Das Siebentagebuch - Brigitte Birnbaum - ebook

Das Siebentagebuch ebook

Brigitte Birnbaum

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Opis

Sieben Tage lang wohnt Inez Bliewernicht in einem Schloss, und in dieser Woche entsteht ihr Siebentagebuch. Anfangs sind es natürlich die neuen Eindrücke, die sie beschäftigen: das Schloss und seine Geschichte, Sagen, die aus alter Zeit überliefert sind, Umgang mit den noch unbekannten Mädchen und Jungen, der andersartige Tagesverlauf, Vorfreude auch auf die bevorstehende große Reise zu den Freunden in Witebsk... Später tauchen aber Fragen auf: Ist die Betreuerin Heide Bliewernicht wirklich Inez' Tante? Was aus der eigenen Familiengeschichte weiß Inez, und was weiß sie nicht? Wen trifft die Schuld? Wo liegt die Wahrheit? Wolken ziehen am Himmel auf, wen wird der Regen nass machen, und wird Inez endgültig eine Inessa werden? LESEPROBE: Heide Bliewernicht ist meine Tante. Unsere Betreuerin Heide Bliewernicht. Gestern gab sie sich mir zu erkennen. Die anderen wissen es Gott sei Dank noch nicht. Und ich bitte Dich, verrate auch Du nicht Deinen Eltern, dass ich eine Tante habe. Vorerst muss es unser beider Geheimnis bleiben! Ehrenwort, ja? Heide ist Vatis Schwester, sagt sie. Und Vati hat gar keine Geschwister. Das ist ein Ding, was? Wem soll ich glauben? Vati? Oder einer Fremden? Nur weil wir einen Namen haben? Glaube ich ihr, bedeutet es, Vati hat mich angelogen! Jahrelang. Mich, sich, überhaupt alle. Mein Vati! Hättest Du ihm das zugetraut? Auch was er mir über Opa erzählte, scheint nicht die volle Wahrheit zu sein. Überhaupt ist durch Opa alles herausgekommen, und schuld daran hat der Herbergsvater. Er mit seinem Gerede. Es gibt Anzeichen, dass ich ihr glauben muss. Der Ring mit dem grünen Stein zum Beispiel. Auf so was war ich nicht vorbereitet. Worauf bin ich überhaupt vorbereitet? Gutes ist einfach da und selbstverständlich. Vor Schlechtem erschrecke ich und kann mich nicht wehren. Petra, ist es Dir schon ähnlich ergangen? In der Schule wird uns eine Menge beigebracht! Aber wie man sich in einer solchen Situation verhalten muss, das nicht. Ich weiß nämlich nicht, was ich tun soll. Irgendwann, ich muss ganz klein gewesen sein oder noch gar nicht auf der Welt, da haben sich Vati und Mutti und Heide verfeindet. Warum? Sie sagt, weil er hasst, was ihr gefällt. Ich glaube, weil Vati nicht so fortschrittlich ist wie sie. Heide ist echt fortschrittlich, von innen, nicht bloß nach außen wie mein Vater. Und Mutti tut nicht mal nach außen fortschrittlich. Da werden sie aneinander geraten sein.

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Impressum

Brigitte Birnbaum

Das Siebentagebuch

ISBN 978-3-86394-074-4 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1984 bei Der Kinderbuchverlag Berlin

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. TAG, Sonntag

In meinem Leben braucht sich nichts zu ändern. Wirklich nicht. In meinem alltäglichen. Mein augenblickliches ist ja nicht alltäglich. Ausnahmezustand, würde Vati sagen. In einem Schloss wohnen ist schließlich etwas Besonderes. Oder? Das fetzt! Auch wenn es nur noch als Jugendherberge dient. Trotzdem ein bisschen unheimlich. Aus allen Ecken springt einen das Damals an. Besonders abends. Den Festsaal und andere Prunkräume hat man zugeschlossen. Wir sind in der oberen Etage untergebracht. Da steht auf dem Flur wenigstens keine blecherne Ritterrüstung rum.

Leider hab ich das Bett neben der Tür erwischt. Das würde ich gern ändern. Aber keine von den drei anderen tauscht mit mir.

