SEWASTOPOLOGIA - Tatjana Gofman - ebook

SEWASTOPOLOGIA ebook

Tatjana Gofman

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Opis

Ein literarischer Erstling über das Fremdsein und das Ankommen. Ein Entwicklungsroman mit Erinnerungsbildern aus Ost und West, eine europäische Geschichte, die in eigenwilligem Ton und virtuos erzählt ist. Die Krim ist ein Mythos für Russen und Ukrainer, und sie ist eine Realität für das kleine Mädchen, das hier aufwächst, als es mit dem Sowjetreich zu Ende geht. Das Mädchen nimmt beides mit, den Mythos und die verlorene Wirklichkeit, und zieht damit durch Europa. Mit den Eltern gelangt sie als Emigrantin nach Berlin, als Wissenschaftlerin und junge Mutter findet sie schließlich ihren Ort in der Schweiz.

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Tatjana Gofman

SEWASTOPOLOGIA

Tatjana Gofman

SEWASTOPOLOGIA

KRIM – BERLIN – ZÜRICH

edition.fotoTAPETABerlin

INHALT

Vorortworte

Meine Migro

Klar malen

Schule der Dummen

Burewestnik

Mitteleuropäerin

Unzulänglichkeit / Unzugänglichkeit

Gift

Fotos

Geschwindigkeit

Telefonzelle

Das Jahr der Freiheit

Perestroika

Unvergessen

Schwimmen

Ukraine

Forever-Oleg

Strassenkind

Westenessen

Allzu Sowjetisches

Geruchsflucht

Strandmütze

Omas Haus

Schwiegereltern, schwierige Eltern

Igruschki

Abfahrt

Ankunft

Bruderverlust

In Berlin

Flohmarkt

Drei Mal auf Holz klopfen

Fahrpläne

Mein Mandelstamm

Sewastogo

Mischen

Zur_ich

Zuger See

Sprich, Sprache, sprich

Plätze der Revolution

Krimskrams

Das Leben ist eine Mischung aus Essen, Mieten, Sex, russischer Hochkultur und Intrigen.

David HallbeckJurist in der russischsprachigen Diaspora Stockholms

VORORTWORTE

Adieu, liebes ß, kein Platz für dich auf der Tastatur der Eindrücke. Ich hänge nicht an alten Zeichen.

Nostalgie, Topologie. Schon kurz vor der Wende lässt es sich wehmütig über die verlorene Vergangenheit fabulieren und neugierig lässt sich die Gegenwart entdecken – schlögelnd schauen wir uns in Osteuropa um, Karl Schlögel macht es vor. Es tut gut zu lesen, was von den deutschen Resten übrig geblieben ist und was an Exotischem vor der „eigenen Haustür“ liegt. Bleiben wir beim hübschen Kulturerbe auf den Scherben früherer und künftiger Kriege.

Es liest sich gut, wie sich kaum bekannte ost- bzw. mitteleuropäische Länder in mitteleuropäische Demokratien verwandeln (sie werden so wie wir!) und mit ihren Nochnicht-Entwicklungen Interesse wecken (wie werden sie so wie wir?). Man liest und reist mit, denn es reisst ja mit. Man bleibt zuhause und kann aus dem Westen heraus, mag man ihn gleichfalls Mitte nennen, zusehen, wie die vom Totalitarismus erschütterten, doch endlich Aufgerüttelten zu sich finden, sich nun von dem Bösen emanzipieren und mitunter sogar so gut sind, sich zu verwestlichen.

Dann gibt es noch die Schweiz. Nach zwanzig Jahren in Berlin und der ewigen Konfrontation, ob ich nun Wessi oder Ossi bin, Russin oder Ukrainerin, richtige Berlinerin oder Zugereiste, Mutter oder Kulturarbeiterin, und last but not least, ob ich von Kind auf mit der deutschen Sprache aufgewachsen bin, erlaube ich mir mit allem osteuropäischen Pathos und aller deutschen Direktheit voraus zu schicken: Es gibt hier eine vergleichsweise förderliche, gar fröhliche Balance aus Heimatliebe und Fremdoffenheit, zumindest in den grösseren Städten und auf Abschlussfeiern der grösseren Universitäten, in denen ein gefühltes Drittel aller Anwesenden aus dem Ausland stammt und die Schweizer untereinander die eigenen regionalen Zugehörigkeiten als Smalltalkthema abarbeiten.

Was ist an der Herkunft auch anders als am Wetter? Es kommt, wie es gekommen ist, und geht. Oder bleibt eine Weile. Zum Beispiel hier. Ich habe Lust, direkt hier, direkt jetzt, mit jedem Satz, mit jedem Buchstabsprung auch sprachlich etwas mehr Halt zu finden. Zu schaffen. Halt. Eine Halte-Stelle mit Spielplatz für Kinder und Erwachsene. Ein Hafen, in welchem der Anker auf dem Grunde anlangt. Ein plotloser Lotse durchs gezogene Los (plot – russ. für Floss).

Traumtrash. Stilecht.

Der Reim-Stab, ein Zauberstab, der die Willkür der Bedeutung mit Sternchen versieht. Im Schlechten liegt manchmal das Echte: unerträgliche, ungeordnete und nicht zu ordnende Schichten an traumatischer Schlacke, gegen die keine Diät hilft. Weltgeschichtskacke, die auf Schritt und Tritt dampft. Aus dem Hinterhalt, schwer, schwarz. Lässt sich nur im Sinnrausch verwässern.

Auch unmöglich: der historischen Ladung an Inspiration entfliehen. Beuys-noise im Ohr, ein Floh. Manche müssen dort abstürzen und neu geboren werden, manche woanders viele Tode sterben. Wie man es dreht und wendet, wie man es verfilzt, das Krimfett haftet. Forever verfilzt, das fetzt.

Es werden viele Marinemetaphern herangeschwemmt – so abgenutzt wie der weibliche Name eines Boots, dessen Farbe von der Witterung allmählich abblättert. Sie sind nicht universitär, sie sind mit ihren Gebrauchsspuren universell. Sie sind bei jedem Blick vom Bellevue auf den See da, dort, schnell, geschwind, tauchen auf, gehen unter, fort – eben nein, sie bleiben, wir bleiben, sie bleiben: Mit ihnen lebt es sich hier, lebt es sich hell … Sorry. Maritim ist in dem Fall intim. Die geneigte Leserschaft mag über Bord springen, wann immer es zu überbordend wird und nicht allzu gut funktioniert. Rettungsringe gibt es nur insofern, als dass in nicht allzu ferner Zukunft die Sehnsucht nach ihnen aufhört. Meine wachsen zu Seerosen, treiben auf dem See zu Monet, rosige Ausländer(innen) schauen ihnen zu. Spiel mir das Lied vom rettenden Wortspiel, meines wird nachgemalt bleiben, wie mit einem zu grellen Lippenstift, wie aus dem Osten, wie in der Hölle zu Beginn der 90er Jahre.

