Saat des Himmels - Alexander Kröger - ebook

Saat des Himmels ebook

Alexander Kröger

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Opis

Vor etwa 2000 Jahren landen Außerirdische im Nahen Osten auf der Erde und erforschen die »Zivilisierten«, die sie dort vorfinden. Sie sind sich uneins in der Frage, ob man auf diese Primitiven nicht doch ein wenig Einfluss nehmen sollte, um sie auf den rechten Weg in eine Welt des Friedens zu bringen. Die Expeditionsleitung hat jeden Eingriff strikt verboten. Aber drei von ihnen zeugen heimlich zwei von ihnen genmanipulierte Menschen. Joshua wird von einer Jungfrau geboren und ihr Mann Jossip erkennt den Sohn der Götter an.

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Impressum

Alexander Kröger

Saat des Himmels

Science Fiction Roman

ISBN 978-3-95655-776-7 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 2000 im Kröger-Vertrieb, Cottbus. Dem E-Book liegt die 2. überarbeitete Auflage zugrunde, die 2011 im Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle erschien.

© 2017 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

1. Teil

1.

»Der muss total übergeschnappt sein!« Der 21.VomBergo stellte es ärgerlich fest.

Beim heftigen, schrägen Aufsetzen des Landers war er, wie die 17.AusGarmi auch, trotz des Haltefeldes beinahe aus der Sitzmulde gerutscht. Nur bei ihm wirkte eine größere Masse, sodass die Sicherungsgurte mehrere Wülste aus seinem Körper pressten. Er glitt mühsam zurück, stülpte den Mund hervor und schlürfte hörbar Odem. Dann reckte er sich, fuhr den Sehkopf aus und äugte durch das Seitenfenster. »Gar kein Grund für das blöde Manöver; völlig eben das Gelände.«

»Auf meiner Seite stecken wir in einem - na, bizarren Gestrüpp, wahrscheinlich solche Biostationäre«, vermutete die 17.AusGarmi. »AmUlzo wird wohl absichtlich ..., um uns zu tarnen, möcht’ ich meinen.«

»Quatsch! Weswegen sollten wir uns verstecken? Hier gab es weit und breit keinerlei Rotreflexe. Von diesen Biomobilen keine Spur.«

»In der langen Zeit, die wir hier sind, werden natürlich welche auftauchen und den Lander entdecken.«

»Und, was glaubst du, könnten sie damit anfangen - meinst, das bisschen Gestrüpp schützte uns genügend?« Er drehte den Sehkopf zum linken Fenster. »Wir müssten den Schild ...«

»Und die Energie ...?«

»Dann eben noch besser - die da draußen annullieren!«

»Das sähe dir ähnlich - immerhin sind Primaten darunter.«

»Na und? Primitivlinge!«

Durch die Röhre glitt, aus dem Leitstand kommend, der 16.AmUlzo, stabilisierte sich und sagte: »Da wären wir.«

»Das war eine ausgesprochene Glanzleistung«, brummte VomBergo.

AmUlzo schüttelte den Sehkopf. »Ging nicht anders. Wir haben das Zeug erst im letzten Augenblick gesehen. Es ist nur eine kleine Fläche, eine Art Insel in der Öde.«

»Wir wären auch ohne dieses ... Ach, pfeif drauf!« VomBergo reagierte nach wie vor gereizt.

»Wir hatten Order.«

»Meinetwegen!« VomBergo formte gleichgültiges Abwinken, schluckte Odem und fuhr den Sehtentakel ein.

»Es wäre an der Zeit, dass ihr euch wieder vertragt«, mahnte AusGarmi. »Wir werden aufeinander angewiesen sein.«

Sie bekam keine Antwort. AmUlzo wedelte unbestimmt mit dem Sehtentakel.

Aus der Zentrale kommend informierte die 8.VonEtali: »Befehl vom Allbevollmächtigten:« Ihre Augen wandten sich AmUlzo zu. »Alle, die den Erkundungstrupps angehören, gehen feminin.«

»Warum denn das?«, fragte der Angesprochene ärgerlich überrascht.

»Er meint, es wird strapaziös, und das Weibliche ist halt - belastungsfähiger.« Sie lächelte.

»Du liebe Zeit!«

»Die Temperatur draußen ist zwölf Strich über normal.«

AmUlzo sog schlürfend an seinem Odembehälter. »Sonst wäre ich ja ganz gern einmal feminin ...«, sagte er anzüglich, »aber nicht unbedingt wegen zwölf Strich über normal.«

»Mist«, fluchte VomBergo. Er lag apathisch in seiner Mulde und rührte sich nicht. »Schade um den Tag. Scheißwandlung!«

»Na«, beschwichtigte VonEtali, »du wirst es schon überstehen.«

»Du hast leicht reden, dich betrifft es ja nicht!«

»Diesmal nicht - vielleicht ... Vielleicht hast du Lust, eine Weile - feminin zu bleiben?« Sie blinzelte ihn an.

Aber VomBergo sah es nicht; er hielt die Augen geschlossen.

»Gönnt einem aber rein gar nichts, der Alte, nicht?«, scherzte VonEtali.

AmUlzo blickte verdutzt.

»Es hätte ja sein können, dass wir beide ...«

»Ist ja noch nicht aller Tage Abend«, flachste AmUlzo zurück. »Schließlich wird er ja die Rückwandlung irgendwann gestatten müssen.«

»Und wenn ich dir zuvorkomme?«

»Das brächtest du fertig!«

2.

Jussup bummelte missmutig ein beträchtliches Stück hinter der Herde her - in einem Abstand, in dem sich der Staub, den 400 Schafhufe aufwirbelten, bis in Kniehöhe abgesenkt hatte. Er kaute auf einem trockenen Grashalm und versuchte ärgerlich, sich einer angriffslustigen Bremse zu erwehren, die von seinem Gefuchtel nicht im Geringsten beeindruckt war.

Jussups fleckiger Haik klebte schweißnass am Körper; die Sonne stand im Zenit und machte den Sand zum Backofen, was den jungen Mann jeweils die Bremse für Augenblicke vergessen ließ, wenn sein großer Zeh von der locker gebundenen Sandale auf den Boden glitt.

