Die 7 Sünden - Women's Murder Club - - James Patterson - ebook

Die 7 Sünden - Women's Murder Club - ebook

James Patterson

0,0
39,99 zł

Opis

Ihr bizarrster Fall – und das Ende überrascht selbst Lindsay Boxer

Ein junger Politikersohn verschwindet spurlos … Bei grausamen Brandanschlägen sterben Menschen in den Villen der Reichen und Schönen … Eine Prostituierte gesteht einen Mord – und widerruft kurz darauf …

Ihr Instinkt sagt Lieutenant Lindsay Boxer, dass ein Zusammenhang zwischen diesen Fällen besteht. Da meldet sich der exzentrische Schriftsteller Jason Twilly zu Wort. Er will Michael, den Sohn des Politikers, zuletzt im Haus einer Prostituierten gesehen haben. Nach deren Geständnis scheint das Verfahren gegen sie für Staatsanwältin Yuki Castellano reine Routine, doch da widerruft die Zeugin ihre Aussage. Yuki steht mit leeren Händen da, und der Women’s Murder Club muss wieder ganz von vorn anfangen. Eines Abends jedoch geht Lindsay Boxers Apartment in Flammen auf. Und kurz darauf erhält Yuki einen Brief mit einem Haarbüschel und einem blutbefleckten Hemd ...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 391




Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
Prolog - The Christmas Song
Kapitel 1
Kapitel 2
 
Erster Teil - Blauer Mond
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
 
Copyright
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »The 7th Heaven« bei Little, Brown and Company, Hachette Book Group USA, New York.
Für unsere Ehepartner und Kinder: Susie und Jack, John und Brendan
 
Unser Dank gilt all den Experten, die uns so großzügig ihre Zeit und ihr Fachwissen zur Verfügung gestellt haben: Dr. Humphrey Germaniuk, Captain Richard Conklin, Chuck Hanni, Dr. Allen Ross, Philip R. Hoffman, Melody Fujimori, Mickey Sherman und Dr. Maria Paige.
 
