Blick in die Zukunft - Frankfurter Allgemeine Archiv - ebook

Blick in die Zukunft ebook

Frankfurter Allgemeine Archiv

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Welche Innovationen setzen sich durch und welche Branchen haben Zukunft? Wo entwickeln sich neue Märkte? Und wie sieht die Arbeitswelt künftig aus? Das eBook "Blick in die Zukunft" geht diesen Fragen nach und zeigt Trends und Szenarien für die Welt von morgen auf. Schwerpunkte der F.A.Z.-Beiträge in diesem eBook sind die prognostizierten Veränderungen der Märkte und Geschäftsfelder. Damit bietet es Führungskräften und Entscheidern in der Wirtschaft wertvolle Unterstützung bei strategischen Planungen an. Denn die Kenntnis der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf nationaler und internationaler Ebene sind notwendig, um in der globalen Wirtschaft zu bestehen. Wer in Zukunft Erfolg hat, darüber wird heute entschieden.

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Blick in die Zukunft

Trends und Szenarien für die Welt von morgen

F.A.Z.-eBook 34

Frankfurter Allgemeine Archiv

Projektleitung: Franz-Josef Gasterich

Produktionssteuerung: Christine Pfeiffer-Piechotta

Redaktion und Gestaltung: Birgitta Fella

eBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg

Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb: [email protected]

© 2014 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main.

Titelfoto: The Future City Skyline, iStockphoto.com

Titelgestaltung: Hans Peter Trötscher

ISBN: 978-3-89843-292-4

Vorwort

Blick zurück nach vorn

Von Birgitta Fella

In den kommenden Jahrzehnten wird das Wirtschaftswachstum weltweit abnehmen, prognostiziert eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Längst müssen sich Politik und Wirtschaft auf diese Zukunft vorbereiten. Denn wer die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf nationaler und internationaler Ebene nicht kennt und beachtet, kann in der globalen Wirtschaft kaum bestehen. Wer in Zukunft Erfolg hat, darüber wird heute entschieden.

Welche Innovationen setzen sich durch und welche Branchen haben Zukunft? Wo entwickeln sich neue Märkte? Und wie sieht die Arbeitswelt künftig aus? F.A.Z.-Autoren gehen diesen Fragen in diesem eBook nach und zeigen Prognosen, Trends und Szenarien für die Welt von morgen auf. Ob diese alle einmal Realität werden, hängt von vielen Faktoren ab. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass fiktive Ideen und Science Fiction in ihren Vorhersagen für die Welt von morgen den realen Entwicklungen sehr nahe gekommenen sind, aber oft kommt es auch ganz anders als gedacht.

Deshalb werfen wir hier zunächst einen Blick zurück und lassen zur Einstimmung auf uns wirken, was uns ein Buch von 1910 über die Welt von heute erzählt. Es folgen Beiträge über Innovationen und Zukunftstechnologien und über das Leben, Arbeiten und Wirtschaften in der Welt von morgen. Da der Blick in die Zukunft viel zu facettenreich für ein einzelnes Buch ist, geben wir Ihnen zum Abschluss Empfehlungen für weitere Bücher zur Vertiefung des Themas.

Wir wollen leider keine Weltmacht sein

Vor hundert Jahren machten sich zweiundzwanzig Autoren Gedanken darüber, was wohl das Jahr 2010 zu bieten hätte. Sie waren Träumer. Wir träumen mit.

Von Andreas Platthaus

An einer großen Straße in Leipzig gibt es ein kleines Antiquariat mit integriertem Café. Es hat Schwierigkeiten. Die Kundschaft ist nicht so zahlreich wie nötig, und sie kommt lieber zum Kaffeetrinken zwischen den Bücherstapeln als zum Kaufen. Zumal es nicht leicht ist, in der individuellen Ordnung des Besitzers etwas zu finden. Er selbst findet natürlich alles. Auch den Band, der ihm eigentlich die Miete des Folgemonats einspielen sollte. Für ein paar hundert Euro steht er im Internet. Da aber noch niemand angebissen hat, bietet er ihn dem an illustrierten Büchern interessierten Kunden an. Für sechzig Euro. »Im Internet, das war ein Versuch.«

Das Buch heißt »Die Welt in 100 Jahren«, und es ist 1910 in einem Berliner Verlag mit dem schönen Namen Buntdruck erschienen. Unter den zweiundzwanzig Autoren, die sich die Wunder des Jahres 2010 vorstellen, sind deutsche Berühmtheiten wie die Friedensaktivistin Bertha von Suttner, der sozialistische Theoretiker Eduard Bernstein oder der Kolonialpropagandist Carl Peters. Aber auch ausgewiesene fremdländische Experten wie der amerikanische Chemiker Hudson Maxim, der österreichische Schriftsteller Hermann Bahr oder der italienische Psychiater Cesare Lombroso kommen zu Wort – neben zahlreichen anderen Experten, die heute längst vergessen wären, hätten sie nicht für »Die Welt in 100 Jahren« geschrieben.

