Zahltag - Hans-Ulrich Lüdemann - ebook

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Hans-Ulrich Lüdemann

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Gestatten Sie: Mein Name ist Mildred Sox, Diplom-Kriminalistin. Wenn Sie den von mir gelösten Kriminalfall Gudow in JANUSGESICHTER oder EIN MÖRDERISCHER DREH gelesen haben, dann kennen Sie ja meine bisherige Lebensgeschichte. Ich bin also diejenige, die aufgrund besonderer Lebensumstände aus dem Polizeidienst gefeuert wurde und demzufolge geradezu eine Privatdetektei gründen musste. Die vorliegende Story vom Rentner Fyerabend ist kein Kriminalfall im eigentlichen Sinne. Zugegeben – ich konnte diesen Fall nicht aus eigener Kraft beenden. Aber es handelte sich auch um eine Ausnahmesituation, die ich keinem Kollegen wünsche. Der Täter war auf einen Rollstuhl angewiesen, schwer bewaffnet und führte einen abgerichteten Schäferhund mit sich. Auf engstem Raum trafen der ehemalige ‘Küchenbulle’ (65), der aus Hamburg ‘geliehene’ Dr. Kruse (45) und eine etwas naive ’Sekretärin’ des Amtsleiters aufeinander. Letztere spielte ich ganz intuitiv, weil ich mir dadurch bessere Chancen für die Überwältigung des Erpressers erhoffte. Trotz des Ernstes einer Geiselnahme mit SEK u. a. Begleiterscheinungen, blieben komische Momente nicht ausgespart - der Schluss hielt auch für mich eine überraschende Wendung bereit.

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IMPRESSUM

Hans-Ulrich Lüdemann

Zahltag

Detektei Rote Socke, Band 3

ISBN 978-3-86394-862-7 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 2009 beim BS-Verlag Rostock.

Gestaltung des Titelbildes: Wolfgang Schmolinske

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Handlung und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Vorspann

Gestatten Sie: Mein Name ist Mildred Sox, Diplom-Kriminalistin. Wenn Sie den von mir gelösten Kriminalfall Gudow in JANUSGESICHTER oder EIN MÖRDERISCHER DREH gelesen haben, dann kennen Sie ja meine bisherige Lebensgeschichte. Ich bin also diejenige, die aufgrund besonderer Lebensumstände aus dem Polizeidienst gefeuert wurde und demzufolge geradezu eine Privatdetektei gründen musste. Die vorliegende Story vom Rentner Fyerabend ist kein Kriminalfall im eigentlichen Sinne. Zugegeben – ich konnte diesen Fall nicht aus eigener Kraft beenden. Aber es handelte sich auch um eine Ausnahmesituation, die ich keinem Kollegen wünsche. Der Täter war auf einen Rollstuhl angewiesen, schwer bewaffnet und führte einen abgerichteten Schäferhund mit sich. Auf engstem Raum trafen der ehemalige ‘Küchenbulle’ (65), der aus Hamburg ‘geliehene’ Dr. Kruse (45) und eine etwas naive ’Sekretärin’ des Amtsleiters aufeinander. Letztere spielte ich ganz intuitiv, weil ich mir dadurch bessere Chancen für die Überwältigung des Erpressers erhoffte. Trotz des Ernstes einer Geiselnahme mit SEK u. a. Begleiterscheinungen, blieben komische Momente nicht ausgespart - der Schluss hielt auch für mich eine überraschende Wendung bereit.

15. MÄRZ 1996, 22:30

Weder ein rücksichtsvoller Bruno noch das diensteifrige Personal fanden während unseres ausgiebigen Abendessens in einem Nobel-Restaurant Gnade vor meinen Augen. Später war ich ausgerastet, als Bruno mich traurig, aber verständnisvoll auf die Stirn geküsst hatte, nachdem ich meinen Roten Mond über Soho erwähnt hatte. Wie ein guter alter Freund auf die Stirn statt auf den Mund! Als hätte es einer solchen Geste noch bedurft: Die in seiner Wohnung gefundenen Kondome waren schließlich Beweis genug gewesen - er hat mich tatsächlich abgeschrieben!

Der Höhepunkt aller Ärgernisse schien zu sein, dass wir uns wie bei einem kindlichen Pfadfinder-Spiel durch einen unverschlossenen Abstellkeller im Souterrain der Pension auf Brunos Zimmer schleichen mussten. Vorher hatte ich sogar entgegen meiner Gewohnheit das Handy abschalten müssen ...

„Ich will duschen!“

Ich kündigte meinen Wunsch wie eine Drohung an. Im aufreizenden Tanga und mit einem angewärmten riesigen Badetuch bewaffnet, stand ich in der Mitte des Raumes.

„Tu das, mein Schatz.“

Bruno lümmelte sich im bequemen Ohrensessel nahe der Balkontür und konnte sich wohl nicht satt sehen an seiner Milli. Aufregend für ihn immer aufs Neue meine unübersehbare Zahl Sommersprossen am ganzen Körper! Unsere letzte Trennung hatte einfach zu lange gedauert. Das waren wir nicht gewohnt.