Was ist mit diesem Unland Russland? Ist es nicht irgendwie präsent? Und zwar in der sowieso nur noch ansatzweise als solche zu nennenden, und verstohlen tu ich es: russischen Erinnerung. Sie richtet sich auf Territorien, die nicht mehr zu Russland gehören oder schon wieder, politisch so unkorrekt, dass die eigene Kopfzensur auf den Magen schlägt – und auf die Sprache(n). Kann sich eine russischsprachig geprägte Diaspora, sofern man sie mit all ihren Schubladen in eine Oberwortkommode stecken kann, eine Erinnerung leisten? Oder wird diese in die politische Ecke abgeschoben, in die Ecke zum Selbst- und Fremdschämen gestellt, mit der Aufforderung, sich zu bessern, nein: zu demokratisieren? Könnten wir es uns mittlerweile leisten, unter den dünnen Laken von Texten und unter Blutlachen von Buchstaben Asyl für die „russischen“ (whatever that means) postimperialen Komplexe zu beantragen? So viel anders als die ukrainischen oder post-jugoslawischen sind sie auch nicht. Und es sind Komplexe, komplizierte Themen, unverdauliche Gegenden. Cultural Cringe. Klingt gut. Kritisch. So, dass einem übel wird. Die Problemchen verhärten im Magen zu Kieselsteinen am Strand.

Die Probeländchen, Jahres- und Gedenkzahlen werden zu etwas anderem, winden sich aus ihrer Immaterialität heraus, mischen sich unters „Volk“. Das, wofür sie stehen, ihr Inhalt, wird am besten mit ein paar leisen Augenpaaren verprasst, statt auf der hohen Kante zu liegen. Die Erinnerung und die Nichterinnerung, die Lust und die Unlust haben genug herumgegammelt wie die Faulenzer auf dem Ofen in russischen Märchen.

Sewastopologia. Collected fieldwords. Go for it. Stop, das ist eine Apologie der Alogie. Dazu ein bisschen was. Worte aus einem ruhigen Vorort Zürichs (meinem Zur_ich), zwischendurch auch aus dem nunmehr fern liegenden, in sicheren Abstand gebrachten Berliner Wedding, dem Schnittpult, dem Brennpunktglas auf das zerfallene und zum Spezialfall gewordene Krimmärchenreich, das ich nicht zu Fall gebracht sehen möchte.

Hier schwimmt man mitunter im Stadtgewässer, fotografiert die Hochglanzfläche, zählt die Abstufungen der Hügel und Möwenflügel, wünscht dem Schwan ewiges Leben, radelt entlang des Ufers, entlang der nichtexistenten Vorhänge und Mauern beim Eintauchen in die ausgebreitete Leinwand. Ob goldig oder silbern, der Zürichsee kann so weit und breit sein, wie nötig – für den Augen-Blick. Man darf. Man nehme nach Bedarf. Man nehme an. Sauge ein. Sauerstoff wie Wasser, Feuer wie Grundfarbe. Das Wasser erfasst die Luft und zieht dich in die Zeichnung, die noch anzufertigen ist. Viele Flüsse fliessen die Berge herunter. Stehen und warten. Limmatlimonade – Zitronensaft entgiftet. Die Sihl entsorgt das Zuviel.

Man stecke sich ein bestimmtes Lebensgefühl an den Mantelkragen, man lasse sich von der Krim anstecken, die sich hier versteckt. Sie springt einen wie ein übermütiger Hund an, mit dem Schwanz die Kennenlernferne wegwedelnd. Exaltierte Schwingungen. Vor so etwas empfindet sogar eine urbane Hundeangsthäsin seehelle Freude. Der ideale Leser erlaube es sich, kindlich, ein Welpe oder ein Kätzchen oder ein Eichkätzchen zu werden – irgendwo muss man es sein dürfen. Wenigstens kurz und zwischendurch. Denn was Pathos und was Kitsch ist, das lösen wir nicht mal im Wörtersee auf. Hoffen wir auf gegenseitigen Genuss, ob mit Kopfnuss und Russenmissgunst oder gegenüber dem Osten offen. Nur dass es die Seele nicht verfehle.

Worum es mir geht: Eine Stimmung, eine Bestimmung, eine Richtung, die man ansatzweise einschlägt (oder es sich so vorstellen kann), wenn man zum Beispiel zum Supermarkt hetzt und vom Anblick des Grellgrüns neben Grellblau und preisgekröntem Hausbau auf einmal zum Spazieren gezwungen wird. Links die Wiese, rechts saust ein Cabrio vorbei, oben ein paar Kühe, über allem ein leicht mistiger Geruch, der vielleicht von salzigem Meer hinterm Berg her wehen könnte. Der Himmel filmreif, die Wolken zu zarten Sahnehäubchen aufgeschlagen, vorn ein Restaurant, das immer geschlossen hat, um die Ecke ein Bio-Bauer, weiter unten Pferde, nach aussen sozialistische, nach innen luxuriöse Hochhäuser (es ist ja noch Stadt), und die Sicherheit, dass diese Welt sich nicht verändert, und wenn, dann zum noch Besseren hin – it’s cool, man.

Die flotte Flotte, die Uniformen der Matrosen in schwarzen Hosen, das klitschkonasse Schreibstandbein, nah am Wasser gebaut, triefender Zuckerguss … Sorry. – Wie oft ich dieses hö fliche Wort hier höre. Nun, ich kann nicht anders darüber sprechen, also gilt es, für die paternalistische und muttersprachliche Emphase mit allen Mitteln der edlen Ironie, die schon viele andere vor Vorwürfen und Zerwürfnissen nicht geschützt hat, eine Lanze zu brechen. Ich breche: den Stolz und die Liebe, die Anhänglichkeit und die Abhängigkeit. Das Heilige, über das es weiterhin zu schweigen gegolten hätte, damit es schön und heilig bleibt. Innige, aufrichtige Verbundenheit, die hat in der Post-Postmoderne nur etwas zu suchen, wenn mit ein wenig Huzulenromantik oder antisowjetischem Untergrundkampf versehen. Nein, kein Versehen.

Identität, das Unwort der Epoche pocht in der Schlagader, drängt gar dazu, über Herzschmerz zu scherzen: ein Rundumschlag gegen normierte Raumkulturdiskurse. Was so unappetitlich trockenfurzig klingt, darf künstlerisch, kreativ, und: kreolisch, krimisch – nur nicht kremlisch (!) – attraktiv-korrektiv sein. Da ich trotz offenherzigster Bemühungen um korrektes Deutsch mit dem Konjunktiv und mit den Vergangenheiten (im Russischen gibt es nur die abgeschlossene und die unfertige) auf Kriegsfuss stehe, wenn ich die Krim mit dieser Zeilenkreide umkreise, so müsste ich ihn endlich werfen, meinen Anker. Doch hole ich ihn wieder heraus, damit ich von der Stelle komme. Sonst wird mich ein unsichtbares Seil dorthin ziehen, zu diesem fast anstössigen Zipfel im nördlichen Schwarzen Meer, der schelmisch nach Südwesten schielt, ja, den Alpen zuzwinkert. Ein kleines, treffsicheres Katapult. Die Halbinsel ruft keck vom Deck: Geh weg. Aber vergiss mich nicht.

Ich schreibe nicht nur mit dem Blick auf die Brüderberge im Hinterkopf, sondern aus einem gewissen Unbehagen heraus, dass „mein privates Territorium“ zerredet, politisiert, furchtbar zerfurcht werden könnte, wenn es nicht schon geschehen ist, während ich in der Ecke meine Puppen auf selbst gebauten Karossen kutschierte. Wenn Stasiuk & Co. ihre kleinen Heimaten haben dürfen, dann darf ich auch meine Party schmeissen – selbst, wenn keiner ausser den Puppen von damals kommt.

