Schwaben-Rache - Klaus Wanninger - ebook

Schwaben-Rache ebook

Klaus Wanninger

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  • Wydawca: KBV
  • Kategoria: Kryminał
  • Język: niemiecki
  • Rok wydania: 2013
Opis

Private Racheaktion oder grüner Terror? Reiner Breuninger, Vorsitzender eines großen Autoclubs, wird überfallen und eine qualvolle Nacht lang in der Nische eines stark befahrenen Stuttgarter Autotunnels festgehalten. In einem Bekennerbrief kündigen die Täter weitere Aktionen an. Den Fahndern des Landeskriminalamtes bleibt nicht viel Zeit, die Hintergründe aufzudecken, da das Verbrechen bereits zwei Tage später eine Fortsetzung findet: In einem Dorf unweit von Stuttgart werden zwei Männer gekidnappt und am Rande einer stark befahrenen Bundesstrasse festgebunden. Im kleinen Lauberg stoßen Kommissar Braig und seine Kollegin Neundorf auf ein kompliziertes Geflecht verfeindeter Familien, die alle nur darauf zu brennen scheinen, seit langem schwelende Rachgelüste in die Tat umzusetzen.

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Klaus WanningerSchwaben-Rache

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Schwaben-Rache

Schwaben-Messe

Schwaben-Wut

Schwaben-Hass

Schwaben-Angst

Schwaben-Zorn

Schwaben-Wahn

Schwaben-Gier

Schwaben-Sumpf

Schwaben-Herbst

Schwaben-Engel

Schwaben-Ehre

Schwaben-Sommer

Schwaben-Filz

Schwaben-Liebe

Klaus Wanninger, Jahrgang 1953, evangelischer Theologe, lebt mit seiner Frau Olivera und den schwäbischen Katern Mogli und Balu in der Nähe von Stuttgart. Er veröffentlichte bisher zweiunddreißig Bücher. Seine Schwaben-Krimi-Reihe mit den Kommissaren Steffen Braig und Katrin Neundorf umfasst mittlerweile fünfzehn Romane in einer Gesamtauflage von über einer halben Million Exemplare.

Klaus Wanninger

SCHWABEN-RACHE

1. Auflage 2000

2. Auflage 2001

3. Auflage 2002

4. Auflage 2003

5. Auflage 2004

6. Auflage 2006

7. Auflage 2006

8. Auflage 2012

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlagillustration: Ralf Kramp

unter Verwendung von: © Werner Heiber · www.fotolia.com

Redaktion: Andrea Kettling, Opladen

Print-ISBN 978-3-934638-49-5

E-Book-ISBN 978-3-95441-089-7

Die Personen, Namen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen wäre rein zufällig.

1. Kapitel

Der Überfall traf ihn aus heiterem Himmel, völlig unvorbereitet.

Sie hatten sich vor dem Lokal verabschiedet, in fröhlicher, fast ausgelassener Stimmung, hatten einen neuen Termin vereinbart und waren dann in verschiedene Richtungen zu ihren Autos gelaufen. Wo die Männer herkamen, konnte er nicht feststellen, es ging zu schnell. Plötzlich waren sie aus der Dunkelheit aufgetaucht.

»Kein Laut, Sie kommen mit«, hörte er eine gedämpfte Stimme unmittelbar hinter sich, Sekundenbruchteile bevor er den Schlüssel ins Schloss stecken konnte. Im selben Augenblick drückten sie ihm einen harten Gegenstand in den Rücken.

Er fühlte sich wie gelähmt, versuchte erst gar nicht, sich zu wehren oder laut loszuschreien. Die Straße war menschenleer, so viel drang in seine betäubten, halb vernebelten Sinne, aber das war kein Wunder, schließlich konnte es sich nur noch um Minuten oder Sekunden bis zum Beginn des neuen Tages handeln. Mitternacht an einem normalen Wochentag bedeutete tote Hose im Zentrum Stuttgarts.

Die Männer nahmen ihm wortlos die Schlüssel ab, hakten sich auf beiden Seiten bei ihm ein, zwangen ihm ihre Richtung auf. Er stolperte die Gehwegbegrenzungen hinunter und hinauf, folgte den Entführern die Straße entlang, bis sie nach wenigen Metern das Auto erreicht hatten. Sie drückten ihn auf den Rücksitz, herrschten ihn an, keinen Laut von sich zu geben, und starteten den Wagen.

Den Kopf vor Erschöpfung hängen lassend, die Augen geschlossen, nahm er das Straßenlabyrinth nicht wahr, das sie durchquerten. Er schaute erst auf, als das Fahrzeug abrupt stoppte und der Mann vorne kräftig fluchte. Eine einsame Gestalt huschte direkt vor ihnen über die Straße, ein Spätheimkehrer oder Nachtschwärmer, aber er schenkte ihnen weniger Beachtung als sie ihm.

Müde blickte er sich um, versuchte, sich zu orientieren. Er wusste nicht, wo sie sich befanden, ahnte nicht, wohin sie fuhren. Kraftlos hielt er still, ergab sich in sein Schicksal.

Irgendwann hatten sie den Tunnel dann erreicht. Überrascht stellte er fest, dass er den Ort kannte, die Straße schon oft mit seinem Wagen benutzt hatte. Die Fahrbahn war hell erleuchtet, Autos rasten in Pulks, je nach Ampelschaltung, in die schmale Röhre hinein und wieder hinaus. Sie blieben stehen, starrten in den Tunnel.

»Wenn die Ampel auf rot springt«, sagte der Mann.

Er bemerkte, wie sie sich vorsichtig umsahen.

Vier, fünf Fahrzeuge jagten vorbei. Das letzte war gerade im Tunnel verschwunden, als sie ihn plötzlich aus dem Wagen stießen, ihn von beiden Seiten einhakten und losrannten. Erschrocken spurtete er los – geradewegs in den Tunnel hinein.

Am nächsten Tag prangte die Schlagzeile in allen Zeitungen.

2. Kapitel

»Autoclub-Chef in Tunnel festgebunden:Grüner Terror in Stuttgart?

