Spinnefeind - Friederike Schmöe - ebook

Spinnefeind ebook

Friederike Schmöe

0,0

Opis

Jens Falk, Mathematiklehrer und Hobby-Kryptoanalytiker, steckt in der Klemme: Im letzten Halbjahr sind nicht nur wichtige Klausuren und Schülerakten verschwunden, sondern auch sein Schüler Hannes Niedorf - während einer Exkursion mit Falk. Aus Angst um seinen Job sucht er Hilfe bei Privatdetektivin Katinka Palfy. Sie soll die wahren Hintergründe aufdecken. Da wird Doris Wanjeck, Falks Ex-Verlobte, ermordet, und der Lehrer ist dringend tatverdächtig. Gemeinsam mit seiner Anwältin macht sich Katinka an die Aufklärung des Falls, fühlt sich aber bald von der Juristin hintergangen. Wie gerufen kommt das Angebot ihres ehemaligen Archäologieprofessors, an einer dreimonatigen Ausgrabung in Libyen teilzunehmen. Doch es scheint, als würde jemand gezielt versuchen, die einzige Person aus dem Rennen zu werfen, die an Falks Unschuld glaubt ...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 400

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Titel

Friederike Schmöe

Spinnefeind

Katinka Palfys achter Fall

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2008 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0757/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2009

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von Aboutpixel.de/ Tafeldienst! © Uwe Dreßler

ISBN 978-3-8392-3044-2

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

Zitat

(…) [Er] setzte stets voraus, daß sich das wirkliche und interessanteste Leben eines jeden Menschen heimlich, gleichsam wie unter dem Mantel der Nacht, abspielte. Jede persönliche Existenz hält sich durch ein Geheimnis, und vielleicht ist deshalb ein kultivierter Mensch so leidenschaftlich bemüht, sein Persönlichstes geheimzuhalten.

Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen

Prolog

Die schwere Tür schlug mit einem metallischen KLANK zu.

Nervös drehte die Frau sich um. Hier unten brütete die Hitze. Es roch nach Benzin. Die Neonleuchten flackerten.

Sie war aufgewühlt. Wütend schloss sie ihren Wagen auf. Es tat weh, abserviert zu werden. Tausendmal mehr als die Striemen, die ihre Fingernägel in Jens’ Gesicht hinterlassen hatten. Ihre Wangen brannten vor Zorn. Wie kam sie dazu, sich dermaßen zu erniedrigen? Zuvor hätte sie schwören können, dass sie niemals einen Mann anflehen würde, sie nicht zu verlassen. Nun hatte sie es doch getan und hasste sich dafür. Also hatte er es geschafft und sich eine neue Freundin zugelegt. Diese Trine vorhin war sicher nicht zufällig aufgetaucht!

Sie fiel auf den Fahrersitz, drehte den Rückspiegel zu sich und starrte in ihr erhitztes Gesicht. Das flammende Rot ihrer Wangen passte nicht zu den apfelsinenfarbenen Haaren. Sie hatte sie gestern frisch färben lassen, schließlich mochte Jens Rothaarige. Er hatte es zumindest einmal behauptet, vor langer Zeit. Aus. Vorbei. Sie konnte die lange Mähne nicht mehr ertragen, bei der Hitze schwitzte sie unter dem Haarschopf. Friseurtermin, dachte sie und angelte ihren Terminkalender aus der Handtasche. Die Woche lag jungfräulich vor ihr. Das Schuljahr war gelaufen, der Notenschluss geschafft. Die wenigen noch nötigen Unterrichtsvorbereitungen würden ihr flott von der Hand gehen. An jedem einzelnen Nachmittag könnte sie etwas unternehmen, was ihr guttat. Kosmetikerin, Hainbad, Friseur. Das hochsommerliche Wetter sollte anhalten, was ihren Bedürfnissen sehr entgegenkam. Doris Wanjeck stellte den Rückspiegel zurecht. Sie hätte nicht gedacht, dass so schnell wieder eine Frau auf ihn hereinfallen würde.

Am anderen Ende des Decks wurde ein Motorrad angelassen. Das Knattern hallte zwischen den Betonwänden wider. Sie schlug die Tür zu und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Plötzlich erschien ihr die Luft unerträglich stickig. Es wurde Zeit, dass sie ans Tageslicht kam. Sie ließ die Kupplung kommen.

Das Motorrad schoss heran. Bremste und stoppte genau hinter ihrem Wagen. Doris Wanjeck schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Noch so ein Exemplar von einem Knallkopf würde ihr nicht den Tag vergällen. Die Hand schon am Türöffner, fuhr sie zusammen. Der Motorradfahrer riss die Beifahrertür auf und stieg bei ihr ein. Er trug einen Helm mit schwarzem Visier. Seine Hände legten sich um ihren Hals.

»Jens?«, krächzte sie. Sie wehrte sich nicht einmal mehr zwei Minuten.

1. Jens und Charly

Ihr Handy klingelte mitten hinein in eine Diskussion, die Privatdetektivin Katinka Palfy an diesem heißen Nachmittag im Juli am liebsten nicht geführt hätte.

»Das ist Hardo.«

»Super«, sagte Britta Beerenstrauch und grinste. »Wie bestellt. Sprich Klartext.«

Katinka warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Im vergangenen Herbst hatte sich ihr langjähriger Freund Tom von ihr getrennt. Er war aus ihrem Leben geplumpst, als habe es ihn nie gegeben. Nicht allein der Abschied von Tom war am Anfang grauenvoll und schmerzhaft gewesen. Beinahe ebenso schlimm fand Katinka, dass Tom den Kater mitgenommen hatte. Zwar hatte Vishnu, der Rotgetigerte, von jeher eine deutliche Vorliebe für Tom gezeigt. Dennoch tat es weh, zwei Vertraute auf einmal zu verlieren.

Katinka und Kriminalhauptkommissar Harduin Uttenreuther, genannt Hardo, hatten zur gleichen Zeit eine schüchterne, von langen Unterbrechungen geprägte Annäherungsphase begonnen. Britta hatte nichts anderes im Sinn, als sie zu drängen, in Sachen Liebe endlich Nägel mit Köpfen zu machen.

»Hallo Hardo«, nahm Katinka das Gespräch an. Ihre Stimme bebte immer ein wenig, wenn er anrief.

»Wie geht’s?«, fragte Hardo beiläufig.

»Alles im grünen Bereich.«

Britta schnitt eine Grimasse und bedeutete Katinka, den Lautsprecher einzuschalten. Katinka zeigte ihr einen Vogel.

»Schlimme Neuigkeiten«, sagte Hardo. »Ein Mord in der Tiefgarage Eichwörth.«

Katinka drückte nun doch auf ›laut‹.

»Doris Wanjeck, Lehrerin am Paul-Celan-Gymnasium«, fuhr der Kommissar fort. »Sie wurde erwürgt. Gestern Nachmittag.«

»Tiefgaragen sind gute Orte für Ermittler. Was ist mit den Videobändern?«

»Sind von lausiger Qualität und zeigen einen Kauz in schwarzer Motorradkluft mit Helm und schwarzem Visier.«

»Ach du Schreck.«

»Tja«, sagte Hardo, »laut rechtsmedizinischem Erstbefund liegt die Todeszeit bei gestern, also Sonntag, um 16 Uhr. Ich wollte, dass du Bescheid weißt.«

»Danke«, sagte Katinka, stellte den Lautsprecher wieder ab und fügte hinzu: »Sehen wir uns bald mal?« Sie errötete unter Brittas investigativem Blick.

»Von mir aus gern.« Er zögerte. »Wann hast du gedacht?«

»Ich rufe bei Gelegenheit an«, sagte Katinka.

»Gut.« Irrte sie sich, oder schwang da Enttäuschung in seiner Stimme?

»Dir ist echt nicht zu helfen«, sagte Britta düster, als Katinka die rote Taste gedrückt und das Gespräch beendet hatte. »Da ist jemand, der alles dafür geben würde, mit dir zusammen zu sein, und du bockst.«

»Quatsch«, wehrte sich Katinka halbherzig.

