Das 10. Gebot - Women's Murder Club - - James Patterson - ebook

Das 10. Gebot - Women's Murder Club - ebook

James Patterson

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Opis

Im Dunkeln lauert der Neid …

Detective Lindsay Boxer hat endlich geheiratet. Doch die Erinnerungen an ihre Hochzeit verblassen schnell, als sie mit den Ermittlungen in einem abscheulichen Verbrechen beauftragt wird: Ein junges Mädchen wurde angegriffen und schwer verletzt zurückgelassen, ihr neugeborenes Baby ist wie vom Erdboden verschluckt. Lindsay entdeckt nicht die geringste Spur vom Täter – und auch das Opfer scheint einige Geheimnisse zu bergen. Als weitere Angriffe auf Frauen die Stadt erschüttern, wächst der Druck, das Baby zu finden. Und Lindsay beginnt sich ernsthaft zu fragen, ob sie jemals eine Familie gründen sollte …

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MOBI

Liczba stron: 391




James Patterson

mit Maxine Paetro

Das 10. Gebot

Thriller

Deutsch von Leo Strohm

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Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »10th Anniversary« bei Little, Brown and Company, a division of the Hachette Book Group, Inc., New York

1. Auflage

© der Originalausgabe 2011 by James Patterson

Published by arrangement with Linda Michaels Limited, International Literary Agents

© der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Limes Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-08716-6V003

www.limes-verlag.de

Für Isabelle Pattersonund Madeline Paetro

Prolog

Mit Glockengeläut

1Heute war der Tag meiner Hochzeit.

In unserer Suite im Ritz in Half Moon Bay herrschte das Chaos. Meine besten Freundinnen und ich hatten uns bis auf die Unterwäsche ausgezogen und unsere Alltagskluft großflächig über die Möbel verteilt. Von den Fenster- und Türrahmen hingen Kleider in zarten Sorbetfarben.

Das Ganze sah aus wie ein Gemälde von Degas – Ballerinas kurz vor dem Öffnen des Vorhangs – oder vielleicht auch wie die romantisierte Vorstellung eines Bordells im Wilden Westen. Es wurden Witze gerissen. Sorglose Leichtigkeit lag über allem – und dann ging die Tür auf, und meine Schwester Catherine trat ein. Sie hatte ihre tapfere Miene aufgesetzt: ein schmales Lächeln, doch der Schmerz war in den Augenwinkeln erkennbar.

»Was ist denn los, Cat?«, fragte ich sie.

»Er ist nicht da.«

Ich blinzelte, versuchte, das scharfe Stechen der Enttäuschung zu ignorieren. Dann sagte ich sarkastisch: »Ich bin schockiert.«

Cats Bemerkung galt unserem Vater, Marty Boxer, der uns verlassen hatte, als wir noch Kinder waren, und sich nicht einmal hatte blicken lassen, als meine Mom im Sterben lag. Ich hatte ihn während der letzten zehn Jahre nur zweimal gesehen und ihn nicht vermisst, aber nachdem er Cat versichert hatte, er würde zu meiner Hochzeit kommen, hatte ich mir Hoffnungen gemacht.

»Er hat doch gesagt, dass er kommt. Er hat es versprochen«, sagte Cat.

Ich bin sechs Jahre älter als meine Schwester und hundert Jahre abgebrühter. Ich hätte es wissen müssen. Ich nahm sie in den Arm.

»Vergiss es«, sagte ich. »Er kann uns nicht wehtun. Er bedeutet uns nichts.«

Claire, meine allerbeste Busenfreundin, setzte sich auf, schwang die Beine über die Bettkante und stellte ihre nackten Füße auf den Boden. Sie ist dick, schwarz und witzig – zum Brüllen komisch. Wenn sie nicht Gerichtsmedizinerin wäre, sie könnte ohne Weiteres als Stand-up-Comedian auftreten.

»Dann übergebe ich dich eben deinem Ehemann«, sagte sie. »Aber danach will ich dich wieder zurück.«

Cindy und ich brachen in schallendes Gelächter aus. Da meldete sich Yuki zu Wort. »Ich weiß genau, wer das übernehmen kann. Marty ist so ein Idiot!« Sie streifte das pinkfarbene Seidenkleid über ihren unfassbar zierlichen Körper und zog den Reißverschluss zu. Dann sagte sie: »Bin gleich wieder da.«

Dinge zu erledigen war Yukis Spezialität. Wenn sie einmal Fahrt aufgenommen hatte, durfte man ihr auf keinen Fall in die Quere kommen. Selbst dann nicht, wenn es eindeutig in die falsche Richtung ging.

»Yuki, warte«, rief ich ihr nach, als sie schon zur Tür hinausrauschte. Ich drehte mich zu Claire um und sah, dass sie etwas in die Höhe hielt. Früher hätte man Mieder dazu gesagt. Es war mit Stäbchen verstärkt und sah ziemlich furchterregend aus.

»Ich habe ja nichts dagegen, in einem Kleid herumzulaufen, in dem ich wie ein Napfkuchen aussehe, aber wie zum Teufel soll ich da reinkommen?«

»Ich liebe mein Kleid«, sagte Cindy und strich zärtlich über das pfirsichfarbene, seiden schillernde Organza-Gewebe. Vermutlich war sie die erste Brautjungfer weltweit, von der man je eine solche Äußerung zu hören bekommen hatte, aber Cindy war zurzeit schwer verliebt. Sie wandte mir ihr hübsches Gesicht zu und sagte träumerisch: »Du solltest dich langsam mal fertig machen.«

Zwei Meter cremefarbener Satin glitten aus der Kleiderhülle. Ich schlängelte mich in das trägerlose Vera-Wang-Hochzeitskleid und stellte mich zusammen mit meiner Schwester vor den bodenlangen, frei stehenden Spiegel – zwei groß gewachsene, braunäugige Blondinen, die ihrem Dad sehr ähnelten.

»Grace Kelly hat nie so gut ausgesehen«, sagte Cat, und die Tränen schossen ihr in die Augen.

»Dreh mal den Kopf nach vorn, Schönheit«, sagte Cindy.

Sie legte mir ihre Perlenkette um den Hals.

Ich vollführte eine kleine Pirouette, und Claire nahm mich bei der Hand und ließ mich unter ihrem Arm hindurchdrehen. Sie sagte: »Ist es denn zu glauben, Linds? Ich werde tatsächlich auf deiner Hochzeit tanzen.«

Sie sagte nicht »endlich«, aber sie dachte es, und das war auch richtig so. Schließlich hatte sie alles hautnah miterlebt: meine Fernbeziehungs-Achterbahn mit Joe, die mit seinem Umzug nach San Francisco geendet hatte, weil er ganz in meiner Nähe sein wollte, den Brand meiner Wohnung, diverse Nahtod-Erfahrungen sowie den enormen Verlobungsring, den ich fast ein Jahr lang in einer Schublade versteckt hatte.

»Danke, dass du nie den Glauben verloren hast«, sagte ich.

