Der Fall der Mauer - Frankfurter Allgemeine Archiv - ebook

Der Fall der Mauer ebook

Frankfurter Allgemeine Archiv

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Am Abend des 9.November 1989 kündigte das Mitglied des SED-Politbüros Günter Schabowski die anstehende Öffnung der Mauer an. Auf die Nachfrage, wann dies vonstatten gehen solle, antwortete der überforderte Schabowski, dass die Öffnung der Grenze "unverzüglich" erfolgen werde. Die Folgen sind bekannt. Vielfach in Vergessenheit geraten ist hingegen die Vorgeschichte. Ausgehend vom schleichenden Machtverlust der kommunistischen Parteien des Ostblocks, begannen auch die Bürger der DDR, die Frage nach der Legitimation der Macht zu stellen. Das vorliegende eBook zeichnet die Stationen des Zerfalls der DDR, vom "paneuropäischen Picknick" im ungarischen Sopron bis zur Entmachtung Honeckers und der Öffnung der Grenze nach. Es stellt noch einmal die wichtigsten Akteure vor und führt die Geschichte der innerdeutschen Grenze anhand von Analysen und Augenzeugenberichten vor Augen. Die Autoren: Stefen Locke, Rainer Blasius, Günther Nonnenmacher, Berthold Kohler, Frank Pergande u.a.

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Der Fall der Mauer

Fünf Monate, die die Welt bewegten

F.A.Z.-eBook 35

Frankfurter Allgemeine Archiv

Herausgeber: Dr. Jasper von Altenbockum

Redaktion und Gestaltung: Hans Peter Trötscher

Key Account Management Archivpublikationen:

Christine Pfeiffer-Piechotta [email protected]

Projektleitung: Franz-Josef Gasterich

eBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg

Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb: [email protected]

© 2014 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main.

Titelfoto: Barbara Klemm

ISBN: 978-3-89843-380-8

Vorwort

Auferstanden aus Ruinen

Die Mauer war eine Bankrotterklärung. Ihre Reste künden vom Triumph der Freiheit.

Von Berthold Kohler

Seit den Römern hatte auf diesem Kontinent niemand mehr eine Mauer von solcher Länge gebaut, nicht einmal Hitler. Der »Arbeiter-und-Bauern-Staat« aber richtete sie auf, zwei Monate nur nachdem Ulbricht die Absicht dazu noch bestritten hatte. Der »antifaschistische Schutzwall«, wie er später getauft wurde, sollte der Ost-Berliner Propaganda zufolge die friedliebende DDR vor den Horden des Revanchismus und Imperialismus aus dem Westen schützen, so wie früher der Limes das Römische Reich vor den Barbaren des Nordens. Jeder, der das Sperrwerk in Augenschein nehmen konnte, wusste jedoch, dass es gegen eine Bedrohung von innen gerichtet war. Zweck dieses wahrhaft eisernen Vorhangs war es nicht, die Panzer der Nato aufzuhalten, sondern Flüchtlinge aus der DDR, auch um den Preis ihres Lebens: »Grenzverletzer«, die die »Diktatur des Proletariats« im real existierenden Sozialismus nicht mehr ertrugen. In keinem anderen Bauwerk der DDR spiegelten sich ihre Lebenslügen so offen und brutal wider wie an dem Gefängniszaun an ihrer Westgrenze.

Mit dem Bau der Mauer leistete die Einparteiendiktatur der SED schon zwölf Jahre nach Gründung der DDR ihren Offenbarungseid. Segment für Segment, Wachturm für Wachturm setzten die ostdeutschen Kommunisten sich selbst ein 1378 Kilometer langes Monument des moralischen, politischen und ökonomischen Bankrotts. Sie mussten einen Todesstreifen von der Ostsee bis zum Vogtland ziehen, um ihre Bürger daran zu hindern, aus einem Staat zu fliehen, der angeblich schon das Vorzimmer zum kommunistischen Paradies darstellte. Weil dem Sozialismus mit deutschem Antlitz die Menschen in Scharen davonliefen, blieb ihm keine andere Wahl, als sich selbst als das zu entlarven, was er wirklich war: ein Volksgefängnis. Die Palisade aus Beton und Stahl, die das Regime errichtete, konnte zwar nicht den Traum von der Freiheit aufhalten, aber doch jene, die ihn träumten.