Und ein besonderes Dankeschön an unsere vorzüglichen Rechercheure Ellie Shurtleff, Don MacBain, Lynn Colomello und Margaret Ross sowie an Mary Jordan, die dafür sorgt, dass der Laden nicht auseinanderfällt.
Prolog
The Christmas Song
1
Winzige Lichter blinkten an der Douglasfichte, die in voller Pracht und Größe vor dem Panoramafenster stand. Adventsgestecke und Dutzende von Grußkarten schmückten das geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer, während im offenen Kamin ein paar Apfelbaum-Scheite knisterten und angenehmen Duft verbreiteten.
Ein digitalisierter Bing Crosby schmeichelte »The Christmas Song«:
»Chestnuts roasting on an open fire.
Jack Frost nipping at your nose...«
Henry Jablonsky konnte die jungen Männer nicht klar erkennen. Der eine, Hawk mit Namen, hatte ihm die Brille abgenommen und sie meilenweit entfernt auf den Kaminsims gelegt. Zu jenem Zeitpunkt hatte Jablonsky das noch für ein gutes Zeichen gehalten.
Das hieß doch, dass die jungen Männer nicht erkannt werden wollten, dass sie sie davonkommen lassen wollten. Bitte, lieber Gott, bitte lass uns leben, und ich werde Dir für den Rest meiner Tage ein treuer und ergebener Diener sein.
Jablonsky sah die beiden verschwommenen Gestalten um den Baum herumstreichen, wusste, dass die Pistole in Hawks Hosenbund steckte. Er hörte, wie Geschenkpapier zerrissen wurde, und sah, wie der, der sich Pidge nannte, dem neuen Kätzchen eine Schleife zum Spielen vor die Nase hielt.
Sie hatten gesagt, sie würden ihnen nichts tun.
Sie hatten gesagt, es sei nur ein Raubüberfall.
Jablonsky hatte sich ihre Gesichter so gut eingeprägt, dass er sie dem Phantombildzeichner bei der Polizei genau beschreiben konnte, und genau das würde er auch machen, sobald diese vermaledeiten Kerle aus seinem Haus verschwunden waren.
Sie sahen aus wie direkt aus einer Ralph-Lauren-Reklame.
Hawk, der Falke. Scharfe Gesichtszüge. Gewählte Ausdrucksweise. Blond mit Seitenscheitel. Pidge, die Taube, war größer. Wahrscheinlich knapp eins neunzig. Lange, braune Haare. Stark wie ein Ackergaul. Fleischige Hände. Typische Eliteschüler, alle beide.
Vielleicht besaßen sie ja doch einen guten Kern.
Jablonsky sah, wie der Blonde, Hawk, zum Bücherregal ging, seine langen Finger über die Buchrücken gleiten ließ und mit warmer Stimme, als sei er ein Freund der Familie, einzelne Titel vorlas.
Er sagte zu Henry Jablonsky: »Wow, Mr. J., da steht ja auch Fahrenheit 451. Ein Klassiker.«
Er zog das Buch aus dem Regal und schlug die erste Seite auf. Dann beugte er sich zu Jablonsky hinunter, der an Händen und Füßen gefesselt und mit einem Strumpf im Mund auf dem Boden lag.
»Was die Eingangsszene angeht, da ist Bradbury einfach unschlagbar«, sagte Hawk. Und dann las er mit klarer, dramatischer Stimme vor.
»›Es war eine Lust, Feuer zu legen. Es war eine besondere Lust zu sehen, wie etwas verzehrt wurde, wie es schwarz und zu etwas anderem wurde.‹«
Während Hawk las, zerrte Pidge ein großes Paket unter dem Weihnachtsbaum hervor. Es war in Goldfolie eingewickelt und mit einer goldenen Schleife geschmückt. Es enthielt etwas, was Peggy sich schon immer gewünscht und worauf sie seit Jahren gehofft hatte.
»Für Peggy, Dein Weihnachtsmann«, las Pidge von dem kleinen Geschenkanhänger ab. Er schlitzte das Papier mit einem Messer auf.
Er hatte ein Messer!
Pidge klappte die Schachtel auf und schob die Papiertücher, die dafür sorgten, dass der Inhalt der Schachtel es weich und bequem hatte, beiseite.
»Eine Birkin-Tasche, Peggy. Der Weihnachtsmann hat dir eine Neuntausend-Dollar-Handtasche gebracht. Ich würde sagen, das heißt: Nein, Peg. Ein ganz eindeutiges Nein.«
Pidge griff nach dem nächsten Geschenk und schüttelte es, während Hawk seine Aufmerksamkeit auf Peggy Jablonsky richtete. Peggy flehte Hawk an, auch wenn die zusammengeballte Socke in ihrem Mund ihre Worte erstickte. Henry sah, wie sie verzweifelt versuchte, ihre Augen sprechen zu lassen, und es brach ihm das ohnehin schon schwere Herz.
Hawk streckte die Hand aus und streichelte Peggys babyblondes Haar, tätschelte ihr die feuchte Wange. »Wir machen jetzt alle Ihre Geschenke auf, Mrs. J. Genau wie Ihre, Mr. J.«, sagte er. »Danach entscheiden wir, ob wir Sie am Leben lassen oder nicht.«
2
Henry Jablonskys Magen ballte sich zusammen. Er erstickte fast an der dicken Wollsocke in seinem Mund, zerrte an den Fesseln, nahm den säuerlichen Geruch von Urin wahr. Es wurde warm in seiner Lendengegend. Mein Gott. Er hatte sich in die Hose gemacht. Aber das war jetzt auch egal. Das Einzige, was jetzt zählte, war, dass er hier lebend herauskam.
Er konnte sich nicht rühren. Er konnte nicht sprechen. Aber er konnte nachdenken.
Was sollte er unternehmen?
Jablonsky lag auf dem Boden und blickte sich um. Nur wenige Meter von ihm entfernt lag der Schürhaken. Er konzentrierte sich mit seinem ganzen Willen auf diesen Stück Eisen.
»Mrs. J.«, wandte sich Pidge jetzt an Peggy und schüttelte eine kleine, türkisfarbene Schachtel. »Das da ist von Henry. Ein Peretti-Collier. Sehr hübsch. Was? Haben Sie was zu sagen?«
Pidge ging zu Peggy Jablonsky und nahm ihr die Socke aus dem Mund.
»In Wirklichkeit kennt ihr Dougie gar nicht, stimmt’s?«, sagte sie.
»Dougie... wer?« Pidge lachte.
»Tut uns nichts...«
»Nein, nein, nein, Mrs. J.«, erwiderte Pidge und stopfte seinem Opfer erneut den Mund. »Keine Anweisungen. Das hier ist unser Spiel. Mit unseren Regeln.«
