«, wie jemand mal gesagt hatte, mit furchtlosen blauen Augen, einem kräftigen Kiefer und einem hellen Teint, dessen Gesicht und Körper zu zart für den rotgoldenen Schopf schienen.

Eine großgewachsene Frau mit einer wunderschönen Figur, die ein Familienmitglied einmal mit einer heidnischen Göttin verglichen hatte, betrachtete die beiden mit einem geheimnisvollen ­Lächeln.

Ihre in französisch-grauen Handschuhen steckenden Hände ­waren übereinandergekreuzt, ihr ernstes, bezauberndes Gesicht zur Seite gedreht, und die Augen aller Männer in ihrer Nähe waren darauf gerichtet. Ihr Körper wiegte so ausgeglichen hin und her, dass es schien, als würde die bloße Luft ihn bewegen. Auf ihren Wangen lag Wärme, aber sie hatten wenig Farbe, ihre großen, dunklen Augen waren sanft.

Doch es waren ihre Lippen mit diesem geheimnisvollen Lächeln, wenn sie Fragen stellte oder Antworten gab, auf die die Männer schauten. Sie waren gefühlvoll, sinnlich und lieblich, und es schienen Wärme und ein angenehmer Duft von ihnen auszuströmen, wie die Wärme und der Duft einer Blume.

Das Verlobungspaar, dem ihr prüfender Blick galt, war sich dieser beobachtenden Göttin nicht bewusst. Es war Bosinney, der sie zuerst bemerkte und nach ihrem Namen fragte.

June führte ihren Liebsten zu der Frau mit der schönen Gestalt.

»Irene ist meine beste Freundin«, sagte sie. »Bitte seid auch gute Freunde!«

Die Aufforderung der kleinen Dame ließ sie alle drei lächeln. Und während sie lächelten, trat Soames Forsyte leise hinter der Frau mit der schönen Gestalt, seiner Frau, hervor und sagte: »Ah! Stell mich auch vor!«

Er wich in der Tat bei öffentlichen Auftritten selten von Irenes Seite. Selbst wenn er durch gesellschaftliche Pflichten gezwungen war, von ihr getrennt zu sein, konnte man beobachten, wie er ihr mit seinen Blicken, in denen ein seltsamer Ausdruck von Wachsamkeit und Sehnsucht lag, überallhin folgte.

Sein Vater, James, stand noch immer am Fenster und studierte die Zeichen auf der Porzellanschale.

»Es wundert mich, dass Jolyon diese Verlobung erlaubt hat«, meinte er zu Tante Ann. »Es heißt, dass an eine Heirat in den nächsten Jahren erstmal nicht zu denken sei. Dieser junge Bosinney«, anstatt des gängigen kurzen o, machte er aus dem Wort einen Daktylus, »hat doch nichts. Als Winifred Dartie geheiratet hat, habe ich dafür gesorgt, dass er jeden Penny mit in die Ehe bringt – ein Glück, sonst hätten sie jetzt gar nichts mehr!«

Tante Ann blickte aus ihrem Samtsessel hoch. Graue Locken umrahmten ihre Stirn, Locken, die seit Jahrzehnten unverändert aussahen und so jedes Gefühl für Zeit in der Familie ausgelöscht hatten. Sie antwortete nicht, denn sie sprach nur selten, um ihre gealterte Stimme zu schonen. Doch James, dessen Gewissen sich bemerkbar machte, genügte ihr Blick als Antwort.

»Na ja«, fuhr er fort, »dass Irene kein Geld hatte, daran konnte ich nichts ändern. Soames hatte es so eilig, er wurde ja ganz dünn, so sehr, wie der um sie herumscharwenzelt ist.«

Er stellte die Schale missmutig zurück auf das Klavier und ließ seinen Blick zu der Gruppe bei der Tür schweifen.

»Meiner Meinung nach«, sagte er unvermittelt, »ist es genau recht so, wie es ist.«

Tante Ann bat ihn nicht, diese seltsame Aussage näher zu erläutern. Sie wusste, was er dachte. Wenn Irene kein Geld hatte, wäre sie nicht so dumm, etwas Falsches zu tun. Es hieß nämlich – so hieß es –, sie habe um getrennte Zimmer gebeten. Aber natürlich hatte Soames nicht …

James unterbrach ihren Gedanken: »Aber wo«, fragte er, »ist denn Timothy? Ist er denn nicht mit ihnen mitgekommen?«

Ein sanftes Lächeln kämpfte sich seinen Weg durch Tante Anns zusammengepresste Lippen: »Nein, er hielt es für unklug, jetzt, wo doch diese Diphtherie so umgeht; und er holt sich doch so leicht was.«

James antwortete: »Na ja, er passt gut auf sich auf. Ich kann es mir nicht leisten, so gut auf mich aufzupassen wie er.«

Und man konnte nicht wirklich sagen, ob Bewunderung, Neid oder Verachtung in dieser Bemerkung dominierte.

Timothy ließ sich tatsächlich selten blicken. Das Nesthäkchen der Familie, ein Verleger, hatte vor einigen Jahren, als das Geschäft florierte, eine Stagnation gewittert, zu der es zwar noch nicht gekommen war, doch letztendlich, da waren sich alle einig, kommen musste. Und so hatte er seinen Anteil an einer Firma, deren Hauptgeschäft die Produktion religiöser Bücher war, verkauft und die recht beträchtliche Summe, die er dafür erhalten hatte, in dreiprozentige Staatsanleihen investiert. Damit hatte er mit einem Schlag eine isolierte Position eingenommen, denn kein anderer der For­sytes würde sich mit weniger als vier Prozent für sein Geld zufriedengeben. Und diese Isolation hatte langsam und sicher eine Seele untergraben, die vielleicht etwas vorsichtiger war als andere. Er war fast schon zu einem Mythos geworden – eine Art personifiziertes Sicherheitsdenken, das im Hintergrund des Universums der Forsytes umhergeisterte. Er war nie so leichtsinnig gewesen, zu heiraten oder sich in irgendeiner Form mit Kindern zu belasten.

