Callcenter - Sebastian Thiel - ebook

Callcenter ebook

Sebastian Thiel

0,0
32,99 zł

Opis

Eigentlich wollte Andreas Seifeld mit 28 sein Studium beendet haben und in einem großen Unternehmen einen Haufen Leute dirigieren. In einer großen Firma arbeitet er tatsächlich – doch nicht am oberen Ende der Hierarchie, sondern als Callcenter-Agent. Zwischen Warteschleife, Kalt-Akquiseanrufen und nervenden Kunden erlebt er, was es heißt, Teil der modernen Dienstleistungsgesellschaft zu sein. Die Teamleiter behandeln ihre Untergebenen wie moderne Sklaven, die Aufstiegschancen tendieren gegen null und der Kunde ist nicht König, sondern lediglich eine Nummer. Obwohl er seinen Job hasst, gelingt Andreas der Absprung nicht. Nach einem selbstverschuldeten Unfall im nicht genehmigten Urlaub braucht Andreas dringend Geld. Als das Callcenter dann auch noch ins Ausland verlegt werden soll, kann ihn nur ein genialer Einfall retten. Doch dafür muss er selbst zu einem der verhassten Teamleiter aufsteigen …

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 327




Sebastian Thiel

CALLCENTER

Wer dranbleibt, hat verloren

Für alle Callcenteragenten

KAPITEL 1

AN DER FRONT

Da wären wir also wieder. Die Sonne ist noch nicht ganz über die Düsseldorfer Dächer gekrochen, als ich meine Zigarette in dem überfüllten Aschenbecher ausdrücke und den Code eingebe, um die Tür zu öffnen. Auf der linken Seite des Flures steht ein kleiner Tisch mit den Hochglanzwerbeprospekten für unsere Kunden. Auf den Bildern sieht man freundliche Männer und Frauen mit feinen Anzügen und dem perfekten Blend-a-med-Lächeln, die sich über jeden Anruf fast schon kindisch zu freuen scheinen. Hinter ihnen glänzt die Fassade eines Wolkenkratzers und auch die Ausstattung ihrer Geschäftsräume ist so schick, dass selbst das Büro von Herrn Ackermann dagegen abstinken würde. Eins vorweg: Die Broschüren lügen. Das Callcenter, in dem ich arbeite, hat mit diesen Magazinen genauso viel zu tun wie Daniela Katzenberger mit Literatur.

Früher war dieser Flachbau hier mal ein Gewächshaus. Die Elektronik wurde zwischen dünne Rigipswände gepresst und die Risse dürften den Puls jedes Statikers in schwindelerregende Höhen treiben. Dazu erinnert die hellgrüne Fassade eher an ein schimmeliges Brot als an ein ernst zu nehmendes Unternehmen. Fehlen nur noch die kleinen Härchen und der weiße Flaum auf dem Unternehmenslogo.

Herbauer Callcenter GmbH – so heißt die Firma, in der ich arbeite. Warum ich nicht sage, dass ich dort angestellt bin? Weil es einfach nicht stimmen würde.

Mein Name ist Andreas Seifeld und mit 28 wollte ich längst mein Studium beendet haben und in einer großen Firma einen Haufen Leute delegieren. Nun, in einer großen Firma arbeite ich, doch leider nicht als Abteilungsleiter, sondern in einem Job, den jedermann hasst. Ich übrigens auch.

Zwischen Warteschleife, Kaltakquiseanrufen und nervenden Kunden stecke ich schon seit ein paar Jahren in einem Callcenter fest. Die Teamleiter behandeln ihre Untergebenen wie moderne Sklaven, die Aufstiegschancen tendieren gegen null und der Kunde ist nichts weiter als eine Nummer. Ausein-andersetzungen mit besonders nervigen Kunden gehören zur Tagesordnung und die Fluktuation der Mitarbeiter ist höher als die beim VFL Wolfsburg während der Transferperiode. Seit es dieses wunderbare Gesetz zur Leiharbeit gibt, bestehen die meisten Callcenter aus Mitarbeitern einer Subfirma. Laut Wikipedia handelt es sich bei derArbeitnehmerüberlassung um »eine Form des drittbezogenen Personaleinsatzes, infolgedessen ein Unternehmer einen Arbeitnehmer einstellt und diesen dann zum Zwecke der Arbeitsleistung einem Dritten überlässt«.

Klingt toll, oder? Doch es heißt nichts anderes, als dass Arbeiter bei einer fremden Firma angestellt sind (die sie übrigens meist nur beim Bewerbungsgespräch zu Gesicht bekommen), bei der Verleihfirma aber die gleiche Arbeit erledigen wie die normalen Angestellten und das für weniger Lohn. Natürlich können diese Fremdmitarbeiter dann auch schneller entfernt werden. Ein Anruf im Personalbüro und schon steht ein neuer Callcenteragent auf der Matte. Es gibt ganze Wirtschaftszweige, die nur auf diesem Prinzip fundieren. Sie nennen sich Personaldienstleister oder Personal-Service-Agenturen und haben nur einen Zweck – dieselbe Arbeit für weniger Geld anzubieten. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 10.000 Zeit-arbeitsfirmen, die etwa zwei Prozent der arbeitenden -Bevölkerung beschäftigen. Es hat schon seinen Grund, warum etliche Arbeiter diese Firmen als »Sweatshops« bezeichnen – ein abwertender Begriff für Fabriken, der während der industriellen Revolution in England entstand. Die damaligen Manufakturen zeichneten sich durch einen hohen Bedarf an Arbeitskräften aus, die einfachste Arbeiten im Schweiße ihres Angesichts erledigen mussten.

Eigentlich liegt es mir ja fern, direkt einen negativen Unterton in das Thema zu bringen. Doch nach etlichen Jahren als Leiharbeiter in einem Callcenter fällt es mir sehr schwer, dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) noch etwas Positives abzugewinnen. Das Zauberwort, welches meine These untermauert, heißt: Projektverträge.

Bei Einführung des AÜG war die maximale Überlassungsdauer von Leiharbeitnehmern auf drei Monate befristet. Diese wurde später verlängert bzw. ganz aufgehoben. Überlassene Leiharbeitnehmer können somit unbegrenzt lange von demselben Verleiher an denselben Entleiher übergeben werden. Mal bekommt man einen neuen Vertrag für drei Monate, wenn man Glück hat, für ein Jahr. Selten länger. So spart sich das Unternehmen den fest angestellten Mitarbeiter. Ein Albtraum für jeden, der längerfristig planen möchte, und auch etwas blöd, wenn man einen Kredit bei der Bank haben will. Leiharbeiter sind bei den Finanzinstituten in etwa so gern gesehen wie Geschlechtskrankheiten bei einer Prostituierten. Nicht, dass ich etwas gegen sie hätte … also die Damen, nicht die Geschlechtskrankheiten.

