Sammelband 3 Krimis Juni 2018 - Alfred Bekker - darmowy ebook

Sammelband 3 Krimis Juni 2018 ebook

Alfred Bekker

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Opis

Thriller von Alfred Bekker, Wolf G. Rahn, A.F.Morland Dieses Buch enthält folgende Krimis: Alfred Bekker: Der infrarote Tod Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und die Erbarmungslosen A.F.Morland: Die Killermacher von Key-West Der Flüchtlingsstrom von Havanna nach Key West reißt nicht ab, viele Schleuser machen daraus ein Geschäft. Auch die Mafia bringt illegale Einwanderer aus Kuba in die USA, und zwar gratis, um sie zu Killern auszubilden. Hector Nuñez ist einer von ihnen. Weil sein Freund von einem Mafiosi getötet wurde, will er Rache nehmen - er wartete nur noch auf die richtige Gelegenheit. Die erhält er durch Roberto Tardelli, Agent einer geheimen Abteilung des US-Justizministeriums, der den Auftrag hat, das Killer-Ausbildungscamp der Mafia zu zerstören. Dabei setzt der mutige Mafiajäger wie immer sein Leben aufs Spiel …

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Alfred Bekker, Wolf G. Rahn

Sammelband 3 Krimis Juni 2018

Cassiopeiapress Thriller: Der infrarote Tod/Bount Reiniger und die Erbarmungslosen/Die Killermacher von Key West

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Sammelband 3 Krimis Juni 2018

Thriller von Alfred Bekker, Wolf G. Rahn, A.F.Morland

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der infrarote Tod

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und die Erbarmungslosen

A.F.Morland: Die Killermacher von Key-West

Der Flüchtlingsstrom von Havanna nach Key West reißt nicht ab, viele Schleuser machen daraus ein Geschäft. Auch die Mafia bringt illegale Einwanderer aus Kuba in die USA, und zwar gratis, um sie zu Killern auszubilden. Hector Nuñez ist einer von ihnen. Weil sein Freund von einem Mafiosi getötet wurde, will er Rache nehmen - er wartete nur noch auf die richtige Gelegenheit. Die erhält er durch Roberto Tardelli, Agent einer geheimen Abteilung des US-Justizministeriums, der den Auftrag hat, das Killer-Ausbildungscamp der Mafia zu zerstören. Dabei setzt der mutige Mafiajäger wie immer sein Leben aufs Spiel …

 

 

Der infrarote Tod

Thriller von Alfred Bekker

Dieses Buch entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Eine Organisation zu allem entschlossener Terroristen eröffnet den High Tech Krieg – und ein Team unerschrockener Ermittler tritt ihren Plänen entgegen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, um die Verschwörer zu enttarnen, die sich im Verborgenen zum entscheidenden Schlag gerüstet haben...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

Der Helikopter trug das Emblem von NY-Radio, dem Sender mit den ausführlichsten Stauberichten im Big Apple. Zwei Männer befanden sich in der Kabine.

"Wir sind jetzt genau 400 Meter vom Bundesgebäude an der Federal Plaza entfernt", meinte der Pilot. "Näher möchte ich nicht herangehen."

"Das reicht auch", erwiderte der zweite Mann. Er verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. Die oberen beiden Schneidezähne fehlten ihm. Er blickte auf einen Kontrollschirm. Seine Finger glitten über die dazugehörige Tastatur.

Das Bild des Bundesgebäudes wurde herangezoomt und mit den Plänen verglichen, die im Rechner gespeichert waren.

Eine Markierung blinkte auf.

"Hast du ihn?", fragte der Pilot ungeduldig.

"Ich habe seine Zelle, Zeb. Jetzt sehe ich mir an, ob jemand drin ist!" Er schaltete den Infrarot-Modus ein, der ein Abbild verschiedener Wärmegrade lieferte. Auf diese Weise konnte man einen Menschen auch durch Wände hindurch 'sehen'.

