Sieben fielen vom Himmel – Originalausgabe - Alexander Kröger - ebook

Sieben fielen vom Himmel – Originalausgabe ebook

Alexander Kröger

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Opis

Sieben Astronauten gelingt es nach der Havarie des Mutterschiffes, sich auf einen Planeten, den sie ‚Hoffnung‘ nennen, zu retten. Doch dort müssen sie mitten im Dschungel überleben. Die technisch hochstehenden Bewohner der Welt, die ihnen vielleicht helfen könnten, sind zunächst nicht zu finden. Doch wer sind eigentlich diese Astronauten? Alexander Krögers Debütroman von 1969 in der Originalfassung.

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Impressum

Alexander Kröger

Sieben fielen vom Himmel – Originalausgabe

Wissenschaftlich-phantastischer Roman

ISBN 978-3-95655-774-3 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 1969 im Verlag Neues Leben, Berlin (Band 86 der Reihe „Spannend erzählt“). Dem E-Book liegt die Originalausgabe von 1969 zugrunde. Es wurde lediglich auf neue Rechtschreibung umgestellt.

© 2017 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

1. Kapitel

Langsam kroch die Kälte in alle Räume. Zunächst war sie in den Arbeitsräumen spürbar, breitete sich dann aber rasch bis zur Mitte des Schiffes aus, bis sie schließlich alle Lebewesen den eisigen Hauch eines ewigen Schattens ahnen ließ.

Min kauerte auf ihrer Liege. Sie fror.

Sie fror schon seit Stunden, schon seit sie wieder in ihrer Kabine war und obgleich zu diesem Zeitpunkt das Thermometer noch die normale Bordtemperatur anzeigte.

Sie lag bereits einige Zeit, als die Heizaggregate abgeschaltet wurden. Ausruhen sollte sie, sie und die anderen - bis auf den Wachhabenden.

Wenn ich doch einschlafen könnte. Schlaf täte wirklich gut, überlegte Min. Die letzten Tage boten wenig Gelegenheit dazu. Oder bewegen müsste ich mich. Min gab den Gedanken sogleich wieder auf. Vielleicht ist ohnehin bald alles vorbei ...

Sie starrte an die gegenüberliegende Wand der Kabine und zuckte nur leicht zusammen, als das Hauptlicht erlosch. Im Schein der Notbeleuchtung wirkte die Zweckeinrichtung des Raumes kalt, gespenstisch. Min lächelte. Es wird angenehmer sein, dachte sie, wenn es in den letzten Stunden nicht so hell ist. Dann richtete sie sich mit einem Ruck auf.

Ist es überhaupt gerechtfertigt, dass ich resigniere? Ich lebe, und mit mir noch sechs. Der Kommandant und die Ingenieure sind zuversichtlich. Und gerade Chalo! Er hätte Grund, niedergeschlagen, ja sogar verzweifelt zu sein - aber gerade er ist es, der uns aufmuntert, uns Hoffnung gibt.

Schluss mit den Grübeleien! Min stand auf. Es sind noch Analysen zu machen. Chalo wird verstehen, dass ich nicht ruhe, nicht ruhen kann, dass ich auch nach dem Dienst noch arbeiten möchte.

Aber - ob es wirklich noch einen Sinn hat? Sind tatsächlich die anderen so zuversichtlich, oder geben sie sich nur so? Habe nur ich diese unbestimmte Angst vor dem Kommenden?

Unsinn! Eines Tages werden die Unsrigen unsere Spur finden.Und schon dafür lohnt es sich, alles zusammenzutragen, was nur möglich ist.

Min betrat den Kommandoraum. Chalo blickte auf.

„Nanu, Min“, sagte er, „du müsstest doch schlafen.“

„Ja“, antwortete sie. „Bitte, Chalo, ich weiß, dass du auch nicht immer schläfst, wenn du frei hast. Und ich könnte noch einige Analysen machen. Die Stürme gestern gingen bis in die Hochatmosphäre. Vielleicht gelingt mir eine genauere Aussage über die Bodenbestandteile der Wüstengebiete.“

„Es ist doch zu kalt“, sagte Chalo.

„Es wird schon gehen“, sagte Min., „In den Kabinen ist es auch ungemütlich - dazu das trübe Licht.“

„Ich denke, dass die Heizanlagen in einigen Stunden repariert sein werden", sagte Chalo nach einem Blick auf den Zeitautomaten.

Min trat an ein Bordfenster und sah hinaus. Schwarze Nacht. Wie weißglühende Funken gleißten die Sterne.

Ob einer unsere Sonne ist? Sie blickte flüchtig zum Kursanzeiger, ging, ohne dessen Angabe zu erfassen, zum nächsten Fenster und legte den Kopf an die Scheibe. In ihren Augen erglomm ein rötlicher Schein. Min blinzelte. Nur langsam überwand sie die Blendung. Unverändert das Bild des Planeten: riesige Wüsten, lang gestreckte Gebirgsgrate, aus der Entfernung, wie mit dem Lineal gezogen, öde, einförmige blaugrün-graue Flächen.

Und du gabst uns Hoffnung, hast uns, nur weil du ein wenig Sauerstoff in deiner Atmosphäre hast, annehmbare Lebensbedingungen vorgegaukelt und empfängst uns mit Sandstürmen und Dürftigkeit. Nein, du bekommst uns nicht. Lieber bleiben wir hier im Schiff ...

Chalo trat neben Min an das Fenster.

„Traurig?“, fragte er.

„Nein“, antwortete sie. „Ich habe ein wenig Angst, Chalo.“

Chalo schwieg. Er schaute mit hinüber zu der leuchtenden Scheibe. Dann sagte er leise: „Wenn wir dort gelandet wären, Min, wie wir ursprünglich wollten, dann müssten wir fürchten, dass weder wir uns selbst noch dass andere uns retten könnten. Aber jetzt - es ist alles vorbereitet. Wir haben die Chance zu leben. Der Dritte Planet, nicht der Vierte, bietet Leben. Du weißt das! Und sind wir nicht besser dran als unsere Gefährten von der J 2? Wir haben eine Hoffnung, aber sie?“ Chalo blickte starr aus dem Fenster. „Ob sie überhaupt leben?“, fügte er leise, wie zu sich selbst, hinzu.

Min schaute geradeaus. Sie wusste, dass sich der Mann neben ihr schon tausendmal diese Frage gestellt hatte, dass er dabei an seine Gefährtin dachte, die mit siebenundzwanzig Kameraden und dem interstellaren Schiff, der stolzen J 2, verschollen war. Und Min kam sich in diesem Augenblick mit ihrer Angst und ihren Zweifeln kleinmütig vor angesichts des stillen Schmerzes Chalos, der trotz persönlichen Leids anderen den Glauben an die Zukunft erhielt.

Chalo gab sich gleichsam einen Ruck, schaute Min an und sagte sachlich: „Ich habe übrigens erst vorhin mit Mangk noch einmal alles Für und Wider durchgesprochen. Wir wollen nun doch versuchen, eine Lastkabine mitzunehmen. Überleg dir schon, welche Dinge du mit hineingibst. Bedenke aber auch, dass bei dieser Kabine das Landerisiko größer ist als bei den Unsrigen.“

Min blickte auf. „Und du meinst, dass in den fast hundertvierzig ER, die wir zum Planeten Drei unterwegs sein werden, nichts in unseren Weg kommt? Eine einzige Kurskorrektur, ein Ausweichmanöver, und wir sind ein Satellit der hiesigen Sonne.“

„Nanu - hat die Jugend kein Vertrauen mehr?“ Chalo lächelte jetzt. „Die schlimmste Wegstrecke dürften wir hinter uns haben. Vom Fünften Planeten bis hierher haben wir zweiunddreißig Planetoiden geortet. Zwischen dem Planeten hier und dem Dritten, unserem Ziel, bisher keinen einzigen!“

„Weißt du, Chalo, was ich denke? Ob nicht die J 2 mit solch einem Brocken kollidierte? Sie befand sich zwar, von hier aus gesehen, jenseits des Fünften. Aber ganz frei war dort der Raum auch nicht. Vielleicht waren wir auf der Parkbahn zu sorglos geworden?“

Chalo schwieg. Er starrte auf die Planetenoberfläche, als suche er in den öden Gebirgen und Wüsten etwas Bestimmtes.

„Warum, Min, haben wir dann nichts von ihnen gefunden? Gar nichts! Ich habe mir diese Frage oft gestellt. Es war unser größtes Schiff. Das kann nicht einfach verschwinden. Wir hätten wenigstens - Trümmer finden müssen.“

„Wir kamen zu spät“, sagte Min.

„Dennoch“, erwiderte Chalo, „so weit reicht unser Radar. Es sei denn“, Chalo zögerte, „die J 2 hat mit der höchsten Stufe beschleunigt - aber warum sollte sie das? Und warum funkt sie nicht?

Lassen wir das, Min, unsere Fragen kann zurzeit niemand beantworten. Nimm dich bitte Surkis an. Sie scheint mir am niedergeschlagensten zu sein“, fuhr Chalo fort. „Ich erinnere mich an meinen ersten Flug. Es war kein interstellarer, und doch begleitete mich ständig eine Art Angst, obwohl alles normal verlief. Surki, unsere jüngste, wird gleich auf eine wesentlich härtere Probe gestellt. Wir müssen ihr helfen!“ Wieder änderte Chalo den Tonfall. Beinahe dozierend sagte er: „Es besteht wirklich kein Grund zu Unruhe oder - Angst, Min. Wir haben Glück. Wir schneiden dem Dritten Planeten den Weg ab. Unsere Energie reicht daher bis in seine Nähe, jedenfalls bis in seinen Anziehungsbereich. “

„Ja, aber dann ...“ Min blickte wieder auf den Planeten. „Eine Landung ohne Bremsraketen hat noch niemand gewagt.“

„Nun, dann sind wir eben die ersten“, sagte Chalo lächelnd.

In diesem Augenblick betrat Borl den Kommandoraum.