Zerpflückt ist die Krim ohnehin, das steht nicht zur Diskussion. Als ob es nicht reichen würde, dass ich sie vor über zwanzig Jahren durch Wegzug (Umzug, Auswanderung, im Schlepptau der Eltern nach Berlin) verloren hätte und die Leute, die dort geblieben sind, sie ebenfalls verloren haben. Weil die Ukraine aufgegangen ist und meine Eltern sich wie andere Krimmenschen von den Versprechen auf eine Besserung übergangen wähnten oder es wurden. Möglicherweise sollte ich hier auf die Inflation und gewisse barbarische Sitten der Perestroika-Zeit zu sprechen kommen, auf die die Krimmenschen, wie andere Provinzler (und das ist auf dem postsowjetischen Territorium alles abseits von Moskau und Petersburg), gar nicht so gut zu sprechen waren wie die Westmenschen. Ich mache niemandem etwas vor, ausser mir selbst, die Krim ist die 90er über untergegangen. Wenn etwas in mir es wagt, mir zu widersprechen, dann mit dem respektablen Argument des kulturellen Erbes: Etwas ist im Osthirn hängengeblieben, etwas von mir ist dort hängengeblieben, etwas habe ich mitgenommen, und da ich nicht mehr sparen muss in einem reichen Land wie diesem, teile ich es gern mit den anderen zahlreichen written HerStories. Ich möchte mich gern an Homi Bhabha probieren, nur eher praktisch – mich mehr an ihn anschmiegen als anlehnen, weniger theoretisch und mehr als homo baba (russ. für Weib).

Ich weiss vieles nicht mehr, vieles kann ich nicht in Buchstaben quetschen, es steht für immer unter Schock, nein: es dampft … dampft schon als Erdapfelstock. Von jenem Apfel habe ich wohl gekostet, bevor das Paradies ausgeschert ist. Ich erlaube mir den Luxus, mich nicht um Ausgewogenheit, Sachlichkeit, Meinungen und Urteile anderer zu scheren. Der Spaziergang geht mit den Erinnerungen, inneren Monologen, mit Sprach- und Landschaftsverliebtheit kurz um die Ecke. Bringt sie um die Ecke. Ich gehe mit massiver, gar aggressiver Gefühlsduselei Gassi. Darauf läuft dieses nacherlebende Schreibspiel hinaus, nach draussen, auf die Strassen. Ich mache mir Platz für etwas, was sonst weder in meinem Leben noch im Leben anderer adäquate Umzugskisten und Regale gefunden hat. Nicht über zwanzig Jahre aktiven Deutschwerdens und -scheiterns hinweg. Ich räume auf, indem ich diesem Sternenstaub gewissen Raum einräume – die Reste in eine Flasche schütte und zur Flaschenpost einschliesse. Die Briefmarke: hahnenwasserreiner Sesselseeblick und stützende Gebirgslehne.

Ich hüpfe auf dem Grat des uetliharmonischen Schönbergs, tanze mit kernigen Schönheiten der Krimmaschinerie, befreie vom Verdrängungseis Strom und Bäche und plädiere mit diesem Aufstand gegen Alltag gewordenen Hass für einen nicht-politischen Frühling. Einfach nur Frühling, unorganisiert. Der nur ein Spätling sein kann. Und wer zu spät kommt, den bestraft Gorbatschow. Seine Reformen kamen zu spät, das ist das politische Statement, auf das ich mich beschränke, während ich die Schranken der Assimilation als Simulation aufreisse.

Bevor mich etwas in diesen Schriftsee geschubst hat, habe ich gelesen, dass die Menschen auf der Krim als besonders sowjetisch, besonders nostalgisch und eigen gelten, gerade die Hafenstadt Sewastopol mit ihrem Heldenknall im freien Fall der Autonomen Republik. Nun ist es in jeder Zeitung seit Monaten publik, mein kleines privates Rumoren von unvergessenen Sonnenstrahlen – gespeichert in jeder Sommersprosse und jedem Schönheitsfleck, der mit der Leber nichts und im Russischen nun leider doch etwas mit Heimat zu tun hat: rodinka heisst der Leberfleck und es könnte auch für die kleine Heimat stehen, so wie wodka die Verkleinerungsform von woda (russ. für Wasser) ist, oder?

In meiner woodyhaften, nein: in meiner hölzern-wolligen, von hier aus bequem geschnittenen und wohltemperierten Krimkrise fühle ich mich so, als ob ich ständig im ärmellosen Top herumlaufen, Sonnen- und Nasenhüte aus Zeitungspapier basteln würde. Ich könnte mich nun Russland zugehörig fühlen, das wäre eine klare aussenpolitische Lösung des inneren Konflikts.

Etwas in der Art haben meine Eltern laut überlegt, sie wollten die russische Staatsbürgerschaft beantragen. Sie gingen mit ihren sowjetischen Pässen in die russische Botschaft. Man sagte ihnen, ihre Pässe seien über zwanzig Jahre alt und sie sollten zuerst die ukrainische Staatsbürgerschaft erwerben (und das kostet sie einiges, vor allem Überwindung), dann diese ablehnen und einen Antrag auf die russische stellen. Denn sie hätten nichts mehr mit Russland zu tun, sie hätten keinen Bezug. Aber was, höre ich, wenn die Ukrainer sagen, wir müssten auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichten, um die ukrainische zu erhalten? Und was, wenn wir die ukrainische nicht loswerden?

Wir leben weiter mit den deutschen Pässen, und nur diesen. Die sowjetischen Pässe liegen wie noch zu beendende Romane in der Schlafzimmerschublade. Solche Ausstellungsstücke gehören ins Familienarchiv. Ich werde sie heimlich abfotografieren, wenn es mich wieder nach Berlin verschlägt, und am liebsten würde ich sie bei mir aufbewahren, um sie meinen Kindern und Enkelkindern zu zeigen.

Erklärungen über die Krim – sie krächzen, zerkratzen die Oberfläche, kleben tiefgründige Begründungen und allgemein verständliche Schlagworte auf. Noch mal und nochmal, hau immer drauf, bis tote Hose ist. (Wenn ich einmal gross bin, frage ich die Toten Hosen, ob sie in Sewastopol auftreten.) Da haben wir sie, liegt alles auf der Hand, historische Nicht-Gründe, logische Abgründe. „Die Russies sind die Tussies“, dichtet mein Sohn im Pausenhofton. Auf die Frage, ob er schon Züridütsch spreche, verkündet er ernst, er müsse nicht – ich habe ihm gesagt, er müsse, aber er ist renitent-russisch, muss ich wohl schweren Herzens beim schwarzen Tee herunterschlucken, so ist das Schicksal –, da er Deutscher sei. Die Worte seines Vaters hallen in dem Fall nach, Nachruf der Berliner Kapitulation angesichts unserer Flucht vor Flüchen. Und vor dem Würgegriff, dem Angriff auf die Würde, dem Schlag auf den Esstisch: „Sprich deutsch, verdammt noch mal!“

Wiege der Orthodoxie, Verteidigung des Vaterlandes, romantischer Sehnsuchtsort, streng strategisches Strassenflair. Ungereimt, mein Deutsch ist so, auf Stelzen, auf Krücken, denn so ganz und völlig hab ich es doch nicht geschafft ins Bildungsbürgertum, da alliteriert weder ein Str noch ein Dr zu Hilfe herbei. So darf der Stil russisch sein, und zwar ungestüm, pardon: ungelenk, bärischsibirisch, und ich schmuggle noch ein paar stilstabile Intertexte aus der ausserordentlichen Literatur hinein, die müssen wir uns aufheben, dieses feste und befreiende Relief.