Das kleine Kätzchen hüpfte fröhlich in den Papierhaufen umher, während die Geschenke aufgerissen wurden: die Diamant-Ohrringe, die Hermès-Krawatte und das Salatbesteck von Jensen. Jablonsky betete zu Gott, dass sie sich einfach die Sachen schnappen und verschwinden sollten. Dann hörte er Pidge mit gedämpfter Stimme etwas zu Hawk sagen. Das Blut pochte so heftig in seinen Ohren, dass er Pidges Worte nur mit Mühe verstehen konnte.
»Und? Schuldig oder nicht schuldig?«, erkundigte sich Pidge.
Hawks Stimme hatte einen nachdenklichen Klang. »Die J.’s führen ein schönes Leben, und wie heißt es so schön: ›Living Well is the Best Revenge.‹ Also, wenn dieses Leben hier die beste Vergeltung sein soll...«
»Du willst mich verarschen, Kumpel. Das ist doch totaler Quatsch.«
Pidge machte einen Schritt über den Kissenbezug hinweg, in dem sich die Sachen aus dem Safe der Jablonskys befanden. Er legte das von Ray Bradbury verfasste Buch auf den Lampentisch, klappte es auf, nahm sich einen Stift und schrieb etwas auf das Titelblatt.
Dann las er vor: »Sic erat in fatis, Mann. So war es vorherbestimmt. Schnapp dir die Katze und lass uns verschwinden.«
Hawk beugte sich nach vorne und sagte: »Sorry, Kumpel, Mrs. Kumpel.« Dann zog er die Socke aus Jablonskys Mund. »Sag tschüs zu Peggy.«
Henry Jablonskys Geist versuchte zu verstehen. Was? Was war da los? Und dann kam die Erkenntnis. Er konnte sprechen! Er kreischte »Peeegg-yyyy«, als der Weihnachtsbaum in einen hellgelben Schein getaucht und dann von einer gewaltigen Flamme verschlungen wurde.
WUUUUUMMMMM.
Eine gewaltige Hitze setzte ein, und die Haut auf Henry Jablonskys Wangen wurde trocken wie Papier. Dicke Rauchwolken quollen zur Decke empor, breiteten sich aus und sanken kräuselnd wieder zu Boden. Es wurde dunkel.
»Lasst uns nicht allein!«
Er sah, wie die Flammen an den Vorhängen emporzüngelten, und hörte die erstickten Schreie seiner geliebten Frau, während die Haustür krachend ins Schloss fiel.
Erster Teil
Blauer Mond
1
Wir saßen nahe dem Point Reyes National Seashore, einem spektakulären Naturschutzgebiet et wa eine Stunde nördlich von San Francisco, im Kreis um die Feuerstelle hinter dem Häuschen, das wir übers Wochenende gemietet hatten.
»Lindsay, gib mir dein Glas«, sagte Cindy.
Ich probierte die Margarita - sie schmeckte gut. Yuki stocherte in den Austern auf dem Grill herum. Meine Border-Collie-Hündin, Sweet Martha, seufzte und legte die Vorderbeine übereinander, während das Feuer zuckende Schatten auf unsere Gesichter warf und die Sonne im Pazifik versank.
»Ich war noch ganz frisch in der Gerichtsmedizin«, sagte Claire gerade, »und deshalb hatte ich keine Wahl. Ich musste auf dieser wackeligen, altersschwachen Leiter bis ganz nach oben auf den Heuboden steigen, und zwar nur mit einer Taschenlampe bewaffnet.«
Yuki musste husten, weil der Tequila sich in ihre Luftröhre verirrt hatte. Keuchend rang sie um Atem, während Cindy und ich ihr gleichzeitig zuriefen: »Schlucken!«
Claire klopfte Yuki auf den Rücken und fuhr fort.
»Es war schon schlimm genug, im Stockfinstern meinen Fünfziger-Hintern diese Leiter hochzuwuchten, während ständig irgendwelches Viehzeug um mich rumgeflattert ist. Dann habe ich plötzlich den Toten im Lichtkegel der Taschenlampe gehabt.
Seine Füße schwebten über dem Heu, und als ich ihn angeleuchtet habe, da hat es ausgesehen, als würde er schweben, so wahr mir Gott helfe. Augen und Zunge standen so weit vor wie bei einer Erscheinung.«
»Ach was.« Yuki lachte. Sie trug eine Pyjama-Hose und ein Sweatshirt mit dem Emblem der juristischen Fakultät der Universität Berkeley. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst und war schon nach der einen Margarita beschwipst, sodass sie eher wie eine Studentin wirkte als wie eine Frau, die auf die dreißig zuging.
»Also habe ich nach unten in die riesige, dunkle Scheune gebrüllt und zwei kräftige, erfahrene Männer hochkommen lassen, damit die Mr. Schwebezustand von den Dachbalken losschneiden und in einen Leichensack packen«, fuhr Claire fort.
Sie legte eine effektvolle Pause ein... und in diesem Augenblick klingelte mein Handy.
»Lindsay, nein«, flehte Cindy mich an. »Geh nicht ran.«
Ich warf einen Blick auf die Anruferkennung. Bestimmt mein Freund. Er war wahrscheinlich gerade nach Hause gekommen und wollte sich einfach nur melden. Aber es war nicht Joe, sondern Lieutenant Warren Jacobi, mein ehemaliger Partner und momentaner Vorgesetzter.
»Jacobi?«
Yuki rief: »Nicht aufhören, Claire. Kann gut sein, dass sie jetzt den ganzen Abend am Telefon hängt!«
»Lindsay? Also gut«, sagte Claire und setzte ihre Erzählung fort. »Später habe ich dann den Leichensack wieder aufgemacht... und da kam eine Fledermaus aus den Kleidern des Toten herausgeflattert. Ich hab mir in die Hose gemacht vor Schreck«, quietschte Claire hinter mir. »Richtig in die Hose gemacht!«
»Boxer? Bist du noch dran?«, hörte ich Jacobis barsche Stimme aus dem Telefon kommen.
»Ich habe frei«, knurrte ich zurück. »Heute ist Sonnabend, schon vergessen?«
»Das hier wird dich interessieren. Falls nicht, brauchst du’s bloß zu sagen, dann kriegen Cappy und Chi den Fall.«
»Worum geht’s denn?«
»Der größte Hammer überhaupt, Boxer. Es geht um den jungen Campion. Michael.«
2
Kaum hatte er Michael Campion erwähnt, fing mein Puls an zu rasen.
