Wenn du Schreckliches erfährst - A. F. Morland - ebook

Wenn du Schreckliches erfährst ebook

A. F. Morland

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Opis

Arztroman von A. F. Morland   Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.   Allen in der Seeberg-Klinik fällt es auf: Dr. Yvonne Wismath wird von Tag zu Tag schöner! Ihr strahlendes Lächeln ist ansteckend, ihr Optimismus zusätzliche Medizin für die ihr anvertrauten Patienten. Dr. Kayser weiß, was seine ehemalige Studienkollegin so verändert hat: die Liebe! Nach einer Beziehung, die keine Erfüllung fand, hat Yvonne jetzt endlich den richtigen Partner gefunden! Walter Schmidt ist ein Mann, wie ihn sich jede Frau erträumt: liebevoll, zärtlich, ritterlich. Yvonne ist glücklich wie nie zuvor. Doch dann kommt der Tag, an dem sie über Walter Schmidt Schreckliches erfährt . . .

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A. F. Morland

Wenn du Schreckliches erfährst

Cassiopeiapress Arztroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Wenn du Schreckliches erfährst

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Allen in der Seeberg-Klinik fällt es auf: Dr. Yvonne Wismath wird von Tag zu Tag schöner! Ihr strahlendes Lächeln ist ansteckend, ihr Optimismus zusätzliche Medizin für die ihr anvertrauten Patienten. Dr. Kayser weiß, was seine ehemalige Studienkollegin so verändert hat: die Liebe! Nach einer Beziehung, die keine Erfüllung fand, hat Yvonne jetzt endlich den richtigen Partner gefunden! Walter Schmidt ist ein Mann, wie ihn sich jede Frau erträumt: liebevoll, zärtlich, ritterlich. Yvonne ist glücklich wie nie zuvor. Doch dann kommt der Tag, an dem sie über Walter Schmidt Schreckliches erfährt . . .

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

„Icke, Sie werden immer hübscher, wie machen Sie das bloß?“, fragte Dr. Sven Kayser gut gelaunt, als seine tüchtige Sprechstundenhilfe Gudrun Giesecke aus Berlin, man hörte es noch immer ganz deutlich, obwohl sie seit einer Ewigkeit in München lebte, zur Tür hereinkam.

Vierundsechzig war sie, aber so robust wie eine Dreißigjährige und angenehm zuverlässig. Dr. Kayser wollte gar nicht daran denken, was sein würde, wenn die Perle von der Spree eines Tages zu ihm sagte: „Herr Doktor, ick höre uff.“

Jetzt sah sie ihn mit einem langen, prüfenden Blick an. „Woher die jute Laune, Chef?“

,,Es ist ein wunderschöner Tag, ich bin mit dem richtigen Fuß zuerst aufgestanden“, und habe eine wundervolle Nacht mit Solveig Abel hinter mir, fügte er in Gedanken hinzu, „da kommt die jute Laune ganz von selbst.“

„Und deshalb machen Se mia jleich ’nen Heiratsantrag?“

„Moment, Icke, wir wollen die Kirche doch schön im Dorf lassen, ja? Ich habe lediglich gesagt ...“

„Tut mir leid, wenn ick Se falsch vastanden habe, Chef“, schmunzelte die füllige Sprechstundenhilfe schelmisch.

„Augenblick mal, wer nimmt hier eigentlich wen auf den Arm?“

Schwester Gudrun ging nicht darauf ein. „Wenn Se seelisch so toll in Form sind, sind Se heute bestimmt ooch außerjewöhnlich belastbar“, meinte sie. „Det trifft sich ausjesprochen jut, denn ick habe det Wartezimmer voller Patienten.“

Sven Kayser rieb sich die Hände und sagte: „Nun, dann wollen wir uns gleich tüchtig in die Riemen legen, nicht wahr?“

So begann an diesem herrlichen Maitag die Vormittagssprechstunde des Grünwalder Arztes. Die erste Patientin hatte – sie schämte sich deswegen unsinnigerweise – Hämorrhoiden. Es war bei Berta Fallenberg, so hieß die Frau, eine Berufskrankheit. Sie war Sekretärin in einem Münchner Brauereibetrieb und saß von morgens bis abends am Schreibtisch.

„Dieses ewige Sitzen bringt mich noch um“, klagte Frau Fallenberg, die für ihre Größe viel zu schwer war.

Sven Kayser konnte ihr die Empfehlung, abzunehmen, nicht ersparen.