Mein Sweatshop, Pardon, die Leiharbeitsfirma, für die ich arbeiten darf, heißt übrigens Persopower. Ebenfalls ein Unternehmen, das zwar annähernd 500 Angestellte hat, bei dem aber nur 30 wirklich in den firmeneigenen Büroräumen sitzen. Alle anderen telefonieren in Callcentern im Rhein-Ruhr--Gebiet. Und ich bin einer davon. Mein Platz ist im Aquarium, so nennen wir das Großraumbüro, in dem die Wände nur aus Glas bestehen. Meiner Meinung nach hat das einzig und allein den Zweck, dass unsere Teamleiter sehen können, auf welcher Seite wir gerade surfen.

Zwischen den Schallschutzwänden fühlt man sich unendlich allein. Nur man selbst, der summende Rechner und das Telefon. Irgendwo in meinem Leben muss ich eine suboptimale Abbiegung genommen haben. Oder direkt auf eine ganz falsche Autobahn gefahren sein. Meine Freundin findet das übrigens auch. Das hat sie mich heute Morgen mal wieder wissen lassen. Auch sie hatte sich das Leben anders vorgestellt, als wir vor vier Jahren zusammengezogen sind. Kurzum – mein Leben verhält sich derzeit zu Erfolg wie Kim Kardashian zu einer ernst zu nehmenden Schauspielkarriere. Noch nichts von einem ihrer Filme gehört? Sehen Sie!

Ich kann nur dann in die matten Gesichter der anderen Leiharbeitnehmer blicken, wenn ich mit dem Bürostuhl einige Meter nach hinten rolle. Oder mir einen Kaffee hole. Und das geschieht recht häufig. Mittlerweile bin ich bei einer Karaffe pro Tag. Ich habe das Gefühl, dass ich so viel Magensäure produziere, dass das Essen gar nicht mehr verdaut werden muss, sondern sich direkt auflöst. Wie an jedem Morgen stelle ich erst meine Tasche ab und fahre meinen Rechner hoch. Obwohl … in diesem Fall von meinem Computer zu reden, wäre mehr als übertrieben. Wir haben keine Arbeitsplätze, wir haben Nummern. Nur die Festangestellten können wirklich einen richtigen Arbeitsplatz ihr Eigen nennen. Der Schar der namenlosen Mitarbeiter zweiter Klasse bleibt nichts anderes übrig, als die Unterlagen und die Headsets aus dem Schrank zu holen (ja – ein Fach ist wirklich nur für uns), einen freien Platz zu suchen und zu hoffen, dass der Computer auch richtig hochfährt. Dann kann man sich mit seiner ID anmelden und beten, dass alle Programme funktionieren und nicht einer, der »alles über Computer weiß«, wieder versucht hat, »eine Optimierung des Systems durchzuführen«.

Ich habe Glück, kann alle Programme einwandfrei öffnen und der Schreibtisch sieht tatsächlich so aus, als würde man daran acht Stunden verbringen können, ohne Ekelherpes zu bekommen. Auch das ist nicht immer der Fall. Wenn man manche Tischplatten sieht, kann man förmlich spüren, wie die Essensreste des Vorgängers mit Bakterien und Viren eine Vermehrungsorgie der besonderen Art feiern. Schon mal erlebt, dass man auf der Tastatur die Buchstaben A, S und W nicht mehr drücken kann, weil am Freitag jemand Leberwurst und Cola auf die Tastatur gekleckert hat und dieses Gemisch über das Wochenende dann härter als Pattex geworden ist? Nein? Dann haben Sie noch nie in einem Callcenter gearbeitet.

Apropos Pattex – meine Augen fühlen sich an, als würde das Zeug meine Lider zusammenkleben. Also brauche ich erst mal einen Kaffee, diesen Nektar des Lebens, ohne den ich keinen logischen Gedankengang zustande bringe. Ich bin mir sicher, dass der Aktienkurs mancher Kaffeehersteller empfindlich einbrechen würde, sollte ich morgen tot umkippen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit finde ich zur kleinen Küche, die mittlerweile so vollgespickt mit Zetteln ist, dass sie mich an das Büro eines egozentrischen Physikers erinnert. An der Wortwahl und der Anzahl der Ausrufezeichen erkennt man sofort die chronologische Reihenfolge der Zettel:

1.Wir möchten Sie freundlich darauf hinweisen, den Kaffee nachzufüllen, wenn Sie die letzte Tasse genommen haben.

2.Bitte füllen Sie den Kaffee nach, wenn er leer ist!

3.Kaffee nachfüllen!!!

4.Kaffee!!!!!

Der letzte ist übrigens von mir.

Während ich an die Theke gelehnt versuche, meinen Kreislauf mit Koffein zum Laufen zu bringen, kommt Hakan, wie immer bester Laune, in die kleine Küche und brüht sich seinen Tee auf.

»Hey, Weißbrot!«, begrüßt er mich mit einem breiten Grinsen. »Na, wie war das Wochenende?«

Dazu muss man sagen: Hakan ist Türke. Diese Multikulti--Assi-Karte spielt er allerdings nur, wenn er Mädels in der Disco aufreißen will. Komischerweise klappt das meistens. Ansonsten ist er spießiger als Edmund Stoiber und nebenbei noch mein bester Freund. Er putzt jeden Freitag seine Fenster, ist pünktlich, fleißig und sollte auf seinem Mazda ein Vogel sein Geschäft erledigen, würde Hakan sofort den Dschihad gegen das Flattervieh ausrufen. Er wäre ein super Deutscher, wäre er nur nicht immer so schrecklich gut gelaunt.

»Habe was mit meiner Freundin gemacht«, antworte ich beiläufig und beobachte, wie er seinen Tee aufbrüht.

Wir haben hier etwa zur gleichen Zeit angefangen. Doch während ihm die Materie leichtfiel und er in seinem Element war, wenn es ums Quatschen ging, wollten sie mich fast wieder rausschmeißen. Das muss man sich mal reinziehen. In einem Callcenter! Fast rausgeflogen, weil man zu dumm ist, Begriffe vom Rechner abzulesen. Doch irgendwie hat Hakan mich da durchgezogen. Verdammt, er könnte so viel mehr aus sich machen.

