Tannhäuser, Band 1 - Julius Wolff - ebook

Tannhäuser, Band 1 ebook

Julius Wolff

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Ein Minnesang basierend auf der Tannhäuser-Sage. Die Serie "Meisterwerke der Literatur" beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.

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Tannhäuser – Erster Band

Julius Wolff

Inhalt:

Julius Wolff – Biografie und Bibliografie

Tannhäuser – Erster Band

Ein Minnesang

Minnegruß.

Des Klausners Genoß

Im wilden Tann.

Im Stift zu Adamunt.

Lesen und Schreiben

Der Minnehof zu Avellenz.

Das Minnegericht.

Auf Burg Seben.

Verhohlene Minne.

Am Hof der Babenberger.

Verrathene Minne

In den Lagunen.

Tannhäuser – Erster Band, J. Wolff

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849640255

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Julius Wolff – Biografie und Bibliografie

Dichter, geb. 16. Sept. 1834 in Quedlinburg, studierte in Berlin Philosophie und Cameralia, übernahm dann die Leitung des väterlichen Fabrikgeschäfts in Quedlinburg und gründete, von dieser zurückgetreten, 1869 die »Harzzeitung«. Nach dem Deutsch-französischen Kriege, den er als Landwehroffizier bis zum Ende mitmachte, siedelte er nach Berlin über, wo er vorübergehend die »Illustrierte Frauenzeitung« redigierte und noch jetzt als Schriftsteller lebt. Er veröffentlichte: »Aus dem Felde«, Kriegslieder (Berl. 1871, 4. vermehrte Aufl. 1907); »Till Eulenspiegel redivivus« (Detm. 1874; 23. Aufl., Berl. 1896) und die beifällig aufgenommenen, zum Teil in zahlreichen Auflagen erschienenen kleinen Epen und Erzählungen: »Der Rattenfänger von Hameln« (Berl. 1875) und »Der wilde Jäger«, eine Weidmannsmär (1877); »Tannhäuser«, ein Minnesang (1880, 2 Bde.); »Singuf, Rattenfängerlieder« (1881); »Der Sülfmeister«, Roman (1883, 2 Bde.); »Der Raubgraf«, Geschichte aus dem Harzgau (1884); »Lurlei«, eine Romanze (1886); »Das Recht der Hagestolze«, Roman (1888); »Die Pappenheimer« (1889); »Renata« (1892); »Der fliegende Holländer« (1892); »Das schwarze Weib«, Roman aus dem Bauernkrieg (1894); »Assalide«, Dichtung aus der Zeit der provenzalischen Troubadoure (1896); »Der Landsknecht von Kochem«, ein Sang von der Mosel (1898); »Der fahrende Schüler«, Dichtung (1900); »Die Hohkönigsburg«, Roman (1902); »Zweifel der Liebe«, Roman aus der Gegenwart (1904); »Das Wildfangrecht« (1907). Die Stärke Wolffs ruht in der großen sprachlichen Gewandtheit, mit der er die verschiedensten Stile und Tonarten der Poesie nachahmt, und in der Kunst des historischen Kolorits; im Innern aber sind seine Gestalten konventionell und erheben sich nicht über die durchschnittliche Familienblattpoesie. Auch mit einigen Schauspielen: »Kambyses«, »Die Junggesellensteuer« (Berl. 1877) u. »Drohende Wolken« (das. 1878) trat W. hervor.

Tannhäuser – Erster Band

Ein Minnesang

Minnegruß.

Euch naht sich Einer, holde Frauen, Dem könnt Ihr frei ins Auge schauen' Er ist von Kopf zu Fuß Ein Ritter, der Euch rühmt und ehret, Und er entbietet stahlbewehret Euch minniglichen Gruß! Tief aus dem Goldschacht unsrer deutschen Sage Steigt mit Gesänge freudig er zu Tage,

Tannhäuser ist's, – Ihr kennt den Helden; Was alte Mären von ihm melden, Den Wartburgsängerkrieg, Den Hörselberg, des Papstes Stecken, Was Sage flüstert, wollt' ich wecken Und das, was sie verschwieg. Nachschaffend kühnlich wollt' ich aus dem Vollen Euch seines ganzen Lebens Bild entrollen.