Weg damit! Jubelnde Westberliner beobachten, wie Lücken in die Mauer gerissen werden. F.A.Z.-Foto: Barbara Klemm.

Die Ulbricht-Honecker-Linie war noch aus dem Weltall zu erkennen. Doch in der Bundesrepublik gab es nicht wenige, die dieses Symbol des Scheiterns und der Perversion einer politischen Idee geflissentlich übersahen. Das lag auch daran, dass im Westen bis in die Volkspartei SPD hinein viele noch vom Sozialismus als Gegenentwurf zur eigenen »kapitalistischen« Gesellschaftsordnung schwärmten, der in der DDR höchstens hier und da ein wenig aus dem Ruder gelaufen sei, in den Minenfeldern an der Grenze zum Beispiel. Unter Ostalgie litt der Westen lange vor dem Osten. Auch in der »BRD« lernte man mit der Monstrosität der Mauer zu leben. Am Schluss war man schon zufrieden damit, dass die SED die Selbstschussanlagen wieder abbaute. Diese Verstümmlungs- und Tötungsautomaten gingen selbst deutschen Pazifisten zu weit, die im Zweifel zwar lieber rot sein wollten, aber eben auch nicht tot.

So fiel die Mauer zur Überraschung des Westens. Was hätte man vorher auch tun sollen? Den Friedhofsfrieden gefährden? Die Bundesrepublik und ihre Verbündeten hatten sich mit der Spaltung Deutschlands und Europas arrangiert, manche mehr als das. Nicht selten war hierzulande die Meinung zu hören, Teilung und Mauer seien die gerechte Strafe für den Krieg. Ausnahme waren dagegen Schilder, die noch gesamtdeutsch denkende, also verdächtige Gestalten an der oberfränkischen »Grenze« zur DDR aufgestellt hatten: dass man sich hier, am angeblichen Ende der westlichen Welt, nicht am Rande Deutschlands befinde, sondern in seiner Mitte.

Das alles ist seit mehr als zwanzig Jahren Vergangenheit. Die Mauer verschwand bis auf wenige Reste. Niemand war wild darauf, das Monstrum, das nach Honecker noch in hundert Jahren, 2089, stehen sollte, vor Abriss und Verfall zu schützen. Die Mauer war nicht nur ein Schandmal für jene, die sie errichtet hatten, sondern auch eine unangenehme Erinnerung für diejenigen im Westen, die es in ihrem Schatten politisch ganz gut ausgehalten haben.

Auch ihre Nachfolgerin, die »Mauer in den Köpfen«, ist kaum noch zu erkennen, jedenfalls nicht bei den jungen Deutschen, die nach der Wiedervereinigung geboren wurden. Für die Generation Facebook spielt es so gut wie keine Rolle, ob einer aus Leipzig oder aus Lübeck kommt. Die »innere« Einheit ist für sie kein Thema mehr. Leider gilt das aber auch oft für Schießbefehl und Mauertote. Hitler lässt in den Lehrplänen nach wie vor nicht viel Platz für Honecker. Auch die Linkspartei, die es am besten wissen müsste, singt gern das Lied, dass der Nationalsozialismus an allem schuld gewesen sei, bis hin zur Mauer. Noch immer verklären ehemalige Diener des Regimes den Stasi-Staat, der sich einmauerte.

Doch endete die deutsche Unterdrückungsgeschichte nicht 1945. Das, was von der Mauer geblieben ist, kündet von vier Jahrzehnten weiterer Diktatur, aber auch von ihrem Untergang in einer friedlichen Revolution. Die erhaltenen Mauersegmente in Berlin und die Überreste, die entlang der ehemaligen Zonengrenze nun auch noch den Kampf gegen die Natur verlieren, gehören zu den schrecklichsten und zugleich zu den stolzesten Zeugnissen deutscher Geschichte. Auferstanden aus diesen Ruinen ist die Freiheit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2011

1989 – Der Weg zum Fall der Mauer

Schauplatz Sopron: Es war ein heißer Sommer

Am 19. August vor 25 Jahren fand bei Sopron das Paneuropäische Picknick statt. Ungarn öffnete damals seine Grenze zu Österreich, anschließend gab es kein Halten mehr für die DDR-Bürger. Der erste Stein aus der Berliner Mauer war damit herausgebrochen.