James tippte an die Porzellanschale und fuhr fort: »Das ist kein echtes altes Worcester-Porzellan. Ich nehme mal an, Jolyon hat dir was über den jungen Mann erzählt. Soweit ich weiß, hat er kein Geschäft, kein Einkommen und keine nennenswerten Kontakte – aber was weiß ich schon, man sagt mir ja nichts.«

Tante Ann schüttelte den Kopf. Ein Zittern ging über ihr adlerähnliches Gesicht mit dem kantigen Kinn. Sie presste ihre spinnenartigen Finger aneinander und verschränkte sie dann ineinander, als ob sie ihre Willenskraft unbemerkt stärken wollte.

Als mit einigen Jahren Abstand Älteste der Forsytes kam ihr eine besondere Stellung unter ihnen zu. Opportunisten und Egoisten allesamt, wenn auch in der Tat nicht mehr als ihre Mitmenschen, wurden sie vor ihrer unbestechlichen Persönlichkeit kleinmütig, und was sollten sie anderes tun, als ihr aus dem Weg zu gehen, wenn die Möglichkeit allzu verlockend war!

James schlang seine langen, dünnen Beine umeinander und setzte fort: »Jolyon wird wie immer seinen Willen bekommen. Er hat ja keine Kinder.« Dann hielt er inne, denn ihm kam, dass es da ja noch den Sohn des alten Jolyon gab, den jungen Jolyon, Junes Vater, der so ein Durcheinander verursacht und sich selbst ruiniert hatte, als er seine Frau und sein Kind verließ, um mit dieser ausländischen Gouvernante durchzubrennen. »Na ja«, fuhr er hastig fort, »wenn er das alles so machen will, dann wird er es sich wohl auch leisten können, schätze ich. Was will er ihr denn geben? Ich schätze mal, tausend pro Jahr, er hat ja sonst niemanden, dem er sein Geld geben kann.«

Er streckte seine Hand einem eleganten, glattrasierten Mann mit kaum noch Haaren auf dem Kopf, einer langen, krummen Nase, vollen Lippen und kalten, grauen Augen unter eckigen Brauen entgegen.

»Nick«, nuschelte er, »und, wie geht’s dir?«

Mit seiner vogelartigen Schnelligkeit und dem Blick eines neunmalklugen Schuljungen – er hatte, alles natürlich ganz legal, ein großes Vermögen mit den von ihm geleiteten Firmen gemacht – berührte Nicholas Forsyte die ihm entgegengestreckte kalte Hand kurz mit seinen noch kälteren Fingern, um sie sogleich hastig wieder zurückzuziehen.

»Schlecht«, sagte er verdrossen dreinblickend. »Schon die ­ganze Woche. Kann nachts nicht schlafen. Der Arzt weiß auch nicht, woranʹs liegt. Er ist ein schlaues Kerlchen, sonst wäre er ja nicht mein Arzt, aber ich krieg nichts aus ihm raus außer Rechnungen.«

»Ärzte!«, fiel ihm James ins Wort: »Ich habe schon alle Ärzte Londons für den einen oder anderen von uns durchprobiert. Die taugen doch alle nichts, die erzählen dir nur sonst was. Wie jetzt bei Swithin. Was haben sie ihm denn schon gebracht? Schau ihn dir an, er ist dicker als je zuvor, monströs. Sie bekommen sein Gewicht einfach nicht runter. Sieh ihn dir doch an!«

Swithin Forsyte, groß und breit wie ein Schrank, mit einer Brust wie die einer Kropftaube, aufgeplustert in seinen hellen Westen, kam auf sie zu stolziert.

»Na, wie geht’s?«, fragte er in seiner affektierten, leicht herablassenden Art, wobei er seine Worte mit sehr viel Luft herausstieß, als ob er sie gar nicht aus der Obhut seiner Brust lassen wollte. »Wie geht’s?«

Die Mienen der Brüder verfinsterten sich etwas, als sie die beiden anderen ansahen, denn sie wussten aus Erfahrung, dass sie versuchen würden, die Leiden des anderen zu übertrumpfen.

»Wir haben gerade darüber geredet«, sagte James, »dass du kein bisschen schlanker wirst.«

Swithins helle runde Augen quollen hervor, so sehr strengte ihn das Hören an.

»Schlanker? Ich bin gut in Form«, sagte er, sich etwas nach vorne beugend. »Nicht so eine dürre Bohnenstange wie du!«

Aus Angst, an der Breite seiner Brust seine Haltung einzubüßen, lehnte er sich jedoch wieder zurück in eine bewegungslose Pose, denn nichts ging ihm über ein distinguiertes Erscheinungsbild.

Tante Ann blickte mit ihren alten Augen vom einem zum anderen. Ihr Blick war nachsichtig und streng zugleich. Die drei Brüder blickten daraufhin Ann an. Sie wurde langsam tatterig. Eine wundervolle Frau! Sie war locker sechsundachtzig, konnte gut noch zehn weitere Jahre leben, und sie war nie kräftig gewesen. Die Zwillinge Swithin und James waren erst fünfundsiebzig, Nicholas mit um die siebzig das reinste Baby. Sie alle waren kräftig, und was sich daraus für sie schlussfolgern ließ, war beruhigend. Von allen Formen des Besitzes war es die eigene Gesundheit, um die sie sich von Natur aus am meisten sorgten.

