Winter ohne Vater - Noch lange kein Sommer - Brigitte Birnbaum - ebook

Winter ohne Vater - Noch lange kein Sommer ebook

Brigitte Birnbaum

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Opis

Unmöglich! Das kann nicht wahr sein! Alles in Christian Nemerow sträubt sich gegen diesen Gedanken. Es darf nicht wahr sein, dass Vati nie mehr kommt, dass er die Familie verlassen hat. Für ihn ist Vati der Beste. Deshalb will er auch bei ihm leben, nicht bei Mutti und Schwester Silke. Der Junge kämpft. Und dann kommt alles ganz anders. INHALT: Winter ohne Vater Noch lange kein Sommer LESEPROBE: Zu spät kam Christian nicht zur Schule. Allerdings fürchtet er jetzt, dass er nicht pünktlich sein wird. Die Hortnerin ließ ihn erst um fünfzehn Uhr weg. Vati hat um sechzehn Uhr Feierabend. In fünfzig Minuten also. Christian erinnert sich nicht mehr genau, wie lange er zu fahren hat. Nur, dass er umsteigen muss, weiß er. Er steht in der Straßenbahn, in eine Ecke gedrückt, seine Büchermappe zwischen den Füßen, schwitzt und bangt, bis zum Schichtschluss Vatis Betrieb nicht zu erreichen. Er genießt nicht die Fahrt wie sonst. Aufgeregt zählt er die Stationen. An der Freilichtbühne gelingt es ihm nur mit Mühe, sich aus der vollen Bahn herauszukämpfen und in den Bus hineinzuquetschen. Der IKARUS rollt über eine breite Betonstraße, schaukelt hinaus in winterlich ausgebleichte Wiesenlandschaft, und als er hält, steht er vor Vatis Betrieb. Christian wird hinausgeschoben. Seit dem Sommer ist er nicht mehr hier gewesen. Er verharrt, staunt. Mann, Mann, haben die was geschafft in den letzten Monaten, denkt er. Vor einem Jahr weideten hier noch Kühe. Stolz, als hätte er die neuen Werkhallen und die silbernen Kühltürme eigenhändig erbaut, schreitet er zum Pförtnerhaus und stellt sich daneben, weil hier alle vorbei müssen. Die Leute, die den Betrieb verlassen, haben es eiliger als jene, die eben mit Christian ankamen und hineingehen. Besonders die Frauen. Christian reckt sich auf die Zehenspitzen, dreht suchend den Kopf hin und her. Wo bleibt Vati? Zu übersehen ist Vati mit seinen 1,85 Metern nicht. Christian wippt von einem Bein aufs andere. Sollte Vati die Schicht gewechselt haben? Herr Montag müsste es wissen. Doch Herr Montag ist schon an Christian vorbei. Vergeblich suchen Christians Augen unter den Frauen das hübsche Fräulein Müller. Die würde mir helfen, Vati zu finden, denkt er. Die war im Sommer so nett zu mir. Benzindunst verbreitend, knattert vom betriebseigenen Parkplatz eine Kolonne Motorräder heran. Vor dem Pförtnerhaus stoppen sie ab. Ausweise werden vorgezeigt. Einer der Männer lenkt seine Maschine dicht an den Kantstein des Gehweges und ruft Christian zu:

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Impressum

Brigitte Birnbaum

Winter ohne Vater – Noch lange kein Sommer

ISBN 978-3-86394-067-6 (E-Book)

Die Druckausgabe von "Winter ohne Vater" erschien 1977 bei Der Kinderbuchverlag, Berlin

Die Druckausgabe von "Noch lange kein Sommer" erschien 1998 bei VerlagReinhardThon, Schwerin

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2011 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com

Winter ohne Vater

1. Kapitel

Unmöglich! Das kann nicht wahr sein! Das nicht!

Alles in Christian Nemerow sträubt sich gegen diesen Gedanken. Es darf nicht wahr sein, dass Vati nie mehr kommt. Dass er nie mehr ihm gegenüber hier am Tisch sitzen wird und ihm die Kartoffelpuffer dick mit Zucker bestreuen, die sie sich so gern von Mutti am Sonnabend backen lassen. Nie mehr im Sommer nach dem Baden mit Vati in der Wiese liegen und den Wolken nachschauen und im Herbst Drachen bauen und aufsteigen lassen? Wie hatten ihn die anderen Kinder beneidet, wenn sein Drachen hoch über die Wohnblöcke in den Himmel geklettert war.

Christian starrt auf die Küchentür. Sie verschwimmt, löst sich in einen weißen Fleck auf. Aber gleich ist da wieder die Tür, mit der Schramme unten links, die von Christians Schuhspitze stammt. Nur Vati wird diese Tür nicht mehr öffnen, nicht mehr seinen Kopf durch den Spalt schieben und "hallo, Sohneken!" rufen. Neben der Tür steht Mutti. In ihrem moosgrünen Strickkleid wirkt sie noch dünner und blasser, als sie schon ist. Nur die schmale Narbe, die ihre eine Augenbraue spaltet, schimmert rosa. Christian hört, wie Mutti sagt: "Vati und ich..., wisst ihr..., wir waren heute beim Gericht. Nun sind wir geschieden."