Die Zukunft ist tief verschleiert. Abbildung vom Titel des 1910 erschienenen Buches »Die Welt in 100 Jahren“. F.A.Z.-Foto Wolfgang Eilmes

Wie liest man ein Buch über die eigene Zeit, das vor hundert Jahren eine ernsthafte Prognose sein sollte, in dem also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander vermengt sind? Zunächst einmal als ein sehr schönes Buch. Illustriert hat es der 1879 geborene Maler Ernst Lübbert. Für die grüngoldene Titelgestaltung zeichnete er eine verhüllte Frau, die vor einem Sternenhimmel Erdball und Sanduhr hochhält: die personifizierte Zukunft, deren Schleier gelüftet werden soll. Der Nachdruck des Buchs im Jahr 2009 verzichtete darauf – wie auch auf die gezeichnete Sonne, die in den Seitenköpfen links jeweils auf- und rechts untergeht. Dazu kommen Lübberts Illustrationen, von denen sich später sowohl Friedrich Wilhelm Murnau für seinen Nosferatu-Film wie Fritz Lang für »Metropolis« anregen ließen. Es gibt sogar vereinzelte Fotos und eine zauberhaft naive Bildmontage, die zur Anschauung bringen soll, dass es einem Menschen, der sich schneller als das Licht bewegte, möglich wäre, die Vergangenheit zu erblicken. Auf dem Jupiter angekommen, sieht er Napoleon, vom Saturn aus sogar die Kreuzigung auf Golgatha.

Wir können nun aus dem Sessel zurückschauen und sehen, was geschehen sein soll. Wäre alles so gekommen, wie es im Buche steht, dann hätten wir im vergangenen Jahr die große Entscheidungsschlacht zwischen Asiaten und Europäern um die Vorherrschaft in der Welt erlebt. Entzündet hätte sie sich wie der Boxeraufstand von 1900 am Widerstand der Chinesen gegen westliche Einflüsse in ihrem Land, und das Ganze wäre denn auch mit einer konzertierten Strafaktion der Europäer beendet worden, die schon seit 1910 in Frieden miteinander leben sollten, obwohl Deutschland mittlerweile doppelt so viele Einwohner wie Frankreich haben müsste.

Indien stünde dafür immer noch bei lediglich vierhundert Millionen Menschen und wäre nach wie vor im Besitz der britischen Krone. Es ist bemerkenswert, dass keiner der Autoren eine Änderung der Gesellschaftsverhältnisse voraussagt, geschweige denn eine Minderung des europäischen Einflusses. Amerika hätte 2009 als neutrale Macht wohlwollend zugesehen, wenn die japanischen und chinesischen Städte von deutschen Zeppelinflotten zerbombt worden wären. Das von den Brüdern Wright 1903 erfundene Motorflugzeug hat keiner der Autoren 1910 ernst genommen.

Bei der Erörterung der Zukunft der Religionen fällt über den Islam kein einziges Wort. Antisemitismus ist gleichfalls kein Thema, aber wir hätten mittlerweile Konzentrationslager für Kriminelle, in denen es sich prächtig leben ließe; nur die Fortpflanzung wäre dort verboten. Aber da es sich dabei ohnehin um ein »der Menschen unwürdiges Mittel« handelte, »das die Natur in der Eile zusammengepfuscht hat«, käme der den Verbrechern abverlangte Verzicht sie wohl nicht allzu hart an. Wobei eine andere Autorin das »Zeitalter der Mutter« ausruft, in dem Frauen nicht mehr ins Joch der Ehe gespannt wären: »Wir schreiben ja jetzt das Jahr 2010, und die Zeit, in der das Höchste im Weibe so erniedrigt und so in den Staub gezerrt wurde, liegt hundert Jahre zurück.«

Die Verbreitung des Mobiltelefons hätte einige Jahrzehnte früher eingesetzt und das atomar begründete Gleichgewicht des Schreckens uns Frieden beschert. In der Europäischen Union, der längst auch Russland angehörte, genössen wir die Überlegenheit der weißen Rasse, die sich fortan nur einiger Aufstände von Negerstämmen in Afrika erwehren müsste. Zu schade, dass Deutschland dort England das koloniale Feld überlassen hätte. Wie schreibt doch Carl Peters so bescheiden dazu: »Die Leute in Deutschland, wie z. B. Carl Peters, welche unser Volk zu einer Weltmacht umzuschmelzen gedachten, blieben im Grunde stets Träumer.« Ein schöner Traum.