»Mir geht es auch gut so weit«, redete James weiter, »nur mit meinen Nerven stimmt was nicht. Die kleinste Kleinigkeit macht mir schwer zu schaffen. Ich werde auf Kur nach Bath müssen.«

»Bath!«, sagte Nicholas. »Ich habe es mit Harrogate versucht. Das taugt nichts. Ich will Meeresluft. Es geht nichts über Yarmouth. Wenn ich da bin, schlafe ich …«

»Meine Leber macht große Probleme«, unterbrach ihn Swithin langsam. »Habe schlimme Schmerzen hier«, und er legte seine Hand rechts auf seinen Bauch.

»Mangel an Bewegung«, murmelte James und blickte auf die Porzellanschale. Schnell fügte er hinzu: »Mir tut’s da auch weh.«

Swithin wurde rot, sein altes Gesicht sah einem Puter ähnlich.

»Bewegung!«, schnaubte er. »Davon habe ich genug. Ich nehme im Klub nie den Aufzug.«

»Das wusste ich nicht«, beeilte sich James zu sagen. »Ich weiß nichts von irgendwem. Man sagt mir ja nichts …«

Swithin fixierte ihn mit seinem Blick: »Was machst du denn gegen den Schmerz?«

James’ Miene hellte sich auf. »Ich nehme eine Mischung aus …«

»Guten Tag, Onkel.«

June stand vor ihm mit ausgestreckter Hand, ihr kleines Gesicht von ihrer geringen Größe zu ihm hinaufgestreckt.

James’ Miene verdunkelte sich wieder.

»Guten Tag«, sagte er, nachdenklich zu ihr hinunterblickend. »Du gehst also morgen nach Wales, um die Tanten deines jungen Mannes zu besuchen? Da werdet ihr viel Regen haben. Das ist kein echtes altes Worcester-Porzellan.« Er tippte auf die Schale. »Das Set, das ich deiner Mutter zur Hochzeit geschenkt habe, das war echt.«

June schüttelte ihren drei Großonkeln der Reihe nach die Hand und drehte sich dann zu Tante Ann. Ein sehr sanfter Ausdruck hatte sich auf das Gesicht der alten Dame gelegt. Sie küsste das Mädchen zitternd vor Inbrunst auf die Wange.

»Na, meine Liebe«, sagte sie, »da gehst du also für einen ganzen Monat weg?«

Das Mädchen ging weiter und Tante Ann blickte ihrer schmalen, kleinen Gestalt nach. Die runden, stahlgrauen Augen der alten Dame, über die sich langsam ein Film wie bei einem Vogel zu legen begann, folgten ihr wehmütig durch die geschäftige Menge, denn man begann, sich zu verabschieden. Und ihre Fingerspitzen, die immerzu gegeneinanderpressten, waren wieder damit beschäftigt, ihre Willenskraft zu stärken gegen jenen unvermeidlichen letzten Abschied ihrer selbst.

Ja, dachte sie, alle sind sehr freundlich gewesen. Eine ganze Menge Leute sind gekommen, um ihr zu gratulieren. Sie sollte sehr glücklich sein.

Von der Gruppe von Menschen, die sich bei der Tür drängte, der gutgekleideten Gruppe, bestehend aus Anwalts- und Arztfamilien, Börsianern und all den anderen Berufsgruppen der gehobenen Mittelschicht, waren nur etwa zwanzig Prozent Forsytes. Doch für Tante Ann schienen sie alle Forsytes zu sein, sie sah nur ihr eigen Fleisch und Blut – und sicherlich bestand wirklich kein großer Unterschied. Das hier war ihre Welt, ihre Familie, für sie gab es nichts anderes, hatte es vielleicht nie etwas anderes gegeben. All ihre kleinen Geheimnisse, ihre Krankheiten, Verlobungen und Hochzeiten, wie sie vorankamen und ob sie Geld verdienten – all das war ihr Eigentum, das, was ihr Freude bereitete, ihr Leben. Ansonsten hatte sie nur eine sehr vage, nebulöse Vorstellung von den unbedeutenden Dingen und Menschen, die es außerhalb dieser Welt noch gab. Das alles würde sie aufgeben müssen, wenn ihre Zeit zu sterben gekommen war. Das, was ihr diese Bedeutung gab, dieses geheime Wertgefühl ihrer selbst, ohne das keiner von uns leben kann. Und daran klammerte sie sich voller Wehmut, mit einer Gier, die jeden Tag größer wurde! Wenn ihr auch das Leben entgleiten sollte, das würde sie sich bis zum Ende bewahren.

Sie dachte an Junes Vater, den jungen Jolyon, der mit diesem ausländischen Mädchen durchgebrannt war. Was für ein schwerer Schlag für seinen Vater und alle anderen! So ein vielversprechender junger Mann! Ein schwerer Schlag, auch wenn es, glücklicherweise, keinen öffentlichen Skandal gegeben hatte, da Jos Frau auf eine Scheidung verzichtet hatte. War das lange her! Und nach dem Tod von Junes Mutter, vor sechs Jahren, hatte Jo diese Frau geheiratet, und jetzt, so hatte sie gehört, hatten sie zwei Kinder. Doch er hatte sein Recht verwirkt, dabei zu sein, hatte sie um die vollständige Erfüllung ihres Familienstolzes betrogen, sie ihrer rechtmäßigen Freude beraubt, ihn, auf den sie so stolz gewesen war, zu sehen und zu küssen. Er war doch so ein vielversprechender junger Mann gewesen! Der Gedanke tat ihr mit der Bitternis einer vor langer Zeit zugefügten Verletzung in ihrem zähen, alten Herzen weh. Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Mit einem Taschentuch aus feinstem Batist trocknete sie sie verstohlen.

»Na, Tante Ann?«, sagte eine Stimme hinter ihr.