Berta Fallenberg seufzte gequält. „Was glauben Sie, wie oft ich in den vierzig Jahren, die ich auf der Welt bin, schon abgenommen habe, Herr Doktor. Ich nehme ab und zu und ab und zu … Ich übertreibe bestimmt nicht, wenn ich behaupte, dass ich insgesamt schon an die fünfhundert Kilo abgenommen und leider auch wieder zugenommen habe. Die Versuchungen im Büro sind einfach zu groß. Mal hat die Kollegin Geburtstag, mal hat der Kollege etwas zu feiern. Kunden überhäufen mich mit köstlichen Pralinen, und ich kann so schrecklich schwer widerstehen. Wenn der Geist auch willig ist, das Fleisch ist furchtbar schwach, und wenn ich mich hinterher auf die Waage stelle, würde ich mich am liebsten ohrfeigen.“

Sven Kayser untersuchte die Patientin kurz, dann durfte sie sich wieder anziehen. Wichtig war für Frau Fallenberg eine dauerhafte Stuhlhygiene, deshalb empfahl Dr. Kayser der Patientin, morgens und abends eine Tasse Abführtee zu trinken, damit stärkere Stauungszustände vermieden wurden. Außerdem riet Sven Kayser der Frau zu vegetarischer Rohkost.

„Eine Umstellung der Ernährung wird raschen Erfolg bringen“, sagte der Grünwalder Arzt. „Häufige, aber kleine Mahlzeiten“, fuhr er fort. „Verboten sind Salz und salzhaltige Speisen wie Käse, Wurst und Fischkonserven, und natürlich sollten Sie auch keinen Alkohol trinken, Frau Fallenberg.“

„Tu ich sowieso nicht.“

„Dann ist es gut. Radfahren und Reiten ist verboten. Machen Sie jeden Tag einen Spaziergang von dreißig Minuten, und nehmen Sie hiervon dreimal täglich dreißig Tropfen.“ Dr. Kayser reichte der Patientin ein Rezept. „Ein Rosskastanienextrakt“, erklärte er dabei. „Hat sich seit Langem bewährt und ist garantiert unschädlich.“

„Deshalb komme ich so gern zu Ihnen“, sagte Berta Fallenberg lächelnd. „Sie pumpen Ihre Patienten nicht immer gleich mit Chemie voll.“

„Es wäre wenig sinnvoll, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.“

„Leider denken nicht alle Ärzte so“, sagte Berta Fallenberg und schob das Rezept in ihre Handtasche. Dann verabschiedete sie sich.

Der nächste Patient war schlimmer dran: Ihm war ein Magengeschwür aufgebrochen. Er klagte über heftige Schmerzen im Oberbauch, und sein Stuhl war seit gestern schwarz. An Magengeschwüren erkranken vorwiegend Menschen mit schmächtigem Körperbau, sogenannte Leptosomen. Walter Schmidt war ein Paradebeispiel dafür.

Er war mittelgroß und so schmal wie ein Windhund. Dr. Kayser behandelte seit Wochen mit mäßigem Erfolg seinen chronischen Magenkatarrh.

Er hatte befürchtet, dass es zum Aufbruch des Geschwürs kommen würde, denn er wusste, dass der Patient weiter seine Ernährungsfehler machte und die empfohlene Diät nicht einhielt. Zudem war Walter Schmidt ein sehr starker Raucher und nicht fähig, seinen Nikotinkonsum – was sehr wichtig gewesen wäre – drastisch einzuschränken.

Und er trank weiter seine Schnäpse, als hätte es ihm Dr. Kayser niemals verboten. Es war nicht leicht, so einem unvernünftigen Patienten zu helfen.

Magengeschwür-Kranke befinden sich nahezu immer in einer unbefriedigenden Lebenssituation, welche ihrem Ehrgeiz nicht gerecht wird, sie sind „Vagotoniker“, das heißt, bei ihnen überwiegen Eingeweide erregende Reize.

Sven Kayser wusste von Walter Schmidt, dass er mal ein ziemlich erfolgreicher Grafiker in einer großen Werbeagentur gewesen war. Eines Tages hatte man ihm einen neuen Chef vor die Nase gesetzt, dem hatte diese Nase nicht gefallen, und so hatte es nur zwei Monate gedauert, bis man sich in beiderseitigem Einvernehmen getrennt hatte.

Seither arbeitete Walter Schmidt nur noch gelegentlich und lebte mit Gleichgesinnten immer in Geldschwierigkeiten – in einer Wohngemeinschaft.

„Tja, Herr Schmidt“, sagte Sven ernst. „Ich hab’ das kommen sehen.“

„Sieht nicht gut für mich aus, was?“ Der Patient fuhr sich mit den nikotinbraunen Fingern durch das dunkle Haar.