Stuttgart. Unbekannte Täter entführten gestern Nacht in Stuttgart den Vorsitzenden des Gaus Württemberg des größten deutschen Automobilclubs. Sie überfielen den 52-jährigen nach einem Lokalbesuch im Stuttgarter Zentrum und banden ihn in einer engen Nische des von einer stark frequentierten Straße durchzogenen Wagenburgtunnels am Rand der Innenstadt fest. Aufgrund eines anonymen Anrufs beim Südwestdeutschen Rundfunk wurde er am Morgen von Journalisten befreit. Wegen Vergiftungserscheinungen ließ ihn die Polizei in einer Klinik untersuchen. Er konnte aber nach wenigen Stunden wieder entlassen werden.

»Es war die Hölle«, berichtete der Mann, »ununterbrochen rasten Autos an mir vorbei. Der Lärm und die Abgase waren entsetzlich. Ich fühle mich absolut elend.«

Die Polizei tappt auf der Suche nach den Kidnappern im Dunkeln. Sie rätselt über ein Bekennerschreiben, das am Tatort gefunden wurde. In diesem kündigen die Täter Aktionen gegen den Autoverkehr und seine Repräsentanten an. »Der Autowahn muss ein Ende haben«, heißt es darin unter anderem.

Die Polizei startete eine intensive Fahndungsaktion.«

3. Kapitel

Der Gewitterregen, der am frühen Morgen polternd und mit kräftigen Güssen über der Stadt niedergegangen war, hatte die Hitze und den abgasgeschwängerten Dunst aus den Häuserschluchten vertrieben. Die Quecksilbersäule des Thermometers verharrte in weit niedrigeren Regionen als an den unerträglich schwülen Hochsommertagen zuvor. Der Stuttgarter Talkessel zeigte sich ebenso wie die höher gelegenen Teile der Stadt frisch gewaschen. Straßen, Gehwege und Stäffele, wie der Volksmund die unzähligen Treppen im Stadtgebiet nannte, glänzten wie die Böden in der Putzmittelreklame im Fernsehen.

Die Luft überraschte mit dem Duft frischer Pflanzen, der gewohnte Mief aus Abgasen und Gummiabrieb schaffte sich nur langsam wieder Raum. Ein für die Jahreszeit zu kalter Wind fegte durchs Neckartal bis in die Straßen Bad Cannstatts.

Kommissar Steffen Braig schlug den Kragen seiner Jacke hoch, nachdem er die Stadtbahn verlassen hatte. Vor ihm strebte ein breiter Menschenstrom Büros und Geschäften zu. Eine dicke, in einen warmen Mantel gehüllte Frau kämpfte sich ruckartig über den Gehweg, hin und her gezerrt von einem mittelgroßen Hund. Sie schrie der Promenadenmischung derbe Flüche und immer neue Drohungen hinterher, die den Vierbeiner offensichtlich wenig beeindruckten.

Braig machte einen großen Bogen um Frau und Hund, bemerkte dann, was den Köter zu seinen emsigen Bemühungen veranlasste: Eine dicke, struppige Katze saß mit steif aufgerichtetem Schwanz vor einer geschlossenen Tür und fixierte die drohende Gefahr mit großen Augen.

Braig überlegte, ob er einschreiten, den Hund verjagen sollte, als sich die Tür öffnete und die Katze blitzschnell ins Innere des Hauses verschwand. Der Köter bellte sich in nervtötendem Stakkato den Frust aus dem Leib.

Steffen Braig beschleunigte seine Schritte, ließ das Gekläffe hinter sich. Das Gebäude des Landeskriminalamtes erhob sich mehrere Stockwerke hoch vor ihm. Kriminalrat Gotthold Gübler, sein Vorgesetzter, hatte ihn telefonisch mit aufgeregter Stimme über den nächtlichen Vorfall informiert. Wenn der Alte sich persönlich zu so früher Stunde in den heiligen Hallen des Amtes sehen ließ, musste es sich um ein Ereignis besonderer Brisanz handeln; ohne schwerwiegenden Anlass war ihm das nicht zuzumuten.

Braig betrat das LKA, fuhr mit dem Lift nach oben, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Schläfen, um Kopfschmerzen und Müdigkeit zu vertreiben. Der Abend im Insomnia, seiner Lieblingskneipe am Rande der Stuttgarter Innenstadt, hatte sich in die Länge gezogen, von mehreren Gesprächsrunden und Cocktails begleitet. Braig spürte das Pochen des Blutes in seinem Schädel, versuchte, sich zu erinnern, wann er seine nächtliche Tour beendet hatte, bis Güblers Stimme ihn aus seinen Gedanken riss.

»Mein Gott, sind das jetzt wirklich grüne Terroristen? Reicht es nicht, dass uns linke und rechte Spinner seit Jahren mit Gewalt überziehen? Nach RAF, Skinheads und Autonomen jetzt auch noch Grüne? Braig, wenn wir die Sache nicht schnell klären, bilden die eine Sonderkommission«, donnerte Gübler ihn an, »dann haben wir wochenlang all diese unfähigen Besserwisser am Hals. Sie wissen, was das bedeutet. Sie mit Ihrem Einblick in die Szene!«

»Guten Morgen«, brummte Braig, der seine Tasche ablegte, während er versuchte, sich auf den Vorfall im Wagenburgtunnel zu konzentrieren. »Sonderkommission? Wegen dieser Spielerei?«

»Das kommt von ganz oben, verstehen Sie?«

Braig nahm die Akte in die Hand, überflog irritiert den Text. »Nein, das verstehe ich nicht«, antwortete er.