»Was ist eigentlich mit dir los? Liebst du ihn nicht?« Britta wartete die Antwort gar nicht ab. »Ich sage dir was: Du liebst ihn, mehr als du jemals einen Mann geliebt hast. Aber du willst es nicht wahrhaben. Schiebst es weg wie einen leergegessenen Teller.« Resolut rückte sie ihr Glas ein Stück beiseite.

»Er hat angerufen, weil es einen Mord gibt«, sagte Katinka. »Hast du doch mitgehört.«

»Pah!«, machte Britta. »Er sucht einen Anlass, um sich bei dir in Erinnerung zu bringen. Etwas Unverfängliches.«

Mord ist höchst verfänglich, wollte Katinka widersprechen, aber im Inneren musste sie Britta recht geben, obwohl sie es ihrer besten Freundin natürlich nie eingestehen würde. Sie und Hardo waren scheu wie Rehkitze, wenn es um ihre Beziehung ging. Vielleicht war da zu viel Angst vor dem Verlassenwerden, vor Enttäuschung und Vertrauensverlust.

»Also«, sagte Britta, legte Geld auf den Tisch und schulterte ihre riesige Tasche. »Dann mache ich mich mal auf den Weg. Gute Storys lauern zurzeit auch nicht an jeder Straßenecke.«

»Stopp!«, rief Katinka. »Stimmt das, was du vorhin angedeutet hast? Du hörst auf beim ›Fränkischen Tag‹?«

»Sehen wir mal«, tat Britta geheimnisvoll. Die Falte über ihrer Nasenwurzel vertiefte sich, eine Veränderung, die Katinka bislang nicht aufgefallen war. »Ciao.«

Katinka schlenderte durch die Lange Straße zu ihrer Detektei. In der Austraße freuten sich die Studenten auf das Semesterende. Ein Trupp schick gekleideter Menschen schritt energisch Richtung Uni. Eine Frau hielt einen selbstgebastelten Doktorhut in der Hand. Die Gruppe plapperte aufgeregt. Die gehen zu einem Rigorosum, dachte Katinka, und feiern den frischgebackenen Doktor. Für einen Augenblick wehte diese leise Sehnsucht heran, nach der Freiheit des Studentenlebens ohne Verantwortung und böse Träume. Die wissenschaftliche Karriere hatte sie vor Jahren aufgegeben, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Mit Gremien und Hierarchien, Reformen und Spielchen kam Katinka schlecht zurecht. Freiberufler ist beinahe so gut wie Student, dachte sie und bog in die Hasengasse ein.

Sie schloss die Tür zu ihrer Detektei auf. Hier stand die Luft. Katinka ließ die Tür offen und schaltete ihren Rechner an. Während sie ihre Mails durchsah, dachte sie an den Mord in der Tiefgarage. Es klang fast wie der Titel eines drögen Drehbuches. Mord in der Tiefgarage, nein, wirklich. Sie löschte ein paar Müllmails und surfte träge durchs Netz. Seit das herrliche Wetter sich austobte, gab es kaum Aufträge.

Die Tür ging.

»Grüß Gott. Das ist doch die Privatdetektei?«

Ein Mann Ende 20 schaute herein. Katinka nickte ihm zu.

»Nur herein.« Sie stand auf und stellte sich vor.

»Ja, hallo also. Ich bin Jens Falk.«

»Bitte.« Sie bot ihm Platz an. »Was zu trinken?«

»Wenn Sie was Kaltes haben«, antwortete er und lehnte sich zurück. Er trug schmutzige Jeans und ein eng anliegendes T-Shirt mit der Aufschritt ›Roxy Music‹in Silber. Auf seiner Wange leuchteten ein paar Kratzer. Katinka angelte eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank im Nebenzimmer, schnappte sich mit der anderen Hand zwei Gläser und ging ins Büro zurück.

»Also, ich habe ein blödes Problem«, begann Falk. »Vielleicht sind Sie das ja gewöhnt. Probleme aller Art. Ich bin Mathelehrer. Mathe und Physik. Referendar. Die erste Hälfte meines Referendariats habe ich in Kulmbach gemacht, jetzt muss ich hier die übrigen Monate durchziehen.«

Katinka setzte sich hinter ihren Schreibtisch.

»Welche Schule?«

»Paul-Celan-Gymnasium«, sagte er und verdrehte die Augen. »Die höhere Schule für die Elite Bambergs! Jedenfalls: Ich werde nicht übernommen. Man hat mir die Verbeamtung glatt unter dem Hintern weggezogen. Und alles kam mit einer ganz komischen Sache. Rede ich zu schnell?«

Katinkas Kuli wetzte über das Papier. Dort, wo ihre Hand Schweißspuren hinterlassen hatte, schrieb er nicht. Sie schob ihn weg und griff nach einem Bleistift.

»Nur zu!«, sagte sie. Wenn ein Klient so energiegeladen loslegte, musste sie das ausnutzen. Den meisten zog sie die Informationen häppchenweise aus der Nase.

»Alles begann kurz nach den Pfingstferien. Ich war mit meinem Physik-Grundkurs in München im Deutschen Museum. Ist immer eine Reise wert. Und während der Exkursion verschwand ein Schüler. Hannes Niedorf.« Falk öffnete die Flasche und goss sich Sprudel ein. »Natürlich lief der ganze Leierkasten ab. Polizei, Schule und Eltern wurden benachrichtigt, das heißt nur der Vater, Hannes ist Halbwaise. Der Junge ist schon 18, also war nicht viel zu machen.«

Katinka runzelte die Stirn und sah Falk zu, wie er ihr Glas füllte.

»Sie können sich vorstellen, was in der Schule los war. Stress pur. Nur Charly, Hannes’ Vater, war ziemlich gefasst. Er behauptete, sein Sohn sei erwachsen. Charly ist ein recht … ungewöhnlicher Vater.«

Katinka schrieb das nächste Blatt voll.

»Inwiefern ungewöhnlich?«

»Er ist ein Ultralinker. Mir ist nicht klar, warum Hannes an unserer Schule gelandet ist. Da brauchst du ein schwarzes Parteibuch, wenn du die Klos putzen willst. Die Eltern unserer Schüler sind aufs Höchste ambitioniert und wollen überall mitquasseln. Das nervt.«

»Ihre Verbeamtung ging den Bach runter, weil Sie den Schüler Hannes Niedorf während einer Exkursion im Deutschen Museum verloren haben?« Katinka trank einen Schluck.

»Nein. Meine Aufsichtspflicht habe ich nicht verletzt, es war ein genauer Treffpunkt verabredet, und Hannes ist, wie gesagt, erwachsen.« Jens Falk sah grimmig vor sich auf den Tisch. »Es gab im letzten Halbjahr einiges Unschöne am PCG. Erst sind kurz vor Notenschluss im Winter Klassenarbeiten verschwunden. Meine Klasse hatte gut gearbeitet. Die Neunte ist super. Ich hatte alles korrigiert. Plötzlich waren die Dinger weg.« Falk raufte sich das Haar, sein T-Shirt klebte von Schweiß. »Ich weiß, dass ich sie nicht verschlampt habe. Ich sehe im Moment nicht so aus, aber ich bin ein ordentlicher Mensch und weiß sehr wohl am Morgen noch, wo ich am Abend meine Arbeitsmaterialien abgelegt habe. In meinem Arbeitszimmer herrscht peinliche Ordnung.«

»Kein Verdacht?«, fragte Katinka.

»Es muss jemand bei mir eingebrochen sein und die Sachen abgeräumt haben, aber ich habe nichts mitgekriegt. Es war in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Am Abend hatte ich die Arbeiten noch. Am Morgen wollte ich sie den Schülern zurückgeben. Tja.«

»Haben Sie den Einbruch angezeigt?«

»Schon, aber niemand hat mir geglaubt. Man hat keine Spuren gefunden. Ich wohne am Hinteren Bach. Nur zwei Fenster gehen zur Straße. So leicht steigt da keiner ein.«

»Haben Sie jemandem einen Zweitschlüssel anvertraut?«

Falk schüttelte stumm den Kopf.

»Aber Sie hatten doch die Noten?« Katinka trank ihr Glas leer. Ein warmer Wind fegte durch die offene Tür und wirbelte die Notizblätter durcheinander.