Ich weiß es, was ich damit wagte, Und wenn mir auch die Kraft versagte, Die Lust that's nie beim Sang. Er wollte Euer Herz ergründen, Ich wollte Euch das seine künden, Seht selbst, ob eins gelang. Sehnsucht mit ihren stürmenden Gedanken Kämpft mit der Wirklichkeit und ihren Schranken.

Ich grüße mit Gesang Euch Süße! Wie Kaiser Heinrich sang, und grüße In Euch der Minne Macht. Ich habe stets von ihrem Wesen So hoch, wie Ihr es werdet lesen Von meinem Helden, selbst gedacht. Und malt' ich noch zu glühend seine Minne, So denkt: was wäre Kunst Wohl ohne Sinne?

Ihm war es Ernst; nicht um zu spielen, Griff er nach unfaßbaren Zielen In seiner Seele Drang. Auch mir ist's Ernst; nie würd' ich wagen, Vor Euch die Saiten anzuschlagen Unrein in ihrem Klang Und darum dürft Ihr, edle, kluge Frauen, Uns beiden auch mit gutem Fuge trauen.So nehmt nun den besungnen Sänger, Den ritterlichen Schlachtengänger Der Hohenstaufenzeit, Von der ich Manches Euch geschildert, Nichts übertrieben, nichts gemildert, Nehmt ihn mit Freundlichkeit! Seid gnädig und versöhnlich seiner Minne Und schickt ihn damit nicht zur Valandinne!

Berlin, Oktober 1880

I.

Des Klausners Genoß

Rings Wald und Wald, auf Bergesrücken, In enger Schlucht und weitem Thal, Nur das Geröll von Felsenstücken Und Wand und Klippen nackt und kahl. Um jeden Fußbreit Boden ringet Der zähen Tannen düstre Schicht, Durch ihre hohen Schirme dringet Nur spärlich ein gedämpftes Licht. Hoch oben in den dunkeln Zweigen Ein pfeifend Säuseln leise hallt, Um Stamm und Wurzel lautlos Schweigen, Kein Schritt erdröhnt, kein Ruf erschallt. Ganz einsam ist es; abgeschieden Von Weltenlauf und Menschenloos, Erscheint der stille Waldesfrieden Unnahbar fast und grenzenlos. Und doch – in seinem Dämmrungsweben Von Wildnißschauern, Urwaldpracht Verbergen sich zwei Menschenleben, Nicht ähnlicher, als Tag und Nacht.Das eine sollte bald zerfließen Spurlos wie ein vergessner Traum, Das andere sich noch erschließen Zu Lust und Leid in weitem Raum. Seit Jahren, die er nicht mehr zählte, Begrub sein Dasein hier ein Greis, Sein Herz ward still, das gramgequälte Und Bart und Haare wurden weiß. Er wartete bei strenger Buße Für eine längst erlassne Schuld Auf seinen Tod in frommer Muße Und gottesfürchtiger Geduld. Da, als er einst das Feuer schürte In seiner Höhle und in Ruh Gesammelt Reisig aufwarf, führte Der Rauch ihm den Gefährten zu. Ein Jägerbursch mit Speer und Bogen, Schlank wie die Tannen, müd vom Lauf, Kam zu ihm durch den Wald gezogen Und bat bescheiden: "Nimm mich auf!" Des Jünglings Auge sprach die Bitte Herzinniger noch als sein Mund, Er schien von edler Zucht und Sitte, Und Gruß und Willkomm schloß den Bund. Beim Klausner blieb der feine Knabe, Denn jenem war die Milde Pflicht, Er theilte freudig Herd und Habe Mit dem Gesell'n und frug ihn nicht. Die Hälfte seiner Höhle borgte Der Wirth in dieser Felsenhaft, Für Lebensnothdurft aber sorgte Des Gastes junge Heldenkraft. Stets waren sie wie zwei Verbannte Zum Trost einander froh bemüht,Und schon nach kurzer Zeit erkannte Der Greis des Flüchtigen Gemüth Als unverdorben, leicht empfänglich Für jedes weise, linde Wort, Oft in Gefühlen überschwänglich, Treu in des Glaubens Heil und Hort, In Eintracht hausend ahnten beide Ein brüderlich verwandt Geschick; Was Jeder trug an Herzeleide, Verschwieg er vor des Andern Blick,