"Warum?", fragt Christian und kann es nicht fassen. Er denkt, wer soll bloß meine Tadel in Betragen unterschreiben? Vati hätte nur genuschelt: "Sohneken, reiß dich mal 'n bisschen am Riemen, ja!" Aber Mutti regt sich über solche Kleinigkeiten fürchterlich auf. Außerdem ist sie sich mit Herrn Krusemark immer einig.

"Warum?", fragt Christian abermals.

"Glaub mir", bittet Mutti, "es ist besser für uns; für dich und Silke und für mich." Sie putzt sich schon wieder die Nase. Dabei hat sie keinen Schnupfen, nicht den kleinsten.

"Ich will zu Vati." Christian sagt es bettelnd, fast weinerlich.

"Chris..., mein Kleiner..." Die Mutter umarmt ihn, drückt ihn an sich, hält ihn fest. "Du und Silke, sieh mal, ihr seid mir zugesprochen. Beide. So hat es das Gericht bestimmt."

"Und Vati ließ es sich gefallen, dass die über mich bestimmen? Er war damit einverstanden?"

"Wir hatten es so vereinbart, euer Vater und ich, bevor wir zum Gericht gingen. Das..."

"Das glaub ich nicht!" Christian schüttelt Muttis Arm von seiner Schulter.

Die Mutter überlegt, was sie ihm noch erwidern könnte. Wie soll sie es dem Neunjährigen erklären? Sie versteht es ja selbst kaum.

"Ich werde Vati fragen", beharrt Christian. Er weiß, mit Vati kann er handeln, ihn überreden.

"Du hörst doch. Vati kommt nicht mehr zu uns", mischt sich nun auch Silke ein, die schweigend begonnen hat, den Abendbrottisch zu decken.

"Das glaubst du ja selbst nicht! Ha, ha!" Christian macht einen Luftsprung. "Ha, ha, ha!" Der Junge hüpft zum Tisch. Im Küchenschrank klirrt Geschirr. Ein Topfdeckel rutscht scheppernd ins Spülbecken.

"Christian!" Mutter und Schwester sind erschrocken über seinen Freudentanz.

"Na bitte...!", schreit Christian erleichtert, "sie hat Vatis Teeglas schon hingestellt und sein Besteck... Ha, ha!"

Tatsächlich. Silke hat für vier Personen gedeckt. Aus reiner Gewohnheit. Wie immer. Beschämt greift sie nach Vatis Teeglas, will es rasch fortnehmen. Da fällt ihr der Bruder in den Arm: "Lass es stehen, du! Vati hat diese Woche Spätschicht."

Silke schaut zur Mutter. Sie nicken einander kaum merklich zu, und sehr langsam stellt das Mädchen das Glas zurück auf den Tisch.

Christians Hoffnung wächst und mit ihr sein Hunger. Der Nudeleintopf war der Schulköchin heute ein bisschen wässrig geraten.

Mit dem Abendbrot muss sich Christian nicht so beeilen wie mit dem Frühstück. Er darf seine Schnitten selbst schmieren. Morgens macht ihm das Mutti. Sonst würde er jeden Tag zu spät zur Schule kommen. Auch Vatis Frühstücksstullen hatte Mutti stets bestrichen und eingepackt. Wer wird es ihm nun machen?

"Ach, beinah hätte ich es vergessen...", sagt Mutti.

Christian wittert neues Unheil.

"Was?", fragt Silke gespannt, verschluckt sich an ihrem Wurstbrot und muss husten. Christian klopft ihr den Rücken.

Mutti nimmt aus dem Kühlschrank ein Schälchen Schokoladenpudding. Sie hat es vom Sonntag für Christian aufgehoben. Christian isst leidenschaftlich gern Schokoladenpudding. Als sie das Schälchen vor ihn hinstellt, strahlen Christians Augen, und Mutti freut sich.

Mit dem Löffel halbiert Christian sorgfältig den Pudding, dreht das Schälchen hin und her, prüfend, ob wohl auch beide Hälften gleich groß geworden sind. Silke schaut ihm zu. Ihre Zungenspitze leckt über die Lippen. Will der Bruder mit ihr teilen? Noch lieber mag sie Zitronenspeise, würde aber Christians Angebot nicht ablehnen.

Christian hat die eine Hälfte gegessen. Kein Häppchen mehr. Er legt den Löffel aus der Hand und schiebt die andere Hälfte hinüber zu Vatis Platz, neben das leere Teeglas.

Silkes Blick folgt dem Pudding. Dann tippt sie dreimal mit dem Finger gegen ihre Stirn. Christian sieht, dass sie ihm den Vogel zeigt, aber er schreit sie nicht an wie sonst. Und Mutti sagt sehr leise: "Bitte, Christian, geh dich waschen."