Aber nicht Sonne oder Insekt, auch nicht die unruhigen Schafe, die längst ihre dürftige Weide erreicht haben sollten und die zu hüten Jussups und des struppigen Hundes Gaur Aufgabe war, machten den Hirten an diesem Tag unmutig. >Ich werde nicht auf ihn hören, diesen Halsabschneider. Ja, alle halten ihn für einen solchen. Den Zins heraufsetzen, weil angeblich der Wasserstand im Brunnen sinkt. Dabei hat es dieses Jahr schon dreimal geregnet. Ein Wucherer ist er, ein Halsabschneider eben. Und ich werde wieder an seinen Zaun gehen, um einen Blick der Lieblichen zu erhaschen, ob Ben Abchat es erlaubt oder nicht.< Aber Jussup wusste, und daraus erwuchs sein Missmut, dass er gegen den Einspruch des Herrn würde nicht ankommen können. >Ein Zimmerer, der das Geld fürs Holz nicht aufbringt, der anderer Leute Schafe hüten muss, um wenigstens den Lebensunterhalt für die Mutter und sich zu verdienen, ist nicht gut genug für die erste Magd dieses Herrn. Oh, er weiß, eine solche bekommt er nicht wieder, eine, die so fleißig und sanftmütig ist und in ihrer Arbeit aufgeht.<

Der junge Mann seufzte. >Dabei hat sie mich so freundlich angelächelt, bevor mich der Alte am Zaun erwischt hat.<

Jussup fluchte, als er in ein Häufchen Schafdung trat, und er scharrte im Sand den Unrat von der Sandale.

Nach einer Biegung des kaum angedeuteten Weges war fern ein dunkler Fleck am Hang des Berges auszumachen, dessen Grenzen sich flirrig verschoben. Oberhalb konnte Jussup schon die Felswand sehen, von der die alte Schari erzählte, dass sich in ihr der Eingang zum Quartier bösartiger Dämonen befände, weswegen der Ort gemieden wurde. Selbst die Alten rieten ab, in dieser Gegend zu weiden. Man kannte Geschichten, nach denen ganze Herden samt Hirten vom Dschebel El Chaib nicht zurückgekehrt sein sollen. Allerdings lagen derartige Gräuel so weit zurück, dass die Kunde davon über Generationen lediglich als Moritat in die Gegenwart geraten war. Aber es hatte die Eigentümer der Schafe schon Überwindung gekostet, Jussup zum Dschebel ziehen zu lassen. Es geschah nicht oft, dass man sich mit kräftigen Tieren so ein weites Ziel steckte, doch was sollte man machen, wo die Weiden rings um das Dorf in diesem Jahr so gut wie abgegrast waren. Und ausschlaggebend war wohl, dass der junge Mann neben seinem Handwerk auch als zuverlässiger und umsichtiger Hirte galt.

Der Schatten dieser hohen Felswand war es anscheinend, der das spärliche Gras überleben ließ. >Sogar eine Quelle soll am Fuße der Felsen entspringen.<

Die Wand stand im weitflächigen Hang des Berges gleichsam wie eine Stufe, die zunächst auf ein riesiges, aus der Ferne eben erscheinendes Plateau führte, das in einen steileren Hang überging, dessen Abschluss der kahle Gipfel bildete. Unmittelbar an der oberen Kante des Felsens gewahrte Jussup einen dunklen Streifen, von dem er, je näher er kam, verwundert annahm, dass es wahrscheinlich ein Buschwald sei, von dem weder die alte Schari noch andere berichtet hatten.

Obwohl Jussup jetzt, da er allein dem Unheimlichen entgegen schritt, er auf sein Image vor den anderen Burschen nicht zu achten brauchte, nicht ganz wohl zu Mute war, machte ihn die Aussicht, dass sich dort ein Wald befand, mutiger. Das ließ auf das Vorkommen von Wasser schließen, und das drängte auch den Ärger über Ben Abchat in den Hintergrund. Da sich die Bremse nach vorn, in Richtung der Schafe abgesetzt hatte, war Jussup beinahe fröhlich, als er wenig später die Stelle erreichte, wo der Fels übergangslos aus dem Sand herauswuchs.

Die Tiere aber, das frische Gras witternd, waren in das um diese Zeit noch schmale Schattenfeld galoppiert und hatten gierig begonnen, den in der Tat noch von grünen Halmen durchsprossenen Bewuchs abzuäsen.

Jussup setzte sich auf den Felssockel und ließ sich dann zurückfallen. Er legte den Arm über die Augen, weil ihn die Sonne selbst durch die geschlossenen Lider blendete, und spürte bewusst nach der wohligen feuchten Wärme, die, erzeugt vom heißen Stein und von dem schweißnassen Gewand, dem Rücken schmeichelte.

Eine ganze Weile lag Jussup so. Er wusste, dass die Tiere jetzt nur das Fressen im Sinn haben und sich nicht etwa verirren würden, und außerdem wachte Gaur, der Getreue.

Wenn es tatsächlich Wasser gab, würde er ein, zwei Monde bleiben. >Und sie werden staunen, wenn ich mit fetten Schafen nach Hause komme. Bah - Dämonen!<

Nunmehr, im gleißenden Licht der Sonne, die der Felswand jeden Deut von Unheimlichem nahm, war Jussup geneigt, die Geschichten als Märchen abzutun. >Nur der Wald da oben ...<

Jussup zog den Arm von den Augen und drehte den Kopf zu dem merkwürdigen Gestrüpp, das unweit von ihm aus kleinen Büscheln zu einer dunklen und, wie es schien, undurchdringlichen grünen Mauer emporwuchs.

Und da sprang Jussup plötzlich auf, als hätte sein abgespreizter Arm einen kampflustigen Skorpion berührt.

In Höhe des Berggipfels, diesen scheinbar berührend, schwebte ein Koloss, ein riesiger Klotz, in die Ebene oberhalb der Felsen ein, beinahe schwarz seine Front im Eigenschatten und blendend glänzend die der Sonne zugewandte Seite. Es geschah geräuschlos und dauerte nicht länger als ein Atemzug, dann war die Erscheinung verschwunden.

Schon dachte Jussup, sich getäuscht zu haben; vielleicht auch hatte er seinen ungeschützten Kopf allzu lange der stechenden Sonne ausgesetzt, da hörte er entfernt ein dumpfes Knirschen, ein Brechen dazu, und es war, als entstünde an einem fernen Punkt am Rande des Buschwaldes in den Wipfeln ein Windwirbel.