Vier Jahre nachdem die Europäische Union vorausgesagt und Kriege zwischen Nachbarn für unmöglich erklärt wurden, begann der Erste Weltkrieg. Am 29. August 1915 starb Ernst Lübbert bei einem deutschen Angriff an der russischen Front. Vielleicht überlebt wenigstens das kleine Antiquariat in Leipzig.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.8.2010

Innovationen und Zukunftstechnologie

Ringen um Vorherrschaft über Industrie 4.0

Weltweit geltende Standards entscheiden über den Erfolg neuer Technologien und Produkte. Die müssen für das industrielle Internet noch entwickelt werden.

Von Rüdiger Köhn

Wolfgang Heuring hat eine genaue Vorstellung von globaler Arbeitsteilung, wenn es um die große Herausforderung geht, das Geschäft mit dem Internet der Dinge und der digitalen Produktion aufzubauen. »Amerika ist das Land des Internets«, sagt der Leiter der Konzernforschung von Siemens. »Europa, besonders Deutschland hat die beste Landschaft für den Maschinenbau und die Automatisierungstechnik.« Wenn es gelänge, die bereits große installierte Basis von Maschinen zu verbinden und deren Daten intelligent auszuwerten, könnte ein enormer Zusatznutzen für Unternehmen sogar über verschiedene Branchen hinweg entstehen. Heuring wittert darin nicht nur ein großes Geschäft, sondern auch einen industriellen Vorsprung gegenüber Amerika.

Schöne neue Welt der vierten industriellen Revolution namens »Industrie 4.0« oder »industrielles Internet«. Maschinen produzieren nicht nur. Sie erfassen mit Sensoren auch Daten, die intelligent ausgewertet werden (Smart Data). Überall auf der Welt wird dieser Entwicklung so viel Bedeutung beigemessen wie der Erfindung der Dampfmaschine, der Fließbandproduktion und dem Einsatz von Robotern. Bei Heuring kommt so etwas wie Goldgräberstimmung auf: »Daten sind das Gold dieses Jahrhunderts«, sagte er jüngst auf einer Siemens-Konferenz über die digitale Fabrik. »Am Standort Deutschland haben wir die Chance, dem großen Google etwas entgegenzusetzen.«

Weniger gern spricht Heuring allerdings über eine Entwicklung, die sich gerade in Amerika, dem »Land des Internets«, abzeichnet. Sie hat das Zeug, zum Kampf um Standards und Systeme zwischen Kontinenten zu werden. Die Frage, ob sich Siemens an einer neu gegründeten Initiative in Amerika namens »Industrial Internet Consortium« (IIC) beteiligen würde, ließ er unbeantwortet. Heuring blieb einsilbig. Klaus Helmrich, Technologievorstand und von Oktober an Industriechef mit Schwerpunkt digitaler Fabrik im Siemens-Konzern, sagte nur: »Siemens verfolgt das aufmerksam und hat noch nicht entscheiden, ob eine Beteiligung in Frage kommt.«

IIC, erst Anfang dieses Jahres gegründet, hat sich zum Ziel gesetzt, Architekturen oder Plattformen für das industrielle Internet zu schaffen und den Entstehungsprozess für globale Standards zu beeinflussen. Das kann die Datensicherheit genauso betreffen wie neue Technologien für die Kommunikation zwischen Maschinen. Explizit sind Unternehmen, akademische Organisationen oder staatliche Stellen aus aller Welt eingeladen, sich an der Initiative zu beteiligen, die nicht gewinnorientiert ist.

Klingt altruistisch, ist es aber nicht. Denn mit der IIC könnten auch Maßstäbe gesetzt werden, die einmal überall auf der Welt gelten sollen. Das ist ein Zeichen dafür, wie jung die vierte industrielle Revolution noch ist. Schon immer hat es Positionskämpfe um die Erschließung neuer, vielversprechender Märkte gegeben. Selten haben am Ende eines solchen Machtkampfes mehrere nebeneinander laufende Systeme überlebt. In der Videotechnik in den siebziger Jahren blieb VHS (JVC, Panasonic) übrig, während Betamax (Sony) und Video 2000 (Philips, Grundig) verschwanden. Im vor zehn Jahren entbrannten Wettbewerb um eine neue DVD-Technologie setzte sich Blu Ray gegenüber HD-DVD durch. Wobei: Diese Beispiele sind von der Dimension einer Industrie 4.0 her gar nicht zu vergleichen.