Christian hat sich gewaschen. Nur mit dem Schlafanzug bekleidet, hockt er im Korridor vor dem Garderobenschränkchen. Was er dort sucht, findet er nicht.

"Mutti, wo sind meine Turnschuhe?", ruft er. "Morgen hab ich Sport."

"Du musst doch wissen, wohin du sie geräumt hast", sagt Mutti.

"Unter seine Liege hat er sie geschmissen", meldet sich Silke aus der Küche.

Aber Christian hört nicht auf die Schwester. Er sieht Mutti an, die ihr Bettzeug aus dem Zimmer der Kinder wieder hinüber ins Zimmer der Eltern trägt. Mutti hat seit Wochen bei ihnen geschlafen, sich mit Silke die Couch geteilt. Vatis Weiterbildung wegen, hatte Mutti behauptet. Nur der Weiterbildung wegen? Christian zweifelt jetzt. Vati kam in der letzten Zeit oft spät nach Hause und sah dann manchmal noch fern. Der Fernseher steht natürlich bei den Eltern im Zimmer. Mutti ist abends aber zu müde, um vor der Flimmerkiste zu hocken. Schließlich muss sie morgens als erste aus dem Haus.

"Und wo schläft Vati?", fragt Christian.

"Ich weiß nicht", sagt Mutti.

"Du weißt es nicht?" Christian hat das Gefühl, dass er angeschwindelt wird. "Du weißt es nicht? Sonst hast du immer gejammert, du könntest nicht eher Ruhe finden, bis Vati zu Hause ist..., und... und nun stört es dich gar nicht...?"

Mutti schweigt. Sie wirft das Bettzeug auf den Sessel vor dem Fernseher. Das Kopfkissen rutscht herunter. Christian hebt es auf.

So schnell kann sich das ändern, überlegt er erstaunt. So schnell, von einem Augenblick zum anderen?

"Und Vatis Sachen?", fragt er. "Die Untersetzer für die Biergläser, die ich ihm zu Weihnachten gebastelt habe und die..."

"Dein Vater wird seine Sachen holen, wenn er sie braucht", unterbricht ihn Mutti hastig und will Christian ins Bett schicken.

Da klingelt es. Christian feuert das Kopfkissen über die Sessellehne und wirbelt an die Wohnungstür. Er reißt sie auf. "Hallo...!" Die Begrüßung bleibt ihm im Halse stecken. Nicht Vati steht draußen, sondern eine Frau und ein Mann. Kollegen von Mutti. Christian kennt die beiden, und er haut ihnen die Tür vor der Nase zu. Einen kleinen Augenblick zögert er, zu Mutti hinzusehen, dann schleicht er mit hängenden Schultern ins Kinderzimmer. Er hört, wie Mutti die Gäste einlässt, sich für sein Benehmen entschuldigt und wie die Kollegin, noch ein wenig atemlos vorn Treppensteigen, erklärt: "Wir bleiben nicht lange, Hanna, wollen nur mal nach dir sehen."

Was sie im Nebenzimmer sprechen, ist nicht mehr zu verstehen. Und wer sieht nach mir, grübelt Christian, sich in die Betten kuschelnd. Keiner.

Silke schwirrt herein. Der rotweiß gepunktete Bademantel schlenkert um ihre dünnen nackten Beine. Sie duftet nach Muttis teurer Seife.

"Du benimmst dich unmöglich", wirft ihm das Mädchen vor.

"Aber du erst!", empört sich Christian. "Du..." Er will noch etwas Hässliches hinzufügen, sagt aber stattdessen: "Vati ist kein schlechter Mensch! Hörst du, er ist kein schlechter Mensch!" Christian schluckt Tränen.

"Du schiebst also auf Mutti die Schuld." Silke wickelt sich aus dem Bademantel und streicht die vom Waschen feuchten Haare aus der Stirn.

"Wieso?", fragt Christian ahnungslos.

"Mutti hat sich alle Mühe gegeben. Aber das verstehst du eben noch nicht, Chris." Silke streckt sich auf ihrer Liege aus und zieht die Bettdecke bis ans Kinn.

"Aber du verstehst es, ja?", regt sich Christian auf. "Bilde dir bloß nicht ein, du weißt alles, nur weil du schon drei Jahre länger lebst als ich!"

Silke antwortet nicht gleich. Das ist so ihre Art. Und das macht ihn immer von neuem wütend.

"Hast du denn überhaupt nicht bemerkt, dass Vati der Mutti schon seit langem keinen Kuss mehr gab, wenn er abends heimkam?", flüstert sie schließlich.

"War ich immer dabei?"

Silke seufzt. Der Bruder ist wirklich noch zu klein für solche Probleme. Wieder herrscht ein Augenblick Stille. Nebenan unterhält man sich gedämpft.

"Und wegen so was haben sie sich scheiden lassen?" Christian bezweifelt es. "Du spinnst ja, Mensch!" Und leiser verkündet er: "Ich werde morgen Vati fragen. Weshalb und so."