Von Stefan Locke

Beinahe andächtig stehen Anja und Axel Hering im Juli vor der Zugliget-Kirche im 12. Bezirk, einem Villenviertel Budapests. Sie machen Urlaub am Balaton und sind für einen Tag in die ungarische Hauptstadt gekommen. Axel Hering hat diesen Besuch lange geplant, er hat Dokumente und Zeitungsausschnitte mitgebracht, aber jetzt sind die Erinnerungen sofort wieder da: Dort standen die Zelte, hier die Rezeption, von da drüben guckte die Stasi. Zum ersten Mal sind beide zurück an dem Ort, an dem im Sommer vor 25 Jahren der Westen zum Greifen nah war.

Die großen Ferien in der DDR haben 1989 am 1. Juli, einem Samstag, begonnen. Es ist ein heißer Sommer; in den acht schulfreien Wochen brechen wieder Zehntausende DDR-Bürger auch nach Ungarn auf. Die meisten zuckeln in Trabant und Lada über Land oder fahren mit dem Zug, um für zwei, drei Wochen südliche Wärme und ein wenig westliches Flair zu genießen. In Ungarn aber gibt es diesmal nicht nur Pfirsiche, Melonen und Pepsi-Cola, sondern auch Gerüchte über Fluchtmöglichkeiten nach Österreich.

Dass Ungarn seine Sperranlagen abbaut, hatten viele DDR-Bürger im Frühjahr 1989 staunend im Westfernsehen gesehen. Der Zaun war marode, die Erneuerung zu teuer, also demontierten Soldaten mit Bolzenschneidern Stachel- und Signaldrähte. Am 27. Juni nehmen auch die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, das Gerät zur Hand und durchschneiden bei Siegendorf zwischen Eisenstadt (Österreich) und Sopron (Ungarn) fröhlich den Zaun. Die Bilder gehen um die Welt. In der DDR beantragen nun noch mehr Leute Visa für Ungarn.

Die Öffnung des Zauns an dieser Stelle ist jedoch nur symbolisch. Tatsächlich hat Ungarn mit dem Abbau der knapp 300 Kilometer langen Sperranlagen zuerst im Süden, an der Grenze zu Jugoslawien, begonnen. Im Nordwesten stehen sie nach wie vor. Auch deshalb wundert sich Stefan Biricz, als sich am 9. Juli drei DDR-Bürger am Gendarmerieposten im österreichischen St. Margarethen melden und berichten, aus Ungarn geflohen zu sein, und um Asyl bitten. »Das waren die Allerersten«, sagt Biricz, damals Bezirksgendarmerie-Kommandant für den Bereich Eisenstadt und zuständig für das »Flüchtlingswesen«.

Biricz läuft gelegentlich Patrouille an der Grenze; Flüchtlinge aber wurden hier zum letzten Mal 1956 gesehen, als sich 200 000 meist deutschsprachige Ungarn während des Aufstands in ihrem Land in den Westen absetzten. Dass sich in Ungarn etwas verändert, weiß Biricz. Welche Folgen das für den Ostblock und insbesondere die DDR haben wird, ahnt er erst, als im Juli 1989 täglich DDR-Bürger vor seinem Posten stehen: am 11. Juli ein Ehepaar mit Kind, am 12. Juli ein Mann, zwei Frauen, ein Kind, am 13. Juli zwei Männer und zwei Frauen, am 19. Juli ein Ehepaar mit zwei Kindern. Sie alle sind durch den Stacheldraht gekrochen, über Wiesen und durch Wald nach Österreich gerannt.

Die meisten von ihnen landen in Mörbisch, einer Gemeinde auf halbem Berg direkt an der Grenze. Unterhalb liegt der Neusiedler See, oberhalb wächst Wein in bester Südlage. Stefan Biricz hat alle Flucht- und Vorfälle des Sommers 1989 säuberlich notiert. Einige der Flüchtlinge werden von Verwandten aus Westdeutschland abgeholt, die anderen lässt er nach Aufnahme der Personalien mit Taxis oder Kleinbussen nach Wien zur westdeutschen Botschaft fahren, von wo sie in die Bundesrepublik weiterreisen; je Transfer zahlt die Botschaft 2000 Schilling in bar.