Das Schloss soll uralt sein und einzigartig. Möglich. Jedenfalls ist die Wartburg größer. Liegt auf einer Insel, das Schloss. Unsere Busse konnten nicht bis auf den Hof rollen, mussten vor der Brücke halten. Sonst wären sie in der Einfahrt des Torhauses stecken geblieben. Das Torhaus mit dem mecklenburgischen Wappen ähnelt dem in Güstrow. Vati war mal mit Mutti und mir in Güstrow, als er für unseren Trabbi oder für unser Boot einen Anlasser brauchte. Nur ist dieses Torhaus kleiner, und in ihm wohnt der Herbergsvater. Eine ulkige Type, der Herbergsvater. Empfing er uns doch am Hauptportal und ließ sich von jedem die Hausschuhe vorweisen. Auch von unseren acht erwachsenen Begleitern. Die guckten vielleicht!

»Wi hebb'n so'n Boden, dei bliwwt nich liggen, hei hackt licht an de Stäwel«, sagte er. »Und noch eins, Herrschaften...«

Zwei Hunde hätte er. Er wies auf den Park ringsum, auf die frühen roten Tulpen im Rondell, die anfangen wollen zu blühen, auf die Fliederbüsche.

»Hollt ji in'n Middelweg, denn doon ji min Hunn nix.«

Ich denk mir, die beiden Hunde sind ein Trick. Er hat gar keine. Er will nur die Beete und den Rasen vorm Zertrampeln schützen.

»Genosse, Sie müssen hochdeutsch mit den Schülern sprechen«, verlangte unser Reiseleiter und arbeitete sich in seine ladenneuen Filzpantoffeln. »So verstehen sie Ihre Anordnungen nicht.«

»Wie das? Alles Gören aus unserer Gegend und mich nicht verstehen?« Er blickte unschuldig in die Runde. »Na? Und ordne ich was an? I bewohre! Ich sage man bloß, was sie wissen müssen, damit es keinen Ärger gibt.« Dabei strich er sich mit der Hand über seinen kahlen Kopf.

»Spukt es hier auch?«

»Wieso denn nicht?« In gewissen Nächten laufe ein Mädchen ohne Kopf durch die Alleen.

»Iiiiiiih! Ohne Kopf!«

Bin also in ein Geisterschloss geraten. Fantastisch!

Sie erscheine aber nur dem, der sich nicht ordentlich gewaschen habe.

»Wird Zeit, dass sie einer erlöst«, krähte grinsend der Größte von denen aus der Zehnten, bei dem sich bereits ein Bärtchen über der Oberlippe andeutete.

»Erlöst kann sie nur werden durch einen Jüngling, der noch nie geküsst hat.« Das verkündete Heide, eine der Betreuerinnen. Vorwurfsvoll funkelte sie der Reiseleiter an. Aber nicht sie, der Junge wurde rot.

»Süh mal kiek!«, staunte der Herbergsvater, »de jung Fruu weet Bescheid!«

Natürlich übertrieb er wie alle Erwachsenen, wenn sie mal höflich sein wollen. Jung ist die Frau nämlich nicht mehr, bestimmt fast mindestens fünfunddreißig. Ich hab sie schon unter die Lupe genommen, weil sie mich im Bus scharf musterte. Sie dachte wohl, ich merke es nicht. Sicher missfällt ihr, dass ich amerikanische Jeans trage, echte Lois, für Typen, die nicht alt werden, aus Hamburg, von Oma. Vielleicht sollte ich morgen wie die meisten anderen auch Pioniertracht anziehen, wenigstens die Bluse. Der Pulli, Omas Ostergeschenk, passt in der Farbe wirklich nicht zum roten Halstuch. Das weiß ich selbst. Aber Halstuch ist Pflicht. Sonst streichen sie mich womöglich. Ich glaub, dann renn ich auch ohne Kopf rum, und nicht nur in gewissen Nächten. Ich kann nicht in Worten ausdrücken, wie glücklich ich war, als mir die Direktorin mitteilte, dass ich, wie es heißt, »in Anerkennung hervorragender Leistungen bei der Erfüllung des Pionierauftrages in diesem Schuljahr und für die aktive Teilnahme an der internationalen Pionieraktion mit dem Freundschaftszug in die Sowjetunion delegiert« werde. Ich hab gleich bei Mutti in der Poliklinik angerufen. Mutti wollte es nicht glauben. Vier Wochen in ein Ferienlager bei Witebsk! Hier im Schloss sollen wir uns auf diese Reise vorbereiten.