"Wie willst du das machen?" Silke schließt die Augen. Er spürt, dass sie ihm nicht glaubt.

"Meine Sache! Und damit du es weißt, dann bleib ich auch gleich bei ihm." Das hätte er ihr nicht verraten sollen.

"Und Mutti?" Silke dreht sich zu dem Bruder herum.

"Die hat ja dich. Vati hat keinen."

Silke rollt sich wieder auf den Rücken. "Man gut, dass das Gericht es nicht erlaubt", sagt sie gähnend, "du würdest mir nämlich sehr fehlen, Chris, wenn du weggingst."

Das sind neue Töne. Sieh mal an, denkt Christian, und er meint großmütig: "Kannst ja mitkommen. Dir wird Vati auch fehlen."

Obwohl ihm die Schwester mit Schweigen antwortet, fordert er plötzlich: "Pst..., sei mal still!" Er richtet sich hoch, reckt sich halb aus dem Bett, lauscht, lässt sich wieder zurückfallen. Die Etagentür der Nachbarn wird geschlossen. Herr Montag kam von der Schicht, allein, ohne Vati.

Christian schaut zu Silke, die inzwischen eingeschlafen ist, und über sie hinweg zum Fenster, vor dem sich die bunten Vorhänge ganz leicht bewegen. Trotz der Vorhänge erkennt Christian den hohen Schornstein des Heizhauses, der mit seinen roten Warnaugen in die Nacht zwinkert. Dass der Schornstein immer raucht und alle Wohnungen des Stadtviertels in dieser Jahreszeit mollig warm sind, besorgt Knolles Vater. Knolle ist Christians bester Freund. Wird er weiter sein bester Freund sein wollen, auch wenn ihm Christian erzählt, dass Vati...? Vielleicht bleibt Knolle sein bester Freund, wenn er ihm das Feuerwehrauto schenkt.

Nebenan geht jemand auf und ab. Wahrscheinlich Muttis Kollege. Das nennen sie nun "mal kurz bei dir einsehen", denkt Christian. Sie hocken da und reden und reden. Bestimmt reden sie über Vati. Das gefällt Christian nicht. Er schnauft.

Die Schritte hinter der Wand sind verstummt. Christian hört die Möwen am nahen See schrein. Nicht mal nachts halten sie Ruhe. Möwen erinnern ihn immer an seine Mitschülerin Hanka, nur, dass die nie auf einem Bein steht.

Auch Kummer macht müde. Als Mutti wenig später die Gäste verabschiedet und zu ihrem Jungen ans Bett tritt, merkt er es nicht mehr. Er schläft.

2. Kapitel

Silke weckt Christian am nächsten Morgen. Das ist nichts Besonderes. Jede zweite Woche hat sie die schwere Aufgabe, den Bruder zu wecken und zur Schule zu treiben. Christian bummelt gern, und Mutti schwebt jede zweite Woche in Ängsten, der Bengel könne zu spät kommen, etwas vergessen, sich nicht warm anziehen, nicht richtig frühstücken, weil sie schon um fünf Uhr aus dem Haus muss. Mutti arbeitet bei HANS SACHS. Sie näht Kinderschuhe. Nur Kinderschuhe, in zwei Schichten. Abwechselnd, mal früh, mal spät. Im Winter steppt sie Riemchen an Sandaletten und im Sommer Reißverschlüsse in pelzgefütterte Stiefelchen. Jeden Tag. Erstaunlich! Ob manche Kinder ihre Schuhe nicht besser schonen könnten? Mutti hätte dann mehr Zeit für Christian und Silke.

So einfach denkt sich Christian das. Barfuß, nur halb angezogen, flitzt er in die Küche. Der halbe Schokoladenpudding steht nicht mehr auf dem Tisch, dafür aber das Frühstücksbrot und sein Stullenpaket für die Pausen. Christian macht einen Luftsprung, hopst vergnügt vor die Wohnzimmertür und gähnt laut wie ein Löwe. Keine Antwort von drinnen. Christian gähnt noch lauter.

"Was soll der Quatsch! Beeil dich!", mahnt Silke.

"Ist Vati denn schon weg?", fragt Christian.

"War doch überhaupt nicht hier."

"Nicht hier?" Christians Gesicht wird blasser. "Und der Pudding?"

"Hat Mutti weggeschüttet. War sauer."

Silke, die Fürsorgliche, knöpft ihm die Manschetten zu. Er lässt sich widerstandslos von ihr helfen. Sie stellt ihm die Stiefel bereit. Er zieht sie, ohne zu maulen, an.

Schweigend machen sich beide auf den Schulweg. Wortlos trennen sie sich unten auf der Straße. Silke geht nach rechts, Christian nach links. Er muss zwei Eingänge weiter nach Knolle pfeifen, seinem besten Freund. Knolle, dunkeläugig, mit schwarzen Locken unter der Pudelmütze, kommt ihm schon entgegen. Er ist ein Jahr älter als Christian, aber kaum größer. Nur stämmiger. Knolle ist ein Zugereister, wohnt erst seit einiger Zeit hier, hat noch drei ältere Brüder und heißt eigentlich Janek Orzeszkowski.