"Feuer", murmelte der Kerl mit der Zahnlücke dann und drückte auf einen bestimmten Knopf. Aus einem verdeckten Abschussrohr schoss eine Granate heraus. Sie war weitaus schneller als der Schall. Man würde die Detonation im Bundesgebäude erst hören, wenn das Geschoss bereits durch die Wand gedrungen war.

2

Eine Viertelstunde zuvor...

Milo Tucker und ich saßen zusammen mit District Attorney James McFarlane und Jonathan D. McKee, dem Chef des FBI-Field Office New York in einem der Verhörräume unseres Hauptquartiers an der Federal Plaza 26.

Durch eine Spiegelscheibe konnten wir beobachten, wie unsere Vernehmungsspezialisten Dirk Baker und Irwin Hunter gerade in die letzte Phase eines Lügendetektortests gingen. Der Mann, um den es ging war kein gewöhnlicher Gefangener. Er hieß Brent J. Atkinson, gehörte eigenen Aussagen nach einer Terror-Organisation von Globalisierungsgegnern an, die sich AUTONOMY nannte und ganz in der Tradition des berüchtigten Una-Bombers stand.

Die Globalisierung sei nichts anderes als eine Ausdehnung des Einflusses der USA, so das Credo dieser Gruppe. Aber nach der Auffassung von AUTONOMY würde das letztlich zu einer Art weltweitem Superstaat führen, den man schon in der Entstehungsphase bekämpfen müsste, wollte man ihn noch verhindern.

Wir wussten leider nicht viel über AUTONOMY.

Die Organisation wurde mit einigen spektakulären Anschlägen in Verbindung gebracht. Vor zwei Wochen war vor dem New York Stock Exchange eine Autobombe gezündet worden, während gleichzeitig ein Hacker-Angriff auf die Systeme der Börsen von New York, Tokio, London und Frankfurt stattgefunden hatten. Der internationale Kapitalfluss war für AUTONOMY so etwas wie das Symbol dessen, was die Anhänger dieser Organisation ablehnten.

Ein hoher Manager eines Software-Konzern war mitsamt seiner Familie und seinem Haus in die Luft gesprengt worden. Bei mehreren Sendern waren Bekenneranrufe von AUTONOMY-Mitgliedern eingegangen.

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center war es für Terroristen vom Schlage der AUTONOMY-Leute richtig schwer geworden, die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit auf sich zu lenken. Aber es lag auf der Hand, dass AUTONOMY den Kampf nicht aufgeben würde.

Allenfalls konnte es sein, dass bestehende Pläne verschoben wurden - in eine Zeit etwa, in der die Sicherheit nicht mehr ganz so groß geschrieben wurde und beispielsweise Politiker sich wieder öfter und ungeschützter in die Öffentlichkeit wagten.

Brent J. Atkinson war ein hochgewachsener Mann mit dunklen Haaren. Er war 35 Jahre alt.

Atkinson war Sprengstoffspezialist bei der Army gewesen, bevor er zur Überzeugung gelangte, dass der Staat an sich (und der amerikanische im besonderen) abgeschafft gehörte.

Bei AUTONOMY hatte er vor allem bei der Vorbereitung von Sprengstoffattentaten mitgewirkt, wie er uns mitgeteilt hatte.

Das besondere war, dass er sich freiwillig in unsere Hände begeben hatte.

Andernfalls hätte es wohl auch noch Jahre dauern können bis wir ihm auf die Spur gekommen wären.

"Ganz gleich, was dieser Test auch auch aussagen mag - ich glaube, dass Atkinson lügt", meinte Milo in die Stille hinein.

Er trank dabei seinen Kaffeebecher leer.

"Sie sollten versuchen, etwas unvoreingenommener zu sein, Agent Tucker", meldete sich District Attorney James McFarlane zu Wort.

Milo zuckte mit den Schultern.