»Die haben die Hosen gestrichen voll. Von wegen ›neue Form von Terrorismus‹ und so. Da müsse gleich frontal gegengehalten werden, sonst mache sich eine neue Terrorwelle breit. Nicht von links und nicht von rechts, sondern ›grün‹. Klar?«

»Terror?«, meinte Braig spöttisch. »Bloß weil irgend so ein dicker Bonze ein paar Stunden im Tunnel verbringen muss? Die Sorgen wollte ich haben.«

»Das habe ich überhört«, bellte Gübler, »Sie sollten endlich einen Schlussstrich unter Ihre Vergangenheit ziehen!«

Seine kleine Gestalt richtete sich hinter dem Schreibtisch groß auf, das Gesicht vor Zorn rot gefärbt. Er war etwa 1,60 Meter groß, Ende fünfzig, hatte graue, alle paar Wochen sorgsam vom Friseur in Locken gelegte Haare, buschige Augenbrauen, leicht nach außen gewölbte Lippen, eine blasse, fast käsige Haut. Die Farbe seiner Anzüge korrespondierte mit seiner übrigen Erscheinung: Im Sommer wie im Winter in ein kräftiges Grau gewandet, einen ebenso unauffälligen wie unvorteilhaften Ton, der ihn um Jahre altern und seine Gestalt noch kleiner erscheinen ließ. Braig hatte ihn fast nur hinter seinem Schreibtisch thronend in Erinnerung, auf einem speziellen Drehstuhl sitzend, der bis zur äußersten Grenze in die Höhe gezogen war und daher gefährlich instabil nach allen Seiten schwankte.

»Verstehen Sie denn nicht?«, schrie Gübler.

Kommissar Steffen Braig wandte sich genervt von ihm ab. Auftritte dieser Art kannte er zur Genüge. Alle paar Tage, manchmal sogar Stunden, zog der überforderte Alte seine Schau ab. Immer, wenn er vor seinen Vorgesetzten antreten und über die Fortschritte der neuesten Ermittlungen Rechenschaft ablegen musste.

Braig sah aus dem Fenster, betrachtete den unaufhörlich fließenden Strom von Autos, der zu Füßen des Landeskriminalamtes auf der nahen Hauptstraße vorbeirollte. Bei der astronomischen Anzahl von Fahrzeugen im Tunnel an die Wand gebunden, die ganze Nacht, überlegte er. Der Lärm, die Abgase, der Gestank. Wahrhaftig eine kreative Art, jemanden fertigzumachen.

»Herrgott noch mal, Braig, mir ist nicht zum Scherzen zumute. Die Sache ist todernst. Die wollen Ergebnisse sehen. Droben im Ministerium. Uns bleibt nicht viel Zeit.«

»Schön, schön. Und was soll ich tun, um die hohen Herren ruhigzustellen?«

Er kannte Güblers Angst vor allen Anweisungen von oben nur zu gut, verachtete seine unterwürfige Kriecherei. Aber er konnte beim besten Willen nicht erkennen, wieso die Sache im Tunnel so viel Aufregung verursachen sollte.

»Sie wissen doch genau, wo Sie sich umsehen müssen, Sie kennen die einschlägigen Adressen. Klappern Sie alle ab, auf der Stelle. Alles, was irgendwie mit Grün zu tun hat. Wir dürfen diesen Terroristen das Feld nicht ohne Gegenwehr überlassen. Die Moral ist verludert genug!«

Braigs Stirn legte sich in Falten, sein Rücken überzog sich mit Gänsehaut. Er konnte nichts dagegen unternehmen, es geschah ohne sein Zutun, sobald der Alte wieder eine seiner Platten auflegte. Die mit der Moral gehörte zum Standardprogramm, war manchmal mehrfach am Tag zu hören. Obwohl er es schon auswendig kannte, reizte ihn Güblers Geschwafel jedes Mal aufs Neue. Es sind immer die Richtigen, die von Moral reden, dachte er, gerade die, die es am allernötigsten haben. Als ob die Moral nicht schon immer verludert gewesen wäre, jedenfalls in bestimmten Kreisen.

»Um Ihnen die Brisanz dieser Angelegenheit zu verdeutlichen«, knurrte Gübler, »wir haben Hinweise ...« Sein Blick schweifte unruhig im Raum umher.

»Ja?«

»Die Entführung steht in Verbindung mit dem Attentat auf den Minister.«

»Welchen Minister?«

»Kering«, erklärte Gübler.

Braig sah ihn mit großen Augen an. Daher also weht der Wind, überlegte er, deshalb die Aufregung. Kaum sind irgendwelche Bonzen im Spiel, schon rotiert die Meute in den oberen Etagen.

»Sie glauben immer noch an Sabotage?«

Gübler schnaufte laut, schlug mit der Faust auf die Schreibtischplatte. »Braig, wann begreifen Sie endlich? Es geht nicht um Glauben, das sind Tatsachen! Der Hubschrauber ist abgestürzt, der Minister hat nur durch ein Wunder überlebt.«

»Als er landen wollte, tobte ein Schneesturm«, erwiderte Braig, »es herrschten völlig widrige Wetterverhältnisse.«

Gübler schüttelte energisch den Kopf. »Nehmen Sie die Sache endlich ernst! Das Leben des Ministers ist bedroht.«

Die Medien hatten sich im letzten Winter tagelang mit dem Thema beschäftigt. Werner Kering, der von verschiedenen Skandalen und Affären gebeutelte Wirtschaftsminister Baden-Württembergs, war auf dem Rückflug mit seinem Diensthubschrauber im dichten Schneetreiben abgestürzt. Das Unglück hatte sich nur wenige Meter über dem Boden ereignet, eine Tatsache, die dem Minister nach Aussage der Ärzte das Leben rettete. Dennoch war ein längerer Aufenthalt in verschiedenen Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken unumgänglich, der Mann für mehrere Monate ans Bett gefesselt. Neben dem Bruch eines Lendenwirbels wurden mehrere äußerst schmerzhafte Prellungen diagnostiziert. Die Piloten des Hubschraubers hatte es noch weit schwerer getroffen: Beide litten seit dem Unfall an langwierigen physischen und psychischen Verletzungen. Noch Wochen nach dem Geschehen wurden sie von nervenzehrenden Albträumen heimgesucht, die ihnen fast jede Nacht den Schlaf raubten.

Die Unglücksmaschine selbst hatte den Absturz nicht überlebt. Die Bilder ihrer schrottreifen Überreste waren durch die Medien gegangen, ihr demolierter Rumpf im Gewahrsam der Experten des Landeskriminalamtes gelandet. Ein abschließendes Ergebnis der Unfallursachen lag bisher nicht vor. Klar war nur, dass der Minister einen Schutzengel an seiner Seite gehabt hatte, einen, der es besonders gut mit ihm meinte.