Michael Campion war kein normaler Junge. Er besaß für Kalifornien die gleiche Bedeutung, die John F. Kennedy für die ganze Nation besessen hatte. Als einziges Kind des ehemaligen Gouverneurs Connor Hume Campion und seiner Frau Valentina war er in eine Welt des unfassbaren Reichtums hineingeboren worden. Darüber hinaus war er mit einem irreparablen Herzfehler zur Welt gekommen und hatte von Anfang an ein Leben auf Zeit geführt.
Fotos und Nachrichtensendungen hatten dafür gesorgt, dass Michaels Leben ein Teil unseres eigenen Lebens geworden war. Er war ein süßes Baby gewesen, ein frühreifes und hoch begabtes Kind und ein gut aussehender Teenager, witzig und klug zugleich. Sein Vater hatte die Rolle des Sprechers der American Heart Association übernommen, und Michael war ihr von allen Seiten bewundertes Aushängeschild geworden. Und während die Öffentlichkeit Michael kaum zu sehen bekam, so sorgten sich doch alle Menschen um ihn und hofften, dass eines Tages ein medizinischer Durchbruch gelingen und Kaliforniens »Junge mit dem gebrochenen Herzen« endlich das bekommen konnte, was für die meisten Menschen selbstverständlich war - ein uneingeschränktes Leben voller Energie und Kraft.
Dann, irgendwann im Januar diesen Jahres, hatte Michael seinen Eltern eine gute Nacht gewünscht, und am nächsten Morgen war sein Bett leer gewesen. Es gab kein Erpresserschreiben. Kein Anzeichen für eine Straftat. Aber eine nicht verriegelte Hintertür. Michael war verschwunden.
Sein Verschwinden wurde als Entführung behandelt, und das FBI leitete eine landesweite Suchaktion ein. Das San Francisco Police Department führte eigene Ermittlungen durch, befragte Familienmitglieder und Angestellte, Michaels Lehrer und Schulfreunde sowie auch seine virtuellen Freunde im Netz.
Die Telefon-Hotline wurde von Anrufern überschwemmt, die alle Michael irgendwo gesehen zu haben glaubten, und ständig waren auf den Titelseiten der San Francisco Chronicle und der großen überregionalen Zeitschriften Fotos von ihm abgebildet, die die gesamte Zeitspanne von seiner Geburt bis zur Gegenwart abdeckten. Zahlreiche große und kleinere Fernsehsender brachten Sondersendungen über das todgeweihte Leben des Michael Campion.
Die Spuren waren jedoch alle im Sand verlaufen, und nachdem sich monatelang kein Entführer gemeldet hatte und keinerlei Hinweis auf Michaels Verbleib aufgetaucht war, hatten Terroranschläge, Waldbrände, Politik und neue Gewaltverbrechen die Michael-Campion-Geschichte von den Titelseiten verdrängt.
Die Akte war zwar noch nicht geschlossen worden, aber alle gingen vom Schlimmsten aus. Dass eine Entführung auf grässliche Weise fehlgeschlagen war. Dass Michael Campion während seiner Geiselhaft gestorben war und dass die Kidnapper seine Leiche irgendwo vergraben und dann Hals über Kopf das Weite gesucht hatten. Die Bürger der Stadt San Francisco trauerten gemeinsam mit seinen berühmten und allseits beliebten Eltern um Michael, und obwohl die Öffentlichkeit ihn nie vergessen würde, war sein Leben für sie bereits abgeschlossen.
Jetzt, durch Jacobis Anruf, keimte in mir die Hoffnung, dass dieses schaurige Rätsel auf die eine oder andere Weise gelöst werden konnte.
»Ist Michaels Leiche gefunden worden?«, wollte ich wissen.
»Nein, aber wir haben einen vertrauenswürdigen Hinweis bekommen. Endlich.«
Ich presste mir das Handy mit voller Kraft ans Ohr. Sämtliche Geistergeschichten und der erste Jahresausflug des Women’s Murder Club waren vergessen.
Jacobi sagte: »Falls du den Fall haben willst, Boxer, dann komm zu mir ins Justiz...«
»Ich bin in einer Stunde da.«
3
Ich schaffte die einstündige Fahrt ins Justizgebäude, in dem auch das Polizeipräsidium untergebracht ist, in fünfundvierzig Minuten, lief die Treppe hinauf in den zweiten Stock und betrat auf der Suche nach Jacobi den Bereitschaftsraum.
An der Decke des zwölf mal zwölf Meter großen, offenen Raums flackerten Neonröhren und verliehen den Beamten der Nachtschicht, ein Aussehen, als seien sie frisch dem Grab entstiegen. Ein paar der älteren zogen die Augenbrauen hoch und sagten: »Alles klar, Sarge?«, während ich mich Jacobis verglastem Eckbüro mit freiem Blick auf die Auffahrtrampe zum Freeway 280 näherte.
Mein Partner, Richard Conklin, war auch schon da: dreißig Jahre alt, einen Meter siebenundachtzig groß, ein schnuckeliger, breitschultriger US-Amerikaner vom Scheitel bis zur Sohle. Eines seiner langen Beine lag auf dem Rand der Müllkippe, die eigentlich Jacobis Schreibtisch war.
Ich zog mir den anderen Stuhl heran, stieß mit dem Knie dagegen, fluchte laut und überzeugend, und Jacobi kicherte: »Sehr damenhaft, Boxer.« Ich setzte mich und dachte, dass dieses Büro einmal ein funktionstüchtiger Arbeitsplatz gewesen war, damals, als es noch mir gehört hatte. Ich setzte meine Baseballmütze ab und schüttelte meine Haare aus. Dabei hoffte ich inständig, dass die beiden keine Tequila-Fahne riechen konnten.
»Was haben wir für eine Spur?«, sagte ich ohne Vorspiel.
»Einen Hinweis«, erwiderte Jacobi. »Von einem anonymen Anrufer mit einem Prepaid-Handy, das sich selbstverständlich nicht zurückverfolgen lässt. Der Anrufer behauptet, er hätte den jungen Campion in der Nacht, in der er verschwunden ist, in ein Haus am Russian Hill gehen sehen. In diesem Haus wohnt eine Prostituierte.«
Als Jacobi ein paar Sachen auf seinem Schreibtisch beiseiteschob, um die Strafakte der Prostituierten aufzuklappen, musste ich daran denken, welches Leben Michael Campion zum Zeitpunkt seines Verschwindens geführt hatte.
