Opis

Warum immer ich? Layla vermisst Roth, den teuflisch attraktiven Dämonenprinz, der sich in ihr Herz geschlichen hat. Ihr bester Freund Zayne kann sie nicht über den Verlust hinwegtrösten. Und dass ihre sonst so fürsorgliche Gargoyle-Ersatzfamilie auf einmal Geheimnisse vor ihr hat, macht alles noch schlimmer. Da entdeckt Layla plötzlich neue Kräfte an sich - und Roth taucht wieder auf. Aber bevor sie das Wiedersehen feiern können, bricht die Hölle los … "Armentrout in Bestform … mit umwerfenden Jungs und einer Wendung, die keiner kommen sieht." Abbi Glines, New York Times-Bestsellerautorin "Die perfekte Mischung aud Action und Liebe, verfeinert mit Roths frechen Bemerkungen und Laylas ironischen Kommentaren." Kirkus Book Reviews "Auf ihre einzigartige Weise mischt Jennifer L. Armentrout Humor und Romantik und schenkt uns ein rasantes Lesevergnügen, das die herzen der Leser höherschlagen lässt - und zwar in vielerlei Hinsicht." Romantic Times Book Reviews

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 699


Jennifer L. Armentrout

Dark Elements – Eiskalte Sehnsucht

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ralph Sander

HarperCollins YA!®

HarperCollins YA!® Bücher erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by HarperCollins YA! in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe: Stone Cold Touch

Copyright © 2014 by Jennifer L. Armentrout

Erschienen bei: Harlequin TEEN, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln Umschlaggestaltung: Formlabor, Hamburg

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung: Shutterstock

ISBN 978-3-95967-983-1

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Zehn Sekunden nachdem Mrs Cleo ins Klassenzimmer geschlendert war, den Projektor ein- und das Licht ausgeschaltet hatte, hatte Bambi offenbar keine Lust mehr, noch länger um meine Taille gewickelt zu sein.

Das äußerst aktive dämonische Schlangentattoo, das über meinen Bauch glitt, war grundsätzlich nicht davon begeistert, längere Zeit bewegungslos an einer Stelle zu verharren – besonders nicht während eines öden Vortrags über die Nahrungskette. Ich rührte mich nicht und widerstand dem Drang, wie eine Hyäne zu kichern, während das Tattoo zwischen meinen Brüsten hindurchglitt und dann den diamantförmigen Kopf auf meine Schulter legte.

Weitere fünf Sekunden vergingen, in denen mich Stacey fragend ansah. Ich zwang mich zu lächeln, wusste aber, dass Bambi noch nicht liegen bleiben würde. Ihre Zunge zuckte hervor und strich über meinen Hals.

Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht laut zu lachen, und rutschte auf meinem Platz hin und her.

„Layla? Hast du irgendwas eingeworfen?“, fragte Stacey leise, während sie sich die dichten Strähnen ihres Ponys aus den dunklen Augen strich. „Oder hängt meine linke Brust raus und winkt der Welt zu? Als meine beste Freundin wärst du verpflichtet, mir so was zu sagen.“

Obwohl ich wusste, dass ihre linke Brust nicht raushing, oder es zumindest hoffte, denn der V-Ausschnitt ihres Sweaters war ziemlich tief, senkte ich den Blick und nahm die Hand vom Mund. „Mit deiner Brust ist alles in Ordnung. Ich bin nur … unruhig.“

Sie zog die Nase kraus, dann konzentrierte sie sich wieder auf Mrs Cleo. Ich atmete tief ein und betete, dass Bambi sich für den Rest der Unterrichtsstunde nicht mehr bewegen möge. Mit der Schlange auf meiner Haut kam ich mir vor, als hätte ich irgendwelche komischen Ticks. Wenn ich alle fünf Sekunden herumzappelte, würde mich das nicht gerade beliebter machen. Zum Glück war es inzwischen schon deutlich kühler geworden, und Thanksgiving stand vor der Tür. So konnte ich Bambi unter Rollkragenpullovern und langen Ärmeln verstecken.

Zumindest klappte das, solange die Schlange nicht auf die Idee kam, sich auf meinem Gesicht zu zeigen. Das machte sie besonders gern, wenn Zayne in meiner Nähe war. Er war ein absolut hinreißender Wächter – eines von jenen Geschöpfen, die wie Menschen aussehen konnten, wenn sie es wollten, deren wahre Gestalt allerdings dem entsprach, was Menschen als Gargoyles bezeichneten. Die Aufgabe der Wächter bestand darin, die Menschheit vor allem zu beschützen, was ihnen nachts Angst einjagte … und tagsüber genauso. Ich war mit Zayne aufgewachsen und jahrelang total verliebt in ihn gewesen.

Bambi bewegte sich, ihr Schwanz kitzelte mich seitlich am Bauch.

Ich konnte mir nicht erklären, wie Roth es ausgehalten hatte, wenn Bambi über seine Haut gekrochen war.

Mir stockte der Atem, als sich ein heftiger, unerbittlicher Stich in meine Brust bohrte. Instinktiv griff ich nach dem Ring mit dem zerbrochenen Stein, den ich an einer Kette um den Hals trug – dem Stein, in dem sich bis vor Kurzem noch das Blut meiner Mutter befunden hatte, Liliths Blut. Das kalte Metall unter meinen Fingern fühlte sich beruhigend an. Das hatte allerdings nichts mit der familiären Verbindung zu tun, zumal ich kein Interesse an einer Beziehung zu meiner Mutter hatte, sondern damit, dass der Ring neben Bambi mein einziges Erinnerungsstück an Astaroth war, den Kronprinzen der Hölle, der das Undämonischste gemacht hatte, was man sich nur vorstellen konnte.

Ich habe mich in dem Moment verloren, in dem ich dich gefunden habe.

Roth hatte sich geopfert, indem er Paimon in einer Teufelsfalle, die jeden ihrer Gefangenen in die Hölle schickte, festgehalten hatte. Paimon hatte eine besonders unangenehme Dämonenrasse auf die Menschheit loslassen wollen. Eigentlich wäre es an Zayne gewesen, Paimon an der Flucht zu hindern, doch Roth … Roth hatte Zaynes Platz eingenommen.

Und jetzt war Roth in den Feuergruben der Hölle gefangen.

Ich lehnte mich vor und stützte die Ellbogen auf die kühle Tischplatte, ohne ein Wort von dem mitzubekommen, was Mrs Cleo vor sich hin brabbelte. Meine Kehle war wie zugeschnürt, als ich den leeren Stuhl in der Reihe vor mir betrachtete, auf dem Roth gesessen hatte. Ich schloss die Augen.

Zwei Wochen. Dreihundertsechsunddreißig plus/minus ein paar Stunden waren seit jenem Abend in der alten Turnhalle vergangen, und nicht für eine Sekunde war es erträglicher geworden. Es schmerzte immer noch, als wäre es erst eine Stunde her, und ich war nicht sicher, ob sich in einem Monat oder einem Jahr etwas daran ändern würde.

Mit am schlimmsten waren die vielen Lügen. Stacey und Sam hatten mich zuerst mit Hunderten von Fragen bestürmt, als Roth nach jener Nacht nicht zurückgekehrt war, in der wir den Kleinen Salomon (das uralte Buch mit Antworten auf all unsere Fragen über meine Mutter) ausfindig gemacht hatten und dann von Abbot ertappt worden waren (dem Anführer des Wächterclans in D. C., der mich als kleines Mädchen adoptiert hatte). Die beiden hatten schließlich aufgehört zu fragen, und es war noch immer eins von vielen Geheimnissen, die ich ihnen nicht anvertrauen konnte.

Trotz unserer Freundschaft wusste keiner von ihnen, was ich wirklich war, nämlich halb Wächterin und halb Dämonin. Und ihnen war auch nicht klar, dass Roth nicht bloß fehlte, weil er womöglich die Schule gewechselt hatte. Trotzdem war es einfacher, sich das vorzustellen, mir einzureden, dass er einfach gegangen war und nicht in der Hölle schmorte.

Das Brennen bewegte sich in meiner Brust, so wie ein leises Brodeln in den Adern, das man nicht vergessen kann. Es war das Verlangen, eine Seele zu nehmen, ein Fluch, den meine Mutter an mich weitergegeben hatte, und es war in den vergangenen zwei Wochen kein bisschen schwächer geworden. Wenn überhaupt, hatte es zugenommen. Die Fähigkeit, jedem Wesen mit nur einer Berührung die Seele zu entziehen, war der Grund, wieso ich nie etwas mit einem Jungen angefangen hatte.

Außer mit Roth.

Weil er ein Dämon gewesen war, hatte sich das lästige Problem mit der Seele gar nicht erst gestellt. Schließlich besaß Roth so etwas gar nicht. Und im Gegensatz zu Abbot und fast dem gesamten Clan einschließlich Zayne hatte sich Roth nie daran gestört, dass ich ein Mischling war. Er … er hatte mich so akzeptiert, wie ich war.