Was wusste ein Mann wie McFarlane schon von dem Instinkt, den man sich im Außendienst erwarb. Den Instinkt für die Gefahr und dafür, ob jemand die Wahrheit sagte oder einen nur an der Nase herumführen wollte!

McFarlane hob die Augenbrauen. "In Atkinsons Aussagen werden detaillierte Angaben über bevorstehende Anschläge von AUTONOMY gemacht! Es ist der erste Aussteiger aus dieser Gruppe. Für seine Sicherheit will er uns sein gesamtes Wissen überlassen. Ich finde, dagegen ist nichts einzuwenden!"

"Vorausgesetzt, der Test fällt positiv aus", meinte Mister McKee nüchtern. Er wirkte abwesend. Die Hände waren in den Taschen vergraben.

Ich hatte die Protokolle von Atkinsons ersten Vernehmungen gelesen.

Danach plante AUTONOMY angeblich Anschläge mit Plutonium und Tollwuterregern. Im Fadenkreuz der Terroristen stand dabei die Stadt New York, weil sie nach Lesart dieser Leute das Zentrum einer globalistischen Verschwörung darstellte, die es abzuwehren galt.

Ich verstand gut, in welcher Zwickmühle sich der District Attorney befand. Er hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn er Atkinson glaubte und auf seine Bedingungen einging, riskierte er womöglich einem Verbrecher zu helfen.

Denn zumindest wegen Beihilfe zum Mord wäre Atkinson unter normalen Umständen dran gewesen. Aber wenn eines der angekündigten Attentate dann tatsächlich durchgeführt wurde und sich herausstellte, dass man es mit Atkinsons Hilfe hätte verhindern können, hätte nicht nur District Attorney McFarlane seinen Hut nehmen müssen.

Ich betrachtete Atkinsons Gesicht durch die Spiegelscheibe. Der AUTONOMY-Überläufer wirkte sehr ruhig und gefasst. Kein bisschen Nervosität war ihm anzusehen. Er schien genau zu wissen, was er tat.

"Sieht so ein Mann aus, der die größte Angst vor seinen eigenen Leuten hat?", raunte Milo mir zu.

Ich zuckte die Schultern.

"Welches Motiv sollte er sonst haben, zu uns überzulaufen?"

"Gezielte Desinformation vielleicht."

Es dauerte noch ein paar Minuten, dann war der Test abgeschlossen. Mell Horster machte uns ein entsprechendes Zeichen. Nachdem Atkinson durch die Tür trat, nahmen Milo und ich ihn in Empfang. Atkinson trug keine Handschellen.

Er blieb vor dem District Attorney stehen und sah McFarlane direkt in die Augen. Atkinson war einen halben Kopf größer als der Staatsanwalt. "Sie werden feststellen, dass ich nichts als die Wahrheit gesagt habe", murmelte er düster.

"Das hoffe ich. Für Sie."

"Für Ihre Entscheidungen sollten Sie sich nicht allzu lange Zeit lassen. AUTONOMY schläft nicht."

"Möglicherweise blasen Ihre Genossen sämtliche Aktionen ab", meinte McFarlane.

Atkinsons Zähne blitzten. "Das Gegenteil wird der Fall sein! Jetzt, da ich in Ihre Hände gefallen bin, werden sie versuchen, so viel wie möglich unserer Pläne noch durchzuführen!"

"Sie sagen immer noch 'unsere Pläne'", stellte Mister McKee fest. Sein Tonfall war sachlich und nüchtern.

Atkinson wandte sich zum Chef unseres Field Office herum.

"Alte Gewohnheiten legt man nicht von heute auf morgen ab."

Mister McKee zuckte die Achseln.

"Mag sein."

"Noch weiß AUTONOMY nicht, dass ich ein Überläufer bin. Jedenfalls hoffe ich das und Sie sollten auch auf diese Karte setzen. Sie könnten also einen gewissen Vorsprung gewinnen. Eine Zeitspanne, in der die AUTONOMY-Leute noch glauben, dass ich vielleicht die Aussage verweigere und mir von Ihren Verhörspezialisten jedes Detail aus der Nase gezogen werden muss..."