"Wieder kein Schnee gefallen", begrüßt er ihn mit erstaunlich piepsiger Stimme.

"Nein, wieder nicht", sagt Christian. Die beiden warten auf Schnee, um sich einen Iglu zu bauen.

Sie traben nebeneinanderher, Knolle völlig unbekümmert. Christian schnieft.

"Kannst du dir vorstellen...", fängt er an.

"Nu was?" In Knolles Augen glitzert Neugier.

"Kannst du dir vorstellen, dass dein Vater auf einmal nicht mehr nach Hause kommt?"

Enttäuschung bei dem Freund. Ein gelangweilter Blick trifft Christian. "Wo soll er denn bleiben, eh?"

Wenn Christian das wüsste! Er zuckt die Schultern.

"Vielleicht auf einer Laterne schlafen? Wie der im Fernsehen gestern? Hast du gesehen?" Wortreich schildert ihm Knolle die Zirkusnummer eines Kletterkünstlers, eines berühmten Artisten. Dass Knolle als kleiner Junge polnisch gesprochen hat, merkt man kaum. Sein gutes Deutsch hat er von der Großmutter, von Maminkas Mutter, gelernt.

"Dass du abends fernsehen darfst", sagt Christian neidvoll.

"O du weißt doch. Ich darf nicht. Aber wenn Papa erst im Sessel sitzt, fallen ihm die Augen zu. Dann schleich ich mich rein. Musst es auch mal versuchen bei deinem Papa", rät Knolle. Er winkt ein paar andere Kinder heran, und zusammen stürzen sie mit durchdringendem Geschrei, als müssten sie sich gegenseitig Mut machen, auf den Schulhof. Dabei ist die Schule gar keine düstere Festung, die es zu stürmen gilt, sondern ein neues Gebäude, wie alle hier herum, mit großen Fenstern und Fachräumen statt der unmodernen Klassenzimmer, in denen die Kinder früher das ganze Jahr über unterrichtet wurden und nicht wie jetzt in jeder Pause umherwanderten.

Die Jungen haben ein Mädchen umgerempelt, die Jannie aus ihrer Klasse. Christian mag Jannie nicht besonders. Sie trägt eine Brille und petzt gern. Heute tut ihm das Mädchen leid. Er geht zurück und hilft ihr auf die Beine. Reibt sogar mit seinem Handschuh ihren Anorak sauber. Die Jungen sehen ihm feixend zu. Einige lachen meckernd. Da sagt Christian etwas zu ihnen, was sie ein bisschen verwundert: "Glaubt bloß nicht, ihr könnt alles mit ihr machen, nur, weil sie keinen Vater hat."

Auch Jannis Eltern sind geschieden.

"Haben wir es denn mit Absicht getan? Nein", rechtfertigt sich Knolle, hebt Jannies Büchermappe auf und gibt sie ihr mit einem entschuldigenden Lächeln. Nun feixen auch die anderen nicht mehr. Knolle ist der Stärkste von ihnen, und es wäre nicht ratsam, sich mit ihm anzulegen.

Die ersten Stunden verlaufen für Christian, ohne dass ihn Herr Krusemark auch nur einmal ermahnen muss. Aber die vierte Stunde! Herr Krusemark schreibt das neue Thema an die Tafel: Seen und Flüsse im Kreisgebiet. Alle Kinder schreiben es in ihre Heimatkundehefte.

"Der Rote See!" ruft Christian vorlaut in die Klasse.

Herr Krusemark nimmt seinen Übereifer übel, tritt aber doch an die Landkarte und zeigt den See. Ein länglicher, blauer Klecks, wie mit dem Füller hingespritzt. Am liebsten würde Christian aufspringen und lostrompeten: "Die Karte lügt! Der See ist viel, viel größer und tief, zum Ertrinken tief." Christian kennt ihn. Mit Vati war er dort, im letzten Sommer. Vati und Christian hatten sich vor dem Baden gegenseitig mit feuchtem Schwamm beworfen und nachher Krebse gesucht. Mit den Krebsen wollten sie Fräulein Müller erschrecken. Sie fürchtet sich vor den Biestern. Fräulein Müller arbeitet sonst mit Vati in einer Abteilung. An jenem Nachmittag lag sie am See und sonnte sich. Christian mag sie. Sie hat ganz lange schwarze Wimpern. Und sie besitzt ein Klappfahrrad, auf dem Christian umherkurven durfte. Mutti wollte ihm gar nicht glauben, wie gut er Rad fuhr, als er es ihr abends erzählte. Ja, hätte sie nicht gerade Schicht gehabt, hätte sie mitkommen und ihn bewundern können.