Ein Leben ohne Dates, ohne Partys, ohne Sport. Sein Alltag hatte ausschließlich darin bestanden, tagtäglich in die exklusive Newkirk Preparatory School und wieder zurück chauffiert zu werden. Also klang es wirklich nicht allzu verrückt, dass er bei einer Prostituierten gewesen war. Wahrscheinlich hatte er seinem Fahrer ein hübsches Trinkgeld gegeben und war für ein, zwei Stunden seinem plüschig-weichen Gefängnis aus Elternliebe entronnen.
Aber was war danach geschehen?
Was war Michael zugestoßen?
»Warum ist dieser Hinweis glaubwürdig?«, sagte ich zu Jacobi.
»Der Anrufer hat ein Kleidungsstück von Michael beschrieben, eine ganz bestimmte aquamarinblaue Skijacke mit einem roten Streifen am Ärmel. Michael hatte sie zu Weihnachten bekommen, und sie ist in der Presse kein einziges Mal erwähnt worden.«
»Und warum hat der Tippgeber drei Monate lang gewartet?«, wollte ich von Jacobi wissen.
»Ich kann dir auch nur das sagen, was er zu mir gesagt hat. Angeblich hat er das Haus der Prostituierten gerade verlassen, als Michael angekommen ist. Und dass er bis jetzt geschwiegen hat, weil er Frau und Kinder hat. Dass er nicht in das ganze Theater mit hineingezogen werden wollte, aber dass sein Gewissen ihm keine Ruhe lässt. Hat ihn wohl lange genug gepiesackt, schätze ich.«
»Russian Hill ist aber eine gute Gegend für eine Professionelle«, sagte Conklin.
Da hatte er Recht. Vielleicht eine Mischung aus French Quarter und South Beach. Und dazu noch in unmittelbarer Nähe zur Newkirk School. Ich holte ein Notizbuch aus meiner Handtasche.
»Wie heißt die Frau?«
»Ihr Geburtsname lautet Myrtle Bays«, sagte Jacobi und reichte mir ihre Akte. Das beigefügte Fahndungsfoto zeigte eine junge, mädchenhaft wirkend Frau mit kurzen, blonden Haaren und riesigen Augen. Laut Geburtsdatum war sie zweiundzwanzig Jahre alt.
»Vor ein paar Jahren hat sie ihren Namen aber amtlich ändern lassen«, fuhr Jacobi fort. »Heute heißt sie Junie Moon.«
»Dann ist Michael Campion also zu einer Nutte gegangen«, sagte ich und legte die Akte zurück auf seinen Schreibtisch. »Wie lautet deine Theorie, Jacobi?«
»Dass der Junge ›in flagranti delicto‹ verstorben ist, Boxer. Auf Deutsch: beim Vollzug des Geschlechtsaktes. Falls dieser Hinweis sich bestätigen lässt, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass Ms. Myrtle Bays alias Junie Moon Michael Campion während dessen allererster Nummer umgebracht … und anschließend seine Leiche hat verschwinden lassen.«
4
Ein junger Mann Mitte zwanzig mit blonden Stachelhaaren und einem schwarzen Sakko kam pfeifend zu Junie Moons Haustür heraus. Conklin und ich saßen in unserem Streifenwagen und sahen zu, wie der Freier quer über die Leavenworth Street ging. Sein neuer BMW - ein top aktuelles Modell - entriegelte sich mit einem zwitschernden Geräusch.
Nachdem seine Heckleuchten um die nächste Ecke verschwunden waren, betraten Conklin und ich den Pfad, der zur Haustür dieses pastellfarbenen, viktorianischen Lebkuchenhauses führte. Überall blätterte der Putz ab, und es bestand dringender Renovierungsbedarf. Ich klingelte, wartete eine Minute und klingelte noch mal.
Dann ging die Tür auf, und wir blickten in das ungeschminkte Gesicht von Junie Moon.
Ich erkannte sofort, dass Junie keine gewöhnliche Nutte war. Sie strahlte eine blühende Frische aus, wie ich sie noch nie zuvor bei einem Freudenmädchen gesehen hatte. Ihr Haar war noch feucht vom Duschen... blonde Locken, die in einem dünnen Zopf endeten, den sie blau gefärbt hatte. Ihre Augen waren von einem tiefen, rauchigen Grau, und die Oberlippe ihres sinnlichen Mundes wurde von einer dünnen, weißlichen Narbe durchschnitten.
Sie war eine Schönheit, aber am meisten beeindruckte mich Junie Moons entwaffnend kindliche Ausstrahlung. Sie zog den Gürtel ihrer goldfarbenen Seidenrobe eng um die schmalen Hüften, als mein Partner ihr seine Dienstmarke zeigte, unsere Namen nannte und sagte: »Mordkommission. Dürfen wir reinkommen?«
»Mordkommission? Sie wollen zu mir?«, sagte sie. Ihre Stimme passte voll und ganz zu ihrer äußeren Erscheinung und war nicht einfach nur jung, sondern voller süßer Unschuld.
»Wir haben einige Fragen in Bezug auf eine vermisste Person«, sagte Rich und ließ sein charmantestes Aufreißerlächeln sehen.
Junie Moon bat uns herein.
Im Zimmer schwebte ein süßer Duft nach Lavendel und Jasmin, und das sanfte Licht stammte aus schwachen Glühbirnen unter seidenen Schirmen. Conklin und ich setzten uns auf ein mit Samt gepolstertes Zweiersofa, während Junie auf einer Ottomane Platz nahm und mit gefalteten Händen die Knie umfasste. Sie war barfuß, und ihr Nagellack besaß genau die gleiche blasse Korallenfarbe wie das Innere einer Muschel.
»Hübsch hier«, sagte Conklin.
»Danke. Ich habe es nur gemietet. Möbliert«, erwiderte sie.
»Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?«, wollte ich dann von Junie Moon wissen und zeigte ihr ein Foto von Michael Campion.
»Sie meinen in echt? Das ist doch Michael Campion, oder nicht?«
»Ganz genau.«
Junie Moons graue Augen wurden noch riesiger. »Ich habe Michael Campion noch nie im Leben gesehen.«
»Okay, Ms. Moon«, sagte ich dann. »Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, und zwar auf der Wache.«
5
Junie Moon saß uns im Verhörzimmer Nummer zwei, einem vier mal vier Meter großen, grau gekachelten Raum mit einem Metalltisch, vier Metallstühlen sowie einer an der Decke befestigten Videokamera, gegenüber.