»Kering ist in Gefahr, verstehen Sie?«

Braig schüttelte den Kopf. »Mir ist nicht bekannt, dass die Untersuchungen irgendeinen Hinweis auf Sabotage oder einen gezielten Anschlag auf den Hubschrauber ergaben. Im Gegenteil: Soweit ich informiert bin, favorisieren unsere Experten wetterbedingte Schwierigkeiten, sprich den Schneesturm, als Auslöser des Absturzes.«

»Das ist doch nur die offizielle Version«, belehrte ihn Gübler, »um die Leute nicht zu beunruhigen. In Wirklichkeit sind sie im Ministerium äußerst besorgt, weil die neuesten Erkenntnisse eindeutig auf Manipulationen an der Steuerung des Hubschraubers hinweisen. Ich sage Ihnen, die Entführung heute Nacht war nur der zweite Schritt nach dem Attentat auf den Minister.«

»Ich kann den Zusammenhang immer noch nicht erkennen.«

Güblers Stirn legte sich in Falten, sein Gesichtsausdruck zeigte seine zunehmend gereizte Stimmung. Braig spürte, dass er die Sache nicht übertreiben durfte.

»Herr Breuninger, der heute Nacht entführt wurde, arbeitet eng mit dem Minister zusammen. Außerdem sind die Herren miteinander befreundet, soweit ich weiß. Und beide, sowohl der Autoclubvorsitzende als auch der Wirtschaftsminister unseres Landes, betreiben wohl nicht gerade eine Politik, die Grünen«, er betonte das letzte Wort in einer Weise, die seine Distanz, ja, seinen Ekel vor dieser politischen Richtung deutlich zum Ausdruck brachte, »genehm ist, wenn ich das so formulieren darf.«

»Das ist in der Tat richtig«, bestätigte Braig. Er kannte die politischen Vorlieben und Abneigungen seines Vorgesetzten zur Genüge, wollte es unbedingt vermeiden, sich auf irgendeine politische Diskussion einzulassen. Er blickte aus dem Fenster auf die Straße, wo die vielen Autos mehr standen als fuhren. Ein einziger Stau durch ganz Bad Cannstatt, wie üblich, bis in die Innenstadt. Jeden Tag dasselbe Bild, trotz ständig neuer Straßen.

Hatten die beiden Ereignisse, wie Gübler spekulierte, wirklich miteinander zu tun? Und waren die Täter, wie es das am Tatort aufgefundene Flugblatt vermuten ließ, in Kreisen zu suchen, die von der Politik der beiden Männer und der Autoflut die Nase voll hatten und mit ihrer Tunnel-Aktion ein Zeichen setzen wollten?

»Was überlegen Sie, Braig?«

Er drehte sich um, sah den Alten an. »Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Sie auf der richtigen Spur sind? Sieht die ganze Sache nicht etwas zu eindeutig aus?«

»Wie meinen Sie das?« Güblers Gesicht zeigte, dass er Braigs Einwand nicht verstand.

»Das Bekennerschreiben. Mag ja sein, dass es auf die Täter zurückgeht. Ob es aber echt ist? Vielleicht soll es uns nur vom wahren Tathintergrund ablenken.« Er griff nach der Akte und las daraus vor: » ›Wir wollen nicht länger zulassen, dass dem Autoverkehr alle Straßen offenstehen. Früher waren die Städte Zonen menschlicher Kommunikation – heute sind sie zu Ansammlungen von Betonkomplexen und Blechlawinen verkommen. So kann es nicht weitergehen. Wir kämpfen dafür, die alten Zustände wiederherzustellen.‹ «

»Ja, und?«, brummte Gübler. »Der Text ist mir bekannt, junger Mann!«

Steffen Braig beugte sich leicht vor, legte die Akte zurück. Er war einen Meter neunzig groß, schlank und hatte dunkle, dichte Haare, aus denen an einigen Stellen erste graue Strähnen hervorlugten. Ein dünner Schnurrbart krönte seine Lippen. Sein jugendliches Gesicht ließ nicht erkennen, dass er die dreißig bereits überschritten hatte.

»Das Schreiben klingt durchaus logisch, fast zu logisch. Wenn sie uns damit aber nur auf eine falsche Fährte locken wollen? Vielleicht hatte irgendjemand eine alte Rechnung mit dem Herrn Funktionär zu begleichen, und um uns vom wahren Sachverhalt abzulenken, kam ihm die nette Idee mit dem grünen Terror. Und wir fallen prompt drauf rein. Ich könnte mir vorstellen, dass sich da eine ganze Menge Feindschaften einstellen, bis einer so weit droben ist, glauben Sie nicht?«

Gübler verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. Er selbst war das lebendige Beispiel für diesen Hinweis. Ellenbogeneinsätze kombiniert mit den richtigen Beziehungen führten nicht nur steil nach oben, sie ließen auch manche Leiche am Wegesrand zurück. Das Landeskriminalamt wie auch das Ministerium bildeten keine Ausnahme – im Gegenteil. Dass Gübler seinen Posten als Kriminalrat allein durch das richtige Parteibuch und die daraus resultierenden Beziehungen erlangt hatte, war ein offenes Geheimnis.

Warum aber sollten solche Verhältnisse bei dem Autoclub unbekannt sein? Irgendjemand wollte dem Funktionär eins überbraten – aus welchen Gründen auch immer – und um die Fahnder auf eine falsche Spur zu leiten, hinterließ er nach Ausführung seiner Tat ein irreführendes Pamphlet. Klang logisch und überzeugend.

Dennoch: Der Druck von oben wies deutlich darauf hin, in welche Richtung die Ermittlungen in allererster Linie zu zielen hatten. Der Verdacht auf das Begleichen alter Rechnungen musste zweitrangig behandelt werden, wenn überhaupt. »Grüner Terror« war ein absolutes Reizwort, das auf manche Leute wie ein rotes Tuch wirkte.