Es klopfte. Ich verschwand in der Badekabine, und Bruno öffnete die Tür einen Spalt breit.

„Herr Bruno! Sie sind meine letzte Hoffnung. Der Boiler in der Küche - wir haben seit Stunden kein warmes Wasser. Könnten Sie sich das mal ansehen? Ich bitte Sie!“

Typisch Schwarzer Freitag: Wohl auf Katzenpfoten war Komtess Tessa von Büxenstein-Bohlen im Vorflur herangeschlichen. Ihre Stimme klang wie die eines Feldwebels auf dem Kasernenhof. Ich dachte daran, dass Bruno Nichtraucher war und demzufolge den beißenden Qualm starker Zigarillos, der seine neunzigjährige Pensionswirtin ständig umwehte. nicht ausstehen konnte.

„Wenn Sie Glück haben, Komtess, dann ist es nur die Sicherung”, meinte Bruno. „Dann wollen wir doch mal sehen, wo der Frosch seine Haare hat!“

Haha! Ich würde über den witzigen Herrn Bruno lachen, wenn mir danach wäre. Ihm schien es gar nichts auszumachen, mich allein zu lassen! Ich duckte mich tiefer. Vielleicht ahnte er bereits, was auf ihn zukommen würde wegen der Kondome? Für manche Ungelegenheiten hatte Bruno schon des Öfteren einen so genannten Siebenten Sinn bewiesen.

„Nein! Das ist aber wirklich sehr apart, Herr Bruno!“

Durch die Milchglasscheibe sah ich unscharf, wie Bruno vom gnädigen Fräulein von Büxenstein-Bohlen beiseite geschoben wurde. Sie stiefelte mit dem Recht der Eigentümerin ins Pensionszimmer.

„Was für ein Grün!“ Die alte Dame begrapschte ungeniert den Stoff meiner Jacke und fragte wie nebenbei: „Ich darf wohl annehmen, Herr Bruno, dass jene Dame rothaarig ist? Mit grünen Augen wäre ihre Erscheinung vollendet.“

Mit grünen Augen wäre ihre Erscheinung vollendet ... Na bitte, dachte ich. Da muss erst eine lebenserfahrene Komtess kommen, um die Dinge beim Namen zu nennen.

Bruno log schlecht: „Eine Kollegin hat mich gebeten, gleich morgen ihr Kostüm zur Reinigung zu bringen!“ Er blickte absichtlich nicht zur Duschkabine. Ihm stand gewiss Schweiß auf der Stirn.

„Sonnabends ist dort auch auf?“ Die alte Dame balancierte ihr Zigarillo zwischen den Zähnen und zog meine Jacke auseinander. „Wer zum Teufel macht so schöne Sachen“, nuschelte sie. „Modeschöpfer haben doch immer irgendwo ihr Markenzeichen eingenäht?“ Eher unabsichtlich fasste Tessa von Büxenstein-Bohlen bei ihrer Suche nach einem Schildchen auch in die Reverstasche. Als sie verdutzt die Hand herausnahm, hielten ihre gräflichen Finger zwei Kondome. In der Linken das rauchende Zigarillo, schnarrte die Komtess: „Alle Wetter aber auch!“

„Entschuldigen Sie vielmals, Komtess.“ Rot im Gesicht, nahm Bruno schnell das Corpus delicti an sich und steckte es zurück. In diesem Augenblick sah er gar nicht gut aus. Geschieht ihm recht, dachte ich frohlockend. Komtess von Büxenstein-Bohlen hatte unwissentlich meine Rolle als Racheengel übernommen.

„Aber wieso denn, Herr Bruno? Ihre Kollegin scheint eine rechte Suffragette zu sein. Wenn ein Blaustrumpf sich schon mit Männern abgeben muss, sage ich immer, dann sollte sie das Wichtigste dabei in die eigenen Hände nehmen! Ich habe allerdings mein Lebtag alle zehn Finger ganz und gar davon gelassen.“

Bruno hörte keine Doppeldeutigkeit in der launigen Bemerkung. Es stimmte ihn wohl heilfroh, dass jetzt seine handwerklichen Fertigkeiten in der Pension gefragt waren. Wie schon so oft, unentgeltlich. Im Augenblick ließ Bruno sich allerdings gern von der geizigen Pensionswirtin ausnutzen. Ich hielt noch immer die Luft an. Die Präservative! Bruno und ich hatten eine Abmachung hinsichtlich des Gebrauchs von Kondomen. Es sollte das stillschweigende Zeichen sein, falls eine dritte Person ins Spiel gekommen war. Auch wenn das Wort AIDS in unserem Gespräch ausgespart blieb, damit hatte es zu tun. Ich versuchte gar nicht erst, mir Brunos Gedanken vorzustellen: Seine liebe Milli wollte ihm also zu verstehen geben, dass er nicht mehr der einzige Mann in ihrem Leben war! Obwohl ich Brunos Beichte zuvorgekommen war - ein Gefühl des Triumphes blieb aus. Ich verspürte keine Lust mehr zum Duschen und warf mich aufs Bett. Was für ein Tag: der Fund in Brunos Kleiderschrank; dann der Zoff im Hause wegen Tegemayers; später die Geiselnahme im Büro von Dr. Kruse ...