Ich hatte zweimal nachgesehen, um absolut sicherzugehen. In der Kamera lag ein Videoband, und sie zeichnete alles auf, was in dem Raum geschah.
Junie trug jetzt eine weitmaschige, rosafarbene Strickjacke über einem Schnürmieder, dazu Jeans und Turnschuhe. Sie war ungeschminkt und sah - ohne Übertreibung - aus wie eine Zehntklässlerin.
Zu Beginn der Befragung hatte Conklin Junie Moon in charmantem, respektvollem Ton - »ist wirklich nichts Besonderes« - über ihre Rechte aufgeklärt. Sie setzte ohne zu murren ihre Unterschrift unter den Vordruck, aber trotzdem... Ich hatte ein ganz ungutes Gefühl dabei. Junie Moon stand nicht unter Arrest. In solchem Fall mussten wir sie nicht über ihre Rechte aufklären, und Conklins Warnung hätte leicht dazu führen können, dass sie uns wichtige Dinge verschwieg. Aber ich schluckte meinen Groll hinunter. Was geschehen war, war geschehen.
Junie hatte um einen Kaffee gebeten und nippte an ihrem Pappbecher, während ich einen erneuten Blick in ihre Strafakte warf. Ich sprach sie auf ihre bislang drei Festnahmen wegen Prostitution an, und sie sagte, dass sie seit ihrer Namensänderung kein einziges Mal mehr festgenommen worden sei.
»Ich fühle mich wie ein neuer Mensch«, sagte sie.
An ihren Armen waren keine Einstichstellen, keine blauen Flecken zu erkennen, und das machte das Ganze noch unverständlicher. Was war da los? Was steckte dahinter?
Warum wurde ein hübsches Mädchen wie Junie zur Nutte?
»Den Namen habe ich aus einem alten Film mit Liza Minelli«, erzählte sie Conklin gerade. »Er heißt Tell Me That You Love Me, Junie Moon. Und viele meiner Kunden wollen ja auch, dass ich ihnen sage, dass ich sie liebe«, meinte sie mit schwermütigem Lächeln.
Conklin schob eine leuchtend braune Haarsträhne vor seinen teuflisch glänzenden braunen Augen beiseite. Ich war mir sicher, dass Rich weder den Film gesehen noch das Buch gelesen hatte. »Ach, tatsächlich?«, sagte er. »Das ist cool.«
»Also, Junie«, übernahm ich das Wort. »Die meisten Ihrer Kunden besuchen die Prep-School?«
»Seien Sie bitte ganz ehrlich zu mir, Sergeant Boxer: Soll ich mir einen Anwalt besorgen? Ich glaube nämlich, Sie wollen behaupten, dass ich Sex mit Minderjährigen habe, aber das stimmt nicht.«
»Lassen Sie sich immer den Führerschein zeigen, bevor Sie die Hose ausziehen?«
»Wir interessieren uns nicht für Ihre... äh... sozialen Aktivitäten, Junie«, schaltete Conklin sich ein. »Wir interessieren uns nur für Michael Campion.«
»Ich hab’s Ihnen doch schon gesagt«, erwiderte sie, und ihre Stimme zitterte nur ganz leicht. »Ich habe ihn noch nie gesehen, und ich glaube, das hätte ich bestimmt nicht vergessen.«
»Ich kann Sie verstehen«, sagte ich. »Wir machen Sie ja auch gar nicht dafür verantwortlich. Wir wissen, dass Michael krank war. Vielleicht hat ihn sein Herz einfach im Stich gelassen, während er mit Ihnen zusammen war...«
»Er war nicht mein Kunde«, beharrte Junie. »Ich hätte mich geehrt gefühlt, verstehen Sie, aber so war es nicht.«
Conklin knipste sein betörendes Lächeln aus und sagte: »Junie. Helfen Sie uns, und wir lassen Sie und Ihr Geschäft in Ruhe. Aber wenn Sie weiter mauern, dann macht das Sittendezernat kurzen Prozess mit Ihnen.«
Zwei Stunden lang spielten wir mit Junie Verstecken und wendeten dabei praktisch jede existierende, legale Verhörtechnik an. Wir gaben ihr das Gefühl der Sicherheit. Wir setzten sie unter Druck, logen sie an, bestärkten sie und drohten ihr. Aber auch danach leugnete Junie noch immer jede persönliche Bekanntschaft mit Michael Campion. Schlussendlich spielte ich unseren einzigen Trumpf aus und hieb zur Unterstreichung mit der flachen Hand auf den Tisch.
»Und wenn ich Ihnen jetzt verrate, dass wir einen Zeugen haben und dass dieser Zeuge bereit ist auszusagen, dass er gesehen hat, wie Michael Campion am Abend des 21. Januar Ihr Haus betreten hat? Und dass dieser Zeuge auf Michael gewartet hat, weil er ihn nämlich nach Hause fahren wollte?
Aber dazu ist es dann gar nicht gekommen, Junie, weil Michael nämlich Ihr Haus nicht wieder verlassen hat.«
»Ein Zeuge? Aber das ist ausgeschlossen«, erwiderte die junge Frau. »Das muss ein Irrtum sein.«
Ich wollte diese eine, armselige Spur auf keinen Fall verlieren, aber wir bekamen einfach nichts Substanzielles in die Hände. So langsam fing ich an zu glauben, dass Jacobis anonymer Tippgeber auch bloß so ein Dummschwätzer gewesen war, und überlegte mir ernsthaft, ob ich Jacobi nicht aufwecken und ihm mit ein paar gewählten Worten die Gehörgänge pfeffern sollte, da ließ Junie den Kopf sinken. Tränen schimmerten in ihren Augen, und ihr Gesicht wirkte plötzlich bekümmert und voller Trauer.
»Sie haben Recht, Sie haben ja Recht, und ich halte es einfach nicht mehr länger aus. Schalten Sie das Ding da aus, dann erzähle ich Ihnen, was passiert ist.«
Ich tauschte ein paar verdutzte Blicke mit Conklin. Dann erwachte ich aus meiner Erstarrung und schaltete die Videokamera aus. »Die ganze Wahrheit kann nie schaden«, sagte ich, und mein Herz machte ga-lopp, ga-lopp, ga-lopp.
Ich beugte mich nach vorne, die gefalteten Hände auf den Tisch gelegt.
Und Junie erzählte uns die ganze Geschichte.
6
»Es war genau so, wie Sie gesagt haben«, sagte Junie und blickte zu uns auf. Ihr Gesicht war von Angst und tiefem Schmerz gezeichnet.
»Michael ist also gestorben?«, fragte ich sie. »Er ist tatsächlich tot?«
