Schattenrächer - Michael Gerwien - ebook

Schattenrächer ebook

Michael Gerwien

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Opis

Auf der Flucht. Der Münchner Journalist Wolf Schneider erwacht schwer verletzt mitten in der Nacht auf einer Müllhalde außerhalb von Lissabon aus einer Ohnmacht. Er schleppt sich in die Stadt. Als er seine Halbschwester Eva am Flughafen trifft, fällt ihm eine Schlagzeile in der Washington Times auf, in der es um die Konstruktionspläne für eine revolutionierende Laserwaffe geht. Er vermutet, dass es sich um dieselben Pläne handelt, die sich seit Kurzem in seinem Besitz befinden und wegen denen seine Frau Rebekka vor einigen Tagen sterben musste. Gemeinsam mit Eva fliegt er nach Washington D. C., um der Sache auf den Grund zu gehen. Und um Rebekkas Tod zu rächen.

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Michael Gerwien

Schattenrächer

Thriller

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Schattenkiller (2016), Stückerlweis (2016),

Brummschädel (2015), Krautkiller (2015)

Andechser Tod (2014), Wer mordet schon am Chiemsee? (2014),

Jack Bänger (E-Book only, 2014), Alpentod (2014),

Mordswiesn (2013), Raintaler ermittelt (2013),

Isarhaie (2013), Isarblues (2012),

Isarbrodeln (2011), Alpengrollen (2011)

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © frankdaniels / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5474-5

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1

Donnerstag, 2.20 Uhr, Lissabon, Portugal.

Die Kakerlake, die er seit einiger Zeit beobachtete, erklomm Wolfs linken Handrücken. Als sie den blutigen Verband an seinem abgeschnittenen Zeigefinger erreichte, hielt sie inne. So, als schnupperte sie daran.

Konnten Kakerlaken riechen?

Mühsam hob er seine Rechte ein Stück weit an, um sie zu verscheuchen. Sinnlos. Zu wenig Kraft. Er ließ seinen Arm erschöpft auf den Boden zurücksinken.

Sie machte sich weiter an seinem Verband zu schaffen. Hoffentlich rief sie nicht auch noch ihre Freunde herbei.

Was fraßen die Dinger eigentlich? Fleisch?

Wo zum Teufel war er nur?

Er blickte geradeaus über das hässliche Kleintier mit den langen Fühlern hinweg. Erkannte eine schräg daliegende eingefallene Hausmauer im fahlen Mondlicht.

Ansonsten herrschte nahezu völlige Dunkelheit.

In seinem Gedächtnis sah es nicht viel anders aus.

Falsch.

Langsam erinnerte er sich wieder. Eine Bar, laute Musik, blitzende Goldzähne. Ein Fest der Einheimischen. Frauen in rot-weißen Trachten, Männer im dunklen Anzug, später am Abend Fado-Gesang.

Lissabon, Portugal.

Alles andere fiel ihm ebenfalls wieder ein. Er kam gestern Abend hier an. Nach seiner gelungenen Flucht aus Deutschland quer durch Frankreich und Spanien.

In Sicherheit war er deshalb allerdings noch lange nicht. Bestimmt suchte ihn die Polizei. In München hatten sie sicher Interpol eingeschaltet. Wollten garantiert ihm den Mord an seiner Frau Rebekka in die Schuhe schieben. Verdächtigten ihn des Mordes an diesem Amerikaner Summer und an Rebekkas Killer Nobody. Dabei war es beide Male Notwehr gewesen.

Doch das wusste nur er.

Er rätselte, wieso um alles in der Welt er hier im Staub lag.

Unter größter Anstrengung tastete er nach seiner Geldbörse in der Gesäßtasche seiner Jeans.

Hielt inne. Sie war leer.

Er suchte weiter. Nichts.

Verdammt. Kreditkarten, Scheckkarten, Personalausweis. Alles war darin gewesen.

Er fingerte mühsam nach dem Geldgürtel, den er unter seinem Hemd versteckt hatte. Auch er war verschwunden. Mit ihm an die 100.000 Euro. Seine Reise- und Fluchtkasse.

Ohne Geld und Papiere in einem fremden Land. Panik machte sich in ihm breit. Er versuchte sich aufzurichten.

Keine Chance. Die kleinste Bewegung bereitete ihm große Anstrengung. Ihm war, als läge eine zentnerschwere Last auf seinem Rücken.

War er gelähmt?

Er konzentrierte sich auf seine Arme und Beine. Konnte sie deutlich spüren. Gut. Gelähmt waren sie also nicht. Nur seltsam kraftlos.

Zu viel Alkohol?

Vielleicht. Aber eher nein. Sicher nicht mehr als sonst.

Er war kein Trinker. Konnte sich jetzt außerdem an den ganzen gestrigen Abend in der Bar erinnern. Ausgelassene Stimmung. Freundliche Menschen. Er hatte sein Portugiesisch aufgefrischt. Small Talk über dies und das.

Nur der Moment, kurz bevor er sich an gar nichts mehr erinnern konnte, fehlte ihm.

K.-o.-Tropfen?

Möglich. Er war alleine in das Lokal gegangen. Nur für einen Augenblick das Glas aus den Augen gelassen, schon war es um einen geschehen. War immer wieder überall zu lesen, dass vor allem junge Mädchen so gefügig gemacht wurden.

In seinen Schläfen hämmerten die Schmerzen im Takt seines Herzschlags. Er fuhr sich langsam mit der Hand über den Hinterkopf. Erspürte eine beachtliche Beule.

Jemand musste ihn niedergeschlagen haben.

2

Zwei Tage vorher – Dienstag, 4.45 p.m., Umland Baltimore, USA.

»Dann müsst ihr euch eben mehr Mühe geben, ihr Vollidioten. Mehr Leute einsetzen, Gas geben. Darin seid ihr Deutschen doch seit jeher gut.«

Der Ex-Banker und heutige Kongressabgeordnete Arthur Smith stand aufrecht im Homeoffice seines großzügigen Anwesens in der Nähe von Baltimore. In seiner grenzenlosen Wut umklammerte er den Telefonhörer so fest, dass die Knöchel seiner Finger weiß hervortraten.