Mister McKee wandte sich an Milo und mich.

"Bringen Sie ihn in seine Gewahrsamszelle."

"Ja, Sir."

"Wir sehen uns nachher zur Besprechung."

Wir nahmen Atkinson in die Mitte und führten ihn ab. In unserem FBI Field Office verfügen wir über einige sogenannte Gewahrsamszellen, in denen Verdächtige und kurzfristig Verhaftete eingesperrt werden können.

Hier war auch Atkinson untergebracht.

Vor seiner Zelle blieben wir einen Augenblick stehen.

Er sah mich an.

"Sie haben keine Ahnung, wozu AUTONOMY fähig ist, G-man!"

"Aber Sie!"

"Ich gehörte zu Ihnen."

"Bislang sind mir die Motive für Ihren Sinneswandel nicht so recht klar."

"Ich habe erkannt, dass der Weg von AUTONOMY ein Irrweg war. Die politischen Ziele dieser Organisation teile ich nach wie vor. Aber ich lehne es ab, Unschuldige dafür büßen zu lassen."

"Späte Erkenntnis!"

"Besser spät als nie. Und außerdem verdanken Sie dieser späten Erkenntnis vielleicht die einzigartige Möglichkeit, Verbrechen zu verhindern, von deren Ausmaß hier in diesem ehrenwerten Federal Building wohl niemand eine rechte Vorstellung zu haben scheint. Was glauben Sie, was es allein schon bedeuten würde, wenn die Wasserversorgung eines Komplexes wie diesem hier mit Plutonium oder Tollwut-Erregern versetzt werden würde!"

"Sagen Sie es mir!"

"Das Chaos würde ausbrechen. Eine angeblich so mächtige Organisation wie das FBI wäre innerhalb kürzester Zeit enthauptet - zumindest hier im Big Apple. Aber etwas Vergleichbares ließe sich ja auch landesweit organisieren. Die ostdeutsche Stasi verwendete Tollwut-Erreger als Mordwaffe."

"Ich habe davon gehört."

"Das Tückische ist, dass die meisten Ärzte gar nicht darauf kommen, dass der Betreffende unter Tollwut leiden könnte. Die Symptome sind zunächst sehr unspezifisch bis es dann zu spät ist. Und über die Wirkung von Plutonium muss ich ihnen ja wohl nichts sagen."

"Warten wir die Testergebnisse ab", mischte sich Milo ein.

Atkinson drehte sich kurz zu ihm um, nickte dann langsam.

Anschließend trat er in seine Zelle.

Die Gittertür schloss sich hinter ihm.

Wir drehten uns um.

Ich hörte noch, wie Atkinson sich auf seine Pritsche warf.

Nur ein paar Schritte hatten wir uns entfernt, da verwandelte sich Atkinsons Zelle in eine Flammenhölle.

Wir warfen uns zu Boden. Eine Welle aus Druck und Hitze fegte über uns hinweg. Ich schützte das Gesicht mit dem Arm, lag bäuchlings auf dem Fußboden.

Die Wucht der Detonation war derart gewaltig, dass die Zellentür aus ihren Halterungen herausgesprengt worden war.

Wir rappelten uns auf. Ein einziger Blick zeigte schon, dass wir für Atkinson nichts mehr tun konnten.

Die Explosion hatte ihn regelrecht zerrissen.

3

Der Helikopter flog einen Bogen über die Stadt, streifte den Central Park und schnellte dann Richtung Nordosten.

Der Mann mit der Zahnlücke deaktivierte das Infrarot-Zielgerät.

"Hey, Mann, wir haben's geschafft!"

"Hat geklappt wie geschmiert", nickte der Pilot. Der Helm ließ nur einen Teil der Kinnpartie von seinem Gesicht frei.