Zur gleichen Zeit hat Barbara Balázs im Budapester Konsulat der Botschaft der Bundesrepublik in der Nogradi-Straße 8 im 12. Bezirk alle Hände voll zu tun. Sie stammt selbst aus Sachsen, ist 1988 zu ihrem ungarischen Mann gezogen und hat in der Botschaft einen Job bekommen. Balázs bearbeitet Visa-Anträge ungarischer Bürger, die Urlaub in Deutschland machen wollen. Im Juli sind es bis zu 3000 Anträge am Tag; viele Ungarn kampieren vor dem kleinen Gebäude, um morgens die Ersten zu sein.

Unter sie mischen sich nun immer mehr DDR-Bürger, die ausreisen wollen, bald ist die Straße vor dem Konsulat dicht. »Wenn ich morgens zur Arbeit kam, sah ich, wie sich Leute in den umliegenden Vorgärten die Zähne putzten«, berichtet Balázs. Das kleine Konsulat kann den Ansturm nicht mehr bewältigen und wird für Besucher geschlossen. Für die Residenz des DDR-Botschafters, die um die Ecke liegt, interessiert sich kein Mensch. Im Gegenteil: Nun melden sich täglich DDR-Bürger im Hauptgebäude der bundesdeutschen Botschaft, das zwanzig Autominuten entfernt im Stadtteil Pest am anderen Donauufer liegt.

Vor dem Eingang stehen ungarische Polizisten, die Anweisung haben, DDR-Bürger wegzuschicken. Die Pförtner aber lassen jeden herein. Drinnen wird es eng; die Diplomaten räumen ihre Büros im hinteren Teil des Hauses, Feldbetten werden aufgestellt, im Garten Zelte. »Wir haben diesen Teil der Botschaft komplett den Flüchtlingen übergeben«, erzählt Zoltan Sipos. Er ist Fahrer und hat im Sommer 1989 lange Einkaufslisten abzuarbeiten. Anfang August kampieren 170 Fluchtwillige im Botschaftsgelände. Es fehlt an Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Kleidung, aber es gibt keine Supermärkte. »Ich bin den ganzen Tag durch die Stadt gefahren, um das Nötigste zu besorgen«, sagt Sipos. Doch die Solidarität ist groß: Budapester Bürger bringen Obst und Gemüse vorbei, werfen nachts Geldspenden durch den Zaun und nehmen Flüchtlinge bei sich auf.

In Leipzig erfahren Axel Hering und seine Freundin Anja über ARD und ZDF von den Vorgängen in Ungarn. Beide haben im Juni ihre Lehre abgeschlossen, er als Schlosser, sie als Finanzkauffrau. Sie sind 18 und 19 Jahre alt und haben längst vor, abzuhauen. Im September wollen sie noch heiraten, dann die Hochzeitsreise nach Rumänien zur Flucht nutzen; die Visa für Ungarn und Rumänien sind schon da. Beide fürchten, dass sich die DDR bald völlig abschottet. »Im Land war Stillstand, von Veränderung nichts zu spüren«, sagt Axel Hering. »Wir haben da keine Perspektive mehr gesehen.«

Zur gleichen Zeit erreicht András Schumicky in Budapest ein Hilferuf aus der deutschen Botschaft. Sie muss wegen Überfüllung mit DDR-Flüchtlingen schließen, ob die Malteser helfen können? Schumicky ist Unternehmer – Privatfirmen waren Ende der achtziger Jahre in Ungarn bereits erlaubt – und seit Frühjahr 1989 ehrenamtlicher Helfer des ungarischen Malteserhilfsdienstes, der gerade erst gegründeten, ersten kirchlichen Hilfsorganisation im Ostblock. »Wir waren noch ganz am Anfang«, erzählt er. »Wir hatten Herz und Liebe, aber keine Verpflegung, keine Zelte.«

Angeblich halten sich Anfang August allein in Budapest 30 000 zur Flucht entschlossene Ostdeutsche auf, unter ihnen nicht wenige, die bereits einen oder mehrere Versuche hinter sich haben. Zwar wird der Grenzzaun beseitigt, die Patrouillen aber werden verstärkt, und noch gilt – jedenfalls auf dem Papier – der Schießbefehl. Wer von den Grenzsoldaten erwischt wird, kommt meist nach einem Tag Haft oder der Aufnahme der Personalien wieder frei. Die DDR-Regierung protestiert, doch Ungarn beruft sich auf die Genfer Flüchtlingskonvention und schickt niemanden mehr in die DDR zurück.