»Hat es Spaß gemacht?«, will er wissen.

Noch tief in meinen Gedanken, schüttele ich den Kopf. »Was hat Spaß gemacht?«

Jetzt kann er sich ein Lachen nicht verkneifen, tunkt den Teebeutel vor meinen Augen in seine Tasse und macht dabei unanständige Geräusche.

»Ach so. Ja, war super.«

War es nicht. Eigentlich ist es sogar in letzter Zeit bei uns ziemlich nonexistent. Harmonie ist, wenn beide abends Migräne haben. Sex in unserer Beziehung ist wie Spenden an Afrika. Hin und wieder sieht man was darüber im Fernsehen, manchmal macht man es und fühlt sich toll, meistens lässt man es dann aber lieber sein. Auch hier läuft gehörig etwas falsch. Früher haben wir uns das Hirn rausgevögelt, eine Tube Bepanthen im Monat war normal. Und was haben wir an diesem Wochenende gemacht? Freitag waren wir früh im Bett und Samstagabend haben wir den Geburtstag ihrer Tante gefeiert. Und wenn ich gefeiert sage, meine ich, dass wir drei Stunden auf unbequemen Stühlen in einer Landgaststätte verbracht haben.

»Das freut mich«, sagt Hakan und schlürft seinen Tee.

»Danke«, sage ich und muss die schrille Stimme von Lauras Tante verdrängen. »Wie war es bei dir?«

Sein breites Grinsen verrät mir alles, was ich wissen muss. »Wir waren im Housekeller. Hab ein nettes Mädel kennengelernt und mitgenommen.«

Wie immer also.

»Irgendwie stehen die Mädels auf diese Assimasche«, sagt er nachdenklich in die dampfende Tasse und lehnt sich neben mich. »Hast du eine Ahnung, woran das liegen könnte?«

Um ehrlich zu sein, nicht die geringste. Aber im Aufstellen von bescheuerten Thesen bin ich Weltklasse.

»Vielleicht, damit sie für einen Abend das Gefühl haben, etwas Böses zu tun, um sich selbst als Badgirl bezeichnen zu können. Dann dürfen sie immerhin sonntags beim Grillen von sich behaupten, am Wochenende etwas erlebt zu haben, und fühlen sich bestätigt, wenn sie in ihrer Playgirl-Bettwäsche schlafen.«

Hakan muss ein Lächeln unterdrücken.

»Andy, du würdest selbst im Paradies noch etwas zu meckern haben, oder?« Seine Mundwinkel rutschen nach unten wie die von Angela Merkel und der Ton seiner Stimme erinnert mich an Ebenezer Scrooge. Dabei imitiert er meinen Tonfall, und das gar nicht mal schlecht. »Die Wolken sind zu weich, überall liegt teures Essen rum und hier sind mir zu viele nackte Topmodels. Da brauche ich ja ’ne halbe Ewigkeit, um mit denen fertig zu werden.« Theatralisch breitet er die Arme aus. »Verstehst du … Ewigkeit.«

Er stupst mich in die Seite. Bin ich mittlerweile wirklich so verbittert? Ich muss zugeben, dass sich mein Weltbild so ein ganz klein wenig ins Hilflos-Sarkastische gewendet hat. Eigentlich hasse ich die Leute im Abendprogramm von RTL II, die rauchend auf ihrer Couch sitzen und über den Staat, das System und die Gemeinheit der Welt an sich schimpfen. Aber es scheint, als wäre ich schleichend einer von ihnen geworden. Vor meinem geistigen Auge sitze ich in einem abgewetzten Sessel, mein Name wird eingeblendet, darunter der kleine Zusatz »ist mit sich und der Welt unzufrieden«. Ich drehe mir eine filterlose Zigarette, die Kamera schwenkt in jede Ecke meiner Wohnung und unterlegt die dreckigsten mit irgendwelchen Hitchcock-Geräuschen. Dabei schimpfe ich, dass ich schon vor Jahren aufgegeben habe, Bewerbungen zu schreiben, dass mir die Frau weggelaufen ist und auch mein geliebter Wellensittich das Zeitliche gesegnet hat. Die Musik wird trauriger – Nahaufnahme, eine Träne kullert über meine Wangen. Dazu der Kommentar aus dem Off: »Andreas Seifeld hat alles verloren. An der Härte des Lebens ist er gescheitert. Eine gebrochene Persönlichkeit, die nichts mehr hat außer dem Alkohol.«

Eigentlich möchte man an dieser Stelle den Fernseher anschreien: »Dann rasier dich doch! Krieg deinen Arsch hoch, geh zum Arbeitsamt, mach ein paar Lehrgänge, tu irgendwas!«

Schließlich tritt einer von den Gute-Laune-Nasen des Senders mit ernster Miene ins Bild: »Doch Harry Schlagmichtot hilft. Jetzt wird Andreas’ Leben richtig umgekrempelt.«

Jetzt muss auch ich lächeln. Wenigstens ein kleiner Lichtblick in diesem trostlosen, hellgrünen Block, der jede Emotion aufzusaugen scheint. So weit ist es noch nicht. Doch eins ist klar: Es muss etwas geschehen.

Ich sollte bei meiner Freundin anfangen. Denn ein gutes Familienleben ist das Fundamt für alles. Sagt Buddha … oder Mao. Auf jeden Fall einer von den Typen, die immer auf den Kalendern zitiert werden.

»Du weißt doch, wir Christen gehen zum Lachen in den Keller«, antworte ich schließlich.

»Aber nur mit einer amtlichen Genehmigung in vierfacher Ausfertigung und drei Wochen Vorlaufzeit.«

Wir prosten uns mit unseren Keramiktassen zu und für einen Moment ist der Arbeitstag tatsächlich etwas erträglicher.

Zumindest bis zu dem Moment, in dem die neuen Kollegen in die Küche treten und sich wie eine Herde Homus erectus benehmen, die zum ersten Mal ein Feuer sehen. Mit offenem Mund stehen sie vor der Industriekaffeemaschine.

Kopfschüttelnd betrachten wir die neue Meute. Beinahe süß, wie sie versuchen, die Knöpfe auf der Maschine zu entziffern, obwohl die Schrift schon seit Jahren abgenutzt ist. Ein junger Mann mit Brille scheint mutig zu sein, obwohl ich den Angstschweiß des ersten Tages bis hierher rieche.