»Ein Mensch verschwindet nicht von einem Augenblick auf den anderen«, fuhr er polternd fort. »Er muss irgendwo sein. Spätestens heute Abend will ich Ergebnisse, Siebert. Sonst werden Sie mich von einer Seite kennenlernen, die Sie lieber nicht kennen wollen. Verstanden?«

»Verstanden, Mr. Snow. Obwohl ihr beleidigender Tonfall schon auch immer wieder gewöhnungsbedürftig ist.« Der Berliner Rechtsanwalt konnte sich die kritische Bemerkung gegenüber seinem unbekannten Auftraggeber offenbar wieder einmal nicht verbeißen.

»Meinen Tonfall lassen Sie getrost meine Sorge sein, Siebert. Finden Sie lieber auf der Stelle diesen Wolf Schneider, und besorgen Sie mir endlich die Pläne für Weinbergers Laserkanone von ihm. Beauftragen Sie jemand anderen damit, wenn Ihre Leute zu dämlich dafür sind.« Arthur knallte grußlos den Hörer auf die Gabel.

Zum Ausrasten. Siebert trieb ihn mit seiner arroganten behäbigen Art noch in den Wahnsinn. Der Kerl verdiente seit einigen Monaten hervorragend an den Jobs, die ihm Arthur unter seinem Decknamen für illegale Geschäfte ›Mr. Snow‹ vermittelte. Da konnte er sich gefälligst auch mal anstrengen.

Es war einfach ein Unding, dass Schneider unbehelligt aus München verschwinden konnte, nachdem er Arthurs engsten Mitarbeiter in Sachen Kriminalität, Frank Muller, und einen bis dahin sehr erfolgreichen Auftragskiller erschossen hatte.

Arthur schnupfte ein Häufchen von dem Koks, das auf seinem Esstisch für alle Fälle parat lag.

Er setzte sich auf seine weitläufige Terrasse.

Zündete sich eine Beruhigungszigarre an.

Ein großer Schluck Whiskey dazu, vielleicht auch zwei oder drei, und er hätte sich schnell wieder im Griff.

Sieberts Dienste in Übersee würde er nicht mehr lange in Anspruch nehmen, kalkulierte er mit einem kalten Lächeln um die Lippen. Sobald er einen adäquaten Ersatz für ihn fand, würde der vorlaute Klugscheißer einen hübschen kleinen Unfall haben.

Einem Arthur Smith tanzte niemand ungestraft auf der Nase herum.

Außerdem würde er selbst ebenfalls jemanden auf Schneider ansetzen. Auf Siebert und seine Leute war bereits oft genug kein Verlass gewesen. Doppelt hielt außerdem generell besser.

Diese Sache mit den Konstruktionsplänen für die Laserkanone war sehr wichtig. Ein deutscher Wissenschaftler hatte sie angefertigt, Dr. Weinberger aus Berlin. Er wollte sie aber nicht herausrücken und musste deshalb sterben. Allerdings nicht auf Arthurs Befehl hin, sondern aufgrund des Übereifers von Sieberts Leuten.

Sie wollten den Kerl zu seinem Glück zwingen. Vollidioten. Machten die Sache so nur komplizierter.

Andererseits, was stellte sich Weinberger auch so dämlich an. Er hätte ein kleines Vermögen dafür bekommen.

Vor seinem Tod hatte er seine Pläne an Wolf Schneider geschickt. Doch der wollte sie genauso wenig hergeben. Also musste seine Frau sterben.

Allerdings war Arthur daran ebenfalls nicht schuld. Zumindest nicht direkt. Sondern der übereifrige Killer, den Siebert auf die Sache angesetzt hatte.

Ein gefährlicher Typ, der selbst abkassieren wollte und deshalb von einem Kollegen eliminiert werden musste.

Auf Arthurs Befehl hin.

Schneider selbst würde ihm demnächst folgen. Alleine schon, weil er Frank erledigt hatte. Das konnte Arthur ihm auf keinen Fall durchgehen lassen. Aber das alles natürlich erst, nachdem er die Pläne von ihm bekommen hatte.

Wenn sich Weinbergers Erfindung wirklich in die Tat umsetzen ließ, was Arthur seinen bisherigen Informationen zufolge unbedingt annahm, würde er damit steinreich werden.

3

Donnerstag, 2.40 Uhr, Lissabon, Portugal.

Unter lautem Ächzen und Stöhnen schaffte es Wolf endlich, sich aufzusetzen. In seinem Kopf tobte ein Gewitter aus schmerzhaften Blitzen.

Er blickte suchend an sich hinunter.

Wenigstens hatten sie ihm seine Jeans und sein T-Shirt gelassen. Auch die Turnschuhe, die er sich vor seiner Flucht in Starnberg gekauft hatte. Er würde also nicht barfuß durch die Nacht stolpern.

Zu dumm, dass ihm jegliche Erinnerung an die Zeit kurz vor seiner Ohnmacht fehlte. Außerdem hätte er zu gerne gewusst, wo diese Bar war, in der er mit diesen anderen Leuten gefeiert hatte.

Vielleicht hatte jemand beobachtet, wer mit ihm vor die Tür gegangen war. Dann könnte er sich sein Geld eventuell zurückholen.

Er stellte fest, dass er sich irgendwo am Stadtrand befinden musste. Kleine Hügel umgaben ihn. So viel konnte er im fahlen Mondlicht gerade noch erkennen. Weiter hinten blinkten verschwommen Lichter in der Nacht. Das musste die Innenstadt sein.

»Meine Brille«, entfuhr es ihm gleichzeitig. »Die haben sie auch. Oder sie liegt hier irgendwo.«

Langsam, Brechreiz im Magen und Drehschwindel im Kopf, richtete er sich vollständig auf. Jeder einzelne Knochen im Leib tat ihm weh.

Links von ihm lag die kaputte Mauer, deren Umrisse er bereits vom Boden aus erkannt hatte. Offenbar ein Stück eines alten Hauses, das im Ganzen hier abgeladen worden war.

Es roch streng. Nach Abfällen und Verwesung.

Eine Ratte huschte in einem guten Meter Entfernung an ihm vorbei.

Offenbar hatten sie ihn auf einer Müllhalde abgelegt.

Der Gestank, das Ungeziefer, der weiche Boden. Wo sonst gab es das.

Er kniff seine Augen zusammen. Sah sich genauer zu seinen Füßen um. Entdeckte gebrauchte Windeln, Plastiktüten, Essensreste, leere Dosen, Zeitungen, Kartons.

Seine Brille fand er nicht.

Sie hatten ihn also tatsächlich entsorgt wie einen alten Kühlschrank. Miese Schweine. Hatten wohl gedacht, dass er tot sei.