Vati war beides nicht recht. Weder die Reise nach Witebsk noch die hierher. »Wozu vorbereiten? Ich denk, das sind unsere Freunde!« Vati nörgelte wieder einmal. Hat er einen zuviel getrunken, nörgelt er stets. Komisch. Nicht mit sich reden lässt er dann, wird sogar unsachlich. An jenem Abend hatte er irgendetwas gefeiert. Schließlich gefiel es ihm doch, dass er sich vor seiner Brigade brüsten konnte: »Ja, meine Tochter...!«

Als wir uns die breiten Schlosstreppen hinaufschoben, behutsam auftretend und uns nicht gleich zurechtfindend, fasste Heide mit an, meine Tasche zu tragen. Ihre Finger berührten meine. Himmel! Wie kann man so kalte Finger haben! Wie eine Tote. Aber ihr Gesicht flößt mir Vertrauen ein. Bedeutungsvoll lächelte sie mir zu, als müsse sie mir Mut machen, als hätte ich etwas entsetzlich Schweres vor mir.

Ich? Schweres? Die ganze Schule beneidet mich um diese Reise, und die meisten missgönnen sie mir. »Ausgerechnet die!«, zischelte Kati hinter meinem Rücken, als meine Auszeichnung beim Fahnenappell bekannt gegeben wurde. Ich hab's genau gehört. Auch was sie noch meckerte, hab ich gehört. Sollte es wohl auch hören. Will's aber nicht schriftlich wiederholen. Es hing mit Oma zusammen. Thomas und Sonny reden nicht mehr mit mir. Ich bin eben besser als sie. Nur Ulf stöhnte bedauernd. Ulf, der neben mir sitzt und den ich so oft abschreiben lasse, damit er auch dieses Mal das Klassenziel schafft.

Dank Heides Hilfe konnte ich nicht drängeln, kam als letzte ins Zimmer und ins Bett neben der Tür. Die Betreuer wohnen am Gangende. Von ihnen ist mir Heide am sympathischsten. Kein Wunder. Wir haben denselben Familiennamen. Ich hörte, wie sie sich dem Kreisschulrat vorstellte: »Bliewernicht. Heide Bliewernicht.«

Seltsam. Vati betonte stets, unser Name sei einmalig und stürbe aus, wenn ich heirate. Denn Vati hat weder Geschwister noch Cousins oder Cousinen. Schon aus diesem Grund wäre bedauerlich, dass ich kein Junge sei. Er hätte lieber einen Sohn gehabt. Auch Mutti wünschte sich einen. Trotzdem wurde ich ein Mädchen. Ich find's nicht schlecht. Frauen leben länger.

Ich glaub, ich bin die Älteste in unserem Zimmer. Noch kennen wir uns nicht näher. Die anderen heißen Kristina, Ute und Helvi oder so ähnlich. Helvi hat ziemlich große Füße und neigt zum Dickwerden.

»Fans!«, jubelte Kristina begeistert gegen die rosa Wände, »vielleicht war dies das Schlafgemach der edlen Frau Herzogin!«

»Was geht mich die Alte an.« Helvi verschwand mit Kopf und Armen in ihrem Pullover.

»Woher willst du wissen, dass sie alt war, eh?«, mischte ich mich ein.

»Na, Mensch! Meist starben die jung im Kindbett oder wie das hieß...« Kristina ließ das Kofferschloss knallend aufschnappen. Befreit quollen ihr Pyjama und Ringelsocken entgegen.

Von der im Pullover verhedderten Helvi war dumpfes Murmeln zu vernehmen.

Kristina könnte meine Freundin werden, für hier und im Ferienlager. Zu Hause hab ich ja Petra als Freundin. Manchmal ist Mutti eifersüchtig auf Petra, weil ich der mehr erzähle als ihr. Petra und ich, wir erzählen uns alles.

