Tödliche Sünden - Felix Mitterer - ebook

Tödliche Sünden ebook

Felix Mitterer

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Opis

In futuristisch-sterilen Räumen begehen Menschen einer zukünftigen Generation die "sieben Todsünden" Hochmut, Trägheit, Unzucht, Zorn, Geiz, Neid und Unmäßigkeit. Es sind - fernab eines kirchlichen Moralbegriffs - die Vergehen einer erstarrten, sich selbst unheimlich gewordenen Menschheit, deren Sündhaftigkeit seltsam entrückt, unfassbar, fast schon absurd, sich in Handlungen entlädt, die den Begriff der Sünde teilweise umkehren, neu beleuchten und gleichzeitig als literarische Botschaft des Autors ohne zu moralisieren eine untrügliche Moral einfordern. Die Bestrafung erfolgt nicht "am Jüngsten Tag" durch einen Richtergott. Der Sünder bestraft sich vielmehr selbst - ganz anders aber als man es traditionsgemäß erwartet, nur in einem tieferen Sinn "gerecht". Einsamkeit, Verzweiflung, Fatalismus, Ausgrenzung, psychischer und physischer Mord sind solche Folgen jedes unsozialen, unmenschlichen Verhaltens, als das man "Sünde" definieren kann. In einer lieblosen, geilen, trügerischen, voyeuristischen Welt entpuppt sich aufkeimende Hoffnung als ein banales Element einer TV-Show. An "Todsünden"-Autoren wie Franz Kranewitter, Bert Brecht oder Eugene Ionesco anknüpfend, geht Felix Mitterer in diesem Werk, eine in sich verzahnte Einakterfolge für vier Personen, neue literarische Wege.

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FELIX MITTERER: TÖDLICHE SÜNDEN

Felix Mitterer

TÖDLICHE SÜNDEN

Sieben Einakter

© 1999

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner

Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen

Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages

reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Aufführungsrechte beim Österreichischen Bühnenverlag Kaiser &

Co., Wien

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu

unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen

Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7616-6

Umschlag: Benno Peter

Dieses Stück erhalten Sie auch in gedruckter Form mit

hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter

www.haymonverlag.at.

Felix Mitterer:

ANMERKUNGEN ZUM STÜCK

Mit den Lastern, mit den Sünden, beschäftigten sich seit dem Mittelalter zahlreiche Moralitäten. Im 20. Jahrhundert haben sich zwei bedeutende Dramatiker mit dem Thema „Die sieben Todsünden“ auf ihre Weise auseinandergesetzt (ein dritter mit einem kleinen Aperçu).

Da ist zuerst der Tiroler Franz Kranewitter (1860-1938), der über zwanzig Jahre (1903 bis 1925) an seinem Einakterzyklus arbeitete, den er als sein Hauptwerk ansah. Kranewitters Dramen — so auch die „Todsünden“ — sind im Bauern- und Kleinhäuslermilieu seiner Tiroler Heimat angesiedelt, seine Figuren sprechen den örtlichen Dialekt. Zentrum der Auseinandersetzung ist die Familie — „das Haus als Hölle“ (Johann Holzner). Anders als sein erfolgreicher Landsmann Karl Schönherr ist Kranewitter — weil seine Stücke härter, kompromißloser waren — kaum jemals außerhalb der Tiroler Grenzen gespielt worden und heute vergessen. Einzig Tiroler Laienbühnen und die professionellen „Tiroler Volksschauspiele Telfs“ spielen noch seine Stücke. Ich selbst wirkte 1981 bei den ersten Volksschauspielen in Kranewitters „Todsünden“ als Moritatensänger mit. Ruth Drexel, Kurt Weinzierl, Dietmar Schönherr, Gernot Friedel, Josef Kuderna, Reinhard Schwabenitzky und Alf Brustellin inszenierten je einen der Einakter. Die Aufführung — wegen der Länge verteilt über zwei Abende hatte überregionales Echo zur Folge, sie wurde auch vom Fernsehen aufgezeichnet, trotzdem blieb Kranewitter weiterhin ungespielt. Das hat mit seiner Sprache, dem Dialekt zu tun, auch mit dem Milieu, nicht zuletzt aber auch mit einem Blut-und-Boden-Geruch, der Kranewitters Stücken (mehr als denen Schönherrs) anzuhaften scheint, weitgehend zu Unrecht, wie ich meine. Kranewitter ist in eine Reihe zu stellen mit Anzengruber, Schönherr, Thoma und Lorca.

Der zweite Autor ist Bertolt Brecht (1898-1956), der 1933 für Kurt Weill einen Todsünden-Text schrieb, und zwar für eine Ballettaufführung mit Gesang und Orchester.

Brecht erfand zwei Schwestern, Anna 1 (Gesang) und Anna 2 (Tanz); im Grunde sind beide ein und dieselbe Person. Den Standpunkt der Familie vertreten zwei Tenöre, ein Bariton und ein Baß. Die Schwestern verlassen das heimatliche Louisiana, weil sie Geld verdienen wollen, damit die Familie ein Haus bauen kann. Auf ihrer siebenjährigen Reise durch Amerika werden die beiden mit den sieben Todsünden konfrontiert. Brecht stellt wie üblich die gewohnte Moral auf den Kopf, dreht die Sünden um. Anna tritt als Nackttänzerin auf, verkauft sich an einen Mann, alles für die Familie. Brecht fordert sie auf, neidisch zu sein auf die Reichen, zornig zu sein auf die, die sie ausbeuten, genug zu essen, statt für die Familie zu sparen usw. Bei der Pariser Uraufführung der Truppe Les Ballets 1933 sang Lotte Lenya Brechts Text als Anna 1, Tilly Losch tanzte dazu als Anna 2.