»Glauben ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck«, erwiderte sie trocken. »Ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass ich mal ein Wunder miterleben würde, und erst recht nicht, dass ich dabei mitmachen darf.«

Ich verpasste ihr spielerisch einen Haken auf den Oberarm. Sie duckte sich weg und fintierte. Die Tür ging auf, und Yuki kam herein, in der Hand meinen Brautstrauß: ein üppiges Bouquet aus Pfingstrosen und Rosen, das von himmelblauen Girlanden zusammengehalten wurde.

»Das Taschentuch hier hat meiner Großmutter gehört«, sagte Cindy und steckte mir ein kleines Spitzentuch ins Dekolleté. Dann zählte sie an den Fingern ab: »Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues. Alles da.«

»Ich habe die Musik angestellt, Linds«, sagte Yuki. »Es ist so weit.«

Mein Gott.

Joe und ich würden wirklich und wahrhaftig heiraten.

2Jacobi erwartete mich in der Hotellobby. Er streckte mir den Ellbogen entgegen und lachte schallend los. Yuki hatte recht gehabt. Jacobi war der perfekte Ersatzvater. Ich hakte mich bei ihm unter, und er küsste mich auf die Wange.

Eine Premiere.

»Du siehst wunderschön aus, Boxer. Du weißt schon, noch schöner als sonst.«

Noch eine Premiere.

Jacobi und ich hatten so viele Stunden zusammen im Streifenwagen verbracht, dass wir beinahe die Gedanken des anderen lesen konnten. Aber um die tiefe Zuneigung in seinem Blick zu erkennen, brauchte ich keine Hellseherin zu sein.

Ich grinste. »Danke, Jacobi. Vielen Dank.«

Dann drückte ich seinen Oberarm, und wir schritten über eine riesige Marmorfläche und durch hohe Glastüren meiner Zukunft entgegen.

Jacobi hinkte und litt unter ständiger Atemnot, beides Andenken an eine Schießerei im Tenderloin District vor etlichen Jahren. Damals hatte ich gedacht, dass unser letztes Stündlein geschlagen hatte. Aber das war damals.

Jetzt umhüllte mich warme, salzige Luft. Herrliche Wiesen umgaben den leuchtend weißen Pavillon und erstreckten sich bis hinunter zur Steilküste. Die Pazifikwellen schlugen donnernd gegen die Klippen, und die untergehende Sonne tauchte die Wolken in einen gold-rosafarbenen Schimmer, den kein Regisseur der Welt auf Zelluloid hätte bannen können. Noch nie hatte ich einen schöneren Ort gesehen.

»Ganz locker bleiben«, sagte Jacobi. »Nicht, dass du jetzt anfängst zu rennen. Immer schön im Takt, Schritt für Schritt.«

»Wenn es sein muss«, erwiderte ich und lachte.

Die Stühle zu beiden Seiten des Mittelgangs waren zum Pavillon hin ausgerichtet. Gelbes Absperrband sorgte dafür, dass der Weg frei blieb. POLIZEILICHEERMITTLUNGEN. BETRETENVERBOTEN.

Das Absperrband musste Conklins Idee gewesen sein. Ich fing einen Blick von ihm auf, dazu ein breites Grinsen und zwei nach oben gereckte Daumen, und war mir ganz sicher. Als der Hochzeitsmarsch einsetzte, hüpften Cats kleine Töchter den Mittelgang entlang und streuten Rosenblätter auf den Rasen. Meine besten Freundinnen nahmen rechtzeitig ihre Positionen ein, und ich ging hinter ihnen her.

Lächelnde Gesichter wandten sich mir zu. Charlie Clapper saß auf der linken Seite ganz am Rand, zusammen mit vielen anderen Kollegen sowie neuen und alten Freunden. Zu meiner Rechten saßen fünf von Joes Brüdern, äußerlich kaum zu unterscheiden, mit ihren Familien. Joes Eltern in der ersten Reihe hatten sich umgedreht und strahlten mich an.

Jacobi führte mich die Stufen des Pavillons hinauf bis zum Altar. Dann ließ er meinen Arm los, und ich betrachtete meinen wundervollen, attraktiven, zukünftigen Ehemann. Unsere Blicke trafen sich, und ich wusste ohne jeden Zweifel, dass die Achterbahnfahrt sich gelohnt hatte. Ich kannte diesen Mann so gut. Unsere lang und oft geprüfte Liebe war groß und tief und fest.

Reverend Lynn Boyer, eine langjährige Freundin der Familie, legte unsere Hände zusammen, sodass Joes Hand auf meiner lag, und flüsterte so laut, dass jeder es hören konnte: »Genieße diesen Moment, Joseph. Das ist das letzte Mal, dass du die Oberhand hast.«

Fröhliches Lachen erklang und verstummte wieder. Unter den Schreien der Möwen versprachen Joe und ich uns gegenseitig, dass wir uns lieben und ehren und achten würden, an guten wie an schlechten Tagen, in Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod uns scheidet.

Willst du diesen Mann zu deinem Ehemann nehmen?

Ja, ich will. Ich will es unbedingt.

Ein paar nervöse Lacher waren zu hören, als Joes Ehering mir aus der Hand fiel. Wir bückten uns und griffen gleichzeitig danach, hielten ihn gemeinsam fest.

»Ganz ruhig, Blondie«, sagte Joe. »Von jetzt an kann es nur noch besser werden.«

Ich lachte, und nachdem wir uns wieder aufgerichtet hatten, steckte ich den goldenen Ring auf Joes Finger. Reverend Boyer sagte zu Joe, dass er die Braut jetzt küssen könne, und mein Ehemann legte seine Hände auf meine Wangen.

Wir küssten uns und dann gleich noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.

Tosender Applaus brandete auf, und donnernde Musik setzte ein.

Es war wirklich wahr. Ich war jetzt Mrs Joseph Molinari. Joe nahm mich an der Hand, und dann schritten wir grinsend wie kleine Kinder in einem Regen aus Rosenblättern den Mittelgang entlang.

Erstes Buch

Kleiner Junge vermisst

1Mit nichts als einem neongrünen Plastikumhang bekleidet stolperte das Mädchen eine dunkle Straße entlang. Sie hatte Todesangst und grässliche Schmerzen, Krämpfe, die wie ständig wiederkehrende Schläge auf ihre Eingeweide einprasselten und immer schlimmer wurden. Sie verlor Blut, schon seit einer ganzen Weile, ein unablässiges, warmes Rinnsal, das ihr die Beine hinunterlief.

Was hatte sie getan?

Immer wieder bekam sie zu hören, dass sie ein kluges Kind war, aber – und das war eine Tatsache – sie hatte einen furchtbaren Fehler begangen, und wenn sie nicht bald Hilfe bekam, würde sie sterben.

Aber wo war sie?

Sie hatte das Gefühl, als würde sie immer nur im Kreis gehen. Tagsüber ging es in dem Gebiet rund um den Lake Merced sehr lebhaft zu – Jogger, Radfahrer und zahlreiche Autos bevölkerten die Straße rund um den See. Aber bei Nacht war hier niemand mehr. Die Dunkelheit war schon schlimm genug, und jetzt zog auch noch Nebel auf. Sie konnte nur wenige Meter weit sehen.