Soames Forsyte - schmale Schultern, glattrasiert, schmale Wangen, schmaler Oberkörper, und dennoch hatte sein gesamtes Erscheinungsbild etwas in sich Abgerundetes und Verschlossenes – sah schräg nach unten zu Tante Ann, als ob er versuchen würde, die Seite seiner eigenen Nase zu sehen.

»Und, was hältst du von der Verlobung?«, fragte er.

Tante Anns Blick ruhte stolz auf ihm. Seit der junge Jolyon das Nest der Familie verlassen hatte, war er ihr Lieblingsneffe, denn sie sah in ihm einen verlässlichen Vermögensverwalter der Seele der Familie, die ihrer Pflege so bald entgleiten würde.

»Sehr erfreulich für den jungen Mann«, sagte sie. »Und er ist ein gutaussehender junger Mann. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich der Richtige für die liebe June ist.« Soames berührte die Außenseite eines mit Gold überzogenen Kronleuchters.

»Sie wird ihn zähmen«, sagte er, während er seinen Finger verstohlen befeuchtete und damit an den Knubbeln des Kronleuchters rieb. »Das ist echter alter Lack, den kriegt man heute nicht mehr. Das würde sich bei Jobson gut verkaufen.« Er genoss es, zu sprechen, als ob er fühlte, dass er seine alte Tante damit aufmunterte. Er war selten so selbstsicher. »Ich würde ihn selbst gerne haben«, fügte er hinzu. »Für alten Lack bekommt man immer einen guten Preis.«

»Du kennst dich immer so gut aus mit all diesen Dingen«, sagte Tante Ann. »Und wie geht es der lieben Irene?«

Soames’ Lächeln verschwand.

»Ganz gut«, antwortete er. »Sie klagt, dass sie nicht schlafen kann, dabei schläft sie um einiges besser als ich«, und er schaute zu seiner Frau, die an der Tür mit Bosinney sprach.

Tante Ann seufzte.

»Vielleicht«, meinte sie, »wird es ihr ganz guttun, wenn sie June nicht mehr so oft sieht. Sie ist so energisch, die gute June!«

Soames stieg die Röte ins Gesicht; sie wanderte schnell über seine Wangen, dann konzentrierte sie sich zwischen seinen Augen, wo sie verweilte - das Zeichen beunruhigender Gedanken.

»Ich weiß nicht, was sie an diesem Luftikus findet«, platzte er heraus. Doch als er bemerkte, dass sie nicht mehr allein waren, wendete er sich ab und betrachtete wieder den Kronleuchter.

»Es heißt, Jolyon hat noch ein Haus gekauft«, hörte man seinen Vater neben ihm sagen. »Er muss eine Menge Geld haben – so viel, dass er gar nicht weiß, wohin damit! Montpellier Square, heißt es, in der Nähe von Soames! Sie haben mir das nie gesagt, Irene sagt mir ja nie was!«

»Großartige Lage, keine zwei Minuten von mir entfernt«, hörte man Swithin sagen. »Und von mir aus brauche ich nur acht Minuten zum Klub.«

Die Lage ihrer Häuser war für die Forsytes lebenswichtig. Das war auch nicht verwunderlich, denn sie waren die Verkörperung des gesamten Wesens ihres Erfolgs.

Ihr Vater, der aus einer Bauernfamilie stammte, war gegen Anfang des Jahrhunderts aus Dorsetshire gekommen.

Meister Dosset Forsyte, wie er von seinen Freunden genannt wurde, war von Beruf Steinmetz gewesen und hatte sich zum Baumeister hochgearbeitet.

Gegen Ende seines Lebens zog er nach London, wo er, nachdem er bis zu seinem Tod als Baumeister gearbeitet hatte, auf dem Highgate Cemetery begraben wurde. Er hinterließ seinen zehn Kindern mehr als dreißigtausend Pfund. Der alte Jolyon beschrieb ihn, wenn er überhaupt von ihm sprach, als »groben, robusten Mann, nicht wirklich gebildet«. Die zweite Generation der Forsytes hatte in der Tat nicht das Gefühl, er hätte ihnen viel Ehre gemacht. Die einzige vornehme Eigenschaft, die sie bei ihm ausmachen konnten, war, dass er immer Madeira getrunken hatte.

Tante Hester, Expertin in Sachen Familiengeschichte, beschrieb ihn so: »Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals irgendetwas getan hätte, zumindest nicht zu meiner Zeit. Er war ein … ähm … ein Hausbesitzer, meine Liebe. Seine Haarfarbe war in etwa so wie die von Onkel Swithin. Er war ziemlich breit und kräftig. Groß? Nein, nicht sehr groß«, er war keine eins siebzig groß gewesen und hatte ein fleckiges Gesicht gehabt, »er hatte eine frische Gesichtsfarbe. Ich erinnere mich, dass er immer Madeira trank, aber frag deine Tante Ann. Was sein Vater war? Der … ähm … hatte mit dem Land unten in Dorsetshire zu tun, am Meer.«

James war einmal dorthin gefahren, um selbst zu sehen, was das für ein Ort war, aus dem sie kamen. Er fand dort zwei alte Bauernhöfe und einen ausgefahrenen Feldweg, der durch die rote Erde hinunter zu einer Mühle am Strand führte, eine kleine graue Kirche mit Strebepfeilern an den Außenmauern und eine noch kleinere und grauere Kapelle. Der Bach, der die Mühle antrieb, floss in dutzenden kleinen Rinnsalen hinunter und dort, wo er mündete, liefen Schweine umher. Es lag ein Nebel über der Landschaft. Anscheinend waren die Ur-Forsytes zufrieden damit gewesen, Jahrhunderte lang Sonntag für Sonntag diese Senke hinabzusteigen, ihre Füße tief im Matsch und ihre Gesichter dem Meer zugewandt.