Missmutig griff ich nach dem Bettzeug und begann, mir eine Mini-Burg zu bauen. Eine Angewohnheit aus meiner Kindheit. Wenn etwas unangenehm war, verkroch ich mich wie ein kleiner Eisbär in seiner Schneehöhle. Ein plötzlicher Schweißausbruch verriet, dass ich mein Atemloch vergessen hatte. Einer unserer Polizei-Psychologen hatte dieses Abtauchen mit pränatalen Erlebnissen zu erklären versucht. Angstzustände als Fötus soll ich verinnerlicht haben! Seltsam nur, dass Mama mir irgendwann gestand, sie hätte alle möglichen und unmöglichen Hausmittel während der Schwangerschaft eingesetzt, um mich nicht in die Welt setzen zu müssen. Die Abiturientin Amalia von Hohenstein bekam ein Kind - zu allem Übel liiert mit einem GI der Siegermacht! Was für eine Schande für das katholische Internat, befanden die barmherzigen Schwestern!

Von einer kuscheligen Bettdecke gewärmt, schloss ich probehalber die Augen. Ich hatte es geahnt. Sofort plagten mich optische und akustische Reize, die mein Kurzzeitgedächtnis seit dem morgendlichen Erwachen gespeichert hatte. Da war sie wieder, die nackte Angst, die ich während der Geiselnahme in Dr. Kruses Büro verspürt hatte. Was für ein erbärmliches Gefühl. Ich hoffte, dass irgendwann Körper und Geist endlich Ruhe geben und alle bedrückenden Bilder meiner Tagesschau abreißen würden. Aber nichts war mit einem traumlosen Schlaf. Hinter den schwerer werdenden Augenlidern begann es zu flimmern wie bei einem Filmprojektor. Ich sah plötzlich undeutliche Bilder aus meiner Wohnung, die an Schärfe zunahmen. Ein lautes unerklärliches Poltern war hinter den geschlossenen Fenstern zu hören. Irgendetwas schien dort im Gange zu sein ...

15. MÄRZ 1996, 07:05

Niemand hätte voraussagen können, dass dieser Freitag anders als jeder beliebige Freitag im Jahre sechs der Deutschen Einheit sein würde. Letztlich war es auch kein Dreizehnter, dem gemeinhin Böses untergeschoben werden konnte. Aber weil Bruno abwesend war, begann für mich dieser Tag nicht wie die Tage zuvor. Nach einer Nacht ohne Bruno fehlte beispielsweise das spezielle Rührei mit kross gebratenen Zwiebeln, auf dessen Zubereitung er sich wie kein anderer verstand. Immer am Freitag verbrachten wir eine Nacht, als sei es die letzte unseres Lebens zwischen Mann und Frau. Gebildete Zeitgenossen pflegen regelmäßige Treffen am gleichen Wochentag einen Jour fixe zu nennen. Wegen unseres Altersunterschiedes bestand ich darauf, dass es in jenen Stunden keine Liebesbeteuerungen gab.

Obwohl ich an diesem 15. März in meiner Altbauwohnung allein unter der Brause stehen musste, aus der es eher nur warm tröpfelte, war ich guter Dinge. Ich schrubbte an mir herum, als gelte es, für eine Spät-Kommunion alle Sünden vom neunundvierzigjährigen Leibe zu waschen. Mag sein, dass meine Sommersprossen deutlicher als sonst zutage traten. Bruno war einer der wenigen Männer, die eine Chance gehabt hatten, alle rostroten Pünktchen zählen zu dürfen ...

Die Minuten morgens im Bad sind mir heilig, und meine Gedanken waren auf das Wochenende mit Bruno in Berlin gerichtet. Ich hörte einen lauten Knall. Glas splitterte. Der laue Wasserstrahl dämpfte das folgende Klirren kaum. Der Krawall draußen bewog mich, meinen wirren roten Haarschopf unter einem Handtuch zu bändigen. Als ich aus dem Fenster meines BUREAU OF INVESTIGATION blickte - nach der letzten Boston-Reise hatte ich das Detektei-Büro umbenannt - erkannte ich den Schaden: Wo bis jetzt für jedermann sichtbar ein Lichtkasten mit der Aufschrift DETEKTEI MILDRED SOX geworben hatte, ragte nur noch Metall als trauriger und nichts sagender Fingerzeig aus der Fassade. Alles andere lag zerborsten irgendwo unten auf dem abgesperrten Fußweg.