Christian hockt krumm auf seinem Stuhl und schreibt als einziger nichts ins Heft. Das muss natürlich Herrn Krusemark auffallen. Er erinnert ihn. Doch es gelingt ihm nicht, Christian aus seinen Gedanken zu reißen. Zu sehr ist Christian mit seinem Kummer beschäftigt. Vati und Mutti haben sich nie gestritten, denkt er, an seinem Füller nagend. Was Vati für richtig hielt, wurde getan, und was Vati tat, war richtig. Auch dass er sonntags manchmal mit ihm ins Kino ging, zu CHINGANGOK oder zur SCHATZINSEL, fand Christian unbedingt richtig. Mutti hatte selbst gesagt: "Amüsiert euch nur. Ich putze derweil die Fenster."

Christian seufzt. Weshalb zum Teufel ließen sie sich scheiden? Sicher war das Muttis Idee. Es war ja auch Muttis Idee gewesen, plötzlich bei ihnen im Kinderzimmer zu schlafen.

Christian spürt nicht, wie eindringlich ihn Herr Krusemark mustert. Wann werde ich Vati wiedersehen? Wird Vati seine Sachen abholen? Wohin...?

"Christian!" Herr Krusemark ruft ihn auf. "Wie heißt der Fluss, der in den Roten See mündet?"

Warum fragt er gerade mich, denkt Christian ärgerlich, sind schließlich noch siebenundzwanzig andere in der Klasse. Was geht mich überhaupt dieser dämliche Fluss an?

"Da war kein Fluss!", behauptet Christian entschieden.

"So?", meint Herr Krusemark seelenruhig. "Und was zeigte ich euch eben?"

Hinter seinem Rücken wird gekichert.

"Dann sag doch, wie er heißt, wenn du so schlau bist!", explodiert Christian.

Janek stößt ihn an und raunt kurz: "Übergeschnappt, eh?"

Herr Krusemark blickt Christian unzufrieden an. Jetzt sieht Herr Krusemark aus wie ein richtiger Lehrer. Sonst sieht er nicht aus wie ein Lehrer. Er trägt nämlich einen Bart wie Karl Marx und läuft sommers und winters in einem grauen Kordanzug herum. Die Mädchen finden ihn große Klasse.

Herr Krusemark blickt Christian nur an, sagt nichts. Er weiß nicht, was er sagen soll. Etwas Neues hat er an Christian entdeckt, etwas Fremdes.

In der Sportstunde fällt ihm Christian schon wieder unangenehm auf. Er hat seine Turnschuhe vergessen. Herr Krusemark hätte ihn in der Pause nach Hause schicken können, seine Schuhe zu holen. Doch Christian gestand es ihm erst nach der Pause. Er wollte nicht nach Hause geschickt werden.

Hätte er sich nur heimschicken lassen! Bereuen wird er es und nicht nur, weil er gern rennt und springt.

"Und nun...?", sagt Herr Krusemark vorwurfsvoll und ein bisschen traurig, "Christian Nemerow, Christian Nemerow, du bist ein Döskopp."

Beschämt geht Christian und setzt sich auf die Bank an der Hallenwand.

Die anderen Kinder stellen sich im Kreis zur Gymnastik auf. Christian beobachtet sie. Jannie mogelt, drückt beim Rumpfbeugen vorwärts nicht die Knie durch. Na, und was Knolle heute anbietet, ist auch nicht gerade olympiaverdächtig.

Beim Springen über den Kasten würde Christian gern mitmachen. Es zuckt in seinen Beinen. Mit den Händen massiert er seine Knie und versucht, sich zu beruhigen: Dummes Gehüpfe! Wie im Kindergarten große Gruppe. Ja, wenn man einen Sprung machen könnte von hier bis in Vatis Betrieb! Übers Pförtnerhäuschen hinweg und auf Vatis Schreibtisch landen! Christian kann nicht ahnen, dass er Vati dort gar nicht antreffen würde. Vati schließt in diesem Augenblick am Fliederberg 7 in der fünften Etage die Wohnungstür auf.

Weil Christian davon nichts weiß und weil solche Riesensprünge selbst bei härtestem Training nicht zu schaffen sind, schmiedet er einen anderen Plan. Sein Entschluss lässt ihn aufatmen. Es wäre gut, sich mit Knolle zu beraten. Noch nie hat er Geheimnisse vor dem Freund gehabt. Dies ist das erste. Nein, schon das zweite. Christians Ohren, von denen das linke weiter absteht als das rechte, glühen. Ja, schon das zweite Geheimnis. Er hat Janek noch nicht erzählt, dass sich Vati und Mutti haben scheiden lassen.

Und er wird es ihm heute auch noch nicht beichten. Nach der Sportstunde stürmen die beiden wie alle aus der 3a in den Essenraum, wo sie sich den Bauch mit Erbspüree und Bockwurst vollstopfen. Als sich Christian Nachschlag holen will, vertritt ihm die Hortnerin den Weg. "Wenn du fertig bist", sagt sie freundlich, "darfst du dich anziehen und gehen. Du wirst abgeholt."

"Ich?"