Gemach versinkend schon im Walde Ein warmer Lenztag sich verlor, Im Schatten lagen Thal und Halde, Und harzig Duften stieg empor. Doch oben, wie zum Aufschwung ladend, Da fluthete noch Licht durchs Blau, Da wiegte, sich in Strahlen badend, Ein Falke seinen schlanken Bau. Wie der in Vogenlinien schwenkte, Hob scharf im Fluge die Gestalt Sich schwärzlich ab, doch wenn er lenkte Der Schwingen tragende Gewalt Zum Angesicht der Sonne wieder, Dann glänzte goldig, spiegelhell Im Abendrothe sein Gefieder, Als wär' er selbst des Lichtes Quell. Ihm droht kein Feind mit schärfern Klauen, Ihn wählt kein Schütze sich zum Ziel, Zwei träumerische Augen schauen Nur auf zu seinem Wolkenspiel. Wo über Thal und Tannenwipfel Vom Abhang frei die Blicke gehn Bis hin, wo die beschneiten GipfelDer Eisenerzer Alpen stehn, Da ruhte, halb gestützt im Liegen, Des Klausners blühender Genoß Und sah dem wonniglichen Fliegen Des Falken zu, der schwebend stoß, Ein Segler in dem Meer der Lüfte, Die Kreise immer größer zog Und über Wald und Berg und Klüfte Dem Blick entschwindend nordwärts flog. Der Jüngling regte leis die Lippe In traurig sehnsuchtsvollen Sinn, Dann saß er schweigsam auf der Klippe Und starrte brütend vor sich hin. Er hörte nicht den Schritt des Alten Im weichen Moose, der schon nah Jetzt bei ihm stand und auf das Schalten Des ganz in sich Versunknen sah. Dann milde rief nach kleinem Säumen Der Greis ihn an: "Heinrich!" – der fuhr Erschrocken auf aus seinen Träumen, Im Antlitz des Erröthens Spur. "Ich habe schon in manchen Stunden," Sprach jener mit besorgtem Ton, "Schwermüthig einsam Dich gefunden, Sag' an, was fehlt Dir, lieber Sohn?" "Nichts, Vater!" sprach mit leichtem Beben Der Jüngling und erhob sich jach, "Ich sah dort einen Falken schweben Und dachte nun darüber nach, Warum denn wir nicht fliegen lernen," "Wir? fliegen?" lächelte der Greis, "Wohin denn? ach! in jene Fernen, In des urewigen Lichtes Kreis, O daß uns dahin Schwingen trügen!Doch laß mich wissen, was Du sannst, Gott sei gedankt! Du kannst nicht lügen, So wenig, wie Du fliegen kannst. Ja, senke nur die Augenlider, Du dachtest Andres, liebes Kind! Ich weiß es wohl; komm, sitze nieder Und sprich, wer Deine Sorgen sind." Nun saßen auf dem Stein die Beiden, Des Jünglings Athem sank und stieg Als wie im Kampf mit stillen Leiden, Er schüttelte den Kopf und schwieg. "Wie viele Tage wohl verrannen," Drang jetzt der Alte auf ihn ein, "Wie oftmals über diesen Tannen Schon wechselte des Mondes Schein, Seit jenem Tage, wo Du kamest Wegmüde, hungrig und verirrt In meiner Höhle Herberg nahmest, Ein Vogel, der im Käfig schwirrt! Ich habe gern Dich aufgenommen, Du warest, wie von Gott gesandt Ein Himmelsbote, mir willkommen; Ich dachte: dieses Knaben Hand Soll Alten dich zur Ruhe bringen, Und bist vom Leibe du befreit, Wird sein Gebet zum Höchsten dringen Für deiner Seele Seligkeit. Ich lebe noch, und nächst der Gnade Des Allbarmherz'gen dank' ich's Dir, Du wehrtest von des Schwachen Pfade Des rauhen Winters Noth und Gier. Du schafftest mir die kräft'ge Speise, Der ich wie lange schon! entwöhnt, Und hast den Rest der LebensreiseVerlängert mir und auch verschönt. Mußt' ich doch wirklich Dir verbieten Dein Morden unterm Waldgethier, Daß wir von Reh und Eber brieten Nicht mehr, als nöthig Dir und mir. Du machtest mir das Lager weicher, Du hieltst das Feuer uns in Brand, Mein Schenk und Truchseß, demuthreicher, Als je bei Fürsten einer stand." "Und ließ mich willig von Dir pflegen," Fiel tief beschämt der Andre ein, "Und Kräuter auf die Wunde legen, Die mir der Hirsch stieß in das Bein, Und litt auch, daß Du bei mir wachtest Wohl manche Woche, Nacht wie Tag, Und Labung mir und Lindrung brachtest, Als hülflos ich im Fieber lag, – O höre auf! wie könnt' ich lohnen Dir Deine Liebe, Deine Huld! Du weißt es nicht, Dank Deinem Schonen, Wie tief ich noch in Deiner Schuld." "Dies just verlangt mich ja zu wissen," Der Alte in die Rede fällt, "Was Dich aus Deiner Bahn gerissen, Was Dich hierher trieb, hier Dich hält. Du sprachst in Deinen Fieberträumen Von Friedensbruch, wild und verrucht, Als hättest Du das Land zu räumen, Und wähntest Dich verfolgt, gesucht. Als Du genesen von der Wunde, Erforscht' ich doch nicht Dein Geschick Und wartete von Stund' zu Stunde Auf des Vertrauens Sonnenblick; Doch er kommt nicht; Du bleibst verschwiegen.Hüllst Dich in Dein Geheimniß ein, Und oft find' ich Dich einsam liegen In grübelnder Gedanken Pein." Er schwieg auch jetzt, der scheue Knabe, Doch unverdrossen bot der Greis Der süßen Ueberredung Gabe Noch weiter auf beim jungen Reis: "Wir haben an demselben Herde Erlebt, was Herz zum Herzen zieht, Und auf demselben Stückchen Erde Vereint vor einem Kreuz gekniet. Ich bin Dein Freund und Dein Berather, Dein Richter nicht auf strengem Thron, Du nanntest manches Mal mich Vater, Wardst Bruder mir und lieber Sohn, O Heinrich, sprich! nicht mehr verschließe Dein Leben mir, fang an von vorn, Daß es in meine Seele fließe Wie in den Strom des Waldes Born. Sieh, Frühling wird es allerwegen, Des Eises harte Rinde bricht, Es öffnen sich dem neuen Segen Doch alle Knospen, – willst Du's nicht?" Er hielt den Jüngling fest umschlungen, Sah ihm ins Auge tief und still, Und der, von Liebe so bezwungen, Sprach feuchten Blickes: "Ja, ich will!" Und dann mit schüttelnder Bewegung, Als löste Fessel er und Bann, Brach er des Zauderns letzte Regung Mit dem Entschlusse und begann.