»Kann ich von Anfang an erzählen?«, wandte sich Junie an Conklin.
»Na, klar«, meinte Rich. »Lassen Sie sich Zeit.«
»Wissen Sie, zuerst habe ich gar nicht gewusst, wer er ist«, sagte Junie. »Er hat sich unter einem falschen Namen angemeldet. Aber als ich ihm dann die Tür aufgemacht habe und er davor stand... oh, mein Gott. Der Junge aus der Seifenblase. Er war zu mir gekommen!«
»Was ist dann passiert?«, wollte ich wissen.
»Er war echt nervös«, sagte Junie. »Ist immer abwechselnd von einem Fuß auf den anderen getreten. Hat ständig zum Fenster geschaut, als hätte er Angst, dass ihn jemand beobachtet. Ich hab ihm was zu trinken angeboten, aber er hat nein gesagt und dass er alles ganz genau in Erinnerung behalten will. Er hat gesagt, er sei noch Jungfrau.«
Junie senkte den Kopf, und die Tränen quollen aus ihren Augen und fielen auf den Tisch. Conklin reichte ihr eine Schachtel mit Papiertüchern, und wir blickten einander erschüttert an, während wir warteten, bis sie fertig war.
Endlich sagte sie: »Viele Jungs sind noch Jungfrau, wenn sie zu mir kommen. Manchmal wollen sie, dass wir so tun, als hätten wir ein Date, und ich sorge dann dafür, dass es das beste Date ihres Lebens wird.«
»Das glaube ich sofort«, nuschelte Conklin. »Ist das auch bei Michael so gewesen? War es für ihn auch ein Date?«
»Ja, genau«, erwiderte Junie. »Und als wir ins Schlafzimmer gegangen sind, hat er mir seinen richtigen Namen verraten... und ich ihm meinen!
Das hat ihn total angeturnt, und dann hat er angefangen, mir von seinem Leben zu erzählen. Er hat viele Internet-Schachturniere gewonnen, haben Sie das gewusst? Und er hat sich überhaupt nicht wie eine Berühmtheit benommen. Er war total normal, sodass sogar ich das Gefühl hatte, wir hätten ein Date.«
»Haben Sie denn irgendwann auch Sex mit ihm gehabt, Junie?«, wollte ich wissen.
»Na ja, klar. Er hat das Geld auf das Nachttischchen gelegt, und ich habe ihn ausgezogen, und wir hatten gerade... Sie wissen schon... angefangen, da musste er plötzlich wieder aufhören. Er hat gesagt, er habe Schmerzen...« Junie legte die flache Hand auf die Brust. »Ich habe das mit seinem Herzen natürlich gewusst, aber ich habe gehofft, dass es bald vorbeigeht.«
Und dann brach sie zusammen, legte die Arme auf den Tisch, vergrub den Kopf in der Armbeuge und schluchzte, als hätte er ihr wirklich etwas bedeutet.
»Es ist immer schlimmer geworden«, stieß sie erstickt hervor. »Er hat gesagt: ›Ruf meinen Vater an‹, aber ich war wie gelähmt. Ich wusste auch gar nicht, wie ich seinen Vater anrufen sollte. Und selbst wenn, was hätte ich zu ihm sagen sollen? Dass ich eine Prostituierte bin? Sein Dad ist doch Gouverneur Campion. Der hätte mich doch lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt.
Also habe ich Michael in den Arm genommen und ihm Lieder vorgesungen«, erzählte Junie weiter. »Ich habe gehofft, dass es ihm dann besser geht.« Sie hob ihr tränenüberströmtes Gesicht. »Aber es ist immer schlimmer geworden.«
7
Conklins zuckende Kiefermuskulatur war das einzige sichtbare Zeichen dafür, dass Junies Geständnis ihn genauso unvorbereitet getroffen hatte wie mich.
»Wie lange hat es gedauert, bis er tot war?«, wandte er sich an Junie Moon.
»Ich weiß nicht. Vielleicht ein paar Minuten. Vielleicht ein bisschen länger. Es war grässlich, grässlich«, sagte Junie kopfschüttelnd. »Und dann habe ich meinen Freund angerufen.«
»Sie haben Ihren Freund angerufen?«, rief ich. »Ist der denn Arzt?«
»Nein. Aber ich hab ihn gebraucht. Also ist Ricky hergekommen, und da war Michael auch schon nicht mehr am Leben, und wir haben ihn in die Badewanne gelegt. Und dann haben Ricky und ich lange miteinander geredet und überlegt, was wir machen sollen.«
Ich hätte am liebsten laut gebrüllt: Du dämliche Kuh! Du hättest ihm das Leben retten können! Michael Campion könnte noch am Leben sein. Ich hätte sie am liebsten geschüttelt, ihrem Puppengesicht ein paar kräftige Ohrfeigen verpasst. Aber ich riss mich zusammen, lehnte mich zurück und überließ Conklin das Feld.
»Und was haben Sie mit seiner Leiche gemacht, Junie? Wo ist Michael jetzt?«
»Ich weiß nicht.«
»Was soll das denn heißen, Sie wissen es nicht?«, sagte ich, stand auf, veranstaltete einen ziemlichen Aufstand mit meinem Stuhl und drehte ein paar Runden um den Tisch.
Hastig redete Junie drauflos, als ob sie dadurch die ganze Geschichte endgültig loswerden konnte.
»Ein paar Stunden später hat Ricky dann gesagt, dass wir seine Leiche mit einem Messer in Stücke schneiden sollen. Das war das Grässlichste, was ich mir jemals hätte vorstellen können... und ich bin auf einem Bauernhof groß geworden! Ich habe mich die ganze Zeit übergeben und nur geheult«, sagte Junie, und dabei sah sie aus, als würde sie gleich wieder damit anfangen.
Ich zog meinen Stuhl wieder heran, pflanzte meinen Hintern auf die Sitzfläche und nahm mir fest vor, dieser kleinen Nutte keine Angst einzujagen, auch wenn sie selbst mich in markerschütterndes Entsetzen versetzt hatte.
»Aber als wir einmal angefangen hatten, gab es kein Zurück mehr«, fuhr Junie fort und blickte Conklin aus flehenden Augen an. »Ich habe Ricky geholfen, Michaels Leiche auf ungefähr acht Müllsäcke zu verteilen, und dann haben wir die Säcke einfach auf Rickys Pickup geladen. Es war ungefähr fünf Uhr morgens, und kein Mensch war in der Nähe.«