Ob James nun Hoffnungen auf ein Erbe oder auf irgendetwas anderes Besonderes dort unten gehegt hatte oder auch nicht, er kehrte in schlechter Verfassung zurück in die Stadt und unternahm dann den verzweifelten Versuch, das Beste aus der ganzen Sache zu machen.

»Gibt nicht wirklich was her«, sagte er, »ein typischer kleiner Ort auf dem Land, alt wie die Hügel …«

Dass er so alt war, schien ein Trost zu sein. Der alte Jolyon, den hin und wieder eine verzweifelte Ehrlichkeit packte, pflegte über seine Vorfahren zu sagen: »Kleinbauern – unbedeutende Leute, nehme ich an.« Und dennoch wiederholte er immer das Wort »Klein­bauern«, als ob es ihm Trost böte.

Sie hatten es alle so weit gebracht, diese Forsytes, dass sie jetzt ­allesamt eine sogenannte gewisse Stellung innehatten. Sie hatten in alles Mögliche investiert, nur noch nicht – mit Ausnahme von Timothy – in Staatsanleihen, denn nichts war so schrecklich für sie wie drei Prozent für ihr Geld. Sie sammelten auch Gemälde und unterstützten wohltätige Institutionen, die ihrem kranken Hauspersonal zugutekommen könnten. Von ihrem Vater, dem Baumeister, erbten sie ein Talent für Immobilien. Ursprünglich vielleicht Mitglieder irgendeiner primitiven Religionsgemeinschaft, waren sie jetzt, wie sich das eben entwickelt, Mitglieder der Kirche von England und sorgten dafür, dass ihre Frauen und Kinder einigermaßen regelmäßig in die schickeren Kirchen Londons gingen. Zweifel an ihrer Christlichkeit hätten sie sowohl geschmerzt als auch überrascht. Einige von ihnen zahlten für Kirchenbänke und brachten so auf die praktischste Weise ihre Sympathie für die Lehre Christi zum Ausdruck.

Ihre Wohnsitze, in festen Abständen rund um den Park platziert, passten auf wie Wächter, dass sich ihnen das wundervolle Herz Londons, der Sitz ihrer Wünsche, nicht ihrem Griff entzog und sie in ihrer Selbstachtung herabsetzte.

Da waren der alte Jolyon in Stanhope Place, James und seine Familie in der Park Lane, Swithin in der einsamen Pracht oranger und blauer Zimmer in Hyde Park Mansions – er hatte nie geheiratet, er doch nicht –, Soames und seine Frau in ihrem Heim nahe Knightsbridge und Roger und seine Familie in Prince’s Gardens. (Roger war jener bemerkenswerte Forsyte, der die Idee gehabt und umgesetzt hatte, seine vier Söhne zu einem neuen Beruf zu erziehen. »Sammelt Hauseigentum, gibt nichts Besseres«, pflegte er immer zu sagen. »Ich habe nie etwas anderes getan.«)

Die Haymans wiederum – Mrs Hayman war die einzige verheiratete Forsyte-Schwester – wohnten in einem Haus hoch oben in Campden Hill, das wie eine Giraffe geformt und so hoch war, dass Betrachter sich den Hals verrenken mussten. Nicholas und seine Familie hatten einen geräumigen Wohnsitz in Ladbroke Grove, ein echtes Schnäppchen. Und zu guter Letzt war da noch Timothys Haus in der Bayswater Road, wo Ann und Juley und Hester von ihm behütet wohnten.

Doch James grübelte die ganze Zeit über und fragte nun seinen Gastgeber und Bruder, wie viel er denn für dieses Haus am Montpellier Square gezahlt habe. Er habe selbst schon seit zwei Jahren ein Haus dort im Auge, aber der Preis, den sie dafür verlangten, sei ja so hoch.

Der alte Jolyon beschrieb ihm die Einzelheiten des Kaufs.

»Zweiundzwanzig Jahre lang?«, wiederholte James. »Genau das Haus, auf das ich aus war – du hast zu viel dafür bezahlt!«

Die Miene des alten Jolyon verfinsterte sich.

»Nicht, dass ich es wollen würde«, fügte James schnell hinzu. »Zu dem Preis entspräche es nicht meinen Zwecken. Soames kennt das Haus, also – er wird dir sagen, dass es zu teuer ist. Es lohnt sich, da seine Meinung einzuholen.«

»Seine Meinung interessiert mich nicht die Bohne«, erwiderte der alte Jolyon.

»Na ja«, murmelte James, »wie du willst – es würde sich aber lohnen. Mach’s gut! Wir wollen jetzt runter nach Hurlingham fahren. Es heißt, June geht nach Wales. Du wirst morgen einsam sein. Was willst du denn mit dir anfangen? Du solltest lieber zu uns zum Essen kommen!«

Der alte Jolyon lehnte ab. Er ging mit hinunter zur Haustür, brachte sie zu ihrer Kutsche und zwinkerte ihnen dann zu - dass er verärgert gewesen war, hatte er schon wieder vergessen. James’ Frau saß den Pferden zugewandt, groß und majestätisch mit rotbraunem Haar, Irene zu ihrer Linken – ihre beiden Männer, Vater und Sohn, saßen ihren Frauen gegenüber, nach vorne gebeugt, als ob sie irgendetwas erwarten würden. Der alte Jolyon sah ihnen nach, wie sie im Sonnenlicht davonfuhren, auf und ab hüpfend auf den Sprungfederpolstern, schweigend, mit jeder Bewegung ihres Wagens hin und her schaukelnd.

Während der Fahrt wurde das Schweigen von James’ Frau unterbrochen.

»Habt ihr jemals einen so komischen Haufen gesehen?«

Soames sah sie unter seinen Augenlidern hervor an und nickte. Dabei sah er, wie Irene ihm verstohlen einen ihrer undurchschaubaren Blicke zuwarf. Sehr wahrscheinlich äußerte jeder Zweig der Familie Forsyte auf der Heimfahrt vom Empfang beim alten Jolyon diese Bemerkung.