Grenzsicherung für die einen, grenzenüberschreitende Barbarei für die anderen, und schon haben wir den Grabenkampf. Allein die Gebärden. Droh- und Macht. Illegal. Igel, alles Igel, eingeigelt in Kälte, stachlig und doch herzig, man spricht jedenfalls von Herzen, man spricht sich vieles weg, und in vieles redet man sich hinein. Russland sei für die Krim nur ein Kapitel von vielen. Ja: eines der aktuellsten und über 230 Jahre lang.

Es ist wichtig zu verstehen, warum jemandem etwas wichtig ist, auch wenn der Weg dorthin uneben ist und es kein Zurück gibt. Dieses Wichtig ist die Realität vieler, die sich – egal, in welcher Weise – als russisch fühlen, auf der Krim und ausserhalb. Man könnte nun Vergleiche ziehen. Zwischen erblühenden Bäumen, beflügelt vom ersten Frühlingsduft, dem blusenähnlichen Print aus Rosa, Weiss und Gelb, mit Blick auf den Züriberg – einem Blick, dem der Saharastaub noch ein bisschen mehr Fernwehstrahlung bringt – tauchte einmal die überflüssige Frage auf, wie lang die Schweiz als Schweiz existiert und welche Kapitel diesem Fleckchen Erde vorangegangen sind. Als Vergleich zwischen zwei verschiedenen Paradieschen, von allen Seiten, von oben und unten betrachtet. Würde jemand in Frage stellen, dass dieses Kantonenkreisel den Schweizern wichtig ist? Was zählen Jahreszahlen, wenn es mehrere Generationen gibt, die in der Gegenwart, dieser unwichtig beschränkten Schreib- und Lesegegenwart, ein bestimmtes Verständnis von Hei-mat (Schach-matt) in Bezug auf einen Kreis, Bezirk, einen Kiez, ein Dorf, einen Berg, ein Land, eine Halbinsel miteinander teilen. Was tun? Es verdammen oder es mitteilen und so unters Volk bringen, dass es sich internationalisiert – allen freiwillig Beteiligten zeigen, dass sie beim Lesen ein bisschen Krim probieren können und sie auf die Idee bringen, dass sie bei sich auch ihren Süden, ihre Helden, ihre Malflächen, ihre Spiel- und Schamecken hatten und haben.

Ich möchte keine Erklärung über die Krim schreiben, eher eine an sie richten. Es muss ja nur raus, spielen gehen, davon fliegen. Eine kleine Friedefreudeblin-Taube. Blin, das heisst „Eierkuchen“ oder auch „Mist“. „Friedefreudecrêpes-Taube“ passt nicht so gut, sie soll ja nicht krepieren, sie soll blind dorthin fliegen, wohin es sie zieht, und sei es eine Berliner Zone oder sei es Bellinzona. Sie soll ruhig eine Runde über dem Zürisee drehen, ich gebe mir Mühe beim Dressieren – ziehe mich schon viel besser als früher an. Ich glaube ganz fest an diese besondere Luft, dieses Licht und diese Leichtigkeit, hier und jetzt. Hier ist gross mit langem O. Hier ist weit mit bedauernswertem Ei-ei-ei, nicht früher gekommen zu sein, von den Berliner Eindrücken so eingedrückt worden zu sein, dass es jetzt einer uhrmacherisch diffizilen Recyclingarbeit bedarf. Übrigens, ein Blick auf die Karte, und mit nur ganz wenig Fantasie lassen sich folgende lässig-zuverlässige Vergleiche ziehen, Bilanzen erzielen (Kalauer, fliegt doch auch mal davon, das ist eine ernste Angelegenheit, das „Es“ so in einen Text hineinzuführen, an der Leine festgehalten, beschwipst mit Schlips, mit Hut und alles, alles wird schon gut): Die Krim liegt nur ein bisschen südlicher als die Schweiz und ist nur ein bisschen kleiner als diese. Man könnte sie ausschneiden, übereinander legen, die gut gelaunten Zipfel einander liebkosen lassen.

Oder die Albernheiten mal lassen.

Aber wäre witzig zu sehen, wo dann die Bucht von Sewastopol liegt. Ziemlich genau im Tessin. Biografisch klingt das gut, tönt schon in gereimten Komplementärfarben: Berlin zwischen Sewastopol und Tessin. Ich mag den Namen Tessa. Kesses Tessinchen, ich muss dich mal besuchen fahren und dir von Anna Kessa erzählen. Von ihr schwärmt mein 80jähriger Nachbar, seit er das erste Mal mit mir gesprochen hat. Sie habe einen hervorragenden russischen Mittagstisch im Tessin angeboten, so fein gekocht wie ich habe sie, und der Geruch meines Borsches (sieht fast aus wie Borges) habe in ihm ganz ferne Erinnerungen an diese kochende Russin geweckt. Er brachte mir ein Buch mit ihrer Autobiografie und erzählte kurz darauf, wie sein Grossvater in der Museumsgesellschaft beim Ausleihen kurioser Bücher Lenin kennengelernt und zu sich nach Hause auf Gschwellti eingeladen hat. Meine Zürcher lernen nur die ungewöhnlichsten Russen kennen. In Anführungsstrichen, wie sonst.

Ich will gar nicht verfremden. Der ganze Migrationsknall ist eine einzige Entfremdungsernte: fremd hier, fremd da, fremd sich selbst gegenüber, fremd für die anderen, bis zur Kulturlosigkeit frrr. – Zahllose Umwandlungen, in die Fremdwährung, mit Wechselkursverlust. Guten Tag, ich bin Fr. Fr. Fremd in jeglicher Hinsicht für alle, man kann einfach niemanden auf diese Weise richtig-richtig kennenlernen. Früher oder später bin ich hier die direkte (arrogante, inadäquat manierlose) Deutsche. In Deutschland fragt man mittlerweile, ob ich Schweizerin sei und vorher: siehe oben. In Russland bin ich nach einer Woche wehrhaften Verwehrens allein durch die Sprache und gewisse Emotionalität (imperiale, was sonst) als nascha, russ. für „eine von uns“, eingegliedert, selbst wenn ich so manchen mit Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Heizverhalten „aufs Glied schicke“, wie es wörtlich heissen würde, würde ich so unanständig sein, mich in die endlosen Weiten des verbalrussischen Bodenschatzes zu begeben. Und wenn mich Ukrainer als Ukrainerin bezeichnen, wehre ich mich oft nicht mal – es schafft in dem Moment einen harmonischen Grund, zusammen zu sein.

Egal, wie hart die Währung, die Abhärtung währt nie lang. Die Identitätsausweise überrumpeln immer wieder von neuem, sie funktionieren wie Schuldzuweisungen, wenn man Erwartungsmustern nicht gerecht wird. Kaum hat sich das eine Attribut „begründet“, taucht ein anderes auf, für das es gilt, eine elegante Einfügung zu finden, den passenden Ton zu treffen. Nur bin ich nicht musikalisch. Was soll ich in die Birkenrinde ritzen? Hier gewesen, dort geliebt, da einverleibt. Mich motiviert im Grunde nichts. Ist ja alles weg, aufzusammeln gibt es nichts. Der Text fädelt das Glitzern der Glasperlen auf, nicht die Perlen selbst, aber vielleicht päpperappelt er mich und dich auf, wie früher ein Blick vom Balkon auf die winkende Pappel, so dass wir uns sammeln, gar versammeln, auf einen Drink, auf etwas ink.