»Muss oft im Kindbett gelegen haben, die Dame«, sagte Ute mit etwas rauer Stimme, während sie einen Platz für ihre Gitarre suchte. »Diese Decke kann man doch wohl nur liegend betrachten.«

Tatsache! Stuckblumen und -blätter ranken sich üppig über die hohe Zimmerdecke. Und aus einer riesigen, umgestülpten Obstschale, von deren Mitte drei gläserne Lampenkugeln tropfen, drohen gipserne Äpfel, Birnen und Weintrauben auf uns herabzufallen. (Unter diesen Satz würde meine Knipper schreiben: Sehr gut beobachtet, Inez! Und sie würde ihn, wie häufig andere aus meinen Aufsätzen, der Klasse als positives Beispiel vorlesen.) Alle vier starrten wir, die Köpfe weit zurückgebogen, nach oben. Ute, die Gitarre zärtlich im Arm, auch Helvi, in Rock und Hemd, ihre molligen Schultern hochziehend.

»Iiiiiiih! Eine Spinneee!«, kreischte sie plötzlich markerschütternd.

Nun wusste ich, wer vorhin »Iiiiiiih, ohne Kopf!«, gequiekt hatte.

Zwischen Rosenblüten und Lorbeergesträuch pendelte friedlich eine fette Spinne an einem kaum sichtbaren Faden. Helvi stürzte, halbnackt wie sie war, auf den Korridor. Kristina hinterher.

Ute sagte zu mir: »Vielleicht tauscht sie nun mit dir das Bett.«

»Ich will nicht mehr.« Da bin ich wie Vati. Entweder gleich oder gar nicht. Ute grinste nicht mal. Sie sah mich überhaupt nicht an. Aber ihr »Aha« genügte mir. Hoffentlich ist sie im Ferienlager in einer anderen Gruppe.

Das halbe Schloss hatte Helvi zusammengeschrien. Unser Reiseleiter, jetzt eine Brille auf der knubbligen Nase, spurtete vom Gangende herbei. »Eine Spinne.., und ich denke, es passiert ein Mord.« Doch er guckte nur wie behext zur Decke. Heide Bliewernicht musste ihn sanft beiseite schieben, stieg auf einen der gepolsterten Stühle und reckte sich auf die Zehenspitzen. Geschickt und ohne Hast, als sei es ihre tägliche Arbeit, fing sie die Steatoda bipunctata, wie sie sie nannte, mit der bloßen Hand. Helvi schüttelte sich angewidert. Der Schulrat half Heide vom Stuhl, die markierte, als wolle sie ihm die Spinne in den Kragen stecken. Hinter seinem Rücken kicherten wir schüchtern. Helvi, blass vor Ekel, erinnerte sich nun, dass sie im Hemd dastand, schubste mit dem Hacken schnell die Tür zu. Wir waren wieder allein.

Kristina machte sich weiter an ihrem Koffer zu schaffen.

»Habt ihr gesehen?« Utes blonde Brauen bildeten auf ihrer gerunzelten Stirn zwei schräge Striche. »Sie ist Witwe.«

Natürlich hatte ich die beiden schmalen Eheringe an Heides linker Hand gesehen. Unmoderne Goldreifen. Sie musste demnach schon lange Witwe sein. Witwe. Mutti kann ich mir nicht ohne Vati vorstellen. Warum auch? Vati ist urgesund. Hat sogar noch alle Zähne. Das ist höchst selten in seinem Alter. Mutti als Stoma-Schwester kann das am besten beurteilen.

Kristina bewegte die Witwenschaft nicht. Sie bedauerte, dass wir nicht nach Kiew fahren. In Kiew wohnt ihre Brieffreundin.

Helvi will bei ihrer Brieffreundin anfragen, ob sie sie nicht im Ferienlager besuchen kann.

Ute glaubt, das wird schwierig. Ute hat gleich zwei Brieffreundinnen. Natürlich.

Allein ich habe keine. Das ärgert mich jetzt. Eine Adresse hatte ich. Aber Vati fand es Quatsch, sich mit jemand zu schreiben, mit dem man nie gefrühstückt hat, wie er sich ausdrückte. Und unsere Briefe an Tante Christa in Köln? Erledigt Mutti. Außerdem sind wir ja verwandt, und es ist nicht unsere Schuld, dass wir uns noch nie begegneten.

Den dreien fiel es nicht auf, dass ich ohne Brieffreundin bin. Also brauchte ich mir keine zu erfinden. Hoffentlich fragt der Reiseleiter nicht danach.