Unter den letzten Gästen, die die Feier verließen, waren der vierte und fünfte der Brüder, Nicholas und Roger, die zusammen am Hyde Park entlang zur U-Bahnstation in der Praed Street liefen. Wie alle Forsytes in einem gewissen Alter hatten sie ihre eigenen Wagen und nahmen nie Droschken, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Es war ein heiterer Tag, die Bäume des Parks standen in der vollen Pracht ihres Juniblattwerks. Die beiden Brüder schienen das alles gar nicht wahrzunehmen, und dennoch trug es zu der Unbeschwertheit des Spaziergangs und der Unterhaltung bei.

»Ja«, sagte Roger, »sie sieht schon gut aus, Soames’ Frau. Es heißt, sie haben Probleme.«

Roger hatte eine hohe Stirn und den frischsten Teint von allen Forsytes. Seine hellgrauen Augen nahmen Maß von den Fassaden der Häuser, an denen sie vorbeikamen, und hin und wieder streckte er seinen Schirm in die Luft, um, wie er es ausdrückte, »die Monddistanz« der verschiedenen Höhen zu messen.

»Sie hatte kein Geld«, erwiderte Nicholas.

Er selbst hatte eine Menge Geld geheiratet, wovon er zum Glück erfolgreich Gebrauch hatte machen können, da dies noch zu den goldenen Zeiten vor dem Married Women’s Property Act gewesen war, also bevor Ehefrauen ein Vermögensrecht hatten.

»Was war ihr Vater?«

»Sein Name war Heron, ein Professor, heißt es.«

Roger schüttelte den Kopf. »Damit lässt sich kein Geld machen«, meinte er.

»Es heißt, der Vater ihrer Mutter arbeitete irgendetwas mit Zement.«

Rogers Augen leuchteten auf.

»Aber er machte Bankrott«, fuhr Nicholas fort.

»Ach!«, rief Roger aus, »Soames wird noch Ärger mit ihr haben, lass dir das gesagt sein, er wird noch Ärger haben – sie hat einen seltsamen Blick.«

Nicholas leckte sich über die Lippen. »Sie ist eine schöne Frau«, sagte er und wies mit einer Handbewegung einen Straßenfeger ab.

»Wie hat er sie überhaupt bekommen?«, fragte Roger sogleich. »Er muss für sie sicher ein Vermögen für Kleidung ausgeben!«

»Ann meint«, antwortete Nicholas, »er sei ja fast schon verrückt nach ihr gewesen. Sie hat ihm fünfmal einen Korb gegeben. Verständlich, dass James deswegen beunruhigt ist.«

»Ach!«, sagte Roger wieder. »Das tut mir leid für James, er hatte doch schon Ärger mit Dartie.«

Sein Teint sah durch die Bewegung noch frischer aus, noch nie hatte er seinen Regenschirm so häufig hinauf auf Augenhöhe geschwungen. Auch Nicholas’ Gesicht sah gut aus.

»Zu blass für meinen Geschmack«, meinte er, »aber ihre Figur ist umwerfend!«

Roger gab keine Antwort.

»Ich würde sagen, sie sieht distinguiert aus«, sagte er schließlich – das war das höchste Lob im Wortschatz der Forsytes. »Dieser junge Bosinney wird es nie zu etwas bringen. Bei Burkitt sagen sie, er sei einer dieser Künstlertypen – will die englische Architektur verbessern. Damit lässt sich kein Geld machen! Würde mich mal interessieren, was Timothy dazu sagen würde.«

Sie betraten den Bahnhof.

»In welcher Klasse fährst du? Ich fahre in der zweiten.«

»Ich fahre nie zweite Klasse«, erwiderte Nicholas, »man weiß nie, was man sich da holen könnte.«

Er löste ein Erste-Klasse-Ticket nach Notting Hill Gate, Roger eines für die zweite Klasse nach South Kensington. Als der Zug eine Minute später einfuhr, trennten sich die beiden Brüder und jeder stieg in sein Abteil ein. Beide fühlten sich gekränkt, dass der jeweils andere nicht von seiner Gewohnheit abgewichen war, um noch etwas länger in Gesellschaft zu sein. Doch wie Roger es in seinen Gedanken ausdrückte: so ein Sturkopf, dieser Nick!

Und wie Nick für sich dachte: alter Streithammel, dieser Roger!

Sonderlich empfindsam waren die Forsytes nicht. Dafür war ja wohl kaum Zeit in diesem großen London, das sie erobert hatten und in dem sie nun ihren festen Platz innehatten, oder?

Der alte Jolyon geht in die Oper

Um fünf Uhr am Tag danach saß der alte Jolyon alleine da, mit einer Zigarre zwischen den Lippen und einer Tasse Tee auf dem Tisch neben sich. Er war müde, und noch bevor er die Zigarre zu Ende geraucht hatte, schlief er ein. Eine Fliege landete auf seinen Haaren, sein Atem klang schwer in der schläfrigen Stille, seine Oberlippe bewegte sich unter seinem weißen Schnurrbart im Rhythmus seines Atems. Die Zigarre glitt ihm aus den Fingern seiner von Venen durchzogenen, faltigen Hand und fiel in den leeren Kamin, wo sie herunterbrannte.

Das dunkle kleine Arbeitszimmer mit Buntglasfenstern, die dafür sorgten, dass niemand von außen hineinschauen konnte, war ausgestattet mit reichlich dunkelgrünem Samt und Mahagoni, das mit vielen Schnitzereien verziert war – eine Einrichtung, über die der alte Jolyon zu sagen pflegte: »Würde mich nicht wundern, wenn sie mal eine ordentliche Summe einbringt!«

Es war ein schöner Gedanke, dass er nach seinem Tod für Dinge mehr bekommen könnte, als er gegeben hatte.