Und sie hatte große Angst.

Hier in der Gegend waren schon etliche Menschen spurlos verschwunden. Es waren sogar Morde geschehen. Ziemlich viele.

Ihre Füße waren schwer wie Blei. Sie konnte sie kaum mehr heben, und dann spürte sie, wie sie langsam das Bewusstsein verlor, wie sie einfach ihren Körper verließ. Sie streckte die Arme aus, um sich abzustützen, und erwischte einen Baumstamm. Sie packte ihn mit beiden Händen und hielt sich an der rauen Rinde fest, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. So stand sie in der schwarzen, mondlosen Nacht.

Oh mein Gott! Wo bin ich denn hier?

Zwei Autos waren bereits an ihr vorbeigefahren. Sie überlegte ernsthaft, ihren Plan fallen zu lassen und in das Haus zurückzukehren, anstatt zu versuchen, ein Auto anzuhalten. Die anderen waren jetzt weg. Sie konnte sich schlafen legen. Vielleicht würden die Blutungen ja aufhören, sobald sie sich hingelegt hatte. Aber sie hatte sich verlaufen. Sie wusste überhaupt nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollte.

Das Mädchen stolperte vorwärts, auf der Suche nach Licht, nach irgendeinem Licht.

Das Blut lief immer schneller aus ihrem Körper, tropfte ihre Beine entlang, und ihr war so schwindelig, dass sie sich kaum mehr aufrecht halten konnte.

Trotzdem zwang sie sich, weiterzugehen, bis sie mit der Fußspitze an etwas Hartes, Unnachgiebiges stieß, eine Wurzel oder einen Stein vielleicht, und nach vorn kippte. Sie streckte die Hände aus.

Mit dem Kinn, den Knien und den Handflächen fing sie den Großteil des Sturzes ab, blieb unverletzt. Keuchend vor Schmerz rappelte sie sich erneut auf.

Hoch oben erkannte sie die Gipfel der Eukalyptusbäume und Kiefern, die den Straßenrand säumten. Grashalme streiften ihre Arme und Beine, während sie vorwärtsstolperte.

Sie malte sich aus, was wäre, wenn ein Auto anhalten oder ein Haus in Sicht kommen würde. Wie sie die Geschichte erzählen würde. Ob sie überhaupt noch Gelegenheit dazu bekäme? Bitte. Sie durfte jetzt nicht sterben. Sie war doch erst fünfzehn.

In der Ferne bellte ein Hund. Das Mädchen änderte die Richtung, ging auf das Geräusch zu. Wo ein Hund war, da war auch ein Haus, ein Telefon, ein Auto, ein Krankenhaus.

Sie dachte an ihr Zimmer und wie sicher sie sich dort fühlte. Sie sah ihr Bett vor sich, ihren Schreibtisch, die Bilder an den Wänden und ihr Handy – oh Mann, wenn sie doch bloß ihr Handy bei sich hätte – und blieb im selben Augenblick mit dem Fuß irgendwo hängen, verdrehte sich den Knöchel und schlug erneut der Länge nach zu Boden. Der Aufprall war hart und kostete sie eine Menge Haut.

Das war zu viel. Zu viel.

Dieses Mal blieb sie liegen. Alles tat ihr weh, so schrecklich weh. Sie legte die Arme zusammen und bettete den Kopf darauf. Vielleicht, wenn sie ein kleines Nickerchen machte. Ja, genau, vielleicht brauchte sie ja einfach nur ein bisschen Schlaf und dann, am Morgen … wenn die Sonne aufging …

Es dauerte einen langen Augenblick, bis sie begriff, dass das gedämpfte Licht, das da im Nebel immer größer wurde, ein Scheinwerferpaar war, das direkt auf sie zuhielt.

Sie hob den Arm. Reifen quietschten.

Eine Frauenstimme ertönte: »O Gott! Sind Sie verletzt?«

»Helfen Sie mir«, sagte sie. »Ich brauche Hilfe.«

»Wach bleiben«, sagte die Frau. »Nicht einschlafen, junge Dame. Ich rufe Hilfe. Sieh mich an. Lass die Augen offen.«

»Ich habe mein Baby verloren«, sagte das Mädchen.

Und dann spürte sie gar keine Schmerzen mehr.

2Der Regen prasselte auf das Dach und rann in Strömen über die Windschutzscheibe meines betagten Ford Explorer, während ich auf den Parkplatz des Gerichtsmedizinischen Instituts in der Harriet Street, gleich hinter der Hall of Justice, fuhr. Die Flitterwochen waren vorbei, und ich kehrte wieder an meinen Arbeitsplatz zurück. Ich war ziemlich aufgeregt.

In wenigen Minuten musste ich mich über die laufenden Ermittlungen informieren, und dann war da noch etwas, womit ich zurechtkommen musste.

Ich würde einen neuen Vorgesetzten haben.

Ich war darauf vorbereitet – so gut es eben ging.

Ich schlug den Kragen meines ziemlich abgetragenen blauen Blazers hoch und rannte im strömenden Regen zum Hintereingang der Hall of Justice, jenem grauen Granitgebäude, in dem die Justizbehörde, der Strafgerichtshof, zwei Gefängnisse sowie die Wache Süd des San Francisco Police Department untergebracht waren.

An der Tür zeigte ich Kevin meine Dienstmarke und lief die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Dort betrat ich die Räume der Mordkommission und gelangte schließlich durch die Klapptür mit den Doppelscharnieren in den Bereitschaftsraum.

Es herrschte das reinste Chaos.

Ich begrüßte Brenda, die sofort aufsprang, mich umarmte und mir ein Papierhandtuch in die Hand drückte.

»Ich wünsche dir alles Glück dieser Erde«, sagte sie.

Ich bedankte mich, versprach ihr ein paar Hochzeitsfotos und wischte mir das Gesicht und die Haare trocken. Dann sah ich mich um. Ich wollte wissen, wer an diesem Morgen um 7.45 Uhr bei der Arbeit war.

Es war ein einziges, unüberschaubares Gewusel.

Die Nachtschicht packte gerade ihre Sachen zusammen, warf Abfall in die Mülleimer, während mehrere Beamte der Tagschicht darauf warteten, dass ihre Schreibtische frei wurden. Als ich das letzte Mal hier gewesen war, hatte Jacobi noch in dem drei mal drei Meter großen Glaskasten mit Blick auf den James Lick Freeway gesessen, den wir augenzwinkernd das Eckbüro nannten.

Mittlerweile war Jacobi jedoch die Karriereleiter hinaufgehievt und zum Polizeichef befördert worden, während der Neue, Jackson Brady, den Stuhl des Lieutenants erobert hatte.