Mit Schwung hievte Kristina ihren leeren Koffer auf den Kleiderschrank, der wie vor Schreck beide Türen aufsperrte. »Bruch«, verkündete sie geringschätzig, »war wohl ziemlich verarmter Adel, der hier hauste.« Sie drückte die Türflügel fest. »Nicht mal Tapeten. Bloß gestrichene Wände, wie im Stall.«

»Hier ist doch sowieso nichts mehr von früher«, wollte Ute wissen.

»Denkst du?«

»Die hatten bessere Schränke, geschnitzte.«

»Die hatten Truhen«, versicherte Helvi bestimmt.

»Trotzdem ist's primitiv. Wir jedenfalls haben zu Hause Tapeten. Raufaser«, prahlte Kristina.

Wir haben Birkenwalddekor im Schlafzimmer und über die ganze Tür ein Foto von einem See. Woher? Na, woher schon? Von Muttis Bruder. Wie die verpackt waren! Vati meinte, da könne ich endlich mal sehen, was Qualität ist. Aber darüber rede ich nicht. Nicht nur, weil Onkel Siegi bei der Bundeswehr ist. Helvi schwieg auch.

Was wir zum Abendbrot aßen und wie wir uns anschließend gruppenweise gewaschen haben, gründlichst, als sei zu Hause seit Monaten das Wasser knapp gewesen, schreib ich nicht in mein Tagebuch. Will's heute kurz machen. Mich stört das Gequatsche der anderen. Schließlich bin ich nicht gewohnt, das Zimmer mit jemand zu teilen. Vati hatte mich ja gewarnt. So ein Massenquartier sei nichts für mich. Sorgen haben die! Fragt doch Ute: »Ob die Sterne sich nicht langweilen?«

»Die Sterne?«

»Naja. Jeden Abend denselben Anblick. Stell dir vor, jeden Abend im Fernsehen dasselbe Programm.«

»Nichts mit Umschalten, wa?« Kristina lachte abgehackt.

»Bei uns wird auch nicht umgeschaltet«, sagte Helvi.

»Schön blöd!« Kristina wirtschaftete mit ihrem Kopfkissen rum. Meinte sie das Kopfkissen oder Helvi?

»Ist ja gar nicht jeden Abend dasselbe«, behauptete Helvi, »gestern wohnten andere hier.«

»Und legten sich auch um einundzwanzig Uhr hin.«

Wir lagen, wie es die Heimordnung befiehlt, schlafbereit in unseren Betten. Die drei warteten, dass ich das Licht ausknipste. Mein Amt im Bett an der Tür.

»Bist du nicht bald fertig?«, drängelte mich Kristina.»Wir sind heute schon mal aufgefallen.«

»Lass sie doch!«, verteidigte mich Helvi, die unablässig wie hypnotisiert an die Decke stierte, wo im Lampenschatten Gipsrosen blühen.

Vielleicht wird Helvi meine Freundin.

»Man kann sich auch im Dunkeln unterhalten«, maulte Kristina, als sei sie für die Ordnung in unserem Zimmer verantwortlich.

»Aber nicht schreiben, Mensch! Inez schreibt doch noch!«, beharrte Helvi, weniger meinethalben, wohl mehr aus Furcht vor Spinnennachwuchs.

»Sind ja noch fünf Minuten bis neun«, lenkte Ute ein. »Nach meiner Uhr.«

Da stand Kristina noch mal auf und bürstete ihr schulterlanges Haar. Weiches, dunkles Schneewittchenhaar. Meines dagegen ist ein Mischmasch aus vielerlei Farben, hart, glatt, in der Stirn ein Pony und im Nacken kurz.

Sich im Zimmer kämmen! Das kann ich nicht leiden. Überall fliegen die Loden rum. Soll sie sich in den Waschraum verziehen. Aber ich sagte nichts, wollte nicht gleich am ersten Abend Krach haben. Die anderen störte es nicht.

»Stellt euch mal vor, wie finster das hier gewesen sein muss, damals, in fürstlichen Zeiten, ohne elektrisches Licht«, flüsterte Ute geheimnisvoll.

»Warum soll ich mir das vorstellen? Geschenkt!«

Helvi hatte recht. Warum sollten wir uns das vorstellen? Zu welchem Sinn und Zweck? Der Regen von gestern macht uns nicht nass, um mit Vatis Worten zu sprechen.