Das ungarische Innenministerium gibt den Maltesern grünes Licht, solange es sich um humanitäre Hilfe und keine politische Aktion handelt. Das Lager errichten sie an der Budapester Zugliget-Kirche, wo sich immer mehr Ostdeutsche sammeln, seit Pfarrer Imre Kozma seine Gemeinde gebeten hat, Flüchtlinge aufzunehmen. Der Name Zugliget spricht sich unter Fluchtwilligen schnell herum. Österreichische Malteser liefern Zelte und Decken, aus Paderborn kommen drei Lastwagen mit Hilfsgütern und eine Feldküche. Bald drängen sich hier 700 Menschen. »Zwischen jedem Baum stand ein Zelt«, erzählt Schumicky. Sie erweitern das Lager auf einem oberhalb gelegenen Tennisplatz.

Immer mehr DDR-Bürger kommen die Straße hochgerannt, werfen ihr Gepäck über den Zaun, stürmen hinein. Niemand will an die Stasi geraten, die im Obergeschoss einer Villa direkt gegenüber Quartier nimmt und das Lager fotografiert. Die Malteser bauen Blendscheinwerfer auf; die DDR-Botschaft fährt mit einem Wohnwagen vor, aus dem sie »ihre« Bürger mit Hinweis auf Straffreiheit zur Rückkehr bewegen will. »Wir konnten die Leute gerade noch davor bewahren, den Wohnwagen umzuwerfen«, sagt Schumicky. Die Flüchtlinge verkünden, so lange zu bleiben, bis sie in den Westen ausreisen dürfen.

Unterdessen verhandelt die Bundesregierung seit dem 14. August mit Ungarn über die Ausreise der Flüchtlinge, die in der Botschaft ausharren. Die hygienischen Verhältnisse sind prekär. »Es musste schnell gehandelt werden«, erinnert sich Matei Hoffmann, der bis August dieses Jahres Botschafter in Ungarn und damals als Referent des Staatssekretärs an den Verhandlungen beteiligt war. Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist erkrankt, sein Amtskollege Gyula Horn sagt eine schnelle Lösung zu. Die, so stellt sich später heraus, spricht er nicht mit der Sowjetunion und schon gar nicht mit Ost-Berlin ab. »Ungarn war bereit, selbständig zu entscheiden«, sagt Hoffmann. Am 16. August steht fest: Die Flüchtlinge sollen mit dem Internationalen Roten Kreuz ausreisen.

Am 17. und 18. August werden in den Gemeinden am Neusiedler See Handzettel mit der Information über ein »Paneuropäisches Picknick am Ort des Eisernen Vorhangs« verteilt. Mit dem Europa-Abgeordneten Otto Habsburg und dem ungarischen Staatsminister Imre Pozsgay als Schirmherren soll am 19. August nördlich von Sopron für drei Stunden »eine einmalige, okkasionelle Grenzüberschreitung« für Ungarn und Österreicher möglich sein. Sopron (Ödenburg) ist von drei Seiten vom österreichischen Burgenland umgeben. Die Nachricht über die Grenzöffnung spricht sich bis an den Balaton herum.

In Mörbisch führt Gendarmerie-Kommandant Stefan Biricz seine Flüchtlingsliste fort: Bis zum 15. August hat er 157 DDR-Bürger registriert, in St. Margarethen sind es 44, in Siegendorf 56. Am 16. August kommen 21, tags darauf 34 und am 18. August 39 Flüchtlinge. Am 19. August soll er die Zufahrt zum Picknick von Österreich aus gewährleisten; die einstige Preßburger Straße ist schmal und in schlechtem Zustand, auf ungarischer Seite ist sie ein Feldweg. Die Grenze markiert hier ein Holztor, an dem links und rechts noch immer der Stacheldrahtzaun verläuft.

Um 15 Uhr, die Grenzbeamten beider Länder sind auf ihren provisorischen Posten, öffnet sich das Tor. »Mit einem Mal strömte aus Ungarn eine riesige Menschenmenge auf uns zu«, erzählt Biricz. »Sie kamen aus Sonnenblumen- und Maisfeldern hervor und stürmten die Grenze.« Jemand ruft: »Das sind alles Ostdeutsche!« Die Ungarn versuchen kurz, die Flüchtenden aufzuhalten, und sehen dann weg, die Österreicher kommen nicht dazu, zu kontrollieren. Biricz spricht zwei Flüchtlinge an. »Die sahen meine Uniform und rannten in Panik davon.« Kurz darauf holt er die Leute ein, sagt, dass sie in Österreich sind. »Da brach Jubel los.«