>Also doch!<, dachte Jussup. Und als sich in ihm die Schreckstarre gelöst hatte, begann er, zu rennen was er konnte, den Weg zurück, den er gekommen war und über dem noch ein leichter Staubschleier stand.

Dann - außer Atem - musste der Mann den Lauf verlangsamen; später blieb er keuchend stehen, und allmählich sammelte er sich: Und erst jetzt dachte er: >Die Schafe! Ich kann die Herde nicht im Stich lassen!<

Zögerlichen Schritts setzte er den Heimweg fort, blieb erneut stehen. >Was werden die anderen sagen? Auslachen werden sie mich. Sie werden denken, ich hätte einfach Angst bekommen, wäre vorzeitig umgekehrt. Dass ich Unheimliches gesehen habe, werden sie - die Jungen zumindest - nie und nimmer glauben.<

Jussup hockte sich am Wegrand nieder. >Die Schafe<, durchfuhr es ihn erneut. >Sie würden mager und erschöpft zurückkommen, den Rückweg etliche nicht überleben. Zum schadenfrohen Gelächter käme die Schelte, und womöglich müsste ich verlorene ersetzen ...<

Jussup schlug die Hände vors Gesicht, saß lange, seine Gedanken kreisten, er sah keinen Ausweg außer den, zur Herde zurückzukehren.

Zögernd stand er auf, klopfte den Staub aus dem Haik und ging langsam wieder auf den Felsen zu, dabei den Wald nicht aus den Augen lassend. Er konnte nicht unterscheiden, ob sich dort die Büsche zittrig bewegten oder der flirrige Sonnenglast ihm einen Streich spielte.

Als Jussup die emsig äsende Herde erreichte, trat er in den Schatten, verschnaufte und musterte die Felswand. Außer einigen Vorsprüngen und aus Rissen sprießenden schütteren Sträuchern zeigte sich der Stein in einer fast waagrechten Schichtung. Von einer Höhle keine Spur. Allerdings konnte der junge Mann von seinem Standort aus längst nicht die gesamte Front übersehen, die außerdem in einem leichten Bogen verlief und an deren Fuß ebenfalls mannshohe Büsche wucherten.

Jussup fühlte den Schlag seines Herzens bis zum Hals, und er wusste, dass das keineswegs allein vom schnellen Lauf kam. Noch immer schüttelte ihn panische Angst. An den Fels gekauert, beruhigte er sich nur langsam.

Die Schafe ästen friedlich, nachlässig von Gaur, dem Hund, in Schach gehalten.

Dann vernahm Jussup plötzlich einen dumpfen Knall, dem ein verebbendes Zischen folgte.

Zu Tode erschrocken sprang er auf, unstet musterte er erneut die Wand.

Als er den Blick himmelwärts richtete, sah er über sich den Stern, der trotz des gleißenden Sonnenlichts im blassblauen Himmel silbern strahlte. Und Jussup wusste, dass die Alten recht hatten: Am Dschebel El Chaib war es nicht geheuer! Hier hausten Dämonen, und sie begannen mit ihm, dem armen Schafhirten, ihren Schabernack zu treiben.

Er zitterte vor Angst. Aber ihm war auch klar: So lange sich die Schafe nicht fett gefressen haben würden, konnte er den unheimlichen Ort nicht verlassen - und wenn diese Unholde ihm gar ans Leben wollten.

Jussup sah sich nach etwas Handgreiflichem um, und er nahm einen knorrigen Ast auf, mit dem er würde um sich schlagen können. Und immer wieder ging sein Blick zum neu erstrahlten Stern, der stoisch über ihm stand und von seinem Glanz nicht das Geringste eingebüßt hatte.

3.

Der 21.VomBergo glitt aus seiner Sitzmulde, beäugte sich von oben bis unten, brummelte: »So ein Unsinn«, und wandte sich an die Gefährten: »Macht euch auf die Sohle«, sagte er schroff. »Mit dieser blöden, unnötigen Wandlung haben wir schon genügend Zeit verbummelt!«

Die drei Angesprochenen rührten sich zunächst nicht. Nicht der VomBergo, sondern die 8.VonEtali hatte in der kleinen Crew das Sagen. Sie ordnete dann auch an, nachdem sie kurz den Sehkopf erhoben hatte: »Noch ein Viertel ...«

»Als ob es darauf nun noch ankäme.« In einem Anfall von bei ihm seltenen Humor und nach einem erneuten musternden Blick über seinen Körper fügte VomBergo anerkennend hinzu: »Ist alles da, was ein Weib so ausmacht.«

»Oder weg«, frotzelte AusGarmi, ohne sich zu rühren.

VonEtali tastete mit dem linken Tentakel nach dem Bedientableau, zog es sich auf den Leib, hob den Sehkopf ein wenig und sagte: »Achtung, ich starte die Sonde.«

Wenig später ging ein kaum wahrnehmbarer Ruck durch den Lander, ein leichtes Vibrieren und Zischen folgten.

»Meinst, dass das nötig war!«, nörgelte AmUlzo. »Haben wir nicht festgestellt, dass keine Biomobilen ...«Er brach müde ab.

»Was ist los?«, fragte VonEtali, und ein wenig Ärger schwang in ihren Worten mit. »Der eine mault herum, weil er feminin werden musste, der andere, dass wir eine Beobachtungssonde starten. Das Erste ist Order vom Allbevollmächtigten, das Zweite Vorschrift. Also!«

»Das macht die Tristesse dieses Planeten.« AmUlzo beteiligte sich an der zäh und emotionslos geführten Debatte. Auch er bewegte sich nicht, hielt die Augen geschlossen.

»Der Planet ist überhaupt nicht trist!«, widersprach VomBergo. Er war wieder in seine Mulde zurück geglitten und lag apathisch.

»Dann eben dieser Landstrich! Ich verstehe immer noch nicht, weshalb wir ausgerechnet hier landen mussten. Als ob es so wichtig wäre, am vermeintlichen Ursprung dieser Zivilisation - wenn es denn eine ist - mit dem Erkunden zu beginnen. Und wer sagt uns, dass es tatsächlich so war - bei den paar Fakten, die wir haben.« AmUlzo saugte am Odemspender und fiel in seine vorige Lage zurück.

Es kehrte Ruhe ein.

Plötzlich wimmerte der Empfänger.

Die vier richteten sich auf, ihre Sehköpfe wandten sich dem Display zu.