»Entschuldigung, können …«

»Musst nicht entschuldigen, kannst ja nichts für«, sagt Hakan im breitesten Assi-Türkisch, während er dem Neuankömmling hilft, sich einen Hakan-Spezial zu brauen. Ein fast schon berühmter Scherz dieses diabolischen Genies. Was er nämlich noch besser kann, als Mädels in der Disco zu bequatschen, ist, Leute zu verarschen. Ein Hakan-Spezial ist nichts anderes, als ein dreifacher Espresso mit ein wenig Milch. Kommt gut, bei der ganzen Aufregung am ersten Tag.

»Guckst du hier, musst du drücken, und dann kommt da unten Kaffee raus. Zisch!«

Und jetzt werde ich mal wieder Zeuge eines überaus interessanten Phänomens. Wenn Hakan seine Spielchen abzieht, dann scheint bei einigen Hirnen der Schalter fürs Sprachzentrum auf Ausländermodus umzuschalten.

Jetzt bloß kein Fettnäpfchen! Dabei steigt der Pegel der politischen Korrektheit in ungeahnte Höhen. Der Neue überlegt so lange, dass ich in seinen Augen schon den Bildschirmschoner erkennen kann.

»Haben Sie vielen Dank«, grinst er Hakan schließlich entgegen, als würde er Geld für jeden Zentimeter bekommen, den er seine Mundwinkel noch höher ziehen kann. Er betont jede Silbe sogar lauter. »Ich danke Ihnen vielmals.«

»Kein Problem, Kollega, ist alles gut.«

Nochmals bedankt sich der Neuling unterwürfig, sodass ich mich sogar zu einem »Sei nett, Hakan« hinreißen lasse.

»Alter, was los? Bist du Rassist?«

Uh, das böse Wort. Hakan benutzt es mindestens zweimal die Woche und ist extrem beleidigt, wenn keiner darauf eingeht. Er blickt mich an und muss das Lachen herunterkämpfen. Sofort folgt ein betretenes Schweigen unter den Neuen. Jetzt bloß nichts machen. Einfach in Schockstarre verfallen. Irgendwie sind wir doch alle Erdmännchen.

Leider müssen Hakan und ich mittlerweile so lachen, dass wir unser Spiel nicht weiterspielen können. Wir beide gehen, solange es noch lustig ist, und lassen Grinsebacke mit seiner Koffeinbombe allein.

Jeden Tag kommen hier ein paar Neuankömmlinge rein. Allerdings habe ich längst aufgehört, sie mir alle zu merken. Es sind nichtssagende Gesichter, austauschbare Namen, bereits nach wenigen Tagen vergessene Lebensläufe und Familienstände. Ein kurzes Gespräch, ein Zeitvertreib während der Raucher-pause, dann nimmt man wenige Meter voneinander Platz und wechselt den restlichen Tag über doch kein einziges Wort mehr. Selbst in einer römischen Mine muss es freundlicher zugegangen sein als hier. Vielleicht hatten die damals sogar mehr Spaß bei der Arbeit.

Callcenter sind übrigens die Firmen mit der höchsten Fluktuation von Mitarbeitern. Neben den Zeitungsboten natürlich. Einige sehen das nur als Übergangslösung an und schaffen den Absprung und andere sehen das nur als Übergangslösung an und bleiben hängen. So wie ich. Als ich die Uni abgebrochen habe, weil ich keine Lust mehr auf diese Doppelbelastung hatte, dachte auch ich zuerst nur an ein kurzes Gastspiel. Leider ist daraus ein ständiges Engagement geworden. Traumjobs sehen anders aus. Ich zumindest habe noch von keinem Grundschüler gehört, der ein Bild von sich an einem Schreibtisch und mit Telefonhörer gezeichnet hat und sagt: »Das will ich werden – ein Callcenteragent!«

Hakan und ich verabreden uns für die nächste Raucherpause, während wir an den großen Postern stehen, die die nächste Kundenoffensive ankündigen. Zufriedene Gesichter, vertrautes Händeschütteln, eine ziemlich geile Blondine mit Headset und einem Lächeln, das in jede Ruf-mich-an-Werbung passen würde.

»Wir helfen gern weiter!«

Dieser Slogan ist so falsch, dass es beinahe schon an Betrug grenzt. Sie hätten auch schreiben können: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!« Es hätte den gleichen Wahrheitsgehalt. Ob unser Marketingchef mit Walter Ulbricht verwandt ist?

Und die blendend aussehenden Mitarbeiter sind das ganz genaue Gegenteil vom dem, was tatsächlich in einem technischen Callcenter so vor sich hin vegetiert. Das Wort ist zu böse? Abwertend und moralisch inkorrekt? Stimmt. Doch wenn man über die Jahre hinweg mit Menschen zu tun hat, die während des Telefonats einschlafen, deren Essensreste in der Tastatur eine afrikanische Großfamilie über Wochen ernähren könnten oder die sich beim Gespräch die Fußnägel schneiden, dann kann man das ruhig mal behaupten.

Wir sind keine große Firma, die über Werbespots Imagekampagnen schalten kann. Hier gibt es keine zwanzigjährigen Firmenjubiläen, keine goldenen Uhren und bei Eintritt in die Rente keine rauschenden Feste. Hier geht man an einem Abend und kommt am nächsten Morgen einfach nicht mehr wieder. Der Pool der Leiharbeitsfirmen scheint unendlich groß und unerschöpflich, wie ein reißender Fluss. Einmal von ihm gepackt, ist es fast unmöglich, sich von dem gleichgültigen, aber umso reißenderen Strudel zu lösen. Meist wechselt man von einer Leiharbeitsfirma in die nächste. Dann bleibt der Arbeitsplatz leer. Zumindest für einen Tag. Am nächsten Morgen wird die Fremdfirma einen weiteren Callcenteragenten geschickt haben, der derselben Aufgabe mit dem gleichen Elan begegnen wird und für den es natürlich auch nur eine Zwischenstation ist. Genau wie es bei mir war, als ich vor sechs Jahren hier begann.

Seufzend lasse ich mich auf den abgenutzten Bürostuhl fallen und blicke auf die Uhr. Es nützt alles nichts, das Geld muss ja irgendwie verdient werden. Die gute alte Telefonanlage prangt wie ein grauer Klotz auf dem Schreibtisch. Dieses Telefon ist speziell für Callcenter konzipiert worden. Das graue Display fordert mich auf, meine ID einzugeben. Auch eine Lieblingsbeschäftigung von mittelständischen Firmen. Alles wird zu Nummern verarbeitet. Selbst die Büropflanzen habe kleine Chips in den Töpfen stecken, an denen die Subfirma genau ablesen kann, wann das letzte Mal gegossen wurde. Überall gibt es mittlerweile Fremdfirmen, die solche Arbeiten erledigen. Selbst das Gießen der Pflanzen wird outgesourct. Früher haben das die Mitarbeiter beim Kaffee kurz mal erledigt.