»Vielleicht haben Sie recht«, brummte Gübler, »aber zuerst müssen wir genau belegen, dass es keinen grünen Hintergrund gibt. Erst wenn wir die grüne Karte vollkommen aus dem Spiel geräumt haben, können Sie in eine andere Richtung ermitteln. Aber, um alles in der Welt, hängen Sie sich voll in die Sache rein, Braig, und halten Sie uns die Sonderkommission vom Leib!«

4. Kapitel

Das waren brutale Gewalttäter, die vor nichts zurückschrecken. Irre grüne Spinner, die uns in die Steinzeit zurückjagen, wenn wir es zulassen.«

»Sie konnten sie nicht erkennen?«

Kommissar Steffen Braig betrachtete den Mann, der in einem bequemen Hausanzug vor ihm in dem teuren Ledersofa lehnte: gebräunter Teint, die Haare frisch gescheitelt, glatte Haut, breite Schultern, trotz der weiten Kleidung unübersehbar der Bauchansatz. Reiner Breuninger war nicht weit über die fünfzig, ganz der Typ des Gewinners. Nur die leicht flackernden Augen verrieten, dass sein Lebensrhythmus durch die Nacht im Wagenburgtunnel etwas durcheinandergeraten war.

»Es war dunkel, als ich aus dem Lokal kam. Ein paar Straßenlampen in der Nähe, aber die leuchteten viel zu schwach. Außerdem war ich zu müde, um mich groß umzusehen. Es ging alles viel zu schnell.«

»Aber Sie sind sicher, dass es zwei Männer waren?«

»Na ja, was soll ich sagen, ich habe immer nur die beiden Typen hinter mir gespürt. Einer rechts, einer links. Einer redete ständig auf mich ein, mit 'ner ziemlich tiefen Stimme. Er drückte mir dauernd die Pistole in den Rücken. Der andere gab keinen Pieps von sich. Ich glaube, die ganze Zeit nicht. Vielleicht mal ›hm‹ oder so was, aber sonst nichts. Ich wagte es nicht, mich umzudrehen. Der Typ hatte mir die schlimmsten Konsequenzen angedroht, wenn ich es versuchen sollte, verstehen Sie?«

»Natürlich. Sie haben vollkommen richtig reagiert. Das Einzige, was Sie in dieser Situation tun konnten.« Braig trank von dem Mineralwasser, das Breuninger ihm angeboten hatte, und überlegte. »Es ist Ihre Stammkneipe?«

»Wie bitte? Na ja, wenn Sie es so ausdrücken wollen, ja. Fast jede Woche, dienstags. Ein Treffen mit Freunden, sozusagen.«

»Freunde? Immer dieselben?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Breuninger irritiert.

»Ich überlege, wer als Täter infrage kommt. Ihre Entführer wussten offensichtlich genau Bescheid, dass Sie sich am Dienstag im Excelsior aufhalten. Das Schreiben, das sie bei Ihnen zurückließen, beweist eindeutig, dass sie es auf Sie persönlich abgesehen hatten. Also mussten sie Sie wohl vorher genau beobachten, um herauszufinden, wo sie am einfachsten zuschlagen konnten. Es sei denn, es waren Leute, die Ihnen nahestanden.«

»Mir nahestanden?«

»Ja, Ihre Dienstag-Freunde aus dem Excelsior zum Beispiel. Die wussten genau, wo es eine Gelegenheit gab.«

»Das ist absurd, was Sie da vermuten.«

»Sind Sie sich dieser Freunde so sicher?«

»Das sind Geschäftspartner, Politiker, Stadträte, alles bekannte Leute mit Rang und Namen. Die – das ist absurd!« Breuninger lachte laut.

»Der Minister ist auch dabei?«

»Welcher Minister?«

»Kering.«

»Ja. Was dagegen?«

»Ich? Wieso?« Braig schüttelte den Kopf.

»Wir sind befreundet. Außerdem haben wir beruflich viel miteinander zu tun. Ich vertrete schließlich die Interessen unseres Automobilclubs in Baden-Württemberg und möchte, dass die Politik auf unsere Anordnungen, äh, Empfehlungen hört.«

»Treffen Sie oft mit ihm zusammen?«

»Dienstags. Ich sagte es doch. Mit wenigen Ausnahmen.«

»Sonst nicht?«

»Mit Kering?«

Braig nickte.

»Wenn es sich ergibt. Bei bestimmten Veranstaltungen, politischen Terminen. Was interessiert Sie daran so?«

»Nichts von Belang. Eine andere Frage: Gibt es eine Person in Ihrem Bekanntenkreis, die etwas gegen Sie im Sinn haben könnte, ein früherer Geschäftskollege, ein Untergebener, irgendjemand, mit dem Sie mal Querelen hatten oder nur die kleinste Unstimmmigkeit? Sie sollten sich diesen Punkt genau überlegen, vielleicht fällt Ihnen etwas ein, was Sie bisher nicht beachtet haben.«

»Absurd. Sie suchen im falschen Milieu. Haben Sie das Schreiben nicht gelesen? Ich sagte Ihnen doch, das sind irgendwelche Fanatiker, grüne Spinner, die uns mit ihrem Autohass in die Steinzeit zurückjagen wollen. Die hocken doch inzwischen schon in den Parlamenten und Regierungen, diese Verrückten.«

Steffen Braig betrachtete sein Gegenüber nachdenklich. Das war sein Tick, konstatierte er, die Sache mit den Grünen. Alles Fanatiker, Spinner, Verrückte, wie er sie nannte. Er schien sich absolut sicher zu sein, dass die Entführung auf diese Kreise zurückging.

Braig blickte sich um, betrachtete den teuren Wandteppich, der ein wirres Farbmuster präsentierte. Alles im Raum kündete vom Wohlstand des Besitzers: die Sofagarnitur, der marmorierte Tisch, der mächtige Wandschrank. Nicht gerade schwäbisches Understatement, dachte Braig. Schien wie er kein Einheimischer zu sein oder er hatte eine der wichtigsten und sympathischsten Tugenden des Landes nicht erworben.