Genau betrachtet fühlte er sich auch, als wäre er gerade von den Toten auferstanden.

Langsam setzte er sich in Gang.

Immer einen Fuß vor den anderen.

Hielt schwer schnaufend auf die Lichter der Stadt zu.

4

Donnerstag, 2.45 Uhr, München, BRD.

Eva konnte nicht schlafen. Sie lief unruhig in ihrer Wohnung hin und her.

Unentwegt musste sie an Wolf denken. Seit zwei Tagen hatte er sich nicht mehr bei ihr gemeldet. Sie machte sich große Sorgen. Hoffentlich hatte er es ihr nicht für immer übel genommen, dass sie ihm gestanden hatte, nicht seine Schwester oder Halbschwester zu sein.

Bestimmt ein echter Schock für ihn.

Noch dazu gleich nach dem Tod seiner geliebten Rebekka.

Bestimmt hätte sie besser daran getan, noch damit zu warten, es ihm zu sagen. Nicht sehr taktvoll von ihr. Eher ziemlich dumm und ungeschickt.

Und jetzt rief er nicht an. Das hatte sie nun davon.

Dabei hätte sie ihm so viel zu sagen.

Dass sie ihn wie eine Frau liebte, zum Beispiel, nicht wie eine Schwester. Dass sie sich in jeder Sekunde ihres Lebens nach ihm verzehrte. Sich nichts sehnlicher wünschte, als in seinen Armen zu liegen.

Lieber Gott. Sie erkannte sich selbst nicht wieder. So schwülstig ihr all diese Gedanken selbst vorkamen, so wenig konnte sie von ihnen ablassen.

Die Liebe zu ihm erreichte langsam, aber sicher das Maß des Erträglichen. Der qualvolle Ritt auf einer endlosen Achterbahn der Gefühle.

Eva und Wolf Schneider. Ihre Namen würden sich nicht ändern, falls sie heirateten, stellte sie nebenbei fest. Doch dazu müsste sie ihn erst einmal sprechen.

Andauernd rief dieser seltsame Kommissar Wallner bei ihr an. Fragte nach Wolf. Offenbar suchten sie ihn. Warum, verriet er ihr nicht.

Dreimal hatte sie ihm bereits gesagt, dass sie nicht das Geringste über Wolfs Aufenthaltsort wusste.

Er schien ihr nicht zu glauben.

5

Dienstag, 6.00 p.m., Umland Baltimore, USA.

»Wo soll ich nach diesem Wolf Schneider suchen, Mr. Snow.« Mr. Black, der europäische Auftragskiller, den Arthur auf Empfehlung eines guten Bekannten angerufen hatte, klang neutral geschäftsmäßig. Ganz so, als würden sie sich über die aktuelle Preisentwicklung beim Magermilchjoghurt unterhalten.

»Er verschwand vor zwei Tagen aus München«, erwiderte Arthur. »Sehr weit kann er also noch nicht gekommen sein. Zumindest hat er meinen Informationen zufolge keine Flüge gebucht.«

»Er kann unter anderem Namen gebucht haben.«

»Stimmt. Ist aber eher unwahrscheinlich. Dafür ging alles zu schnell. Neue Papiere und so. Das dauert seine Zeit. Weiß ich aus eigener Erfahrung. Meinen letzten Informationen nach hat er einen Leihwagen gestohlen und fuhr damit Richtung Frankreich.«

»Wohin genau, wissen Sie nicht?«

»Nein, Mr. Black.« Arthur schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht viel. Europa ist groß. Er kann sich in Frankreich, Spanien oder Portugal aufhalten. Italien wäre auch eine Option. Oder eine Insel. Möglicherweise ist er nach Afrika übergesetzt oder er sitzt auf einem Schiff in die Staaten oder nach Südamerika.«

»Dann fliegen Sie erst mal nach München und sehen sich dort nach Hinweisen um. Nehmen Sie den Auftrag nun an oder nicht?«

Arthur wischte ärgerlich mit der Hand durch die Luft.

Hatte er einen Profi an der Strippe oder nicht? Das ging gerade alles schon wieder viel zu langsam.

»Ich weiß nicht. Scheint eine schwierige Sache zu werden.«

»Ich zahle Ihnen das Doppelte. Aber nur, weil Sie mir wärmstens empfohlen wurden. Normalerweise bin ich kein Freund von Eiertänzen.«

»Dann … sind wir im Geschäft. Natürlich. Gerne.«

»Gut. Fangen Sie sofort an.« Arthur nickte zufrieden.

Da war sie wieder, die eindeutige Bestätigung für seine lang gehegte Theorie, dass letztlich jeder zu jeder Zeit käuflich war. Nur der Preis war unterschiedlich hoch.

»Der Umschlag mit der ersten Rate geht noch heute an das Postfach, das sie mir vorhin genannt haben«, fuhr er geschäftsmäßig fort. »Kommen Sie mir nicht ohne die Pläne an, von denen ich Ihnen erzählt habe. Selbst wenn Sie Schneider dafür langsam zerstückeln müssen.«

»Geht klar, Mr. Snow, Sir.«

6

Donnerstag, 3.00 Uhr, Lissabon, Portugal.

Eine einsame Bank mitten im Nirgendwo. Wolf fragte sich kurz, wer sie hingestellt haben mochte. Vergaß den Gedanken sofort wieder. Setzte sich schnell.

Er krümmte sich völlig ausgepumpt zusammen. Seine Lungen brannten. Die Schmerzen im Kopf nahmen ihm fast die Besinnung.

Gott sei Dank war es nicht mehr weit bis zur Stadt. Die ersten Gebäude konnte er bereits schemenhaft erkennen. Wie es weiterging, wenn er dort ankam, wusste er nicht.

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen.

War ihm jemand von der Mülldeponie aus gefolgt?

Adrenalin schoss ihm in die Adern. Er sah sich suchend um. Begann vor Angst und Aufregung zu zittern.

Nichts zu sehen. Ohne Brille erst recht nicht.

Wahrscheinlich doch nur eine Ratte. Außerdem gab es hier wie überall im Süden Hunde, die ohne Zuhause durch die Gegend streiften. Erbarmungswürdige Kreaturen, halb verhungert, von jedem Menschen misshandelt, der Spaß daran hatte.

Da war das Geräusch erneut.

Ein Rascheln in dem Gebüsch seitlich von ihm. Es kam immer näher.