Kurzum, die Entfremdung ist schon die grösste anzunehmende Verfremdung. Da bleibt nichts hinzuzufügen, nur aufzulesen und wieder durch die Finger rinnen zu lassen. Es mal gerinnen lassen zu etwas, was auf ehemals durch und durch gelebte, durchlebte, durchliebte – geliebte – Atmosphäre verweist. Eine übersinnliche Erfahrung. Ein Maschendrahtzaun aus aufgehellten und gedämpften Tönen, gebunden und überwunden.

MEINE MIGRO

Ich bin nie bereit gewesen, mich an meine Kindheit und an ihr Ende, die Migration, zu erinnern. Stattdessen könnte ich vielleicht die objektiven Daten meines Lebenslaufs und der Läufe mehrerer Leben, die meines mitermöglicht haben, durchgehen. Ich brauche die verlorene Erinnerung an die Kindheit, ich darf mich nicht vollständig erinnern, sonst versiegt die Quelle der Erinnerungslust. Die Angst vor dem Eigenleben des Verdrängten, das eines Tages aus dem Universum zurückschlägt, und die Angst vor dem Versinken, Verlinken – davor, sich der Erinnerung auszusetzen, überbieten sich. Also warte ich, bis sie sich selbst meldet, ihr Dispositiv aufleuchten lässt, ihre Ab- und Eindrücke, ihre lesbaren Fussspuren stampft. Bis sie verdampft.

Ich warte schon lange, seit eben dem, was Migrationserlebnis genannt werden könnte. Ein schlechter Begriff: Er bezeichnet etwas Abgeschlossenes, so wie ein erster Besuch in einem neuen Supermarkt. Ein Erlebnis hat man erlebt, und danach hat man eine Menge weiterer Erlebnisse, die sich übereinander stapeln, so dass das erste nur noch an einigen Stellen durchschimmert. So eine Migration ist ein Event, dauert aber an, ein Non-Stop-24h-Festival. Sie ist nicht mit der rein körperlichen Absenz oder Präsenz abgeschlossen. Manchmal fühlt man sie gar nicht mehr, dann auf einmal deutlich, manchmal streicht sie unterschwellig am Bein wie eine Katze, die vorgibt zu schmusen, aber dadurch ihr Gebiet markiert – sie ist wie ein die Stimmung leicht, en passant beeinflussender Fluss in einer Stadt. Man gewöhnt sich schnell an ihn, schneller als an ein Meer oder an einen See, dessen Licht- und Luftwellen das Aussehen der Stadt überraschend und gravierend ändern.

Ich hatte jenes Erlebnis beinahe schon erfolgreich „vergessen“, doch als mein Sohn die Welt anbrüllte und ich beschloss, dass Russisch beschwichtigend klingt, kehrte jener Zustand öfter zurück, brüllte mich noch lauter als der Babynotruf an, goss mir Muttermilch nach, die nicht nur für ihn bestimmt zu sein schien, pumpte etwas auf. In meinem Dorf, in der Stadt, hinter dem Entlisberg atmet es sich tief, jetzt – im letzten Zug, bevor die aktuelle Welt untergeht – noch unverbaut. Ich habe mich getraut, die Luft rausgelassen.

Seitdem bin ich eine ermattete, bei der Migros einkaufende, migrantische Tante. Ein Muttertier, das nährt. Das musste so sein, um sich und das Kind und das Kind in sich aufleben zu lassen. Man kann mir kein reines Deutschsein mehr auftischen, man erwartet es nicht mehr von mir, man sagt mir hier manchmal auch, ich sei keine Deutsche, das merke man, Punkt, auch und weil ich „Fernsehdeutsch“ ohne regionale Färbung spreche und hier öfter als in Berlin darauf angesprochen werde.

Dort, in dem „Schmelztiegel“, in der hippsten aller deutschsprachigen Städte (zu viel Markenbabybrei geschluckt?) schaute man uns, Mutter und Kind, als Ausländer an, machte uns (mich wieder) zu ebensolchen, und zeigte sich plötzlich erstaunt, dass wir auch Deutsch sprechen. Früher oder später kam die Frage auf, warum wir es nicht die ganze Zeit sprechen, wenn wir es schon können. – Es ist nichts Besonderes, nichts Pikantes, chas probläm, und wenn doch, so ein Chas- und Chaosproblem, ihr lascher Käse, nicht mein Bier. Und doch, es hat genervt. Bis in die Milchkanäle, bis in die ältesten Freundschaften hinein. Es ist keine See-Oberfläche, deren Himmelsspiegelung geschniegelte Ureinwohner und etwas ungewöhnlichere Strandbesucherinnen in das gleiche Licht hüllt, so dass alle von der farbenreichen, selbst bei Regenwetter wie gemalt erhabenen Naturpracht an ihre menschliche Nichtigkeit erinnert werden und daran, dass sie in diesem Schönwettermoment ihre Kreatürlichkeit ausleben dürfen. Paragliding ins Paradies. Es ist an der Zeit, mit dem Paraphrasieren, den Paratexten und mit der Paarlosigkeit aufzuhören. Diese Sportart wäre ganz im Sinne sowjetischer Luftraumbeherrschungsfantasien. Da, pora, sestra, pora: Schwester rück vom Fleck, und sei es nach Moskau.

Die Sprachkulturfrage ist nicht einmal mit einer dunklen Wolke vergleichbar. Sie beugt neugierig ihren Kopf wie ein riesiges, bedrohlich anzapfendes Fragezeichen, fragt, was man sei, warum man als Metonymie des Bösen (Staates, Geschichtsschlächters) lebe, warum man nicht wie jeder andere sei, obwohl man es doch könnte, oder doch irgendwie anders anders: deutsch und berlinerisch eben – ohne Berglandschaften, ohne weitere Schichten, Geschichtchen, schlicht ohne Verbindung zu etwas Schlechtem.

Der freie Fall verdrängter Muttersprache. Die meines Vaters war Deutsch: Als Kind von Berlineroberern verbrachte er die ersten Lebensjahre in Potsdam unter Obhut eines deutschen Kindermädchens. Ungefähr zehn Jahre später lernte er Koreanisch, in einem Krankenhaus auf der Insel Sachalin. Diese Insel sei wie Island, nur ohne Geysire, hat mal jemand gesagt. Mein Vater lebte mehrere Jahre in diesem fernöstlichen Island, weil Opa dorthin samt Familie verbannt wurde – wofür, weiss keiner. Auf dem rauen Sachalin bekam mein Vater eine Nierenentzündung und Probleme mit der Leber, so dass er die meiste Zeit im Krankenhaus lag. Im Krankenhaus teilte er ein Zimmer mit koreanischen Jugendlichen, sie brachten ihm ihre Sprache bei. Neulich sass neben ihm im Flugzeug eine Frau aus Korea, sie sprachen zunächst Deutsch. Später sagte er etwas in ihrer Muttersprache zu ihr und freute sich, wie verdutzt sie daraufhin zum Du wechselte.