„Na“, sagte er fröhlich, „habt ihr euch unser rotes Irrlicht wieder einmal betrachtet?“ Er trat an das Bordfenster. „Bald werdet ihr keine Gelegenheit mehr dazu haben. In vier ER des Vierten müssen wir starten, wenn wir den Dritten auf seiner Bahn treffen wollen, ohne ihm hinterhergucken zu müssen.“

„Du hast bis zur Ablösung noch etwas Zeit, Borl“, bemerkte Chalo.

„Ja, ja“, sagte Borl zerstreut. „Ich komme nicht weiter. Die Funksignale sind so verworren, dass ich keines eliminieren kann. Hat Kark schon wieder etwas auffangen können?“

„Nein, erst in etwa drei Stunden haben wir wieder die Position, in der wir die Zeichen empfingen. Ein Zweifel besteht nicht, Borl, dass sie vom Dritten Planeten kommen?“

„Nein“, sagte Borl. „Es ist das Einzige, was wir so ziemlich sicher wissen. Übrigens, Chalo, ich sprach vorhin Rilt. Sie hat Bedenken wegen der tiefen Temperaturen.“

„Sage ihr, dass alles programmgemäß verläuft“, entgegnete Chalo. „Sie braucht wegen der vorübergehenden Kühle für unsere Gesundheit nicht zu fürchten.“

Min ging in das Laboratorium. Chalo hat nicht viel gesagt, dachte sie. Aber irgendwie versteht er es, seine Zuversicht anderen mitzuteilen.

Sie bereitete das Spektrometer vor, legte die Aestuogramme in die Halter, drehte die Okulare in den richtigen Abstand und begann mit der Auswertung. Sie sah in das helle Durchlicht der Verdampfungsbilder, schaltete die Dispersionssysteme zu und suchte nach charakteristischen Linien, den Magnetspeicher aufnahmebereit neben sich.

Das Bild vor ihren Augen verblasste; ihre Gedanken glitten ab. Deutlich vermeinte sie das Gleißen der Außenhaut von J 2 wieder zu sehen, wie damals, als ihr Landeschiff ablegte. J 2 zog ruhig seine Parkbahn am äußersten Rand der Ökösphäre des Systems der gelben Sonne. Auch das Ziel ihres Landeschiffes, der Fünfte Planet, der Riese mit seinen zwölf Monden, versprach wenig Aufregendes. Min erlebte noch einmal die Landung auf dem ihn am nächsten umkreisenden Mond. Die Arbeit! Bei dem Gedanken an die vielen Analysen damals erinnerte sich Min, dass sie eigentlich auch jetzt arbeiten wollte. Für einen Moment konzentrierte sie sich wieder auf das Bild im Spektrometer. Doch das Gespräch mit Chalo, das Erinnern an die jüngste Vergangenheit, die allein die Zukunft der sieben bestimmte, ließ die beschworenen Bilder und Eindrücke nicht verblassen. Min lehnte sich zurück.

„Wieso?“, fragte damals Chalo unaufmerksam, als Kark meldete, dass nach Verlassen des Funkschattens hinter dem Riesenplaneten keine Verbindung mehr mit J 2 bestünde. Auch nach Stunden, als feststand, dass sich J 2 nicht mehr auf der Parkbahn befand, konnten sie es nicht fassen. Min empfand noch einmal die unsinnige Hoffnung, die sie befiel, als sich das Landeschiff mit höchster Beschleunigung dem errechneten Standort von J 2 näherte, die Hoffnung, dass vielleicht durch ein nicht bekanntes technisches oder natürliches Phänomen lediglich der Kontakt abgerissen war und der Radarreflex jede Sekunde auf dem Schirm aufblitzen musste.

Min sah das steinerne Gesicht Chalos, als er die hoffnungslose Suche einstellen ließ. Kein Widerspruch erhob sich. Ihm, der seine Gefährtin auf J 2 hatte, musste diese Entscheidung am schwersten fallen. J 2 war verschwunden, aber im Landeschiff waren sieben am Leben. Für die sieben galt es zu handeln; und Chalo handelte.

„Min“, fragte er, „sind die Ergebnisse über die Atmosphäre des Planeten Vier geprüft? Ist tatsächlich Sauerstoff vorhanden?“

Beinahe hätte Min auch jetzt wieder „ja“ gesagt, so gegenwärtig stand die Erinnerung vor ihr.

„Also Kurs auf den Vierten Planeten. Wir stehen noch nicht ganz in Quadratur zu ihm. Jede Minute ist kostbar, der Abstand vergrößert sich. Mangk, Borl, bitte Kurs berechnen, sodass wir ohne Risiko durch den Planetoidengürtel kommen und mit einer solchen Beschleunigung, dass die Energie für eine sichere Landung reicht.“

Das sorgenvolle Gesicht Mangks schob sich in Mins Bewusstsein, als er unterwegs meldete, dass durch die komplizierte Bahn und die hohe Beschleunigung beim Einholen des Planeten Vier mehr Treibstoff verbraucht worden war, als ursprünglich vorgesehen.

Min durchlebte noch einmal die sich steigernde Niedergeschlagenheit, die sich, je näher sie dem Vierten kamen, mehr und mehr ausbreitete: Die Hoffnung, ausreichende Lebensbedingungen vorzufinden, erfüllte sich nicht. Und wieder war es Chalo, der Zuversicht verbreitete. Min erinnerte sich an die erste Beratung nach dem Einsteuern in die Umlaufbahn um den Planeten Vier. Sie rief den Speicher an, wählte das Datum und schaltete den Lautsprecher ein. Nach den üblichen knappen Bordberichten der Wachhabenden klang Chalos Stimme vom Band des Speichers durch das Laboratorium:

„Der Vorschlag, den ich jetzt machen werde - Mangk und ich haben ihn vereinbarungsgemäß aus dem, was wir bisher wissen, erarbeitet - bringt, sagen wir vorsichtig, mit achtzigprozentiger Sicherheit die Rettung. Ich will und darf hier nichts beschönigen. Die Situation, in der wir uns befinden, ist ernst, aber es besteht kein Grund zur Resignation.

Der Plan ist einfach: Ihr wisst, dass wir den Planeten vor uns in der Hoffnung angesteuert haben, dass wir hier einigermaßen brauchbare Lebensbedingungen vorfinden, um trotz der Katastrophe unseren Auftrag zu erfüllen und um unser Leben zu retten. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Wir wissen jedoch, dass der hiesige Planet einen Nachbarn hat. Dieser befindet sich zur-Zeit diesseits der Sonne, und seine Bahn verläuft für uns günstig. Er bietet aller Voraussicht nach Bedingungen, unter denen wir zumindest eine Zeit lang leben können. Er hat eine Atmosphäre, in der ebenfalls Sauerstoff, und zwar über zwanzig Prozent, nachgewiesen werden konnte. Wir haben weite Flächen gesichtet, die wahrscheinlich mit Wasser bedeckt sind. - Das kann natürlich eine Täuschung sein; denn so viel Wasser wäre beinahe unglaubhaft. Andere Teile haben eine ziemlich einheitliche Färbung, die auf eine Art Vegetation schließen lässt, wenn sie auch von der unserer Heimat - schon der Farbe nach - verschieden sein dürfte.“

Mins Aufmerksamkeit glitt ab. Es beschlich sie wieder so etwas wie Angst. Noch lag eine große Entfernung zwischen ihnen und dem vielleicht lebensfreundlichen Planeten.

Min musste an das Sonnensystem ihrer Heimat, an ihre Eltern denken. Vor Jahren, als die Randplaneten erforscht wurden, steuerten sie den Sechsten an. Berichte, die von Bodenstationen des Heimatplaneten und unbemannten Sonden stammten, lauteten günstig. Man war überzeugt, gute Lebensbedingungen vorzufinden. Das Schiff drang in die Atmosphäre ein; bis wenige Hundert Meter über der Oberfläche stand die Besatzung mit der Heimat in Funkverbindung. Dann verstummten die Signale, die Mannschaft blieb verschollen. Ein zweiter Versuch mit einer unbemannten Rakete scheiterte ebenso. Erst als die Raumtechnik so weit war, dass mit großen Schiffen in die Nähe des Planeten geflogen werden konnte und von dort aus eine systematische Erforschung begann, konnte festgestellt werden, dass sich in einigen Niederungen der Planetenoberfläche Kohlenwasserstoffgemische angesammelt hatten. Die Raketen zündeten bei der Landung diese Gasgemische. Die Frauen und Männer, ihre Eltern, kamen mit jenem ersten Schiff um.

Die Gasansammlungen waren so gering, dass sie aus größerer Entfernung mit den Spektralapparaten der damaligen Zeit nicht festgestellt werden konnten. Min verscheuchte ihre Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Worte Chalos.

„Nun das Wichtigste für den Weiterflug: Der Treibstoff unserer Haupttriebwerke reicht gerade so weit, dass wir bei aller Sparsamkeit nur bis in die Nähe des Dritten Planeten kommen.

Wir werden also dann, wenn der Treibstoff der Antriebswerke restlos verbraucht ist, auch den der Bremstriebwerke für den Weiterflug ausnutzen. Damit werden wir in die Wirkungssphäre des Dritten Planeten kommen und von diesem Augenblick an ihm entgegenstürzen. Zwischenfälle - vielleicht Begegnungen mit Meteoriten oder schädliche Strahlungsfelder - darf es nicht geben. Wir können nicht ausweichen. Die größte Unsicherheit im Plan tritt in dem Moment ein, an dem wir in die Atmosphäre eindringen. Da auch der Treibstoff der Bremsraketen verbraucht sein wird, kann das Schiff nicht mehr abgefangen werden. Wir müssen auch ziemlich zentral ansteuern, damit die Gefahr des Vorbeifliegens so gering wie möglich wird. Ihr wisst, was es bedeutet, wenn wir den Anziehungsbereich des Planeten wieder verließen.