Er spannte seine Muskeln an. Bereit, jeden Moment aufzuspringen.

Nichts wie weg.

Er rannte los, so schnell er konnte. In seinem momentanen Zustand würde er keinen Kampf durchstehen. Egal gegen wen oder was.

Während er weiterhetzte, blickte er sich immer wieder um. Übersah dabei ein Loch im Boden vor sich. Geriet ins Straucheln. Stürzte, verletzte sich die Handflächen beim Aufprall. Blut.

Er richtete sich schnell wieder auf.

Eilte weiter.

Bekam kaum noch Luft.

Ein Albtraum, den er immer wieder als Kind gehabt hatte, ging ihm für Sekundenbruchteile durch den Kopf. Er war auf der Flucht vor blitzschnellen Krokodilen mit riesigen Mäulern. Ihren heißen Atem im Nacken.

Sie schnappten nach ihm. Waren immerzu kurz davor, ihn zu erwischen.

Er war regelmäßig schreiend vor Angst aufgewacht.

Jetzt näherte er sich den ersten Häusern. Hoffte auf Hilfe dort.

Bitte, lieber Gott, lass irgendjemanden wach sein.

Er hatte keine Ahnung, wie spät es war. Seine Armbanduhr hatten sie ihm ebenfalls abgenommen.

7

Mittwoch, 8.45 a.m., Washington D.C., USA.

»Ich kann Ihnen versichern, dass ich die Konstruktionspläne, über die wir sprachen, in allernächster Zukunft in Händen halte, Mr. Gonzales. Unserem Geschäft stünde somit nichts mehr im Wege.«

Arthur ließ sich gerade dauertelefonierend von seinem Chauffeur in den Kongress bringen. Es würde dort gleich eine Anhörung wegen der Steuergesetze geben. Die Demokraten verlangten, dass Leute mit geringerem Einkommen einen geringeren Steuersatz entrichten sollten.

Völliger Humbug natürlich. Aber auch idiotische Vorschläge wie dieser mussten in einer Demokratie besprochen werden.

»Wie gesagt, zahlen wir bar, Mr. Snow«, erwiderte der mexikanische Kartellchef am anderen Ende der Leitung. »Aber natürlich nur, wenn diese neue Laserwaffe, von der wir sprechen, auch wirklich so sensationell ist, wie Sie sagen.«

Arthur hatte Erkundigungen über ihn eingeholt. Ein denkbar gefährlicher Mann. Halb Mexiko ging vor ihm in die Knie. Sogar große Teile der dortigen Regierung.

»Ich weiß. Sehr erfreulich. Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich mehr weiß.«

»Lassen Sie mich nicht zu lange warten. Bis bald, Mr. Snow.«

»Bis bald, Mr. Gonzales.«

Arthur legte auf. Er wandte sich an seinen farbigen Chauffeur, den er nur so zum Spaß für sich selbst »Niggerboy« nannte. Mein Niggerboy fährt wieder mal zu langsam. Wo bleibt nur mein hirnloser Niggerboy, und so weiter.

Lustig eben. Fand er zumindest.

»Warum dauert das heute so lange, Clayton?«

Nach außen hin nannte er ihn bei seinem Vornamen. Alles andere wäre zu offenkundig rassistisch gewesen. Kam nicht so gut bei den Wählern an.

Political Correctness. Die überflüssigste Erfindung seit den Windpocken. Aber was wollte man dagegen tun, wenn man in der Öffentlichkeit stand.

Du spielst das Spiel. Auch wenn du die Regeln innerlich nicht beherzigst.

Eine traurige Welt war das da draußen.

Kein Mumm mehr.

Kein Selbstbewusstsein.

Keine Vaterlandsliebe.

»Stau, Sir, Mr. Smith. Anscheinend protestieren die Schwarzen und die Latinos wieder mal für mehr Rechte.«

»Die albernen Idioten sollen froh sein, dass sie hier leben dürfen. Stimmt’s, Clayton? Sie selbst haben es doch auch gut getroffen hier bei uns.« Arthur sah ihn abwartend über den Rückspiegel an.

»Natürlich, Sir, Mr. Smith. Mir geht es bestens.« Clayton nickte freundlich lächelnd. Was er in Wahrheit dachte oder ob das, was er gerade sagte, bereits die Wahrheit war, sah man seiner Miene nicht an.

Arthur wollte es auch gar nicht wissen.

Seine Angestellten hatten zu funktionieren. Professionalität und bedingungslose Loyalität. Vor allem nicht ungefragt die Klappe aufreißen. Darum ging es ihm.

»Das will ich aber meinen, dass es Ihnen bestens geht.«

Braver Niggerboy.

8

Donnerstag, 3.50 Uhr, Lissabon, Portugal.

Wolf lehnte sich keuchend mit dem Rücken an eine Hauswand. Er blickte in die Richtung, aus der er gekommen war. Niemand zu sehen. Wenn jemand hinter ihm her gewesen war, hatte er ihn abgehängt.

Er erahnte Licht in dem Haus auf der Straßenseite gegenüber.

Gott sei Dank sprach er leidlich Portugiesisch. Hatte es während seines zweijährigen Aufenthaltes in Lissabon als Auslandskorrespondent gelernt.

Rebekka hatte ihn damals, so oft es ging, besucht. Trotzdem war die lange Zeit der Trennung eine echte Zerreißprobe für ihre Ehe gewesen.

Ein Gutes hatte es jetzt wenigstens. Mit seinen damals erworbenen Sprachkenntnissen würde er um Hilfe bitten können. Zumindest um ein Telefon.

Er musste unbedingt Eva anrufen. Nur sie konnte ihm im Moment weiterhelfen. Geld, Papiere und so weiter.

Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, schleppte er sich hinüber. Klopfte an die Tür.

Nichts rührte sich.

»Hallo! Jemand zu Hause?«

Er klopfte erneut. Lauter.

Nach einer Weile hörte er, wie der Schlüssel von innen im Schloss herumgedreht wurde. Kurz darauf wurde ihm geöffnet.

Eine alte Frau stand vor ihm. Schwarze Tracht. Buntes Kopftuch. Kaum Zähne im Mund. Unzählige Falten im Gesicht. Auf der Wange eine große, dunkelbraune Warze.

»Wer sind sie? Was wollen Sie?«, fragte sie. Angst schien sie nicht vor ihm zu haben.