„Habt ihr einen Sockenschuss?!“

„Meinen Sie uns?“

Ein Schwergewicht mit Schutzbrille setzte seinen Betonhammer ab, als wollte er der Reklame-Halterung noch eine winzige Überlebenschance einräumen.

„Sind Sie die Frau Sox?“

Der Pickelhering neben ihm lachte gurrend. Sein Adamsapfel hüpfte auf und nieder. Um die unverhoffte Pause voll auszukosten, nahm der Azubi seine kreisrunden Augengläser ab und putzte sie ausgiebig. Schließlich setzte er das Nasenfahrrad wieder auf, nahm ein belegtes Brot vom Gerüstbalken, biss gierig hinein und erklärte mampfend:

„Sockenschuss? Ausgerechnet Sie nehmen ein solches Wort in den Mund? Schon mal was gehört von den RED SOX BOSTON, Madam?“

Alle vier Vokabeln klangen korrekt in meinen nicht ungeübten Ohren. Unter anderen Umständen hätte ich diesem Klugscheißer was erzählt: Dass ich höchstpersönlich im Stadion der RED SOX BOSTON gesessen und mein Vater vergebliche Anstrengungen unternommen hatte, mir die Regeln für den Catcher, Baseman oder Batter zu erklären. Dass es beim Baseball auf drei Dinge ankäme - aufs Pitchen, aufs Pitchen und aufs Pitchen! Dass man in Boston stolz ist, eine Rote Socke genannt zu werden. Dass das Wohl und Wehe der RED SOX BOSTON zum großen Teil den Alltag der Leute bestimmt. Dass das äußere Bild der Stadt auch geprägt wird von einer Baseball-Cap mit rotem Schirm und einem rotweißen RED SOX auf blauem Grund. Nicht wegen seines Namens war James Fenimore Sox ein geschätztes Ehrenmitglied auf Lebenszeit in diesem erfolgreichen Baseball-Club. Als Hauptaktionär seiner weltweit agierenden ANIMALS EQUIPMENT LTD. Boston war der ehemalige GI für großzügiges Sponsoring bekannt. Nicht zu vergessen: Im Sommer stand eine Reise nach Boston auf meinem Urlaubsplan ...

„Die Dame hüllt sich in bedeutungsvolles Schweigen. Wie find’ ich denn das, Meister?“

Der Dicke in seinen ehemals weißen Arbeitsklamotten nickte und wiederholte mit einem verständnislosen Grinsen: „Ja, wie find’ ich denn das?“

„Wer Socke heißt, sollte wahrhaftig nicht anderen Leuten einen Sockenschuss attestieren!“ Die Hagelstange kicherte in sich hinein.

„Dummheit säuft und Intelligenz frisst!“ Ich deutete auf den zerstörten Reklamekasten. „Den Schaden werde ich Ihrer Firma in Rechnung stellen!“

„Wenn Sie dazu noch Zeit haben“, erwiderte der Dünne ungerührt. „Hier entstehen nach dem Abriss der verkeimten Hinterhöfe teure Nobel-Appartements. Und wie ich Ihre finanzielle Lage einschätze, Madam, ist dann wohl Ihres Bleibens nicht länger.“

„Sehen Sie das mit den Kasten mal so“, lenkte der Meister ein. „Dafür haben wir auch die Schmiererei auf dem Sockelputz entfernt. Mit Null Kosten! Oder haben Sie am Ende das selbst gemacht? HIER ERMITTELT DIE DETEKTEI ROTE SOCKE ...“

Vom eigenen Geistesblitz überwältigt, stockte er. Dann hob der Hüne sein schweres Gerät und drückte den blanken Meißel unterhalb der Metallstrebe gegen die Wand. Der einsetzende Lärm erinnerte an warmlaufende Turbinen eines Flugzeugs. Wütend warf ich das Fenster zu. An dem Ärger war ich nicht ganz schuldlos: Statt mich vorige Woche über das Ausmaß dieser Wild-West-Sanierung zu informieren, war ich ins Kino gegangen. Freitagabende ohne Bruno waren mittlerweile unerträglich.

Ich spürte plötzlich eine Kälte, die von den Fußsohlen ihren Ausgang nahm. Etwas stach in der Bauchgegend. Ich presste vor Schmerz die Lippen aufeinander. Diese monatlichen Anzeichen waren mir zur Genüge bekannt. Egal, wann in den letzten Jahren meine Regel einsetzte, immer kam das kurze aber nichtsdestoweniger belastende Malheur zur Unzeit. Wieder dachte ich an Bruno. Wenn es wirklich einen Schutzheiligen für Liebende gab, dann sollte er mein Stoßgebet erhören und dafür sorgen, dass die biologische Uhr einer gewissen Frau um das bevorstehende Wochenende zurückgestellt wurde. Auch mit Rücksicht auf meinen Bruno, der diese Tage, aus welchen theatralischen Spitzfindigkeiten der Dreigroschenoper auch immer, mit Aufgehen und Verweilen des Roten Mondes über Soho umschrieb.