Mit den Handballen rieb ich mir die Augen und biss mir in die Wange, um die Tränen zurückzuhalten. Als Petr, der Wächter, der sich als mein Halbbruder entpuppt hatte, mich angegriffen hatte, war meine Halskette gerissen. Seitdem ich sie repariert und komplett gesäubert in Roths Apartment gefunden hatte, klammerte ich mich an die Hoffnung, dass Roth doch nicht in den Feuergruben war. Dass ihm irgendwie die Flucht gelungen war. Mit jedem Tag, der ereignislos verstrich, flackerte diese Hoffnung immer stärker, so wie eine Kerze im Zentrum eines Hurrikans.

Mehr als von allem anderen auf der Welt war ich überzeugt: Wenn Roth einen Weg zurück zu mir finden könnte, dann wäre ihm das inzwischen gelungen. Was also nur bedeuten konnte …

Als ich einen brutalen Stich in der Brust spürte, schlug ich die Augen auf und stieß langsam den Atem aus, den ich angehalten hatte. Wegen der Tränen, die mir in die Augen gestiegen waren, war alles um mich herum leicht verschwommen. Ich zwinkerte ein paarmal und ließ mich zurück gegen den Stuhl sinken. Was immer das an die Wand projizierte Bild zeigen sollte, ich hatte keine Ahnung. Irgendwas über den Kreis des Lebens? Nein, darum ging es im König der Löwen. Ich würde mit Sang und Klang durchfallen. Zumindest wollte ich versuchen, mir ein paar Notizen zu machen, griff nach meinem Stift und …

In diesem Moment kratzten die metallenen Stuhlbeine in einer der vorderen Reihen über den Fußboden. Als hätte ihm jemand ein Feuerzeug unter den Hintern gehalten, sprang ein Junge von seinem Platz auf. Ein schwaches gelbliches Leuchten umgab ihn – seine Aura. Ich war die Einzige, die sie sehen konnte, und bemerkte, dass sie unablässig flackerte und immer wieder kurz erlosch. Es war für mich nichts Neues, die Aura eines Menschen zu sehen, die eine Art Spiegelung der Seele war. Es gab sie in allen Farben, und bei manchen Leuten wies sie sogar zwei oder mehr Farbtöne auf. Doch so ein Zucken und Flackern hatte ich noch nie beobachtet. Als ich mich umsah, fiel mir auf, dass die Mischung aus Auren ganz schwach flimmerte.

Was war nur los?

Wie erstarrt hielt Mrs Cleo ihre Hand über den Projektor und sah den Jungen an. „Dean McDaniel, darf ich erfahren, was das …“

Dean wirbelte herum zu den zwei Jungs, die hinter ihm saßen. Beide lehnten sich auf ihren Stühlen nach hinten, hatten die Arme vor der Brust verschränkt und grinsten gleichermaßen spöttisch. Dean hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, sein Gesicht war rot angelaufen. Mir stand der Mund offen, als er sich mit einer Hand auf dem Tisch abstützte und die andere zur Faust geballt dem einen Jungen ins Gesicht rammte. Das fleischige Klatschgeräusch hallte im Klassenzimmer wider, von allen Seiten folgte ungläubiges Keuchen.

Heiliger Müsliriegel!

Ich setzte mich kerzengerade hin, Stacey schlug mit beiden Händen auf die Tischplatte. „Heilige Scheiße am Sonntagmittag“, flüsterte sie, während sie mit ansah, wie der Junge, auf den Dean eingeschlagen hatte, nach links von seinem Stuhl kippte und wie ein Sack Kartoffeln auf dem Boden landete.

Ich kannte Dean nicht besonders gut. Genau genommen hatte ich in meinen vier Jahren an der Highschool höchstens drei- oder viermal kurz mit ihm geredet. Er war ein ruhiger, durchschnittlicher Typ, so groß und schlaksig wie Sam.

Also keiner, von dem man erwarten würde, dass er einen viel größeren Mitschüler vorübergehend aus dem Verkehr zog.

„Dean!“, brüllte Mrs Cleo, deren üppige Oberweite in Bewegung geriet, als sie zur Tür lief und das Licht einschaltete. „Was ist denn hier …“

Der zweite Junge in der Reihe hinter Dean sprang auf und ballte die fleischigen Fäuste. „Was hast du für ein Problem?“ Er ging um den Tisch herum und zog sein Kapuzenshirt aus. „Willst du was?“

So richtig ernst wurde es immer, wenn die Leute irgendwelche Kleidungsstücke auszogen.

Kichernd stakste Dean in den Mittelgang. Stuhlbeine scharrten über den Boden, da Schüler sich hastig zurückzogen. „Gern, und ich komm’s mir sogar abholen.“

„Eine Prügelei!“, rief Stacey, kramte in ihrer Tasche und holte ihr Handy heraus. Einige andere Schüler taten es ihr gleich. „Das muss ich unbedingt aufnehmen!“

„Jungs, sofort aufhören!“ Mrs Cleo schlug mit der flachen Hand auf die Sprechanlage, die sie direkt mit dem Sekretariat verband. Ein Pfeifton ertönte, und sie sprach hektisch ins Mikrofon: „Ich brauche sofort Wachleute in Raum zwei null vier!“

Dean ging auf seinen Widersacher los und stieß ihn zu Boden. Wütend stürzte er sich auf ihn und wälzte sich mit ihm herum, bis sie gegen einen Tisch stießen. Hinten waren wir auf unseren Plätzen eigentlich in Sicherheit, trotzdem stand ich auf. Mir lief ein Schauer über den Rücken, da Bambi sich überraschend bewegte und ihren Schwanz über meinen Bauch zucken ließ.

Stacey stellte sich auf ihre Zehenspitzen, offenbar brauchte sie für ihre Kamera einen besseren Winkel. „Das ist ja …“

„Bizarr?“, ergänzte ich fragend und zuckte zusammen, als der zweite Junge einen so guten Treffer landete, dass Deans Kopf nach hinten geschleudert wurde.

Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Ich wollte eigentlich irre sagen.“

„Aber die …“ Ich zuckte zusammen, als die Klassentür aufschwang und gegen die Wand knallte.

Sicherheitsleute stürmten in das Klassenzimmer und gingen sofort auf die beiden los. Ein massiger Kerl legte die Arme um Dean und zog ihn von dem anderen Schüler weg, während Mrs Cleo wie ein nervöser Kolibri hin und her schwirrte und dabei mit beiden Händen ihre kitschige Perlenkette festhielt.

Ein Wachmann mittleren Alters kniete sich neben den Jungen, den Dean niedergeschlagen hatte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass er sich seit dem Aufprall nicht mehr gerührt hatte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, das nichts damit zu tun hatte, dass Bambi sich in dem Moment wieder bewegte. Der Wachmann beugte sich tief über den Jungen und legte ein Ohr auf dessen Brust. Dann richtete er sich ruckartig wieder auf und griff nach dem Funksprechgerät auf seiner Schulter. Sein Gesicht war so weiß wie das Papier in meinem Notizbuch. „Ich brauche sofort ein Sanitäterteam. Ich habe hier einen Jungen, ungefähr siebzehn oder achtzehn Jahre alt. Sichtbare Prellung am Kopf. Keine Atmung.“

„O mein Gott“, wisperte ich und griff nach Staceys Arm. Schweigen machte sich im Klassenzimmer breit, Mrs Cleo blieb an ihrem Pult stehen. Ihr Doppelkinn wackelte lautlos hin und her, als sie fassungslos den Kopf schüttelte. Stacey schnappte erschrocken nach Luft und ließ das Handy sinken.

Die Stille nach dem Notruf war beendet, als Dean den Kopf in den Nacken warf und schallend zu lachen begann, während der andere Sicherheitsmann ihn aus dem Zimmer schleifte.

Stacey strich sich das schulterlange schwarze Haar hinters Ohr. Sie hatte weder das Stück Pizza auf ihrem Teller noch die Dose Limonade angerührt. Mir ging es nicht anders. Vermutlich dachte sie das Gleiche wie ich. Direktor Blunt und der Vertrauenslehrer, von dem ich noch nie richtig Notiz genommen hatte, waren sich einig gewesen und hatten der gesamten Klasse für den Rest des Tages freigegeben.

Ich hatte keine Mitfahrgelegenheit. Morris, der Chauffeur und Hausmeister des Clans sowie ein rundum fantastischer Typ, durfte mich nicht fahren, nachdem wir uns bei unserer letzten gemeinsamen Reise mit einem besessenen Taxifahrer gemessen hatten, der auf uns zugerast war. Zayne und Nicolai wollte ich nicht aufwecken – in erster Linie, weil reinrassige Wächter den Tag über schlafen, eingeschlossen in ihren harten Schalen. Und da Stacey ihren kleinen Bruder nicht um sich haben wollte, saßen wir jetzt beide in der Cafeteria.

Aber keiner von uns hatte Appetit.