»Por favor, Senhora«, erwiderte er. »Ich brauche Hilfe. Ich wurde niedergeschlagen und ausgeraubt.«

»Das kann jeder sagen.« Sie beäugte ihn misstrauisch.

»Bitte glauben Sie mir. Sehen Sie mich doch nur an.« Er zeigte auf seine verschmutzte Kleidung. »Haben Sie ein Telefon?«

Herr im Himmel. Wenn das hier nicht hinhaut, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.

»Was ist los, Rosa?«, ertönte eine kratzige Männerstimme aus dem Inneren des Hauses. »Wer stört so früh am Morgen?«

»Ein Mann«, rief sie ihm über ihre Schulter hinweg zu. »Sieht aus wie ein betrunkener Tourist. Sagt, er wurde ausgeraubt.«

»Er soll weggehen.«

»Sie haben gehört, was er gesagt hat«, wandte Rosa sich an Wolf. Sie schickte sich an, die Tür wieder zu schließen.

»Bitte, Senhora«, flehte er. Faltete die Hände vor der Brust. »Ich habe Durst, ich bin verletzt, habe Schmerzen, und ich bin hundemüde. Lassen Sie mich nur kurz telefonieren. Sie werden es nicht bereuen. Ich lasse mir Geld aus Deutschland kommen und bezahle Sie dafür.«

»Er sagt, er bezahlt, wenn wir ihm helfen«, rief sie ins Haus hinein.

»Lass ihn rein.«

»Kommen Sie.« Sie trat einen Schritt zurück, damit er an ihr vorbeikonnte. »Wie heißen Sie?«

»Wolf.«

»Aus Deutschland, sagen Sie?«

»Ja.« Er nickte.

»Deutschland ist gut. Viel Geld.«

Sie führte ihn vornewegschlurfend durch einen schmalen Flur in eine kleine, muffig riechende Küche. Dort forderte sie ihn auf, sich zu setzen.

»Danke.«

Er ließ sich erleichtert auf einen der wackeligen Holzstühle am Küchentisch sinken. Sah sich um. Registrierte, dass überall die Farbe von den Wänden abblätterte.

Eine Maus flitzte über den Boden. Oder eine Ratte. Genau erkennen konnte er es nicht. Auf jeden Fall war das Tier sehr schnell.

Er stellte unwillkürlich seine Füße auf die Zehenspitzen.

Reich sind die bestimmt nicht. Hoffentlich helfen sie mir auch wirklich.

»Da haben Sie aber Glück, dass mein Mann und ich so früh aufstehen. Es ist gerade mal 4 Uhr. Die Nachbarn schlafen alle noch.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Senhora Rosa. Haben Sie denn nun ein Telefon?« Er sah sie erwartungsvoll an.

»José, steh endlich auf und bring das Handy mit«, krächzte sie in Richtung der Tür links vom Küchenschrank. Dahinter befand sich offenbar das Schlafzimmer. »Beeil dich, damit unser Gast sein Geld besorgen kann.«

»Obrigada.« Wolf lächelte dankbar.

»Kaffee?«, fragte sie, während sie sich an ihrem Herd zu schaffen machte.

»Gerne.«

Hunger scheinen sie nicht zu leiden, obwohl alles wirklich sehr ärmlich aussieht.

»Eier? Oliven? Tomaten? Brot?«

»Sehr gerne. Ja.« Er nickte begeistert.

Das ist wohl die berühmte südländische Gastfreundschaft. Offenbar kommt sie immer zum Zug. Egal, was passiert.

Zum ersten Mal, seitdem er auf der Müllhalde aufgewacht war, ließen seine Kopfschmerzen etwas nach. Dafür pochte sein mehr schlecht als recht von ihm selbst verbundener Fingerstumpf wie wild.

Hätte er diesen miesen Killer Nobody auf dem Parkplatz an der Garmischer Autobahn bloß besser im Blick gehabt, als der mit dem Messer auf ihn losging.

Er musste die Wunde unbedingt von einem Arzt versorgen lassen. Den offenen Rest des Fingers zunähen lassen. Eine Blutvergiftung, Wundbrand oder Wundstarrkrampf durfte er nicht riskieren.

Es konnte sogar tödlich enden. Das wusste er aus seiner Zeit bei der Bundeswehr. Im Kosovo hatte es einige Verletzte in ihrer Einheit gegeben. Das Erste, was ihnen die Sanis verpasst hatten, war eine Tetanusspritze gewesen.

9

Mittwoch, 9.30 a.m., Washington D.C., USA.

»Wie laufen die Geschäfte, Arthur?« Bart Ewing schüttelte seinem republikanischen Parteikollegen vor dem Eingang zum Sitzungssaal die Hand.

Sie waren die Letzten, die hineinmussten. Die anderen Abgeordneten und Senatoren saßen bereits auf ihren Plätzen.

Bart kam aus Wyoming. Ein kluger Kopf mit einer modischen Hornbrille auf der Nase. Er hatte großen Erfolg bei den Wählern. Vor allem bei den weiblichen. Verkaufte sich ihnen als aufrechter, politisch korrekter und umweltbewusster Amerikaner. Sportlich war er außerdem.

»Alles gut, Bart. Und selbst?« Arthur sah ihn abwartend an.

»Nicht schlecht. Stell dir vor, was mir vor Kurzem zu Ohren gekommen ist.«

»Keine Ahnung.« Arthur zuckte die Schultern.

Bart blickte sich kurz nach eventuellen Mithörern um.

Niemand in der Nähe. Dennoch senkte er seine Stimme.

»Es soll jemanden geben, der illegal Konstruktionspläne für eine neuartige Laserkanone auf dem Markt anbietet.«

»Nicht möglich.« Arthur zog, Überraschung vortäuschend, die Augenbrauen hoch. »Aber das verstößt doch gegen das Gesetz.«

Woher hat der Kerl diese Info? So eine Scheiße, irgendwo bei meinen Kunden muss ein Leck sein. Das kann mich ein Vermögen kosten.

»Genauso ist es.« Bart nickte eifrig. »Was wohl der Geheimdienst oder unsere Militärs dazu sagen würden, wenn sie es wüssten.«

»Wenn es tatsächlich stimmt, was du sagst, wissen die längst Bescheid. Die haben ihre Finger doch überall im Spiel.« Arthur wusste, dass er recht hatte. Schließlich hatte er die Pläne als Mr. Snow auch seinen Kontaktleuten beim amerikanischen Geheimdienst und beim Militär angeboten.