„Sie haben trotz meiner ausdrücklichen Verbote weiter gesündigt.“

„Ich bin ein Idiot. Ich weiß, Herr Doktor. Aber wer kann schon raus aus seiner Haut? Jeder ist, wie er ist.“

„An einem dermaßen unvernünftigen Menschen kann ich natürlich kein Wunder vollbringen.“

„Das ist mir klar“, erwiderte Walter Schmidt nüchtern. „Sagen Sie mir nur eines, Herr Doktor: Muss ich operiert werden?“

„Möglicherweise kommen Sie darum herum.“

Schmidt grinste. „Das höre ich nicht ungern. Wem macht es schon Spaß, sich den Bauch aufschneiden zu lassen, nicht wahr?’’

„Aber eine Einweisung in die Seeberg-Klinik kann ich Ihnen leider nicht ersparen“, sagte Sven Kayser.

„Einverstanden“, nickte Walter Schmidt. „Vielleicht kriegt man mich da mit Medikamenten und ’ner strengen Diät wieder hin. Ich schlucke alles, die größten Kapseln kriege ich runter wie nichts. Darin bin ich Weltmeister.“

„Magengeschwüre können immer wiederkommen, Herr Schmidt. Sie sollten Ihre Lebensgewohnheiten ändern, sollten wieder einer geregelten Arbeit nachgehen und sich bemühen, glücklich und zufrieden zu werden.“

„Ich bin glücklich und zufrieden“, behauptete der Patient.

„Wenn Sie das glauben, belügen Sie sich selbst, Herr Schmidt“, konterte Sven ungerührt. „Weniger Zigaretten, kein Alkohol ...“

„Ich werde darüber nachdenken, Herr Doktor.“

Sven Kayser griff nach einem Einweisungsformular und begann zu schreiben.

2

Die große Wohnung befand sich in Schwabing, in der Leopoldstraße. Sechs Zimmer, alle mit zwei Personen belegt. Nur Walter Schmidt wohnte zur Zeit allein.

Bis vor Kurzem hatte Olivia mit ihm Zimmer und Bett geteilt. Olivia Hammersfeldt, eine hysterische, überspannte Ziege. Nicht auszuhalten war sie manchmal gewesen!

Walter Schmidt war froh, dass es vorbei war. Olivia trug mit Sicherheit ein gerüttelt Maß Schuld daran, dass er ein Magengeschwür bekommen hatte.

Glück für sie, dass sie freiwillig gegangen war, sonst hätte er sie nämlich eigenhändig hinausgeworfen. Sie hatte sich eingebildet, Tänzerin zu sein, dabei war ihr Herumgehopse, das sie für einen Ausdruck höchster Kunst gehalten hatte, nur lächerlich und peinlich gewesen.

Alle in der Wohngemeinschaft hatten sich – mehr oder weniger offen – gewundert, dass Olivia ein Engagement bekommen hatte. Als Tänzerin! Um die Welt der Musen musste es schlecht bestellt sein, wenn man auf „Künstler“ wie Olivia Hammersfeldt, die nur unwesentlich gelenkiger war als ein Spazierstock, zurückgreifen musste.

Auf Tournee war sie gegangen, und man war in der Wohngemeinschaft der einhelligen Meinung, dass Olivia mit dem Tourneeleiter geschlafen haben musste, um von ihm berücksichtigt zu werden. Denn das konnte sie. Das musste ihr Walter Schmidt ohne Wenn und Aber zugestehen.

Als Schmidt die Wohnung, betrat, sprang ihn eine brütende Stille an. Niemand war da. Alle waren weg, waren lange vor ihm zur Arbeit gegangen.

Er war diese Leere gewöhnt, denn er war der einzige, der nicht zur Arbeit ging. Wenn er arbeitete, dann tat er es hier, in seinem Zimmer.

Er ging in die Gemeinschaftsküche und nahm eine Flasche Weißbier aus dem Kühlschrank. Das Geld dafür warf er in einen offenen Schuhkarton, der daneben stand.

So wurde es hier gehandhabt. Es lagen bereits einige Münzen und Banknoten im Karton. Niemandem wäre es eingefallen, sein Bier nicht zu bezahlen. So unterschiedlich die Leute auch waren, die in dieser Wohnung lebten, man konnte einander vertrauen, und das war eminent wichtig. Man konnte getrost seine Geldbörse irgendwo liegen lassen, tagelang – niemand hätte sich daran heimlich bedient.

Walter Schmidt ging mit der Bierflasche in sein spartanisch eingerichtetes Zimmer. Ein Schrank, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, das war alles. Mehr brauchte er nicht. Alles andere war Luxus, und den konnte er sich bei den Einkünften, die noch magerer waren als er, nicht leisten. Er zündete sich gedankenverloren eine Zigarette an und setzte die Flasche an die gespitzten Lippen. Aber schon der erste Schluck bekam ihm nicht.