»Na gut«, sagte Braig, »stellen wir das zurück. Sie kamen aus dem Lokal, liefen zu Ihrem Wagen, den Sie in der Nähe geparkt hatten, und spürten plötzlich die beiden Männer hinter sich. Die drückten Ihnen die Pistole in den Rücken, befahlen Ihnen, absolut ruhig zu sein, und machten Ihnen klar, was sie verlangten. Und dann?«

»Sie brachten mich zum Tunnel.«

»Sofort? Ohne Unterbrechung?«

»Ja. Sie rissen mir die Wagenschlüssel aus der Hand und erklärten, dass ich mitkommen solle, ohne mich umzusehen. Die drohten mir Hölle, Tod und Teufel an, falls ich versuchen sollte, mit jemandem Kontakt aufzunehmen. Vor lauter Angst blieb ich völlig ruhig. Die Typen waren verrückt, total fanatisch. Unberechenbar in ihrem grünen Wahn. Wenn ich mich gewehrt hätte ...«

Schon wieder dieser Tick, überlegte Braig. Unberechenbare, fanatische Grüne. Konnten Verrückte ein Schreiben aufsetzen, wie es im Tunnel gefunden worden war?

Er ließ seine Augen erneut in den Räumen umherschweifen, in denen der Mann hier residierte. Wohnen konnte man das kaum nennen. Nicht als Normalsterblicher. Zwei Millionen oder eher drei? Mit Grundstück eher an die drei. Wobei er sich nicht einmal sicher war, ob das wirklich reichte. Er hatte Schwierigkeiten gehabt, das Haus zu finden, obwohl es nicht allzu weit vom Stadtzentrum entfernt war. Degerlochs Villenviertel war in der ganzen Umgebung für seine geldadeligen Bewohner bekannt.

»Grüne Spinner, Leute ohne jede Vernunft«, beharrte Breuninger.

»Auf dem Weg zum Tunnel – hat niemand Sie gesehen? Keine Kneipenbummler, niemand, der seinen Hund ausführte?«

»Woher soll ich das wissen? Überlegen Sie doch, wie spät es war!« Breuninger griff nach seiner Zigarettenschachtel, bot seinem Gesprächspartner eine an, bediente sich dann selbst, nachdem Braig abgelehnt hatte.

»Waren denn keine Autos mehr unterwegs, als Sie in den Tunnel kamen?«

»Natürlich. Und ob.«

Steffen Braig überlegte laut. »Wie kamen Sie dann in die Nische? Muss doch ziemlich auffällig sein, wenn im Tunnel ein Fahrzeug hält und einige Leute aussteigen, oder?«

Breuninger zögerte mit der Antwort. »Es ging alles so schnell, wie soll ich mich daran noch genau erinnern? Ich sagte Ihnen doch, ich war sehr müde, hatte getrunken ...« Er hielt inne und schaute Braig mit großen Augen an. »Nicht viel, aber immerhin«, korrigierte er sich dann, »so viel jedenfalls, dass ich ziemlich fertig war.«

»Ich verstehe.«

»Ich weiß nur, dass wir vor dem Tunnel stehen blieben. Die Männer warteten, bis kein Auto mehr kam, rissen mich aus dem Wagen und rannten die paar Meter rein bis zur Nische. Sie brüllten mich an, drückten mich an die Wand und gurteten mich fest. Plötzlich waren sie weg.«

»Sie haben die Männer die ganze Zeit nicht gesehen? Nicht ein einziges Mal einen Blick auf sie geworfen?«

»Na ja, ich weiß nicht, im Auto und später im Tunnel, als sie mich festbanden, ich glaube, der eine, also vielleicht ...«

»Ja?«

»Er hatte einen Bart und war ziemlich ungepflegt.«

»Und weiter?«

»Er war überhaupt ein fertiger Typ, wenn Sie verstehen.«

»Fertig?«

»Na, nicht gerade kultiviert. Schmuddelig, verkommen, nicht so die Sorte Mensch, mit der man normalerweise verkehrt.«

Steffen Braig atmete tief durch. Der Qualm der Zigarette stand in der Luft. »Erinnern Sie sich noch, was sie mit Ihnen sprachen?«

»Sprachen? Quatsch! Der drohte mir die ganze Zeit nur, brüllte, schimpfte. Ein rücksichtsloser Gewaltmensch.«

»Seltsam.«

»Wieso?«

»Das Schreiben, das die Täter im Tunnel zurückließen, klingt ganz anders. Sie sprechen darin von der Gewalt des Autoverkehrs und fordern dazu auf, diese Gewalt zu beenden – so habe ich das verstanden.«

»Ist es etwa keine Gewalt, mich im Tunnel festzuhalten?« Die Stimme Breuningers überschlug sich fast. Er warf seine Zigarette in den Aschenbecher, drückte sie mit heftigen Handbewegungen aus. »Diese Sammlung von Drohungen, Beschimpfungen und wirren Hirngespinsten finden Sie normal, wie?«

»Wenn ich es normal fände, wäre ich wohl kaum hier, um nach Spuren der Täter zu suchen. Ich stelle nur fest, dass das Verhalten der Männer, so wie Sie es beschreiben, nicht unbedingt zum Inhalt ihres Schreibens und auch nicht zu ihrem Anliegen passt, wenn sie es wirklich ernst damit meinen.«

»Ach was, von wegen. Das sind brutale Gewalttäter. Oder wollen Sie etwa behaupten, Sie glauben denen mehr als mir?«

»Nein, das will ich nicht, natürlich nicht«, betonte Steffen Braig.

5. Kapitel

Der Rotebühlbau, in dem verschiedene kulturelle Organisationen, die Volkshochschule der Stadt und einige Umweltverbände residierten, lag mitten im Herzen Stuttgarts, direkt über der zentralen S-Bahn-Station. Kommissar Braig hatte sich telefonisch mit der Geschäftsführerin des Bundes für Umwelt- und Naturschutz verbinden und einen Gesprächstermin am Spätnachmittag geben lassen.

Marion Reimer trug ein luftiges gelbes T-Shirt mit roten Punkten und eine weite blaue Stoffhose. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Vor ihr auf dem robusten Schreibtisch türmten sich Bücher und Akten.