Inmitten der satten Brauntöne, die typisch für die Hinterzimmer der Wohnsitze der Forsytes waren, wurde die Rembrandt’sche ­Ästhetik seines großen Kopfes mit dem weißen Haar vor dem Kissen seines hochlehnigen Sessels durch den Schnurrbart zerstört, der seinem Gesicht etwas Militärisches verlieh. Eine alte Uhr, die er schon vor seiner Heirat vor vierzig Jahren besessen hatte, führte eifersüchtig wachend mit ihrem Ticken Buch über die Sekunden, die ihrem alten Herrn für immer entglitten.

Er hatte dieses Zimmer nie gemocht, hatte es die ganzen Jahre über kaum betreten, außer um Zigarren aus dem japanischen Schränkchen in der Ecke zu holen, und nun rächte sich der Raum dafür.

Seine Schläfen, die sich wie Dächer über die darunterliegenden Vertiefungen wölbten, seine Wangenknochen und sein Kinn, all das trat im Schlaf stärker hervor, und so hatte sich auf sein Gesicht das Geständnis gelegt, dass er ein alter Mann war.

Er wachte auf. June war weg! James hatte gesagt, er würde einsam sein. James war schon immer ein jämmerlicher Wicht gewesen. Er dachte mit Genugtuung daran, dass er dieses Haus über James’ Kopf hinweg gekauft hatte.

Geschah ihm nur recht, wenn er sich so an dem Preis festbeißen musste. Für den Kerl drehte sich immer alles nur ums Geld. Aber hatte er wirklich zu viel bezahlt? Es musste noch viel daran gemacht werden – und er würde wohl sein gesamtes Geld brauchen, ehe er die Sache mit June geregelt hatte. Er hätte die Verlobung niemals erlauben dürfen. Sie hatte diesen Bosinney bei Baynes kennengelernt, Baynes und Bildeboy, die Architekten. Soweit er wusste, war dieser Baynes, den er kannte – er hatte was von einer alten Frau -, der angeheiratete Onkel des jungen Mannes. Von da an war sie ihm immer hinterhergelaufen. Und wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie nichts und niemand mehr aufhalten. Immer bandelte sie mit irgendwelchen Versagern an. Der Kerl hatte kein Geld, aber sie musste sich ja unbedingt mit ihm verloben – ein weltfremder Springinsfeld, der sich noch in Schwierigkeiten ohne Ende bringen würde.

Sie war eines Tages auf ihre direkte, unbekümmerte Art zu ihm gekommen und hatte es ihm gesagt. Und als ob das ein Trost wäre, hatte sie hinzugefügt: »Er ist einfach großartig, er hat sich schon oft eine ganze Woche lang nur von Kakao ernährt!«

»Und du sollst dich jetzt auch nur von Kakao ernähren, oder was?«

»Aber nein, es läuft doch jetzt für ihn.«

Der alte Jolyon hatte die Zigarre unter seinem weißen Schnurrbart, der an den Enden braun vom Kaffee war, weggenommen und sie angesehen, das kleine Ding, das sein Herz so fest im Griff hatte. Er wusste besser Bescheid darüber, was es bedeutete, wenn es geschäftlich für jemanden »lief«, als seine Enkelin. Doch sie hatte seine Knie mit ihren Händen umfasst und rieb ihr Kinn daran und machte dabei ein Geräusch wie eine schnurrende Katze. Und während er die Asche von der Zigarre klopfte, war es in seiner aufgebrachten Verzweiflung aus ihm herausgebrochen:

»Ihr seid doch alle gleich: Ihr gebt keine Ruhe, bis ihr habt, was ihr wollt. Wenn du dich unbedingt ins Unglück stürzen musst, dann tu, was du nicht lassen kannst. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Also hatte er seine Hände in Unschuld gewaschen und die Bedingung gestellt, dass sie nicht heiraten sollten, bevor Bosinney nicht mindestens vierhundert im Jahr verdiente.

»Ich werde dir nicht sehr viel geben können«, hatte er zu ihr gesagt - Worte, die June nicht zum ersten Mal hörte. »Vielleicht kann ja dieser Wie-heißt-er-nochmal den Kakao beisteuern.«

Er hatte sie kaum noch zu Gesicht bekommen, seitdem die Sache angefangen hatte. Das war nicht gut! Er hatte definitiv nicht vor, ihr viel Geld zu geben, damit dann ein Kerl, über den er nichts wusste, untätig vor sich hin leben konnte. So etwas hatte er schon erlebt, da kam nie etwas Gutes bei raus.

Das Schlimmste war, dass er keine Hoffnung hatte, sie umstimmen zu können. Sie war stur wie ein Esel, schon als Kind. Er wusste nicht, wo das enden sollte.

Sie mussten sich nach der Decke strecken. Er würde nicht nachgeben, ehe der junge Bosinney ein eigenes Einkommen hatte. Dass June mit dem Kerl Ärger haben würde, war klar wie Kloßbrühe; der hatte von Geld so viel Ahnung wie eine Kuh. Und die Tanten des jungen Mannes in Wales, die sie nun so eilig besuchen mussten, waren bestimmt alte Hexen.

Und regungslos starrte der alte Jolyon an die Wand. Wären seine Augen nicht offen gewesen, hätte man meinen können, er schläft … Was für ein Vorschlag, diesen jungen Flegel Soames um Rat zu fragen! Er war schon immer so ein eingebildeter Stiesel gewesen! Als nächstes würde er sich noch als Mann von Besitz mit einem Haus auf dem Land niederlassen! Ein Besitzstreber! Pah! Wie sein Vater war er immerzu auf der Suche nach Schnäppchen, ein kaltblütiger junger Lump!