»Aha!«, sagte Ute und sah mich enttäuscht an.

Ist's etwa nicht so?

»Hoffentlich wird die Witwe uns als Betreuerin zugeteilt«, wünschte Helvi seufzend, als bete sie darum.

Ich hatte mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Wir mussten doch nehmen, wen man uns bestimmte.

»Achim wäre auch nicht zu verachten, nich?« Kristina wandte sich mir voll zu und zwinkerte.

»Welcher Achim?« Ute wippte in ihrem Bett, prüfte seine Festigkeit. Aus ihrer Gitarre, die am Fußende hing, tönte es leise.

»Welcher Achim?« Ich wusste auch nicht, wen sie meinte. Doch nicht etwa den Reiseleiter?

»Eh, Fans! Der Sportlehrer, der aussieht wie der Schauspieler aus dem französischen Film...«

An dieser Stelle hab ich das Licht ausgeknipst.

2. TAG, Montag

Helvis Abendwunsch ging in Erfüllung. Heide Bliewernicht wurde unsere Betreuerin, unsere und die der sechs aus dem Zimmer nebenan. (In manchen Zimmern stehen sogar bequem acht Betten. Schlösser haben keine genormten Wohneinheiten wie Neubaublocks.) Aber ich will von vorn anfangen.

Nachts war es ungemütlich still. Lange konnte ich vor Stille nicht einschlafen. Werde ich zu Hause mitten in der Nacht munter, horche ich auf die Geräusche der Straßenbahn. Hier war es nur still und das Fenster ein helles Loch ins Nichts. Da kniff ich die Augen ganz fest zu und mogelte mich davon.

Um sechs Uhr dreißig betätigte sich der Reiseleiter als Wecker. Und dann scheuchte uns Achim zum Frühsport in den Schlosshof. Wir vier standen in den gleichen Trainingsanzügen da, als wären wir eine Mannschaft.

Früher hatten es die Mädchen doch wesentlich leichter. Sie saßen damals oben hinter den Gardinen und schauten zu, wie sich die Jungen im Wettkampf maßen. Neben mir jappte Helvi. Ich mag Sport auch nicht, ist mein schwächstes Fach, verdirbt mir immer den Durchschnitt. Muss mir aber hier besondere Mühe geben, weil wir in die erste Reihe geraten sind.

Achim ist übrigens schöner als ein Schauspieler. Bei uns im Aufgang wohnt einer. Der hat eine schiefe Nase, ist klein und mickrig und rennt das ganze Jahr im selben Anzug herum. Freundlich ist er zwar, doch Mutti lehnt es ab, mit Nachbarn Umgang zu pflegen. Das bringe nichts ein. Die Leute kämen dann nur borgen. Mutti hatte recht. Seine Frau kam gleich, ein Fieberthermometer bei uns leihen. Das Baby war krank. Ein süßes Baby. Mutti weiß nicht, dass Vati manchmal sonntags vormittags, wenn er im Keller werkelt, mit dem Schauspieler eine raucht und Bier aus der Flasche trinkt.

Während Achim uns nach Kommando hüpfen ließ, beguckte ich das Schloss von hinten. Auf dem roten Ziegeldach schimmerte ein Hauch Reif, von dem die Maisonne schon vorsichtig probiert hatte. Nirgendwo bröckelt Mörtel vom Gemäuer, keine Farbe blättert von den dreifach übereinander gereihten Fensterrahmen. Kein Hälmchen Gras wuchert zwischen den buckligen Steinen, die wir kräftig betrampelten.

Ob die runde Holzabdeckung dahinten in einen unterirdischen Gang hinabführt? Vielleicht entsteigt ihm in gewissen Nächten das Mädchen ohne Kopf. Warum wohl ohne Kopf? Alles Gespinne. Gruselmärchen, um uns zu schockieren.

»Rechtsaußen schläft noch!«, bemängelte Achim lautstark. Mit Rechtsaußen meinte er mich. Ich war aus dem Takt geraten. Aber nicht, weil ich schlief. Im Gegenteil. Ich dachte nach. Dass die Lehrer das nie unterscheiden können.

Endlich entließ uns Achim. Und weil wir gerade in Schwung waren und jeder der Erste im Waschraum sein wollte, klabasterten wir wie wild ins Schloss.