Ich starrte sie an und stellte mir dabei das Unvorstellbare vor: Diese kindliche Geschöpf - mit blutverschmierten Händen. Michael Campions Leiche, in blutige Stücke zerhackt.
Ich hörte Conklin sagen: »Mach nur weiter, Junie. Wir sind bei dir. Sprich es dir von der Seele.«
»Wir sind ein paar Stunden lang die Küste raufgefahren«, sagte Junie jetzt, und es klang, als würde sie sich an einen Traum erinnern. »Ich bin eingeschlafen, und als ich wieder aufgewacht bin, da hat Ricky gesagt: ›Hier ist Endstation.‹ Wir standen auf einem McDonald’s-Parkplatz, und in der hinteren Ecke waren ein paar Müllcontainer.
Da haben wir die Säcke reingeworfen.«
»Ich welcher Stadt? Wissen Sie das noch?«, erkundigte ich mich.
»Nicht so richtig.«
»Denken Sie nach!«, zischte ich sie an.
»Ich versuch’s ja.«
Junie gab uns Namen und Adresse ihres Freundes, und ich schrieb alles auf. Rich legte einen Schreibblock vor ihr auf den Tisch und bat sie um eine offizielle Aussage.
»Lieber nicht«, sagte sie und wirkte dabei erschöpft und ausgelaugt. »Und... bringen Sie mich jetzt nach Hause?«
»Lieber nicht«, gab ich zurück. »Stehen Sie auf, und legen Sie die Hände auf den Rücken.«
»Sie wollen mich verhaften?«
»Ganz genau.«
Selbst in der engsten Stellung hingen die Handschellen ihr noch lose um die Handgelenke.
»Aber... ich habe doch die Wahrheit gesagt!«
»Und das wissen wir auch zu schützen«, erwiderte ich. »Ganz herzlichen Dank dafür. Ich nehme Sie hiermit fest wegen Unterschlagung von Beweismitteln und Behinderung einer polizeilichen Ermittlung. Das müsste für den Augenblick genügen.«
Junie fing wieder an zu weinen und erzählte Conklin, wie sehr es ihr leidtat und dass es nicht ihre Schuld war. Ich sah in Gedanken eine Landkarte vor mir, stellte mir die vielen Küstenorte und die sechshundert McDonald’s-Restaurants in Nord-Kalifornien vor.
Und ich fragte mich, ob es überhaupt den Hauch einer Chance gab, Michael Campions sterbliche Überreste jemals wiederzufinden.
8
Es war kurz nach Mitternacht, und ich saß auf einem Küchenhocker und sah zu, wie Joe Pasta kochte. Joe ist ungefähr eins fünfundachtzig groß und ein kräftiger, traumhaft gut aussehender Mann. So, wie er da in blauen Boxer-Shorts, mit zerzausten Haaren und einem lieben Gesicht voller Schlaffalten am Herd stand, sah er schwer nach Ehemann aus. Und er liebte mich.
Ich liebte ihn auch.
Genau deshalb war er ja gerade erst aus Washington, D.C., nach San Francisco gezogen. Wir wollten unsere nervenaufreibende Fernbeziehung beenden und lieber gemeinsam etwas Neues, vielleicht sogar Dauerhaftes aufbauen. Und obwohl Joe eine fantastische Mietwohnung in der Lake Street gefunden hatte, hatte er einen Monat nach seinem Umzug seine Kochtöpfe mit Kupferboden angeschleppt, und seither verbrachten wir fünf von sieben Nächten gemeinsam in meinem Bett. Zum Glück hatte ich innerhalb meines Hauses eine größere Wohnung im zweiten Stock bekommen, sodass wir ein bisschen mehr Platz hatten.
Unsere Beziehung war durch seinen Umzug erfüllter und liebevoller geworden, genau, wie ich es mir erträumt hatte.
Daher musste ich mich fragen: Warum lag der Verlobungsring, den Joe mir geschenkt hatte, immer noch in seiner schwarzen Samtschachtel, warum durften die Edelsteine nur in der Dunkelheit blitzen?
Warum konnte ich nicht einfach »Ja« sagen?
»Was hat Cindy denn gesagt?«, wollte ich wissen.
»Wortwörtlich? Sie hat gesagt: ›Hier spricht Cindy. Lindsay hat eine heiße Spur im Campion-Fall und ist gerade unterwegs. SAG... IHR... SIE... hat unser Wochenende ruiniert. Ich rufe sie morgen früh an, und dann will ich ein Zitat von ihr, und zwar ein gutes.‹«
Ich lachte über Joes Cindy-Imitation. Sie ist nicht nur meine Freundin, sondern außerdem auch die Top-Gerichtsreporterin des San Francisco Chronicle.
»Entweder ich erzähle ihr alles«, erwiderte ich, »oder gar nichts. Und in diesem Fall eindeutig gar nichts.«
»Also dann, schieß los, Blondie. Ich bin sowieso hellwach.«
Ich holte einmal tief Luft und erzählte Joe die ganze Geschichte von Junie Moon - wie sie zwei Stunden lang alles abgestritten und uns dann gebeten hatte, die Kamera abzuschalten, wie sie über ihr »Date« mit Michael und seinen mutmaßlichen Herzanfall geredet hatte und wie sie Michael Campion, anstatt einen Notarztwagen zu holen, Schlaflieder vorgesungen hatte, während sein Herz zum Stillstand gekommen und er gestorben war.
»Oh, um Himmel willen.«
Hungrig sah ich zu, wie Joe für mich eine Schale mit Tortellini in brodo und für sich eine passende Schale mit Eiskrem bereitstellte.
»Wo ist die Leiche?«, wollte er dann wissen, zog sich einen zweiten Hocker heran und setzte sich neben mich.
»Das ist die Sechzig-Millionen-Doller-Frage«, erwiderte ich. Das war eine Anspielung auf die geschätzte Höhe des Vermögens der Campions. Dann erzählte ich Joe auch den Rest: Junies nebulösen Bericht über Michael Campions Zerlegung, die anschließende Fahrt an der Küste entlang und die schließliche Entsorgung der Leiche auf dem Hinterhof eines Fast-Food-Restaurants... irgendwo.
»Weißt du, als wir Junie auf die Wache gebracht hatten, da hat Conklin sie über ihre Rechte aufgeklärt«, sagte ich nachdenklich. »Ich habe mich richtig darüber geärgert.
 
 
 
1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe 2008 by James Patterson
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Limes Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
eISBN : 978-3-641-03303-3
 
www.limes-verlag.de
 
Leseprobe
 

www.randomhouse.de