»Eben nicht. Schön blöd, aber ich wollte mir eine DVD reinziehen und dachte, ich könnte die Noten ebenso gut am nächsten Morgen noch eintragen. Was sich am Tag danach im Zimmer von unserem Chef abspielte, können Sie sich gar nicht drastisch genug vorstellen.«

»Was ist denn passiert?«

»Er und einige andere führten einen Tanz auf. Fielen über mich her. Der unzuverlässigste Referendar seit Menschengedenken. Und dann war da noch eine andere Sache.«

»Ja?«

Falk fuhr sich durch das verschwitzte Haar.

»Aus Schülerakten sind Unterlagen verschwunden. Sensible Sachen! Noten, Kommentare, familiärer Hintergrund.« Er seufzte. »Es gab eine Untersuchung. Das Fiese war, dass ich einige Akten vorher zur Einsicht aus dem Sekretariat geholt und später zurückgestellt hatte. Ich hätte theoretisch etwas rausnehmen können, als ich die Dokumente im Lehrerzimmer bei mir hatte.«

»Aber Sie haben nichts rausgenommen«, stellte Katinka fest. Sie glaubte ihm aufs Wort. »Verschwundene Klassenarbeiten, ausspionierte Akten und ein abgetauchter Schüler sind eindeutig zu viel für eine Lehrerbiografie.«

Jens Falk nickte bekümmert.

»Übernehmen Sie die Sache? Ich muss meine Weste weiß kriegen, auch wenn meine Karriere am Gefrierpunkt angekommen ist.«

»Ist Hannes ein guter Schüler?«

»Absolut. Der macht Abi, kein Thema. In den Fächern, zu denen er keine Lust hat, macht er nur das Nötigste, aber das haben wir ja alle so durchgezogen.«

Katinka lachte schallend, nannte Falk ihre Preise und Bedingungen und kassierte im Voraus 500 Euro.

Charly Niedorf wohnte in der Sandstraße. Katinka brauchte mit dem Rad gerade mal fünf Minuten.

»Palfy?«, fragte er verblüfft, als er ihr öffnete. Er trug Jeans, ein gebatiktes Shirt und durchlöcherte Socken. Die jugendlichen Klamotten passten nicht recht zu seinem verknitterten Gesicht und dem wirren, grauen Haar. Unruhe zeichnete rosige Flecken auf sein Gesicht.

»Es geht um Ihren Sohn. Und seinen Lehrer, Jens Falk.«

Katinka blickte sich offenherzig um, als sie Niedorf ins Haus folgte. Hier herrschte purer Individualismus. Nichts war einfach nur gekauft und hingestellt worden. Auf sauber geschliffenen und geölten Dielenböden hockten flache Sitzmöbel mit fantasievollen, selbstgefärbten Bezügen. In der Küche herrschte trotz der Hitze angenehme Kühle. Auf dem Tisch setzten Kräutertöpfchen Moos an. Ein Eimer mit Farbe stand mitten im Raum.

»Vorsicht«, sagte Charly Niedorf, »ich erneuere gerade die Borte.« Er wies nach oben, wo sich knapp unter der Decke meergrüne Muster rankten. »Möchten Sie einen Kaffee?«

»Ja, gern«, sagte Katinka.

»Espresso?«

»Entweder Espresso, also einen richtigen Mokka, oder Milchkaffee mit viel heißer Milch.«

Niedorf lachte, schraubte eine Caffetiera auf und spülte sie unter fließendem Wasser ab. Es gab Katinka einen kleinen Stich im Herzen. So einen Kaffeekocher besaß sie auch, aber seit Tom nicht mehr mit ihr lebte, hatte sie die Tradition, abends einen Espresso zu brauen, aufgegeben. Niedorf betätigte eine elektrische Kaffeemühle. Das Gerät holperte jaulend über das Küchenbüfett.

»Ist total laut, aber frisch gemahlen schmeckt der Kaffee eben besser«, verkündete er. »Sie wollen etwas über Hannes wissen?«

»Zunächst interessiert mich sein Lehrer, Jens Falk«, sagte Katinka. Sie schob einen Stapel Zeitungen beiseite, um sich zu setzen. Niedorf las die ›taz‹, außerdem ›Neues Deutschland‹. Und ›Emma‹.

»Ein netter Kerl, nur leider vom Pech verfolgt«, seufzte Niedorf und stellte die Caffetiera auf den Herd.

»Wie ist es denn so am Paul-Celan?«, fragte Katinka. »Man hört so einiges.«

»Herrje!«, schnaubte Niedorf. »Hannes wollte unbedingt an dieses Gymnasium, weil sein bester Freund auch dort landete. Valentin ist genauso ein Mathefreak wie mein Sohn. Entweder hocken sie hier in Hannes’ Zimmer vor dem Computer oder bei Valentin, draußen in Stegaurach. Er ist der Sohn von Hans-Peter Kazulé … na, egal. Sie geben sicher nichts auf Bamberger Klatsch. In dem Alter jedenfalls bin ich mit meinen Kumpels den Mädchen hinterher. Aber die beiden interessieren sich nur für ihre kryptischen Rätsel.«

»Sie sind nicht zufrieden mit der Schule?«

»Mich geht das nichts an. Hannes hat gute Noten. Er schafft das Abi locker. Danach kann er machen, was er will. Erst mal Zivildienst. Da bin ich hart.«

»Stimmt es, dass das PCG die höhere Schule für die Bamberger Konservativen ist?«

»Wollen Sie mich herausfordern?« Er nahm ein Tablett und stellte Espressotassen, Zuckerstreuer und eine Schale mit Keksen drauf. »Sie sehen mir doch an, dass ich mit den Eltern dort nicht viel gemeinsam habe. Richter, Staatsanwälte, Professoren, Ärzte … die schicken ihre Kinder ans Paul-Celan. Eine alte, renommierte Schule.«

»Was sind Sie von Beruf?«

Der Espresso begann zu gurgeln.

»Schreiner.« Niedorf grinste. »Kommen Sie. Tragen Sie den Kaffee?«

Katinka folgte ihm auf eine schmale Veranda mit gedrechseltem Geländer und Blick auf einen winzigen Innenhof.

»Sieht ein bisschen nach Knast aus, wie? Ein Stück Himmel für die grobe Orientierung, aber dafür lebt man mitten in der Stadt.«

Katinka überlegte, wie es wäre, hier zu wohnen. Ihre alte Wohnung würde sie auf Dauer nicht halten; für eine Person war sie zu groß, zu teuer und überdies vollgestopft mit Erinnerungen an ein Leben zu zweit. Wobei wir nie sehr viel zu zweit waren, dachte sie kritisch, denn irgendwie haben wir immer mehr allein unternommen als gemeinsam.

»Also, Jens Falk. Hannes mag ihn. Ein Lehrer, der es mit den Schülern kann. Er scheint den richtigen Ton zu treffen. An den meisten anderen Paukern lässt Hannes kein gutes Haar. Falk bietet einen Extrakurs am Nachmittag an: Kryptoanalyse. Muss schon was Faszinierendes sein, wenn zehn schulgestresste junge Leute freiwillig mitmachen.«

»Kryptografie? Was machen die in dem Kurs?«

»Nicht Kryptografie! Kryptoanalyse. Sie schreiben da keine Codes, sondern knacken welche.« Niedorf schenkte Espresso in die Tässchen. »Nehmen Sie sich Zucker. Schmecken Ihnen meine Kekse?«

Katinka biss in ein Plätzchen. Es war genau richtig, locker, aber nicht bröselig, süß, aber nicht zuckrig.

»Zwischen den Codeknackern und den Verschlüsselern herrscht seit Anbeginn der Zeiten ein erbitterter Kampf. Die Kryptografen basteln an immer besseren Codes, und die Analytiker tun alles, um die Codes zu knacken. So hat Hannes mir das mal erklärt.«

»Wo ist Hannes?«

Niedorf stutzte.

»Also doch.« Er grinste schief. »Deswegen sind Sie gekommen. Ich habe keine Ahnung.«

»Das glauben Sie doch selbst nicht«, sagte Katinka und lächelte ihn an.