»Wir vertreten alle unsere Anliegen generell gewaltfrei«, betonte die Frau, »aus Prinzip. Unser Ziel ist es, den gewaltsamen Umgang mit der Natur, aber auch der Menschen untereinander, zu beenden oder zumindest abzumildern. Unsere wichtigsten Bemühungen zielen in die Richtung, die Strukturen unserer Gesellschaft, die gewaltsames Verhalten in irgendeiner Weise fördern, umzugestalten und in humanere Bahnen zu lenken. Wir wenden deshalb niemals selbst Gewalt an.«

Steffen Braig bewunderte die wuchernde Pflanzenschar, die sich über den ganzen Raum verteilte und verschiedenfarbige Blüten präsentierte, und überlegte, an wen ihn Marion Reimer erinnerte. Eine Schauspielerin, eine Sportlerin oder irgendeine Journalistin? Er konnte den Zusammenhang im Moment nicht herstellen.

»Das ist mir vollkommen klar«, meinte er, »ich will Ihnen auch nicht unterstellen, mit diesem Verbrechen im Wagenburgtunnel in Verbindung zu stehen. Ihre Integrität, auch die Ihres Umweltverbandes, steht außer Frage. Mein Besuch zielt nur dahin abzuklären, ob Sie eine solche Aktion bestimmten Personen zutrauen würden, die uns bisher nicht bekannt sind, oder ob Sie Vermutungen haben, aus welcher Richtung diese Aktivitäten herrühren könnten.«

»Sie meinen, wir sollen Spitzeldienste leisten und umweltpolitisch engagierte Leute, die bisher noch nicht genügend schikaniert wurden, verpfeifen?« Marion Reimer blickte ihm selbstbewusst in die Augen.

Erschrocken erhob er sich, lief zum Fenster. Der Rotebühlbau wurde von einem unaufhörlich fließenden Autostrom passiert. Er betrachtete die einzelnen Fahrzeuge und rang nach Worten.

»Sie verstehen mich völlig falsch. Es geht nicht um Spitzeldienste, wie Sie sich ausdrücken. Dazu gibt es keinen Anlass. Aber, Menschenskind, da wird ein Mann überfallen und terrorisiert, und die Leute, die das tun, sprechen von grünen und umweltpolitischen Zielen, die sie damit angeblich verfolgen. Es kann Sie doch nicht kalt lassen, wenn Ihre anerkanntermaßen gewaltfreie Arbeit so in aller Öffentlichkeit in Misskredit gezogen wird. Damit wird nur Ihr jahrelanges aufopferungsvolles Engagement zerstört. Um dies zu verhindern, bitte ich Sie um Ihre Mitarbeit.«

»Wie freundlich. Sie sollten Politiker werden, dann könnten Sie Ihre schönen Worte häufiger an die Leute bringen. Es ist schon seltsam, wie Sie sich auf einmal bemühen.«

Ihr Lächeln verwirrte ihn. »Wie darf ich das verstehen?« Braig lief vom Fenster weg, um sich seiner Gesprächspartnerin wieder gegenüberzusetzen.

»Nun, Sie wissen wohl selbst, dass wir übermäßig freundliche Behandlung durch die Polizei nicht gerade gewohnt sind.«

»Sondern?«

»Eher doch das Gegenteil, wenn ich mich vorsichtig ausdrücke. Sehr oft jedenfalls. Leute, die sich für das Leben und die Belange der Natur und gegen die egoistischen Interessen der Industrie einsetzen, werden bei uns nicht sonderlich sanft behandelt. Das kann ich leider aus eigener Erfahrung belegen, hier zum Beispiel.« Sie schob den rechten Ärmel ihres Shirts über die Schulter und zeigte ihm ihre Oberarmmuskeln. Er sah die breiten blauen Flecken sofort. »Letzte Woche. Wir haben gegen den vierspurigen Neubau der B 14 demonstriert. Ein Souvenir von Ihren Kollegen.«

Braig schwieg, überlegte, wie er sich verteidigen konnte.

»Die Polizei – Handlanger der Mächtigen?«

»Tut mir leid«, erwiderte er, »werden wir dabei aber nicht von machtgierigen Politikern und Profiteuren für deren Interessen missbraucht?«

»Das mag sein. Auf jeden Fall stehen Sie zurzeit ganz schön unter Druck, sonst kämen Sie nicht so liebedienerisch daher.«

»Wir haben Angst vor einer neuen Spielart des Terrorismus. Nach Linken und Rechten jetzt Grüne? Wir wollen vorbeugen.«

Braig fühlte sich selbst nicht wohl, als er sich die Sätze sagen hörte. Das Sprachrohr des Alten, überlegte er. Was Gübler in seinem Verfolgungswahn daherlabert, wird von seinen Marionetten weiterverbreitet. Da verbringt so ein Bonze eine Nacht im Tunnel statt in der Kneipe, und schon wird allgemeine Hysterie geschürt.

»Grüner Terrorismus?«, hakte die Geschäftsführerin des BUND nach. »Ein hartes Wort für das, was passiert ist, nicht? Woher wollen Sie wissen ...«

»Das Bekennerschreiben. Es weist eindeutig in diese Richtung. Darf ich Ihnen eine Kopie vorlegen?«

Sie nickte, las das Blatt, das Braig ihr reichte.

»Verstehe ich nicht«, meinte sie und sah ihn mit großen Augen an, »teilweise macht es mich echt betroffen. Aber dann sind wieder Passagen dabei, die ich nur als dummes Gefasel bezeichnen kann.«

»Zum Beispiel?«

» ›Wir kämpfen dafür, die alten Zustände wiederherzustellen‹ «, zitierte sie, »ist doch Schwachsinn. Niemand kann ernsthaft in die Vergangenheit zurückwollen. Das ist plumpe Verherrlichung unmenschlicher Zustände. Naives Vergessen unsozialer Strukturen. Wir wollen eine menschlichere Zukunft, nicht zurück in eine zum Glück vergangene Epoche.« Sie lief durch den Raum, um eine Wasserflasche zu holen. »Darf ich Ihnen ein Wasser anbieten?«

Er nickte.

»Vorausgesetzt, das Schreiben ist überhaupt echt«, meinte sie.