Die Distanz von Siemens hat einen triftigen Grund. Konkurrent General Electric hat zusammen mit dem amerikanischen Telekomkonzern AT & T sowie Cisco Systems, IBM und Intel die IIC gegründet. In kurzer Zeit sind als Mitglieder japanische Unternehmen wie Toyota, Hitachi und Toshiba oder Samsung aus Korea beigetreten, ebenso der französische Siemens-Wettbewerber Schneider. Und nun steht neuerdings Bosch als bislang einziger deutscher Repräsentant auf der Mitgliederliste.

Vor dem Hintergrund solcher Namen steht die Gegenargumentation von Siemens-Chefforscher Heuring auf tönernen Füßen. »Entscheidend ist, was wir haben«, sagt er und meint die installierte Basis von Maschinen, auf der die Deutschen als Exportweltmeister im Maschinen- und Anlagenbau zurückgreifen können. Dahinter steckt die Vorstellung, dass sich Siemens stärker als GE auf dem Feld der digitalen Fabrik mit Automatisierung und virtueller Produktionssimulation etabliert sieht, die IIC-Initiative jedoch mehr auf das Feld der Sensorik oder des Umgangs mit riesigen Datenmengen (Big Data) abstelle – ein trügerisches Verständnis.

Der Forschungschef verweist zudem auf zahlreiche Kooperationen, die Siemens eingegangen ist und so ein eigenes Netzwerk bildet: mit dem französischen Netzwerkausrüster Atos, der Beratungsgesellschaft Accenture, dem amerikanischen Computersicherheitssoftware-Anbieter McAfee oder Teradata mit seinen Datenbankmanagement-Systemen. Nun ist auf wissenschaftlicher Seite ein Forschungsverbund mit den Universitäten in München und dem Fraunhofer Institut hinzugekommen. Ansonsten gibt es in Deutschland nur eine »Plattform Industrie 4.0«, hinter der die Verbände Bitkom (IT und Telekommunikation), ZVEI (Elektroindustrie) und VDMA (Maschinenbau) stehen, aber einer Allianz aus Amerika mit gewichtigen Namen nichts entgegenzusetzen hat.

Es gibt offenbar die Hoffnung, mit anderen großen Partnern in Europa einen Gegenpol zur IIC aufzubauen. Man beäuge sich und wolle sich nicht in die Karten schauen lassen, heißt es in Siemens-Unternehmenskreisen. Schließlich steht viel auf dem Spiel. Es geht um die Herrschaft über einen gigantischen Markt, der entsteht. GE hatte einmal in einer Analyse geschätzt, dass das Geschäft mit dem industriellen Internet in den nächsten zwanzig Jahren 10 bis 15 Billionen Dollar zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt beisteuern könnte, davon rund 2,8 Billionen Dollar in Europa. Die Unternehmensberatung McKinsey hat ausgerechnet, dass mit neuen digitalen Produktionstechnologien jährlich volkswirtschaftliche Vorteile von 2,7 bis 6,2 Billionen Dollar bis zum Jahr 2025 erzielt werden können, etwa über niedrigere Kosten, effiziente Produktionsmethoden oder geringere Umweltbelastungen. Und für Deutschland schätzt eine von »Plattform Industrie 4.0« in Auftrag gegebene Studie das Wertschöpfungspotential bis 2025 auf knapp 80 Milliarden Euro, mit dem Maschinen- und Anlagenbau (23 Milliarden Euro) als Hauptprofiteur.

Zukunftsmusik. Bis sich alles so weit entwickelt hat, wird es nach Ansicht des obersten Siemens-Forschers Heuring noch dauern. Das Ermitteln von Daten ist kein Thema mehr. Die von Siemens bislang gelieferten 8.000 Gasturbinen für Kraftwerke sind ebenso reichlich mit Messgeräten und Sensoren bestückt wie die 13.000 Windräder, die der Technologiekonzern an Land und im Meer aufgestellt hat. Und auch das Speichern solcher Daten ist kein Problem mehr. Rechnerkapazitäten gibt es genügend. Jeden Tag werden 2 Exabyte Informationen gesammelt; das sind 2000 Milliarden Megabyte, doppelt so viel, wie Informationen in allen gedruckten Büchern dieser Welt festgehalten sind.