»Hübsch können Sie lächeln, Frau Palfy.«

»Gut und schön, wenn Sie nicht sagen, wo sich Ihr Sohn aufhält. Aber Jens Falk kriegt Probleme.«

»Ich habe alles getan, damit er glimpflich davonkommt. Wie man hört, ist nicht Hannes der Gipfel der Ungeheuerlichkeiten, sondern da sind ganz andere Dinge passiert. Komisch, oder? Ein Mathelehrer, dessen Steckenpferd Verschlüsselung und Entschlüsselung sind, wird gefeuert, weil er sich angeblich an Schülerakten vergriffen hat. Das ist doch alles vorgeschützt.« Niedorf leerte seine Tasse in einem Zug. »Die wollten den Mann weghaben und schoben ihm irgendwas Widerwärtiges in die Schuhe. Ein alter Trick.«

»Aber warum? Warum will jemand Falk ausschalten?«

»Er hat schlechte Zähne.«

»Wie bitte?«

»Wussten Sie, dass der bayerische Staatshaushalt zu 25 Prozent mit Pensionszahlungen belastet ist? Die haben Angst vor den Versorgungsansprüchen!«

»Hören Sie auf. Karies kann doch nicht der Auslöser für solche Gemeinheiten sein.«

Niedorf zuckte die Schultern.

»Vielleicht wurde er jemandem gefährlich? Was weiß ich.« Er presste die Lippen aufeinander.

Katinka trank von ihrem Kaffee.

»Kennen Sie sich auch mit Kryptoanalyse aus?«

»Ich verstehe mich als Bürgerrechtler«, sagte er. »Und ich weiß, dass alles, was wir noch an Privatheit besitzen, gerade den Bach runtergeht. Der Staat will uns aushorchen bis auf die kleinen, spitzen Schreie beim Sex. Man hat nicht einmal mehr das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.« Er sah weg, als überkomme ihn ein ungutes Gefühl.

Katinka drehte ihre Tasse in den Händen und sah Niedorf ins Gesicht. Erst jetzt bemerkte sie seine grasgrünen Augen. Zu grün, um echt zu sein, dachte sie. Aber manchmal stückelt die Natur eben unglaubliche Merkmale zusammen.

»Jeder von uns nutzt das Internet, und wenn Sie das tun, sind Sie so gut wie nackt. Früher mussten die Tyrannen einen gewissen Aufwand betreiben, um an Infos über ihre Untertanen ranzukommen. Durchsuchungen, Festnahmen, Briefe abfangen und über Wasserdampf öffnen … ziemlich arbeitsintensive Geschichte. Aber in der digitalen Welt sieht es anders aus. Nun kann innerhalb von Sekunden eine gewaltige Menge an Daten über x-beliebige Leute erhoben werden. Und Sie merken nicht einmal, dass Sie durchsucht werden! Doch selbst wenn Sie Verdacht schöpfen sollten: Sie können nichts nachweisen. Die perfekte Überwachung. Ich sage Ihnen«, er fuhr sich durchs Haar, »irgendwann wird es so weit sein, dass die Neugeborenen einen Chip ins Ohr kriegen mit einer kleinen Software, die sämtliche Informationen zu diesem Menschen enthält. Krank? Subversiv? Politisch auffällig? Schlecht in Latein? Liebeskrank? Vorbestraft? Schwanger? Alles wird sofort abrufbar sein. Elektronisch wäre der Mensch dann komplett erfasst. Scanner an Grenzübergängen, Flughäfen, Autobahnen, Fußballstadien und anderen neuralgischen Punkten registrieren jede Bewegung. Sogar wenn Sie im Wald Pilze suchen, weiß immer jemand, wo Sie sind.«

Katinka stellte ihre Tasse ab und blickte über das Geländer in die flimmernde Hitze hinaus. Davon wollte sie nichts hören. Sie wollte sich nicht vorstellen, dass irgendwo in Kellern Leute saßen und ihren Computer durchforsteten. Jetzt eine Runde Schwimmen im Fluss, dachte sie, wäre gerade richtig.

»Meldet sich Hannes ab und zu bei Ihnen?«

Niedorf zuckte.

»Er ist volljährig.«

»Und sein Abitur? Sie sagen, er sei ein guter Schüler. Verpasst er nicht zu viel Stoff?«

»Hannes kann das nachholen. Es ist seine Angelegenheit.«

»Machen Sie sich keine Sorgen?«

»Mein Sohn und ich vertrauen einander.«

Hier würde sie nicht weiterkommen. Katinka überlegte sich sorgfältig ihre nächste Frage.

»Haben Sie etwas für mich, was Falk helfen könnte?«

»Wissen Sie, ich finde Falk sympathisch, und er tut mir leid, aber ich kann nichts zur Sache sagen.«

Du mauerst, dachte Katinka ärgerlich. Aber ich koche dich noch weich.

»Danke für den Espresso«, sagte sie und stand auf. »Die Kekse waren wirklich vorzüglich.«

Es ist ihr einfach passiert.

Es ist aus dem Ruder gelaufen. Sie kann sich nicht erklären, wie … doch. Sie raucht, und das Nikotin macht die Gedanken klar. Doch, sie kann es sich erklären. So passieren die Dinge. Irgendwo geschieht etwas Unerwartetes, der berüchtigte Zufall, und dann laufen Handlungen ab, die niemand geplant hat, aber sie vollziehen sich einfach. Einmal losgetreten, entfalten sie ihre eigene Dynamik, unaufhaltsam wie ein herrenloser Ski, der unkontrolliert zu Tal rast und irgendwo an einem Felsen zerschellt. Aber sie wird nicht zerschmettern. Es war ein Fehler, einfach so. Ein Fehler. Sie drückt die Zigarette aus und zündet die nächste an. Niemand wird etwas herausfinden. Sie hat in aller Eile für den größtmöglichen Schutz gesorgt, das Kennzeichen mit Paketband überklebt, den Helm und die Motorradkleider entsorgt. Die Sachen werden nie gefunden, nie!

Himmel, wie ihre Finger zittern. Wie war das damals, bei ihrem Peiniger? Ihm zitterten nicht die Finger, jedenfalls nicht gleich. Aber vor Gericht hat er doch das Flattern bekommen, einmal musste sogar ein Arzt gerufen werden. Sie weiß es, weil ihre Eltern am Abend darüber gesprochen haben. Sie denkt zu oft an diesen Mann. Es hat sich eine Bindung aufgebaut, die sie erschreckt. Sie hat jahrelang seine Wege verfolgt. Sehr behutsam, ist immer die Beobachterin geblieben. Sie ist sicher, er hat alles verdrängt, doch nachts kriechen die Ratten des schlechten Gewissens durch seine Träume.

Die Frau inhaliert tief den Rauch. Sie hat eine Liste angelegt. Um Gottes willen, nicht auf Papier oder gar im Rechner, nein, im Geist. Die Gedanken sind immer noch frei, denkt sie und lächelt. Sie hat sich in ihrem Kopf notiert, was als Nächstes zu tun ist. Sie kommt zurecht.

2. Ein Schock

Das Gefühl, Charly Niedorf wisse etwas über die Vorwürfe gegen Jens Falk, verfolgte Katinka, als sie zum Hainbad radelte, ihr Fahrrad abschloss und sich zu ihrem Lieblingsplatz am äußersten Ende des Steges aufmachte. Das Wasser war kühl, und während sie gemächlich stromaufwärts schwamm, ließ sie sich Niedorfs Worte durch den Kopf gehen. Sie glaubte ihm nicht. Er wusste, wo sein Sohn war, aber er sagte es nicht. Warum? Katinka machte ein paar entschlossene Schwimmzüge. Im Westen standen dicke, schwere Wolken am Himmel. Schützt er seinen Sohn? Oder schützt er Jens Falk vor seinem Sohn? Das gibt’s nicht, dachte sie. Wieder wanderte ihr Blick zu den Wolken am Horizont. Es sollte Flugzeuge geben, die mit chemischen Substanzen das Wetter veränderten. Die Chemtrails, die man mitunter am Himmel zu sehen bekam, waren von den Kondensstreifen der Düsenjets kaum zu unterscheiden. Science-Fiction, dachte Katinka. Vielleicht gab es in den Wolken auch mikroskopische Sender, die die Tätigkeiten von verdächtigen Zeitgenossen überwachten und dokumentierten. So ein Blödsinn, schalt sie sich. Sie kraulte gegen die Strömung und kam weit voran, fast bis zur Buger Spitze. Wer ist denn schon ein Verdächtiger? Prinzipiell jeder. Jeder Knallkopf kann Terrorist sein. Könnte. Theoretisch. Sie drehte sich auf den Rücken und ließ sich zurücktreiben. Ein Kajak schoss vorbei. Mit verbissenen Gesichtern trieben die beiden Kanuten ihr Gefährt den Fluss hinauf. Mit Ernst bei der Sache zu sein, ist das A und O, dachte Katinka grinsend. Solche Leute geraten nicht ins Fadenkreuz der Spione. Doch wer witzelt und spöttelt, der macht sich verdächtig.