Ich lief zurück ins Bad. Aber andere Gewerke hatten inzwischen von ihrem Recht auf Baufreiheit Gebrauch gemacht, und somit blieb das belebende Wasser aus. Vorerst jedenfalls. Ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass Zigaretten in solchen Situationen eine Stütze waren. Säße Bruno jetzt neben mir in der Küche, würde es an etlichen Belehrungen nicht mangeln. So aber konnte ich, genüsslich den blauen Schwaden nachblickend, in einer Art Tagesschau meine wichtigsten Vorhaben überdenken: Zuerst gab es den Termin im BEAUTY STYLE SALON. Dort würden etliche Scheine aus meiner Geldbörse in deren Kasse wandern. Aber irgendwo hatte ich lesen müssen, dass es absolut top sei zu wissen, ob man zu den kalten oder zu den warmen Typen zähle. Allein die Analyse sollte fünfundvierzig Minuten beanspruchen. Schönheit hatte ihren Preis. Der Altersunterschied zu Bruno betrug plus zwölf Jahre, nachsichtig über den Daumen gepeilt. DerPflege bedarf auch die Schönste, hieß es bei den alten Römern. Also tue ich alles Mögliche für meinen Bruno, der in diesem Augenblick wohl noch in einem Berliner Museum hockte, um das Reichstagsgebäude aus Zündhölzern fertig zu stellen. Ich kannte keinen Vertreter des so genannten starken Geschlechts, dessen Hände geschickter waren als die des Werkzeugmachers Bruno Halske. Und das nicht nur für seinen vielleicht etwas aus der Art geschlagenen Modellbau ...

Nach dem BEAUTY STYLE SALON würde ich also wieder nach Hause zurückkehren und aus Brunos Wohnung im Seitenflügel einige Sachen holen, um die er telefonisch gebeten hatte. Ohne die Hin- und Rückfahrt zur Behörde wegen der Familie Tegemayer einzurechnen, würden noch etwa dreißig Minuten von meiner ersehnten Zweisamkeit mit Bruno für Dr. Kruse draufgehen, seines Zeichens Referatsleiter; ein Leiharbeiter mit Buschgeld aus dem Hamburger Raum, wie aufgrund eines Telefonats zu vermuten war: Herr Dr. Kruse ssstolperte beim Sssprechen über einen ssspitzen Ssstein ...

Die Zeit musste ich mir heute nehmen - der Mann war nach eigenen Aussagen in den nächsten drei Wochen nicht zu sprechen. Schließlich galt es etwas Wichtiges zu regeln; ich hatte es Tegemayer versprochen. Der Taxifahrer wohnt mit seiner Frau ebenfalls im Seitenflügel. Es handelte sich um eine unangenehme Sache. Aber: Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Ich musste lächeln, als mir dieser Kinderspruch einfiel. Ach ja - ehe ich und Bruno das gemeinsame Wochenende in Berlin genießen konnten, wollte er mit mir noch zu einer Familie Kreigenbrink. Bei der Regulierung von Versicherungsansprüchen sei mein Beistand gefragt, hatte Bruno am Telefon gesagt. Genaueres wusste ich nicht.

15. MÄRZ 1996, 08:20

Die ab und zu defekte Klingel an meiner Wohnungstür schlug stotternd an wie ein Morseapparat. Ich drückte die Kippe aus, eilte über den Flur und lugte vorsichtshalber durch den Spion. Mit einem Überraschungsschrei öffnete ich weit die Tür. „Heinrich Dobermann?!“

Nachdem ich Heinrich aus meiner Umarmung freigegeben hatte, stand er mit durchgedrücktem Rücken im Flur. Unbeholfen wie ein aufgeregter junger Mann, der der Familie seiner ersten Liebe einen Antrittsbesuch abstatten musste.

„Immer noch JVA-Oberaufseher oder schon in Rente?“, fragte ich. Ohne seine Antwort abzuwarten, setzte ich hinzu: „Was machen denn deine fünf Enkelkinder?“

Dobermann löste die Hand vom Mützenschirm seiner dunkelblauen HAMBURGER. Er hielt fünf Finger hoch, dann nochmals drei.

„Und alle schon aus dem Haus?“

„Vier gehen noch zur Schule. Eine Enkelin studiert in Mexiko. Den Berthold hat es zu den Surfer-Profis nach Australien verschlagen. Ronald hat sich für ein Studium an der englischen Universität Hull beworben, Ruth ist ein Computer-As und will einen eigenen Laden aufmachen. Und wie clever diese Jungschen heutzutage sind, Milli, das kannst du daran sehen, dass alle irgendwelche Fördertöpfe angezapft haben ...“ Dobermann stockte und fuhr sich mit der Rechten über eine von der Natur gewollte Tonsur. „Nicht, dass ich auf meine Enkel neidisch wäre, Milli. Aber manchmal denke ich so bei mir: Habe ich mich all die Jahre belügen und betrügen lassen, dass ich heute dastehen muss wie ein nackter Mann ohne Taschen?“

Ich zuckte mit den Schultern. Jeder konnte nur für sich sprechen. Die Gegenwart empfand ich nicht so krass wie Heinrich Dobermann. Ich hatte mich nach meinem Rausschmiss aus dem Kriminalpolizeidienst um das eigene Fortkommen gekümmert, statt auf irgendeinen Anstoß von außen zu warten.