Das Schiff wird, bedingt durch das steile Anfliegen, fast senkrecht in dichte Schichten der Atmosphäre eindringen und trotz der Schutzverkleidung rasch glühen. Zu diesem Zeitpunkt muss die Besatzung das Schiff verlassen haben!“

Min empfand auch jetzt bei nochmaligem Zuhören wieder deutlich die Pause, die Chalo nach diesen Worten einlegte. Ihr war damals wie jedem klar, dass Chalo wusste, dass er eigentlich etwas Unmögliches vorgeschlagen hatte. Min erinnerte sich, wie Rilt, immer etwas impulsiv und energisch, erregt eine Zwischenfrage stellen wollte, als Chalo bereits fortfuhr:

„Ich bin durch die Ereignisse der letzten Tage nicht verrückt geworden. Aber bitte, sagt selbst, was zu tun ist? Ohne Bremsraketen können wir nicht landen, weil wir ohne sie gar nicht bis zur Planetenoberfläche kämen, also bleibt uns als einzige Möglichkeit das Aussteigen. Es war uns, als wir diese Möglichkeit erwogen, klar, dass wir nicht einfach unsere Schutzanzüge überstreifen, aussteigen und die Fallschirme ausklinken können. Das Aussteigen wird in großer Entfernung von der Planetenoberfläche erfolgen. Wir können daher nicht erwarten, dass die Atmosphäre dann schon so dicht ist, dass sie unsere Schirme trägt. Wir haben also mit einem freien Fall zu rechnen und müssen uns daher gegen eine mögliche Reibungswärme schützen. Ich schlage dazu vor, dass wir in der nächsten Zeit einen Teil des Wärmeschildes unseres Schiffes abmontieren. Wir werden aus diesem Material und den Reserveplatten sieben kleine, doppelwandige Kabinen herstellen, sieben für uns und vielleicht eine große für Vorräte. Der Aufenthalt in den Kabinen wird auch bei hohen Außentemperaturen eine gewisse Zeit erträglich sein.

Und nun das Wichtigste:

Es ist möglich ...“, noch einmal empfand Min die Tragweite der Worte, die Chalo langsam betont sprach, „... dass der Dritte Planet von vernunftbegabten Wesen bewohnt wird. Kark hat vor wenigen Stunden Funksignale aufgefangen, die darauf hindeuten.

Im Weltraum nach einer so langen Fahrt und nach dieser Katastrophe auf vernünftige Wesen zu stoßen, Freunde, das wäre ein Ereignis und ein Ergebnis unserer Expedition, das wir uns damals beim Start nicht zu erträumen wagten. Dafür sollten sich alle Mühen, Entbehrungen und Ängste gelohnt haben.

Aber - wir landen in Not, und wir wissen nicht, auf welcher Stufe und in welcher gesellschaftlichen Formation diese Wesen leben. Es ist daher - jedenfalls nach meiner Meinung - äußerste Vorsicht geboten. Wo sich solche Wesen zeigen sollten - noch ist nicht erwiesen, dass es sie tatsächlich gibt -, muss bei aller Vorsicht versucht werden, mit ihnen Verbindung aufzunehmen. Tritt man uns feindlich entgegen, ziehen wir uns zurück. Nur im äußersten Notfall, zur Verteidigung unseres Lebens, werden wir Gewalt anwenden. Für einen solchen Fall ist jeder mit dem Handstrahler ausgerüstet. Es ist anzunehmen, dass diese Lebewesen, auch wenn sie hoch entwickelt sind, doch den Stand unserer Technik noch nicht erreicht haben, sonst hätten wir in ihrem Sonnensystem etwas von ihnen bemerken müssen. Deshalb dürften unsere Strahler, die selbst bei uns Neuentwicklungen sind, wirksame Waffen sein. Aber wie gesagt: Nur bei höchster Gefahr für das eigene Leben dürfen sie gegen Lebewesen eingesetzt werden.

Freunde, wir sind vom Rat unserer Planeten beauftragt worden, dieses Sonnensystem zu erforschen. Wir waren fünfunddreißig. Fünfunddreißig der besten Wissenschaftler und Techniker unserer Völker.

Wir sind noch sieben. Ob unsere Gefährten am Leben sind, den Weg in die Heimat zurückfinden, wissen wir nicht.

Wir haben die Pflicht, den Auftrag zu erfüllen - auch im Namen der verschollenen Kameraden. Wir müssen weiterforschen und alles Neue registrieren, solange wir am Leben sind.

Solange wir am Leben sind, ist es die Pflicht eines jeden Einzelnen, danach zu trachten, auf unseren Heimatplaneten zurückzukehren oder dorthin eine Verbindung herzustellen, schon, um die bisherigen Ergebnisse der Expedition zu übermitteln.

Es ist die Pflicht eines jeden Einzelnen von uns, sein Leben so lange wie möglich zu erhalten. Auch wenn nur einer zur Oberfläche des unbekannten Planeten gelangt, hat er diese Aufgabe.

Möglicherweise stoßen wir auf die Hilfe bisher unbekannter Wesen. Aber zunächst sind wir auf uns allein angewiesen - vielleicht jeder auf sich allein …“

Die letzten Worte waren leise und mit Zwischenräumen aus dem Lautsprecher gekommen. Min empfand noch einmal den ernsten Blick, mit dem Chalo jeden Einzelnen der kleinen Mannschaft ansah.

Sie schaltete die Speicheranlage aus. Ich werde noch ein wenig zu schlafen versuchen, dachte Min, für die Analysen wird schon noch Zeit bleiben.

2. Kapitel

Die wenigen Tage im Raumschiff, die bis zum Start nach dem bläulich leuchtenden Dritten Planeten verblieben, vergingen schnell. Die Besatzungsmitglieder arbeiteten unter Einsatz aller Kräfte. Es blieb nur kurze Zeit für persönliche Gespräche bei Tätigkeiten, die dieses zuließen. Alle übrigen Stunden wurden für die notwendige Regenerierung des Organismus, für den Schlaf, benötigt.

Nur einer kleinen Gruppe, gebildet aus dem Chefingenieur, dem Mathematiker und dem Funker, oblag die Überwachung des Standortes. Sie beobachteten ständig den Planeten Vier, den Roten, wie sie ihn nannten, seine beiden kleinen Monde und den Raum in unmittelbarer Nähe des Schiffes. Ferner hatte diese Gruppe Daten über den nun sichtbaren Dritten Planeten zu sammeln, soweit das aus der riesigen Entfernung mit den wenigen Hilfsmitteln des Schiffes möglich war.

Die weitere Beobachtung des Vierten Planeten bekräftigte den Eindruck, den sie sofort nach dem Einsteuern in die Kreisbahn bekamen: Eine Landung ohne die Möglichkeit eines Starts wäre gleichbedeutend mit einem langsamen Tod. Im gleißenden Sonnenlicht, im Teleskop deutlich sichtbar, bot sich den Kosmonauten ein trostloses, unheimliches Bild von Sandwüsten, zerklüfteten Felsen und Trockenrissen. Öde, blaugrau gefärbte Flächen, die im steten Kampf mit den roten Sandwüsten ringsum zu liegen schienen, zeugten von niederer Vegetation. Die sichtbare weiße Polkappe bestätigte auch, dass Wasser in der Atmosphäre nicht gänzlich fehlte. „Es wird wenigstens vierzehn Umläufe des Planeten Vier dauern, bevor ein Entsatzschiff der Heimat den ehemaligen Standort der J 2 erreichen wird. Wenn sie dann gleich die von uns auf eine Kreisbahn um den Fünften Planeten gebrachte Sonde finden, brauchen sie mehr als einen weiteren Umlauf bis hierher zum Roten Planeten. Die Konstellation wird dann nicht so günstig sein wie jetzt.“ Ernst, sachlich berichtete Mangk, als er nach dem Abschluss des Einsteuermanövers seine Berechnungen vorlegte.

„Theoretisch würden wir etwa zehn Jahre hier leben können - außerhalb des Landeschiffes ausschließlich im Skaphander und vorausgesetzt, dass die Verflüssigungsmaschine zur zusätzlichen Sauerstoffgewinnung aus der Atmosphäre niemals versagt. Nahrung müsste aus der dürftigen Vegetation des Planeten gewonnen werden. Dauernde Regeneration des Wassers, der Nährstoffe, das Bestehen unbekannter Gefahren, dieses ewige Wandern der Sandwüsten, und das Wesentlichste, das Fehlen von vier Jahren in der Sauerstoffregenerationskette bewegen mich zu dem Vorschlag, nicht zu landen. Der Dritte Planet des Systems hat genügend Sauerstoff. Ich meine, wir sollten versuchen, zu ihm zu gelangen!“

Deutlich erinnerte sich Min dieses Berichts. Sie stand neben Surki am Fenster, wenige Stunden vor dem Start zum Dritten Planeten. Die leuchtende Scheibe des Vierten nahm das Bild ein. Mangk hat recht, wir alle haben recht, dachte Min, es ist so logisch, dass wir wegfliegen, aber was erwartet uns? Erreichen wir den Dritten? Wie empfängt er uns?

Surki starrte in das Bild, sah zu Min auf und senkte dann den Blick. Zwei große Tränen lösten sich aus ihren Augen.

„Was wird werden, Min?“, fragte sie.

„Es wird alles gut, Surki!“, sagte Min. „Trauere diesem roten Koloss nicht nach, komm ...“ Min sprach laut, um das Würgen in ihrer Kehle zu überrumpeln.

Der Start zum Planeten Drei verlief normal. Langsam zog das Schiff seine Bahn, gerade so beschleunigt, dass es mühelos dem Gravitationsfeld des Vierten Planeten entrinnen konnte. Borl hatte die Eigenrotationszeit des Dritten berechnet. Danach verblieben bis zum Einsteuern in die Landebahn 139 ER, eine Zeit, die den Kosmonauten viel zu kurz erschien, um alle möglichen und notwendigen Daten ihrer Umgebung und des näher kommenden Dritten Planeten mit seinem Mond aufzunehmen und zu verarbeiten.