Ich hasse dieses Wort. Outsourcing. Leider ist es eines der Lieblingswörter unseres Chefs. Wenn es nach ihm ginge, würde er selbst das Outsourcen outsourcen. Ich bin mir sicher, dass er auch jemanden dafür bezahlt, seine Frau zu vögeln, und dass der ihm nachher einen Bericht abliefern muss.

Nach der ID folgt mein Kennwort, welches ich über die Tasten der Anlage eingebe. Ab jetzt bin ich Teil des Systems. Bereits beim Anmelden scheint mir das rote Licht der Diode entgegen und weist mich penetrant darauf hin, dass zehn Kunden in der Warteschlange hängen und darauf warten, dass ihnen ein topmotivierter Mitarbeiter den Tag versüßt. Wenn nur ein Kunde wartet, leuchtet sie grün, ab drei orange. Ich habe mal gehört, dass die rote Diode bei über dreißig Leuten in der Warteschleife auch blinken kann. Aber ich glaube, das ist nur eine Legende, wie der Yeti oder die Gehaltserhöhungen in unserer Firma.

Vorneweg, hier ist niemand motiviert und wir werden ihnen auch nicht den Tag versüßen. Im Gegenteil. Wir sind die Frontline, die erste Kontaktaufnahme mit dem Kunden. »Der Kunde« sind in diesem Falle Mitarbeiter der BURA Versicherung, die uns mit jedem PC-Problem behelligen können, das auf der Welt existiert. Da die BURA eine der größten Versicherungen weltweit ist, gibt es davon einen ganzen Sack voll. Doch das ist nur ein Teil unserer Arbeit. Die meisten Agents haben mehrere Skills, das heißt sie sind noch für andere Hotlines und Firmen freigeschaltet. Ein Skill ist eine Hotline. Das Display des Telefons zeigt an, für welche Firma wir also gerade arbeiten.

Ts, Agents … Skills. Als wären wir bei der CIA. Wer hier anruft, hat Probleme mit seinem Rechner, den Programmen oder der Verbindung und möchte nicht irgendwelche Terrorakte melden, sondern so schnell wie möglich aus dem Fluss des automatisierten Kundenservice heraus. Zumindest das haben wir mit dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst gemeinsam – niemand möchte wirklich etwas mit uns zu tun haben.

Wenn das schrille Klingeln den Mitarbeiter anweist, sein Headset aufzusetzen und freundlich den einen Satz zu sagen, der sich bald schon ins Gehirn brennt, dann hat der Anwender geschlagene zwei Minuten damit verbracht, einen nervenaufreibenden Dialog mit einem Computer zu führen.

»Haben Sie bereits eine Kundennummer? So antworten Sie mit ›Ja‹.«

»Haben Sie Hardware- oder Softwareprobleme? Sagen Sie ›Hard‹oder ›Soft‹.«

In diesen Momenten stelle ich mir vor, wie eine betagte Empfangsdame zwei Dutzend wartender Menschen vor sich hat und gezwungen ist, Silben wie»ja«, »nein«, »Hard« ins Telefon zu säuseln.

Die grauen Pixel des Telefondisplays zeigen die Wörter »Bura Vers Innen«. Es ist also ein Innendienstmitarbeiter der BURA Versicherung.

Mein Geist will diese Taste nicht drücken, die das erste Gespräch zu mir durchstellt. Meine Hand muss sich durch eine unsichtbare Barriere schlagen, der Druck scheint Tonnen zu wiegen. Schließlich hat mein Verstand gesiegt und ich drücke die Taste.

»Willkommen im Benutzer-Service-Center, mein Name ist Andreas Seifeld. Wie kann ich Ihnen helfen?«, lese ich brav von den Zetteln auf meiner Trennwand ab. Schon wieder Zettel, überall brennen sie sich wie flammende Insignien in meine Augen.

Die Frau am anderen Ende redet noch mit ihrer Kollegin. So etwas kann ich ja gar nicht haben. Wenn man schon 10 Minuten in der kostenpflichtigen Warteschleife hängt, soll man sich wenigstens die Musik anhören. Ich wiederhole mein Sprüchlein, diesmal etwas energischer. »Willkommen im -Benutzer-Service-Center, mein Name ist Andreas Seifeld. Wie kann ich Ihnen helfen!«

Noch immer höre ich aus einiger Entfernung die Stimme der beiden Schnattertanten. Tja, Pech gehabt.

Ich warte, bis das Display mir anzeigt, dass die 30 Sekunden voll sind, und lege schließlich auf. Unter dieser Zeit zählt ein Anruf nicht als Call und kann somit nicht abgerechnet werden. Das wäre schlecht für meine Statistik, also muss man diese ein wenig fälschen. Hätte ich nach 29 Sekunden aufgelegt, hätte das System so getan, als wäre gar nichts passiert. Also muss ich einen kleinen Trick anwenden. In der Maske des Computers gebe ich irgendeine siebenstellige Kundennummer ein. Sofort erscheint auf dem Monitor, dass sie zu einem Herrn Borschikowski aus Marburg gehört. Außendienstmitarbeiter der BURA Versicherung. Perfekt, den nehme ich. Als Lösung schreibe ich, dass der Kunde sein Kennwort vergessen hat und ich es zurückgesetzt habe. Dann schließe ich den Call.

Niemand wird jemals herausfinden, dass Herr Borschikowski von der Außenzentrale der BURA Versicherung in Wirklichkeit nicht hier angerufen hat. Wichtig ist, dass meine Statistik stimmt. Aus Spaß überfliege ich die Maske und schaue mir Borschikowskis Daten an. Wohlgemerkt, von einem Menschen, den ich noch nie in meinen Leben gesehen habe. Er wird um diese Uhrzeit wahrscheinlich gerade an seinem Arbeitsplatz sitzen und irgendwelche Akten wälzen. Und tatsächlich, durch das System kann ich erkennen, dass er gerade eingeloggt ist. Um genau zu sein, in der zweiten Etage im Raum 23a, was für mich natürlich völlig nichtssagend ist. Aber durch das Programm kann ich mir noch ein paar ganz andere Daten aufrufen. Alter, Anschrift, Einstiegsdatum und natürlich das Passwort. Und ja, wir können es auch in Klarschrift lesen.