„Und – hast du mittlerweile auch Familie, Milli? Kinder?“

Ich schüttelte den Kopf. „Bei unserem letzten Gespräch hatte ich gesagt, dass deine Kinder mein Nachwuchs-Soll mit erledigen werden.“ Ich zog Dobermann in die Wohnung. „Mein Gott – wie lange ist das her! Erinnerst du dich? Wenn du mir damals in der MORDSACHE GUDOW nicht geholfen hättest ...“

Und ob Heinrich Dobermann sich erinnerte: Ein Professor war von der karrieregeilen Gattin erschossen worden, weil sie ihn angeblich für einen Einbrecher gehalten hatte. Heinrichs Hilfestellung hätte ihn vor drei Jahren beinahe den Job in der Justizvollzugsanstalt gekostet. Zum Glück hatte sich der einsitzende Campnagel dank meiner DETEKTEI MILDRED SOX als unschuldig erwiesen, sehr zum Ärger des einstmaligen Genossen Hauptmann Roeder, Leiter einer Mordkommission. Ich presste die Lippen aufeinander: Edwin Roeder würde als Kriminalhauptkommissar wohl bis zur Pensionierung Dienst tun. Im Gegensatz zu mir ...

„Milli?“ Dobermann lächelte verlegen.

Ich vermochte seine Gedanken lesen: Vor fast einem Vierteljahrhundert hatte die Genossin Unterleutnant Mildred Sox ihm während einer Schießerei das Leben gerettet. Jener Zwischenfall und andere Ereignisse waren Gründe, dass ihm irgendwann eine Tätigkeit im Strafvollzug für sich und seine Familie günstiger schien. Aber was hätte aus diesem Mädel alles werden können! Bei mit Auszeichnung bestandenem Uni-Examen als Diplom-Kriminalistin! Wäre da nicht dieser Scheißkerl Schnittomeit gewesen, mit dem sie zusammen gelebt und der als IM PITCHER sie ohne ihr Wissen  geführt und abgeschöpft hatte. Durch Schnittomeit waren jahrelang private Äußerungen aller Genossen ihrer MUK an entsprechende Stellen im MfS weitergegeben worden. Dieser Sachverhalt blieb nach dem Umbruch 89 nicht lange verborgen. Und da war keiner von ihren Genossen, der Partei ergriffen hätte für eine über Schnittomeits Vertrauensbruch fassungslose Mildred Sox. In diesen Zeiten sah jeder zu, Genosse Ex-Hauptmann Roeder eingeschlossen, wie er mit dem Hintern an die Wand kam ...

„Ich war mein Lebtag noch nie nicht in einer Detektei. Milli, zeigst du mir mal dein Büro?“

Ich wollte ablehnen, aber dann öffnete ich die Tür linkerhand, deren Glasscheibe ein Graveur für einiges Geld und gute Worte mit dem mattierten Schriftzug Bureau of Investigation versehen hatte. „Ist ja gar nichts Besonderes darin“, wiegelte ich ab.

Während Dobermann zaghaft näher trat, erinnerte er mich an meinen Ruf als Meisterschütze, fragte nach der aktuellen Trefferfolge auf eine Zehnerscheibe und ob ich noch fit sei im Judo.

„Ich habe gar keine Waffe mehr.“

Dobermann blieb nach fünf Schritten stehen. Meine Einrichtung spartanisch zu nennen, wäre bereits Hochstapelei gewesen. Alles hier erinnerte eher an Fundstücke aus dem Sperrmüll. Ich sah, wie er verlegen seine Elbsegler zwischen den Fingern drehte.

„Und es geht dir wirklich gut, Milli?“

„Bestens!“

„Ehrlich?“

„Können diese meine grünen Augen lügen, Heinrich?“ Ich führte ihn zu einem speckledernen Besuchersessel. „Mein Alltag ist wenig aufregend. Heute so stinknormal wie gestern. Wie morgen auch. Die Sache damals mit Campnagel, dem unser Ex-Genosse Roeder einen Mord anhängen wollte - Ausnahme von der Regel. Aber es gibt zu meinem Glück noch jede Menge misstrauischer Eheleute beiderlei Geschlechts, die für ihr Seelenheil mir pro Stunde genau so viel berappen wie einer guten Handwerkerfirma. Supermärkte melden sich bei mir. Die wollen bestätigt haben, dass es nicht ihre Kunden sind, sondern die eigenen Mitarbeiter, die gnadenlos klauen.“ Ich lachte: „Mit den Angestellten ist das wie mit frischem Obst: Ein fauler Apfel genügt schon, und du hast, ratzbatz, eine ganze Kiste, die verdorben ist. Dann gibt es gut zahlende Fleischermeister, die mich um Ermittlungen bitten, weil militante Veganer deren Schaufensterscheiben zerkratzen. Schadenssumme etwa 20.000 Mark. Oder die einen 250.000 Mark teuren Truck abfackeln ...“