Auch Eugene Ionesco schrieb einen Einakter zum Thema, nämlich als Drehbuch für den französisch-italienischen Episodenfilm „Les sept peches capitaux“ (in der deutschen Fassung „Die sieben Todsünden“), den die Regisseure Jean-Luc Godard, Sylvain Dhomme, Philippe de Broca, Edouard Molinaro, Jacques Demy, Roger Vadim und Claude Chabrol 1962 drehten. Ionesco beschäftigte sich mit dem Zorn, und zwar dergestalt, daß eine Fliege in der Sonntagssuppe zuerst Ehekrach, dann Unruhen, schließlich Krieg und endlich den Untergang der Welt auslöst. Durch den Einsatz von sieben Autoren sind die einzelnen Episoden sehr unterschiedlich, es verbindet sie ein leichtfüßig-satirischer Unterton.

1995 hat sich übrigens noch einmal ein Film das Todsünden-Motiv aufgegriffen, und zwar der amerikanische Thriller „Seven“ (mit Brad Pitt, Morgan Freeman, Gwyneth Paltrow, Regie: David Fincher), in dem ein Serienkiller seine Opfer nach dem Schema der sieben Todsünden aussucht und umbringt.

Zu Beginn des Jahres 1997 trat der Schauspieldirektor des Tiroler Landestheaters, Dietrich W. Hübsch, mit einem Ansinnen an mich heran. Man plane ein Todsünden-Projekt, wobei das Meraner „Theater in der Altstadt“ den Kranewitter produzieren soll und ein deutsches Theater die Brecht/Weill-Variante. Ich selbst möge für Innsbruck einen neuen Einakterzyklus schreiben. Geplant sei, die drei Produktionen untereinander auszutauschen. Dies schien mir ein spannendes Vorhaben. Der Begriff „Sünde“ ist ja unschwer herauszulösen aus dem kirchlichen Kontext, und zwar auch ohne Brecht’schen Trick, denn im Grunde ist Sünde ja nichts anderes als ein unsolidarisches Verhalten dem Mitmenschen und der Gesellschaft gegenüber. Und interessant ist: Die eigene Sünde richtet sich auch gegen einen selbst. Der Hochmut, der Zorn, der Geiz — alles richtet sich letztlich gegen einen selbst. Die Bestrafung erfolgt schon hier und jetzt.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN:

(von der Kirche früher auch Wurzelsünden, heute Hauptsünden genannt; lat. vitia capitalia)

1. Hochmut (auch Stolz, Hoffart, Ruhmsucht, Anmaßung; lat. superbia oder inanis gloria)

2. Trägheit (Müßiggang, Faulheit, Überdruß; lat. acedia oder tristitia)

3. Unzucht (Unkeuschheit, Wollust, Fleischeslust; lat. luxuria)

4. Zorn (lat. ira)

5. Geiz (Habsucht, Habgier, lat. avaritia)

6. Neid (lat. invidia)

7. Unmäßigkeit (Völlerei; lat. gula)

Die Siebenzahl der Todsünden ist seit Papst Gregor dem Großen (540-604) üblich, früher wurden, indem man Hochmut (superbia) und Stolz (inanis gloria) trennte, acht Sünden gezählt. Die Reihung der Sünden hat sich im Laufe der Zeit mehrmals geändert, allerdings stand der Hochmut als Urgrund aller Sünden immer am Anfang, die Trägheit (acedia) immer am Ende. Die heutige Reihung der Kirche ist Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Unzucht, Unmäßigkeit, Trägheit; sie wurde von mir aus dramaturgischen Gründen geändert.

PERSONEN:

Mann

Frau 1

Frau 2

Kind

RÄUME:

Speisezimmer

Wohnzimmer 1

Wohnzimmer 2

Fernsehstudio

Büro

Das Kind ist darzustellen von einer jungen, kleinen Schauspielerin, Geschlecht und Alter sollen aber diffus bleiben, obwohl man an Hand des Textes dreimal (Hochmut, Zorn, Geiz) ein männliches und zweimal (Unzucht, Unmäßigkeit) ein weibliches Kind vermuten kann.

In Maske und Kostüm gleichen die Personen den Außerirdischen in amerikanischen Science-fiction-Serien. Dies kann eine kleine Anomalie im Gesicht oder in der Gesichtsform sein, zum Beispiel ein sehr hoher Haaransatz, wodurch auf der vergrößerten Stirnfläche Raum ist für ein reliefartiges (wulstiges, wucherndes) Zeichen oder Mal.

Auch das Interieur hat Anklänge an dieses Genre. Wohnzimmer und Speisezimmer definieren sich durch Lichtschranken, das Fernsehstudio durch Lichtfelder, das Büro durch Lichtfelder mit großen Fensteröffnungen.

Falls Musik, dann wie ein „Filmsoundtrack“, wobei man als Hauptthema die Melodie von „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“ einarbeiten könnte, da dieses Lied in drei der Einakter vorkommt.

HOCHMUT

In große Höhen

steigt die Seele des Hochmütigen empor,

und von dort stürzt sie sich selbst

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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