Am 51. Tag zerriss ein weittragendes Ereignis den Rhythmus der Arbeit und ließ das Ziel, den Dritten Planeten, übermächtig in den Mittelpunkt treten:

Kark, dem der gesamte Funkdienst oblag, hatte bei seinen täglichen radiometrischen Messungen während einer unbeabsichtigten Veränderung des Frequenzbereiches auf dem Bildschirm des Oszillografen neben den Messimpulsen ein rhythmisches Aufleuchten bemerkt. Er unterbrach sofort die Routinearbeiten, verständigte durch ein Summersignal den Kommandanten und war gleichzeitig bemüht, die Zeichen auf dem Schirm zu verdeutlichen. Eine Kontrolle der Frequenz ergab, dass sie nicht mit jener übereinstimmte, auf der schon einmal über eine kurze Zeitspanne unverständliches, aber systematisches Signalgewirr empfangen worden war. Dieses Signalgewirr und einzelne Daten über die Beschaffenheit der Planetenoberfläche und der Atmosphäre waren Anlass zu der Vermutung, dass der Dritte Planet möglicherweise von vernunftbegabten Wesen bewohnt sei. Das Gewirr war auch wiederholt bei der Annäherung an ihren jetzigen Standort aufgefangen worden.

Der Kommandant kam sofort in den Funkraum und beobachtete ebenfalls gespannt die Handgriffe Karks, der sich bemühte, durch vorsichtiges Bewegen des Außenreflektors in zwei Richtungen die Impulse zu verdeutlichen. Als die Zeichen auf dem Bildschirm ein Optimum an Schärfe erreicht hatten, legte er einen Schalter an der Apparatur um, der die Impulse auf einen Lautsprecher gab. Sofort war die kleine Kabine von einem starken Rauschen erfüllt, in welches rhythmische Signale in ungleichmäßigen Abständen mit einer eigenartigen Tonfarbe eingelagert waren. Vorsorglich hatte Kark einen Magnetspeicher zugeschaltet, der die Zeichen festhielt.

Die merkwürdigen, immer in einer Tonhöhe bleibenden Laute verstärkten sich. Gespannt lauschten die beiden Männer. Die Zeichen, obgleich sie an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, blieben völlig unverständlich.

„Es klingt zumindest so ähnlich wie einige Laute aus dem Signalgemisch, das wir letztens auffingen“, unterbrach der Kommandant die lastende Atmosphäre, die durch flackernde Kontrolllampen, überlautes Summen, vor allem aber durch die unverständlichen Zeichen in der engen Kabine herrschte.

„Die Frequenz ist anders.“

Der Kommandant überzeugte sich mit einem schnellen Blick zur Skala. „Entfernung?“

„Schwer zu sagen“, der Funker machte eine unschlüssige Bewegung, „der Reflektor zeigt genau auf Planet Drei ... Wenn man wüsste, mit welcher Intensität die Zeichen ausgestrahlt werden.“

„Jedenfalls steht nunmehr eindeutig fest“, Chalo sprach ruhig, ohne aber seine innere Erregung völlig verbergen zu können, „dass diese Zeichen nicht zufällig durch Schwingungsüberlagerungen, Reflexion der eigenen Entfernungsmesswellen oder durch einen anderen, uns nicht bekannten elektromagnetischen Effekt hervorgerufen werden, sondern dass vernünftige Wesen ihre Urheber sind.“

Ein starkes Rauschen und das langsame Abklingen der Signale lenkte die Aufmerksamkeit Karks auf die Apparatur. Durch schnelles Umschalten auf den Oszillografen und Überprüfen der Feinregulierung überzeugte er sich, dass die Apparatur immer noch optimal eingestellt war. Die Richtung, aus der das Raumschiff die Zeichen auffing, hatte sich nicht geändert. Ständig nahm die Lautstärke ab, bis schließlich, auch bei angestrengtestem Hören, nur noch das eintönige Rauschen aus dem Lautsprecher drang.

„Nicht weiter suchen.“ Chalo berührte Kark, der fast verzweifelt an der Apparatur herumschaltete. „Lass das Gerät mit voller Lautstärke auf Empfang stehen und suche über die Leitkanäle weiter. Ich rufe alle zu einer kurzen Aussprache. Du bleibst hier, weißt ja ohnehin, um was es gehen wird. Die Aufzeichnungen nehme ich einstweilen mit. Schalte bitte die Ersatzspule an.“

Während Kark bereits das Funkleitsystem einschaltete, montierte Chalo mit einigen Griffen das Magnetspeichergerät aus und verließ damit den Raum.

Sie waren sich alle in den letzten Tagen noch nähergekommen. Wenn auch keine Zeit blieb, um Gespräche über die persönliche Sphäre des einzelnen zu führen, über sein Leben oder seine Pläne, so hatten sie doch das gleiche Schicksal, das gleiche Ziel und die Tatsache, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen zu sein, einander nähergebracht, als es die langjährige Bekanntschaft auf der J 2 vermocht hatte.

Die plötzlich anberaumte Zusammenkunft löste bei den einzelnen Besatzungsmitgliedern Erstaunen aus. Es musste schon ein sehr wichtiges Ereignis sein, das den Kommandanten veranlasste, in der knapp bemessenen Vorbereitungszeit eine Zusammenkunft einzuberufen.

Die Spannung ließ sich aus den einzelnen Gesichtern ablesen. Sie kamen, wie sie waren - meist in Arbeitskitteln - aus der Werkstatt, in der die Landekabinen ihrer Vollendung entgegengingen. Der Chefingenieur hatte ein zangenähnliches Werkzeug in der Tasche seines Kittels, das bei jeder Bewegung an den Körper schlug. Er hatte in der Eile vergessen, es abzulegen.

Nachdem Chalo sich überzeugt hatte, dass außer dem Funker alle anwesend waren, erklärte er den Grund der Zusammenkunft:

„Nur kurz zur Information und Beratung. Wir wollen nicht viel Zeit damit verlieren, es ist jedoch möglich, dass schnellstens Beschlüsse gefasst werden müssen, und da diese mit weittragenden Folgen verbunden sein können, hat die gesamte Besatzung darüber zu entscheiden.

Kurz: Es ist zur Gewissheit geworden, dass in nicht allzu großer Entfernung von uns vernunftbegabte Wesen beheimatet sind oder sich zumindest aufhalten. Diese Signale“, er drückte auf eine Taste des Wiedergabegerätes, „hat Kark vor ganz kurzer Zeit aufgefangen.“

Im Raum war es still. Sie blickten gespannt auf die sich langsam drehenden Spulen. Plötzlich ertönte wieder das Rauschen, aus dem wenig später überlaut die Signale hervortönten. Der Kommandant verringerte die Lautstärke und flüsterte mit Mangk. Dieser ging, wie es schien ein wenig widerwillig, aus dem Raum. Schließlich wollte keiner gern auf die zu erwartende wichtige Beratung verzichten, obgleich der Bordfunk zugeschaltet werden konnte.

Keiner sprach. Die Zeichen klangen noch laut und deutlich aus den Lautsprechern, als Kark im Gemeinschaftsraum erschien. Er sollte als Fachmann, während Mangk seinen Posten ausfüllte, funktechnische Fragen klären helfen.

Als die Zeichen verklungen waren, schaltete der Kommandant eine zweite Magnetspule für die Protokollierung ein und wandte sich an Borl mit der alle bewegenden Frage: „Siehst du eine Möglichkeit, die Zeichen zu entziffern?“

Borl überlegte. Er hatte eine langjährige Praxis als Ingenieur für Mechanik. Sein Hobby lag jedoch auf dem Gebiet der Analogierechnung. „Gewiss“, meinte er nun bedächtig, „aber nicht so bald, da ich den Schlüssel nicht kenne. Wie ich meine“, damit wandte er sich an Kark, „sind die Zeichen hinsichtlich ihrer Länge moduliert.“

Der Funker bestätigte durch eine Kopfbewegung.

„Wenn es uns gelingt“, fuhr Borl fort, „weitere Zeichen aufzufangen, sehe ich eine Möglichkeit, wenigstens den Sinn einiger Einzelinformationen oder einzelner Zeichen zu erfassen.“

„Wir versuchen es. Es kann jedoch ein Zufall sein, dass uns diese Aufnahme gelungen ist.“ Die Worte des Funkers klangen wenig optimistisch.

„Ist es denn sicher“, meldete sich Surki, „dass die Zeichen vom Planeten kommen?“

Chalo erklärte: „Es gibt meiner Meinung nach drei, nein, vier Möglichkeiten. Vielleicht können wir die eine oder andere davon ausklammern, aber zunächst sind es so viele: Erstens, die Zeichen stammen vom Mond des Dritten Planeten. Zweitens, die Signale kommen vom Dritten Planeten, und wir haben sie direkt empfangen. Drittens, mögliche Bewohner des Planeten unternehmen die ersten Schritte zur Erforschung des Weltraumes, und sie haben zu diesem Zweck künstliche Satelliten gestartet, die nunmehr den Planeten umkreisen und Forschungsergebnisse zu den Stationen auf seiner Oberfläche senden. In diesem Falle müssten sich die Zeichen eigentlich periodisch wiederholen. Das wird die Zukunft zeigen.

Viertens, nicht der vor uns liegende Planet ist bewohnt, sondern ein anderer der hiesigen Sonne - oder es sind außer uns noch Raumfahrer eines anderen Systems in der Nähe. Und diese Wesen, gleichgültig, wo sie herstammen mögen, unterhalten Funkverbindung mit ihrer Heimat oder sie haben eine unbemannte Station ausgesetzt, die Warnzeichen oder andere Informationen sendet.