„Veganer?“

„Lehnen es ab, um der eigenen Bedürfnisse willen, tierische Produkte zu nutzen. So gesehen, sind natürlich alle Fleischerläden das erklärte Ziel ihrer Attacken. Aber wo kämen wir hin, wenn jeder heutzutage aus Mitleid oder Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Tierwelt ...“

„Milli?“ Dobermann unterbrach ein zweites Mal. „Ich wollte dich auch um Hilfe bitten. Nicht für mich“, setzte er schnell hinzu. „Der Egon Pachler, unser Haushandwerker, sitzt in der Klemme. Hat einen Prozess am Hals.“ Überzeugt setzte Dobermann hinzu: „Völlig zu Unrecht!“

„Natürlich helfe ich dir, Heinrich.“ Ich ging zu meinem wuchtigen musealen Tresor. „Seit man bei mir im Büro mehrmals eingebrochen und die Einrichtung verwüstet hat, bewahre ich alles hier drin auf.“

Ich genoss den Anblick meiner technischen Gerätschaften, wie sie für das Betreiben einer modernen Detektei unbedingt notwendig waren: Laptop mit CD-ROM-Laufwerk und Modem für E-Mails, Internet-Surfen und Faxbetrieb. Nicht zu vergessen den Drucker, die digitale Fotokamera, den digitalen Camcorder und das Handy. Letzteres wird von meinem Daddy in Boston nur mobile phone genannt.

Dobermann schien die Ausrüstung sehr zu beeindrucken. Eine bislang unerwähnt gebliebene Flasche GOLDKRONE war ihm allerdings auch nicht entgangen.

„Jetzt zu meiner Bitte, Milli: Du müsstest gewisse junge Leute beobachten, die Egon was ans Zeug geflickt haben. Deswegen ja der Prozess gegen ihn.“

„Wann ist Gerichtstermin?“

„Der erste Verhandlungstag ist heute. Um dreizehn Uhr.“

Ich holte tief Luft. Meine Gedanken arbeiteten wie ein Rechner mit Null-Eins-Null-Eins-Null-Eins - das Ergebnis war negativ. „Ich bin gerade auf dem Absprung, Heinrich. Da gibt es heute für mich noch wichtige Termine in Berlin ...“

„Nichts für ungut, Milli.“ Heinrich setzte die Mütze wieder auf. Seine Enttäuschung war offensichtlich. „Ich hatte es Egon versprochen. Wenigstens fragen wollte ich ja mal.“

Auffallend war jetzt der rote Ring auf Dobermanns Schädel mit einer feucht glänzenden Platte in der Mitte - Druckstellen seiner zu klein gekauften Kopfbedeckung. Eine Glatze ist besser als gar keine Haare! erinnerte ich mich unwillkürlich an Nonsens-Sprüche aus Kindertagen. Oder: Eine leere Streichholzschachtel ist besser als eine Schachtel ohne Streichholz.

„Ich bin nur dieses Wochenende so klamm mit meiner Zeit.“

Heinrich Dobermann wandte sich zum Gehen. Seine augenscheinliche Resignation tat weh. Ich hielt ihn zurück. „Sag wenigstens, worum es geht.“

„Mal so gesprochen: Unser Egon ist eine ganz arme Sau. Zuerst wanderte sein einziger Sohn nach 90 in die Staaten aus, weil er hierzulande keinen Job kriegte. Dann starb Egons Frau. Verkehrsunfall. Kurze Zeit später hatte er diesen Scheiß am Hacken ...“

Heinrich fiel wohl auf, dass er sich auf Einzelheiten einließ, die mich wenig interessierten. Schicksalsschläge dieser Art gab es mehr oder weniger in vielen Familien.

„Weiter.“ Ich schaute heimlich zur Armbanduhr. Die Zeit lief mir davon.

„Durch die Chemotherapie hat Egon kein einziges Haar mehr auf dem Kopf. Und weil die Kinder aus seinem Kiez ihn so nicht kennen, machen sie sich über ihn lustig. Auch die Großen. Jetzt können sie sich an dem geschwächten Egon endlich rächen ...“

„Rächen? An einem Kranken?“

„Egon war immer so ein ganz Genauer. Wäre zu DDR-Zeiten ein Beamter gewesen wie er im Buche steht. Hatte schon früher für Ordnung und Sicherheit gesorgt. War auch aktiv bei der NATIONALEN FRONT, wenn du noch weißt, was das mal war, Milli.“

Ich nickte.