"Mein Vater, der in allen Dingen Ein hochgemuther Ritter war.Hieß Adelram von Ofterdingen. Er zog mit Kaiser Friedrichs Schaar Ins heil'ge Land und – kam nicht wieder. Nah an der Donau, wo ins Land Man steigt vom Kürenberge nieder, Und wo der Innfluß mündet, stand Sein festes Haus; allein geboren Bin ich dort nicht; in dunkler Nacht Ward ich, ein Kindlein halb verloren, Dem Vater auf den Hof gebracht. Die Mutter lernt' ich niemals kennen; Sie war des Vaters Gattin nicht, Nicht ihren Namen kann ich nennen, Die Burg nicht, wo ich kam ans Licht. Die beides wußten, hielt gebunden Ein Schwur; ich weiß bis diesen Tag Nur, daß in meinen ersten Stunden Die Mutter ihrem Schmerz erlag. Der Knecht, der mich und meine Amme Beschützte auf der ersten Fahrt, Gestand, daß sie von edlem Stamme Und schön gewesen sei und zart. Der Treue hat mich nie verlassen, Er ist in meinem Dienst ergraut, Und sterbend hat er im Erblassen Ein seltsam Märlein mir vertraut, Das ihm zu sagen nicht verboten Und das ihm, klingt's auch wundersam, Doch aus dem eignen Mund der Todten Vor ihrem Scheiden überkam. Sie hatte, ehe sie genesen Des Kindes, nächtig einen Traum, Doch sei es mehr als Traum gewesen, Fast körperlich in Zeit und Raum.Da sei ihr eine Fee erschienen, Von Sternen ganz das Haupt umreiht, Mit stolzen, königlichen Mienen, Die Hab' ihr also prophezeit: "Wenn heut die Sonne aufgegangen, Wirst Du gebären einen Sohn, Den Du in Liebesschuld empfangen, Und Schuld und Liebe wird sein Lohn. Was einst er schafft, wird noch bestehen In später Nachwelt riesengroß, Des Schöpfers Name wird verwehen, Und dem Kometen gleicht sein Loos. In Hüll' und Fülle ist auf Erden Bestimmt ihm beides, Lust und Schmerz, Kampf wird und Ruhm sein eigen werden, Mir aber, mir gehört sein Herz!" Da habe sie der Ruf gewecket, Und ob von Angesicht und Leib Auch überirdisch schön, erschrecket Doch habe sie das hehre Weib. Und wie sie dachte noch zu lauschen Dem so verheißungsvollen Traum, Hab' es getönt wie Meeresrauschen Und sei zersprüht wie Wellenschaum, Darauf bin ich zur Welt gekommen Ums Morgenroth; der Mutter Geist Hat himmelwärts den Flug genommen, Mich trug hinweg man, halb verwaist. Der dunkle Spruch, wie ein Vermächtnis; Nahm ich ihn schweigend, staunend hin, Grub ihn mir tief in das Gedächtniß Und fasse doch nicht seinen Sinn."Schwer stützte sich das Haupt des Alten In seine Hand gedankenvoll, Die Stirn umzogen düstre Falten, "Sie war ein Weib!" – es klang wie Groll. Der Andre hatte nicht verstanden Das bitter ausgestoßne Wort, Des Klausners Wolken mählich schwanden, Und ruhig sprach er: "Fahre fort!"