Von diesen vier Möglichkeiten kommen nach meiner Ansicht jedoch nur die beiden letzten in Betracht - obgleich die ersten nicht völlig ausgeschlossen sind.“

„Der Ansicht bin ich auch“, schaltete sich Rilt ein. „Wenn die erste Variante zuträfe, müssten bei unserer Empfangsanlage die Zeichen noch deutlicher sein und vor allem nicht so kontinuierlich verklingen. Es wäre natürlich denkbar, dass, wenn schon keine bemannte, so doch eine unbemannte automatische Station auf dem Mond des Dritten steht. Der Planet hat eine ziemlich dichte Atmosphäre, deren oberste Schichten ganz gewiss ionisiert sind. Es ist daher kaum anzunehmen, dass Funkzeichen mit dieser Frequenz in einer solchen Intensität von dort zufällig zu uns dringen. Es müssten schon stark gebündelte Strahlen sein, die aber normalerweise nur auf bestimmte Objekte gerichtet werden. Ein solcher Richtstrahl könnte nur durch eine Kette von Zufällen zu uns gelangen, und das ist unwahrscheinlich ...“

„Und wenn wir das Objekt sind, dem die Wellen gelten?“, warf Min erregt ein.

„Auch dann dürften die Zeichen nicht schwinden. Außerdem glaube ich nicht daran. Unser winziges Schiff aus dieser Entfernung zu entdecken, setzt eine außerordentlich hoch entwickelte Radartechnik voraus, und die können wir nach all dem, was wir hier bisher festgestellt haben, nicht annehmen. Dann dürfte nämlich im Raum um die Planeten schon regerer Funkverkehr herrschen. Der Vierte Planet zum Beispiel bietet sich für die Einrichtung einer Raumstation geradezu an. Ich meine, dass die Signale nicht direkt vom Blauen Planeten kommen. Ich glaube an einen künstlichen Satelliten!“

„Ich halte auch die vierte Version für sehr unwahrscheinlich“, nahm Borl nach dem Funker das Wort. „Es wäre wiederum ein ausgesprochener Zufall, wenn gerade zum Zeitpunkt unseres Eintreffens hier auch noch andere Weltenwanderer in der Nähe wären. Ich bin auch ...“

Plötzlich ertönte ein Summerton. Sie blickten überrascht zum Lautsprecher. Aufgeregt meldete sich Mangk aus der Funkkabine: „Achtung, ich habe mit der Anlage zwei wieder Signale eingefangen, ich lege sie gleich auf den Bordfunk, Moment ...“

Wieder starkes Rauschen aus dem Lautsprecher, dann ganz leise Töne.

Der Rhythmus und auch die Tonlage waren im Vergleich zu den ersten Zeichen anders, der Empfang schlechter. Aber unverkennbar, es musste ein ähnliches System sein.

Aber auch diese Zeichen verklangen allmählich, bis das starke Rauschen der Apparatur den Raum wieder ganz ausfüllte. Eine starke Erregung hatte sich der Anwesenden bemächtigt.

„Ein zweiter Satellit.“

„Versuche, mit uns auf einer anderen Frequenz in Verbindung zu kommen.“ Erregt gingen die Vermutungen hin und her.

Der Kommandant schaltete eine Verbindung mit der Funkkabine. Als mit einem hörbaren Knacken aus dem Lautsprecher die Sprechbereitschaft Mangks angekündigt wurde, verstummten alle.

„Bitte die Frequenz und die Richtung.“ Der Stimme Chalos merkte man die Erregung nicht an.

„Frequenz fast hundert mehr als die ersten Zeichen, Richtung nur um weniges verschieden. Die Intensität geringer. Anlage eins zeigt nichts Neues“, ertönte es knapp aus dem Lautsprecher.

„Apparatur zwei ebenfalls eingeschaltet lassen. Aufnahmegeräte und Bordfunk anschließen, dann kannst du herkommen, Ende.“

Es knackte wieder im Lautsprecher, das Rauschen ertönte abermals. Der Bordfunk war mit den beiden Empfängern verbunden.

„Ich bin vorhin durch das Einsetzen der neuen Signale unterbrochen worden“, sagte Chalo ruhig, „die neuen Zeichen bestätigen die Ansicht, dass es sich um Satelliten handelt, die in der Nähe des Planeten Drei kreisen. Vielleicht handelt es sich um mehrere, die unterschiedliche Aufgaben haben und auf unterschiedlichen Frequenzen senden. Merkwürdig finde ich nur, dass sich die Impulse des ersten Signals von denen des zweiten unterscheiden. Selbst bei verschiedenen Aufgaben der Satelliten müssten die Einzelzeichen ziemlich gleich sein, es sei denn, es läge ein anderer Schlüssel zugrunde, und das wäre wieder unverständlich.“

Während der Kommandant sprach, war Mangk eingetreten. Er hatte die letzten Worte mitgehört. Als Chalo schwieg, sagte er zögernd: „Beim Suchen über die Leitkanäle war es mir mehrmals so, als ob in dem starken Rauschen - ich hatte die gesamte Lautstärke eingesetzt - wieder ähnliche Signalgewirre, wie wir sie schon einmal empfangen hatten, eingelagert gewesen wären. Das Bemerkenswerte daran ist, dass es sich immer um den gleichen Frequenzbereich handelt. Und zu diesem Bereich gehören auch die Frequenzen der beiden Signale.“

„Schade, dass wir nicht noch eine Anlage haben“, bedauerte Kark, „wir könnten damit noch weitersuchen.“

„Das werden wir auch so. Wir müssen nur erst einmal feststellen, ob sich die Signale wiederholen.“

„Wichtiger ist“, antwortete die Ärztin dem Chefingenieur, „gleichgültig, ob sich die Signale wiederholen oder nicht, was wir un…“

„Still!“ Kark war an den Bordlautsprecher getreten.

Die Ärztin verstummte. Alle lauschten.

Und jetzt hörten sie es auch: Kaum vernehmbar ertönten wieder die Signale, die von der Apparatur eins als erste aufgefangen worden waren; der Unterschied zu den zweiten Zeichen ließ sich deutlich erkennen: größere Zwischenräume, tiefere Tonlage und besserer Empfang.

Die Töne schwollen in ihrer Lautstärke an. Sie erhoben sich langsam über das Rauschen, wurden noch lauter. Die kurzen und langen Impulse füllten den Raum.

Min hatte den Eindruck, als ob sich die Töne auf ihre Atemorgane legten, als ob ihr die leichte Kombination zu eng wäre. Sie blickte zu Mangk, auch er war erregt.

Deutlich ließ sich das Einsetzen und Abreißen der einzelnen Impulse unterscheiden. Sie schienen ihr Lautstärkemaximum erreicht zu haben. Eine ganze Weile hielten sich die Zeichen in gleicher Intensität. Dann gingen ganz allmählich Härte, Schärfe und Lautstärke zurück.

„Ein Satellit!“ Bestimmt sagte das Chalo in das allgemeine Schweigen hinein.

„Bin auch der Meinung.“

„Kaum anders denkbar.“

Von allen kam Zustimmung.

„Und ob das zweite Signal auch von einem Satelliten kommt, wird sich feststellen lassen“, sagte Kark, „es müsste sich dann ebenfalls wiederholen.“

„Und warum ist es schwächer?“, fragte Min.

„Vielleicht ein schwächerer Sender, oder sein Bahnradius ist kleiner und er ist weiter von uns entfernt - ach, da gibt es viele Erklärungen.“

„Aber es kann nur ein Satellit sein“, sagte Borl. „Das langsame Anschwellen und das Abklingen beweisen es. Einmal befindet sich der Dritte Planet zwischen uns und dem Satelliten und einmal der Satellit zwischen uns und dem Planeten. Und da wir die ungefähre Masse des Planeten kennen und demnächst auch die Umlaufzeit des Satelliten, könnten wir doch noch einige Daten bekommen. Möglicherweise gelingt es, einiges über die Aufgaben des Satelliten herauszubekommen.“ Er hatte sich in Eifer geredet. Man sah es ihm an, dass er am liebsten gleich losgegangen wäre, um sich in die Arbeit zu stürzen. Aber noch war die Beratung nicht zu Ende.

Der Kommandant war nachdenklich geworden. Er wusste, dass die Gefährten von ihm jetzt Vorschläge über das weitere Verhalten erwarteten. Er hatte aber auch die Verantwortung: Jeder voreilige Entschluss konnte katastrophale Folgen haben.

„Es steht nunmehr fest“, sagte er, „dass in unserer Nähe, wahrscheinlich auf dem Dritten Planeten, vernunftbegabte Wesen leben. Da wir nicht wissen, wie sie auf unser Kommen reagieren werden, sollten wir zunächst vorsichtig sein.

Ich ordne deshalb an:

Ab sofort absolute Funkstille!

Die Landevorbereitungen so schnell wie möglich beenden!

Die Messungen unserer Bahnparameter nehmen wir von nun an nur noch optisch vor. Die Tatsache, dass unsere Sendefrequenzen zu denen der Satelliten sehr unterschiedlich sind, dürfte uns bisher vor einer Entdeckung bewahrt haben.“

„Wäre es nicht vielleicht richtiger und - nützlicher", gab Rilt zu bedenken, „schon jetzt zu versuchen, mit diesen Wesen Verbindung zu bekommen? Es muss doch auch für sie - noch dazu, wo es sich erwiesen hat, dass sie auf einer hohen Entwicklungsstufe stehen - ein höchst erfreuliches Ereignis sein, mit Wesen ferner Welten Kontakt aufzunehmen. Vielleicht könnten wir in unserer schwierigen Lage Hilfe erhalten.“

„Du hast sicher recht", entgegnete Chalo ernst, „und ich hoffe sehr, dass es so kommen wird. Ich bezweifle jedoch einerseits die technischen Möglichkeiten zur Aufnahme einer Funkverbindung.“ Kark bestätigte durch eine Kopfbewegung. „Zum anderen bitte ich dich folgendes zu bedenken: Wären uns vor 150 oder200 Jahren Gäste aus dem Weltall immer willkommen gewesen? Hätte es nicht auch Bedenken geben können, zum Beispiel wegen der technischen Überlegenheit solcher Besucher?