Er stand auf, ging zum Schränkchen und fing an, seine Zigarrenkiste systematisch mit neuen Zigarren aufzufüllen. Für den Preis waren sie nicht schlecht, aber man bekam ja heute nirgendwo mehr gute Zigarren, nichts, was an die Qualität jener alten Superfinos von Hanson und Bridger rankam. Das waren Zigarren!

Wie ein zarter Duft trug ihn dieser Gedanke zurück zu jenen wundervollen Nächten in Richmond, als er nach dem Abendessen rauchend mit Nicholas Treffry und Traquair und Jack Herring und Anthony Thornworthy auf der Terrasse des Crown and Sceptre gesessen hatte. Wie gut seine Zigarren damals doch waren! Der arme alte Nick – tot, und Jack Herring – tot, und Traquair – tot, an dieser Frau gestorben, und Thornworthy – schrecklich zittrig und schwach auf den Beinen (kein Wunder bei seinem Appetit).

Von allen Freunden aus diesen Tagen schien nur noch er selbst ­übrig zu sein, außer natürlich Swithin, und der war so monströs dick, dass mit ihm nichts anzufangen war.

Kaum zu glauben, dass das schon so lange her war, er fühlte sich doch noch jung! Von all seinen Gedanken, als er dort stand und seine Zigarren zählte, war dies der schmerzlichste, der bitterste. Sein Haar war weiß und er war einsam, doch im Herzen war er noch jung und grün hinter den Ohren. Und jene Sonntagnachmittage im Hampstead Heath, an denen der junge Jolyon und er einen Spaziergang gemacht hatten, entlang der Spaniard’s Road zum Highgate Cemetery und von dort nach Child’s Hill und wieder zurück durch den Park, um dann im Jack Straw’s Castle essen zu gehen – wie vorzüglich seine Zigarren damals doch gewesen waren! Und das ­Wetter! Jetzt gab es ja gar kein richtiges Wetter mehr.

Als June noch ein kleiner Knirps von fünf Jahren war und er jeden zweiten Sonntag mit ihr in den Zoo ging, weg von der Gesellschaft jener zwei guten Frauen, ihrer Mutter und ihrer Großmutter, und er ganz oben beim Bärengehege Brötchen auf seinen Regenschirm pikste, um ihre Lieblingsbären anzulocken, wie gut seine Zigarren da doch waren!

Zigarren! Er hatte es noch nicht einmal geschafft, seinen Gaumen zu überdauern – den berühmten Gaumen, auf den die Männer vor gut dreißig Jahren schworen. Und wenn sie von ihm sprachen, sagten sie: »Forsyte hat den besten Gaumen in ganz London!« Den Gaumen, dem er gewissermaßen seinen Wohlstand verdankte – den Wohlstand der gefeierten Teemänner, Forsyte und Treffry, deren Tee wie kein anderer ein romantisches Aroma hatte, den Zauber einer sehr außergewöhnlichen Authentizität. Um das Haus von Forsyte und Treffry im Zentrum herrschte eine Atmosphäre von Unternehmertum und etwas Geheimnisvollem, von besonderen Geschäften auf besonderen Schiffen in besonderen Häfen mit besonderen Menschen aus dem Orient.

Er hatte gearbeitet in diesem Geschäft! Damals hat man noch richtig gearbeitet! Diese jungen Spunde wussten doch kaum, was das überhaupt hieß! Er hatte auf jedes Detail geachtet, über alle Abläufe Bescheid gewusst, hatte dafür manchmal ganze Nächte durchgearbeitet. Und er hatte seine Händler immer selbst ausgesucht, darauf war er stolz gewesen. Seine Menschenkenntnis, so sagte er immer, war der Schlüssel zu seinem Erfolg gewesen, und von diesem meisterhaften Talent des Auswählens Gebrauch zu machen, war das Einzige, was ihm wirklich Spaß gemacht hatte. Das war keine Karriere für einen Mann seiner Fähigkeiten gewesen. Selbst jetzt noch, wo das Geschäft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt worden war und der Erfolg nachließ (er hatte seine Anteile schon vor Längerem verkauft), grämte es ihn sehr, wenn er an diese Zeit zurückdachte. Wie viel weiter er es doch hätte bringen können! Er wäre ein großartiger Jurist gewesen! Er hatte sogar darüber nachgedacht, für das Parlament zu kandidieren. Hatte nicht Nicholas Treffry so oft zu ihm gesagt: »Du könntest alles, Jo, wenn du nur nicht so v-verdammt vorsichtig wärst!« Der gute alte Nick! So ein guter Mensch, aber auch so ungestüm! Der berüchtigte Treffry! Er hatte nie vorsichtig gelebt. Jetzt war er tot. Der alte Jolyon zählte mit ruhiger Hand seine Zigarren und es kam ihm der Gedanke, ob er selbst vielleicht zu vorsichtig gewesen war.

Er steckte die Zigarrenkiste in die Brusttasche seines Mantels, knöpfte die Tasche zu und ging die lange Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf, wobei er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte und sich am Geländer stützte. Das Haus war zu groß. Nach Junes Heirat, sollte sie diesen Typen jemals heiraten, was anzunehmen war, würde er es vermieten und sich eine Wohnung suchen. Wozu sollte er länger ein halbes Dutzend Bedienstete durchfüttern?

Ein Butler kam auf sein Läuten hin – ein großer, bärtiger Mann mit leisem Gang und einer besonderen Begabung fürs Stillsein. Der alte Jolyon ordnete ihm an, seinen feinen Anzug bereitzulegen, er wolle im Klub zu Abend essen.

Seit wann sei die Kutsche, die Miss June zum Bahnhof gebracht hatte, wieder zurück? Seit zwei? Dann solle er um halb sieben vorfahren!