„Ich bin jetzt ganz offiziell traumatisiert“, verkündete Stacey und atmete tief durch. „Das ist mein voller Ernst.“

„Es ist ja nicht so, als wär der Typ tot“, erwiderte Sam mit vollem Mund. Seine Nickelbrille war ihm bis auf die Nasenspitze gerutscht, die braunen Locken hingen ihm bis tief in die Stirn. Seine gelblich-blaue Seele flackerte so, wie ich es schon den ganzen Morgen bei allen anderen beobachtet hatte. „Ich habe gehört, dass er im Rettungswagen wiederbelebt wurde.“

„Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir mit ansehen mussten, wie jemand einen so brutalen Schlag ins Gesicht gekriegt hat, dass der ihn erst mal getötet hat“, betonte Stacey. „Begreifst du nicht, um was es hier eigentlich geht?“

Sam schluckte das Stück Pizza runter. „Woher willst du wissen, dass er wirklich tot war? Nur weil ein Hilfspolizist behauptet, dass jemand nicht mehr atmet, muss das noch lange nicht wahr sein.“ Er sah auf meinen Teller. „Isst du das noch?“

Verwundert schüttelte ich den Kopf. „Es gehört alles dir.“ Im nächsten Moment hatte er sich schon das Stück Salamipizza von meinem Teller genommen. Dabei sah er mich kurz an. „Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte ich.

Kauend nickte er. „Tut mir leid, aber ich weiß, ich höre mich nicht sehr mitfühlend an.“

„Findest du?“, konterte Stacey ironisch.

Ein dumpfer Schmerz flammte hinter meinen Augen auf, gerade als ich nach meinem Wasser griff. Ich brauchte Koffein. Und dann musste ich unbedingt herausfinden, wieso aus allen Auren auf einmal hektische Blinklichter geworden waren. Das farbige Licht rund um einen Menschen zeigte an, um welche Art von Seele es sich handelte. Weiß stand für eine absolut reine Seele, am häufigsten waren Pastelltöne vertreten, die normalerweise eine gute Seele anzeigten. Je dunkler die Farben waren, umso fragwürdiger war der Status einer Seele. Und wenn ein Mensch von gar keinem Lichtschein umgeben war, hieß das, dass er für das Team der Seelenlosen spielte.

Anders gesagt: Derjenige war ein Dämon.

Ich war nicht mehr so oft unterwegs, um Dämonen zu markieren. Das war noch so eine nette Fähigkeit, die ich meiner Mischlingsherkunft zu verdanken hatte: Wenn ich einen Dämon berührte, dann war das so, als hätte ich ihm einen Neonleuchtaufkleber aufgedrückt; es machte es den Wächtern leichter, die Seelenlosen aufzuspüren.

Nur bei Hohedämonen funktionierte das nicht, aber bei denen funktionierte sowieso so gut wie gar nichts.

Ich hatte nicht aufgehört zu markieren, weil es mir nach dem Zwischenfall mit Paimon verboten worden war. Schließlich hatte Abbot mich nach der Nacht in der Turnhalle auf Lebenszeit von jeglichem Stubenarrest befreit. Aber mir kam es falsch vor, willkürlich Dämonen zu markieren, seit ich wusste, dass viele von ihnen völlig harmlos waren. Wenn ich markierte, dann die Blender, weil sie eine Gefahr darstellten und weil sie die Angewohnheit hatten, Leute zu beißen. Die Chaosdämonen ließ ich dagegen in Ruhe.

Das hatten sie Roth zu verdanken.

„Wahrscheinlich sind diese beiden Idioten Dean auf die Nerven gegangen“, meinte Sam, der innerhalb von Sekunden mein Stück Pizza vertilgt hatte. „Leute rasten schon mal aus.“

„Normalerweise ist eine Faust keine tödliche Waffe“, hielt Stacey dagegen.

Mein Handy klingelte kurz und lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich bückte mich und holte es aus der Tasche. Als ich sah, dass ich eine SMS von Zayne bekommen hatte, musste ich unwillkürlich lächeln, auch wenn der Schmerz hinter meinen Augen immer stärker wurde.

Nic holt dich ab. Komm in den Trainingsraum, wenn du zu Hause bist.

Ah, Training. Mein Magen begann immer zu kribbeln, wenn es ums Trainieren mit Zayne ging. Während der Übungen mit Griff- und Ausweichtechniken war er jedes Mal irgendwann so verschwitzt, dass er sein T-Shirt auszog. Na ja, auch wenn mir Roths Verlust schreckliche Schmerzen bereitete, konnte man sich schon darauf freuen, Zayne ohne T-Shirt zu sehen.

Außerdem … Zayne hatte mir schon immer sehr viel bedeutet. Daran hatte sich nichts geändert und würde es vermutlich auch nie. Als ich in den Clan eingeführt worden war, hatte ich mich vor Panik in einem Schrank versteckt. Zayne war derjenige gewesen, der mich aus meinem Versteck gelockt hatte – mit einem Teddybären, dem ich den Namen Mr Snotty gegeben hatte und der inzwischen längst nicht mehr so gut aussah. Seit damals waren Zayne und ich unzertrennlich. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem Roth aufgetaucht war. Zayne war mein einziger Verbündeter gewesen, er war der Einzige, der wusste, was ich wirklich war, und … o Gott, er war für mich da gewesen. In den letzten Wochen hatte er sich als mein Fels in der Brandung erwiesen.

„Alsoooo …“ Sam dehnte das Wort, so lang es ging, während ich Zayne eine kurze Bestätigung schickte und dann das Handy zurück in meine Tasche steckte. „Wusstet ihr eigentlich, dass, wenn eine Schlange mit zwei Köpfen zur Welt kommt, die beiden um das Futter kämpfen?“

„Was?“ Stacey runzelte zornig die Stirn.

Sam nickte und grinste flüchtig. „Ganz genau. Sozusagen ein Kampf auf Leben und Tod … mit sich selbst.“

Aus irgendeinem Grund entspannte ich mich ein wenig, als ich hörte, wie Stacey lachte und sagte: „Dein Vorrat an nutzlosem Wissen ist so unerschöpflich, dass ich nur immer wieder staunen kann.“

„Genau deshalb liebst du mich ja so.“

Stacey stutzte, ihre Wangen begannen zu glühen. Sie sah mich an, als könnte ich ihr irgendwie dabei helfen, ihre Gefühle in den Griff zu kriegen, die sie vor Kurzem für Sam entdeckt hatte. Dabei war ich der letzte Mensch auf Erden, der irgendwem mit Rat und Tat beistehen konnte, wenn es um das andere Geschlecht ging.

Ich hatte in meinem ganzen Leben nur einen Jungen geküsst.

Und der war auch noch ein Dämon gewesen.

Also …

Plötzlich lachte sie laut und vergnügt und griff nach der Dose Limonade. „Wie auch immer. Ich bin viel zu cool für die Liebe.“

„Eigentlich …“ Sam sah aus, als wollte er ein paar Fakten zu den Themen Liebe und Coolsein zum Besten geben, da flammten die Schmerzen in meinem Kopf wie verrückt auf.

Ich atmete ein, presste mir die Hand auf die Stirn und kniff die Augen zu, um das rot glühende Stechen abzuwehren. Das Ganze dauerte nur einen Moment, dann war auch schon wieder alles vorbei.

„Layla? Ist alles in Ordnung?“, fragte Sam.

Ich nickte vorsichtig, ließ die Hand sinken und öffnete die Augen. Sam sah mich aufmerksam an, aber …

Lächelnd neigte er den Kopf zur Seite. „Du siehst etwas blass aus.“

Mir wurde schwindlig, je länger ich ihn ansah. „Du …“

„Ich? Was?“ Irritiert schaute er zu Stacey. „Was habe ich gemacht?“

Sam war mit einem Mal nicht mehr von einem Lichtschein umgeben, da war keine Spur von dem üblichen Eierschalenblau und dem zarten Buttergelb. Erschrocken drehte ich mich zu Stacey um. Ihre blassgrüne Aura war ebenfalls nicht mehr vorhanden. Das hieß, weder Sam noch Stacey hatten eine Seele. Nein, sie hatten sehr wohl jeder eine Seele, das wusste ich.

„Layla?“, fragte Stacey sanft und berührte meinen Arm.

Ich wandte mich von ihr ab und schaute mich in der überfüllten Cafeteria um. Jeder hier sah ganz normal aus, nur hatte keiner von ihnen eine Aura. Keiner war von einem sanften Licht umgeben. Mein Puls begann zu rasen, Schweiß trat mir auf die Stirn. Was war nur mit mir los?

Ich suchte nach Eva Hasher, mit deren Aura ich nur allzu vertraut war. Ich entdeckte sie ein paar Tische weiter, umgeben von den Mädchen, die Stacey immer liebevoll als die Zickengang bezeichnete. Neben ihr saß Gareth, ihr On-und-Off-Freund. Er saß vornübergebeugt auf seine verschränkten Arme gestützt und starrte mit roten, glasigen Augen vor sich hin. Ich wusste, dass er gern feierte, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er in der Schule mal high gewesen war. Auch ihn umgab keine Aura.

Dann sah ich wieder zur superscharfen brünetten Eva, die normalerweise von einem lila Leuchten begleitet wurde, das mir zeigte, dass sie schon seit einiger Zeit in einen bedenklichen Seelenstatus abgeglitten war. Die Versuchung, ihre Seele zu kosten, war immer groß.