»Sommer2012«

Der Klassiker! Jeder Agent, den ich kenne, vergibt den Mitarbeitern dieses Passwort. Und man kann sich ausrechnen, wie hoch die Quote der Mitarbeiter ist, die dieses danach noch ändern. Kein Witz, wenn jemand nachts durch die Räume der BURA Versicherung spazieren würde, könnte er sich mit diesem Passwort an jedem vierten Rechner anmelden. Einfach immer die Jahreszeit und das Jahr versuchen, dicht gefolgt von den anderen Evergreens wie »123456« oder natürlich »ficken«. Man wäre überrascht, wie oft das klappt.

Schnell kann ich einen zweiten Call annehmen, ebenfalls ein Innendienstmitarbeiter der Versicherung.

»Willkommen im Benutzer-Service-Center, mein Name ist Andreas Seifeld. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Mein Kennwort funktioniert nicht mehr und das ist sehr wichtig. Ich habe sehr sensible Daten auf dem Rechner«, dröhnt mir eine Männerstimme entgegen. »Wieso muss ich morgens eigentlich so lange warten, bis jemand abnimmt. Das kann doch nicht sein, da läuft irgendetwas falsch.«

Richtig, da läuft etwas falsch, aber das ist nicht meine Baustelle. Dieser Mann scheint nur darauf gewartet zu haben, dass endlich jemand abnimmt, damit er seinen Frust über sein Leben ein wenig abbauen kann.

»Das liegt daran, dass über das Wochenende oder nachts viele Mitarbeiter ihre Kennwörter vergessen und wir sie zurücksetzen müssen.«

»Sie müssen was?«

»Wenn man sein Kennwort dreimal falsch eingibt, ist es gesperrt«, antworte ich gebetsmühlenartig. »Dann müssen wir Sie wieder freischalten. Wie ist Ihre Kundennummer bitte?«

Wenn ich jedes Mal einen Euro dafür kriegen würde, wenn ich diese Erklärung aufsage, dann würde ich mich selbst outsourcen.

»Born mein Name. Manfred Born.«

Jackpot!

»Ich meine Ihre Kundennummer, Herr Born.«

»Die weiß ich nicht.«

Warum auch. Ist ja nicht so, als ob das wichtig wäre oder er sie fünfmal am Tag als Benutzernamen eingibt.

»Gut, dann suchen wir über den Namen. Können Sie mir Ihre Abteilung nennen?«

»Wieso das denn? Ich will nur ein neues Kennwort, weil das alte kaputt ist.«

Klar, das alte ist kaputt. Muss wohl der Keilriemen defekt sein, vielleicht auch der Anlasser. Am besten schicke ich das Kennwort mal zur Reparaturabteilung, die kriegen das vielleicht mit viel Liebe und ein wenig Lebertran wieder hin.

Immer noch bleibt meine Tonlage ruhig. »Ja, aber bevor ich Ihr Kennwort zurücksetze, muss ich doch erst mal wissen, wer Sie sind.«

Nach einem lauten Seufzer und mit gereiztem Unterton in der Stimme nennt er mir die Informationen, die ich wissen will. Eigentlich hatte ich ihn schon gefunden, aber aus Prinzip lasse ich ihn alle Daten brav aufsagen. Zum Datenabgleich natürlich. Manfred Born, seit drei Jahren bei der BURA, fünfte Etage in der Hauptzentrale in Düsseldorf, Gang 2, Zimmer 524. Er hat sich vor einem halben Jahr drei Wochen lang nicht im System angemeldet. Wohl ein längerer Urlaub oder eine Krankheit. Ansonsten arbeitet er jeden Tag ungefähr von kurz nach acht bis zwanzig nach vier. Also immer ein paar Minuten zu wenig.

»Gut, Herr Born. Welches Kennwort ist denn bei Ihnen abgelaufen? Active Directory, das für das Versicherungssystem oder den Großrechner?«

Einige Sekunden vergehen schweigend, dann setzt er voll nach. »Aber das müssen Sie doch wissen.«

»Ich weiß leider nicht, welches Passwort bei Ihnen abgelaufen ist.«

Natürlich weiß ich es. Schon vor einer Minute habe ich mir das passende Programm aufgerufen und gesehen, dass das Passwort für die Anmeldung am Rechner dreimal falsch eingegeben wurde. Ich kann übrigens noch viel mehr sehen. Unter anderem, dass Herr Born nur ein kleiner Sachbearbeiter in der Schadensabteilung ist, der alle paar Wochen hier anruft, wenn die Passwörter ihre sechzig Tage überschritten haben, und beflissen die Aufforderung ignoriert, dieses vorzeitig zu ändern.

Plötzlich muss ich einen Lachkrampf unterdrücken.

»Arschtulpe5«

Sein altes Kennwort lautet »Arschtulpe«!Und anscheinend hat er es sich schon mehrmals vergeben.

»Ich habe hochsensible Daten auf dem Rechner, ich muss da jetzt dran«, grummelt er ins Telefon.

Es sind interessanterweise immer die Mitarbeiter in niedrigeren Positionen, die ein riesiges Fass aufmachen und unglaublich wichtige Daten auf ihren Rechnern haben.

»Das direkt am Anfang«, zischt er.

Nur schwerlich kann ich ernst bleiben. Meine Stimme ist durchzogen von glucksenden Tönen. »Gut, es wurde dreimal falsch eingegeben, deshalb hat Ihr Account sich gesperrt. Ich habe es nun zurückgesetzt. Jetzt müsste die Meldung erscheinen, dass Sie sich ein neues Kennwort vergeben können.«

»Ich habe mein Passwort nicht falsch eingegeben, es funktioniert einfach nicht mehr.«

Hm … klar.

»Versuchen Sie es bitte erneut.«

»Hier steht, dass es nicht klappt«, brummt er.

Das möchte ich mal sehen. Eine Windows-Fehlermeldung, die »Klappt nicht« lautet.

»Das steht da?«

Oh, anscheinend hat er meinen fragenden Unterton bemerkt.

»Sie können sich doch denken, was da steht. Oder machen Sie das zum ersten Mal?«

Nein, mache ich nicht, Tulpi. Jetzt müsste eigentlich eine weitere Regel der Callcenter-Psychologie greifen, die irgendein Telefonguru irgendwann mal aufgestellt hat. Wenn man mit dem Kunden spricht, sollte man lächeln. Angeblich merkt das der Gesprächspartner.

Ich lächle übrigens nicht.