„Verdammt!“, entfuhr es ihm mit schmerzverzerrtem Gesicht. Hart stellte er die Bierflasche auf den Tisch. Wütend stieß er die Zigarette in den Aschenbecher. „Verdammt!“

Er setzte sich aufs breite Bett und massierte stöhnend seinen Magen. Wie konnte er nur so blöd sein? Wurde er denn nie gescheiter?

Draußen fiel die Eingangstür krachend ins Schloss. Walter Schmidt hörte Schritte. Er kannte dieses Stampfen. So ging nur einer: Felix Lehmann, der lange Blonde mit den unwahrscheinlichen X-Beinen. Er war Pizzabäcker in einem schmuddeligen Schwabinger Lokal.

Walter Schmidt stand auf und ging zur Tür. Die Schmerzen hatten nachgelassen. Er öffnete die Tür. Felix Lehmann fuhr erschrocken herum.

„Ach, du bist es“, stieß er heiser hervor und entspannte sich.

Walter Schmidt grinste. „Was dachtest du denn? Der Geist von ’ner vermoderten Ahnfrau?“

Felix Lehmann zuckte die Schultern. „Na ja, ich nahm an, die Wohnung wäre leer, und ich war in Gedanken.“

„Wieso bist du hier und nicht in der Pizzeria? Hat dich dein Chef hinaus geschmissen? Ist er endlich dahintergekommen, dass du es bist, der alle seine Gäste vergiftet?“

„Blödmann. Meine Pizza kann jeder gefahrlos essen.“

„Mir wurde schon mal schlecht davon“, behauptete Walter Schmidt.

„Ist ja gar nicht wahr. Du hattest zu viele Schnäpse getrunken. Die sind dir nicht bekommen.“ Felix eilte in sein Zimmer. Die Tür ließ er auf. „Einer der Gäste möchte die Fotos vom Tegernsee sehen.“

Walter staunte. „Und die zeigst du ihm?“

„Warum denn nicht? Es sind herrliche Aufnahmen. Die brauche ich nicht zu verstecken.“

„Auf der Hälfte davon ist deine Freundin Julia doch splitterfasernackt“, wandte Walter ein.

„Die sortiere ich natürlich aus.“ Felix verließ mit den herzeigbaren Bildern das Zimmer. Er stutzte. „Sag mal, wolltest du nicht heute zum Arzt gehen?“

„Da war ich schon.“

„Und was sagt der Doktor?“, erkundigte sich Felix.

„Ich muss ins Krankenhaus“, brummte Walter.

„Wirklich? Operieren?“

Walter hob die schmalen Schultern. „Das steht noch nicht fest.“

„Ich drück’ dir die Daumen, dass du nicht unters Messer musst. Julia und ich kommen dich selbstverständlich besuchen, und alle anderen Mitglieder unserer Wohngemeinschaft auch. Wir sind ja so etwas wie eine große Familie.“

Walter grinste wieder. „Ja, eine große, glückliche Familie sind wir.“

„Ich muss gehen.“

„Ciao. Lass keine Pizza anbrennen.“

„Wir sehen uns heute Abend“, sagte Felix.

„Ja, zum letzten Mal bis auf Weiteres, denn ab morgen residiere ich in der Seeberg-Klinik.“

3

Man konnte das Magengeschwür zwar ausheilen, aber Dr. Ulrich Seeberg, der

Chef der Klinik, erklärte, damit sei nicht viel gewonnen.

„Sie meinen, ich werde bald wieder ein Geschwür haben“, sagte Walter Schmidt. „Ich bin der Typ dafür, nicht wahr?“

„Das ist eine bedauerliche Tatsache, Herr Schmidt.“

Der Patient nickte mit gefurchter Stirn. „Das hat mir Dr. Kayser auch schon gesagt.“

„Manche Menschen neigen ein Leben lang zum Ulcus ventriculi.“

„Kann man dagegen denn gar nichts tun?“, fragte der Patient.

„Doch. Um der erneuten Bildung eines Magengeschwürs vorzubeugen, kann man den Vagusnerv durchtrennen, um die Eingeweide erregenden Reize zu unterbinden.“

„Wollen Sie mir eine solche Operation vorschlagen?“

„Der Eingriff ist relativ harmlos“, sagte Dr. Ulrich Seeberg.

„Und ich werde danach nie wieder ein Magengeschwür haben?“, fragte Walter Schmidt.