"Ich wuchs in meines Vaters Hege, Der nie beweibt im Leben war, Nun auf und blieb in seiner Pflege, Bis daß er mich im achten Jahr Von meinem Knecht nach Brauch und Fuge Zu einem Ritter bringen ließ, Der, sein Genoß auf manchem Zuge, Herr Friederich von Hausen hieß. Zugleich mit mir, dem wenig Zahmen, Kam eines Freunds und Nachbars Sproß, Erwin von Kürenberg mit Namen, Auf jenes Ritters festes Schloß. Wir Beide dienten dort als Buben In Palas, Zwinger, Thurm und Stall Und tummelten auf Hof und Huben Uns unzertrennlich überall. Wenn man uns schalt und trieb und hetzte, Wir blieben obenauf, allein Wenn man uns zu den Büchern setzte, Wie Regen war's auf Sonnenschein. Wir danken viel der guten Lehre, Herr Friedrich war ein freud'ger Mann, Der niemals auf der Bahn der Ehre Sich einen Augenblick besann. Er stand mit seinem HeldenherzenBei Kaiser Rothbart hoch in Gunst, Er konnte wettern, konnte scherzen Und übte des Gesanges Kunst. Wir waren innig ihm ergeben, Und seine edle Hausfrau trug Ein Samenkorn in unser Leben, Das kaum gepflanzt, schon Wurzel schlug Es hatte ihrem Arm entwunden Der Tod zwei liebe Kinder schon, An deren Stelle wir gefunden Ein Glück, das uns ja auch geflohn, – Du räthst es – einer Mutter Liebe, Die sich um unsre Herzen schlang Und mit demselben Sehnsuchtstriebe Ihr wiederum entgegen sprang. Sie lenkte alle unsre Schritte, Ein Wort von ihr wies uns die Pflicht, Ein Augenwink uns Zucht und Sitte, – Wie sie das machte, weiß ich nicht. Was auch von ihren reichen Gaben Mir ward, eins lernt' ich noch dazu: Was das heißt, eine Mutter haben! Sprich, hattest eine Mutter Du?" Der Alte nickte bloß und winkte, Und beide merkten nicht darauf, Daß schon ein matter Stern dort blinkte; Heinrich spann fort den Lebenslauf.