Doch auch ihre Aura war nicht da.

„O Gott“, flüsterte ich.

Stacey hielt meinen Arm fest umklammert. „Was ist denn los?“

Erneut sah ich sie an. Noch immer keine Aura. Bei Sam ebenfalls nicht. Nichts, absolut nichts. Ich konnte keine einzige Seele sehen.

2. KAPITEL

Der restliche Nachmittag zog wie in Trance an mir vorüber. Mir gefiel die Vorstellung nicht, dass sich Stacey und Sam an meine abrupten Stimmungsschwankungen und mein ständiges Untertauchen gewöhnt hatten, aber das war der Fall. Keiner von ihnen löcherte mich mit Fragen zu meinem seltsamen Verhalten.

Als ich vor der Highschool Nicolai entdeckte, der auf mich wartete, wusste ich endgültig, dass ich meine superbesondere Dämonenaufspürfähigkeit verloren hatte. Die Wächter hatten alle eine absolut reine Seele, ein wunderschönes weißes Leuchten, von dem ich wusste, dass es himmlisch schmeckte. Selbst Petr besaß eine solch reine Seele, obwohl er ein Mann von der übelsten Sorte war und versucht hatte, mich umzubringen.

Aber Nicolai, den ich genauso gut kannte wie Zayne, war heute nicht von dem üblichen weißen Strahlen eingehüllt. Ich stieg in den schwarzen Escalade und starrte mit weit aufgerissenen Augen vor mich hin, als ich die Tür hinter mir schloss.

Nicolai warf mir einen flüchtigen Blick zu. Seit er seine Frau und sein einziges Kind bei dessen Geburt verloren hatte, brachte er nur selten ein Lächeln zustande. Normalerweise konnte ich ihn eher als jeder andere aufheitern, aber das war nicht mehr der Fall seit jener Nacht, in der der Clan mich mit Roth ertappt hatte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er. Seine Augen waren genauso blau wie Zaynes. Alle Wächter hatten diese strahlend blauen Augen, die an einen Sommerhimmel kurz vor einem Unwetter erinnerten. Meine Augen waren durch das Dämonenblut in meinen Adern dagegen so blassgrau, als wäre sämtliche Farbe ausgelaufen.

Als ich ihn nur wie ein Volltrottel anstarrte, nahm sein hübsches Gesicht einen leicht besorgten Ausdruck an. „Layla?“

Ich zwinkerte ein paarmal, als würde ich aus einer tiefen Trance erwachen. Mein Blick erfasste die Leute, die sich auf dem Fußweg drängten. Der Himmel war seit dem letzten kalten Schauer immer noch grau verhangen, und die dicken Wolken kündigten weiteren Regen an. Egal, wo ich hinsah, nirgendwo entdeckte ich das Leuchten auch nur einer Seele. Ich schüttelte den Kopf. „Alles in Ordnung.“

Während der unnötig langen Fahrt bis zum Anwesen gleich hinter der Brücke herrschte Schweigen. Der Verkehr war immer eine Qual. Wenn Morris mich fuhr, sagte er kein Wort – er sprach überhaupt nie ein Wort –, aber ich tat dann so, als würde ich mich mit ihm unterhalten. Bei Nicolai war es einfach nur pure Verlegenheit. Ich fragte mich, ob er noch immer glaubte, ich hätte den Clan verraten, als ich Roth geholfen hatte, den Kleinen Salomon aufzuspüren. Und ich bezweifelte, dass er mich je wieder anlächeln würde.

Es kam mir vor, als wäre eine halbe Ewigkeit vergangen, bis der Escalade endlich vor dem Anwesen anhielt. Wie immer nahm ich meine Tasche und machte schwungvoll die Tür auf. Das hatte ich schon so viele Male getan, dass ich gar nicht mehr hinsah, wo ich hintrat. Ich wusste auch so ganz genau, dass da die Bordsteinkante des Gehwegs war, der zur Verandatreppe führte.

Aber als ich aus dem Wagen sprang, fanden meine Stiefel dort, wo der Gehweg hätte sein sollen, keinen Halt. Ich verlor die Balance und streckte sofort die Hände aus, während ich ins Nichts eintauchte. Mein Rucksack wurde zur Seite geschleudert, während ich mit den Händen voraus hinfiel. Ohne Vorwarnung veränderte Bambi hastig ihren Platz und wand sich um meine Taille, als wollte sie verhindern, dass sie bei meiner unsanften Landung zerquetscht wurde.

Wirklich sehr hilfreich von ihr.

Bevor ich der Länge nach auf dem rutschigen, geborstenen Pflaster aufschlagen konnte, erlangte ich das Gleichgewicht zurück. Hautfetzen wurden von meinen Händen gerissen, was sich wie feine Nadelstiche anfühlte.

In Rekordzeit sprang Nicolai aus dem Escalade und kam laut fluchend zu mir gelaufen. „Hast du dir was getan, Kleine?“

„Autsch“, brachte ich stöhnend hervor und richtete mich auf, dann hielt ich meine ramponierten Hände hoch. Außer dass ich mich fühlte wie eine dreibeinige Gazelle, ging es mir gut. Meine Wangen glühten, und ich musste mir auf die Lippen beißen, um nicht lautstark zu schimpfen. „Alles in Ordnung.“

„Ganz sicher?“ Er hielt meinen Oberarm umfasst und half mir, mich hinzustellen. Bambi veränderte ihre Position in dem Moment, als er mich berührte. Ich konnte spüren, wie sie seitlich an meinem Hals hochglitt, bis sie meinen Unterkiefer erreicht hatte. Nicolai sah die Schlange ebenfalls und zog hastig die Hand weg. Er räusperte sich und sah mir stur in die Augen. „Deine Handflächen sind aufgeschrammt.“

„Das verheilt schon wieder. Dauert nur ein paar Stunden“, versicherte ich ihm. Ich konnte nur hoffen, dass Bambi sich bis dahin an eine Stelle zurückzog, an der sie nicht so offensichtlich zu erkennen war. Für die Wächter gab es tausend Gründe, sie nicht sehen zu wollen. „Was ist mit dem Bordstein passiert?“

„Keine Ahnung.“ Nachdenklich betrachtete er die zerbröckelnden Reste. „Muss wohl an dem vielen Regen liegen.“

„Eigenartig“, sagte ich leise und sah, dass meine Tasche in einer Pfütze gelandet war. Seufzend stapfte ich hin und hob sie auf.

Nicolai folgte mir die Treppe hinauf. „Hast du dir wirklich nichts getan? Ich kann Jasmine holen, damit sie einen Blick auf deine Hände wirft.“

Ich hatte keine Ahnung, wieso Jasmine als Mitglied des New Yorker Wächterclans immer noch hier war. Nicht, dass ich etwas gegen sie gehabt hätte. Anders sah das aus, wenn es um ihre Schwester ging, diese wunderschöne, reinrassige Gargoyle, die Kinder von Zayne haben wollte. Aber wenn ich überlegte, was zwischen Roth und mir gelaufen war, hatte ich eigentlich keinen Grund, eifersüchtig zu sein.

Trotzdem war da immer dieser bittere Nachgeschmack, wenn ich die dunkelhaarige Schönheit sah. Mit zweierlei Maß zu messen war nicht gut, aber was sollte ich machen?

„Ja, es ist wirklich alles in Ordnung“, antwortete ich, als wir darauf warteten, dass Geoff aus den Tiefen des Anwesens zum Vorschein kam und uns die Tür öffnete. „Ich bin offenbar bloß nicht besonders anmutig.“

Nicolai erwiderte nichts darauf, und ich dankte dem Jesuskind und allen knuddeligen Engeln dafür, dass in diesem Moment die Haustür aufging. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, um nicht auch noch in ein Loch im Boden zu fallen, das sich womöglich inzwischen aufgetan hatte. Meine Tasche stellte ich gleich hinter der Tür ab und rannte nach oben in mein Zimmer.

Wenigstens fiel ich nicht rückwärts die Treppe runter, und Bambi hatte sich aus meinem Gesicht zurückgezogen und lag jetzt wieder um meinen Körper geschlungen.

Wegen des Berufsverkehrs und meiner spontanen Bruchlandung hatte sich mein Treffen mit Zayne hinausgezögert. Als ich meine Stiefel auszog, war ich mir nicht mal sicher, ob ich mich richtig auf das Training würde konzentrieren können. Schließlich würde ich dann auch darüber nachdenken müssen, welches Kabel in meinem Gehirn wohl ausgestöpselt worden war.

Warum konnte ich keine Seelen mehr sehen? Und was hatte das zu bedeuten?

Ich musste mit jemandem darüber reden. Mit Zayne, aber nicht mit seinem Vater. Ich traute Abbot nicht mehr über den Weg, seit ich dahintergekommen war, dass er die ganze Zeit über gewusst hatte, wer meine Eltern waren, ohne mir ein Wort davon zu sagen. Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass ich umgekehrt ebenfalls sein Vertrauen verspielt hatte.