Sie stieg aus dem Wasser. Der Wind ließ sie frösteln. Rasch trocknete sie sich ab und schlüpfte in ihre Sachen. Der Himmel zog zu. Auf ihrem Handy leuchtete das SMS-Symbol auf. ›Lust auf ein Bier?Hardo.‹Sie strich mit dem Finger über das Telefon. Warum eigentlich nicht? Sie sah auf die Uhr. Gleich sechs. Sie tippte die Antwort. ›Ja. Griesgarten?‹ Seine Reaktion kam sofort. ›In einer Stunde!‹ Katinka krauste die Stirn. Das war kein Vorschlag, sondern ein Befehl. Dieser Kommandoton ging ihr wirklich auf den Geist. Er ist stets und ständig Polizist, dachte sie. Vielleicht wird man so, als Ermittler. Keine tollen Aussichten.

»Palfy! Na endlich!«

Er stand auf, als sie an seinen Tisch kam. Wie immer zögerte er kurz, bevor er sie auf die Wange küsste und ihr ein Bier bestellte. Katinka räusperte sich.

»Was gibt’s denn so Dringendes?«

Er sah sie nachdenklich an.

»Ich dachte, wenn ich es nicht dringend mache, hast du was Besseres zu tun.«

Katinka nahm dankbar ihren Bierkrug entgegen und trank einen großen Schluck.

»Das stimmt nicht«, sagte sie. Er hatte abgenommen. Der Bierbauch war ganz eindeutig dünner geworden. Schade beinahe, sie mochte das Grizzlyhafte an ihm. Vor allem aber seine grauen Augen, in denen etwas von der Verlassenheit nordischer Gefilde schimmerte.

»Wir haben einen Verdächtigen. Vor ein paar Stunden ist er uns direkt ins Netz gegangen.«

»Wer ist es?«

»Der ehemalige Freund der Dame.« Hardo sah in seinen Bierkrug. »Doris Wanjeck hat unter ihren Fingernägeln seine DNA. Außerdem haben wir eine Zeugin, die berichtet, Wanjeck und ihr Ex hätten sich lautstark gestritten.«

»War er es?«

»Keine Ahnung«, sagte Hardo düster. »Die Indizien sprechen gegen ihn. Aber was heißt das schon.«

»Er ist also nicht geständig?«

»Nein. Noch eine eigenartige Sache. Wir fanden bei der Leiche einen Zettel mit einem Code.«

»Was soll das sein?«

»Buchstaben, nichts als Buchstaben. Wir …«

»Moment.« Katinka hob die Hand. »Wie heißt euer Verdächtiger?«

»Jens Falk.«

»Den kannst du abschreiben. Falk tauchte heute in meiner Detektei auf. Angeblich wollte ihm jemand ein paar Bösartigkeiten in die Schuhe schieben. Ich soll herausfinden …«

»Wer? Was für Bösartigkeiten?« Hardo stellte seinen Bierkrug hart auf die Tischplatte.

Katinka überlegte fieberhaft. Falk steckte in einer ziemlich üblen Lage. Ob er der Mörder von Doris Wanjeck war oder nicht – alle Informationen, die er Katinka gegeben hatte, konnten sowohl seiner Belastung als auch seiner Entlastung dienen. Sie berichtete Hardo so knapp wie möglich über Falks Probleme, die Verdächtigungen und den verschwundenen Schüler Hannes Niedorf.

»Er ist Kryptoanalytiker«, sagte Katinka, »oder jedenfalls einer, der sich dafür hält. Warum sollte er eine verschlüsselte Nachricht hinterlassen, wenn er seine Exfreundin umbringt? Und die Hautpartikel unter den Fingernägeln des Opfers müssen nichts bedeuten. Sie kann ihm im Streit eine geklebt haben. Dann sind die beiden auseinandergegangen, und jemand anderes hat die Frau umgebracht.«

Hardo strich sich über den kahlen Schädel. Sein Blick verlor sich im Dunkelgrün des Hügels am Ende des Biergartens.

»Wer ist Falks Anwalt?«, fragte Katinka.

»Eine gewisse Ljubov Müller. Geborene Russin. Neu in Bamberg«, sagte Hardo. »Diese Sache mit dem abgetauchten Schüler beschäftigt mich.«

»Wie kriegt ihr die geheimnisvolle Botschaft entschlüsselt?«

»Wir haben einen Experten kontaktiert.« Hardo bestellte einen Krustenbraten. »Willst du nichts?«, fragte er und schob Katinka die Speisekarte zu.

Sie schüttelte den Kopf, verlangte dann aber doch einen Limburger und fragte:

»Die Überwachungsvideos aus der Parkgarage bringen gar nichts?«

»Nein. Ein Motorradfahrer ganz in Schwarz stoppte sein Motorrad direkt hinter Wanjecks Wagen. Das Kennzeichen war überklebt, das Modell ist nicht hundertprozentig zu erkennen. Vermutlich eine Honda CBF 1000. Wanjeck kam aus ihrer Parkbucht nicht raus. Der Mann stieg zu ihr ins Auto. Erwürgte sie, was auf dem Video nicht zu erkennen ist. Punktum. Von der Statur her könnte es Falk gewesen sein, aber natürlich auch jeder halbwegs schlanke, sportliche Mann.«

»Oder Frau.«

»Möglich, ja!«

»Doris Wanjeck war wie Jens Falk Lehrerin am Paul-Celan-Gymnasium. Wer weiß, welche linken Dinger da laufen.«

»Könnte auch ein Zufall sein, oder?«

Sie hingen eine Weile ihren Gedanken nach. Als das Essen kam, fragte Hardo:

»Fährst du eigentlich mal in Urlaub?«

»Mal sehen. Ich habe nichts geplant.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Du siehst so braun aus«, sagte Hardo schließlich. »Als hättest du Ferien gehabt.«

»Ich bin oft im Hainbad.«

Sie könnte ihn fragen, ob er Lust hätte, mitzukommen. Aber er würde beschäftigt sein. Würde die kommenden Tage wie ein Irrer arbeiten, um Spuren zu prüfen, zu dokumentieren und Teamsitzungen zu leiten. Sie fragte sich, wie es wäre, mit ihm zu leben. Könnten sie es genießen, abends aufeinander zu warten, gemeinsam zu kochen oder ein paar Takte zu reden? Es fiel ihr immer noch schwer, sich eine Beziehung mit Hardo vorzustellen. Jedenfalls nicht in ihrer mit Erinnerungen verklebten Wohnung. Niedorfs Haus im Sand fiel ihr ein. So ein altes Gebäude zu renovieren, könnte Spaß machen. Aber nicht allein. Nur mit jemandem zusammen. Versonnen betrachtete sie Hardo, der das letzte Fetzchen Kloß mit der Gabel zerdrückte und verschlang.

»Was ist?«, fragte er und schob den Teller beiseite.

Katinka lächelte unbestimmt. Sie brachte es nicht über sich, ihre Sehnsucht nach außen zu kehren. In der Fantasie war sie viel weiter. Lag in seinen Armen. Erschrak am Morgen darüber, dass sie doch allein war.

»Hast du noch Zeit für einen Spaziergang?«, fragte sie.