Als wir 1993 nach Berlin einreisten (Lichtenberg, graue Bahnsteige, grauer Himmel, Grimassen der Ankunft), konnte er kaum ein Wort seiner ehemaligen Muttersprache. Er hat sie verlernt. Ebenso das Ukrainische. Wie meine Mutter verbrachte er seine Jugend in Winniza, einer zentralukrainischen Industrie stadt. Ich rufe manchmal meine Eltern an und frage, was ein nicht nachzuschlagender Ausdruck auf Ukrainisch bedeutet. Er versucht sich immer daran, wenn er am Telefon ist. Ich glaube ihm keine Silbe, er erfindet ohne zu zögern semantische Schattierungen, die in ihrer Kontur verzerrende Geisterschatten werfen. Mama, was bedeutet das?

Mama freut sich. Anfangs, als meine Fragerei begann, wunderte sie sich – weniger über meine neue Arbeit als darüber, dass sie mit ihrer sprachlichen und kulturellen Expertise gebraucht wird. Das scheinbar unnütze Ukrainisch, hach, seht ihr mal, dass auch das wichtig werden kann. Sprachen, sagte sie schon früher, schleppe man nicht wie schwere Säcke auf den Schultern herum. Nein, heisst es nun, das H musst du sanfter aussprechen. Das S weicher! Ihren Enkel ruft sie manchmal pussjao (Pusselchen, dudelt der Duden). Und das bei ihrem Sprachpurismus.

Ein weiteres Verdienst meiner Mutter ist es, dass man in unserer Kernfamilie weder Deutsch noch ein Mischmasch aus Deutsch und Russisch miteinander spricht, wenn man miteinander spricht, sondern ein fast puschkinhaft durchsichtiges Russisch. Ihr Mittel dafür ist so simpel wie konsequent: Sie verbessert jede(n), der / die / das in ihre Rede einen Fehler schleust. „Ihre“, denn es ist tatsächlich die Rede meiner Mutter, die sie durch ihre Korrekturen unseren Stimmbändern aufgegleist hat. Sie verbessert sogar Redakteure russischer Zeitungen. Das ist eine andere Geschichte. Wie jene, dass wir irgendwann nicht mehr miteinander sprachen, ich die Muttersprache fast verlernt hätte und mich für Russisch einschrieb, um nicht völlig jene Sprachschicht zu verlieren, die genauso unaufhaltsam abbröckelt, verrostet und verkrustet wie die Erinnerung an das erste Leben.

Vielleicht verhält es sich mit der Sprache so wie mit allem anderen: Sie verschwindet nicht zwischen dem Unbewussten und Bewussten. Selbst, wenn sie nicht direkt greifbar ist, hinterlässt sie eine interlinguale Spur – eine Schleimspur, die auf gleichzeitige Präsenz mehrerer Sprachen verweist, was auch schlechte Übersetzungen unwillkürlich verdeutlichen. Wenn man umschreibt, aber noch nicht umgeschrieben hat, wenn man im Paradigma sichtbar daneben greift, aber damit begreifbar macht, dass das Übersetzen einer Übung gleicht, bei der die vorgegebenen Noten abgespielt werden und die Töne immer wieder eine neue Musik ergeben, dann mag es zwar sein, dass man stur am Rockzipfel des Ausgangstextes festhält, ohne sich von ihm zu lösen. Man weiss aber auch, dass es potentielle LeserInnen gibt, die sich genauso in die Sprachfäden der Denke dahinter verstricken, eine ähnliche Musik hören und die dieses Schneckentempo nachvollziehen, das eine(n) lähmt und hindert, von einer in die andere Sprache zu wechseln. Bestimmt lässt sich das üben. In die runde Umkleidekabine am Strand rennen, die Schminke der alten Rolle vorher wegflennen, flink wieder auf die Bühne eilen, den eigenen Auftritt nicht verpeilen.

Die Bröckelmetapher jubelt sich schön abgenutzt unter, ein Souvenir aus dem Brockenhaus. Wie die Gebrauchssprache, die übrig bleibt, während der goldene Vokabelschatz sich auf Geheimkonten versteckt, auf der Strecke bleibt, auf dem Weg (in die Integration?) das Kabel durchschneidet, den Milchkanal nach aussen saugt. Wie die Erinnerung, die man hervorkramt oder die sich herauskämpft, hervorkämmt, so wie ein baraschek auf einer Welle hinaufprescht. Baraschek, das heisst: Lämmchen. So nannten wir den Schaumsaum der Wellen auf dem Meer bei stärkerem Wind, die Hörner ihrer Widerspenstigkeit – ein Indikator, ob das Meer strandtagtauglich oder zu bedrohlich war.

Ein paar passable Antworten in petto haben, zuhörerfreundlich, adäquat auf den Erwartungshorizont ausgerichtet. Ja, es war schön! Nein, nicht überall ist es in Russland kalt! Nein, nicht richtig Russland. Sowjetunion. Nein, Ukraine-Republik, offiziell, und: autonom.

Auf Fragen, wie es denn „dort“, in dem anderen Leben, auf dem anderen Planeten gewesen ist, antworten Sie bitte selbst, Sie haben sicherlich die Medienberichte verfolgt. Nebenbei, der andere Planet liegt auf demselben Kontinent: Die Krim gehört noch zu Europa, auch wenn die Wetterkarten sie abschneiden und auch wenn wir uns vorm Baden mit „Schwimm nicht rüber in die Türkei!“ gegrüsst haben.

Ich bin weder Russland- noch Ukraineversteherin, ich verstehe beide Länder überhaupt nicht mehr, auch wenn ich über sie manchmal zaghaft etwas zu sagen versuche. Ich stehe für mein sagenhaftes Krimmysterium ein, meine freie Krim, meine Krimfreiheiten, Frkr und Krfr. Frankreich? Crème fraîche? Kefir? Smetanaspur! Wir schmierten uns nach jedem Sonnenbrand mit Smetana ein, so dass diese formidable Après-Lotion meine Haut überzog und mein Inneres verformte, zusammen mit der Sonnewonne von dort, sozusagen: Matrosentattoo allover. Ich stehe für Konsonantengeröll der Küste ein und für Vokalvokabeln des Meeres, herangespült zur Beschreibung. Für die Krim, wie sie auf mich im Zürichzurück zurollte (krimmich-nimmich), die mich trug und mitnahm, mir das Schwimmen zwar nicht beibrachte, aber auch nicht in mir zusammenkrachte. Die mich leicht lädierte und für diesen Text plädierte. Eine Spezialität im Osthirn-Lokal: rahmige Krimwelle zum Dessert. Davor auf die Schnelle eine Fischfrikadelle, südisch by nature.

Ist das Migrationserlebnis ein Initiationserlebnis? Pubertär, übergangsschwellig, schwerfällig, abrupt, den Horizont vor Augen, wo das Wasser die Wolken küsst. Es möge sich doch mal ein kohärentes Narrativ versinnlichen lassen, das kleben wir auf die K. als Marke aus dem Westen, stecken die Begierde in einen Brand und glucksen zufrieden: Wir wurden unterhalten, als ob wir einen süsslich-südlichen, von der Sonne versengten Krimbrandwein getrunken und Schiffe versenken gespielt hätten.