Mit Brady verband mich eine kurze gemeinsame Geschichte. Erst vor einem Monat war er aus Miami hierher nach San Francisco versetzt worden. In seinen ersten Dienstwochen als Springer hatte er sich geradezu heroisch verdient gemacht. Ich hatte mit ihm zusammen in einem aufsehenerregenden Fall einen Mann zur Strecke gebracht, der mehrere Mütter und ihre Kinder kaltblütig ermordet hatte. Dadurch war er ein ernsthafter Kandidat für Jacobis Nachfolge geworden.

Mir hatten sie den Job auch angeboten – recht herzlichen Dank auch. Und ich hatte abgelehnt. Ich habe schon früher einmal ein paar Jahre lang im Eckbüro zugebracht, aber irgendwann hatte ich die Nase voll von dem ganzen Verwaltungskram: Etats, Gehälter, Sitzungen mit allen und jedem und dazu jede Menge bürokratischer Blödsinn.

Von mir aus konnte Brady den Job gerne haben.

Blieb nur zu hoffen, dass er mich auch meinen machen ließ.

Ich sah ihn hinter der Glaswand sitzen. Er hatte die hellblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und über dem gestärkten blauen Baumwollhemd, das sich um seinen mächtigen Brustkorb spannte, trug er ein Schulterhalfter.

Er hob den Kopf und winkte mich in sein Büro. Als ich eintrat, legte er den Telefonhörer auf die Gabel. Er reichte mir über meinen ehemaligen Schreibtisch hinweg die Hand und gratulierte mir.

»Wie soll ich Sie ansprechen? Mit Boxer oder Molinari?«, wollte er wissen.

»Boxer.«

»Also gut, nehmen Sie Platz, Sergeant Boxer«, meinte er dann und bot mir den Stuhl vor seinem Schreibtisch an. »Vor zehn Minuten habe ich einen Anruf aus dem Dezernat für Kapitalverbrechen bekommen. Die sind knapp besetzt und haben uns um Unterstützung gebeten. Ich möchte, dass Sie sich zusammen mit Conklin darum kümmern.«

»Geht es um einen Mord?«, erkundigte ich mich.

»Schon möglich. Vielleicht auch nicht. Im Augenblick ist das ein offener Fall. Ihr offener Fall.«

Was sollte denn der Blödsinn?

Da ist man ein paar Wochen nicht da, und der einzige offene Fall war ein Überbleibsel aus einer anderen Abteilung? Oder wollte Brady mich auf die Probe stellen? Management im Alphatierchen-Stil?

»Conklin hat die Fallakte«, sagte Brady. »Halten Sie mich auf dem Laufenden. Und, Boxer, herzlich willkommen.«

Herzlich willkommen, ganz genau.

Als ich den Glaskasten verließ und mich auf die Suche nach meinem Partner machte, spürte ich alle Augen der Truppe auf mir ruhen.

3Frau Dr. Ari Rifkin wirkte hoch engagiert und sehr beschäftigt, zumindest dem permanenten Summen ihres Piepsers nach zu urteilen. Trotzdem wollte sie es sich offensichtlich nicht nehmen lassen, mir und meinem Partner Richard Conklin alias Inspektor Hottie Auskunft zu geben. Conklin schrieb alles mit, was sie sagte.

»Sie heißt Avis Richardson und ist fünfzehn Jahre alt. Gestern Abend ist sie mit starken Blutungen in die Notaufnahme eingeliefert worden«, sagte die Ärztin und putzte mit dem Mantelsaum ihre weiß umrandete Brille.

»So wie es aussieht, hat sie vor maximal sechsunddreißig Stunden ein Kind entbunden. Anschließend ist sie gelaufen und gestürzt, was zu ernsthaften Komplikationen geführt hat – die Anstrengung war einfach zu groß, so kurz nach der Geburt.«

»Wie ist sie denn hierhergekommen?«, erkundigte sich Conklin.

»Ein Ehepaar … äh, hier stehen die Namen … John und Sarah McCann … hat sie auf der Straße gefunden. Sie dachten zuerst, das Mädchen sei angefahren worden. Gegenüber der Polizei haben sie ausgesagt, dass sie sie vorher noch nie gesehen haben.«

»War Avis bei Bewusstsein, als sie eingeliefert worden ist?«, fragte ich Dr. Rifkin.

»Sie stand unter Schock. War immer wieder bei Bewusstsein und dann wieder nicht – eigentlich überwiegend nicht. Wir haben ihr ein Beruhigungsmittel und eine Bluttransfusion verabreicht und ihre Gebärmutter ausgeschabt. Im Augenblick liegt sie auf der Intensivstation. Ihr Zustand ist aber mittlerweile stabil.«

»Wann können wir mit ihr reden?«, wollte Conklin wissen.

»Einen Augenblick bitte«, erwiderte die Ärztin.

Sie schlüpfte hinter den Vorhang des Patientenabteils. Ich konnte erkennen, dass das Mädchen jung und weiß war, mit glatten braunen Haaren. In ihrem Arm steckte eine Infusionsnadel, und ein blinkender Monitor neben dem Bett zeigte ihre Vitalwerte an.

Dr. Rifkin wechselte ein paar Worte mit ihrer Patientin, dann kam sie wieder heraus. »Sie sagt, dass sie ihr Baby verloren hat. Aber bei ihrem Zustand lässt sich nicht sagen, ob das bedeutet, dass das Baby tot ist, oder ob sie nur vergessen hat, wo es ist.«

»Hat sie eine Handtasche dabeigehabt?«, wollte ich wissen. »Irgendeinen Ausweis?«

»Bis auf einen dünnen Plastik-Poncho, wie man sie in jedem Ramschladen bekommt, hatte sie nichts am Leib.«

»Den Poncho brauchen wir«, sagte ich. »Und eine Aussage von ihr.«

»Versuchen Sie Ihr Glück, Sergeant«, antwortete Dr. Rifkin.

Avis Richardson wirkte viel zu jung, um Mutter zu sein. Außerdem sah sie aus, als sei sie hinter einem Lastwagen hergeschleift worden. Sie hatte Prellungen und Kratzer an den Armen, auf der Wange, an den Händen und am Kinn.

Ich zog einen Stuhl heran und berührte sie am Arm.

»Hallo, Avis«, sagte ich. »Ich heiße Lindsay Boxer. Ich bin von der Polizei. Kannst du mich hören?«

»Mm-hmm«, sagte sie. Sie öffnete ihre grünen Augen einen Spalt weit und klappte sie wieder zu.

Ich flehte sie im Flüsterton an, bitte wach zu bleiben. Ich musste erfahren, was ihr zugestoßen war. Brady hatte uns diesen Fall übergeben und hatte uns damit gleichzeitig auch den Auftrag gegeben, das Baby zu finden.

Avis schlug die Augen wieder auf, und ich stellte ihr ein Dutzend Standardfragen: Wo wohnst du? Wie lautet deine Telefonnummer? Wie heißen deine Eltern? Aber ich hätte genau so gut mit einer Schaufensterpuppe reden können. Avis Richardson nickte immer wieder ein, und ich bekam keine einzige Antwort. Als eine halbe Stunde verstrichen war, stand ich auf und überließ Conklin meinen Platz.