„Man hat ihm zu DDR-Zeiten für seine gesellschaftlichen Verdienste Urkunden verliehen und Orden an die Brust geheftet. Kurzum: Egon wird beschuldigt, dass er einen dieser Lümmel vom Rad gestoßen hat. Angeblich im Beisein der Clique, von denen jeder den Sachverhalt bezeugen kann. Nach Egons Darstellung hatte der Bengel ihn aber absichtlich über den Haufen fahren wollen. So eine Art Mutprobe. Weil Egon ihnen öfters in die Quere gekommen war, wenn du verstehst, Milli, was ich meine. Für Egon spricht vor Gericht, dass er den anderen verbunden hat. Der mit dem BMX-Rad hatte nämlich eine stark blutende Kopfverletzung.“

„Und was sollte ich dabei?“

„Die Clique lügt doch wie gedruckt für ihren Anführer, Milli! Wenn du mit deiner studierten Psychologie den Anständigsten herausfinden würdest, könntest du ihn unter vier Augen ins Gebet nehmen, damit er vor Gericht die Wahrheit sagt. Wie nämlich die Dinge liegen, wird Egon sonst wegen Körperverletzung verdonnert. Dabei hatte er zuerst Anzeige wegen der Sache mit dem Rad erstattet. Daraufhin hat dieser Strolch den Spieß umgedreht und Egon wegen Körperverletzung verklagt.“

„Dass die sich absichtsvoll einen krebskranken Mann zur Zielscheibe auswählen?“ Ich schüttelte den Kopf.

„Heutzutage geht es nur gegen die Schwachen, Milli. Sonst wüssten die anderen ja nicht, wie stark sie sind.“

„Ein Vorschlag, Heinrich: Geh’ zur Verhandlung und mach’ dir Notizen. Schließlich warst du ja mal bei der Kripo. Und nächste Woche zeigst du mir diese Clique. Wollen doch mal sehen, wie der Hase läuft. Bevor am nächsten Verhandlungstag das Urteil gesprochen wird, kriegen wir sie! Das kannst du deinem Egon schon mal bestellen!“

„Dieser Bengel, der scheint genau zu wissen, womit man vor Gericht Eindruck schinden kann. Er gibt nämlich an, dass er als Kind von Spätheimkehrern aus Kasachstan einen schweren Stand hat. Die wollen keinen Ärger mit den Deutschen. Andererseits kann er Egons Anzeige nicht auf sich sitzenlassen.“ Dobermann lächelte plötzlich. Er wurde aber gleich wieder ernst: „Dass der Taugenichts auf seinem Heimweg von Unbekannten eine Tracht Prügel bezog, will er Egon nun auch noch anhängen.“

„Verstehe ich nicht?!“

„Egon hatte den Burschen doch am Kopf verbunden.“

„Und?“

„Diese hirnlosen Schläger hatten im Dustern geglaubt, dass sie es mit einem Inder zu tun haben, Milli! Ausländer aufklatschen - oder wie die das nennen. Was für Zeiten sind das bloß!“

An der Wohnungstür drückte er mich kurz an sich. Seine Erleichterung, dass ich ihm ab Montag helfen würde, dem kranken Egon aus der Patsche zu helfen, war deutlich zu sehen. Die HAMBURGER war Dobermann ins Genick gerutscht und saß jetzt auf Halbacht.

„Heinrich?“

In diesem Augenblick klingelte das Telefon im Bureau of Investigation. Ich tat, als ginge mich das Läuten nichts an. „Brauchst du eigentlich dieses schöne altmodische Teil da?“

Dobermann nahm die Elbsegler vom Kopf, hielt sie am Schirm mit ausgestrecktem Arm von sich und öffnete unversehens die Hand. Ich griff blitzschnell zu.

„Immer noch verdammt gut“, sagte Hinrich. „Damit sind wir also quitt, Milli!“ Er schmunzelte, als ich die HAMBURGER aufsetzte und mich vor ihm kokett hin und her drehte. „Hat meine Luise per Katalog bestellt. Ist mir von Anfang an zu knapp gewesen. Bin froh, wenn ich das Ding los bin.“ Und er setzte mit auffallend unernster Miene hinzu: „Kopfbedeckungen gehen ja mitunter auch verloren, Milli. Oder?“

15. MÄRZ 1996, 10:30

Während ich noch über Heinrich Dobermann nachdachte und etwas bedrückt konstatierte, wie sehr er in den vergangenen sechs Jahren geistig und körperlich abgebaut hatte, war das Telefon längst verstummt. Der Anrufbeantworter hatte eine Nachricht aufgezeichnet. Mit dem Fuß zog ich einen Hocker näher, setzte mich und schaltete auf WIEDERGABE. Der unförmige Kasten war ein technischer Methusalem. Jedes Mal musste ich beim Abhören meine Ansage über mich ergehen lassen: