Tagebuch I - Henry David Thoreau - ebook

Tagebuch I ebook

Henry David Thoreau

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Opis

Henry D. Thoreaus Hauptwerk ist nicht "Walden" oder "Über den zivilen Ungehorsam", sondern sein Tagebuch, das er als 20-jähriger begann und bis wenige Tage vor seinem Tod 1861 führte. Darin notierte er Beobachtungen, die zu den bedeutendsten Naturschilderungen der Weltliteratur zählen, aber auch Gedanken und Refl exionen, die ihn als ganz eigenständigen philosophischen Kopf erkennen lassen. Durch die Lektüre wird deutlich, dass Natur und Politik wie Zurückgezogenheit und der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung eine Einheit bilden. Stille, Unabhängigkeit, Antimaterialismus, Armut, Antiprüderie, Askese, Selbstdisziplin und mystische Suche sind neben überwältigend präzisen und gleichzeitig poetischen Beschreibungen des Lebens, der Natur, der großen und kleinen Lebewesen die bestimmenden Themen dieses Werks. Während dieses große Tagebuchwerk in Amerika Generationen von Künstlern und Schriftstellern beeinflusste und heute eine überwältigende Renaissance erlebt, ist es in Deutschland nahezu unbekannt. Unsere Ausgabe lädt ein, dieses Meisterwerk zu entdecken und Thoreau unzensiert zu erleben.

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Aus dem amerikanischen Englisch

von Rainer G. Schmidt

Matthes & Seitz Berlin

Inhaltsverzeichnis

1837
1838
1839
1840
1840/41
1841
1842
Editorische Notiz

1837

22.Oktober »Was tun Sie gerade?«, fragte er. »Führen Sie Tage­buch?« Also mache ich heute meinen ersten Eintrag.

Zum Alleinsein erachte ich es als nötig, der Gegenwart zu entrinnen – ich meide mich selbst. Wie könnte ich im Spiegel­kabinett des römischen Kaisers¹ allein sein? Ich suche eine Dachkammer auf. Die Spinnen dürfen nicht gestört, der Boden nicht gefegt und das Gerümpel nicht in Ordnung gebracht werden.

Die Deutschen sagen: »Es ist alles wahr, wodurch du besser wirst.«²

24.Oktober Die Natur lehrt uns in jedem Teil, dass das Dahingehen eines Lebens Platz für ein anderes schafft. Die Eiche sinkt sterbend zu Boden und hinterlässt mit ihrer Borke einen reichen jungfräulichen Humus, der einem werdenden Wald kraftvolles Leben verleihen wird. Die Kiefer hingegen lässt sandigen und unfruchtbaren Boden zurück, die härteren Gehölze ein kräftiges und ergiebiges Erdreich.

So schafft dieser ständige Abrieb und Verfall den Boden für mein künftiges Wachstum. Wie ich jetzt lebe, werde ich ernten. Wenn ich Kiefern und Birken anpflanze, wird mein Humus die Eiche nicht nähren; doch werden dann Kiefern und Birken oder vielleicht Unkraut und Brombeergestrüpp meine zweite Ernte bilden.

27.Oktober Nach Nobscot und Annursnacki hin ist das Blickfeld begrenzt. Die Bäume stehen mit tief gesenkten Ästen da, wie vom Sturm gepeitschte Pilger, und die gesamte Landschaft wirkt bedrückt.

Wenn also dichte Schwaden die Seele umwölken, müht sie sich vergebens, ihrem bescheidenen Alltagstal zu entkommen und die Nebelwand zu durchdringen, die den Blick auf die blauen Gipfel am Horizont versperrt, sondern muss sich damit begnügen, ihre nahen und heimischen Hügel zu betrachten.

29.Oktober Zwei Enten, Sommer- oder Brautenten, planschten vergnügt in ihrem Lieblingsteich, traten aber bei meinem Nahen den Rückzug an und schienen sich auf Französisch empfehlen zu wollen, wobei sie in schwanenhafter Majestät davonpaddelten. Sie sind erstklassige Schwimmer und schlagen mich um Längen und – was für mich ein neuer Zug in der entischen Wesensart war – sie tauchten alle paar Augenblicke und schwammen mehrere Fuß weit unter Wasser, um unserer Aufmerksamkeit zu entgehen. Kurz vor dem Untertauchen schienen sie einander bedeutsam zuzunicken, und dann, wie durch ein gemeinsames Einverständnis, hieß es beim Schütteln eines Entenflügels Köpfchen ins Wasser und Schwänzchen in die Höh’. Wenn sie wieder auftauchten, war es amüsant zu beobachten, wie sie mit selbstzufriedener Miene, die: »Zum Kuckuck mit diesem Spanner« bedeuten mochte, sich paddelnd entfernten, um ihr Experiment zu wiederholen.

Vor etwa vier oder sechs Wochen ereignete sich etwas Merkwürdiges, das, wie ich meine, inzwischen einen Eintrag wert ist. Wir, John und ich, waren auf der Suche nach indianischen Überresten gewesen und immerhin so erfolgreich, zwei Pfeilspitzen und einen Stößel zu finden, als wir, den Kopf voll von der Vergangenheit und ihren Relikten, an einem Sonntagabend zur Mündung des Swamp Bridge Brook schlenderten. Während wir uns dem Hügelrand näherten, der die Flussböschung bildet, brach ich, von meinem Thema angespornt, in eine ausschweifende Lobesrede auf jene urtümlichen Zeiten aus, wobei ich zur Untermalung höchst ungestüm herumfuchtelte. »Dort auf dem Nawshawtuct«, sagte ich »stand ihr Wigwam, der Versammlungsort ihres Stammes, und dort drüben, auf dem Clamshell Hill, lag ihr Festplatz. Dort hielten sie sich zweifelsohne am liebsten auf. Hier, an diesem Abhang, war ein geeigneter Ausguckposten. Wie oft standen sie an ebendieser Stelle, zu ebendieser Stunde, wenn die Sonne hinter jenen Wäldern versank und mit ihren letzten Strahlen die Wasser des Musketaquid vergoldete, und sie sannen über die Erfolge des heutigen Tages und die Aussichten für morgen oder berieten sich mit dem Geist ihrer Väter, die vor ihnen ins Land der Schatten gegangen waren!

Hier«, rief ich aus, »stand Tahatawan, und dort« (um den Satz zu vollenden) »ist Tahatawans Pfeilspitze.«

Wir setzten uns unverzüglich an die Stelle, auf die ich gezeigt hatte, und, um den Scherz abzuschließen, legte ich einen gewöhnlichen Stein bloß, den ich aufs Geratewohl ausgewählt hatte, und holla! der erste, den meine Finger berührten, ein dreckiges Ding, erwies sich als die vollkommenste Pfeilspitze, die so scharf war, als käme sie just aus den Händen eines indianischen Werkzeugmachers!!!

30.Oktober Anfangs haben wir das graue Zwielicht der Dichter, und dunkle Wolkenriegel driften zum Zenit. Dann erglüht die sich einschiebende Wolke im Osten, als trüge sie ein kostbares Juwel in ihrem Schoß; ein tiefer, runder Schlund von goldenem Grau kerbt ihren oberen Rand ein, während dünne Linien von flockigem Dampf, von der gemeinsamen Mitte her erstrahlend, wie leichtbewaffnete Truppen geordnet Stellung beziehen.

3.November Wenn jemand nachdenken will, möge er sich auf einem ruhigen Fluss in einem Boot von der Strömung treiben lassen. Er kann der Muse dann nicht widerstehen. Wenn wir hingegen stromauf rudern und uns dabei mächtig ins Zeug legen, schießen uns abgehackte und stürmische Gedanken durchs Hirn. Wir sinnen über Streit, Macht und Größe. Ist der Bug aber stromabwärts gewandt, nehmen Fels, Baum, Vieh und Kuppe, während Wind und Wasser den Schauplatz verlegen, neue und abwechselnde Positionen ein und fördern das Dahingleiten des Gedankenflusses, der weit reicht und erhaben ist, immer aber ruhig und sanft gewellt.

9.November Das Bächlein ist’s, dessen »silberner Sand und Kiesel ewige Lieder mit dem Frühling singen«.³ Die frühen Fröste schlagen Brücken über sein schmales Bett, und sein Gequengel verstummt. Einzig das flackernde Sonnenlicht auf seinem Sandgrund lockt den Betrachter. Dort aber gibt es Seelen, deren Tiefen nie ausgelotet werden – auf deren Grund die Sonne nie scheint. Wir erlangen von den abschüssigen Ufern einen fernen Blick, nie aber einen Trunk aus ihren inneren Rinnen. Nur ein abgesunkener Felsblock oder eine gestürzte Eiche können ein Murmeln hervorrufen, und ihre Oberfläche hat dann nichts mit den Eisfesseln zu tun, die tausend Nebenbäche in Bande legen.

16.NovemberPONKAWTASSETT – Dort fließt der Fluss oder eher »schleppt sich wie die Schlange irrend dahin«⁴; und er ist die Halsschlagader des Musketaquid. Wer weiß, wie viel die sprichwörtliche Sanftheit seiner Anrainer seinem trägen Fließen entnommen hat?

Der Schnee gibt der Landschaft einen Anstrich von Waschtag – abwechselnd Streifen von Weiß und Dunkel; der Schnee ist wie ein Handtuch über die Hügel und Wiesen gebreitet. Das muss einer der seltenen Trockentage sein, nach dem Dampf zu urteilen, der über dem gewaltigen Wäschehof schwebt.

Einhundert Gewehre werden abgefeuert, und eine Fahne flattert im Dorf, um den Sieg der Whigs zu feiern. Jetzt ein kurzer, dumpfer Knall – bloß ein kleine Scheibe Schall, von ihrem Strahl geschnitten –, dann steigt ein Rauchwölkchen in den Himmel, um sich dort seinen Dunstverwandten anzuschließen.

17.November Jetzt lugt der König des Tags naseweis um die Ecke der Welt, und jedes Hüttenfenster lächelt ein goldenes Lächeln – ein reines Bild der Freude. Ich sehe das Wasser im Auge glitzern. Der gedämpfte Atem des erwachenden Tags dringt in Wellen ans Ohr, kommt über Hügel und Tal, Weide und Waldland zu mir, und ich bin heimisch in der Welt.

Wenn es nichts Neues auf der Welt gibt, dann doch immerhin im Himmel. Er ist unerschöpflich und schlägt dauernd eine neue Seite auf. Der Wind setzt die Lettern auf diesen blauen Grund, und der Suchende kann stets eine neue Wahrheit lesen.

18.November Die Natur macht keinen Lärm. Der heulende Sturm, das raschelnde Blatt, der prasselnde Regen stören nicht; ihnen wohnt eine wesentliche und unerforschte Harmonie inne. Warum strömt denn das Denken so tief und so funkelnd dahin, wenn der Klang ferner Musik auf unser Ohr trifft? Ich würde mich nicht über Klaviergeklimper beklagen – selbst nicht beim Battle of Prague⁵ –, wenn es nur harmonisch ist; doch abgehacktes, dissonantes Gehämmer ist unerträglich.

Wenn ein Schatten über die Landschaft der Seele huscht, wo ist da die Substanz? Entspringt sie immer der Sünde? Und ist diese Sünde in mir?

21.November Um zu erfahren, in welcher Welt der Mensch wohnt, muss man unbedingt einen Hügel erklimmen. Mitten im Indian Summer setze ich mich auf den höchsten Felsen des Nawshawtuct, während ein samtiger Wind aus Südwesten weht. Ich meine zu spüren, wie die Atome auf meine Wange treffen. Hügel, Berge, Kirchtürme heben sich ganz plastisch vor dem Horizont ab, während ich mich auf dem gerundeten Buckel eines gewaltigen Schilds ausruhe und der Fluss wie eine Silberader dessen Saum umschließt; und von diesem steigt der Schild allmählich bis zu seinem Rand, dem Horizont. Keine Wolken zu sehen, wohl aber Dörfer, Landhäuser, Wälder, Berge, eines über dem anderen, bis der Himmel sie schluckt. Die Luft ist so beschaffen, dass das Land, wenn ich es weit und breit überblicke, meinem Auge entschwindet und ich nach den Fäden des Samts zu suchen scheine.

So bewundere ich die Großartigkeit meines smaragdfarbenen Gefährts mit seinem blauen Saum, in dem ich durch den Raum rolle.

26.November Ich schaue mich um nach Gedanken, obwohl ich doch selbst übervoll bin. Während ich weiterlebe, ist der Gedanke noch im Keimzustand – er rührt sich nicht in mir. Bald gewinnt er Gestalt und Schönheit, und ich äußere ihn und kleide ihn in sein sprachliches Gewand. Doch ach! Wie oft, wenn Gedanken mich ersticken, behelfe ich mir damit, mir fest auf den Rücken zu klopfen oder eine Brotrinde zu verschlingen oder alles zu tun, außer sie auszuspucken!

28.November Jeder Baum, Zaun und Grashalm, alles, was sich über die Schneedecke recken konnte, war an diesem Morgen mit dichtem Raureif bedeckt. Die Bäume wirkten wie Luftwesen der Dunkelheit, die im Schlummer ertappt wurden. Hier waren sie, mit ihrem wallenden grauen Haar, in einem abgeschiedenen Tal zusammengedrängt, in das die Sonne noch nicht gedrungen war; und dort eilten sie im Gänsemarsch an Heckenzeilen und Wasserläufen vorbei, während die Büsche und Gräser wie Elfen und Feen der Nacht ihre geduckten Köpfe im Schnee zu verbergen suchten.

Die Zweige und größeren Gräser waren mit einem wunder­baren Laubwerk aus Eis bedeckt, das Blatt für Blatt ihrem Sommerkleid entsprach. Die auseinanderstrebende Mitte und selbst die kleineren Äderchen traten völlig deutlich hervor, und die Ränder waren regelmäßig gezackt.

Diese Eisblätter befanden sich auf der Seite von Zweig oder Halm, die der Sonne abgewandt war (wenn sie nicht im Osten stand), und trafen meist rechtwinklig auf ihre Basis; andere Blätter ragten von dieser in allen möglichen Winkeln hervor und saßen auch aufeinander.

Mir wurde plötzlich klar, dass diese geisterhaften Blätter und das grüne Laub, dessen Formen sie annehmen, alle demselben Gesetz entsprangen. Es konnte nicht zwei verschiedenen Gesetzen entsprechen, dass einerseits die Pflanzensäfte allmählich in das vollkommene Blatt anstiegen und andererseits die Kristallteilchen sich in der gleichen bewundernswerten Ordnung zu dem ihnen gemäßen Muster sammelten.

Von dem oberhalb gelegenen Ufer gesehen, wirkte der Fluss gelblich grün, doch beim Nahen schwand dieser Eindruck; und immer noch lag die Landschaft unter einer Schneedecke.

5.Dezember Mein Freund erzählt mir, er habe einen neuen Klang in der Natur entdeckt, den er Eisharfe nennt. Als er zufällig eine Handvoll Kiesel auf den Teich warf, unter dessen Eisdecke wohl eine Luftkammer war, spielte dieser ihm eine angenehme Musik.

Darin steckt eine zehnte Muse, und da er sie entdeckte, ist diese Extramelodie wahrscheinlich in ihm selbst.

10.Dezember Nicht nur der Zimmermann trägt sein Lineal⁶ in der Tasche. Der Weltraum ist uns ganz unterworfen. Der einfachste Bauer entdeckt an einem Haar seines Kopfs oder im weißen Halbmond auf seinem Fingernagel die Maßeinheit für den Abstand der Fixsterne. Sein Mittelfinger misst die astronomische Zollzahl; er streckt ein paar Mal Daumen und Finger aus, und der Kontinent ist abgemessen; er reckt seine Arme, und das Meer ist ausgelotet.

12.Dezember In manchen Zeiten muss sich der Gedanke durchs Unterholz der Worte zu dem klaren blauen Himmel durchkämpfen;

»Durch Sumpf, Gestein, durch raue, dichte oder selt’ne Enge / Mit Kopf, Hand, Flügeln oder Füßen muss seinen Weg er finden / Und schwimmen oder sinken, waten, kriechen oder fliegen …«⁷

doch wenn er sein beschwerliches Alltagskleid anlegt, wird jeder funkelnde Tautropfen als »Sumpf der Verzweiflung«⁸ erscheinen.

Wenn wir bei einem Menschen oder einem Staat von einer Eigenart sprechen, meinen wir, nur einen Teil zu beschreiben, einen bloß mathematischen Punkt; doch dem ist nicht so. Diese Eigenart durchdringt alles. Einige Teile mögen von dieser Mitte weiter entfernt sein als andere, aber kein Partikel ist so entlegen, dass es nicht von jener beschienen oder überschattet wäre.

Keine Fähigkeit des Menschen wurde mit unnützer oder böser Absicht geschaffen; in keiner Hinsicht kann er grundschlecht sein, doch wurzeln die schlimmsten Leidenschaften in den besten – so kann Zorn zum Beispiel bloß ein verdrehtes Unrechtsgefühl sein, was denn doch einige Spuren seines Ursprungs hat. So erweist sich ein Dorn nur als ein verkümmerter Zweig, »der dennoch, selbst als Dorn, Blätter trägt, und, bei Euphorbia heptagona (Siebenkantige Wolfsmilch), manchmal Blüten und Früchte«.⁹

15.Dezember Als weitere Bestätigung der Tatsache, dass der Pflanzenwuchs eine Art Kristallbildung ist, beobachte ich, dass am Rand des schmelzenden Reifs auf den Fenstern Väterchen Frost seltsame Launen spielen lässt – jetzt bündelt er seine nadelspitzen Blätter so, dass sie wogenden Getreidefeldern oder Weizenhocken gleichen, die hier und da aus dem Stoppelfeld aufragen. Einerseits bekommt man die Vegetation der Dürrezone geboten – turmhohe Palmen und weit ausgebreitete Banyans, wie wir sie auf Bildern einer orientalischen Szenerie sehen; andererseits arktische Kiefern, steifgefroren, mit niedergedrückten Zweigen, die den Armen schwächlicher Menschen im Frostwetter gleichen. Manchmal sind die Fensterscheiben mit kleinen gefiederten Flocken bedeckt, deren Partikel von einer gemeinsamen Mitte abstrahlen; die Zahl der Strahlen variiert von drei bis sieben oder acht. Die Kristallpartikel haben eine besondere Vorliebe für Sprünge und Fehler im Glas und bilden, wenn sich diese zwischen den Fensterrahmen ausweiten, vollständige Heckenzeilen oder Wasserläufe en miniature, wo dichte Massen von Kristalllaub »hoch überwölbten eine Laube«.¹⁰

16.Dezember Der Wald war heute Morgen mit dünnen Dunststreifen bedeckt – der Verdunstung der Blätter laut Sprengel¹¹ –, die durch die Kälte anscheinend jäh erstarrt waren. An manchen Stellen war dieser Dunst wie Gaze über die Baumwipfel gebreitet und bildete ausgedehnte Rasenflächen, auf denen Elfen und Feen hohes Turnier abhielten;

»bevor jede Vorhut

Die luftigen Ritter anspornt und ihre Lanzen einlegt,

Bis dichteste Legionen die Reihen schließen«.¹²

Der Osten erglänzte in einer schmalen, aber undeutlichen Lichtsichel, wobei sich das Blau des Zenits in allen möglichen Graden mit der Lachsfarbe des Horizonts mischte. Und jetzt telegrafieren die benachbarten Berggipfel uns armen Kriechern der Ebene das goldene Zeichen des Monarchen im Osten, und bald fallen »seine langen waagrechten Linien«¹³ nach und nach ein, und die Fenster der bescheidensten Hütte begrüßen ihren Herrn.

Wie unerlässlich für ein genaues Studium der Natur ist doch die Wahrnehmung ihrer wirklichen Bedeutung. Diese Tatsache wird eines Tages zu einer Wahrheit erblühen. Die Jahreszeit wird das zur Reife bringen und fruchten lassen, was das Verstehen gepflegt hat. Bloße Faktenhuber – Sammler von Materialien für die Handwerksmeister – gleichen jenen in dunklen Wäldern wachsenden Pflanzen, die »nur Laub statt Blüten treiben«.¹⁴

18.Dezember Die Nationen bestehen sowohl auf einer Unsterblichkeit danach als auch auf einer davor. Die Athener trugen einen goldenen Grashüpfer als Zeichen dafür, dass sie von der Erde aufsprängen. Die Arkadier behaupteten, sie seien πρνσέληνοι oder »vor dem Mond«.

Die Platos scheinen diese rückwärtsgewandte Neigung des menschlichen Geistes nicht berücksichtigt zu haben.

19.Dezember Die Hölle kann den Umfang eines Funkens haben.

Ich beobachtete heute Morgen, dass das Eis an der Swamp Bridge ein schachbrettartiges Mosaik aus weißen Spalten oder Rinnen aufwies; und als ich die Unterseite untersuchte, entdeckte ich, dass sie mit einer Vielzahl drei bis fünf Zoll dicker Kristallgebilde bedeckt war, die rechtwinklig von dem eigentlichen, nur ein Achtel Zoll starken Eis abstanden oder eher von ihm abhingen. Darunter war ein noch älteres Eis von sechs oder acht Zoll Dicke. Die Kristalle waren zumeist Dreiecksprismen, deren unteres Ende bloßlag, obwohl sie manchmal ineinander übergingen und so vier- oder fünfseitige Prismen bildeten. Als das Eis auf seine glatte Seite gelegt wurde, glichen die Kristalle den Dächern und Kirchtürmen einer gotischen Stadt oder Schiffen mit geblähten Segeln in einem überfüllten Hafen.

Ich bemerkte auch, dass dort, wo das Eis auf der Straße geschmolzen war und bloß Schlamm zurückgelassen hatte, dieser zahlreiche geradlinige, wie Kristallisationen wirkende Spalte von einem Zoll Länge oder mehr erkennen ließ – gleichsam eine Fortführung des schachbrettartigen Eises.

22.Dezember Etwa vor einem Jahr hatte ich eine Schale, die in Wasser geriebenen Rhabarber enthalten hatte, beiseitegestellt, ohne sie auszuwischen, und ein paar Tage danach bemerkte ich mit Erstaunen, dass der Rhabarber kristallisiert war und den Boden der Schale mit vollkommenen Würfeln bedeckte; sie hatten die Farbe und Konsistenz von Leim und einen Durchmesser von einem Zehntel Zoll.

23.Dezember Überquerte heute den Fluss auf dem Eis. Obwohl das Wetter rau und winterlich ist und der Boden mit Schnee bedeckt, bemerkte ich ein einzelnes »Rotkehlchen«, das den Eindruck machte, als müsse es für seine Dienste an den im Wald ausgesetzten Kindern¹⁵ flugs belohnt werden.

In Richtung des Steilhangs bei den schräg stehenden Schierlingstannen gab es einige seltsame Kristallbildungen. Überall, wo das Wasser oder etwas anderes ein Loch im Ufer geformt hatte, starrte dessen Schlund oder äußerster Rand von einer glitzernden Eisrüstung, wie der Eingang einer Zitadelle alter Zeit. An einer Stelle waren winzige Straußenfedern zu sehen, den wogenden Federbüschen von Kriegern ähnlich, die hintereinander in die Festung marschieren; an einer anderen sah man die schimmernden, fächerförmigen Banner der zwerghaften Schar; und wiederum anderswo wirkten die nadelspitzen Partikel, in ihrer Bündelung den Büscheln der Kiefer gleichend, wie eine Phalanx von Speeren. Der gesamte Hügel glich einem gewaltigen Quarzfelsen, dessen winzige Kristalle aus unzähligen Ritzen funkelten. Ich versuchte mir vorzustellen, dass diese Kristallisationen dazu tendierten, die Formen des benachbarten Blattwerks anzunehmen.

27.Dezember Umwälzungen geschehen nie abrupt. Weder ein Mann noch viele Männer genügen, um in ein paar Jahren oder Generationen Ereignisse zu steuern und die Menschheit für die revolutionäre Bewegung bereit zu machen. Der Held ist nur der krönende Stein der Pyramide – der Schlussstein des Bogens. Wer waren Romulus oder Remus, wer Hengist oder Horsa, dass wir ihnen Rom oder England zuschreiben sollten? Sie sind deshalb berühmt oder berüchtigt, weil der Gang der Ereignisse sie zu seinen Trittsteinen gemacht hat. Aber wer wüsste schon, wo die Lawine begann, wo das Loch im Fels ist, dem der Amazonas entspringt. Eine stille und unaufdringliche Tatsache in der Geschichte kann die bedeutendste sein. 449 landeten drei angelsächsische Langschiffe an der britischen Küste: »Three scipen gode comen mid than flode, three hundred cnihten« (Drei gute Schiffe kamen mit der Flut, dreihundert Ritter).¹⁶ Der Pirat an der britischen Küste war genauso Staatsgründer wie Plage des germanischen Gestades.

Nachdem man sich mühsam durch die dunkleren Seiten der Geschichte gearbeitet hat – der erbarmungslosen und schwankenden Kruste, wo menschliche Ruhe und Unruhe sich abspielen –, wie aufmunternd ist es da, sich auf dem festen Boden niederzulassen, den die Sonne bescheint, oder sich im flackernden Schatten auszuruhen. Die Tatsache, dass Edwin von Northumbria »Pfähle dort einrammen ließ, wo er eine klare Quelle gesehen hatte«, und dass »Bronzeschalen daran befestigt wurden, damit die müden Reisenden, deren Erschöpfung Edwin selbst erlebt hatte, sich erfrischen konnten«,¹⁷ wiegt alle zwölf Schlachten von Artus auf. Die Sonne scheint wieder längs der Straße, die Landschaft zeigt uns sonnige Lichtungen und ab und zu bebautes Land ebenso wie dunkle Urwälder, und all das ist merryEngland.

31.Dezember Wie der letzte Tropfen Wein den gesamten Kelch färbt, so tönt das geringste Quäntchen Wahrheit unser gesamtes Leben. Es ist nie vereinzelt oder einfach nur unserem Schatz hinzugefügt. Wenn irgendein wirklicher Fortschritt gemacht wird, verlernen und erlernen wir aufs Neue das, von dem wir dachten, wir wüssten es längst. Jahr um Jahr lesen wir die disjecta membra der Wahrheit auf und legen sie nebeneinander, wie jener, der nacheinander eine Reihe von hundert Steinen aufhob, wobei er mit jedem einzeln zu seinem Korb zurückkehrte.

1838

6.Januar Wie ein Kind das Kommen des Sommers erwartet, so können wir mit stiller Freude den Zyklus der Jahreszeiten betrachten, die unfehlbar ewig wiederkehren. Wie der Frühling während so vieler Götterjahre wiedererschien, so können wir hinausgehen und aufs Neue unser Eden bewundern und verehren und werden dessen nie müde.

16.Januar Der Mensch ist wie ein Kork, den kein Sturm versenken kann, und er wird zuletzt sicher in seinen Hafen treiben. Die Welt ist nicht minder schön, auch wenn sie nur durch eine Ritze oder ein Astloch gesehen wird.

21.Januar Der Mensch ist der Urheber seines eigenen Glücks. Möge er sich hüten, über die Natur der Umstände zu klagen, denn er rügt dann seine eigene Natur. Wenn diese mal mürrisch ist oder mal rau oder ein anderes Mal jäh, soll er überlegen, ob das nicht mit ihm zu tun hat. Wenn sein Blick alle Herzen erstarren lässt, soll er sich nicht über einen missmutigen Empfang beklagen; wenn er humpelt, soll er nicht über die Unebenheit des Wegs murren; wenn er schwach in den Knien ist, soll er den Hügel nicht steil nennen. Darauf lief die Inschrift an der Wand eines schwedischen Gasthofes hinaus: »Du wirst in Trollhättan hervorragendes Fleisch, Brot und besten Wein finden, vorausgesetzt, du bringst dies mit.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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