»Glauben Sie nicht?«

»Ich dachte zuerst an eine bewusste Verunglimpfung aller Grünen.«

»Jetzt auch noch?«

»Zugegeben, es klingt nicht nach einer harmlosen Spielerei. Aber grüner Terrorismus, mit dieser Aussage? Nein!«

»Der Mann wurde entführt«, entgegnete Braig mit Nachdruck. »Er verbrachte eine Nacht im Tunnel. Waren Sie schon einmal dort?«

Marion Reimer nickte. »Durchgefahren. Klar, schon oft.«

»Ich war heute Vormittag zu Fuß in der Nische. Es ist die Hölle. Sie können es sich nicht vorstellen.«

Steffen Braig dachte an die Minuten, die er am und in der Nähe des Tatorts verbracht hatte. Es war nicht zum Aushalten gewesen. Auto an Auto. Lärm, Abgase, Gestank.

Marion Reimer schaute ihn mit großen Augen an. »Das ist schlimm für den Mann. Aber wissen Sie auch, wie viele Menschen direkt an der Straße wohnen, auf der anderen Seite des Tunnels? Mehrstöckige Wohnhäuser, kilometerweit an der vierspurigen Trasse aneinandergereiht. Die erleben denselben Wahnsinn, nicht nur für eine Nacht.«

»Das ist keine Entschuldigung für die Tat«, erwiderte Braig.

»Ist es nicht, nein. Sie haben recht. Ich verurteile sie auch, genau wie Sie«, erklärte Marion Reimer. »Aber wenn das Schreiben echt ist, war das nur eine Notlösung, eine Art Kurzschluss. Als seien sie in die Enge getrieben worden und wüssten keine andere Lösung mehr, auf ihr Problem aufmerksam zu machen. Immerhin haben sie den Mann gut behandelt.«

»Er berichtet das Gegenteil. Mit brutaler Rücksichtslosigkeit seien sie aufgetreten, behauptet er.«

»Komisch, oder? Das passt überhaupt nicht zusammen.« Marion Reimer überlegte. »Entweder das Schreiben stimmt, dann können sie wohl kaum brutal gewesen sein, weil sie ihre eigene Idee damit ad absurdum geführt hätten. Oder sie waren brutal, dann ist das Schreiben eine Irreführung.«

»Klingt durchaus logisch«, bestätigte Steffen Braig, »Sie sprechen mir aus dem Herzen. Wenn es so einfach zu lösen ist.«

»Es gibt noch eine andere Möglichkeit«, sagte sie.

»Ja?«

»Das Schreiben ist echt, und die Leute waren nicht brutal.«

»Ja, Moment«, wandte er ein, »dann ...«

»Richtig. Dann sagt Herr Breuninger nicht die Wahrheit. Er muss wissen, warum. Vorstellen kann ich mir das schon, besonders wenn ich daran denke ...« Sie hielt inne, überlegte.

»Ja?«

»Was man so über ihn erzählt.«

»Über Breuninger? Was meinen Sie damit?«

Marion Reimer fuhr sich mit der Hand über die Haare, zögerte einen Moment. »Nun, es ist ein offenes Geheimnis«, sagte sie dann, »der Herr Breuninger hat Probleme mit Alkohol und Autofahren. Noch nichts davon gehört?«

Steffen Braig schüttelte den Kopf.

»Und dann gibt es da noch eine andere Sache.« Die Geschäftsführerin des BUND blickte aus dem Fenster.

»Spucken Sie es schon aus«, drängte Braig.

»Böse Zungen bringen ihn in Zusammenhang mit dem Unfalltod eines Kindes ...«

6. Kapitel

Braig fand einfach keine Möglichkeit, unbemerkt an dem Mann vorbeizukommen. Hermann Göckele stand breitbeinig vor seiner Wohnungstür, hielt den Fußabstreifer in beiden Händen und untersuchte ihn zum fünfzehnten, vielleicht auch zum zwanzigsten Mal an diesem Tag vergeblich auf der Suche nach einem Staubkorn oder gar einer größeren Ansammlung von Schmutz. Erfolg in diesem mühevollen Tun war ihm leider nur selten vergönnt. Sein Gesicht, eine hagere, verbissen wirkende Miene, trug unverhohlene Neugier zur Schau.

»Guten Abend«, grüßte Steffen Braig und versuchte, sich schnell die Treppe hochzuschleichen.

»Verbrecher erwischt?«, schallte es ihm entgegen.

Braig schüttelte den Kopf.

»Die Gsetze müsstet halt schärfer sei!« Göckele stellte sich mitten in den Weg, sodass es kein Vorbeikommen gab. »Wenn d'Gsetze schärfer wäret, gäbs net so viele Halunke!«, schwäbelte er mit kräftiger Stimme und legte die Fußmatte auf den Boden.

Braig versuchte, einem ebenso kurzweiligen wie hochgeistigen Gespräch auszuweichen und nickte nur mit dem Kopf.

»Wenn i mit an der Regierung war«, erklärte der Nachbar und zupfte einen winzigen Fussel von der Treppe, »no aber!« Er richtete sich auf und streckte drohend seinen Zeigefinger in die Höhe. »I dät die Halunke alle köpfe lasse und des gesamte ausländische Pack dazu«, sagte er und untersuchte seinen winzigen Fund. »Aber vorher noch foltere, damit die net grad so davonkommet.«

»Soll ich Ihnen meine Lupe bringen?«, fragte Braig hilfsbereit. »Die große. Sie kennen sie schon.«

Der Nachbar schüttelte den Kopf. »Net nötig. I seh genug. Köterhaare. Eindeutig!«

Er hielt Braig den Partikel so dicht vor die Nase, dass dieser unwillkürlich zwanzig Zentimeter zurückwich. Auch jetzt vermochte sein geschultes Kriminalistenauge außer den knochigen Fingern des Nachbarn nichts zu erkennen.

»Tut mir leid.«

Göckele schüttelte den Kopf. »Sie sind mir en Polizist!« Mit vorwurfsvollem Blick zeigte er nach oben. »Rauhaardackel. Eindeutig. Mir isch es wirklich egal, mit wem andere ins Bett neischlupfet, i bin aus dem Alter sowieso raus.«