"Zum Abendlande drang die Kunde, Es hätte in erneutem Streit Geschlagen eine schwere Wunde Held Saladin der Christenheit, Der die gebenedeite Stätte, Des heil'gen Grabes Schirm und Wacht,Jerusalem erobert hätte Mit seiner Türken Uebermacht. Gehüllt vom Abend bis zum Morgen War alles Volk in Trauerkleid, Und man vergaß die eignen Sorgen Ganz vor dem allgemeinen Leid. Der Ruf: Gott will's! Gott will's! erbrauste, Wie wenn mit Feuersgluth und Dampf Der Sturm durch alle Wälder sauste, Auf! nach Jerusalem zum Kampf! Der Kaiser und die Fürsten nahmen Zu Mainz das Kreuz, man stieg zu Roß, Herbei von allen Burgen kamen Die Ritter mit der Knechte Troß. Ein großer Ablaß ward verkündigt Für jeden Mann im heil'gen Krieg, Wie schwer er auch daheim gesündigt; Die Frauen beteten um Sieg, Bei Regensburg in Maientagen Versammelte ein stolzes Heer Sich um den Kaiser, und es lagen Weithin die Streiter, Speer an Speer, Herr Friedrich auch und unsre Väter, Erwins und meiner, ritten dar, Wir aber klagten, daß nicht später Der große Zug um manches Jahr. Wir mußten Hausens Veste räumen, Zu Knappen mit dem Schwert geweiht, Und hatten nun das Roß zu zäumen, Das unsern Ritter trug zum Streit. Zu Gottes Ehr' und ihrem Ruhme Wallfahrteten voll Glaubensmuth Die Drei, geschmückt mit Christi Blume, Und ließen Burg und Hof und Gut.Wir Knappen durften sie begleiten Zum Heereslager und Gezelt, Hoffährtig schier war unser Reiten, Als ging' es in die weite Welt, Doch ward es so mit uns gehalten: Wir sollten wieder heimwärts ziehn Zum Herrn von Kürenberg, dem Alten, Großvater meines Freunds Erwin, Im buntbelebten Lagerfrieden Empfing man uns nach Ritterpflicht, Und balde wurden wir beschieden Vor Kaiser Rothbarts Angesicht. Des Augenblicks all meine Tage Gedenk' ich wohl; das war ein Bild! Gewaltig wie ein Held der Sage, Furchtbar und gütig doch und mild. Mit sanften, freundlichen Geberden Strich er die Wange mir und sprach, Ich sollt' ein tapfrer Ritter werden, Ich sprach, ich trachtete danach. Und jedem von uns beiden schenkte Er eine Münze dann von Gold, Wir waren, als zur Stadt er lenkte, Ihm seelensunterthan und hold.