"Du." Sie lächelt.

"Hurra!" Christian verzichtet auf seinen zweiten Teller voll Erbspüree, aufs Sauerkraut und stürzt in den Korridor. Er reißt seinen Mantel vom Haken, zieht die Pudelmütze schief auf den Kopf, angelt sich seine Schulmappe.

Janek drängelt sich heran. "Eh, Junge, wohin?"

"Werde abgeholt, Vati..., verstehst du?" Christian haut ihm auf die Schulter.

Janek versteht nicht. "Wieso hat denn der jetzt Zeit, am hellen Mittag?", fragt er.

Aber Christian ist schon auf der Treppe. Hopst die Steinstufen hinab. Die Bücher in seinem Ranzen poltern dumpf bei jedem Sprung. Für Christian steht fest: Vati holt ihn zu sich. Vati kümmert sich nicht darum, was die Gerichtsleute beschlossen haben. Er hat sich nicht in Vati getäuscht. Christian läuft über den Pausenhof, um die Schule herum. An der Ecke erwartet ihn Mutti.

Für eine Sekunde scheint es dem Jungen, als spüre er, wie sich die Erde dreht.

"Da staunst du, was?", empfängt ihn Mutti.

"Jaa...", stottert Christian kläglich und presst seine Lippen aufeinander.

Mutti sieht sofort, er hat jemand anderen erwartet. Diese Lippen verraten es ihr. Er bleibt stehen. Sie knöpft ihm seinen Mantel zu und schiebt die Mütze gerade.

"Ich dachte, du würdest dich freuen", sagt Mutti, und ihr Verdruss ist nicht zu überhören. Sie wendet sich heimwärts.

Christian schweigt. Er weicht den Pfützen, die der gestrige Regen hinterließ, aus und schweigt. Hätte er geantwortet, Mutti hätte ihn doch nicht verstanden. Mit Kies beladene Dumper dröhnen an ihnen vorbei. Tiefe Furchen drücken sie in die noch ungepflasterte Straße am Fliederberg.

"Wir könnten in den Tierpark fahren", sagt Mutti, als die Dumper in die Kurve einbiegen.

"Nö", nuschelt Christian.

"Du fährst doch sonst am liebsten jeden Sonntag zu deinen Bären." Mutti stolpert vor Überraschung.

"Heute ist nicht Sonntag." Etwas in Muttis Blick warnt ihn, weiterzumaulen. Darum fügt er hinzu: "Schularbeiten."

"Aha." Mutti öffnet mit dem Schlüssel die Haustür.

"Kannst ja mit Silke fahren", schlägt Christian vor. Wie er in diesem Augenblick die Schwester verachtet. Die hat mich doch glatt verpetzt, verdächtigt er sie, die hat es Mutti gesteckt, dass ich nach der Schule zu Vati abhauen wollte.

"Silke hat Russischklub. Heute ist Dienstag", antwortet Mutti, während sie den Briefkasten kontrolliert. Er ist leer.

Oben in der Wohnung treffen sie Silke. Schon halb im Anorak, will sie gerade wieder entschwinden.

"Nanu!" Ihre Augen runden sich erschrocken. "Ist was passiert?"

"Ab morgen arbeite ich in einer anderen Schicht. Nur noch tags, weil ich mich ja nun allein um euch kümmern muss. Und heute ließ es sich einrichten, dass ich mal den Nachmittag für euch habe." Trotzdem seufzt Mutti, und Christian blickt zur Seite.

"Schade", bedauert Silke, "ich muss weg." Aber sie geht nicht. Sie lehnt mit dem Rücken gegen die Tür und fährt mit der Zunge über ihre aufgesprungenen Lippen. Dann nimmt sie Mutti den Einkaufsbeutel ab, trägt ihn in die Küche, kommt zurück und geht noch immer nicht.

"Vati war vorhin hier", sagt sie schließlich, "hat den großen Koffer geholt."

Bums! Christian ist die Büchermappe aus der Hand gefallen.

"Ja, ja, ich hatte eurem Vater das Nötigste zusammengepackt, was man so braucht." Mutti spricht hastig und in einem Ton, als müsse sie sich vor ihren Kindern entschuldigen. Sie tritt ins Zimmer, zieht die Tür hinter sich zu.

Silke will nun endgültig gehen. Steifbeinig steigt sie über die am Boden liegende Büchermappe, und als sie Christian dabei ansieht, tut ihr der kleine Bruder leid. Wie ein hilfloser Vogel steht er da, ein bisschen mickrig, die Augen voller Kummer, das· käsige Gesicht verzerrt.

"Vorhin...?", fragt er mit einer Stimme, die von Tränen aufgeweicht ist.

"Vorhin", wiederholt Silke. "Mit einem Auto vom Betrieb, mit dem blauen, weißt du. Er hatte es eilig. Der Fahrer wartete unten. Aber...", sie blickt zur Wohnzimmertür und flüstert: "Vati lässt dich grüßen, Sohneken."