»Sowieso.«

Er bestand darauf, zu zahlen. Sie gingen am Fluss entlang. Tauchten unter der Markusbrücke durch, wo Katinka immer den Kopf einzog, weil sie meinte, an den eisernen Bögen anzustoßen, die sie leicht mit ausgestreckter Hand berühren konnte. So oft träumte sie, er würde sie in den Arm nehmen, aber nun, da er neben ihr ging, erschien ihr die Vorstellung erschreckend. Sie begann, belanglose Dinge zu erzählen. Das Ufer grünte und blühte. Die Luft duftete nach Früchten und Sommer. Wieso kann ich ihm nicht sagen, dass ich es mit ihm probieren will, dachte sie. Nur ein, zwei Wörter. Es müsste nicht einmal ein ganzer Satz sein.

3. Liebe auf Russisch

Der Tag begann heiß. Katinka lief die Willy-Lessing-Straße in Richtung Kanal. Durch die Baustelle an der Brücke war hier kaum Verkehr. Der Baulärm drückte auf die Ohren. In ihrem Mund schmeckte sie Staub. ›Kanzlei Müller‹, las sie auf einem Messingschild. Es sah alt und verwittert aus, obwohl Hardo von einer Anwältin gesprochen hatte, die neu in Bamberg sei.A Neigschmeggda. Es gab überall Leute, die Schwierigkeiten mit Neuankömmlingen hatten.

Sie lief die Treppe zur Eingangstür hinauf und klingelte.

»Kommen Sie schon rein!«

Die Frau, die ihr die Tür aufriss, mochte um die 50 sein. Sie war stark geschminkt und roch nach Zigarette. Eine schwarze Mähne wölkte um ihr mageres Gesicht. Sie trug einen Minirock, trotz der Hitze hochhackige Stiefel bis zum Knie und ein grelles, ärmelloses Top.

»Palfy«, sagte Katinka und schluckte ihre Überraschung hinunter.

»Ljubov Müller«, sagte die Frau. Sie streckte Katinka eine ausgemergelte Hand hin, die erstaunlich fest zudrückte. »Freut mich, dass Sie da sind.«

Katinka folgte ihr in ein mit Büchern und Gerümpel vollgestopftes Büro.

»Meine Sekretärin ist in Urlaub, ich darf den Laden allein schmeißen«, sagte Ljubov Müller und zündete sich eine Zigarette an. Im Regal entdeckte Katinka eine ganze Stange ›Nil‹. Früher hatte sie die Schachteln wegen ihres Designs und der blauen Farbe gemocht, aber durch die EU-Todesanzeigen war der Gesamteindruck ziemlich verhunzt.

»Setzen Sie sich. Es gibt Tee.«

Katinka verabscheute Tee.

»Dieser Tee wird Sie überzeugen«, sagte Ljubov und ging zu einem Samowar in der Ecke. Ihr Deutsch war perfekt, aber der starke russische Akzent machte die Wörter weich. Jeder einzelne Satz klang wie der Anfangstakt eines Wiegenliedes. Skeptisch sah Katinka zu, wie Ljubov Tee aus einer Kanne in eine Tasse goss und den dunkelbraunen Sud mit heißem Wasser aus dem Samowar auffüllte. Sie stellte die Tasse samt Zuckerdose vor Katinka ab.

»Marmelade ist aus«, sagte sie entschuldigend und schenkte sich ebenfalls eine Tasse ein. »In Russland nehmen wir Marmelade zum Tee. Man muss sich bei Laune halten.« Sie lachte. »Also, Jens Falk. Er hat mir gestern gesagt, dass er bei Ihnen war. Juristisch hat die Polizei kaum etwas in der Hand. Dennoch sollten wir Fakten sammeln, die ihn entlasten.«

»Wir?«, fragte Katinka. Fasziniert betrachte sie die Sammlung an Lesebrillen auf dem Schreibtisch.

»Sie machen doch mit, oder? Wie hoch ist Ihr Tagessatz?«

Katinka nannte eine Summe, worauf Ljubov Müller in die Schreibtischschublade griff und ein paar Scheine herausnahm. Sie zählte sie vor Katinka auf den Tisch und steckte dann alles sorgsam in ein Kuvert.

»Falks Geschichte geht so«, sagte sie und reichte Katinka den Umschlag. »Er traf sich im ›Weinfass‹ mit seiner Ex. Sie wollte ihn, so sagt er, zurückgewinnen. Die Tussi kam ohne ihn nicht klar. Die beiden haben sich im April getrennt, und Doris Wanjeck verwand das nicht. Liebster, du bist mein Leben. Nach dem Motto.«

Unkonzentriert sah Katinkain ihre Tasse. Tee! Bei der Hitze!

»Sie verabredete sich mit Falk und machte ihm eine Szene. Er bestand auf seinem Recht, eine Verbindung, mit der er nichts mehr anfangen konnte, zu beenden. Die beiden stritten. Irgendwann war es Falk zu dumm. Er stand auf, legte Geld auf den Tisch und wollte gehen, da sprang Wanjeck von ihrem Stuhl auf und knallte ihm eine. Sie zerkratzte ihm das Gesicht. So erklärt Falk seine Striemen und wie seine DNA unter Wanjecks hübsch manikürten Fingernägeln gelandet ist.«

Unwillkürlich sah Katinka auf Ljubovs Hände. Auch ihre Nägel waren lackiert, aber nachlässig und unregelmäßig. Der dunkelrote Lack splitterte ab.

»Dann ging Falk raus, beruhigte sich und trabte nach Hause. Wanjeck wurde wenig später im Parkhaus erwürgt. Die Leiche fand der Wachdienst aber erst am nächsten Morgen, als sie sich wunderten, dass der Wagen noch dort stand. Meiner bescheidenen Meinung nach sollte man eine bessere Security engagieren.«

Katinka schrieb mit und probierte von dem Tee. Er schmeckte hervorragend, aromatischer als alles, was sie je an Tee getrunken hatte.

»Wer hat den Streit beobachtet?«

»Nur die Kellnerin. Falk und Wanjeck saßen trotz des herrlichen Wetters innen im Lokal. Alle anderen Gäste draußen«, sagte Ljubov. »Der rechtsmedizinische Befund sieht so aus: Todeszeitpunkt circa 16 Uhr am Sonntag. Doris Wanjeck wurde erwürgt. Hat aus Nase und Ohren geblutet. Das kommt daher, dass beim Würgegriff die oberflächlich liegenden Halsadern zusammengedrückt werden. Das Blut kann nicht aus dem Kopf abfließen. Deswegen die typische Blaufärbung, man kennt das.« Ljubov riss eine Schachtel ›Nil‹ auf. »Der Mörder hatte Gummihandschuhe an, diese weißen, wie Ärzte sie verwenden. Würgemale sind vorhanden.« Die Anwältin legte die Papiere auf den Schreibtisch. »Rauchen Sie?«

»Verstehe ich recht«, fragte Katinka, den Kopf schüttelnd, »für Falk spricht, dass er keine DNA-Spuren an seiner Ex hinterlassen hat?«

»Sie haben nur die Partikel unter Wanjecks Nägeln, und die kommen von Wanjecks Angriff auf Falk. Sagt Falk.«

Na ja, Angriff, dachte Katinka und leerte ihre Tasse. »Sonst noch Spuren? Fasern von Klamotten?«

»Bislang keine Ergebnisse. Wanjeck hat sich kaum gewehrt. Ist auch schwierig in dem engen Auto. Sie hat kleine Blutergüsse knapp über dem Knie. Deren Ursache können die Muskelzuckungen sein, die beim Tod durch Ersticken eintreten. Ihr Knie muss irgendwo angestoßen sein. Die Videobänder zeigen, wie das Motorrad mit zugeklebtem Kennzeichen hinter Wanjecks Auto bremst und der Fahrer, unkenntlich durch komplett schwarze Motorradkluft inklusive Helm mit dunklem Visier, die Beifahrertür öffnet und einsteigt. Zwei Minuten später springt er aus dem Wagen und fährt auf seinem Motorrad davon.«

»Erwürgen kann man sich nicht selbst«, sagte Katinka.

»Also gehen wir davon aus, dass der unbekannte Easy Rider der Mörder ist«, nickte Ljubov. »Jetzt erzählen Sie!«

Katinka fasste zusammen, was Falk ihr berichtet hatte, und erwähnte ihren Besuch bei Niedorf.