Als andern Tages wir die Rechten Der Herrn zum letzten Mal gedrückt, Entrannen wir mit unsern Knechten, Bekümmert halb und halb beglückt. Da stieß, eh' wir noch weit geritten, Uns schon ein Abenteuer auf, Es wurde wild und laut gestritten In dicht gedrängtem Menschenhauf. Von Reisigen mit manchen HiebenWard von der Pilger Lagerung Das Volk der Fahrenden vertrieben, Zahllos Gesindel, alt und jung, Und Einen hatten sie gefangen, Der allzu keck sich widersetzt, Man tobt' und schrie: er wird gehangen! Gebunden war er und zerfetzt. Spervogel war's, bei Licht betrachtet, – Sie nennen ihn den Fiedelvogt – Im ganzen Spielmannsvolk geachtet, Soweit es auch das Reich durchwogt, Gleich einem Häuptling lockrer Singer, Ein Vielgewandt und Weggewohnt, Ein stets willkommner Freudenbringer, Dem ich schon manches Lied gelohnt. Nun wollten sie die treue Seele Auspressen ihrem wicht'gen Fang Und ihm die lust'ge Spielmannskehle Zuschnüren mit der Weide Strang. Und war' ein Dorf drum einzuäschern, Das wollte mir nicht in den Sinn, Ich macht' ihn los von seinen Häschern Und gab mein Goldstück für ihn hin. Schnell dann zur Deutung seines Werthes Durchschnitt ich seiner Fesseln Nath, Und das war meines Knappenschwertes Frohmüthig erste Heldenthat, Nun gab es Heil- und Segensgrüße, Und Dank und Jubel sich ergoß, Sie küßten Hände mir und Füße Und küßten auch mein braunes Roß. "Junkherr, bei meinem Fiedelbogen! Das soll Euch nicht vergessen sein!" Rief jener, und die mit ihm zogen,Die stimmten Alle jauchzend ein. Die ganze Bande glomm und lohte Und siedelte und sang und blies Uns eine tolle Reisenote, Eh' sie von unsrer Fährte ließ. Doch uns und unsern treuen Mannen Ward endlich doch des Lärms zuviel, Und lachend trabten wir von dannen, Burg Kürenberg war unser Ziel.