»Nein, ich bin schon länger hier.« Viel zu lange. »Haben Sie an die Passwortrichtlinien gedacht? Mindestens acht Zeichen, mindestens eine Zahl und nicht dasselbe Passwort, wie Sie es bereits schon einmal vergeben haben. Die letzten zwanzig merkt er sich.«

»Wer merkt sich das?«

Der kleine Mann, der in deinem Rechner sitzt, mein botanischer Freund.

»Der Großrechner, auf dem alle Passwörter und die Historie gespeichert werden.«

Manfred Born stöhnt auf, als hätte ich ihm gerade die Funktionsweise eines Nuklearsprengkopfes erklärt. Wahrscheinlich hat er wieder versucht, sich die »Arschtulpe5« zu vergeben.

»Was?«

Schon am ersten Morgen dieser Arbeitswoche formt sich meine Hand zur Faust. Er macht das doch alle zwei Monate, wieso kann er sich das nicht einfach merken?

In aller Ruhe erkläre ich ihm erneut, wie sein Passwort auszusehen hat. Gandhi wäre stolz auf mich.

»Nehmen Sie einfach irgendeine Blume.« Na ja, vielleicht nicht ganz so stolz. Das konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Ein paar Sekunden ist Ruhe. Fuck! Er hat es gemerkt.

»Was meinen Sie damit?«

»Oder irgendwas anderes«, schiebe ich schnell hinterher. »Wie wäre es mit ›Sommer2012‹«, schlage ich schließlich vor.

»Jetzt geht es wieder«, sagt der Mann und legt auf.

Kein Wort des Dankes, keine Verabschiedung. Warum auch, ist ja unser Job. Schnell trage ich ein paar Kürzel in die Maske ein und gucke aus Spaß, welches Passwort er sich jetzt vergeben hat. Natürlich!

»Arschtulpe6«

KAPITEL 2

DAS PFERD

»Priv Anw«steht im Display. Diesmal ist es ein Privatanwender. Ein großer Computerhersteller hat für bestimmte Modelle Support bei uns eingekauft. Leider gestalten sich die Gespräche immer etwas schwierig.

Der Tonfall am anderen Ende ist wie dünnes Eis – kalt und doch zerbrechlich. Fast, als wäre es ihm peinlich, dass er Hilfe benötigt.

»Ja, Nitschke mein Name«, sagt die Stimme.

Ich gebe »Nitschke« in die Suchmaske ein und frage nach seinem Vornamen. Das mit der Kundenummer lassen wir am besten direkt mal ganz sein. Bei Kunden älteren Semesters habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie zwar wissen, wo ihre Kundennummer abgeheftet ist, es aber mindestens zwei Zigarettenlängen dauert, bis sie die gefunden haben. Gemeinsam überprüfen wir seine Daten. Eine der leidigsten und oft auch enttäuschendsten Phasen des Gesprächs. Hier klärt sich, ob der Mann überhaupt einen gültigen Rahmenvertrag für sein Gerät abgeschlossen hat und somit Support, also unsere Unterstützung, erhält. Wenn nicht, so bin ich angewiesen, ihn freundlich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass er mit seinem Problem allein fertig werden muss, er wohl beim Abschluss des Vertrages übers Ohr gehauen wurde und dass die Welt ungerecht ist. Natürlich gibt es dafür auch einen Zettel an meiner Wand, nur die Wortwahl darauf ist anders.

Falls das System in all seiner Großzügigkeit dem Kunden Unterstützung gewährt, wird aus seinem Namen eine Nummer und aus dem persönlichen Anruf ein Call.

Das System zeigt mir an, dass ich gerade Herrn KD0012547 am Telefon habe und sein Problem C000123693 lautet. Er hat Support.

Hans-Herrmann Nitschke aus Berlin. 68 Jahre alt, der Anschluss ist auf seinen Namen angemeldet.

Der Job der Frontliner ist es, den Call so schnell wie möglich zu bearbeiten. Um genau zu sein: innerhalb von sieben Minuten, plus eine Minute Nachbearbeitung. So lautet die Vorgabe.

»Beschreiben Sie das Problem, Herr Nitschke.«

KD0012547 erzählt brüchig und mit vielen Pausen, dass er nicht mehr ins Internet kommt. Seine Stimme ist tief und doch schwingt Unsicherheit in jedem seiner Worte mit. Das Problem besteht seit heute Morgen.

Der Klassiker!

»Haben Sie schon einmal versucht, über das Datenfernübertragungsnetzwerk die Connection zu resetten, um einen Reboot des LANs zu erzwingen? Oder einen Regcleaner über die Registry laufen lassen?«

Diese obligatorischen Sekunden der Ruhe am anderen Ende genieße ich. Es ist ein Präventivschlag, den Kunden mit Fachausdrücken zu torpedieren, eine erzwungene Verteilung von Wissensmacht.

Sein Ton wird noch eine Nuance unsicherer. Ziel erreicht.

»Sie müssen entschuldigen, ich kenne mich nicht so gut damit aus. Aber ich brauche diesen Computer, wissen Sie. Ich brauche ihn wirklich.«

Natürlich braucht er ihn, sonst würde C000123693 gar nicht existieren. Aber er will natürlich seine Onlinespiele spielen, auf dubiose Download-Angebote hereinfallen und den ganzen Tag vor diversen Websites hängen, deren Inhalte mehr als fragwürdig sind. Würde man alle Pornos aus dem Internet löschen, so würde es nur noch aus einer Seite bestehen, die in großen Lettern »Gebt uns unsere Pornos zurück!« titelt.

Meine Finger tanzen bereits über die Tasten und tragen den Gegenstand unseres Gesprächs in das System ein.

»Aw kommt nicht ins I, VB, Reboot des Routers. Aw meldet sich ggf. erneut.«

Was nichts anderes heißt, als dass KD0012547 nicht mehr ins Internet kommt, ein Verbindungsproblem hat und dass ich mit ihm jetzt seinen Router neu starten werde. Ob dies auch die Lösung herbeiführt, ist schließlich egal. Immerhin ist er aus der Leitung, ich habe meine sieben Minuten nicht gerissen und er ruft vielleicht noch mal an, was unseren Geschäftsführer freuen dürfte.

Tatsächlich werden durch profitgerichtete Verträge mit unseren Kunden groteske Situationen geschaffen. Obwohl man minutenlang in kostenpflichtigen Warteschleifen hängt und sich von seichter Fahrstuhlmusik berieseln lässt, sind die Mitarbeiter angewiesen, nur Teillösungen herbeizuführen, wenn es sich abzeichnet, dass der Call zu lang wird. Schließlich kann man jeden Anruf der Firma in Rechnung stellen. Drei Calls à sieben Minuten werden höher berechnet, als ein Anruf von dreißig Minuten. Obwohl man faktisch weniger gearbeitet hat. Auch, wenn KD0012547 erst beim dritten Versuch endlich wieder auf die Datenautobahn kommt und dann das machen kann, was ich mir nicht wirklich gern vorstellen würde.