Ich holte eine Jogginghose und ein T-Shirt aus der Kommode und warf beides aufs Bett. Auf Strümpfen und mit aufgeknöpfter Jeans ging ich durchs Zimmer, während ich meinen Sweater über den Kopf zog. Die statische Aufladung knisterte in meinen Haaren, ein paar Spitzen richteten sich geladen auf. Zayne hatte bestimmt eine Erklärung dafür. Nachdem Roth …

Die Zimmertür flog auf, und Zayne kam hereingestürmt. „Nicolai hat mir erzählt … Heiliger Vater!“

Wie erstarrt blieb ich neben dem Bett stehen, die Augen weit aufgerissen. Heilige Nüsse! Mein Sweater hing noch um einen Arm gewickelt fest, und ich hatte nichts weiter an als meinen BH – meinen schwarzen BH – und meine halb aufgeknöpfte Jeans. Warum die Farbe meines BHs so wichtig war, wusste ich selbst nicht, auf jeden Fall stand ich da und bekam den Mund nicht mehr zu.

Zayne war wie angewurzelt stehen geblieben. So wie bei Nicolai sah ich auch bei ihm keine weißlich schimmernde Aura. Aber in dem Moment kreisten meine Gedanken in erster Linie darum, was Zayne sah – nämlich mich, wie ich in meinem BH vor ihm stand. In meinem schwarzen BH.

Seine wundervollen blauen Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen leicht schräg ausgerichtet. Das wellige blonde Haar hatte er zwar vor nicht allzu langer Zeit gekürzt, aber es reichte immer noch, um seine breiten Wangenknochen einzurahmen. Seine vollen Lippen standen einen Spaltbreit offen.

Zehn Jahre kannte ich Zayne jetzt schon, er war vier Jahre älter als ich, und ich hatte ihn so angebetet, wie es jede kleine Schwester mit ihrem großen Bruder tat. Aber was ich seit ein paar Jahren für ihn empfand, hatte mit Geschwisterliebe gar nichts zu tun. Seit ich alt genug war, um bei einem Mann sein Sixpack zu bewundern, war ich auf Zayne scharf gewesen.

Aber Zayne war für mich tabu gewesen, und das würde er auch immer bleiben.

Er war ein reinrassiger Wächter, und auch wenn ich im Moment seine Seele nicht sehen konnte, wusste ich, er hatte eine – und zwar eine völlig reine. Zwar hatte er bislang nie ein Problem damit gehabt, sich in meiner direkten Nähe aufzuhalten, aber eine Beziehung mit jemandem, der eine Seele besaß, war viel zu gefährlich, weil ich ihn irgendwann ja doch in ein Milchshake mit Seelengeschmack verwandeln würde.

Und sein Vater erwartete von ihm, dass er sich mit Danika paarte.

Zum Kotzen!

In diesem Moment allerdings schien diese potenzielle Zukunft mit Danika samt Kindern sehr weit weg zu sein. Zayne starrte mich an, als hätte er mich noch nie richtig wahrgenommen. Allerdings konnte ich mich auch nicht daran erinnern, dass er mich jemals in einem Badeanzug gesehen hatte, von einem BH ganz zu schweigen. Ich versuchte, nicht an den rot gepunkteten Slip zu denken, der unter meiner offen stehenden Jeans hervorlugen musste.

Dann endlich begriff ich, worauf er eigentlich starrte.

Meine Wangen fingen an zu glühen, und ich folgte seinem Blick nach unten. Ich spürte, wie sich Bambis Schwanzspitze auf meiner Wirbelsäule hin und her bewegte. Die Schlange hatte sich um meine Taille gewickelt, der lange Hals ruhte auf meinem Busen, den Kopf hatte sie gleich unterhalb der Halskette auf die rechte Brust gelegt, als wäre die ihr persönliches Ruhekissen.

Zaynes Blick folgte dem Verlauf des Tattoos, und ich wand mich innerlich, während meine Wangen umso stärker erröteten. Was ging ihm wohl durch den Kopf, wenn er Bambi so zur Schau gestellt zu sehen bekam und ihm vor Augen geführt wurde, wie sehr ich mich von ihm unterschied? Ich wollte es lieber nicht wissen.

Zögernd machte er einen Schritt auf mich zu und blieb wieder stehen. Sein Blick war so intensiv, dass es mir vorkam, als würde er mich tatsächlich an den Stellen berühren, auf die er sah. Irgendetwas ging in mir vor, meine Verlegenheit wandelte sich in eine berauschende Wärme, ein Gewicht schien sich auf meine Brust zu legen, und mein Magen verkrampfte sich.

Ich wusste, ich sollte den Sweater wieder anziehen oder ihn wenigstens vor mich halten, um damit meine Blöße zu bedecken. Aber etwas an der Art, wie Zayne mich ansah, machte es mir unmöglich, mich zu bewegen. Außerdem … wollte ich, dass er mich so sah.

Damit er begriff, dass ich nicht mehr das kleine Mädchen war, das sich im Schrank versteckte.

„Mein Gott“, brachte er schließlich heiser hervor. „Du bist wunderschön, Layla. Ein wahres Geschenk.“

Mein Herz machte einen Purzelbaum, aber meine Ohren mussten auch den Geist aufgegeben haben, da ich wusste, dass er das so nicht gesagt haben konnte. Er hatte mich schon mal als hübsch bezeichnet, aber noch nie als wunderschön … oder als Geschenk. Was ganz bestimmt nicht der Fall sein konnte, wenn meine Haare so bleich waren und meine Augen und mein Mund viel zu groß für mein Gesicht, sodass ich aussah wie eine bescheuert dreinblickende Kewpie-Puppe. Okay, ich war nicht potthässlich, aber ich war auch nicht Danika mit ihren glänzenden schwarzen Haaren und ihren langen, schlanken Beinen. Sie war atemberaubend.

Ich dagegen war vor ein paar Minuten fast aufs Gesicht gefallen und konnte aus einiger Entfernung mühelos als Albino durchgehen.

„Was?“, flüsterte ich und verschränkte die Arme mitsamt halb ausgezogenem Sweater vor dem Bauch.

Er schüttelte den Kopf und kam auf mich zu … nein, er schwebte regelrecht, jeder Schritt so elegant und anmutig wie bei einem Tänzer. „Du bist wunderschön“, sagte er. Seine Augen erstrahlten in einem kraftvollen Blau. „Ich glaube, das habe ich dir noch nie gesagt.“

„Das ist richtig, aber ich bin ja auch ni…“

„Sag nicht, dass du nicht schön bist.“ Sein Blick kehrte zu der Stelle zurück, an der sich Bambis Kopf befand. Dieses eine Mal zeigte das dämonische Tier keine Regung. „Denn das bist du, Layla.“

Mir lag ein Danke auf der Zunge, weil ich fand, es war die richtige Reaktion, dennoch kam es nicht über meine Lippen, weil er in dem Moment eine Hand nach mir ausstreckte. Behutsam schob er zwei Finger unter den Träger meines BHs, der von der Schulter gerutscht war, und ich erschauerte.

Ein besitzergreifendes Gefühl überkam mich, ein so heftiges Verlangen, ihn für mich zu beanspruchen, dass ich weiche Knie bekam und mir der Atem stockte. Als er den Träger nach oben schob, glitten seine Finger über meinen Arm. Das Verlangen reichte so tief, dass ich wusste, es war meins, trotzdem war irgendetwas daran fremdartig. Eine Begierde, die ich wahrnehmen konnte, die aber …

Unsere Blicke trafen sich, seine Pupillen waren jetzt vollständig senkrecht, mein Mund war wie ausgedörrt, und eine verrückte Sekunde lang dachte ich, er würde mich küssen. Jeder Muskel in meinem Körper spannte sich an, Bambis Schwanz zuckte erneut über meine Wirbelsäule. Keine tausend Wunschträume – und von der Sorte hatte ich jede Menge, wenn es um Zayne ging – hätten mich auf diesen Moment vorbereiten können. Zayne … er bedeutete mir alles, und bevor Roth …

Roth.

Beim Gedanken an den Dämon mit den goldenen Augen musste ich nach Luft schnappen. Sein Bild entstand fast von selbst in meinem Geist – das Haar so dunkel wie Obsidian, hohe, schräg stehende Wangenknochen, die Lippen zu einem wissenden Lächeln verzogen, das mich verärgert und zugleich begeistert hatte.

Wie konnte ich vor Zayne stehen und ihn küssen wollen – denn genau das wollte ich ja jetzt –, wenn ich doch gerade erst Roth verloren hatte?

Aber Roth hatte ich eigentlich nie richtig für mich gehabt, und Zayne zu küssen war völlig unmöglich.

Es schien ihm große Mühe zu bereiten, den Blick von mir abzuwenden und über die Schulter nach hinten zu schauen. Lieber Himmel, die Tür stand ja noch offen. Jeder hätte vorbeikommen und mich sehen können, wie ich in meinem BH – meinem schwarzen BH – hier herumstand.

Wieder glühte mein Gesicht, ich trat einen Schritt zurück und streifte hastig wieder den Sweater über. Dann drehte ich mich weg und strich mein statisch aufgeladenes Haar glatt. Mein Gesicht fühlte sich an, als hätte ich während einer Sonneneruption am Strand gelegen. Mit zitternden Fingern knöpfte ich die Jeans zu, ohne eine Ahnung zu haben, was ich hätte sagen können.