Schwieriger ist es, diese gigantischen Datenmengen richtig auszuwerten und intelligente Schlussfolgerungen zu ziehen. Aus Big Data muss also Smart Data werden. Erst das eröffnet die Möglichkeit, schneller, flexibler und vielfältiger Produkte herzustellen, verschiedene Tätigkeiten und Branchen zu verknüpfen, wenn es etwa um Verkehrsmanagement und Automobilindustrie geht. Das kann aber auch in den Augen von Heuring noch dauern. Die ihm unterstellten 1800 Forscher und viele der insgesamt 17.000 Softwareentwickler im Siemens-Konzern arbeiten mit Hochdruck an den enormen Herausforderungen. Dabei entscheiden weltweit geltende Standards am Ende über Erfolg oder Misserfolg von Produkten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.7.2014

Blöd war gestern

Ein Zukunftskongress in Wolfsburg stellt neue Technologien aus Amerika vor. Sie sollen das Gehirn optimieren. Macht uns das klüger?

Von Stefan Schulz

Die Verteufelung der Religionen kennen wir, seit sich Richard Dawkins mit seiner Abarbeitung am egoistischen Gen zum Guru wissenschaftlicher Gewissheit aufschwang. Nun hören wir von seinen Jüngern. Sie wettern gegen eine neue »stille Religion« derjenigen, die »die Natur anbeten«. Es geht ihnen um »die Kontrolle über den eigenen Körper«, darum, »ihn dem eigenen Willen zu unterwerfen«. Er, der das sagt, der Amerikaner Tim Cannon, gilt als Cyborg-Hacker oder, wie er sich selbst nennt: »Technofetischist.« Am liebsten würde er mit Chips im Kopf seine Gefühle aus- und Konzentration einschalten können und die Welt durch die Augen seiner Kinder sehen. Doch das gehe nicht, »weil wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der unsere Körper uns gehören«. Cannon leidet, er wartet darauf, sich der Unberechenbarkeit seines Schicksals entledigen zu können.

Gary Lynch, Professor in Princeton, leidet auch, wartet aber nicht. Er hat Forschungsgelder und Kollegen mit Testaffen. Auch er kam zum Wolfsburger Zukunftskongress, um rund zweihundert Unternehmern davon zu berichten, womit sie in zehn Jahren zu rechnen haben. Zwar seien die jüngsten Ergebnisse seiner Hirnforschung noch nicht veröffentlicht, er hielt sie aber für berichtenswert: Erfahrungen lassen sich inzwischen aus Gehirnen extrahieren und in andere hineinkopieren. Da sie sich obendrein in Binärcode übersetzen ließen, könnte man sie auf dem Kopierweg noch anpassen. Warum also, war für Lynch nach seinen Erläuterungen eine legitime Anschlussfrage, sollte etwas dem Gehirnimplantat im Wege stehen, das diese Copy-Enhance-Paste-Aufgabe erledigt?

Das Publikum staunte über Lynchs Ideen und über den Elan, womit er sie vortrug. Es klang alles einfach, unkompliziert, fast alltäglich: »Wir wissen, wie Computer denken, weil wir sie gebaut haben.« Künstliche Intelligenz als Konstruktionsleistung, das klang logisch. Wenn man das menschliche Gehirn dekonstruiere, könne man auch dessen Intelligenz verstehen. Lynch erging sich in Visionen, er sprach über Implantate, Pillen und noch stille Hirnregionen, die er erwecken will. Dass nicht einmal ihre Konstrukteure von sich behaupten, moderne Computer zu verstehen, galt in Wolfsburg nicht. Die Teilnehmer der zweitägigen, bis zu 2.000 Euro teuren Veranstaltung suchten im Schlossgarten das visionäre Leiden, das Gefühl, dass noch mehr und Besseres komme, wenn man es nur zulasse. Noch, bedauerte Lynch, gebe es die Milliarden-Industrie der Verbesserungen menschlicher Körper und Geister nicht. Die Gesellschaft repariere noch, nenne das Medizin und knüpfe es an Notwendigkeiten.

Ist im menschlichen Gehirn mit dem Frontal Cortex (gelb eingefärbt), der für die Ausbildung einer charakterlichen Haltung wichtig ist, tatsächlich Platz für Implantate, die Gefühle und Konzentration steuern können? Und wie lassen sich Erfahrungen aus einem Gehirn extrahieren? Foto: Christian Burkert

Aber bald, das lag in der Luft, sollten andere Regeln gelten. In zehn Jahren, war sich auch Henrik Schärfe von der Universität Aalborg sicher, werden Kinder von Robotern von der Schule abgeholt. Sein Roboter-Ich hatte Schärfe mit auf der Bühne, eine Wachsfigur mit wachen Augen. Kein Wort darüber, dass Roboter schon heute am ehesten dort eingesetzt werden, wo kein Mensch hinwill. Nur ein Witz: Boston Dynamics, die fortschrittlichste Kriegsroboterfirma der Welt und in Besitz von Google, wollte eigentlich gar keinen laufenden und Ziegelsteine werfenden Roboter entwickeln, sagte Schärfe, sondern Militärkleidung in wirklichkeitstreuen Kriegsszenarien testen. Der tödliche Roboter als Nebenprodukt einer Materialforschung, die Menschen im Kampf länger am Leben lassen soll – diese Pointe zündete nicht recht. Die Fäden sollten lieber nicht zu eng verknüpft werden.