Wer behauptet, dass mein Partner mit Frauen umgehen kann, hebt viel zu sehr auf seinen Charme und sein gutes Aussehen ab und spielt damit seine echte Gabe, Menschen dazu zu bringen, ihm zu vertrauen, herunter.

Ich sagte: »Rich, du bist am Zug. Leg los.«

Er nickte, setzte sich und sagte mit seiner tiefen, ruhigen Stimme: »Ich heiße Rich Conklin. Ich bin ein Kollege von Sergeant Boxer. Wir müssen unbedingt dein Baby finden, Avis. Jede Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert die Gefahr, in der sich das Kleine womöglich befindet. Bitte, sprich mit mir. Wir brauchen wirklich deine Hilfe.«

Der Blick des Mädchens wurde unruhig. Sie schaute abwechselnd zu Conklin, zu mir, zur Tür, zu der Infusionsnadel in ihrem Arm. Dann sagte sie: »Vor ein paar Monaten … hab ich die Nummer angerufen. Hilfe für schwangere Mädchen? Ein Mann … Er hatte einen Akzent. Einen französischen Akzent. Aber … er war nicht echt. Ich habe sie getroffen … vor meiner Schule …«

»Sie?«

»Zwei Männer. Mit einem blauen Auto. Viertürig? Und als ich aufgewacht bin, lag ich in einem Bett. Das Baby war da«, sagte sie, und ihre Augen wurden feucht, bis ihr die Tränen über die Wangen liefen. »Es war ein kleiner Junge.«

Und das brach mir das Herz.

Mit welchem Verbrechen hatten wir es hier zu tun? Babyschmuggel? Das war unglaublich. Eine Sünde. Oder besser: viele Sünden. Ich hatte in Gedanken bereits zwei schwere Fälle von Kindesentführung aufgelistet, noch bevor wir das Schicksal des Babys kannten.

Conklin sagte: »Ich möchte gern, dass du mir die ganze Geschichte erzählst, von Anfang an. Erzähl mir alles, was du noch weißt, okay, Avis?«

Gut möglich, dass Avis Richardson mit sich selbst sprach. Sie sagte: »Ich habe mein Baby gesehen … Und dann war ich auf der Straße. Alleine. Es war dunkel.«

4Die folgenden acht Stunden verbrachte ich neben Avis Richardsons Bett, immer in der Hoffnung, dass sie richtig wach werden und mir erzählen würde, was ihr und ihrem Neugeborenen zugestoßen war. Die Zeit verging. Ihr Schlaf wurde immer tiefer. Und mit jeder Minute, die verstrich, wurde ich sicherer, dass wir das Baby dieses Mädchens nicht lebend wiederfinden würden.

Ich hatte nach wie vor keine Ahnung, was eigentlich geschehen war. Hatte sie das Baby alleine zur Welt gebracht und es auf irgendeiner Raststättentoilette zurückgelassen? War ihr Kind entführt worden?

Wir konnten nicht einmal das FBI einschalten, solange wir nicht wussten, ob überhaupt ein Verbrechen vorlag.

Während ich an Avis’ Bett saß, fuhr Conklin zurück ins Büro und machte sich an den praktischen Teil der Ermittlungen. Er durchsuchte die verschiedenen Vermissten-Datenbanken nach Avis Richardson beziehungsweise nach weißen jungen Mädchen, deren Beschreibung auf Avis passte.

Er befragte das Ehepaar, das Avis ins Krankenhaus gebracht hatte, und ermittelte zumindest ungefähr die Stelle, an der sie sie gefunden hatten: am Lake Merced, unweit des Brotherhood Way.

Zusammen mit einer Hundestaffel durchkämmte er das Gelände. Sie suchten nach der Blutspur, die Avis Richardson hinterlassen haben musste. Wenn sie das Haus fanden, in dem die Geburt stattgefunden hatte, dann würden sie dort auch weitere Indizien finden, vielleicht sogar die Wahrheit.

Während die Hunde also den Duftspuren folgten, analysierte das Labor den Plastikumhang, den Avis getragen hatte. Dass darauf Fingerabdrücke zu finden sein würden, stand außer Frage. Allein im Krankenhaus hatten ein Dutzend Menschen den Poncho angefasst. Aber warum hatte sie zwar einen Regenumhang, aber keinerlei Kleidung getragen? Dafür gab es keine Erklärung.

Noch so ein Mysterium.

Also wachte ich über eine schlafende Avis. Je länger ich saß, desto deprimierter wurde ich. Wo waren ihre besorgten Freunde, ihre Eltern? Warum suchte niemand nach diesem jungen Mädchen?

Ihre Augenlider zuckten.

»Avis?«, sagte ich.

»Hmm«, kam als Antwort. Dann machte sie die Augen wieder zu.

Gegen vier Uhr nachmittags gestattete ich mir eine kleine Pause, steckte ein paar Dollarscheine in einen Automaten und aß etwas, das Erdnussbutter und Haferflocken enthielt. Spülte es mit einem Becher bitterem Kaffee hinunter.

Ich rief ein Dutzend Krankenhäuser an und erkundigte mich, ob dort ein elternloses Baby eingeliefert worden war. Außerdem setzte ich mich mit dem Child Protective Service, der staatlichen Kinderschutzbehörde, in Verbindung. Aber außer einem großen Berg an Frustration kam dabei nichts heraus.

Ich borgte mir Dr. Rifkins Laptop und loggte mich in die FBI-Datenbank VICAP ein, das sogenannte Violent Crime Apprehension Program. Hier werden zahlreiche Daten über alle bekannten Gewaltverbrechen in den USA gesammelt. Ich wollte wissen, was dort über entführte Schwangere zu finden war.

Zwar entdeckte ich ein paar Fälle, in denen schwangere Frauen Opfer eines Verbrechens geworden waren, aber in der Regel handelte es sich dabei um innerfamiliäre Gewalttaten. Jedenfalls war nichts dabei, was diesem Fall hier ähnelte.

Nach meinem fruchtlosen Ausflug ins Internet ging ich zurück auf die Intensivstation, ließ mich in den großen Liegesessel mit den Vinylpolstern neben Avis’ Bett sinken und schlief ein. Ich wachte erst wieder auf, als sie in ein Einzelzimmer verlegt wurde.

Dann rief ich Brady an, um ihm zu sagen, dass wir noch keinen Schritt weiter waren. Sogar in meinen eigenen Ohren klang es wie eine Rechtfertigung.

»Irgendwas über das Baby?«

»Brady, das Mädchen gibt keinen Mucks von sich.«

Kaum hatte ich aufgelegt, rief Conklin an.

»Was gibt’s?«

»Die Hunde haben eine Fährte aufgenommen.«

Sofort spürte ich so etwas wie Hoffnung aufkeimen. Ich packte mein kleines Handy so fest, dass ich es beinahe zerquetscht hätte.