Fragte sich nur, wo genau die undichte Stelle war.

So ein Mist. Jemand wie Bart sollte auf gar keinen Fall von solch streng vertraulichen Dingen erfahren. Am Ende plauderte er die Sache weiter in aller Öffentlichkeit aus, und schon gab es auf allen Seiten Probleme, die niemand haben wollte.

»Meinst du?« Bart riss ungläubig die Augen auf.

»Ich vermute es zumindest stark. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass an dem Gerücht etwas dran ist.«

Du armseliges Würstchen glaubst wohl, du würdest einem wie mir jemals auf die Spur kommen. Lächerlich.

»Du meinst also, dass meine Quelle gelogen hat? Ist an sich eine sehr zuverlässige Person.« Bart runzelte nachdenklich die Stirn.

»Gelogen, sich getäuscht, oder du hast irgendwas nur halb oder falsch mitbekommen. Alles ist möglich.« Arthur lachte selbstbewusst. »Aber warum erzählst du ausgerechnet mir davon? Gehöre ich neuerdings zum Verteidigungsausschuss?«

»Nein.« Bart winkte ab. »Einfach nur so. Ich erfuhr das Ganze erst vorhin und du bist mir als Erster über den Weg gelaufen.«

»Wenn du mich fragst, ich würde die Sache schnell wieder vergessen und niemandem mehr davon erzählen. Bestimmt ein dummer Irrtum. Da machst du dich nur lächerlich.«

»Ich weiß nicht so recht.« Bart kratzte sich unschlüssig am Hinterkopf.

»Lass uns lieber reingehen und über die unsinnigen Steuersenkungen für die kleinen Leute diskutieren«, schlug Arthur vor. »Wir sollten hier bei uns keinen Kommunismus zulassen. Erscheint mir im Moment wichtiger als irgendwelche albernen Science-Fiction-Waffen. Stimmt’s?«

»Magst recht haben, Arthur. Ich werde noch mal mit meiner Quelle reden. Vielleicht hab ich mich tatsächlich verhört.« Bart lächelte verlegen.

»Na dann. Auf in den Kampf.« Arthur zeigte auf den Eingang zum Sitzungssaal.

10

Donnerstag, 4.10 Uhr, Lissabon, Portugal.

»Bom dia.« José erschien in fleckigem Unterhemd und zerschlissenen langen Unterhosen in der Küche. Er reichte Wolf ein nagelneues Smartphone. »Aber wenn du in Deutschland anrufst, wird es teuer für dich, klar?«

»Klar. Guten Morgen.« Wolf nickte. »Sie bekommen Ihr Geld. Keine Sorge.«

Woher haben die das sündteure Telefon? Bestimmt geklaut. Egal. Was geht’s mich an.

Er wählte schnell Evas Nummer.

Ließ es dreimal klingeln. Viermal. Fünfmal.

Hoffentlich wachte sie auf. Es war immerhin mitten in der Nacht.

»Eva Schneider.«

Gott sei Dank. Er atmete erleichtert auf.

»Wolf hier.«

»Wolf? Nein, das gibt es nicht.« Sie klang aufgeregt und hocherfreut. »Ich hab die ganze Zeit über an dich gedacht. Wie geht es dir? Wo bist du? Alles in Ordnung?«

»Pass auf. Ich kann nicht lange reden«, zischte er. »Kannst du heute noch nach Lissabon fliegen? Ich bezahle alles.«

»Lissabon? Aber wie …«

»Ich brauche dich dringend hier.«

»Um was geht es denn?« Sie gähnte laut.

»Meine Kontounterlagen fürs Onlinebanking bei meiner Bank in der Schweiz findest du bei meinen Papieren in dem kleinen Rucksack, den ich bei dir ließ. Da müsste auch meine Ersatzbrille drinnen sein.« Er holte tief Luft, bevor er weitersprach. »Bring bitte alles mit. Auch ein frisches Hemd und Jeans. Und Bargeld. 5.000 Euro reichen erst mal. Vergiss meinen Reisepass nicht. Ich warte heute Nachmittag ab 16 Uhr am Flughafen bei der Ankunft auf dich.«

»Ja gut, aber was …?«

»Bitte, tu einfach, was ich gesagt habe. Ich brauche deine Hilfe.«

»Natürlich«, erwiderte sie mit fester Stimme. »Ich komme. Ab 16 Uhr, Flughafen Lissabon, Ankunft. Bis dann. Mach’s gut.«

Sie legten auf.

Wolf gab José das Handy zurück. Der nahm es blitzschnell wieder an sich. »Ich komme mit zum Flughafen.«

»Klar. Wollte ich Ihnen gerade selbst vorschlagen. Woher können Sie so gut Deutsch?«

»20 Jahre Baufirma, Mannheim.«

»Verstehe.«

»So, jetzt gibt es erst mal Frühstück.« Rosa stellte ein Tablett mit Eiern, Tomaten, Oliven und Brot darauf auf den Tisch. »Zieh dir endlich was Anständiges an, José. Wir sind arm, aber keine Obdachlosen.«

»Ja, ja.« José verschwand im Schlafzimmer.

11

Mittwoch, 4.30 p.m., Umland Baltimore, USA.

»Ein Bild schicke ich Ihnen noch. Wann können Sie die Sache erledigen?« Arthur saß in seiner Lieblingsstellung auf einem der Liegestühle an seinem großen Pool. Füße hoch, einen Drink in der Rechten, das Handy für geheime Geschäfte in der Linken.

Seine Frau Jane war unterwegs. Sie würde heute erst spät nach Hause kommen. Veranstaltete eine Matinee zugunsten krebskranker Kinder im John Hopkins Hospital in Baltimore. Die Gespräche mit den Spendern würden sich erfahrungsgemäß bis in den Abend hinein hinziehen.

Umso besser. Sie meckerte in letzter Zeit ohnehin nur an ihm herum. »Schnupf nicht so viel Koks. Was soll der viele Alkohol? Du bist zu dick.«

»In zwei bis drei Tagen könnte ich es einschieben«, erwiderte der Mann am anderen Ende der Leitung, der sich geheimnisvoll »Dorian« nannte.

»Früher geht es nicht? Ist absolut dringend.«

»Nein. Tut mir leid. Da müssten Sie sich besser an einen meiner Kollegen wenden.«

»Und wenn ich Ihnen das Doppelte bezahle?«

»Ändert nichts. Ich stehe bereits anderweitig im Wort.«

»Scheiße.« Arthur schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Ich kann es leider nicht ändern, Mr. Snow.« In der Stimme des Auftragskillers klang geschäftsmäßiges Bedauern mit.