Christians eben noch traurige Augen strahlen. Diese paar Worte genügten, um ihn glücklich zu machen. Welch große Kraft haben Worte! Das merkt das Mädchen Silke zum ersten Mal, und es bereut nicht, dass sie gelogen sind. Vati hatte überhaupt nicht nach seinem Jungen gefragt.

Schwungvoll reißt Christian seine Tasche hoch und wirft sie sich auf den Rücken. Wenn man jemand grüßen lässt, will man ihn wiedersehen, deutet er sich Silkes Nachricht. Kein Zweifel, wo Vati ihn noch dazu Sohneken genannt hat, wie früher, wenn er mit ihm zufrieden war.

"Silke!", ruft Mutti.

"Schon abgehauen!" Christian wandert zu Mutti ins Zimmer. Mit einem Blick stellt er fest: Vatis Zeitschriften liegen noch unten im Regal. Das war also heute nicht sein letzter Besuch. Christian sieht zu Mutti hin. Sie hat sich umgezogen.

"Du wolltest doch nicht in den Tierpark."

Nun wäre er allerdings nicht abgeneigt. Aber vielleicht ist es auch besser, hierzubleiben. Könnte ja sein, Vati kommt noch mal vorbei, seine Zeitschriften abholen.

"In der Hose siehst du zehn Jahre jünger aus, mindestens", sagt Christian plötzlich. Er weiß, Mutti hört so etwas gern, und er möchte ihr eine Freude bereiten, weil er selbst so froh ist.

Scherzhaft zupft ihm Mutti am Ohr und lacht.

"Doch nicht an dem! Das ist schon ganz ausgeleiert", verwahrt er sich brüsk und entzieht sich ihr.

3. Kapitel

Christian erwacht, ohne dass Silke ihn rüttelt. Es ist noch früh und stockfinster. Regentropfen hämmern gleichmäßig gegen die Scheiben. Wieder kein Schnee zum Iglubauen.

Christian liegt unter der warmen Decke, schaut durch die Vorhänge zum Schornstein hinüber, begrüßt ihn blinzelnd. Silke atmet unhörbar. Christian rührt sich nicht. Er will sie nicht wecken. Einfach still daliegen will er und darauf lauschen, wie das Haus allmählich aufwacht. In Ruhe an seinem Plan basteln will er. Sofort schlägt sein Herz schneller.

Mutti ist schon munter. Er hört ihre leisen, sicheren Schritte.

Womit könnte Christian Mutti überreden, dass sie ihn nachmittags aus dem Hort beurlaubt? Um seinen Plan zu verwirklichen, muss er nach dem Mittagessen den Hort verlassen. Das darf ein Schüler aber nur auf schriftlichen Antrag des Erziehungsberechtigten. Die Ordnung verlangt es so. Christian sieht das ein. Als Jungpionier sieht man so etwas ein. Sonst würde sich Knolle herumtreiben und Jannie, statt Schulaufgaben zu machen, ins Kino fahren. Christian will sich weder herumtreiben noch ins Kino. Er will Vati besuchen. Dafür schreibt ihm Mutti keinen Zettel. Als er gestern erneut davon anfing, dass er zu Vati möchte, hatte Mutti ihm einreden wollen, er würde seinem Vater augenblicklich am meisten helfen, wenn er ihn nicht besuche. Wieder so eine Idee von Mutti! Wie kann er einem Menschen helfen, indem er ihn allein lässt? Und sieht Mutti denn nicht, wie er sich nach Vati sehnt? Von Tag zu Tag wird es schlimmer. Manchmal lässt die Sehnsucht in ihm gar keinen Platz mehr für Bockwurst und Erbspüree. Nicht mal der Schokoladenpudding schmeckt wie früher. Früher - das war vor einer Woche.

Natürlich könnte Christian heimlich abhauen. Kleinigkeit. Nach der Hofpause durch die dünne, kahle Hecke kriechen, an der Kinderkrippe vorbei, quer über den abgelatschten Rasen zur Straßenbahnhaltestelle rennen. Wirklich einfach. Ja, wenn es Jannie nicht gäbe. Jannie mit ihrer Brille merkt solche Ausflüge sofort und meldet sie weiter. Schwieriger wird's allerdings mit Hanka. Nicht, weil sie die Tochter vom Elternbeiratsvorsitzenden ist. Aber sie leitet Christians, Knolles und Jannies Lernbrigade und jagt hinter Pluspunkten her. Ausreißen wird nicht belohnt, und Hanka würde heulen, wenn ihre Brigade nicht mehr an erster Stelle im Wettbewerb liegt. Knolle kann Hanka nicht heulen sehen, und im Nu hätte Christian die gesamte Truppe auf dem Hals, obendrein noch Herrn Krusemark, der sich natürlich bei Mutti Verstärkung anfordert. Nicht auszudenken!

Christian schließt die Augen. Gleich wird Mutti Silke und ihn wecken. Er kriecht tiefer unter die Bettdecke, hat keine Lust aufzustehen.