Außerdem ist nicht gesagt, dass diejenigen, die einen hohen Stand der Technik erreicht haben, auch eine hohe Ethik besitzen. Es ist vorstellbar, dass sich auf irgendeinem Planeten eine Entwicklung vollzieht, die außerhalb der eigenen keine andere Lebensform anerkennt - oder, was schlimmer ist - nicht erkennt. Wer sagt uns nun, dass die hiesigen Lebewesen nicht in einer derartigen Entwicklung stehen oder dass nicht schon vor uns Wesen anderer Welten hier waren und einen schlechten Eindruck hinterließen?

Landen müssen wir, es bleibt uns keine Wahl. Ist es da nicht klüger, zunächst die Oberfläche des Planeten zu betreten, die Verhältnisse ein wenig kennenzulernen und dann erst Kontakt aufzunehmen? Wir sind doch in jedem Fall im Nachteil! Selbst die Ausrüstung unseres kleinen Schiffes ist, gemessen an dem technischen Arsenal, das uns in unserem interstellaren Raumschiff J 2 zur Verfügung stand, primitiv - und das wenige müssen wir noch zurücklassen. Wir haben dann nur das, was wir tragen können.

Allerdings möchte ich die Entscheidung, keine Funkverbindung aufzunehmen, nicht allein treffen. Ich bitte nachher um eine Abstimmung. Mich bedrückt nämlich folgendes: Unsere Landung ist risikoreich. Wenn die Planetenbewohner nun in der Lage wären, uns zu helfen, und uns unter geringeren Gefahren auf die Oberfläche brächten, wäre unserem Auftrag und vor allem unserer Sicherheit mehr Genüge getan.

Ich persönlich glaube an eine solche Möglichkeit nicht, möchte aber meine Meinung niemandem aufzwingen. Wenn die Wesen nämlich das Rendezvousproblem gelöst hätten, kreisten um den Planeten größere künstliche Raumstationen, und davon hätten wir etwas merken müssen. Und ohne diese Fähigkeiten können wir weder auf Rettung durch Umsteigen noch durch Abschleppen hoffen.“

Es entstand eine Pause.

„Ich glaube, eine Abstimmung ist nicht nötig.“ Mangk blickte von einem zum anderen. „Wir landen, wie festgelegt. Es ist in jedem Fall das kleinere Risiko.“

Es herrschte allgemeine Zustimmung.

„Eines noch“, warf Chalo ein, „unser Leben wird in Zukunft eng mit dem unbekannten Planeten verbunden sein - oder glaubt einer an einen Misserfolg der Landung?“ Er blickte lächelnd in die Runde. „Ich schlage deshalb vor, dass Mangk schnellstens noch fehlende Parameter des Planeten errechnet, auch solche, die uns zurzeit nur am Rande interessieren. Hier stehen uns noch Hilfsmittel zur Verfügung. Wir können natürlich den Rechner nicht mitnehmen.“

„Dann bleibt uns nur zu hoffen, dass es auf dem Planeten tatsächlich Rechenautomaten gibt. Ich fürchte sonst für Boris Gesundheit. Wenn er nicht rechnen kann, wird er melancholisch.“ Kark grinste. Die anderen fünf lächelten und Borl zog eine tragikomische Miene.

„So, nun aber an die Arbeit! Ich kann es kaum mehr erwarten, hier aus dem Käfig herauszukommen. Ich möchte auch bald den Schönen des Blauen Planeten meine Reverenz erweisen!“

„Warte ab“, entgegnete Chalo, auf den scherzhaften Ton Karks eingehend, „vielleicht sind die Schönen nach unserem Geschmack alles andere als schön - vielleicht gibt es überhaupt keine Zweigeschlechtlichkeit. Ich glaube, wir sollten versuchen, nicht mit unseren Maßstäben zu messen. Möglicherweise sind die Überraschungen sonst zu groß und zu unangenehm. Wenn auch die Entwicklung des Lebens überall dort, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind, annähernd gleich sein mag, so können sich doch die Lebensformen grundlegend voneinander unterscheiden. Aber wem sage ich das!“

Damit war die Zusammenkunft zu Ende. Jeder nahm seine Arbeit wieder auf, voller Gedanken und gespannt auf die kommenden Ereignisse.

3. Kapitel

Die letzten Tage bis zum Einsteuern in die Kreisbahn um den Dritten Planeten rückten heran. Bald waren die Vorbereitungen getroffen. Die Kabinen standen bereits im Steuerraum. Es blieb gerade so viel Platz, um die einzelnen Armaturenstände betreuen zu können.

Der Chefingenieur und der Mechaniker brachten zu beiden Seiten der Trennwand, die die Steuerzentrale von den übrigen Räumen abschloss, hochisolierte Spulenkörper an. Sie würden das Raumschiff in zwei Teile spalten und die Landekabinen ausstoßen. Zur Kabine des Kommandanten wurde auch schon das Schaltkabel verlegt. Allerdings sollten die Kontakte erst in letzter Minute vor dem Einstieg in die Kabinen geschlossen werden. Jeder hatte seinen Behälter. Die Wände waren gepolstert und passten sich den Körperformen des jeweiligen Insassen an. Die Skaphander standen im Gemeinschaftsraum bereit. Heizungen und Funkgeräte waren überprüft, die meisten Räume des Schiffes hermetisch gesperrt.

Es war Essenszeit. Sie trafen sich im Gemeinschaftsraum. Bis auf Kark, der Wachdienst hatte, saßen alle um den Tisch. Surki hatte aus den Konserven ein lukullisches Mahl bereitet. In den letzten Tagen lebten die Mitglieder der Mannschaft nur von auserlesenen Speisen. Im Schiff lagerten Vorräte für ein Jahr Aufenthalt. Sie mussten ja fast alles zurücklassen, und da kam es nicht darauf an, einige Leckereien mehr zu servieren, als das sonst der normale Speiseplan vorgesehen hätte. Natürlich blieb das Menü im Rahmen des Mäßigen, worüber die Ärztin streng wachte.

Der Mannschaft hatte sich eine ausgeglichene Heiterkeit bemächtigt. An das Risiko der Landung dachte keiner mehr mit Angst. Die Vorfreude auf das Neue, das sie erwartete, überlagerte die Wehmut, die jeden befiel, wenn er daran dachte, mit dem Schiff das letzte Stück der Heimat zu verlassen. Sie hatten sich mit dem Unabdingbaren abgefunden.

„Übrigens, habe ich überhaupt schon bekannt gegeben, dass jeder von uns auf dem Blauen Planeten einskommazweimal schwerer sein wird?“ Borl schob genießerisch eine kugelförmige Frucht in den Mund. „Wir können uns zwar im Zustand der Schwerelosigkeit, den wir ja häufig haben, über zu großes Gewicht wahrhaftig nicht beklagen, aber ich ziehe eine Situation, in der ich weiß, wo oben und unten ist, doch vor. Ja, der Planet ist größer als unser Heimatplanet und hat eine größere Gravitation. Wir werden also keine Sprünge machen können. Beim Schleppen der Vorräte dürfte uns dieser Gewichtszugang ebenfalls zu schaffen machen.“

„Wenn die großen Flächen aus Wasser bestehen, dann ist eine Landung im Meer nicht ausgeschlossen - auch in einem solchen Fall ist das höhere Gewicht nicht gerade nützlich. Versinken kann zwar nichts, aber die Fortbewegung ist schwerer.“

„Nun, eine solche Landung könnte immerhin einen tagelangen Aufenthalt im Wasser mit sich bringen. Es wird dann etwas schwierig sein, den Vorratsbehälter zu öffnen. Schließlich müssen wir ja auch mal etwas essen.“

„Na“, Min lächelte, „wer wird denn immer nur ans Essen denken, Borl!“

Der Chefingenieur lachte. Dann setzte er seine Überlegungen fort: „Immerhin hätte eine Landung im Ozean den Vorteil, dass wir uns schnell finden. Wenn wir in dichter Vegetation, in Sümpfen oder in den weißen Gebieten - möglicherweise Eiswüsten in der Nähe der Pole des Planeten - niedergehen, dann wird es mit dem Wiederfinden schwieriger. Auf alle Fälle erleichtern uns die Sender das Suchen erheblich.“

„Und wenn wir mitten unter den Planetenbewohnern landen, was dann?“

„Ja, dann nützt alle Vorsicht nichts. Aber sicherlich landen wir nicht alle auf der gleichen Stelle. Und in einem solchen Falle wäre es wohl das Günstigste, wenn diejenigen von uns, die etwas abseits niedergehen, sich zunächst im Verborgenen halten, um festzustellen, wie die Kameraden von den Planetenbewohnern aufgenommen werden.“

„Aber“, Min trank einen Schluck Fruchtsaft, „sie wissen dann doch, dass außer denen, die mitten unter ihnen gelandet sind, auch noch andere von uns irgendwo den Planeten betreten. Unsere Fallschirme sind so riesengroß, dass man sie auf weite Entfernungen hin ausmachen kann.“

„Und außerdem“, setzte die Ärztin Mins Gedanken fort, „dürften die Bewohner, wenn sie künstliche Satelliten haben, eine hoch entwickelte Fahrzeugtechnik besitzen, sodass sie uns mit Flugapparaten oder anderen schnellen Fortbewegungsmitteln sicher bald einfangen könnten - vorausgesetzt, dass sie das wollten.“

„Immerhin ist aber das Risiko, mitten unter ihnen zu landen, kleiner, als wenn wir schon jetzt alle möglichen Versuche machten, mit ihnen Verbindung aufzunehmen. Dann wären wir ihnen - setzen wir einmal feindseliges Verhalten voraus - restlos ausgeliefert. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass wir ziemlich unbemerkt landen können.