»Ich will aber Sie. Habe nur Gutes über Sie gehört.« Arthur sprach praktisch nie mit Engelszungen.

Aber die Angelegenheit war wirklich immens wichtig, und dieser Dorian war ein ausgewiesener Unfallspezialist.

Genau, was er brauchte.

Bart Ewing musste schnellstens von der Bildfläche verschwinden. Bevor er das Milliardengeschäft mit den Konstruktionsplänen von Weinbergers Laserkanone kaputtmachte, indem er zum Beispiel in den Medien darüber plauderte. Das hätte sicher zur Folge, dass Arthur reihenweise potenzielle Kunden absprangen. Niemand wollte Ärger. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Jede Stunde Verzögerung konnte ihn also gerade richtig viel Geld kosten.

»Wie gesagt, Mr. Snow. Ich schaffe es nicht früher.«

»Zwei bis drei Tage sagen Sie?«

»Ja.«

»Dann soll es so sein. Wird zwar unter Umständen knapp, aber gut.« Arthur schnaufte ärgerlich. Nicht jeder erlag seinem Charme. Als Realist musste er das akzeptieren. Obwohl es ihm als cholerisches Alphatier alles andere als leichtfiel. »Die erforderlichen Daten und Ihr Honorar schicke ich wohin?«

»An ein Postfach. Ich sende Ihnen später eine SMS mit der genauen Adresse.«

»Wir sind im Geschäft, Dorian. Und noch mal: Finden Sie unbedingt seinen Informanten heraus, bevor Sie ihn eliminieren. Nehmen Sie sich diesen Kerl dann ebenfalls vor. Das ist mindestens genauso wichtig.«

»Natürlich, Mr. Snow. Wie besprochen.«

»Wollte es nur noch mal sagen. Vermasseln Sie das bloß nicht.«

»Geht klar.«

12

Donnerstag, 11.00 Uhr, München, BRD.

Eva rekapitulierte noch einmal, ob sie auch alles dabeihatte. Wolfs Papiere, das Geld, ihr Online-Ticket, ihr Gepäck.

Bestens. Raus aus der Wohnung und ab zum Flughafen.

Sie schnappte sich ihren kleinen Rollkoffer. Dieser aufdringliche Hauptkommissar Wallner würde gar nicht mitbekommen, dass sie weg war.

Bestimmt würden sie sie nicht überwachen. Schließlich stand sie nicht unter Verdacht, etwas Schlimmes getan zu haben.

Aber was, wenn sie ihr doch auflauerten? Wenn sie meinten, sie würde sie zu Wolf führen, was in Wahrheit auch noch zutraf.

Um ganz sicherzugehen, dass ihr niemand folgte, entschied sie sich im Treppenhaus dafür, den rückwärtigen Ausgang zu nehmen.

Vorsichtig spähte sie in alle Richtungen, nachdem sie den Garten durchquert hatte.

Niemand da.

Sie trat auf die Parallelstraße hinter dem Haus.

Am besten besorgte sie sich ein Taxi am Standplatz ums Eck. In den U- und S-Bahnhöfen waren zu viele Kameras installiert. Man würde ihre Spur verfolgen können.

11.07 Uhr. Es eilte.

Immer schneller hackte sie ihre Absätze in den Asphalt. Immer wieder blickte sie hinter sich. Entdeckte niemanden.

»Jetzt wirst du schon genauso paranoid wie eine dieser Mörderinnen im Thriller«, murmelte sie amüsiert und ängstlich zugleich.

Der Taxifahrer half ihr mit dem Rollkoffer.

Sie stiegen ein.

Er fuhr zügig los.

13

Mittwoch, 6.00 p. m., Washington D.C., USA.

»Fang, Daddy.« Der zehnjährige Joe Ewing warf seinem Vater den Basketball zu, mit dem er gerade in der Garageneinfahrt spielte.

Bart, der deswegen am Straßenrand geparkt hatte und aus seinem Auto gestiegen war, ließ geistesgegenwärtig seine Aktentasche fallen. Er pflückte die riesige Kugel wie ein Fußballtorwart mit beiden Händen über dem Kopf aus der Luft.

»Hey, wie geht es meinem großen Basketballstar?«, rief er lachend, während er vorsichtig zurückwarf.

»Gut, Daddy.«

»Hausaufgaben schon gemacht?«

»Na klar. Was denkst du denn?« Joe stemmte entrüstet die Hände in die Seiten.

»Prima. Ich geh rein und zieh mich um. Dann werfen wir noch ein paar Körbe. Einverstanden?« Bart strich seinem Sohn liebevoll über die kurz geschnittenen blonden Haare.

»Super! Mach schnell, Daddy. So schnell du kannst.« Joe sprang vor Freude auf und ab.

Bart betrat breit lächelnd das Haus, begrüßte seine Frau Liz mit einem Kuss auf die Wange und ging geradewegs in sein Arbeitszimmer. Bevor er sich seinem Sohn widmen konnte, mussten noch kurz einige Dinge erledigt werden.

Zuerst wollte er sich telefonisch bei seinem deutschen Bekannten bei der Washington Post, Tom Jansen, rückversichern, ob er ihn bezüglich der Konstruktionspläne für die Laserkanone, von denen er gesprochen hatte, auch wirklich richtig verstanden hatte.

»Es ist so, wie ich es dir sagte«, erwiderte Tom mit fester Stimme. »Einer meiner Kontakte im Verteidigungsministerium hat mir davon erzählt. Man hat ihnen diese Pläne dort angeboten. Inoffiziell.«

»Und warum veröffentlicht ihr das nicht bei der Washington Post? Schließlich arbeitest du für die. Es ist ein Skandal, dass jemand in aller Welt unter der Hand Konstruktionspläne für gefährliche Geheimwaffen anbietet.«

»Was willst du denn veröffentlichen? Ein Gerücht?«

»Aber was ist mit unseren Gesetzen? Da gibt es doch Regeln, die eingehalten werden müssen.« Bart schüttelte ungläubig den Kopf. War er etwa der letzte Mohikaner, der für Recht und Gerechtigkeit eintrat? »So was darf einfach nicht passieren.«