»Biomobile«, stellte VonEtali ziemlich gleichmütig fest. »Also sind doch welche in der Nähe.« Sie schaltete die Kamera ein.

»Oh, viele!« AmUlzo zeigte sich mäßig überrascht.

»Und warum, zum Teufel, haben wir sie bei der Landung nicht gesehen?« VomBergo richtete die Augen auf VonEtali; seine Worte klangen vorwurfsvoll.

»Na, sieh doch selbst!«, entgegnete die Angesprochene schroff.

Die rechte Hälfte des Bildschirms zeigte das bekannte, triste gelbbraune Wüstenplateau. Über die Mitte zog sich der breite Streifen des grünlichen Gestrüpps, dessen unregelmäßig bizarrer Rand nur wenig auffällig durch das Eckige des in den Bewuchs eingedrungenen Landers fremdkörperlich gestört wurde.

Weiter links aber riss der Gürtel des Biostationären jäh ab.

Wesentlich tiefer gelegen, schloss sich daneben ein sanft abfallender Landstrich an, der aus einem dunklen Schattenstreifen heraus in eine helle, graugrüne Färbung überging. Und auf dieser Ebene befanden sich dicht an dicht Biomobile, die sich - und das war erst nach längerem Hinsehen auszumachen - träge und ungeordnet auf je vier Stelzen bewegten.

VonEtali vergrößerte diesen Bildausschnitt.

»Das sind die Primaten nicht«, sagte AusGarmi bestimmt.

»Aber da läuft einer!« VomBergo hatte nur wenig seine Stimme erhoben.

VonEtali vergrößerte mehr.

»Und das soll nun etwas Zivilisiertes sein«, spottete er. »Ziemlich lächerliches Wesen!«

Über den Schirm lief das Bild eines schwankenden Etwas, das sich auf zwei stelzenartigen Fortsätzen, die den Boden jeweils nur kurz berührten und behände von hinten nach vorn gesetzt wurden, fortbewegte und das, säulenartig aufgerichtet, wesentlich höher als breit oder lang war. Um die Gestalt flatterte Fleckig-Elastisches, das bei jedem Bewegungsintervall seine Form veränderte.

»Die verhüllen ihre Körper«, rekapitulierte AusGarmi ihr Angelerntes. »Das weißliche Ding ist wohl so ein Überzug.«

»Also doch ein Irrweg der Evolution, wie dieser 11.VomWaldo in seiner Abhandlung behauptet. So ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn, wie die ihn haben müssen, macht ihre gesamte Motorik unnötig kompliziert. Und wie anfällig gegen jede Art von Zu- oder Angriffen werden sie sein. Seht, wie der schwankt! Sie fallen doch beim kleinsten Rempler um. Schau uns an! Wie elegant ist dagegen unser amorphes Gleiten. Oder würde VomBergo etwa umkippen, wenn man ihn antippt?«

Sie lachten über AmUlzos Witzeln.

»Schaut nur, was für mickrige Auflageflächen und damit Bodenhaftung er hat - mit diesen Staksen. Und die oberen Tentakel kann er bestimmt auch nicht einziehen.«

»Die anderen stehen auf jeweils vier Stelzen, sind aber so schmal gebaut und der Schwerpunkt liegt so weit oben, dass sie bei einem seitlichen Schubs gleichermaßen umfallen müssten, also sind auch sie mit einem leistungsfähigen Gleichgewichtssinn ausgestattet«, bemerkte AusGarmi.

»Na, einen solchen haben wir ja schließlich auch!« VonEtali lachte. »Sonst wüssten wir ja wohl nicht, wo oben und unten ist.«

»Aber die Proportionen! Es ist kein Wunder, dass sie Primitivlinge sind und sicher auch bleiben«, sagte AmUlzo.

»Was machen wir mit ihm?«, fragte VomBergo. »Annullieren?«

»Quatsch! Wozu sollte das gut sein?«, fragte VonEtali zurück.

»Er könnte uns gesehen haben.«

»Die Fläche ist mindestens vierzehn Lang unter uns. Und wenn - was soll er mit seiner Kenntnis anfangen, allein?« VonEtali deutete ein Unbestimmt-Zucken an.

»Er könnte andere, viele holen!«

»Und? Wir aktivieren halt den Schild - und annullieren könnten wir sie immer noch«, wandte AusGarmi ein.

»Ihr wisst, wir sind angehalten, unerkannt zu operieren«, erinnerte VonEtali mit Nachdruck. »Wir werden diesen Biomobilen observieren - nennen wir ihn >AmFels< ...«

»Mit einem >o< am Ende oder >i<?«, witzelte AusGarmi.

»Nur >AmFels<. Wir wissen ja nicht, ob er männlich oder weiblich ist. Vielleicht sind sie überhaupt nicht zweigeschlechtig.«

»Warum sollte es ihnen auch besser ergehen als uns zur Zeit. Ein Leben ist das!« Aber VomBergo sagte es scherzhaft.

»Also«, fuhr VonEtali fort, »wir observieren eine kurze Zeit. Und sollte tatsächlich die Gefahr bestehen, dass sie uns entdecken, aktivieren wir den Schild. Wenn wir sie näher kennen, können wir möglicherweise auch ihr Kurzzeitgedächtnis löschen.«

»Falls sie überhaupt eines haben«, spottete VomBergo.

»Immerhin, du hast die Aufnahmen gesehen, sie besitzen beträchtliche Bauwerke, Großsiedlungen, und auf den Flüssen soll es Schwimmzeuge geben ...«

»Sie haben keine Fernkommunikation, keine schnellen Verkehrsmittel - von einer Raumfahrt ganz zu schweigen«, unterbrach AmUlzo AusGarmis Rede.

»Sag ich doch: Primitivlinge eben!«, brummte VomBergo. »Verstehe gar nicht, weshalb wir uns mit ihnen so abgeben. Gleich einen ganzen Sonnenumlauf oder gar länger hier zu bleiben, halte ich für übertrieben. Ich kann mir nicht vorstellen, was wir so lange tun sollen.«

»Du erfährst es bald. Der Allbevollmächtigte hat das Eintreffen von Lander zwei für morgen angekündigt. Bis dahin gilt für uns:

Naherkundung - und uns diesen Biomobilen vornehmen. Also - fertig machen zum Ausstieg. Für den Ernstfall ...«

»... der nicht eintritt«, warf VomBergo ein.