Was wir bisher von dem Planeten wissen, lässt vermuten, dass weite Teile nicht besiedelt sind. Denken wir an die riesigen Flächen, die wir zunächst als Wasser gedeutet haben. Wenn es Wasser ist, stoßen wir dort bestimmt nicht auf vernunftbegabte Wesen - das heißt: Genau weiß man das auch nicht ...“ Der Kommandant brach ab, setzte dann aber fort: „Es ist zu dumm, man kann eben nicht mit der Beschaffenheit einer Welt spekulieren, wenn man sie nicht kennt.“

„Schon die hiesige Sonne unterscheidet sich von der Unsrigen in der Strahlungsintensität. Wir haben Glück, dass ihr der Planet nicht näher steht. So dürfen wir mit einigermaßen bekömmlichen Temperaturen rechnen.“

„Es ist schade, dass wir nicht mehr Zeit für optische Beobachtungen in unserer Umgebung hatten“, bedauerte Surki, „möglicherweise hätten wir einiges mehr auch über die anderen Planeten erfahren können. Unser Teleskop müssen wir ja nun auch hier lassen.“

Es trat eine kleine Pause im Gespräch ein. Surki hatte einen Punkt berührt, der wieder ein wenig die wehmütige Stimmung heraufbeschwor, die jeden der Mannschaft irgendwie befiel, wenn der Abschied vom Schiff, vom letzten Stück ihrer Heimat, im Gespräch anklang und das Ungewisse, das trotz aller Zuversicht in der nahen Zukunft lag, wieder mehr in den Vordergrund treten ließ.

Surki gewahrte, dass ihre letzte Bemerkung die Stimmung drückte. Etwas verlegen machte sie sich mit ihrem Besteck zu schaffen. Auch Min merkte, als die Unterhaltung stockte, dass die Heiterkeit, mit der das bisherige Gespräch geführt worden war, abzuebben drohte.

Etwas zu betont fröhlich platzte sie in das Schweigen: „Übrigens - es stört mich, dass wir von dem Planeten immer nur vom .unbekannten Blauen Planeten' oder vom ‚Dritten' sprechen. Wir leben bereits nach seiner Zeit, sprechen andauernd von ihm, wissen, dass wir für lange seine Gäste sein werden und haben es bisher noch nicht für nötig gehalten, ihm einen richtigen Namen zu geben.“

Dankbar, dass Min den Anstoß gab, die aufgekommene Niedergeschlagenheit zu überbrücken, ging der Kommandant auf den Ton ein: „Dann musst du aber gleich selbst einen Vorschlag machen.“

Min überlegte.

„Wie wäre es mit ‚Wasserstern'“, warf Borl ein.

Die anderen lachten.

„Na ja, wenn doch so viel Wasser dort zu erwarten ist“, verteidigte er seinen Vorschlag.

„Geben wir ihm doch einfach den Namen unseres Heimatplaneten, schließlich wollen wir uns doch hier für eine Weile einrichten. Er wird unsere zweite Heimat.“

„Das ist richtig.“ Der Chefingenieur machte eine zustimmende Bewegung. „Aber ich glaube, es geht nicht, wir bringen künftige Sternkataloge durcheinander, wenn zweimal der gleiche Name auftaucht.“

„Wir könnten dann ja einen Index einführen“, sagte Rilt.

„Ich schlage vor“, unterbrach Min diesen theoretischen Streit, „da wir nicht wissen, was uns erwartet, aber hoffen, dass wir gute Lebensbedingungen vorfinden, dass wir gut aufgenommen werden und dass er die Basis zum Start oder zum Kontakt zu unserer Heimat sein soll, ihn einfach ‚Planet der Hoffnung‘ oder kurz ‚Hoffnung‘ zu nennen.“

„Hm, nicht schlecht“, brummte Borl, der seinem „Wasserstern“ anscheinend nicht weiter nachtrauerte.

„Angenommen“, sagte der Kommandant.

„Also taufen wir ihn.“ Bei diesen Worten erhob sich der Chefingenieur von seinem Sitz, die anderen folgten mit komisch-feierlichen Mienen seinem Beispiel. „Taufen wir ihn auf den Namen ,Hoffnung‘.“

„Möge er halten, was der Name verspricht“, bemerkte der Kommandant.

Chalo überflog nach der letzten Eintragung noch einmal den Bordbericht der vergangenen Tage:

Nach den Angaben von Borl und Kark stehen wir sieben Planetentage vor dem Einsteuern, eine Zeitspanne, die ausreichen wird, alle Vorbereitungen abzuschließen. Die Landekabinen sind fertig, es beginnt das Sortieren der Vorräte und Apparaturen, die auf das Sorgfältigste ausgewählt werden müssen. Am schwierigsten ist die Auswahl für die Lastkabine. Jeder von uns versucht aus seinem Fachgebiet so viel wie möglich unterzubringen. Wir haben uns geeinigt, dass in ihr enthalten sein müssen: der Kleinrechner, Wissenschroniken, Reservestoffe, leere Speicher und ein Wiedergabegerät, Werkzeuge, Chemikalien, optische Geräte - alles Dinge, die nach der Landung sehr gebraucht werden, aber im Falle eines Verlustes unsere Existenz nicht gefährden.

Die lebensnotwendigen Gegenstände müssen wir aufteilen. So werden Mangk und ich neben zwei Fotoausrüstungen je ein Exemplar der Pläne des interstellaren Schiffes mit uns nehmen. Rilt muss natürlich ihr Arztbesteck, Kark das Funkgerät, Min Präparierutensilien, Surki die für Sofortreaktionen notwendigen Chemikalien, Borl Ersatzstrahler, Kleidung und Körperpflegemittel bei sich haben. Das Gepäck eines jeden wird also sehr umfangreich sein. Wir haben uns entschlossen, dass wir jeder eine Sauerstoffanlage zusätzlich mitnehmen, jeder hat natürlich leere Speicher, Ersatzkleidung und Dinge - wenn auch wenige - für seinen persönlichen Bedarf.

Wenn ich mir dabei überlege, dass wir selbst und alle Gegenstände auf „Hoffnung“ schwerer sein werden als gewohnt, so kommen mir doch gewisse Bedenken - zumal auch noch die Lastkabine zu transportieren sein wird.

Mindestens fünfzehn Jahre wird uns „Hoffnung“ beherbergen müssen, bis die Unsrigen da sein könnten - wenn nicht die J 2 wieder auftaucht ...

Die J 2. Chalo hob den Blick vom Bordbuch. Wenn sie jetzt funkte, könnten wir sie noch hören, dachte er, aber warum kommt kein Zeichen von ihr? - Es wäre vielleicht besser, wir hätten ihre Trümmer gefunden. Diese quälende Hoffnung, diese Furcht vor der möglichen Gewissheit, sie treiben irgendwo durchs All, verzweifelt, ohne Aussicht auf Rettung, Und Dong, meine Dong dabei. Sie wird tapfer sein, das weiß ich. Sie wird nicht aufgeben, bis ... bis ...

Chalo strich sich über die Augen und wandte sich wieder dem Bordbuch zu:

Da unsere Gewichtszunahme nicht so erheblich ist, werden wir keine körperlichen Schäden zu befürchten haben. Aber ich stelle mir die Frage, was geschieht, wenn nach diesen fünfzehn Jahren die Unsrigen nicht kommen oder uns nicht finden? Gesetzt den Fall, der Dritte Planet des Systems hier ist annähernd so reich an Bodenschätzen wie unserer, und angenommen, wir treffen nicht auf Hilfe anderer Wesen oder können keine Funkverbindung nach Hause aufnehmen, so brauchten wir nach meiner Schätzung, Mangk hat ähnliche Gedanken, etwa hundert Planetenjahre, um aus eigener Kraft ein der J 2 entsprechendes interstellares Schiff zu bauen. Die fachlichen Voraussetzungen zum Bau einer Großfunkanlage und des Schiffs praktisch aus dem Nichts haben wir.

Dabei müssen wir jedoch bedenken, dass Mangk, ich und Rilt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr leben und dass unsere vier jungen Gefährten Surki, Borl, Min und Kark beizeiten eine vernünftige, zielgerichtete Nachkommenplanung betreiben. - Eigentlich hätten die vier noch Zeit, Familien zu gründen - und dann: Min und Borl, ja. Aber Surki und Kark? Dürfen solche Überlegungen überhaupt eine Rolle spielen? Sind hier Moralbegriffe dem Bewusstsein unterzuordnen? Das sind für uns Fragen, die über Leben und Tod entscheiden, Fragen, die in der nächsten Zukunft zu Problemen anwachsen können oder - sich von selbst klären? Wann hat jemals ein Kommandant in der langen Geschichte unserer Raumfahrt vor ähnlichen Problemen gestanden? Es gibt kein Beispiel.

Wie einfach auf der J 2: Ein den Raum durchmessendes Großlaboratorium, jeder seine Aufgabe - und seine persönliche Sphäre. Manchmal bekomme ich Angst bei dem Gedanken, dass wir auf „Hoffnung“ wohl imstande sein werden, die notwendige Technik aufzubauen und zu beherrschen, dass uns aber die natürlichen Probleme überrennen könnten. - Wir müssen uns glücklich schätzen, dass bei der Auswahl der J-2-Besatzung auf ausgewogene, sympathisierende Zweigeschlechtlichkeit gedrungen wurde. Leider nicht mehr bei der Auswahl der Besatzung der Landeschiffe. - Vielleicht ein Hinweis für künftige Expeditionen. - Wäre Dong, meine Frau, meine Kameradin, hier, es fiele mir vieles leichter.

Mangks Frau Londi ist nicht mitgeflogen. Ich glaube, er fühlt sich wohler, wenn er sie nicht in Gefahr weiß, selbst bei einer Gefahr, die er mit ihr teilte.

Nach der Kartei sind Kark und Surki schwach sympathisierend. Aber weiß man, nach welchen Gesetzen sich unser künftiges Zusammenleben gestalten wird? - Nach denen der Gewöhnung?

Die Eintragungen im Bordbuch zeigten einen Absatz. Chalo stand auf, kontrollierte den Kursautomaten und trat an den Bildschirm. Im Mosaik der rötlich und weiß gleißenden Sterne stand als riesige Kugel „Hoffnung“, umhüllt von einer verwischten, bläulichen Aureole. Kleiner, als silbrig helle Sichel sichtbar, näherte sich scheinbar der Mond.