»Ich glaube nicht, dass Niedorf so ahnungslos ist. Irgendwie bin ich mir sicher, dass er weiß, wo sein Sohn steckt. Und die ganze Episode hat mit dem PCG zu tun. Ich werde nachher in der Schule vorbeischauen und versuchen, mit Hannes’ Freund Valentin zu sprechen. Übrigens: Ich habe mit Hauptkommissar Uttenreuther über den Fall geredet«, fügte Katinka hinzu.

»Ein anständiger Kerl«, sagte Ljubov und drückte ihre Zigarette aus, um sich sofort die nächste aus der Schachtel zu angeln. »Keine Selbstverständlichkeit.«

»Was halten Sie von der verschlüsselten Nachricht?«, fragte Katinka rasch.

Ljubov hob die Schultern.

»Unlogisch. Wenn Falk seine Ex loswerden wollte, dann sollte man meinen, er schickt sie ins Jenseits und verduftet. Wozu eine Nachricht hinterlassen und sich damit selbst belasten? Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Es scheint plausibler, dass jemand anderes den Mord ausgeführt hat und ihn Falk unterjubeln will. Noch Tee?«

Ljubov stand auf, um die Tasse zu füllen. »Wie wollen wir vorgehen?« Mit sachtem Klirren landete die Tasse vor Katinka. »Übrigens: Ich heiße Ljubov.« Sie betonte das O. Etwas Weiches, zart wie der Flügelschlag eines Nachtfalters, klang dem Wort nach. »Das bedeutetLiebe.«

»Katinka.«

»In Russland sagen wir Kátinka. Betonen das A!« Ljubov grinste und drückte die Zigarette aus. »Ich arbeite etwas aus. Heute Nachmittag kann ich Falk besuchen. Wenn du es schaffst, etwas aus dem Schüler rauszuquetschen, ruf mich sofort an, ja?«

Katinka stand um kurz nach zwölf vor dem Paul-Celan-Gymnasium. Es waren nur noch anderthalb Wochen bis zu den Sommerferien. Überdrehte Schüler schwirrten wie beschwipste Insekten aus dem Gebäude. Das ungute Gefühl schlich sich ein, das Katinka immer beim Betreten von Schulen überkam. Der Geruch nach Putzmittel und zu vielen unterschiedlichen Leuten auf zu engem Raum, nach Verschweigen und Verpetzen, nach endloser Eintönigkeit drückte ihr die Luft ab.

»Kennt ihr einen gewissen Valentin Kazulé?«, fragte sie ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz.

»Valente? Der steht dahinten!« Sie bückte sich nach ihrem Rucksack und entblößte eine bläulich schimmernde Tätowierung. Arschgeweih, dachte Katinka. Wer hat euch nur eingeredet, das wäre schön.

»Hallo! Valentin Kazulé?«

Ein schlanker junger Mann drehte sich um und sah Katinka überrascht an. Spiralige Locken umrahmten ein von der Hitze gerötetes Gesicht.

»Was gibt’s?«

Katinka setzte an, sich vorzustellen, als ein schwergewichtiger Mann mit ausgefranstem grauen Haar von der Zufahrt herüberwinkte.

»Valentin! Kommst du?«

Fieberhaft suchte Katinka nach einem Ansatzpunkt.

»Nur ganz kurz. Ich habe eine Nachricht von Hannes.«

»Was? Aber er hat doch gesagt …«

»Können wir uns in Ruhe treffen?«, fragte Katinka rasch.

»Valentin, wir haben es eilig«, polterte der Grauhaarige.

»Sie sehen doch. Mein Vater.« Der junge Mann griff nach seiner Schultasche.

»Hast du ein Handy?«

Er nannte die Nummer. Katinka riss die Papierhülle von einem Streifen Wrigley’s Extra und schrieb sie auf.

»Ich ruf dich an.« Sie sah ihm nach, wie er zu seinem Vater in den Mercedes stieg.

»Was machen Sie hier?«

Eine Dame im Kostüm eilte auf Katinka zu. Sie war klein, ging Katinka gerade bis zum Kinn. Ein akkurat geschnittener Pagenkopf gab ihr ein strenges Aussehen.

»Palfy, Privatdetektivin. Und Sie sind …«

»Märthe Stürmer, ich bin hier die Sekretärin. Sie müssen wissen, dass wir seit der Sache mit der Kollegin Wanjeck reichlich nervös sind, wenn Fremde auf dem Schulgelände herumstehen.«

Katinka wurde sofort hellhörig.

»Warum? Waren hier öfter Fremde?«

»Was wollen Sie hier?«

»Ich suche einen Schüler. Hannes Niedorf.«

»Ach du liebes Lieschen!« Märthe Stürmer sah sich um. »Kommen Sie mit rauf. Mir ist es zu heiß hier.«

Katinka folgte ihr durch ein Treppenhaus aus Beton, das Kunstlehrer im Kampf gegen die Resignation mit ihren Klassen bunt bemalt hatten. Jede Wand stellte eine andere Jahreszeit dar. Der Fantasie sind tatsächlich Grenzen gesetzt, dachte Katinka.

»Ich kenne Sie aus der Zeitung«, sagte Märthe Stürmer, schloss die Tür zum Sekretariat auf und zog mit einem Seufzer die Kostümjacke aus. »Palfy. Der Name ist in unserer Gegend nicht häufig. Wissen Sie, wenn man Tag für Tag in diesem Tempel vor sich hinwelkt, denkt man darüber nach, einen spannenderen Beruf zu ergreifen.«

»Kann ich verstehen.«

Märthe Stürmer lächelte, bat Katinka Platz auf einer Ledercouch an und setzte sich in einen Sessel gegenüber.

»Womit kann ich helfen?«

»Warum sprachen Sie eben davon, dass Fremde auf dem Schulgelände waren?«

»Wir hatten einige üble Diebstähle in diesem Schuljahr. Vertrauliche Dokumente.« Märthe Stürmer fächelte sich mit der Hand Luft zu. »Was für eine Hitze.«

»Hat man den Schuldigen ermittelt?«

»Eben nicht.«

»War es ein Schüler?«

»Man hat einen Referendar aus dem Hut gezaubert und ihn rausgeschmissen. Schade um Jens Falk. Ein netter Kerl und bei den Schülern beliebt.«

»War er denn wirklich der Aktendieb?«

»Er hat sich die Akten bei mir geholt, um Atteste und ein paar Notizen hinzuzufügen. Dann brachte er sie ordnungsgemäß zurück. Ein paar Tage später sollte ich dieselben Unterlagen für den Chef raussuchen. Da fehlten die Blätter.« Märthe Stürmer beugte sich vor. Katinka sah deutlich die dunklen Flecken unter ihren Achseln. »Es kommt nicht gut, wenn die Lehrer ihnen anvertraute Schüler auf Klassenfahrten verlieren.«

»Wie ist das denn genau zugegangen?«

»Das weiß ich leider nicht.« Die Sekretärin lehnte sich zurück und legte die Finger auf die Lippen. »Ich habe schon zu viel gesagt. Hier gibt es mir zu viele Juristen unter den Schülereltern. Nehmen Sie nur den Valentin, Hannes’ Freund. Sein Vater ist Richter am Oberlandesgericht.«

Klick, dachte Katinka. Das wird Ljubov interessieren.

»Was ist mit der Kryptoanalyse-AG?«

»Also, damit stimmt garantiert etwas nicht, Frau Palfy«, flüsterte die Sekretärin. »Keiner weiß, warum, aber die Schüler und Falk machten ein permanentes Geheimnis um diesen Nachmittagsunterricht. Und beim Schulfest …«

»Was war am Schulfest?«

»Ach, nichts. Ermitteln Sie in dem Fall?«, fragte Märthe Stürmer. Sie erwartete eine Gegenleistung.

»Dazu kann ich leider nichts sagen«, erwiderte Katinka und lächelte.

»Natürlich.« Auch Märthe Stürmer zeigte die Zähne. »Also, schönen Tag noch. Bald ist das Rambazamba da draußen für eine Weile vorbei. Schlimm, dass in Bayern die Ferien so spät anfangen. Die letzten Wochen nach Notenschluss sind kaum auszuhalten.«

Katinka verabschiedete sich, lief durch das Treppenhaus und trat in den Schulhof. Auf dem Beton war es heiß wie in einer Bratpfanne. Sie verließ das mittlerweile leere Schulgelände und ging Richtung Innenstadt. Unterwegs wählte sie Ljubovs Nummer.