Der offne Helm rief ein Willkommen Dem Gaste an der Pforte schon, Ich aber wurde aufgenommen Im Palas wie ein zweiter Sohn, Der Herr der Burg, in seiner Würde Voll Unmuth doch und Freundlichkeit, Trug seines hohen Alters Bürde Stets lebensfroh, stets todbereit. Wollt' auch sein müder Arm nicht taugen Zum Speerverstechen kühn und dreist, Sprach doch aus seinen blauen Augen Ein heitrer, ungebrochner Geist, Noch könnt' er wie in jungen Tagen Als seiner Muße schönster Lohn Die vielgeliebte Harfe schlagen Zu manchem selbstgefundnen Ton. Was wir auch lernten, uns zu wehren Mit Schwert und Schild und Lanzenstich, Nie wurde müde er, zu lehren Uns Harfenschlag und Bogenstrich. Wir sollten Meister darin werden So wie er selbst, und fast so gern Wir beide saßen auf den Pferden, Saß ich auch bei dem edlen Herrn,Der mich mit Eifer und Vergnügen Nach seiner Vorschrift singen ließ Und Liedersatz und Strophenfügen Nach Regel mir und Beispiel wies. Was anfangs dunkel mir und schwierig, Ja, was mir unerreichbar schien, Begriff ich dennoch lernbegierig Und bracht' es weiter als Erwin, Schnell heimisch bin ich so geworden Dort auf der Burg; ihr stolzer Bau Gab rings bis nach der Donau Borden Und weit ins Land hin offne Schau. Bald sahn wir von des Bergfrieds Zinnen Der Pilger Heerfahrt dicht gedrängt Den Donaustrom herunter rinnen, Und Schifflein war an Schiff gehängt. Das Wasser war ganz überdecket Von Schiffen und von Mann und Roß, Der Zug so lang und breit gestrecket, Als wär' es Erde, was da stoß. Wir hatten auf der Burg zu schaffen Mit allem, was den Knappen schiert, Wir übten uns in allen Waffen, Und was den Ritter macht und ziert, Davon bracht' uns mit ernsten Worten Herr Konrad selber mancherlei, Mit gutem Vorbild aller Orten Sein Vogt und Waffenmeister bei. Der war sein Marschall und Vasalle, Reich an Erfahrung und vertraut Mit Dienst und Brauch in jedem Falle, Worauf sich Ritterehre baut. Wir mußten schießen, fechten, streiten Mit Schwert und Speer im Stahlgewand,Wir mußten stapfen, springen, reiten Und Kriegskunst lernen allerhand, Turnierrecht auch und Wappenkunde, Was zu Buhurd, Tjost und Puneiß Und zu des Schildamts großem Bunde Gehört als aller Mannheit Preis. Dann aber durften wir auch jagen, Mit Vögeln baizen auf der Flur Und lernten Falken abzutragen Und Hundepflege und Dressur. Den Marschalk Hawart aber löste Stets ab der Burgpfaff Sumidus, Der uns in unsre Hirne flößte Gelehrten, Wissens Ueberfluß. Wir lernten von ihm fremde Sprachen, Französisch, Griechisch und Latein, Und wenn wir uns den Kopf zerbrachen Beim Psalmenlesen, schaute drein Des Pfaffen Angesicht so trocken, Daß wir ihn baß verwünschten drum Mit seinen aufgespreizten Brocken, Wir haßten schier den Sumidum. Er quälte uns mit wirren Zahlen Und ließ uns auch auf Pergament Zierschrift und bunte Lettern malen Mit Farbenschein und Goldpigment. Doch wenn wir uns zusammenschaarten Beim Abendtrunk um Span und Scheit, Vertrieb uns gern mit seinen Fahrten Der Ritter Kürenberg die Zeit. Vom Kaiser trug er uns Geschichten Und von berühmten Männern vor, Von Tankred wüßt' er zu berichten, Heinrich dem Löwen, Papst Gregor,

Am meisten fanden wir Gefallen An König Richard Löwenherz, Er war der Liebling von uns Allen Und däuchte uns ein Held von Erz. Oft lasen wir auch mit einander In Schriften wie das Rolandslied, Von Herzog Ernst, von Alexander, Und wie der König Rother schied. Und einmal hörten wir auch lesen Heinrichs von Melk berühmt Gedicht, Das von Erinnerung und Wesen Des Todes grau'nerregend spricht. Doch wußte auch viel schöne Sagen Von Thaten unter Helm und Schild Herr Konrad aus der Vorzeit Tagen, Vom hürnen Siegfried und Brünhild, Von Drachenkämpfen in den Bergen, Von König Etzels wilder Hatz, Von Riesen und von klugen Zwergen Und einem ungeheuren Schatz. Und kam er auf die Abenteuer, Gerieth er selbst in helle Gluth, Aus seinen Augen sprühte Feuer, Uns stockte Athem fast und Blut. In tiefes Sinnen dann verloren: "Ach! könntet Ihr," sein Wort erklang "Doch heben, was noch ungeboren! Ich bin zu alt für solchen Sang." Und immer in derselben Weise Fing bei ihm die Geschichte an, Halb sprach er und halb sang er leise, Wie eine Strophe es begann: Uns ist in alten Mären Wunders viel gesagt,Von Helden lobebären Und Kühnheit unverzagt. Ich lauschte dann mit Lust und Grausen, Wenn er entrollte Bild auf Bild, Durch meine Seele fühlt' ich's brausen, Durch meine Träume zog es wild. Und von dem Sagen und dem Singen Stieg mir ein heimlich Wünschen auf: O könntest du in Lieder bringen Der wunderbaren Thaten Lauf! Oft aber griff er selbst zur Laute, Dann war's, als ob bei ihrem Klang Des Ritters klares Auge thaute, Wenn er mit tiefer Stimme sang. Doch balde ward er fröhlich wieder Und mit ihm unser Aller Reihn,