»... nehmen wir den mittelschweren Schild. Da wirst du noch dankbar sein, VomBergo, dass du nun feminin bist.«

»Unnötige Schlepperei - aber meinetwegen.«

»Es ist schon besser so«, bestätigte AusGarmi. »Der bekäme womöglich einen Schock, wenn er uns sähe.«

»Na, der Schock ist doch eher auf unserer Seite. Wenn das - so wie die aussehen - zivilisiertes, vernunftbegabtes Leben sein soll...« AmUlzo glitt aus seiner Mulde.

*

Sie näherten sich im Schutz der Schilde dem Biomobilen, der ein Vernunftbegabter sein sollte, zu dritt - zunächst in geschlossener Reihe. VonEtali, als Verantwortliche für den Lander, musste selbstverständlich zurückbleiben; sie beobachtete außerdem von dort aus das Umfeld.

Die drei verteilten sich sternförmig in geringem Abstand um das Objekt und verständigten sich über den Flüstergenerator.

Was sie sahen, setzte sie zunächst arg in Erstaunen: Das Wesen bewegte sich langsam, suchend am Fuße des Felsens, sammelte offenbar abgestorbene Teile von Biostationären und warf sie auf einen Haufen. Auffallend, beinahe bewunderungswürdig, war die Beweglichkeit dieses Planetenbewohners, die immer wieder den Gleichgewichtssinn aufs Höchste beanspruchte.

Bei solchem Getue hieß es aufzupassen, diesem nicht in den Weg zu geraten und das Ausweichen so geräuscharm wie möglich zu vollziehen. Nicht vermeiden ließ sich, dass sich unter der Last der Körper der spärliche, niedrige Bewuchs an den Boden presste. Aber es ging ein Wind, der die Halme ohnehin bewegte. Jedenfalls schenkte der emsige Sammler dem keine Beachtung - oder er sah es einfach nicht.

Was dann weiter geschah, verwunderte die drei Beobachter aufs Äußerste: Die zahlreichen vierstelzigen Biomobilen - unweit vom Lagerplatz auf der abfallenden Ebene - rissen mit ihren Mäulern den grünen Bodenbewuchs ab und schlangen ihn mit sichtlichem Behagen in sich hinein.

Der Zivilisierte aber wählte aus seinem zusammengetragenen, mittlerweile beachtlichen Haufwerk ein starkes Stück heraus, wog es in seinem rechten, mit fünf feingliedrigen Fortsätzen bewehrten Tentakel, als sei es eine Waffe, näherte sich behutsam einem der kleineren Äser und schlug scheinbar unvermittelt mit diesem Gegenstand und aller Wucht auf dessen Kopf, worauf das kleine Wesen umstürzte und krampfend zappelnd die Stelzen in die Höhe reckte. Aus Maul und zwei darüber liegenden Kopföffnungen drang eine dickliche rote Flüssigkeit.

AusGarmi flüsterte entsetzt: »Er hat es getötet! Warum, um alles in der Welt! Da war doch keine Gefahr.«

»Still!«, forderte AmUlzo.

Was sich weiter abspielte, erforderte in der Tat alle Aufmerksamkeit.

Der Vernunftbegabte hatte plötzlich ein Werkzeug mit blitzender Klinge am Tentakel. Damit vollführte er einen Schnitt auf der Unterseite zwischen Kopf und Rumpf des Getöteten. Aus der Wunde schoss ein Strahl jener roten Körperflüssigkeit. Dann griff der Töter die Leiche an den Hinterstelzen, hob sie an, auf dass sie wohl besser leerfließen könne.

Plötzlich stieß AusGarmi einen Laut aus, unterdrückte ihn sofort. Im Bewuchs war zu sehen, dass sie in aller Eile zur Seite rollte.

Ein schwarzer, zotteliger Vierstelzer mit klaffendem Maul, darinnen gefährlich anzusehende spitze Skelettauswüchse, war, kurze, heftige Laute hervorstoßend, heran gesprungen, hätte AusGarmi beinahe gerammt, war aber, nur weniges entfernt von ihr, jäh stehen geblieben. Seine feinfadige, dichte Hautbedeckung sträubte sich, und er äugte misstrauisch umher. Dann stieß er den Vorderteil des Kopfes auf den Boden, dort wo vor wenigen Augenblicken AusGarmi gelegen hatte, sog hörbar Atmosphäre ein, sprang dann jedoch unvermittelt zu der Leiche, die unterdessen - wie es schien, routinehaft - ihrer äußeren Hülle entledigt, der Eingeweide beraubt und in Stücke zerteilt wurde. Das Zottige nahm mit einem aus dem Maul gestülpten länglichen Organ in heftiger Auf- und Niederbewegung gierig schmatzend die rote Flüssigkeit auf, die auf dem harten Boden eine Pfütze gebildet hatte.

Der Einheimische aber hängte Teile des Getöteten an ein Gestrüpp, dann machte er sich an seinem Haufwerk zu schaffen. Er wählte einen Stein, tat etwas Knäuliches darauf, holte aus einem Bündel zwei offenbar harte Gegenstände hervor und schlug sie heftig aneinander. Es stiebten Funken, und alsbald kräuselte aus dem Knäuel ein bläuliches Gas empor. Der Vernunftbegabte stieß aus spitz gehaltener Mundöffnung Atmosphäre in Richtung des gasenden Häufchens, legte dünnes Material nach, und kurz darauf züngelte eine Flamme auf. Es roch außerordentlich beißend unangenehm.

AmUlzo, der sich dort befand, wo die Wolke überwiegend hindriftete, änderte seine Lage.

»Erstaunlich«, sagte AusGarmi. »Diese Bestandteile der Biostationären sind verhältnismäßig leicht entzündlich. So einfach hätten wir es einst haben sollen. Was für ein Reichtum! Sie entstehen immer wieder neu oder wachsen. Ganze Landstriche, Kontinente sind davon bedeckt.«

Niemand antwortete. Nach wie vor spielte sich Merkwürdiges vor ihnen ab.

AmFels schnitt aus dem Gestrüpp einen Fortsatz, versah ihn mit einer Spitze, steckte darauf einen kleinen Teil der Leiche und hielt diesen in die Flamme, drehte, sodass das Feuer alle Seiten erreichte, ohne das, was er hineinhielt, zu verbrennen. Ein stechender, brenzlicher Geruch mischte sich in den beißenden.