Die Gelegenheit, das Bild zu komplettieren, bot sich dennoch. Während in Wolfsburg Visionen vorgetragen wurden, sprach der amerikanische Unternehmer Elon Musk, der mit Elektroautos, ISS-Transportraketen und einer neuen Solarkraftinitiativen die Wirtschaftswelt in Atem hält, in einem Fernsehinterview über künstliche Intelligenz. Er ist an mehreren führenden Unternehmen beteiligt, ein Institut führt er gemeinsam mit Facebooks Mark Zuckerberg. Bei CNBC wurde er nach seinen Motiven gefragt. Es gehe ihm nicht um einen konkreten wirtschaftlichen Vorteil, sagte Musk, sondern darum, in der Erforschung der künstlichen Intelligenz zu wissen, was vor sich geht. Man könne schlicht nicht sagen, zu was die Forschung führe.

Da mit allem zu rechnen sei, müsse aktiv Sorge dafür getragen werden, dass die Ergebnisse positive seien, sagte Musk. Den schlimmsten Fall, den er sich denken könne, verglich er mit dem Film »Terminator«. Damit meinte er nicht die tödlichen Intentionen der Roboter, sondern die Schockwellen, mit denen sich unerwartete Entwicklungen in der Gesellschaft ausbreiten und sie über Nacht umkrempeln können. Mit diesem Überraschungspotential der Entwicklungen beschäftigte man sich in Wolfsburg nicht. Die deutsche Trend- und Zukunftsforschung blieb beim Berechenbaren und ergänzte Glaube und Hoffnung.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.6.2014

Ein Abgesang auf das Smartphone

In diesem Jahr werden vermutlich 1,2 Milliarden internetfähige Multimediahandys verkauft. Zukunftsforscher sagen dem Gerät das Ende voraus.

Von Thiemo Heeg

Der Mobile World Congress glänzte auch im Jahr 2014 mit vielen neuen Handys. Und doch enttäuschte die größte Mobilfunkmesse der Welt so manchen Beobachter. Selbst die Highlights sorgten allenfalls für gepflegte Langeweile. Marktführer Samsung etwa präsentierte stolz sein neues Spitzenmodell Galaxy S5. Doch revolutionäre Änderungen im Vergleich zum aktuellen Topgerät S4 sucht man vergeblich. Ein Fingerabdrucksensor und ein Herzschlagmonitor müssen ausreichen, damit Tech-Herzen höher schlagen.

Da passt es ins Bild, dass mancher bereits das Ende der Smartphone-Ära dämmern sieht. Die Media-Agentur-Gruppe Zenith-Optimedia, die zum Werbekonzern Publicis gehört, konfrontierte die Besucher mit dieser These: Künftig ist alles an das Internet angebunden. Wir sind jederzeit und überall von onlinefähigen Objekten umgeben. Ein spezielles Gerät wie das Smartphone braucht es da nicht mehr. Eine allzu steile These? In diesen schnell drehenden Zeiten ist die Prognose vielleicht gar nicht übermäßig gewagt. Smartphones gibt es zwar schon seit mehr als einem Jahrzehnt, aber erst mit dem komfortablen Modell iPhone hat das Geschäft richtig abgehoben. Sechs Jahre nach den iPhone-Start wurden erstmals mehr als eine Milliarde Smartphones verkauft, 2014 dürften es schon 1,2 Milliarden sein. Inzwischen hat das internetfähige Mobiltelefon mit Touchscreen das gewöhnliche Handy verdrängt. Ihm ist es zu verdanken, dass das Internet mobil und sozial geworden ist. Wer hätte vor sieben Jahren darauf gewettet?

Diese Mobiltelefone habe ihre Zukunft längst hinter sich. Nun sagen Zukunftsforscher auch dem Smartphone das Karriereende voraus. Foto: Daniel Pilar

Wenn schon in nicht einmal zehn Jahren die Entwicklung so rasant fortgeschritten ist, gehört zu einem Prognosezeitraum von 25 Jahren zwangsläufig ein wenig Science-Fiction dazu. Zenith-Optimedia hat für ein »Zukunftsprogramm 2038« sechs Schlüsseltrends ausgemacht. Das Internet, in dem alles angeschlossen ist (»Internet of Everything«), ist einer davon.