Breitmaschige Identitätsfallstrickerei am Beispiel einer Sprach- und Ortsverschiebung. Der Versuch, die eigene kleine Geschichte in den Fluss einer allgemein zugänglichen, mit Seitennummern rhythmisierten Narration geschoben zu sehen – eine Ration des Närrischen und des Kulinärrischen. Auf eine von Ikea zum wunderbaren Notizblock verarbeitete sibirische Birkenrinde oder auf einen global-gesichtslosen Kappenschirm. Die Nacherzählbarkeit hinkt hinterher. Eine grossgewachsene, natürlich rhizomatische, aromatische homo erzählbaba. Auch das ein Gerichtname, für den mich niemand vor Gericht stellt, auch nicht spasseshalber in der Gessnerallee.

Osthirn presents: die Erzählbar homo baba – merhaba, teschekkürler, merci vielmal, wir sind gespannt darauf, uns vom kulturellen Karussell zu entspannen.

Mich nimmt es Wunder (dieser Ausdruck geht mir unter die Haut), wie man das nennen könnte. Möchte an dieser Stelle dilettantisch schweizern, so kann es bei Ratlosigkeit ein kleines Wunder geben. Drehen wir am Rad der Fortuna, wo wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können. Die Geschichte eines Arrangements, das die Übergangsphasen zur Hauptsache erklärt.

Übrigens, ich habe einen Lieblingsschriftsteller, seit Dickens: Aleksandar Hemon. Ich lese ihn später mal rauf und runter, wenn ich in Rente bin und Zeit habe, oder ich warte bis zur Eröffnung unserer Location, wo das geht, in Gesellschaft einer Leserschaft. Bis dahin aus einem Interview mit ihm:

„Der Unterschied zwischen einer wahren und einer fiktiven Geschichte besteht in den Augen der meisten Leser darin, dass Letztere Erfundenes enthält, aber im Bosnischen ebenso wie in anderen slawischen Sprachen existiert dieser Unterschied nicht. Wir unterscheiden zwischen Wahrheit und Unwahrheit, nicht jedoch zwischen Fiktion und Nichtfiktionalem (…)“1

KLAR MALEN

Es wäre adäquater, ein Aquarell zu malen und die Klischees mediterraner Wärme und Touristenschwärme, generell: des Charmes (russ.: Charms, Daniil) so anschaulich vor Augen zu führen, dass man nicht auf den Gedanken käme, es könnte eine ähnliche Atmosphäre woanders geben als auf der Krim. Doch die Einmaligkeit zu bestätigen, wird mir nicht gelingen. Die Abnutzungsspuren, die die Aquarellskizzen beim Überführen in einen verbalisierten Abriss erleiden müssen, sprechen für sich. Imperialismus ist imprägnierter Impressionismus: Ich habe gar nicht zwischen schöner Natur und schnöder Militärtechnik im Hafen von Sewastopol unterschieden. Die Sonne spiegelte sich auf Schiffen genauso wie auf Akazienblättern. Grüntöne, ölige Gerüche. Gelb getränkte Luft, weisse Akazienbauschblüten. Eine Einheit, keine deutsche. Alles gehörte zusammen, ich dazu. Eindeutig. Ich war ein Teil davon. Mit meinen zwei Zöpfen, roten Schleifen, Flausen im Kopf, einmal auch Läusen im Haar und ätzendem Benzin zu deren Bekämpfung. Brandfeuer auf der Kopfhaut, frisch gewaschen von dem Gestank, blitzblank und wie neugeboren, unten auf dem Zaun vor dem heimischen Zwölfgeschosser. Die anderen Kinder haben mich vermisst, sagten sie, den ganzen Tag war ich nicht zu sehen.

Die endlosen Sommerferien drohten auf einmal zu verstreichen. Ich gehe gleich in die zweite Klasse, verkündete ich, die noch nie eine Schule betreten hatte, und jemand sagte „Wunderkind“. Klang wie King Kong in meinen Ohren. Nichts für ungut, dachte ich, bin froh, wieder unten bei euch lieben Monstern dabei zu sein, in Innenhöfen des grenzenlosen Strassenaussens, und nicht drinnen bei den grossen Zeterwesen im siebten Stock. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal nicht dazugehören würde. Ich habe diesen Vorort, diese Stadt, diese Halbinsel und wahrscheinlich auch Russland – das weite Heldendach über dem entlausten Kopf – ohne Ambivalenzen geliebt.

Heute im Angebot: Buterbrot imperio. Mit Liebe gebackenes Butterzopf-Sandwich, drei Lagen, wird beim Servieren wie ein Schiff vorgefahren, hüpft in den Mund wie eine frisch geduschte Siebenjährige auf die Strasse im gepunkteten Kleid, das an den Schultern zu „Laternchen” gerafft ist. Das Butterbrot verspricht die Seligkeit eines nichts raffenden Wunderkindes. Oder doch die Stulle vom Ostbahnhof, Klappe auf, Klappe zu, Mozzarella auf Schwarzbrot auf Sauerteigbasis, Mozarts Kantate beim Verzehr inklusive, ein bisschen Habsburg verfeinert den europakritischen Geschmack, Tomate, Basilikum, kunterbunt bemalte Kirchenkuppeln, Crêpes mit Kaviar, bliny (dünne Crêpes) oder Linsengericht. Unser Osthirn reift noch unter der roten Haut. Unser Leben darf eine Baustelle sein und nicht nur eine. Ungeboren, ungeschoren, unverschämt.

Im Hafen wurden auch Schiffe repariert, fällt mir ein. Sie konnten gehoben werden, und der Kran sah wie ein gigantisches Fragezeichen aus.

SCHULE DER DUMMEN

Die Stadtliebe war Programm, ich konnte gar nicht anders, man hat mir eine App mit dem Titel Digging Towards History hinter der Stirn implantiert. Nicht towards, rückwärts. Nein, vorwärts immer, rückwärts nimmer. Ich bin doch schon ein Oktoberling geworden, beinah Pionierin. Habe nie andächtig Wache beim Ewigen Feuer gehalten. Ein rotes Halstuch getragen. Rot wie das Blut, die Revolution, rosarot wie der Morgen im Hafen über Heldenenkeln in der Heldenstadt und das auf neuen Einsatz wartende Schiff Aurora, schon bei der Aussprache zart wie die ersten, für die melaninarm-anämische Haut noch ungefährlichen Sonnenstrahlen, die an einem alles entscheidenden Tag die künftige Biografie vorwegnehmen.

Der Geschichtslehrer stand an der Tafel oder zwischen den Reihen: ein riesiger Mann mit einem leicht violetten, vernarbten oder aufgequollenen, aus der Froschperspektive grotesk verzerrten Gesicht und einer strengen Stimme. Er diktierte ursprüngliche Blutrünstigkeiten. Wenn du mit acht oder neun Jahren jede Woche die Stadtgeschichte Jahrzehnt für Jahrzehnt, Krieg für Krieg, Opferzahl um Opferzahl in die Karokästchen eines breiten Hefts einträgst, an dessen Ränder du Zöpfe zeichnest, um dich besser zu konzentrieren; wenn du vor der nächsten Stunde jedes Kanonenwort, das von diesem Massiv aufs Papier gerasselt ist, wie eine Gebetskette durchgehst, wenn du es mehrmals liest und für die Wiederholung zu Beginn der nächsten Stunde mehr oder weniger auswendig wiederzugeben lernst, bist du dein Leben lang in dieser Schicht aus abstrakt gewordenem Leid, wohlgenährtem Stolz und einem sieg- bis trauerfeierlichem Gefühl, im Nabel der guten alten Schwarzmeerwelt zu leben, gefangen. Freiwillig, oder? Du bist genauso ihr Inventar wie sie deine Kulisse ist, ohne Leute wie dich würde sie zusammenbrechen, du trägst sie mit dir und nach aussen. Und was für Helden, da verschlägt es dir den Atem, wie wacker sie sich geschlagen haben, diese anmutigen Mammuts im Mausoleum des Geschichtsunterrichts. Auf einmal merkst du, dass du eine von ihnen werden könntest, später mal ganz ganz richtig. Kogda ja stanu welikanom … Russ.: Wenn ich denn eine Riesin bin. Titel eines gleichnamigen Films, gedreht in Sewastopol. Wäre ich dort geblieben, wäre ich eine dichtende Mittelschülerin, die im Lift der Hochhausplatte die Nacht hinauffährt..