„Das kann ich Ihnen nicht versprechen, denn es gibt auch noch andere auslösende Faktoren für ein Ulcus ventriculi, aber die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Erkrankung wird nach der Vagusnerv-Operation sehr gering sein.“

Der Patient musterte den Klinikchef nachdenklich. „Wäre nicht klug, wenn ich mich nicht operieren ließe, wie?“

„Die Entscheidung liegt bei Ihnen.“

„Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie sich operieren lassen?“

„Auf jeden Fall“, antwortete Dr. Seeberg sofort.

„Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zuzustimmen“, meinte Walter Schmidt schweren Herzens. „Aber begeistert bin ich von Ihrem Vorschlag nicht, das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, Dr. Seeberg.“

Die Operation verlief ohne Komplikationen. Walter Schmidt bekam jeden Tag Besuch. Von Felix Lehmann und Julia Krantz, von Oliver Hellnwein und Saskia Fröhlich, von Roman Stolze und Grete Straak, und sogar von Dr. Sven Kayser.

„Ich hab’ hier keine Langeweile“, grinste der Grafiker, als Sven bei ihm war. „Meine Freunde geben sich die Türklinke in die Hand. Sie müsste schon fast so abgenutzt sein wie die von der christlichen Wohlfahrt. Ehrlich, zu Hause kriege ich die ganze Bande nicht so oft zu sehen. Tut gut, zu wissen, dass sie einen mögen.“ Er senkte den Blick. „Man fürchtet sich vor so ’ner Operation eigentlich mehr, als es nötig ist.“

„Wie fühlen sie sich?“, fragte Dr. Kayser, der Belegarzt an der Seeberg-Klinik war.

„Schon recht gut.“

„Ich würde es begrüßen, wenn Sie sich nach Ihrer Entlassung wieder in meiner Praxis blicken ließen“, sagte Sven Kayser. „Zur Kontrolle.“

Walter Schmidt grinste. „Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, sich davon zu überzeugen, dass mich Ihr Freund Dr. Seeberg wieder prima hingekriegt hat.“

„Werden Sie wieder einer geregelten Arbeit nachgehen?“

„Weiß ich noch nicht“, antwortete der Patient. „Mir gefällt es, zu Hause zu arbeiten, unabhängig zu sein, mich von niemandem blöd anquatschen lassen zu müssen. Aber ich werde kaum noch Alkohol trinken und meinen Zigarettenkonsum drastisch einschränken. Ist das ein Wort?“

„Wäre schön, wenn Sie sich daran hielten.“

„Der gute Vorsatz ist da. Alles andere wird sich ergeben.“

„Bis bald“, sagte Sven Kayser, wünschte dem Patienten alles Gute und verließ das Krankenzimmer.

Aber er verließ noch nicht die Klinik, sondern schaute auf einen Sprung bei Ulrich Seeberg rein. „Ist er da?“, fragte er Ute Morell, die attraktive Chefarztsekretärin.

„Oh, hallo, Herr Dr. Kayser“, strahlte ihn die vierundzwanzigjährige Frau an. „Schön, Sie zu sehen!“

„Schön, Sie zu sehen“, entgegnete Sven schmunzelnd. „Sie sind heute mal wieder eine wahre Augenweide.“

„Mh, tut richtig gut, das zu hören. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, der Chef ist da.“

„Hat er Zeit?“, erkundigte sich Sven.

„Für Sie doch immer. Gehen Sie nur hinein. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Sven nickte zustimmend. „Eine großartige Idee. Falls Sie hier mal weg wollen, lassen Sie es mich wissen.“

Ute Morell lachte „Okay, Sie sind der erste, der es erfährt.“

„Der was erfährt?“, fragte plötzlich jemand hinter Dr. Kayser.

Sven drehte sich um, grinste Dr. Seeberg an und sagte: „Das, mein Lieber, wird nicht verraten. Tag, Ulrich, wie ist das werte Befinden?“

„Wenn du versuchst, meine Sekretärin abzuwerben, waren wir die längste Zeit Freunde, das sag’ ich dir.“

Sven Kayser zeigte auf den Freund. „Du hast gelauscht. Das tut man nicht. Was hast denn du für eine Kinderstube?“

„Ich hab nicht gelauscht.“

„Hast du doch!“, blieb Sven Kayser bei seiner Behauptung.

„Ich habe deine Stimme gehört, bin raus gekommen, um dich zu begrüßen, und dabei wurde ich zwangsläufig Ohrenzeuge eures Gesprächs.“

Sven winkte amüsiert ab. „Ja, ja, schon gut. Wie soll man denn sonst was erfahren, wenn man nicht hin und wieder lange Ohren macht?“