Nach einer Weile zog der Akteur das angeschmort Tropfende an sich, schwenkte es abkühlend und - biss hinein.

AusGarmi stöhnte auf. »Meine Güte, sie verzehren Leichen!«

»Wo sind wir hingeraten!«, bekräftigte VomBergo. »Ich sag ja: Primitivlinge auf einer äußerst niedrigen Stufe.«

»Na, lebende - oder aus dem Lebenden entstandene Substanz haben unsere Vorfahren ebenfalls und ausschließlich als Energiespender genutzt«, dämpfte AmUlzo.

»Aber das ist doch etwas anderes! Wenn er Teile von den nachwachsenden Biostationären äße, wäre das normal. Deren Physiologie ist niedrig, sie empfinden nicht oder nur minimal. Aber höher entwickeltes Leben ...« Man hörte förmlich, wie AusGarmi sich ekelte.

»Vergiss nicht, dass unsere Maßstäbe hier nicht im Geringsten gelten. Schaut ihn euch an: Er schlürft ständig Atmosphäre. Sie benötigen Sauerstoff für ihren Lebensunterhalt. Das ist eine andere Spezies lebendiger Materie. Vielleicht ist der Verzehr von Leichenteilen unverzichtbar für ihr Dasein. Wir werden sicher noch eine Menge anderer Überraschungen erleben und sollten uns hüten, vorschnell zu urteilen! Nicht umsonst haben wir unseren Codex«, belehrte AmUlzo.

»Vom heimischen Computer und den spärlichen Daten aus gestaltet sich so etwas einfacher, als wenn man es erleben und ertragen muss.« AusGarmi sprach leise. Nach einer Weile setzte sie hinzu: »Ich glaube, wir können abbrechen. Wir geraten bald auf die Dunkelseite.«

Das Beobachtungsobjekt schien seine Aktivitäten zu verlangsamen. Es hatte ein beträchtliches Stück der Leiche verzehrt und auch dem Zottligen einige Brocken hingeworfen, die dieser geschickt mit dem Maul aufgefangen und verschlungen hatte.

Aufmerksam und überrascht zugleich wurden die Beobachter noch einmal, als AmFels aufstand, ein Stück zur Seite trat, seinen Umhang hob und aus einem am Unterleib befindlichen Fortsatz einen dünnen Strahl heller Flüssigkeit zu Boden rieseln ließ.

»Ich will euch sagen: Dieser Lebensmechanismus, nach dem diese Wesen hier funktionieren, ist komplizierter, als wir bisher angenommen haben, primitiv, aber kompliziert. Sie scheiden offenbar in wesentlich größeren Mengen als wir Stoffwechselprodukte aus, die der Körper nicht benötigt und abstößt. Es müssen sich da äußerst komplexe Vorgänge abspielen. Wir bekommen zu tun!« AmUlzo veränderte seine Lage zum Zeichen, dass der Rückweg anzutreten sei.

Der Einheimische hatte sein Bündel entrollt, sich neben das ersterbende Feuer gelegt und eine weitere Hülle über sich gebreitet. Die Vierstelzer aber lagen träge; doch sie bewegten ihre Mäuler ständig, als hätte die vordem gierige Äsung einen nicht zu bremsenden Mechanismus ausgelöst.

4.

Das zweite Schiff mit dem Gros der Landegruppe war in der Nacht unmittelbar neben dem ersten niedergegangen.

Am Morgen rief der 22.VomLagero, der Allbevollmächtigte, die Gruppe in die Messe. Den Rapport VonEtalis, noch nachts gleich nach der Landung abgefordert, hatte er mit Gleichmut entgegengenommen, so als ob ihn der Biomobile am Fuße des Berges nicht sonderlich interessiere. Er reckte sein Sehtentakel und wandte es auffällig, weil das ihm verbliebene eine Auge nur ein eingeschränktes Sehfeld überstrich.

Man sagte dem hohen Würdenträger nach, er habe strikt abgelehnt, das bei einer Roboterrevolte eingebüßte Auge nachentwickeln zu lassen, weil er sich den dafür benötigten Zeitaufwand nicht leisten wollte. Andere allerdings behaupteten, es sei dieses Verhalten pure Alterseitelkeit. Er wolle lediglich mit dem zur Schau gestellten Schaden, wo er glitt und stand, seinen Heroismus, seinen selbstlosen Einsatz für das Gemeinwohl demonstrieren. In der Tat war ihm das Auge abhanden gekommen beim Versuch, außer Kontrolle geratene Biomaten, die ihre Steuerzentrale blockiert hatten, zur Räson zu bringen. Einer dieser rebellierenden Apparate hatte einen Laserschuss abgefeuert, als VomLagero in die Zentrale eindringen und das Leitsystem, den Nerv dieser an sich friedlichen Automaten, abschalten wollte.

Allerdings, so wiederum die Widersacher, sei er selbst an diesem Aufstand nicht gänzlich unschuldig gewesen. Er habe ehrgeizig, der schnelleren Inbetriebnahme der Biomaten wegen, ein nicht ausgereiftes Audio-Sicherungs-System favorisiert und durchgesetzt, dessen Schwachstelle die hochsensibilisierten Roboter entdeckt und ausgenutzt hatten, mit dem Ziel, uneingeschränkt selbst evolutionieren zu können.

VomLagero gehörte seit Langem dem Hohen Rat der heimischen Welt an. Zum ehrenvollen Abschied war ihm die Allvollmacht der Siebenten Raum-Exploration übertragen worden. Böse Nachreden behaupteten: ein Abschiebeposten. Dass man auf einen zivilisiert bewohnten, vielleicht auf den Planeten gestoßen war, ihn und seine Bewohner erkunden und von diesem sensationellen, ruhmvollen Ereignis würde daheim berichten können, war nun aber wahrhaftig ein eher zufälliger, doch triumphaler, krönender Abschluss der Laufbahn. Und wenn es gar ein Planet in jenem Sonnensystem wäre, das vor Jahrhunderten möglicherweise das Ziel des verschollenen ersten Fernerkundungsschiffes, der OZEANA I, gewesen war, und man davon eine Nachricht überbringen könnte, der Triumph würde keine Grenzen kennen.

Es schien, als rege das unerhörte Vorkommnis, auf einen von Vernunftbegabten bewohnten Planeten gestoßen zu sein, die Lebensgeister des Alten spürbar an.