Für die Zukunftsauguren heißt das: Künftig sind wir umringt von Sensoren. Schon 2020 sollen 50 Milliarden »Objekte« an das Internet angebunden sein, also im Schnitt sieben pro Mensch. Sensoren begleiten uns dabei von unserem Zuhause zur Arbeit und in die Freizeit; sie sind im Auto, in der U-Bahn, in Supermärkten und am Arbeitsplatz zu finden. Diese Sensoren verbinden die Menschen untereinander, und sie sammeln Daten: wie wir leben und was wir tun.

Und was passiert mit den Daten, die diese Sensoren ermitteln? Heute noch ist alles konzentriert auf das kleine Gerät in unseren Taschen. Ob Online-Einkäufe, ob Trainingspläne, ob Navigationshilfen – alles läuft über das Smartphone. Bald angeblich nicht mehr: »Das Smartphone, wie wir es kennen, wird einfach nicht mehr nötig sein. Smartphones werden dann ersetzt von einer Vielzahl kleinerer Geräte, Bildschirme und Verbindungspunkte.« Vom Smartphone zur Smartcity, so verläuft nach Ansicht von Zenith die Entwicklung. Im Jahr 2050 lebten 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. In Städten, in denen drahtlose Sensor-Netzwerke die Daten dafür liefern, die meisten Aspekte des Lebens effizient zu managen.

Diese Vorhersagen sind allzu phantastisch? Kann gut sein. Fakt ist jedoch, dass die technologische Basis grundsätzlich gelegt ist. Vom »Internet überall« ist die Welt zwar noch ein paar Schritte entfernt. Nach und nach umgesetzt wird dafür das »Internet der Dinge«. Immer mehr Geräte – vom Kühlschrank bis zum Industrieroboter – gehen online. Und die großen Smartphone-Unternehmen konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf ihr vermeintliches Kerngeschäft, sondern gehen den Trend mit. Apple, Google, Blackberry und Nokia setzen ihre Hoffnungen auf den großen mobilen Computer: Jeder hat seine Handy-Software längst für den Einsatz im Kfz angepasst. Autos werden zu Smartphones auf Rädern, sie warnen sich gegenseitig vor Glatteis oder suchen im Parkhaus eine Parklücke. Die Technik dahinter bietet die Basis für dicke Geschäfte, und das in deutlich weniger als einem Vierteljahrhundert. Mit Services für das vernetzte Auto will Bosch binnen sechs bis acht Jahren ein »Milliardengeschäft« erzielen.

Allerdings könnte auch mancher Schritt auf dem Weg zur allumfassenden Vernetzung sich als Fehltritt entpuppen. Mit Nachdruck bewirbt Google derzeit seine Computerbrille Glass. Doch gegen diese Datenbrillen, mit denen sich unter anderem überall fotografieren und filmen lässt und möglicherweise sogar das automatische Erkennen von Gesichtern kein Problem mehr darstellt, regt sich Widerstand. Datenschützer warnen vor allgegenwärtiger Überwachung. Und selbst Tech-Fans glauben nicht an den Durchbruch: »Die Menschen wollen neue Technologien, aber sie soll unsichtbar sein«, sagt Mike Bell, der beim Chipkonzern Intel für die Zukunft zuständig ist, den Bereich neue Geräte.

Vielleicht hemmt gerade dieser Wunsch das Zenith-Szenario. Vielleicht ist es auch die schon jetzt virulente Sorge vor einer allumfassenden Überwachung. Und vielleicht wünschen wir uns in 25 Jahren sogar unser Smartphone wieder zurück.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.3.2014

3D-Drucker haben einen weiten Weg vor sich

Eine Minifabrik im eigenen Heim, die jedes gewünschte Objekt herstellt – es ist eine Zukunftsvision, die fasziniert. Aber wird sie jemals wahr?

Von Roland Lindner

Werden 3D-Drucker bald zu Standardgeräten in Privathaushalten, genauso wie Fernseher oder Kühlschränke? Avi Reichental zeigte sich davon noch vor kurzem felsenfest überzeugt. Der Vorstandsvorsitzende von 3D Systems, einem amerikanischen Hersteller solcher Geräte, sagte dem Fernsehsender »Fox Business« im Dezember 2013, die Frage sei eigentlich nur noch, in welchem Zimmer die Verbraucher ein solches Gerät unterbringen. In der Küche, im Hobbyraum oder im Kinderzimmer?