Zayne räusperte sich, aber als er weiterredete, klang seine Stimme immer noch tiefer und rauer als üblich. „Ich hätte wohl anklopfen sollen, wie?“

Ich zählte bis zehn, dann wandte ich mich zu ihm um und rang mich zu einem lässigen Schulterzucken durch. Er sah mich noch immer so an, als würde ich ohne Sweater vor ihm stehen. „Das mache ich bei dir doch auch dauernd.“

„Ja, schon …“ Er zog die Brauen hoch, mit einer Hand rieb er sich die Wange. „Tut mir leid. Und auch, dass … na ja, dass ich dich angestarrt habe.“

Jetzt kam es mir so vor, als hätte ich mein Gesicht direkt in die Sonne hineingedrückt. Als ich mich auf die Bettkante setzte, biss ich mir auf die Lippe. „Ist schon okay. Ist ja nur ein BH. Keine große Sache.“

Er nahm neben mir Platz und drehte den Kopf zu mir herum. Dichte goldene Wimpern schirmten seine Augen ab. „Richtig. Keine große Sache.“ Er ließ eine Pause folgen, und ich merkte, wie er den Blick abwandte. „Ich bin raufgekommen, weil Nicolai mir gesagt hat, dass du hingefallen bist.“

O Gott, diese demütigende Episode hatte ich schon ganz vergessen.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

Ich hielt ihm meine Handflächen hin, die mit Schrammen überzogen und gerötet waren. „Ja, alles bestens. Aber mit der Bordsteinkante stimmt was nicht. Hast du eine Ahnung, was da passiert ist?“

„Nein.“ Er nahm meine rechte Hand und strich behutsam mit dem Daumen über die geröteten Stellen. „Als ich heute Morgen von der Jagd kam, war noch alles in Ordnung.“ Er sah mich wieder an. „Hat Jasmine einen Blick auf deine Hände geworfen?“

So schön es war, dass er meine Hand hielt, zog ich sie dennoch seufzend zurück. Jasmine war ein Naturtalent, wenn es um Heilkräuter und den ganzen anderen Kram ging. „Es geht mir gut. Du weißt, diese Schrammen sind morgen schon nicht mehr zu sehen.“

Einen Moment lang sah er mich an, dann lehnte er sich nach hinten und stützte sich mit einem Ellbogen auf dem Bett ab. „Darum bin ich hergekommen. Ich dachte, du hättest dich vielleicht schwerer verletzt, als du zugeben wolltest, und wärst deshalb nicht zu mir in den Trainingsraum gekommen.“

Ich drehte mich zu ihm um und sah zu, wie er mit dem freien Arm nach Mr Snotty griff, um ihn zwischen uns aufs Bett zu setzen. Ich musste grinsen.

„Nicolai fand außerdem, dass du dich während der Fahrt seltsam benommen hast“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Wächter waren wie Tratschweiber beim wöchentlichen Bingo-Abend, bloß hatten sie in meinem Fall allen Grund, misstrauisch zu sein. Ich strich mir die Haare hinter die Ohren. „Heute ist was passiert.“

Seine große Hand hielt noch immer den Teddybären fest, während er mir in die Augen sah. „Was denn?“

Ich verdrängte das mit dem BH und die Tatsache, dass ich halb nackt vor Zayne gestanden hatte. Darüber konnte ich später immer noch nachgrübeln. Langsam rutschte ich näher an ihn heran und antwortete wegen der offenen Tür leise: „Ich weiß nicht, wie oder warum es passiert ist. Auf jeden Fall fing ich im Biounterricht auf einmal an, etwas seltsam zu sehen.“

Er zog die Brauen zusammen. „Wie meinst du das?“

„Es geht um die Seelen. Im Unterricht fingen die Auren auf einmal an zu … zu flackern, und als wir in der Cafeteria saßen, waren sie plötzlich ganz weg.“

„Ganz weg?“

Ich nickte.

Abrupt richtete Zayne sich auf. „Du kannst keine Seelen mehr sehen?“

„Genau“, flüsterte ich.

„Nicht mal meine?“

„Ich kann keine einzige Seele mehr sehen.“ Mein Puls wurde schneller, als ich richtig zu begreifen begann, was mit mir geschehen war. „Von niemandem. Das ist jetzt wie bei Dämonen, da ist kein Lichtschein mehr.“

Er setzte sich im Schneidersitz hin. „Und das ist einfach so passiert? Sie fingen an zu flackern, und dann waren sie weg?“

Wieder nickte ich, während sich mein Magen verkrampfte. „Beim Mittagessen spürte ich auf einmal diesen stechenden Schmerz hinter meinen Augen. Ich hab sie zugekniffen, und als ich sie wieder aufmachte, waren alle Auren weg. Einfach so.“

„Und sonst ist nichts vorgefallen?“ Als ich den Kopf schüttelte, rieb er in Herzhöhe über seine Brust. „Du hattest keinen Kontakt mit … mit irgendwelchen Dämonen?“

„Nein“, erwiderte ich hastig. „Das hätte ich dir sofort gesagt.“ Ein angespannter Ausdruck huschte über sein Gesicht, und ich hatte das Gefühl, dass jemand mein Herz packte und zusammendrückte. Natürlich konnte er nicht von mir erwarten, dass ich ihm sofort davon erzählen würde. Immerhin hatte ich ihm auch zwei Monate lang verschwiegen, dass ich mich mit Roth traf.

„Es gibt für dich keinen Grund, mir zu glauben, und ich … ich habe dich belogen.“ Ich schluckte angestrengt, als er den Blick zur Seite wandte und ich sehen konnte, wie seine Kiefermuskeln zuckten. „Es tut mir wirklich leid, aber ich dachte …“

„Du dachtest, du tust das Richtige, wenn du uns nichts von ihm und von seiner Suche nach dem Kleinen Salomon erzählst“, führte er meinen Satz leise zu Ende, ohne seinen Namen zu erwähnen. „Ich verstehe das schon, und ich versuche auch, dir das nicht vorzuwerfen.“

Ich zog die Beine an und drückte die Knie gegen meine Brust. „Ich weiß.“

Nach ein paar Sekunden nahm seine Miene wieder einen sanfteren Ausdruck an. „Okay. Sonst ist also nichts passiert.“ Er atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf. „Ich weiß auch nichts. Es gibt niemanden, den man fragen könnte. Da ist kein anderer …“

„Dämon?“

„Ja, richtig. Es gibt hier nirgends andere Dämonen, die das Gleiche können wie du, also haben wir nicht viel, womit wir arbeiten können.“

Meine Mutter konnte Seelen sehen, zumindest hatte Roth das behauptet. Aber es war nicht so, als hätte ich mal eben fragen können. Immerhin war sie bis vor Kurzem noch in der Hölle angekettet gewesen.

„Vielleicht ist es ja nur vorübergehend“, sagte er und strich eine Locke zur Seite, die so hellblond war, dass sie fast schon so kreidebleich wie mein Gesicht wirkte. „Wir sollten ruhig bleiben, bis wir es mit Sicherheit wissen, okay?“

Ich nickte zwar, machte mich aber jetzt schon verrückt. „Ich kann niemanden markieren.“

Zayne neigte den Kopf zur Seite. „Du hast in letzter Zeit so gut wie niemanden markiert, also musst du dir darüber ganz sicher keine Gedanken machen, Layla, Käferchen.“

„Du sagst doch Abbot nichts davon, oder?“

„Nicht wenn du es nicht willst.“ Er hielt kurz inne. „Aber warum soll er es nicht erfahren?“

Ich zuckte nur mit den Schultern, weil ich im Moment einfach nicht über seinen Vater reden wollte. Zayne liebte ihn und vertraute ihm.

Er sah mich eine Weile an, dann ließ er sich der Länge nach aufs Bett sinken und hielt mir lächelnd die Hand hin. „Sollen wir das Training ausfallen lassen?“

Das Training war wichtig. Es sorgte dafür, dass mir niemand den Hintern hinterhertragen musste, wenn ich Dämonen begegnete. Trotzdem nickte ich, nahm seine Hand und ließ mich von ihm aufs Bett ziehen. Eine Weile lagen wir da, ich auf dem Rücken, Zayne auf der Seite.

Er hielt meine Hand fest, achtete aber darauf, dass er auf keine der Schrammen drückte. „Was macht dein Heißhunger in letzter Zeit?“

Ich seufzte. „Unverändert.“

„Hast du normal gegessen?“, fragte er nach einer kurzen Pause. Argwöhnisch erwiderte ich: „Wieso fragst du?“

Wieder dauerte es einen Moment, ehe er reagierte. „Du hast abgenommen, Layla.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Dürfte wohl gut für mich sein.“

„Du musstest nicht abnehmen.“ Ein flüchtiges Lächeln umspielte seine Lippen, spiegelte sich aber nicht in seinen Augen wider. „Ich weiß, die letzten zwei Wochen sind für dich sehr schwer gewesen.“

Ein zentnerschweres Gewicht drückte auf meine Brust, ein Schwall von Gefühlen schnürte mir die Kehle zu. Die letzten zwei Wochen hatten ein paar Sekunden Wärme und Licht mit sich gebracht, aber dazwischen erstreckten sich endlose Stunden der Finsternis und Einsamkeit. Ich hatte noch nie jemanden verloren, der mir so nahegestanden hatte oder an den ich mich erinnern konnte. Ich wusste nicht, wie man trauerte und nach vorn schaute. Roth nicht mehr an meiner Seite zu haben, das war so, als würde einem direkt vor der Nase die Tür zu einem Leben zugeschlagen, das man nie für möglich gehalten hätte.