»Stimmt. Aber ohne Beweise keine Veröffentlichung.«

»Hast du keine weitergehenden Informationen?«

»Nein. Nur dieses Gerücht, das mein Kontaktmann beim Verteidigungsministerium niemals offiziell bestätigen würde. Viel zu gefährlich, sagt er. Für eine Veröffentlichung ist das definitiv zu wenig. Da bräuchten wir schon schlagkräftige Beweise.«

»Finde ich nicht.«

»Ist aber so, Bart. Dir würde ich übrigens auch davon abraten, die Sache an die große Glocke zu hängen. Könnte gefährlich werden. Auch für mich. Erwähn mich bloß nicht in diesem Zusammenhang.«

»Na gut. Wenn ihr nicht wollt, macht es eben eine andere Zeitung.«

»Keine gute Idee. Ich kann dich wirklich nur davor warnen.«

»Warten wir’s ab. Und keine Angst. Ich halte dich aus der Sache raus.«

Bart war nicht besonders flexibel, sobald er sich auf etwas eingeschossen hatte. Einerseits hatte ihm diese Sturheit bei seiner bisherigen Karriere gelegentlich tatsächlich weitergeholfen. Andererseits begab er sich damit oft genug auf sehr dünnes Eis. Manchmal sogar, ohne es zu wissen.

Er rief James Elliot Holmes bei der Washington Times an. Der war immer begierig auf sensationsversprechende Geschichten.

»Das bringen wir gleich in der nächsten Ausgabe auf der Titelseite«, rief er prompt begeistert aus, nachdem ihm Bart von den Geheimplänen berichtet hatte. »Und dich stellen wir als Retter der Welt hin. Das sollte dich direkt in die allerhöchsten Kreise hinaufkatapultieren.«

»Lass gut sein, Jim. Es reicht, wenn du mich am Rande erwähnst. Schreib einfach irgendwas mit unermüdlicher Kämpfer für Recht und Gesetz.«

Das gefiel Bart. So sah er sich selbst. Als bescheidenen unbestechlichen Mann aus dem Volke. Gutes Image, jawohl.

»Wie du meinst. Wann gehen wir wieder mal auf ein Gläschen?«

»Zurzeit ist viel zu tun, alter Freund. Vielleicht am Wochenende?«

»Wochenende klingt gut.«

Sie legten auf.

»Schon wieder Arbeit?« Liz war ins Arbeitszimmer gekommen. Sie zog fragend die Brauen hoch.

Es war nicht ungewöhnlich, dass er seine Büroarbeit hier zu Hause fortführte. Ihr ging es allerdings auf die Nerven. Sie hätte zumindest gelegentlich ganz gerne ein Privatleben mit ihm gehabt.

»Schon erledigt. Ich musste nur was mit Tom Jansen klären. Wegen einer neuen Laserwaffe.«

»Und das hätte nicht Zeit bis morgen gehabt? Joe wartet draußen auf dich.«

»Nein. Es ist eine riesen Sauerei, die da abläuft.«

»Erzähl schon.«

»Besser du weißt nicht zu viel darüber.«

»Na gut.« Sie zuckte gleichmütig die Schultern. War Antworten wie diese längst von ihm gewohnt. »In einer halben Stunde gibt es Essen.«

Bart zog flink seinen Anzug aus und seine Sportshorts und ein T-Shirt über. Er schlüpfte in seine Turnschuhe und eilte vors Haus, wo ihn Joe bereits sehnsüchtig erwartete.

»Aber nur eine halbe Stunde, dann hat Mama das Abendessen fertig«, verkündete er, während ihm sein Sohn den Ball zuwarf.

14

Donnerstag, 11.30 Uhr, Lissabon, Portugal.

»He, aufwachen!« Wolf wurde unsanft an der Schulter geschüttelt.

»Ja, was ist?« Er richtete sich blitzartig auf, starrte erschrocken um sich.

»Der Arzt ist da. Dr. Lopes.«

José zeigte auf ein dünnes Männchen im verschlissenen dunklen Anzug. Sein schütteres Haar fiel ihm auf der rechten Seite ins Gesicht. In seiner linken Hand trug er einen riesigen Koffer.

»Der Arzt? Welcher Arzt?«

»Dein Finger muss behandelt werden. Schon vergessen? Er nimmt das Doppelte dafür, dass du ihn erst später bezahlst. Das Geld gibst du mir am Flughafen. Ich gebe es ihm, wenn ich wieder zu Hause bin.«

Beide sahen Wolf aus misstrauischen Augen an.

»Okay.« Er nickte.

Ihre Mienen entspannten sich.

Dr. Lopes begann mit seiner Arbeit. Er reinigte Wolfs Wunden im Gesicht und an den Händen, strich Salbe darauf und verband sie.

»Finger weg«, radebrechte er auf Deutsch, während er den blutigen Stumpf von Wolfs Zeigefinger begutachtete.

»Weiß ich«, erwiderte Wolf auf Portugiesisch. »Aber ich habe ja noch drei andere an der Hand.«

»Hospital?« Der Arzt sah ihn auffordernd an.

»Keine Zeit. Zunähen?«

»Na gut. Muss betäuben Finger.«

Wolf biss die Zähne zusammen, als die Injektionsnadel der Spritze in seine Haut drang. Dann machte Dr. Lopes sich daran, den offenen Schnitt zu desinfizieren und gekonnt mit kleinen Fäden zu verschließen.

Nach getaner Arbeit packte er seine Tasche, verabschiedete sich mit einer knappen Kopfbewegung und verließ gemessenen Schrittes den Raum.

Wolf erhob sich von seinem Platz am Küchentisch. Er ging probeweise im Raum auf und ab. Alles gut. Sein Kreislauf war einigermaßen stabil. Noch eine weitere Stunde Schlaf und er wäre ausgeruht genug, um später zum Flughafen zu fahren und Eva zu treffen.

José beobachtete ihn eine Weile lang.

»Komm«, sagte er dann, während er eine Pistole aus dem Küchenschrank nahm und hinten in seinen Hosenbund steckte.

»Wohin?« Wolf zog beunruhigt die Brauen hoch.

15

Donnerstag, 11.40 Uhr, München, BRD.

Hauptkommissar Anton Wallner stieg aus seinem Dienstwagen. Er ging zu dem grauen Mietshaus hinüber, in dem Eva Schneider wohnte. Ihm war noch eine wichtige Frage zu ihrem Bruder Wolf eingefallen: Wo der wohl am liebsten Urlaub machte? Vielleicht war er ja dorthin geflohen.