Biricz begleitet die gut 600 Flüchtlinge nach St. Margarethen, wo sie mit Wasser, Semmeln und Würsteln versorgt werden. Und er informiert die bundesdeutsche Botschaft in Wien über die Massenflucht. »Bei uns war Feriensaison, wir konnten so viele Personen nicht aufnehmen.« Noch am selben Abend werden alle Flüchtlinge abgeholt; Biricz steigt in jeden der neun Busse ein und sagt: »Ich wünsche Ihnen eine gute Reise nach Wien!« Ein ums andere Mal bricht sich der Jubel Bahn. »Wien, Wien, wir fahren nach Wien«, rufen die Leute. Am Abend notiert er weitere 62 »illegale Grenzübertritte« in seinem Bereich.

Auch in Budapest herrscht Erleichterung: Am 24. August fliegen alle Botschaftsflüchtlinge mit dem Roten Kreuz nach Wien aus. Im Flüchtlingslager Zugliget jedoch spitzt sich die Lage zu. »Die DDR-Leute haben kaum untereinander geredet«, sagt András Schumicky. »Sie waren misstrauisch, hatten Angst.« Die Ungewissheit nagt: Wird man sie doch zurückschicken? Hunderte Ehrenamtliche kümmern sich um die Flüchtlinge. Als Ende August die Sommerferien enden, belegen Hilfsorganisationen Pionierlager in Budapest und in Zanka am Balaton, wo sie Tausende Flüchtlinge aufnehmen.

In Mörbisch, wo Stefan Biricz jetzt täglich zwischen hundert und fünfhundert Flüchtlinge notiert, wird das Grenzgebiet nachts für Österreicher gesperrt. Einwohner kommen »Flucht gucken«, ihre Stimmen aber irritieren manche Flüchtlinge so, dass sie versehentlich nach Ungarn zurücklaufen. Einige Mörbischer engagieren sich daraufhin als Fluchthelfer, darunter auch Martin Sommer, damals stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde. Er fährt offiziell auf die ungarische Seite und verteilt Kopien mit Fluchtwegen, oft führt er ganze Gruppen gleich selbst durch den Wald hinüber. »Die Ungarn«, sagt Sommer, »haben alle Augen und Hühneraugen zugemacht.«

Am 31. August aber ist es damit vorbei. Sommer läuft mit dreißig Rostockern durch den Wald, als ihnen auf einmal ungarische Grenzer den Weg versperren. Die Flüchtlinge werden zurück an den Balaton ins Lager Zanka gefahren, Sommer kommt zum Verhör in die Kaserne des Grenzkommandos nach Sopron. »Sie wollten nur wissen, wie viel Geld ich genommen habe«, erzählt er. »Die wahre Antwort lautete: gar keins.« Er muss über Nacht in der Kaserne bleiben, tags darauf verurteilt ihn ein Schnellgericht »im Namen der Volksdemokratie« zu einem Jahr Einreiseverbot nach Ungarn.

In Leipzig haben Anja und Axel Hering am 6. September geheiratet, in zwei Wochen startet ihre Hochzeitsreise. Den 10. September, einen Sonntag, verbringen sie mit Baden am See. Am Abend verfolgen sie wieder die Nachrichten im Westfernsehen. »Da hörten wir, dass Ungarn am 11. September seine Grenzen für 24 Stunden öffnet, um das Flüchtlingsproblem zu lösen«, sagt Axel Hering. Für ihn und seine Frau steht fest: jetzt oder nie. Sie schnappen sich ihre gepackten Seesäcke, werfen noch das Nötigste obendrauf, packen Essen und Getränke in Einkaufstaschen und fahren zum Bahnhof. Der Nachtzug nach Budapest fährt um 0.36 Uhr. Sie kaufen zwei Fahrkarten.

18 Stunden fährt der Zug über Prag und Bratislava nach Budapest. Er ist vollgestopft mit DDR-Bürgern, die ebenfalls entschlossen sind, die letzte Chance zur Flucht zu nutzen. »Viele hatten nur einen kleinen Rucksack oder Plastebeutel dabei«, erzählt Axel Hering. Doch wer leichtes Gepäck hat, macht sich verdächtig und wird von Stasi-Mitarbeitern an der tschechoslowakisch-ungarischen Grenze aus dem Zug geholt. Herings haben Glück; ihre Seesäcke und Vorratsbeutel retten sie. Am Budapester Hauptbahnhof springen sie in ein Taxi, rufen dem Fahrer »Zugliget« zu.