Was geschah in diesem Moment mit ihm? Wurde er gefoltert? Ging es ihm den Umständen entsprechend gut? Diese Fragen waren mir so oft durch den Kopf gegangen, dass sie zu einem dauernden Echo geworden waren.

„Ich weiß, er hat dir viel bedeutet“, sagte Zayne und verschränkte seine Finger mit meinen. „Aber vergiss mich nicht darüber. Ich bin für dich da, und das werde ich auch immer sein.“

Ein Schluchzer nahm mir den Atem.

Zayne ließ den Kopf nach vorn sinken, und eine Sekunde später berührten seine Lippen meine Wange. Er wusste genau, was ich mit denjenigen anstellen konnte, die eine Seele besaßen. Er war der Einzige, der es wagte, mir so nahe zu kommen. „Okay?“

„Okay“, flüsterte ich und kniff die Augen zu, um meine Tränen zurückzuhalten. „Ich werde dich nicht vergessen.“

3. KAPITEL

Beim Mittagessen am nächsten Tag konnte ich noch immer keine Seelen sehen. Aber während ich in der Stunde davor so getan hatte, als würde ich dem Englischunterricht folgen, der sich mit den Konsequenzen unbekümmerter Liebe in Romeo und Julia befasste, war mir eine Idee gekommen.

Seit Tagen hatte ich keinen Dämon mehr gesehen, und vielleicht war bei ihnen ja auch auf einmal irgendetwas anders. Das ergab einen Sinn. Zumindest halbwegs. Wenn den Menschen plötzlich die Seele fehlte, könnte ich womöglich bei den Dämonen auch eine Veränderung feststellen. Immerhin hatten die gar keine Seele.

Während Stacey die Brokkoliröschen auf ihrem Teller zu einem dämlich grinsenden Smiley anordnete, schickte ich Nicolai eine SMS, dass er mich später am Dupont Circle abholen sollte. Er würde die SMS lesen, sobald er wach war, und sich nichts dabei denken, da er keine Ahnung hatte, was mit mir los war. Zayne war ein anderes Thema, aber ihm würde ich alles sagen, sobald ich wieder zu Hause war.

„Heute nichts Aufregendes im Biounterricht?“, fragte Sam und spießte seinen Brokkoli mit der Plastikgabel auf.

Stacey schüttelte den Kopf. „Nö. Aber Mrs Cleo war heute auch nicht da.“

„Die arme Frau hat bestimmt der Schlag getroffen.“ Ich schob mein Gemüse auf dem Teller um das rätselhafte Stück Fleisch herum. „Wir hatten heute eine Vertretung. Einen Mr Tucker.“

Stacey grinste mich an. „Ein heißer, junger Typ.“

„Echt?“, fragte Sam, aber bevor sie etwas sagen konnte, beugte er sich über den Tisch und strich mit dem Daumen über ihre Wange.

Stacey rührte sich nicht, und ich saß wie erstarrt da.

Sam grinste, während er das Spielchen wiederholte. „Hab sie.“

Er lehnte sich zurück.

„Hab sie?“, wiederholte Stacey verwundert.

Ich fing an zu lächeln.

„Eine Wimper“, erklärte er, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Wusstest du, dass Wimpern dafür sorgen, dass dir kein Staub in die Augen kommt?“

„Ähm, ja, klar.“ Stacey nickte nachdrücklich.

Er lachte leise. „Wusstest du nicht.“

„Wusste ich wohl“, flüsterte sie.

Als ich Sams Blick bemerkte, musste ich lachen. Es war schön, dass Sam endlich etwas Selbstvertrauen an den Tag legte, was Stacey anging. Dass er schwer in sie verliebt war, hatte man ihm schon lange anmerken können.

Was mich auf eine andere Idee brachte. Da meine Dämonenaufspürfähigkeiten mich wohl im Stich gelassen hatten, wäre es ganz schön, in meiner Freizeit mal etwas … etwas Normales zu machen. „Was habt ihr am Wochenende vor?“

Stacey zwinkerte, als sie sich den Pony aus der Stirn strich. „Samstag und Sonntag Babysitten bei meinem kleinen Bruder. Wieso?“

„Ich dachte, wir könnten uns vielleicht einen Film ansehen oder so.“

„Ich habe rund um Thanksgiving an fast allen Tagen Zeit.“ Sie sah zu Sam und verzog den Mund zu einem überraschend verlegenen Lächeln. „Und was ist mit dir?“

Sam spielte mit dem Verschluss seiner Wasserflasche. „Ich kann immer.“ Er schaute zu mir. „Warum lädst du Roth nicht ein?“

Mein Herz hörte auf zu schlagen. Ich öffnete den Mund, bekam aber kein Wort raus. Na großartig. Da schlage ich was Unterhaltsames vor, und prompt kriege ich dafür einen solchen Schlag ins Gesicht.

Sam warf Stacey einen Seitenblick zu. „Ähm, ich … hab wohl was Falsches gesagt. Du bist nicht mehr mit ihm zusammen, wie? Ich dachte, er würde jetzt auf eine andere Schule gehen.“

Gott, wie sehr wünschte ich mir, dass es so wäre! „Ich … hab schon länger nicht mehr mit ihm geredet.“

Sam verzog den Mund. „Sorry, wusste ich nicht.“ Er sah auf seinen mittlerweile leeren Teller.

Stacey kehrte schnell wieder zum Thema Kinobesuch zurück, und nachdem wir uns auf den Weg zum Klassenraum gemacht hatten, lehnte sie sich gegen den Spind neben meinem. „Sam ist in solchen Dingen nicht besonders geschickt“, sagte sie mitfühlend.

Ich stieß einen verächtlichen Laut aus und nahm mein Geschichtsbuch aus dem Spind. „Er scheint aber Fortschritte zu machen.“

„Eher Fortschrittchen“, gab sie kichernd zurück, wurde aber wieder ernst. „Ich hatte gehofft, du würdest mir erzählen, was los ist. Aber ich habe so lange gewartet, wie ich nur konnte. Was ist zwischen dir und Roth vorgefallen? Ihr wart doch ein richtig heißes Paar. Du wolltest die Nacht bei ihm verbringen, dich betrinken und dann …“

„Ich hab wirklich keine Lust, darüber zu reden“, unterbrach ich sie und schloss die Spindtür. Ringsum wimmelte es von Schülern. Irgendwie war es eigenartig, sie ohne ihre schimmernden Seelen zu sehen. Verlegen strich ich über meine schwarze Strumpfhose. „Ich will ja eigentlich gar nicht so sein, aber es ist so …“

„So schwer? Noch zu früh? Schon verstanden.“ Sie neigte den Kopf zur Seite und atmete tief durch. „Und Sam …?“

Ich war zurück auf ungefährlicherem Terrain und lächelte. „Ja?“

„Okay.“ Sie beugte sich vor, dabei kam wie aus dem Nichts eine Welle der Hoffnung auf mich zugeschossen, die so heftig war, dass ich einen Schritt nach hinten machen musste. Die Vorfreude verblasste, als Staceys dunkle Augen aufleuchteten. „Okay. Bilde ich mir das nur ein, oder versucht Sam, mich anzumachen?“

Ich schüttelte den Kopf, um das seltsame Gefühl loszuwerden. „Ich glaube schon.“

„Gute Idee von dir, das mit dem Kino einzufädeln“, meinte sie, während sie neben mir herging. „Da bin ich richtig stolz auf dich.“

„Ich kapier nicht, warum du ihn nicht einfach fragst, ob er mit dir ausgeht.“ Als wir uns dem Klassenraum näherten, wurde ich langsamer. „Damit hast du doch bislang noch nie ein Problem gehabt.“

„Ja, ich weiß.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und zog die Stirn in Falten. „Aber er ist anders. Er ist Sam. Er interessiert sich für Computer und Bücher und so Streberkram.“

Ich musste lachen. Sam hatte tatsächlich was Streberhaftes an sich, aber auf eine süße Art. „Und du?“

Sie seufzte und grinste dann breit. „Ich bin an ihm interessiert.“

„Das ist doch alles, was zählt, nicht wahr?“

„Ich glaub schon.“ Sie sah auf das rote Tanktop unter ihrem langen Cardigan und zog es ein Stück nach unten, bis der Busenansatz zum Vorschein kam. „Und im Kunstunterricht wird er feststellen, dass ihn Brüste interessieren. Wünsch mir Glück.“

„Viel Glück.“ Ich betrachtete ihr Dekolleté. „Nicht, dass du Glück nötig hättest.“

Sie zwinkerte mir zu. „Ich weiß.“

Während Stacey mit federnden Schritten davoneilte, machte ich auf dem Absatz kehrt, um in den Klassenraum zu gehen. Im nächsten Moment blieb ich stehen und zog ungläubig die Brauen hoch. Vor den Toiletten waren ein Junge und ein Mädchen zugange, und zwar so, dass ich nicht erkennen konnte, wer die beiden waren und wo der eine von ihnen anfing und der andere aufhörte. Sie standen gegen die Wand gedrückt da, sie hatte ein Bein um seine Taille geschlungen, und seine Hüften waren … hoppla!