Du merkst, dass du keine Chance hast, weder mit, noch in dieser Geschichte zu leben, auf ihrer Oberfläche und in dem rahmigen Wahrheitsgehalt, den sie für diese fiktiv gewordenen Leute gehabt haben könnte, die für dich so normal waren wie die Uniformen, das Schulbrot und der Tomatensaft im riesigen Glas an der Trolleybushaltestelle. Du entkommst ihr nicht, du bist in diese Tunika aus dünner, dunkelblauer Schulschurwolle getunkt worden, und so sehr du sie auch mit dem viel zu süssen Russischbrot, den trockenen Buchstabenecken deines widerspenstigen Deutschgebrauchs von dir abzukratzen versuchst, so sehr merkst du, dass diese Patina mit grauen Haaren und Zweifelsfalten dich edel überzieht. Die Heldenjauche, die Ritterinnenrüstung, die Industrie maritimer Inkommensurabilität macht verwundbar, und was du suchst, ist der Ort, für den es nicht zutrifft. Die Ferseverse, was sonst! An diesem Ort herrscht Reimenot. In Leimbach heisst es: Reitverbot. Im Reimbach wischen die Bäche schlimmen Reimen den Schleim ab, wenn sie ihn erwischen. Wir möchten uns wieder einmal am Rheinfall berauschen. Und Sinnbilder einrahmen.

Dort und in der Erinnerung: Du läufst auf ihr, die Geschichte trägt dich ja, auf jedem Quadratmeter, der, wie wir wissen, mit Blut getränkt ist – dem Blut zweier einjähriger Belagerungen, im Krim-Krieg und im Zweiten Weltkrieg. Blut und Boden, das sagt dir noch nichts, du saugst es wie das Einmaleins auf, diesen ersten absoluten Wert, und wirst die Beste in Mathe, weil deine Eltern vorbeten, dass du als Tochter zweier Ingenieure gut in Naturwissenschaften sein wirst. Du verstehst im Laufe des Schuljahres, dass der Geschichtslehrer nicht böse ist, sondern im Liebesdienst steht, mit jedem Zentimeter seines imposanten Wuchses. Ein Minnesangkoloss. Er ist in die Stadt verliebt, in all die zahlenmässig erfassbaren und trotzdem unfassbaren Situationen, die die Helden seiner Stundengeschichten durchlitten haben. Er führt dich an den Trog des Lokalpatriotismus, dort ertränkt er dich. Nein, er tauft die Schulklasse, auf dass sie, ungeachtet der knurrenden Mägen in den 90er Jahren und der sie später flügge machenden Business- und Lebensziele, ihre Stadt, das zur Stadt nicht passende Land, das zur neuen Ukraine nicht passende untergegangene Sowjetrussland, das zur alten Krim nicht passende Imperiumperlenbrimborium, die ganze dauersowjetische und möchtegern-nichtsowjetische Beziehungskiste, diesen Baukasten aus nie richtig einzustellenden Kubik-Rubiks scharenweise verlassen, aber niemals vergessen werden. Wir haben nur nicht gelernt, der erinnerten Stadt und dem willkürlichen Diktat der Erinnerung andere als vorgegebene, vererbte Bedeutungen zu verleihen. Verleihen und verzeihen, das wäre mal ein neues Tutorium.

Er konnte es nicht aufhalten, es kam, wie es kommen musste: Imperiumkrimborium. Krimatorium.

Die Denkmäler für Lenin, Nachimow und Suworow (ein Alpenbezug zieht herauf) sind, so gesehen, Denkmäler für unseren Geschichtslehrer. Wie sie von ihren Plätzen auf die mit den Jahren schrumpfende Bevölkerung herunterschauen, kann man ihnen keine alte Grösse mehr beimessen, kann man die Vokale nur noch kurz sprechen, und die übrig gebliebene amorphe Skulpturenmasse mit Schulklassen auf dem Pausenhof vergleichen, womöglich auch mit vorbeiziehenden oder wartenden Touristen, die man nicht allzu sehr willkommen heisst, weil sie ohnehin kommen, ob man will oder nicht. Die Denkmäler sagen den Leuten immer seltener etwas, sie werden Zuschauer des Treibens unter und um sich auf ihren vereinsamenden und sich wieder füllenden Plätzen, Zuschauer beim Umschreiben der Geschichte, wenn Plätze der Freiheit zu Belohnungsplätzchen für verordnete Demokratisierung werden – sie sehen zu, wie die Bühne zurückschlägt.

Was sagt mir Heldenstadt? Dass sie 200 Jahre länger als ich dem Rest der Welt getrotzt hat? Dass die russische Helmenwelt sie wie selbstverständlich ins Russischsein zurückbringt, dass sie in ihrer historischen und kulturellen Überbelegung schillert, eigentlich unrussisch, das Nördliche ergänzend. Ein buntes Bouquet, ohne welches der russische Festtagstisch nicht feierlich gedeckt werden kann. Irgendwie so. Ich frage mich, in meiner kindlichen Naivität, die ich nicht abstreifen kann, ausser manchmal im sophisticated German, doch selbst da nur so schlecht wie die russischen Soldaten auf der Krim maskiert gewesen sind, ich frage mich im existentiellen Unverständnis, was „russisch“ mittlerweile für andere und für mich bedeutet. Es lässt sich für mich weniger greifen als das Ukrainische, bei dem ich emotional bis zu einer Grenze, sozusagen einer internen, persönlichen Grenze des An- und Abstands mitgehe. Das Russische, wie ich es kannte, habe ich längst verlernt, verdeutscht und verdeutliche es noch einmal: Ich habe diesen im Heimathafen stationierten Eindringling erst mit der Geburt meines Sohnes in mein erwachsenes Leben eintreten lassen – nicht zuletzt mit Worten der Höflichkeit. Als gutes grünes Menschlein, das sich vom Verfremdling alles Bestehenden zum einzig Eigenen entwickelt hat. Der Sohn kann nichts dafür, er sagt, seinen Vater wiederholend, er sei Deutscher und ich sei Russin. Er könnte mir einen Pass ausstellen. Bin mir sicher, er findet eine Lösung, einen effektiven und fairen Insektenstaat. Dann bin ich seine Insektianerin. Worauf wir mit Krimsekt anstossen, ohne Kollegen vor den Kopf zu stossen und ohne uns die neuen Argumente und Fakten zu Kopf steigen zu lassen.

Bitte dem Osthirnmenü am Rand hinzufügen: Krimsekt, der aneckt, anstössig-erregend.