»Herr Nitschke, drücken Sie auf Start, Einstellungen, System-steuerung«, sage ich und blicke dabei auf einen weiteren Zettel unserer hier leider gottgleichen Kommunikationstrainerin Sibylle Marolt.

Immer den KD mit Namen ansprechen, das schafft persönliche Bindung. Drei Ausrufezeichen künden von der Wichtigkeit dieser alles umfassenden Weisheit. Tatsächlich kommt man sich nach dem fünften Mal so dumm vor, dass man sich selbst nur noch als Parodie wahrnehmen kann.

An seinen viel zu hektischen Mausklicks höre ich, dass er meinem Gedankengang bei Weitem nicht folgen kann. Trotzdem lasse ich ihn weitermachen.

»Es tut mir leid, aber ich finde es nicht.«

»Start, Einstellungen, Systemsteuerung«, wiederhole ich lang gezogen und betone jede Silbe. Dabei öffne ich die Seite von Spiegel Online und lese mir den ersten Artikel durch.

Hm, interessant. Die EU plant einen weiteren Rettungsschirm für Griechenland. Diesmal werden aber nur 68 Milliar-den Euro benötigt. Ist ja ein richtiges Schnäppchen. Meiner Meinung nach sollte die neue Währung Debakel heißen. Ein Debakel wären dann 100 Fiasko.

Die Nummer am anderen Ende räuspert sich verlegen. Er findet es nicht, wie auch. KD0012547 ist 68. Als er in meinem Alter war, gab es kein Internet, keine Hybridfahrzeuge und CO2-Werte mussten etwas sein, womit nur der Arzt etwas anfangen konnte.

Die Uhr tickt. »5 Minuten 30 Sekunden« steht auf meinem Display und langsam werde ich nervös. Ich bin nicht einmal annähernd in der Lage, das Problem in der vorgegebenen Zeit zu lösen. Und so viele Ausreißer sollte man sich nicht erlauben. Der Tag beginnt ja großartig. Ich sehe mich jetzt schon wieder im Büro unserer Kommunikationstrainerin, die wegen ihres elfengleichen Schrittes nur Pferd genannt wird. Meine Stimme nimmt einen gereizten Ton an, während ich die Augen verdrehe.

»Herr Nitschke, drücken Sie mit dem Mauszeiger auf Start und gehen Sie dann in die Systemsteuerung.«

Heftiges Atmen am anderen Ende der Leitung kündet vom Hass des Versagens. Ich bin mir sicher, dass er weiß, wie man einen Hasen ausnimmt, eine Schreibmaschine bedient oder die amerikanischen Besatzer ärgert. Aber von administrierten Rechnern hat er nie etwas gehört. Er stammelt, rotiert, Füllwörter beherrschen seine Artikulation. Jetzt müsste selbst der abgestumpfteste Callcenteragent merken, dass etwas nicht stimmt. Ich kenne das Protokoll. Bei schwierigen Fällen nur eine Teillösung herbeiführen, ihn wieder anrufen lassen. Das bringt Geld und schafft Arbeitsplätze, sagt unser braun gebrannter Chef Dengler, der Sonnengott, und grinst dabei immer dämlich wie ein Metzger, dem man gerade den Preis für die Jagdwurst des Jahres überreicht hat. Er ist hier allmächtig, alleiniger Geschäftsführer, ungefähr wie Wladimir Putin in Russland, nur ohne die nervigen Wahlen alle paar Jahre.

Die sieben Minuten sind durch.

»Herr Nitschke, vielleicht sollten Sie einfach mal den Rechner neu starten. Ich könnte mir vorstellen, dass das Problem damit behoben ist.«

Keine persönliche Bindung aufbauen. KD0012547 ist nur eine Nummer, eine gesichtslose Bestätigung der Existenz dieses Arbeitsplatzes. Ich habe hier schon zu viel erlebt, als dass mich noch etwas überraschen könnte. Ausrastende Herren, die ihre gute Erziehung mit dem Wählen der Nummer vergaßen, hysterische Hausfrauen, die beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil die Webseite des Shoppingkanals nicht mehr angezeigt wurde. Mit jedem Tag wuchs das dicke Fell, die Schutzmauer um mich herum. Doch nun scheint sie zu wanken.

Der Mauszeiger schwebt bereits über der Schaltfläche, mit der man den Call im System verankert. Ein digitaler Beweis des Anrufes für alle Ewigkeit. Damit würden seine Daten gespeichert und die Eingabemaske geleert. KD0012547 wäre aus meinem Leben verschwunden. Bereit für die nächste siebenstellige Kundennummer. Wäre Moses Callcenteragent gewesen, dann hätte Gott jetzt eine KD und die Zehn Gebote wären so lange von einer Fachabteilung in die nächste geschubst worden, bis sich das Problem von allein gelöst hätte. Tickettennis nennt man das übrigens. Ein überaus interessantes Spiel, dessen Ziel es ist, das Ticket so lange rumzuschicken, bis einer aufsteht und sagt, dass er dafür zuständig ist. Der hat übrigens dann verloren.

Wenn die Frontliner, also wir, das Problem nicht lösen können, schicken wir es weiter zur 2nd-Line. Hierbei handelt es sich um eine Geheimverschwörung, die den Illuminati Konkurrenz machen könnte. Die Jungs von der 2nd-Line sitzen weit hinten im Gebäude, müssen ihre Büros nicht mit Dutzenden anderen Mitarbeitern teilen und sind ausnahmslos Götter der Informationstechnik. Zumindest verhalten sie sich so. Wir Frontliner sind für sie niedere Arbeiter, die eine Tastatur nicht von einem Pfund Mett unterscheiden können. Wenn wir Frontliner sagen, dass wir gerade sehen, dass das Problem von den Fachabteilungen bearbeitet wird, dann lügen wir. Wir sehen es nicht. Und wenn wir sagen, dass wir der Fachabteilung einen Dringlichkeitsvermerk an das Ticket setzen, dann lügen wir zwar nicht, es interessiert nur keinen. Die 2nd-Line arbeitet nach ihren eigenen Gesetzen und ist sogar so abgeschottet, dass wir sie nicht einmal anrufen dürfen.