Hoch aufgerichtet blickte er in die Runde, wartete, bis der Letzte eingeglitten war und seinen Platz eingenommen hatte.

»Ich grüße euch!« VomLagero hob den rechten Greiftentakel. Nur die in den vorderen Reihen bemerkten dessen Zittern. »Keine großen Worte. Wir erleben - sehen wir von unseren Vorfahren auf der OZEANA I ab, von deren Ergebnissen wir jedoch nichts wissen -, was keinem unserer Zivilisation je zuteil wurde. Aber jeder ist sich auch bewusst, welche Verantwortung auf uns zugekommen und wie ehrenhaft unsere Aufgabe ist. Leben auf anderen Planeten haben unsere Vorfahren zwar mehrmals angetroffen. Uns widerfährt aber die Freude, auf eine Spezies gestoßen zu sein, die sich möglicherweise auf dem Weg zu einer hoch entwickelten Zivilisation befindet. Der Abstand freilich zwischen ihrer und unserer Evolutionsstufe ist bedauerlicherweise so groß, dass sich gegenwärtig eine Kommunikation verbietet. Jeder derartige Versuch ist daher zu unterlassen. Das ist ein Befehl! Wir werden sie so lange wie nötig beobachten, studieren, werden ihre Lebensäußerungen und -bedingungen, den Planeten, dieses Sonnensystem erforschen, aber uns in keiner Weise einmischen. Das ist, wie ihr wisst, Maxime, Direktive des Hohen Rates. Jeder von uns siebzehn verpflichtet sich schriftlich zu deren Einhaltung.« VomLagero schob den Schreibkristall, dessen bläuliches Fluoreszieren zeigte, dass er aktiviert war, an den Rand des Pults. »Wir werden auch, wo immer wir uns auf diesem Planeten befinden, nach Spuren Ausschau halten, die unsere Altvorderen hinterlassen haben könnten. Ihr wisst, einiges spricht dafür, dass sie in diesem Sektor des Raumes operierten. Sollten sie mit ihren damaligen technischen Mitteln hier Leben festgestellt haben, sind sie, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten, mit Bestimmtheit gelandet. Es müssten Urformen, die Vorfahren dieser Zivilisierten, damals bereits vorhanden gewesen sein. Da sich aber die von der OZEANA nur im sichtbaren Spektrum bewegen konnten, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie Kontakt bekamen, und davon könnte noch etwas zu spüren sein.

Wir bilden zwei Gruppen, die unverzüglich mit der Erkundung beginnen. Zu dritt übernehmen wir die Wache, von jeder Gruppe einer - befristet, je nachdem, wie abkömmlich er ist - und ich. Gleitend bewegen wir uns grundsätzlich feminin und in Sichtweite der Vernunftbegabten im Schirm. Der Fluggleiter jeder Gruppe ist nur im Notfall unsichtbar zu machen. Solange wir keine Alternative haben, ist unser Energievorrat endlich, und wir sparen. Um Odem brauchen wir uns vorerst nicht zu sorgen. Noch haben wir genügend Vorräte, und der Planet bietet reichlich Grundstoffe zur Produktion - Kohlehydrate und Carboneum.

Die erste Gruppe leitet die l4.InMori, die zweite der 16.AmUlzo. In zwei Stunden bitte beide zu mir mit abgestimmten Arbeitsprogrammen. Die Kommunikatoren sind in die Kabinette geschaltet. Dort können die Daten, die wir von dem Planeten und seinen Bewohnern bisher aufgenommen haben, abgerufen werden. Ich wünsche uns Erfolg und - Freude!« Es war, als fiele sichtbar Spannung von VomLagero ab. Matt sank er in seine Mulde.

»Er wird alt, der Gute«, raunte AmUlzo. »Der Rat hat nicht exzellent entschieden.« Welche Entscheidung er meinte, ließ er offen.

VonEtali, an die diese Worte gerichtet waren, blickte verwundert. »Die Reise wird ihn angestrengt haben«, sagte sie verunsichert.

»Ja, die Reise - und morgen?«

VonEtalis Blick heftete sich fragend auf AmUlzo. Der Ton seiner Rede ließ sie aufhorchen.

»Ich halte die Entscheidung für puren Schwachsinn.«

»Welche?«

AmUlzo lächelte. »Beide: Dieses senile Wrack mit der Leitung einer solchen Expedition zu betrauen und - wie wir uns hier bewegen sollen ...« Er blickte prüfend auf seine Nachbarin.

VonEtali antwortete nicht. Es war mehr als ungewöhnlich, dass sich ein Mitglied der Crew derart kritisch zu Leitungsentscheidungen äußerte. Man hatte die Teilnehmer an der Expedition sorgfältig nach Sympathiekriterien und Loyalität ausgewählt, hatte während der langen Reise wahrhaftig Zeit genügend gehabt, sich kennenzulernen, Befindlichkeiten des anderen zu tolerieren. Schließlich waren sie auf Disziplin, ohne die ein Auskommen auf engem Raum ausgeschlossen ist, eingeschworen. Freilich, ab und an wurde schon über eine Marotte des Allbevollmächtigten gewitzelt, aber dies? AmUlzo ging Prinzipielles an. »Es ist moralisches Gesetz, sich nicht einzumischen«, verteidigte VonEtali ungeschickt. »VomLagero befolgt es.«

»Ja.« Das Lächeln ihres Gegenübers vertiefte sich. »Du hast ihn gesehen, den angeblich vernünftigen Biomobilen. Man muss das Befolgen solcher - Gesetze - modifizieren. Schließlich sind sie abseits jeder Realität, aus der Theorie entstanden. Es sind Primitivlinge!«

»Und was tätest du?«

»Lass sie uns zunächst besser kennenlernen. Ich muss erst dieses Programm ...« Seinem Gesichtsausdruck ließ sich ablesen, was er von dem Auftrag hielt.

5.

Jussup lag im Schatten der Felswand. Er fühlte sich erfrischt vom tiefen Schlaf und sehr beruhigt. Gäbe es tatsächlich übelwollende Kobolde, warum sollten sie ihn ausgerechnet in der ersten Nacht, nach seinem Eindringen in ihr Revier, mit ihren Attacken verschont haben?

Nur einmal glaubte er gegen Morgen, schon im Zwitschern und Krächzen der Vögel, ein ähnlich schepperndes Geräusch vernommen zu haben wie am Tag vorher. Aber dem folgte nichts Auffälliges.