»Sie hat ungefähr eineinhalb Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Dabei hat sie die ganze Zeit geblutet«, sagte Conklin. »Sie ist im Kreis gelaufen, an der äußersten südlichen Spitze des Lake Merced.«

»Das klingt ja fast so, als hätte sie Hilfe gesucht. Voller Verzweiflung.«

»Die Hunde sind immer noch dran, Lindsay, aber wir haben das Suchgebiet erweitert. Sie durchkämmen jetzt systematisch den Golfplatz. Als Nächstes kommt der Schützenverein dran. Das kann noch Jahre dauern.«

»Ich habe bei den Vermisstenmeldungen nachgesehen, aber nichts gefunden.«

»Ich auch nicht. Ich sitze jetzt im Auto und rufe alle Leute in San Francisco mit Nachnamen Richardson an. Das Verzeichnis hat über vierhundert Einträge.«

»Ich helfe dir. Du fängst vorn an, bei A. Richardson. Ich hinten bei Z. Wir treffen uns dann bei M.«

Als mein Gespräch mit Richie beendet war, schlug Avis ihre hübschen grünen Augen auf und sah mich an.

»Hey«, sagte ich. »Wie fühlst du dich?«

Dabei klammerte ich mich an das Gestänge ihres Betts, so fest, dass meine Knöchel ganz weiß wurden.

»Wo bin ich?«, fragte das Mädchen. »Was ist denn passiert?«

Ich verkniff mir die Worte: »Ach, du Scheiße«, und erzählte Avis Richardson alles, was ich wusste.

»Wir versuchen gerade, dein Baby zu finden«, sagte ich.

5Ich steckte den Schlüssel in das Schloss unserer Wohnungstür. Im selben Augenblick fiel mir ein, dass ich Joe nicht angerufen hatte, um ihm zu sagen, dass ich zum Abendessen nicht nach Hause kommen konnte. Um genau zu sein, ich hatte seit zwölf Stunden nicht mehr mit ihm gesprochen.

Ganz toll gemacht, Lindsay. Großartig.

Meine Hündin Martha, ein Border Collie, hörte mich, bellte, kam mit klackernden Krallen über den Holzfußboden auf mich zu und sprang an mir hoch.

Ich raunte ihr ein paar Schmeicheleien zu, kraulte ihr die Ohren und entdeckte Joe schließlich im Wohnzimmer. Er saß in einem Sessel, hatte die Leselampe eingeschaltet und acht verschiedene Zeitungen um sich herum auf dem Fußboden verteilt, nach Themen sortiert.

Er blickte mich vorwurfsvoll an.

»Verzeih mir, Joe. Ein neuer Fall …«

»Wir wollten doch heute Abend meine Eltern zum Essen einladen.«

»O Gott! Es tut mir schrecklich leid.« Mir wurde ganz schlecht. Joe hatte gesagt, dass wir die beiden auf ein erstklassiges Steak bei Harris einladen würden, um ganz bewusst noch ein bisschen Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich hatte diese Information irgendwo in meinem Hinterkopf abgelegt und mich nie wieder darum gekümmert.

»Jetzt sind sie auf dem Rückflug nach New York.«

»Liebling, ich rufe sie morgen gleich an und entschuldige mich bei ihnen. Das ist ja schrecklich. Und das, wo sie immer so nett zu mir sind.«

»Sie wollen uns eine Hochzeitsreise spendieren. Eine kleine Luxushütte auf Hawaii. Sobald wir Zeit dafür haben.«

»Ach, du Scheiße. Das haben sie gesagt? Da fühle ich mich gleich noch ein bisschen schlechter. Wir haben ein vermisstes Baby …«

»Hast du schon was gegessen?«, wollte er wissen.

»Bloß Automatenfraß. Und das ist schon ziemlich lange her.«

Joe ging in die Küche. Ich folgte ihm wie ein Hündchen, das ein Malheur auf dem Teppich hinterlassen hat. Er nahm eine Hühnerbrust aus einer Schale mit Marinade, stellte eine Pfanne auf den Herd und entzündete die Gasflamme.

»Das kann ich doch auch machen«, sagte ich.

»Erzähl mir was über deinen Fall.«

Ich schenkte mir ein großes Glas Merlot ein und ließ die Flasche auf der Theke stehen. Dann zog ich mir einen Hocker heran und sah Joe beim Kochen zu. Das war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.

Ich erzählte ihm von dem jungen Mädchen, das nach einer Entbindung wie ein überfahrenes Tier mit schweren Blutungen am Straßenrand gelegen hatte und fast verblutet wäre. Dass sie immer noch kaum ansprechbar war und ich deshalb die letzten zwölf Stunden damit verbracht hatte, die Vermisstenlisten sämtlicher Bundesstaaten durchzugehen.

»Alles, was wir wissen, ist, dass sie Avis Richardson heißt. Conklin und ich haben ungefähr zweihundert Richardsons im Großraum San Francisco angerufen. Bis jetzt ohne Erfolg. Ich verstehe einfach nicht, wieso sie nicht schon längst als vermisst gemeldet worden ist.«

»Ob sie vielleicht entführt worden ist? Unter Umständen stammt sie gar nicht aus unserer Gegend.«

»Guter Einwand«, sagte ich. »Aber trotzdem … Die VICAP-Suche hat keinen einzigen Treffer ergeben.« Ich widmete mich meinem in Butter gedünsteten Hühnchen. Schlürfte dazu ein bisschen Rotwein. Irgendwie hoffte ich, dass mir zwischen der Nahrungsaufnahme und Joes FBI-gestählten Gedankengängen eine Erleuchtung kam.

Irgendwo da draußen gab es ein Neugeborenes. Es lag im Sterben oder war bereits tot oder unterwegs in ein anderes Land. Dr. Rifkin meinte, dass Avis Richardsons Gedächtnislücke mit den Medikamenten zusammenhing, die sich noch in ihrem Körper befanden, aber dass sie nicht sagen konnte, was oder wann sie die eingenommen hatte. Wir mussten sogar mit der Möglichkeit rechnen, dass ihr über das wenige hinaus, was sie uns schon erzählt hatte, gar nichts mehr einfiel. Vor allem, wenn sie im Verlauf ihrer traumatischen Erfahrung bewusstlos gewesen war.

Meine Hoffnung war, dass ihr Körper sich an die Geburt erinnern konnte und dass sie sich auf emotionaler Ebene über ihren schrecklichen Verlust bewusst war. Dass diese körperliche Erinnerung unter Umständen eine geistige auslösen konnte und dass ihr, wenn wir ihr genügend Zeit ließen, etwas Entscheidendes einfiel.

»Mir ist schon klar, dass ihr in der letzten Zeit viel Schreckliches zugestoßen ist, aber trotzdem … Warum sagt sie uns nicht, wie wir ihre Eltern erreichen können? Kann sie nicht? Oder will sie nicht?«

»Vielleicht hat sie ja auf der Straße gelebt«, meinte Joe.