„Lass es wahr werden, ‚Hoffnung‘“, sagte Chalo leise, „dass auf dir vernünftige Wesen wohnen, die uns helfen können - und durch ihre Hilfe vermeiden, dass unseren jungen Freunden schweres Leid widerfährt.“

Chalo wandte sich vom Schirm ab, nahm in Gedanken das Bordbuch wieder auf, konzentrierte sich jedoch rasch und las die nächste Seite:

Die fremden Funkzeichen können weiter in regelmäßigen Abständen mit zunehmender Deutlichkeit empfangen werden. Zu sehen ist nichts. Möglicherweise ist der Abstand der Satelliten vom Planeten sehr klein. Kark, der unermüdlich hört, konnte mehrfach auch noch andere, jedoch meist stark gestörte Zeichen auffangen, die mitunter auch Geräusche enthielten, die eigenartig melodisch anmuteten, und wieder andere, die aus hellen und dunklen Tönen bestanden. Borl nimmt an, dass es sich möglicherweise um eine Art Musik und Fetzen von Sprache handeln könnte. Auf alle Fälle steht es fest, dass vernunftbegabte Wesen auf dem Planeten oder in seiner unmittelbaren Nähe wohnen. Die gut empfangbaren Signale stammen mit ziemlicher Bestimmtheit von kreisenden Satelliten.

Eine Entzifferung war bisher nicht möglich, es könnte sich um irgendwelche Informationen über die physikalische Beschaffenheit des Raumes um den Planeten handeln. Eigenartig bleibt weiterhin die Verschiedenheit der Signale der beiden Satelliten.

Heute traf ich Min und Borl beim Training mit der Fallschirmharpune. Wenn mich nicht alles täuscht, möchte Borl Min gern näher kommen, als es unter Kameraden und Leidensgenossen der Fall zu sein pflegt. Ich weiß noch nicht, wie ich das Verhalten Mins dazu einschätzen soll. Ob es der richtige Zeitpunkt für den Beginn einer Liebe wäre? Fragen Gefühle nach Zeitpunkten? - Nur noch sechs Planetentage.

Als wichtigstes Ereignis ist heute das Verstummen des zweiten, schwächer funkenden Satelliten zu nennen. Trotz eifrigen Bemühens - auch außerhalb der normalen Empfangszeit - waren die Zeichen nicht mehr zu hören. Ob er nicht mehr existiert? Ob er durch Meteoriten zerstört wurde? In der Zeit unseres Hierseins konnten wir keine nennenswerten Spuren von Meteoriten in diesem Raum feststellen - von den bahngebundenen Trümmerstücken abgesehen. Jetzt, im Zustand der fast absoluten Funkstille, ist es uns natürlich nicht möglich, kosmische Flugkörper zu orten. Die Oberfläche des Mondes des Dritten Planeten, den wir jetzt gut beobachten können, zeugt allerdings davon, dass Meteoritenfälle vorkommen. Möglicherweise geschieht dies periodisch mit dem Wiederauftauchen bestimmter Schwärme in diesem Teil des hiesigen Sonnensystems. -

Gestern habe ich keine Eintragung gemacht. Es sind also nur noch vier Planetentage. Auch der gestrige Tag verlief ruhig. Die Vorbereitungen sind so gut wie abgeschlossen, die Kabinen fertig.

Mir gefällt Surki nicht. Gestern Abend ist es mir zum ersten Mal aufgefallen, dass sie bedrückt erscheint. Ich werde mit Min sprechen. Sie ist, glaube ich, am geeignetsten, Surki ein wenig Mut zuzusprechen. Min ist ein feiner Kerl. Fast denke ich, dass sie jetzt, wo alles entschieden ist, von uns die wenigste Angst vor dem Kommenden hat. Ja, ich habe auch welche.

Der laute Satellit, wie ihn Kark nennt, sendet nach wie vor periodisch. Der andere bleibt stumm. Borl hat seine Bahnberechnungen für die Landung abgeschlossen.

Wir werden uns nun darauf konzentrieren, so viel verwertbare Daten wie möglich von „Hoffnung“ zu sammeln. Leider können wir nur einen winzigen Bruchteil von dem erforschen, was uns tatsächlich erwarten wird. Rilt muss herausfinden, wie wir uns gesundheitlich schützen können, vordringlich gegen uns unbekannte Mikroben. Darin sehe ich nach der Landung mit die größte Gefahr. Unsere Atemvorräte reichen nicht ewig. Wir müssen dann sehen, wie wir die Atmosphäre des Planeten verwerten können. Bakterien könnten verheerend werden.

Chalo legte das Bordbuch beiseite. Die Ereignisse der letzten Tage waren noch zu gegenwärtig, um nachlesen zu müssen. Nachdenklich starrte er vor sich hin.

Morgen, morgen ist es also so weit. Morgen werden wir die Mondbahn passieren. Morgen werden wir zum letzten Male für wenige Minuten die Triebwerke zünden. Ein einziger Bremsstoß, dann ... Ich werde zu den anderen gehn. Wir wollen noch einige Zeit zusammen sein.

Min stand mit Surki am Bordfenster im Bugraum. Sie blickten schweigend auf die große leuchtende Scheibe, die unbeweglich seitlich vor ihnen in der schwarzen Finsternis hing. Und doch war sie merklich näher gekommen.

„Min“, Surki sprach leise, „hast du auch solche Angst wie ich?“

„Jetzt geht es, ich glaube aber, dass es bei mir noch kommt, nachher, wenn wir in der Kabine liegen.“

„Wenn nur die Ungewissheit nicht wäre.“

„Nun, Surki“, Min dachte an die kurze Unterredung, die sie mit Chalo hatte, „dass wir ein wenig Angst haben - alle von uns -, das ist doch nur natürlich, aber schau, bisher hat alles ganz ausgezeichnet geklappt. Wir haben uns bestens vorbereitet, haben unsere Ausrüstung beisammen. Selbst der lange Flug, der mir doch ein wenig Bange machte, ging so gut. Nun sind wir hundertsechsunddreißig Tage unterwegs, und nichts ist passiert. In wenigen Zeiteinheiten sind wir in der Kreisbahn um ‚Hoffnung', und bald haben wir dann auch wieder festen Boden unter uns.“

„Ja, Min, du hast recht, es ist töricht, Angst zu haben, aber wenn ich mir überlege, dass unsere weite Reise, die Einsamkeit im Raum, die Entbehrungen, die wir hatten, vergebens gewesen sein sollten, dass alles nur an einem Faden hängt.“ Surki wandte sich erneut zum Fenster und blickte intensiv in die Finsternis.

Min bemerkte, dass sie ihre Bewegtheit zu verbergen suchte. Kurz entschlossen fasste sie Surki unter.

„Komm, Schluss mit dem Trübsinn! Als ob wir nichts anderes zu tun hätten! Wir wollen die vorläufige Endstation unserer Reise mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.“

Sie gingen den schmalen Gang, der zum Heck führte, entlang. In ihrem Raumanzug kam sich Min etwas unbeholfen und unsicher vor. Sie merkte aber, dass es der vor ihr gehenden Surki nicht viel anders erging.

Am Ende des schmalen Korridors mussten sie noch einige Sprossen einer metallenen Leiter erklimmen, bevor sie die Luke zu dem Raum aufstoßen konnten, in dem das Teleskop stand.

Sie waren nicht die Einzigen, die den Wunsch hatten, den langsam näher rückenden Planeten gemeinsam zu beobachten. Im Raum befanden sich bereits Chalo, Kark und Rilt. Mangk und Borl hatten im Steuerraum Wache. Um allen gerecht zu werden, hatte Chalo die im Teleskop eingebaute Fernsehkamera in Tätigkeit gesetzt.

Die große, zu drei Vierteln hell leuchtende Scheibe nahm fast die gesamte Höhe des Bildschirmes ein. Deutlich war die Trennlinie zwischen der Tag- und Nachthälfte zu sehen. Durch eine wie weicher Flaum anmutende Aureole erschien die Taghälfte größer, die Scheibe wirkte unsymmetrisch. Einzelne kleine Wolkenfelder waren auszumachen.

„Schade, dass wir nicht elektromagnetisch abtasten können", bedauerte Kark. „Wir könnten damit eher etwas erkennen - aber die Gefahr, vorzeitig entdeckt zu werden, ist wirklich zu groß.“

„Wir werden noch früh genug Einzelheiten kennenlernen“, warf Min ein. „Mir machen die riesigen Flächen Sorge, die vermutlich doch Meere sind.“ Sie trat näher an den Schirm und wies auf die sich von der Umgebung deutlich abzeichnenden grauen Flecke. „Stellt euch nur einmal vor, wie riesig solche Meere wären. Wir haben noch nichts Vergleichbares in unserer Galaxis angetroffen. Wenn wir da mittendrin landen ... Es könnte eine sehr lange Schwimmerei werden, bevor wir auf festes Land gelangten."

„Aber das ist nicht das Schlimmste“, bemerkte Rilt, „Hauptsache, wir kommen heil runter.“

„Das meine ich auch", bekräftigte Surki.

„Zweifelt da überhaupt jemand?“ Min blickte sich herausfordernd in der kleinen Runde um.

Noch bevor einer etwas sagen konnte, tönte Boris Stimme aus dem Bordlautsprecher: „Kark, bitte sofort in den Funkraum. Ich wiederhole: Kark, bitte sofort in den Funkraum.“

„Hm, da muss etwas los sein“, murmelte Kark bereits an der Luke.

„Kommt, wir gehen alle mit“, forderte Chalo auf. „Jede Neuigkeit ist jetzt für alle gleich wichtig, und jeder muss sie sofort erfahren.“ Sie tappten schwerfällig hinter Kark her, der bereits die Funkkabine erreicht hatte.

Borl saß am Schaltpult. Er blickte auf, als hinter Kark die kleine Gruppe der Kameraden den Raum betrat, lächelte Min aufmunternd zu und räumte Kark den Sitz ein. Allen war sofort klar, dass etwas Gefährliches nicht eingetreten sein konnte.

„Das Gewirr im Äther verstärkt sich. Vielleicht können wir etwas Klares auffangen“, erklärte Borl.