»Wo Deuwel, ne! Wat tau dull is, is tau dulll«, hallte es schaurig über unseren Köpfen. Sogar Heide Bliewernicht, die ich gerade überholen wollte, zuckte zusammen.

Wie ein Geist aus der Wand oder durch eine Geheimtür getreten, war der Herbergsvater am letzten Treppenabsatz erschienen. Er stand neben der Ritterrüstung, deren Visier eine unsichtbare Hand herunterklappte. Er beschimpfte uns nicht von seiner Höhe herab. Er hielt uns nicht vor, dass wir, die Besten der besten Schulen, uns wie Idioten benähmen. Er verglich uns nicht mit Irren, wie der Reiseleiter gestern, als im Bus geschubst wurde. Er sieht einen an und weiß, wer man ist. Er brauchte kein Wort mehr zu sagen. Wir verzogen uns geordnet nach oben. Alle. Selbst die aus der Zehnten. Nur Kristina knurrte: »Der Kerl schafft mich!« Aber sie knurrte erst in unserm Zimmer.

Zum Fahnenappell reihten wir uns um das große Tulpenrondell vor dem Schloss. Heute durfte noch in deutscher Sprache gemeldet werden: Siebzig Schüler und Schülerinnen und acht Betreuer und Betreuerinnen sind angetreten. Ab morgen soll's in Russisch geschehen. Damit wir es im Sommer fehlerlos beherrschen.

»Ob die da überhaupt Appell machen?«, flüsterte ich zu Helvi.

»Bestimmt, Mensch. Jeden Morgen.«

Vom Reiseleiter erfuhren wir den Tagesplan. Zum Glück beeilte er sich und las schnell. Sicherlich hatte er auch Hunger.

Dann rechts um und ums Schloss herum, in den Hof, wo wir im Küchenhaus frühstückten.

»Die Fürstlichkeiten haben früher natürlich im Grünen Salon gefrühstückt«, erklärte uns der Herbergsvater und schwang seinen Arm gegen das Fenster aufs Schloss hin, »den könnt ihr nachher in Augenschein nehmen. Wir dachten, hier schmeckt's euch besser, so mang den schönen Blumen und wo mal'n Krümel dalfallen kann, nich?« Freundlich nickte er, und wir taten, als glaubten wir ihm. Wir hatten ja schon gestern Abend in diesem von unzähligen Blattpflanzen durchwucherten Raum gegessen.

Mir gefällt, dass unsere Betreuer nicht an einem Extratisch sitzen, sondern zwischen uns. Bloß Bohnenkaffee wird ihnen eigens serviert. Vom Experten für Genießer. Der Herbergsvater ersetzt den Kellner. Von mir aus, bitte! Schont ihre Herzen.

Kristina vermisste Servietten. Frühstückte die zu Hause etwa täglich mit Servietten? Zumindest erreichte sie, dass wir sie bewundernd anstarrten.

»Im Ferienlager wird es jeden Morgen Kascha geben«, weihte Heide Achim ein. Nur scheinbar sagte sie es zu ihm, denn mit einem raschen Blick prüfte sie uns alle.

»Etwa aus Buchweizen...«, Kristina krauste die Nase, »ach, so bekömmlich!«

»Mit zerlassener Butter und Zucker.«

Helvi schnitt ihr Spinnengesicht, als wollte sie wieder »>iiiih« schrein.

Mich konnte Heide mit Kascha nicht schrecken. Zwar wird in vielen russischen Märchen solch Brei gegessen, aber in einem sowjetischen Kinderferienlager wird man uns doch wohl modern ernähren? Und ich hörte mich sagen: »Schließlich fahren wir ja hin, um etwas Neues kennen zu lernen.« Diese Antwort hatte Heide nicht von mir erwartet. Ich spürte es. Sie ließ sich ein bisschen zuviel Zeit, ehe sie trank. In ihren Augen war Staunen. Worüber? Der Reiseleiter hätte sich über die Antwort gefreut. Warum lobte mich Heide nicht. Ihr Blick sagte mir nur: So sprichst du, aber so denkst du nicht.

»Richtig«, unterstützte mich Achim und reichte mir die Marmelade.

Kristina sah mich wütend an. Die wird Kascha essen, und wenn sie dran erstickt, Achim zuliebe! Arme Kristina!