»Als sie gefunden wurde, da war sie praktisch nackt. Mit nichts als einem Regenumhang für zwei Dollar am Leib. Du könntest recht haben.«

Joe nahm meinen leeren Teller, räumte nach einem System, das er selbst entwickelt hatte, die Spülmaschine ein und schob mir eine Schale mit Pralineneiscreme und einen Löffel hin. Ich stand auf und schlang ihm die Arme um den Hals.

»Ich habe dich gar nicht verdient«, sagte ich, »aber ich liebe dich mehr als mein Leben.«

Er gab mir einen Kuss und sagte: »Hast du’s mal auf Facebook probiert?«

»Facebook?«

»Vielleicht hat Avis ja eine Seite. Und jetzt noch ein Vorschlag. Komm ins Bett.«

6»Ich komme gleich«, sagte ich, als Joe bereits auf dem Weg ins Schlafzimmer war.

Dann schnappte ich mir meinen Laptop, zog mich aufs Sofa zurück und legte den Kopf auf die Armlehne. Martha machte es sich quer über meinen Füßen bequem.

Ich öffnete einen Facebook-Account und suchte nach Avis Richardson. Nach ein paar Fingerübungen landete ich auf ihrer Seite, die öffentlich gestellt war. Ich las die Nachrichten an ihrer Pinnwand, überwiegend harmlose Sprüche und Berichte von irgendwelchen Partys. Ich konnte damit nichts anfangen. Aber immerhin erfuhr ich, dass Avis die Brighton Academy besuchte, ein teures Internat unweit des Presidio.

Gegen Mitternacht rief ich Conklin an, um ihm zu sagen, dass wir unbedingt mit dem Direktor des Internats sprechen mussten, landete aber nur auf seiner Mailbox. Ich hinterließ ihm eine Nachricht und sagte: »Ruf mich jederzeit an. Ich bin wach.« Dann machte ich mir einen Kaffee und ging auf die Webseite der Brighton Academy.

Sie war dazu gedacht, die Schule für Schüler und Eltern attraktiv zu präsentieren, und wenn man den Jubelarien und den Fotos glauben konnte, dann war die Brighton Academy ein kleines Paradies auf Erden. Die Schüler – allesamt gut aussehend und gepflegt – wurden beim Lernen, bei Theateraufführungen in der großen Aula oder auf dem Fußballfeld gezeigt. Auf etlichen dieser Fotos war auch Avis zu sehen. Ein glückliches Kind, das nichts mit der jungen Frau gemein hatte, die im Augenblick in einem Bett im Krankenhaus lag.

Auch etliche der anderen Gesichter erkannte ich. Ich hatte sie auf Avis’ Facebookseite gesehen.

Ich machte mir eine Liste mit ihren Namen.

Und dann hörte ich ein Baby weinen.

Als ich die Augen aufschlug, lag ich immer noch auf dem Sofa, den Laptop zugeklappt, während Martha neben mir auf dem Boden lag. Sie jaulte leise im Schlaf.

Laut der Digitalanzeige auf dem Festplattenrekorder war es kurz vor sieben Uhr morgens. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Unsere zweite Nacht als Ehepaar in unserer gemeinsamen Wohnung, aber das erste Mal überhaupt, dass ich zwar im gleichen Haus, aber nicht im gleichen Bett wie Joe übernachtet hatte.

Ich schüttete etwas Trockenfutter in Marthas Napf und steckte vorsichtig den Kopf zur Schlafzimmertür hinein. Joe schlief. Ich sagte seinen Namen und streichelte ihm sanft über das Gesicht, aber er drehte sich auf die Seite und verkroch sich noch tiefer in den Schlaf. Leise duschte ich, zog mich an und ging mit Martha die Lake Street hinauf und hinunter. Dabei dachte ich die ganze Zeit an Joe und unser Eheversprechen und überlegte, was es bedeutete, Teil eines Teams zu sein.

Ich musste unbedingt mehr Rücksicht nehmen.

Ich durfte nicht vergessen, dass ich nicht mehr Single war.

Aber schon einen Augenblick später war ich mit den Gedanken wieder bei Avis Richardson und ihrem vermissten Baby.

Dieses Kind. Dieses Kind. Wo war dieses Baby?

Lag es irgendwo im kalten Gras? Oder hatte man es in einen Koffer gesteckt, der jetzt im Frachtraum irgendeines Schiffs lag?

Um halb acht rief ich Conklins Handynummer an, und dieses Mal erreichte ich ihn.

»Avis Richardson geht auf die Brighton Academy. Das ist eines von diesen Internaten, wo Eltern, die weit weg wohnen, ihre Kinder parken.«

»Das könnte eine Erklärung sein, wieso niemand sie vermisst«, sagte Conklin. »Ich habe gerade mit der Hundestaffel telefoniert. Die Hunde verfolgen eine kreisförmige Spur.«

»Mist«, sagte ich. »Dann kann sie das Baby also überall zur Welt gebracht haben. Anschließend hat man sie einfach am See ausgesetzt, und niemand kennt den Ausgangspunkt.«

»Genau das denke ich auch«, meinte Conklin.

»Wir treffen uns in einer Viertelstunde im Krankenhaus«, sagte ich. »Uns bleibt nur Avis Richardsons Erinnerung. Das ist alles, was wir haben.«

Als wir Avis Richardsons Zimmer betraten, war es leer, genau wie ihr Bett.

»Was ist denn jetzt los? Ist sie etwa tot?«, sagte ich zu meinem Partner, ohne mit meiner Verärgerung hinter dem Berg zu halten.

Von hinten näherte sich auf Kreppsohlen eine Krankenschwester. Sie war winzig mit sehr muskulösen Armen und einem wilden grauen Haarschopf. Ich hatte sie schon am Abend zuvor kennengelernt.

»Ich kann nichts dafür, Sergeant. Ich habe nach Ms Richardson gesehen, dann war ich für fünfzehn Sekunden am anderen Ende des Flurs«, sagte die Krankenschwester. »Ihr Schützling ist abgehauen, kaum dass ich ihr den Rücken zugekehrt hatte. Anscheinend hat sie ein paar Sachen von Mrs Klein aus dem Nachbarzimmer angezogen. Und dann muss sie, so schnell sie nur konnte, von hier verschwunden sein.«

7Am selben Morgen um 8.30 Uhr saß Yuki Castellano am Eichentisch eines kleinen Konferenzzimmers im Büro der Staatsanwaltschaft auf der siebten Etage der Hall of Justice.

Sie war nervös, und das war auch nicht anders zu erwarten.

Im Augenblick war die Nervosität noch nicht besonders groß, doch je näher der Prozessbeginn rückte, desto mehr würde sie von ihr Besitz ergreifen.

Heute war ein großer Tag. Es stand eine Menge auf dem Spiel.

Sie hatte ein ganzes Jahr in diesen Fall investiert, und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem ihre Arbeit sich auszahlen sollte. Keine halbe Stunde mehr, dann würde das Gericht zusammentreten. Frau Dr. Candace Martin würde wegen vorsätzlichen Mordes der Prozess gemacht werden, und Yuki war die Vertreterin der Anklage.