Nun aber hat 3D Systems der Euphorie einen Dämpfer versetzt. Im Februar 2014 gab das Unternehmen vorläufige Zahlen für das vergangene Quartal bekannt und korrigierte seine bisherige Gewinnprognose nach unten. Begründet wurde dies mit höheren Kosten für Forschung und Entwicklung sowie für Marketing und Vertrieb. Aber 3D Systems gab auch zu, dass die Nachfrage der Verbraucher schwächer als erwartet war. An der Börse, wo 3D Systems im vergangenen Jahr zu den Lieblingen gehörte und seinen Aktienkurs mehr als verdoppeln konnte, kehrte Ernüchterung ein. Der Kurs des Unternehmens stürzte innerhalb eines Tages um 15 Prozent ab, auch die Aktien von Wettbewerbern wie Stratasys verloren deutlich an Wert.

3D-Drucker stellen Objekte her, indem sie Schicht für Schicht Material hinzufügen. Sie bedienen sich einer digitalen Vorlage und verwenden Material wie Plastik, Metall oder Keramik. In der industriellen Fertigung sind 3D-Drucker schon seit langem im Einsatz, zum Beispiel bei Flugzeugbauern und Autoherstellern zur Entwicklung von Prototypen. Was dem Segment aber besonders viel Interesse beschert, sind die Verheißungen der Branche, dass 3D-Drucker zu einem Produkt für die breite Masse werden könnten. So ist 3D Systems zwar in erster Linie auf Geräte für den industriellen Einsatz spezialisiert, bietet aber verstärkt auch Drucker für den Hausgebrauch an.

Wettbewerber Stratasys kaufte im vergangenen Jahr für mehr als 400 Millionen Dollar das New Yorker Unternehmen Makerbot, das bekannt ist für seine bierkastengroßen »Replicator«-Geräte, die auch Endverbraucher ansprechen sollen. Sowohl 3D Systems als auch Makerbot versuchen derzeit, ihre Geräte erschwinglicher zu machen und damit ein breiteres Publikum anzulocken. Das war im Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu beobachten: Makerbot zeigte eine »Mini«-Version seines »Replicator«, die in Amerika 1.375 Dollar kosten soll, bisher liegt das billigste Gerät bei 2.199 Dollar. 3D Systems präsentierte den »Cube 3«, der sogar für weniger als 1.000 Dollar verkauft werden soll.

Terry Wohlers ist allerdings skeptisch, ob niedrigere Preise den Durchbruch zum Massenprodukt bringen. Der Präsident der auf 3D-Druck spezialisierten amerikanischen Beratungsgesellschaft Wohlers Associates sagt: »Der Preis ist gar nicht das Problem. Wir glauben einfach nicht daran, dass ein großer Teil der Verbraucher jemals eigene 3D-Drucker zu Hause haben wird. Selbst wenn man ihnen die Geräte schenken würde, würden sie diese wahrscheinlich nur wenig benutzen.« Abgesehen von Hobby-Bastlern und Technik-Fans werde es den meisten Menschen auch auf Dauer zu umständlich sein, ihre eigenen Objekte zu fertigen. Außerdem werde sie stören, dass Heimdrucker ihnen nur begrenzte Möglichkeiten liefern. Während die industriellen Maschinen zum Beispiel eine Reihe verschiedener Materialien einsetzen, arbeiten die heutigen Endverbrauchergeräte mit Plastik. Auch auf längere Sicht glaubt Wohlers nicht, dass die Drucker für den Hausgebrauch in der Lage sein werden, jeden gewünschten Gegenstand aus welchem Material auch immer zu produzieren. Die oft zu hörende Zukunftsvision, wonach Verbraucher eines Tages für jedes kaputtgegangene Bauteil von Haushaltsgeräten den Ersatz einfach selbst zu Hause an ihrem 3D-Drucker herstellen, hält er für unrealistisch.

Das heißt nicht, dass die Menschen kein Interesse an Produkten haben, die sie mit einem 3D-Drucker fertigen. Nur werden sie nach Meinung von Wohlers dabei überwiegend auf Dienstleister zurückgreifen, die mit professionellen Geräten arbeiten und entsprechend mehr Optionen anbieten können. Es gibt schon eine Reihe von Unternehmen, die sich auf diesen Service spezialisiert haben, etwa Shapeways aus New York oder Sculpteo aus Frankreich. Wohlers hält es auch für denkbar, dass der Online-Händler Amazon.com in dieses Geschäft einsteigen könnte.

Nachdem 60 Kameras gleichzeitig Fotos von allen Seiten gemacht haben, die der Computer zu einem digitalen Bild umgewandelt hat, schafft der 3D-Drucker das echte Ebenbild des Menschen aus Kunststoff. F.A.Z.-Foto: Helmut Fricke