Als sie gegen 19 Uhr an der Kirche ankommen, ist das Lager leer. »Zu spät, war unser erster Gedanke«, sagt Anja Hering. Sie laufen einem Malteser-Helfer in die Arme, der beruhigt sie: Es kommen neue Busse. Seit Ende August werden die Flüchtlinge aus den überfüllten Lagern an die ungarisch-österreichische Grenze gefahren, wo sie zu Fuß fliehen können. Auf der anderen Seite, in Österreich, warten bereits Busse westdeutscher Hilfsdienste, um sie in die Bundesrepublik zu bringen.

Und noch eine Neuigkeit erwartet die frisch vermählten Leipziger: Am 11. September hat Ungarn seine Grenzen komplett geöffnet, nicht nur für 24 Stunden. Über Nacht füllt sich das Zugliget-Lager abermals; am Morgen steigen auch Anja und Axel Hering in einen Bus, der sie im Konvoi mit anderen nach Österreich bringt. »Wir dachten bis zur letzten Minute, dass man uns noch rausholt«, sagt Axel Hering. Aber dann müssen sie nicht mal mehr über die Grenze laufen. »Wir fuhren erster Klasse in den Westen.« In Österreich steigt ein Fernseh-Team zu. »Freut euch mal«, ruft der Reporter. Es habe eine Weile gedauert, bis die Erleichterung spürbar war, sagt Hering.

In Mörbisch notiert Stefan Biricz, wie ab dem 11. September, null Uhr, eine unendliche Zahl von Trabis und Wartburgs über die Grenze bei Sopron nach Österreich und von dort weiter in die Bundesrepublik rollt. Am Straßenrand applaudieren Österreicher. »Ich bin froh, dass ich dabei sein konnte«, sagt Biricz. »Hier wurde Weltgeschichte geschrieben.« Die DDR-Regierung, die bereits Ende August von Gyula Horn über die Grenzöffnung informiert wurde, schränkt die Visa-Vergabe nach Ungarn drastisch ein. Wer jetzt noch fahren darf, bekommt in Anspielung auf die ordenverliebte Führung einen Witz mit auf den Weg: Wer freiwillig aus Ungarn in die DDR zurückkehrt, kriegt die Goldene Meise.

In Budapest öffnet im September die bundesdeutsche Botschaft wieder ihre Pforten, heute liegt sie im Burgviertel hoch über der Donau. Auch Barbara Balázs arbeitet noch hier. »Die Hilfe der Ungarn«, sagt sie, »kam von Herzen.« Und sie rissen damit den ersten Stein aus der Berliner Mauer. Am Platz des Paneuropäischen Picknicks bei Sopron, an dem die Grenze zwischen Ungarn und Österreich heute kaum noch zu erkennen ist, steht ein Denkmal mit der Inschrift: »Am 19. August öffnete ein unterdrücktes Volk das Tor seines Gefängnisses, um einem anderen unterjochten Volk zur Freiheit zu verhelfen.«

Anja und Axel Hering leben heute in der Nähe von Köln. Bei András Schumicky, der weiter für die Malteser arbeitet, bedanken sie sich mit einer Spende für die damalige Hilfe. Im Auto wartet ihre Tochter, sie ist zwölf Jahre alt und spielt mit dem Handy. »Für sie liegt 1989 so lange zurück, wie für uns damals 1964 unendlich weit weg war«, sagt ihr Vater. Vielleicht wird sie irgendwann verstehen, was ihre Eltern einst riskierten. Jetzt wollen sie sich erst mal Budapest ansehen. Dazu sind sie vor 25 Jahren nicht gekommen.

In Sopron wird Weltgeschichte gemacht: »Am 19. August öffnete ein unterdrücktes Volk das Tor seines Gefängnisses, um einem anderen unterjochten Volk zur Freiheit zu verhelfen.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2014

Schauplatz Prag: Angst und übergroße Hoffnung

Er war »Lagerleiter« der DDR-Flüchtlinge in Prag. Als Genscher kam, stand er direkt hinter ihm auf dem Balkon. Christian Bürger erzählt ein Stück deutscher Geschichte.

Von Stefan Locke

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