Ich war mir sicher, die beiden wollten Sex – hier und auf der Stelle!

Sie würden unglaublichen Ärger kriegen. Öffentliche Liebesbekundungen waren komplett tabu, und man erntete ja allein fürs Händchenhalten schon böse Blicke.

Aber … aber Coach Dinkerton, der geschätzte Trainer unseres sieglosen Footballteams, schlenderte an dem Pärchen vorbei, ohne die zwei eines Blickes zu würdigen. Ihn kümmerte nicht mal, dass sie sich im nächsten Moment in die Mädchentoilette zurückzogen.

Was zum Teufel war hier los?

Nach dem Unterricht zog ich meinen Rollkragen noch weiter ins Gesicht und hetzte über den überlaufenen Gehweg zum Dupont Circle. Eine Jacke wäre keine schlechte Idee gewesen. Mein Jeansrock und die Strumpfhose boten kaum Schutz gegen den kalten, feuchten Wind, allerdings hatte ich auch nicht vorgehabt, nach der Schule noch irgendwo hinzugehen.

Um mich herum liefen die Leute hin und her, aber keiner von ihnen hatte eine sichtbare Seele. Als mein spontanes Experiment zwei Stunden alt war, erklärte ich es offiziell für fehlgeschlagen. Ich glaubte zwar, an einem Telefonmast eine Gruppe Chaosdämonen stehen zu sehen, schließlich liebten diese Typen es, mit Elektrik, Baustellen oder auch mit Feuer Unfug zu treiben; aber ich konnte es nicht mit Gewissheit sagen. Sie hatten bislang nicht für Ärger gesorgt, und es gab auch eigentlich nichts, wodurch sie sich von der Menge unterschieden. Sie konnten genauso gut Menschen sein, die darauf warteten, die Straße überqueren zu können.

Die Nacht senkte sich bereits langsam über die Stadt, ließ die Straßenlampen flackernd angehen und warf unfreundliche Schatten über die alten und neuen Häuser, die die Straßen säumten.

Ich drückte meine Tasche fest an die Hüfte und eilte in Richtung Park, wobei ich immer in der Nähe der Schaufenster blieb. Auch wenn ich es nur ungern zugab, hatte ich das Gefühl, dass Paranoia wie eine gute Freundin neben mir herlief. Bislang hatte ich mich immer auf meine Fähigkeit verlassen können, die Seelen der Leute zu sehen und auf die Weise Dämonen ausfindig zu machen. Deshalb hatte sich bei mir nie der natürliche Instinkt wie bei anderen Wächtern entwickelt, Dämonen aufzuspüren. Von Zeit zu Zeit lief mir ein seltsamer Schauer über den Rücken, doch ich hatte keine Ahnung, ob mir damit die Gegenwart eines Dämons angezeigt wurde oder nicht. Eigentlich war es mehr wie das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden.

Jeder, der an mir vorbeiging, hätte ein Blender oder ein Hohedämon sein können. Vielleicht konnte ich ja so wie andere Wächter auch einfach keine Dämonen wahrnehmen. Himmel, es wäre echt scheiße, wenn das der Fall sein sollte. Ich musste dringend herausfinden, ob das ein Thema war. Aber wo sollte ich schon eine Horde Dämonen finden, die mich nicht beim ersten Anblick umbringen wollte?

Gerade als mir eine Lösung für mein Problem einfiel, geriet ich ins Stolpern.

Roths Apartmentgebäude an den Palisaden. Im ganzen Haus wimmelte es von Dämonen aller Art. Aber konnte ich mich dort hinwagen? Konnte ich mich all den Gefühlen stellen, die der Ort auslösen würde, an dem er gelebt hatte? Ich war mir nicht sicher, aber ich musste es zumindest versuchen. Vielleicht könnte ich ja Zayne überreden, morgen nach der Schule mit mir dort hinzufahren. Begeistert würde er davon bestimmt nicht sein, doch er würde es machen … für mich.

Aber vielleicht konnte ich morgen nach dem Aufwachen auch schon wieder alle Seelen sehen.

Gott, wie oft hatte ich mir gewünscht, normal zu sein – zumindest was die Maßstäbe der Wächter anging! Nun stand ich kurz davor, dass sich dieser Wunsch erfüllte – und ich bekam deswegen gleich ein Magengeschwür und …

Die Gestalt tauchte aus dem Nichts auf, sie war nicht mehr als ein kompakter Schatten, der so schnell aus einer Gasse hervorgeschossen kam, dass ich nicht mal schreien konnte. Eben war ich noch auf der Straße unterwegs gewesen, und jetzt zerrte mich etwas in eine dunkle Gasse. Wut flammte in mir auf, aus der gleich daraus eiskaltes Entsetzen wurde, als sich der harte Griff um meinen Arm löste. Mein Schwung trug mich ein paar Meter rückwärts durch die Luft, dann prallte ich mit dem Rucksack gegen eine Abfalltonne und landete mit dem Hintern auf dem kalten Untergrund.

Verdutzt hob ich den Kopf und sah blassblonde Haare und zwei leuchtend blaue Augen mit vertikalen Pupillen, die mich anstarrten.

„Dämon“, zischte mein Angreifer mich an. In einer Hand hielt er ein Messer mit gezackter Klinge. „Mach dich bereit, in die Hölle zurückzukehren.“

4. KAPITEL

Heilige Mutter Gottes.

Einen Moment lang konnte ich mich nicht rühren. Es war ein Wächter in menschlicher Gestalt – na ja, zumindest annähernd –, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich wusste, was er mit dem Messer vorhatte. Ein Stich genau ins Herz war die Methode, mit der Wächter Dämonen in die Hölle zurückschickten.

Dämonen zu enthaupten war eine andere Methode, die auch funktionierte.

Meine lähmende Angst wich dem Instinkt. Jetzt zahlten sich die vielen Stunden Ausweichtraining aus, die ich absolviert hatte. Ich sprang auf und ignorierte meinen schmerzenden Hintern. Die Klinge zerschnitt die Luft, während ich einen Satz zur Seite machte.

„Augenblick mal!“, rief ich und sprang nach hinten. „Ich bin kein Dämon!“

Der Wächter grinste spöttisch. Er schien noch jung zu sein, und sein Gesicht konnte ich nicht zuordnen, was bedeutete, dass er nicht zum Clan in D. C. gehörte. „Hältst du mich für so dumm? Du stinkst nach Dämon.“

Wie bitte? Ich widerstand dem dringenden Wunsch, an mir zu schnuppern, und zog mich hinter den grünen Abfallcontainer zurück. Vielleicht konnte ich den Kerl ja zur Vernunft bringen. „Ich bin nur zum Teil Dämon. Mein Name ist Layla Shaw, ich lebe bei …“

Er machte einen Satz auf mich zu, und ich wirbelte herum. Die Klinge fraß sich durch den Sweater und schnitt die Haut an meinem Oberarm auf. Ich schrie, als mich ein brennender Schmerz durchfuhr.

Alles ging so schnell, dass ich es nicht mehr aufhalten konnte.

Das angeborene Verlangen, mich zu wandeln, überkam mich. Meine Haut begann sich zu dehnen, als Bambi sich von ihrem Schlafplatz erhob und als Ansammlung winziger schwarzer Punkte durch die Luft schoss und dann zwischen dem Wächter und mir hing.

Ich hatte das Gefühl, das alles schon mal erlebt zu haben.

Die Punkte fielen auf den Boden, zogen sich zusammen und bildeten eine dichte Masse, die sich nach oben streckte und die Form einer Schlange annahm.

So riesig hatte ich Bambi noch nie gesehen.

Sie war größer als ich und so breit wie der Wächter, und sie fauchte wie eine Dampflok, während sie sich nach hinten beugte und ihre Attacke vorbereitete.

Fluchend machte der Wächter einen Schritt zur Seite und ging in Lauerstellung. Sein Körper begann sich zu verändern, sein Hemd platzte auf, als seine Brust breiter und breiter wurde. Mein Herz raste, während Bambi das Maul aufriss und dabei Fangzähne zum Vorschein kamen, die so lang waren wie meine ganze Hand. Ich sah zum Anfang der Gasse. Jeden Augenblick konnte uns jemand entdecken und herkommen. Die Anwesenheit eines Wächters wäre leicht zu erklären, aber eine Schlange von der Größe eines Geländewagens war ein ganz anderes Thema. „Bitte, lass mich doch erklären. Ich bin keine von den Bösen.“