Yuki kannte jeden Aspekt dieses Falles, jeden Zeugen, jedes noch so kleine Beweisstück, jedes Indiz.

Die Angeklagte war schuldig, und Yuki musste dafür sorgen, dass sie hinter Gittern landete, um ihres Ansehens in der Behörde und um ihres Glaubens an sich selbst willen.

Mit der Auswahl der Geschworenen war sie zufrieden. Die Dateien und Ordner auf ihrem Laptop waren in der perfekten Reihenfolge gespeichert. Außerdem hatte sie einen Ziehharmonikaordner mit verschiedenen Beweisstücken sowie einen kleinen Stapel mit Karteikarten dabei, für den Fall, dass sie während ihres Eröffnungsplädoyers ins Stocken geriet.

Sie hatte ihre Ansprache etliche Tage lang geprobt, sowohl mit ihrem Chef als auch mit ein paar ihrer Kollegen. Und dann noch einmal mit ihrem Stellvertreter und Beisitzer, Nick Gaines.

Sie beherrschte das Plädoyer perfekt, und danach würde der Prozess wie von selbst laufen.

Jetzt trat Nick ins Zimmer. Er hatte zwei Kaffeebecher in der Hand und lächelte. Seine Haare hingen ihm ungekämmt über den Hemdkragen.

»Scharf siehst du aus«, sagte er.

Yuki winkte ab. Sie hatte sich für eine eher feierliche Prozessaufmachung entschieden: eine durchgeknöpfte weiße Bluse aus Seidenmischgewebe, die Perlenkette ihrer verstorbenen Mutter, ein marineblauer Nadelstreifenanzug und Schuhe mit niedrigen Absätzen. Eine magentafarbene Strähne durchzog ihr schulterlanges schwarzes Haar.

»Ich möchte cool aussehen«, sagte sie. »Unerschütterlich. Auf alles vorbereitet. Und ich will die Verteidigung in Angst und Schrecken versetzen.«

Gaines lachte, und Yuki fiel ein.

»Was meinst du, Nicky? Wollen wir vornedran sein?«, fragte sie.

Die beiden Staatsanwälte gingen durch das Labyrinth aus Büroabteilen hinaus in den Flur und nahmen den Fahrstuhl hinunter in den zweiten Stock mit dem breiten Korridor, von dem links und rechts die Eingänge zu den Gerichtssälen abzweigten.

Yuki nahm ihre Umgebung gar nicht wahr. Sie war hoch konzentriert und sagte sich immer wieder, dass sie ihren Beruf leidenschaftlich liebte. Dass sie klug war. Sie war bestens vorbereitet und wusste genau, was sie sagen würde.

Und jetzt kam das Schwierigste.

Sie musste den letzten Rest Zweifel in hohem Bogen aus ihren Gedanken vertreiben.

8Gaines hielt Yuki die Tür auf und folgte ihr in den holzgetäfelten Gerichtssaal. Der Tisch der Verteidigung war nicht besetzt. Auf den Zuschauerbänken verloren sich nur wenige Menschen.

Sie richteten sich hinter der Schranke am Tisch der Staatsanwaltschaft ein. Yuki zog ihr Jackett gerade und fuhr sich noch einmal durch die Haare, dann richtete sie ihr Notebook parallel zur Tischkante aus.

»Für den Fall, dass ich stecken bleibe, lächelst du mich einfach an«, sagte Yuki zu ihrem Beisitzer.

Gaines grinste und reckte ihr den gestreckten Daumen entgegen. »Hast du mal Der Unbeugsame gesehen? Mit Paul Newman? Wenn du dieses Zeichen hier siehst, dann bedeutet das: Die Unbeugsame.«

»Danke, Nicky.«

Yuki war immer gut vorbereitet, aber sie hatte auch schon etliche Fälle verloren, die zu Beginn eigentlich sehr gut ausgesehen hatten. Diese Niederlagenserie hatte ihr Selbstbewusstsein ein wenig erschüttert. Ihren letzten Prozess hatte sie zwar gewonnen, aber ihr Gegenspieler hatte sich mit einem Giftpfeil von ihr verabschiedet, der immer noch Wirkung zeigte.

»Helfen Sie mir mal auf die Sprünge, Yuki«, hatte der Mistkerl gesagt. »Wann war das letzte Mal, dass Sie vor Gericht etwas gerissen haben?«

Aber hier und heute war Philip Hoffman ihr Gegner. Gegen ihn hatte sie schon einmal verloren. Hoffman war kein Mistkerl. Ganz im Gegenteil, er war ein Gentleman. Er war nicht theatralisch. Er machte keine verächtlichen Bemerkungen. Er war ein ernsthafter Mensch und Partner in einer der angesehensten Kanzleien, spezialisiert auf die Strafverteidigung einer wohlhabenden Klientel.

Hoffmans Mandantin, Dr. Candace Martin, war eine bekannte Herzchirurgin, die ihren nichtsnutzigen, untreuen Ehemann ermordet hatte.

Candace Martin plädierte auf nicht schuldig. Sie behauptete, Dennis Martin nicht getötet zu haben, aber das war eine gewaltige Lüge. Die Beweislast war so groß, dass es für mehr als nur eine Verurteilung gereicht hätte. Und, ja, die Vertretung der Anklage konnte sogar auf die Tatwaffe zurückgreifen.

Yukis Nervosität löste sich in Luft auf.

Sie wusste, was sich abgespielt hatte. Und sie hatte alle Indizien, die notwendig waren, um es zu beweisen.

9Cindy Thomas war eine von zwei Dutzend Teilnehmern und Teilnehmerinnen an der Redaktionskonferenz im großen Sitzungssaal der San Francisco Chronicle. Die Konferenz hatte vor einer Stunde begonnen, und es sah so aus, als würde sie mindestens noch einmal so lange dauern.

Früher hatte bei diesen Sitzungen eine kollegiale und lockere Atmosphäre geherrscht. Alle möglichen Sprüche und freundschaftliches verbales Geplänkel waren an der Tagesordnung gewesen. Aber seit dem Einsetzen des wirtschaftlichen Abschwungs und dem Aufkommen des Internets, das jederzeit eine Fülle an kostenlosen Informationen bereithielt, fanden die Redaktionskonferenzen vor einem eher beklommenen Hintergrund statt.

Wer würde seinen Job behalten?

Wer würde in Zukunft für zwei arbeiten müssen?

Und würde sich die Zeitung noch ein Jahr halten können?

Außerdem saß jetzt ein neues Gesicht mit am Tisch: Lisa Greening, die als neue geschäftsführende Redaktionsleiterin direkt dem Chefredakteur unterstellt war. Lisa brachte acht Jahre Erfahrung in diesem Bereich mit: zwei bei der New York Times, drei bei der Chicago Tribune und drei bei der L. A. Times.

Mit einer investigativen Reportage für die Letztgenannte war sie aus dem Schatten ins Rampenlicht getreten. Darin war es um den PC