Jussups Zufriedenheit war vollkommen, als er unweit von seinem Lagerplatz ein Rinnsal entdeckte, das aus einer Felsspalte drang. Mit Geschick, Geduld und einem hohlen Pflanzenstängel erreichte er, dass das klare, wohlschmeckende Wässerchen im Bogen vom Gestein absprang und sich in einer muldenartigen Auswaschung, die der findige Hirte mit Lehm abdichtete, auffangen ließ, sodass für ihn eine Art Waschtrog und für die Schafe eine Tränke entstand.

Jussup buk aus Maismehl, angerührt mit Wasser, auf einem heiß gemachten Stein einen Fladen, aß dazu von seinem Fleischvorrat und streckte sich zufrieden ins Gras. Er vergaß die dunklen Prophezeiungen, war mehr und mehr geneigt, Kobolde und Dämonen als Hirngespinst abzutun, und selbst der plötzlich am Vorabend aufgegangene Stern, der sich zu einem kleinen, hellen Punkt gewandelt hatte und nach wie vor über ihm stand, schürte keine weitere Furcht. Die allmächtigen Götter, Herren über Himmel und Erde, würden wohl ihre Gründe haben, einen neuen Stern zu schaffen. Ein Stern am Himmel, der friedlich und freundlich strahlte, konnte nur das Werk guter Geister sein.

Später schnitt sich Jussup einen gut gewachsenen Ast und begann mit Geschick, daraus eine Flöte zu basteln.

Er hatte sein Werk vollendet, als die Sonne im Mittag stand und so gut wie keinen Schatten mehr warf. Eine kleine Weile blies Jussup auf seinem Instrument, war’s zufrieden. Doch alsbald ertrug er die sengende Hitze nicht mehr. Er flocht aus Zweigen, denen er die Blätter beließ, eine dichte Matte, die er auf der einen Seite mit Pflöcken am klüftigen Fels annagelte, auf der anderen mit zwei Stöcken abstützte, und schaffte sich so ein famoses Dach gegen die stechenden Strahlen der Sonne. Er betrachtete eine Weile wohlgefällig und nicht ohne einen gewissen Stolz sein Werk, kroch dann unter den Schattenspender und streckte sich.

*

Als Jussup nach ausgiebigem Schlaf erwachte, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Unwillkürlich griff er nach seinem Dolch.

Am wieder entfachten Feuer, das mit kleiner Flamme flackerte, saß ein Mann in mittleren Jahren mit schütterem Bart und einem nachlässig gebundenen Turban, der löchrig und ursprünglich von hellblauer Farbe war. Das schmale, sonnengebräunte, ledrige Gesicht wurde von zwei dunklen, eng stehenden Augen dominiert, und seine Zahnreihe wies eine Lücke auf. Seine Arme, die aus dem schmuddeligen, ärmellosen Umhang ragten, waren sehnig und zeugten von Kraft.

Der Mann gewahrte Jussups Erwachen zunächst nicht; er hielt einen Stock ins Feuer, an dem er kleine Stücke des bereits halb trockenen Fleisches aus Jussups Bestand briet.

Jussup richtete sich auf.

Vom Geräusch aufmerksam geworden, wandte ihm der ungebetene Gast das Gesicht zu, das er zu einem breiten Lächeln verzog. Er hob die freie Hand und sagte mit sanfter Stimme: »Ich grüße dich, Hirte«, er wies auf den Braten, »und danke dir, dass du den Hungrigen beköstigst und den Dürstenden, der die Wüste durchquert ...«, er zeigte auf das Brünnlein, »labst. Die Götter mögen es dir vergelten.«

Jussup hatte sich von seiner Überraschung erholt. Er wollte schon aufbrausen, besann sich jedoch des Gesetzes der Gastfreundschaft - nicht zuletzt auch beeindruckt vom Muskelspiel der kräftigen Arme des Fremden.

»Ich grüße dich«, sagte er mit belegter Stimme. »Lass es dir munden. Wohin führt dich dein Weg, Fremder?«

»Von da nach dort.« Er wies mit dem Schaschlik zunächst nach links und dann nach rechts. Demnach wollte er die Piste entlang, die Jussups Schafe getreten hatten, der Stadt zu.

Zögernd nahm Jussup die Hand von der Waffe. >Hätte er mir übel, mich gar töten gewollt, es wäre ihm ein Leichtes gewesen, während ich schlief<, dachte er.

»Ich bin Ibrahim, der Sohn Ghalibs. Man nennt mich den Ruhelosen. Einmal bin ich hier, das andere Mal dort. Ist es weit zu deinem Haus? Ich komme aus dem Tal Umran ...«

Jussup horchte interessiert auf. Den Namen »Umran« glaubte er von den Alten schon gehört zu haben. Lebten dort nicht diese ...? Jussup hatte damals das unbestimmte Gefühl gehabt, als schwebe ein Geheimnis über jenem Tal; lediglich in Andeutungen und einer gewissen Ehrfurcht war gelegentlich davon gesprochen worden.

»Der Scheitan möge die holen, die dort hausen! Sie hassen die Fremden. Schau mich an ... Ach, wie heißt du, Hirte?«

»Jussup, Sohn des Jakob.«

»Schau mich an, Jussup!« Der Fremde breitete die Arme. »Hältst du mich für einen Gefahr bringenden Menschen? Und doch haben sie mich verjagt wie einen räudigen Hund.« Er spuckte aus. »Sie lassen keinen an sich heran, verkriechen sich in ihren Felshöhlen aus Angst, ihre merkwürdigen Sitten und Bräuche könnten Schaden nehmen.«

Und Ibrahim berichtete in gewichtiger, blumenreicher Sprache von seinen Erlebnissen mit diesen merkwürdigen Menschen, die abgeschieden in jenem Tal nach äußerst strengen Riten lebten, sich gegen alle fremden Einflüsse erfolgreich zur Wehr setzten und stoisch das befolgten, was ihr höchster Priester ihnen auferlegte.

Ibrahim beschrieb ausführlich den beschwerlichen Weg, den er durchs karge, steinige Land in drei Tagesmärschen zurückgelegt habe, hungrig und durstig. Und Jussup könne sich vorstellen, wie froh er nun sei, auf einen so gastfreundlichen Menschen gestoßen zu sein.