»Kazulé? Der Richter? Hans-Peter?«, fauchte Ljubov. Katinka hörte, wie sie eine Zigarette anzündete.

»Gibt es mehrere Kazulés, die als Richter am OLG arbeiten?«, erkundigte sie sich ironisch.

»Quatsch. Wir sollten uns dringend treffen. Ich brauche was zu essen. In 20 Minuten im ›DaCaBo‹ am Heumarkt?«

Katinka goss ihre Cola wie eine Verdurstende in sich hinein und bestellte eine zweite, als Ljubov über den Heumarkt gestöckelt kam. Trotz der Hitze, die zwischen Häusern und Platz wie eine Mauer stand, wirkte sie frisch und ausgeruht.

»Einen Espresso«, rief sie und sank neben Katinka auf einen Stuhl in den Schatten der Skulptur. »Ich liebe sie«, sagte sie mit Blick auf die Speckrollen der liegende Bronzefrau, »und ihre Formen hätte ich gern.«

Katinka stutzte. Die meisten Frauen, die sie kannte, standen eher nicht auf Üppigkeit und ausladende Rundungen.

»Ich war schon immer eine Bohnenstange«, gab Ljubov zu, nahm ihren Espresso entgegen und bestellte ein Baguette mit Parmaschinken. »Jetzt zum Geschäftlichen. Kennst du Hans-Peter Kazulé, Golubuschka?«

»Was heißt das?«

»Täubchen.« Ljubov lachte leise.

»Ach so!« Katinka verkniff sich eine Bemerkung. »Nein, den Namen Kazulé habe ich gestern zum ersten Mal gehört.«

»Er ist Richter und steht kurz vor der Pensionierung. Hat erst mit 45 geheiratet, seine Frau ist 20 Jahre jünger. Sie haben einen Sohn, Valentin. Den hast du ja gesprochen.«

»Ich habe seine Handynummer und werde schnellstmöglich versuchen, ihn zu erreichen. Den Richter habe ich nur kurz gesehen. Ein ziemlich gewichtiger Typ.«

»Fettklops mit Haaren«, schnaubte Ljubov und zündete sich eine ›Nil‹ an. »In seiner Kulmbacher Zeit hat er sich als Richter Gnadenlos einen Namen gemacht. Unter Anwälten weiß man sich einiges zu erzählen.«

»In Kulmbach? Komisch«, sagte Katinka. »Falk war doch Referendar dort.«

Ljubov warf ihre Kippe auf das Kopfsteinpflaster, kramte ein winziges Notizbuch aus ihrer Handtasche und kritzelte etwas hinein.

»Kazulé eilt der Ruf voraus, dass er einflussreiche Freunde in München in diversen Ministerien sitzen hat. Leute, denen er Gefallen getan hat. Leute, die auf der Karriereleiter die Balance halten und ganz nach oben wollen.« Ljubov strahlte, als ihr Baguette kam, und biss voller Appetit hinein.

»Diese Gefälligkeiten hat Kazulé aber nicht aus Menschenfreundlichkeit erledigt?«

»Klar nicht. Gerüchte besagen, er wolle ins Justizministerium nach München wechseln«, fügte sie gehässig hinzu und hustete anhaltend. »Blöde Qualmerei. Niemand weiß Genaues, und die, die es wissen, haben ihre Lippen mit einem Vorhängeschloss gepierct. Kerle in seinem Alter freuen sich gewöhnlich auf den Ruhestand. Kazulé gilt am PCG als Nervensäge, das weiß ich von Kollegen, deren Kinder an diese Schule gehen. Mischt sich in den Unterricht ein, hockt auf den Elternabenden herum und piesackt die Lehrer mit seiner Fachsimpelei. Ein typischer Besserwisser.«

»Valentin weiß etwas«, sagte Katinka. »Auf meine Bemerkung, ich hätte eine Nachricht von Hannes, reagierte er mit ›aber er hat doch gesagt …‹ und schluckte den Rest runter. Das klang für mich, als wäre Hannes’ Verschwinden abgesprochen.«

Ljubov sah sie nachdenklich an.

»Kátinka, Kátinka«, sagte sie.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Katinka schnell.

»Du versuchst, Kazulé junior dezent zu befragen. Sei vorsichtig, der Alte kennt alle Kniffe, Leute mit fadenscheinigen Beschuldigungen fertigzumachen. Ich fahre heute Nachmittag zu Jens. Sie müssen ihn rauslassen, wenigstens gegen Kaution.« Sie legte einen Zwanziger auf den Tisch und winkte der Bedienung. Mit dem Kinn wies sie auf das Gebäude der Theologischen Fakultät an der Frontseite des Platzes. »Die ziehen auch bald den Stecker raus«, sagte sie und nahm das Wechselgeld entgegen.

»Ist das schon durch?«, fragte Katinka.

Ljubov zuckte die Achseln.

»Bei zehn Studenten pro Semester, maximal? Wer braucht dafür eine ganze Fakultät?«

»Woher weißt du das alles?«, erkundigte sich Katinka.

Ljubov stand auf.

»Ich habe eine Rechnung mit denen offen«, sagte sie grimmig, während ihre Augen zum Fakultätsgebäude wiesen. »Es kann nie schaden, auf den Tag der Rache zu warten, geduldig wie ein Dachs in seinem Bau. Mach’s gut.« Sie winkte und ging davon, betrat den Innenhof der Uni und war aus Katinkas Blickfeld verschwunden.

4. CAYRRLQFOWPK

»Deine Freunde nennen dich Valente?«, fragte Katinka.

Der Junge neben ihr zog an seiner Zigarette und knurrte etwas. Sie saßen auf der Bank an der Schleuse 100 und blickten über das Wasser.

»Sie dürfen auf keinen Fall bei mir zu Hause anrufen«, sagte Valentin Kazulé. »Mein Vater braucht das nicht mitzukriegen.« Er betrachtete seine Zehen, die aus den klobigen Trekking-Sandalen herausragten. Die Angst drang ihm aus allen Poren. Er stand extrem unter Stress.

»Mich interessiert erst mal nur die Krypto-AG an eurer Schule«, sagte Katinka und hielt ihm eine Papiertüte mit Gummisauriern hin, die sie jeden Sommer in Großmarktmengen auf dem ›Wilde-Rose-Keller‹ kaufte. Er nahm einen grünen und kaute.

»Was macht ihr in der Kryptoanalyse, Valente?«

Die Anrede mit seinem Spitznamen lockerte ihn. Er grinste schief und sagte:

»Kennen Sie sich mit Codes aus?« Er warf die Kippe weg.

»Nein.« Katinka ließ den Blick schweifen, damit Valente ihre Ungeduld nicht allzu deutlich bemerkte. Von Westen trieben Wolken über die Domtürme. Es war sehr schwül. Die Stadt dürstete nach Regen.

»Falk bringt uns bei, wie man Nachrichten verschlüsselt und entschlüsselt. Hauptsächlich lernen wir, die Codes zu knacken. Deswegen Kryptoanalyse.«

»Woran übt ihr?«

»Am Anfang haben wir jeder mit einem eigenen Geheimtextalphabet Texte chiffriert, sie einem Kumpel gegeben, und der musste entschlüsseln. Man kann solche simplen Codierungen ganz gut knacken, wenn man die Häufigkeitsanalyse anwendet.« Er sah Katinka von der Seite an.

»Mach weiter«, sagte Katinka, zog die Beine an und lutschte an einem Saurier.

»Es gibt im DeutschenBuchstaben, die häufiger vorkommen als andere, und bestimmte Buchstabenkombinationen, die auch oft zusammen vorkommen. Das sind die Ansatzpunkte. Zum Beispieldie. Oderungwie inEinladung. Wenn man also drei Geheimtextbuchstaben hat, die immer wieder gemeinsam auftreten, dann kann man gewisse Rückschlüsse ziehen. Ein Typ namens Al-Kindī