Die gute Laune war ihm trotzdem deutlich anzusehen.

Er steuerte den Heli über den Long Island Sound auf die Connecticut-Küste zu.

Dunst hing über dem Wasser.

Der Landeplatz lag irgendwo an der Küste auf einer Lichtung im Wald. Dort hatten sie einen Geländewagen abgestellt, mit dem sie zurück in den Big Apple gelangen konnten.

"Schade, dass wir die Maschine vernichten müssen", meinte der Pilot. "War schließlich verdammt schwer, das Ding zu organisieren!"

"Gehört leider mit zum Auftrag", erwiderte der Mann mit der Zahnlücke.

"Ja, ich weiß. Unsere Auftraggeber wollen nicht, dass man irgendwelche Spuren findet."

"Ist doch verständlich, oder? Und wir kriegen schließlich Geld genug für die Sache!"

"Geld genug, um den Verstand einfach auszuknipsen meinst du?" Der Pilot lachte heiser. "Hör zu, wir nehmen das Geld und lassen den Heli wie er ist. Den können wir später noch zu Geld machen!"

"Ich weiß nicht..."

"Hey, Mann, mach dir nicht in die Hosen! DIE wissen doch nichts von unserem Landeplatz!"

"Wenn DIE herauskriegen, dass wir uns nicht an die Anweisungen gehalten haben, werden DIE ziemlich sauer!"

"Feigling!"

4

"Der Tod von Atkinson wirft uns in der Bekämpfung dieser Organisation namens AUTONOMY wieder erheblich zurück", stellte Mister McKee auf einer eilig einberufenen Sitzung in seinem Besprechungszimmer fest. Außer Milo und mir waren noch eine Reihe weiterer G-men anwesend, darunter die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina. Auch unser Innendienstler Max Carter sowie die beiden Verhörspezialisten Baker und Hunter hatten sich eingefunden. Sie hatten Atkinson ausführlich vernommen und außerdem auch den Lügendetektortest ausgewertet. Ihrer Analyse nach war Atkinson ein absolut glaubwürdiger Zeuge.

Über mehrere Tage hinweg waren mit ihm Vergleichsmessungen durchgeführt worden, so dass das Ergebnis auf relativ sicheren Füßen stand.

Um so bedauerlicher, dass Atkinson seine Aussagen vor keinem Gericht der Welt mehr würde wiederholen können.

Und das Schlimmste war, dass es für uns jetzt keine Möglichkeit mehr gab, etwas über die zukünftigen Pläne von AUTONOMY zu erfahren. Jegliche Versuche, an diese Gruppe nahe genug heranzukommen, um V-Leute einschleusen zu können, war bislang kläglich gescheitert.

Max Carter gab uns eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse.

"Es wurde von einem Helikopter aus auf die Zelle geschossen, in der Atkinson untergebracht war. Aufnahme unserer Video-Überwachungsanlagen belegen das, aber auch zahlreiche Zeugenaussagen aus anderen Stockwerken des Bundesgebäudes", berichtete Max. "Der Heli trug die Kennung des Senders NY-Radio. Aber dessen Helis befanden sich zu diesem Zeitpunkt nachweislich ganz woanders."

"Ein Fake also", stellte Milo fest. "Ich hätte gedacht, dass unsere Luftüberwachung seit dem Anschlag auf das WTC etwas mehr auf Zack wäre!"

"Sie hatten eine perfekte Tarnung", erklärte Max Carter.

"Und außerdem mussten sie gar nicht besonders nahe an das Federal Building heran. Nicht weiter als einige hundert Meter."

"Wie konnten sie wissen, in welcher Zelle sich Atkinson befand?", fragte ich. "Sie konnten doch schließlich nicht durch Wände sehen!"

Max verzog das Gesicht.

"Vielleicht konnten sie das doch, Jesse."

"Was?"

"Letzte Gewissheit haben wir, wenn die SRD-Kollegen ihre Laboruntersuchungen abgeschlossen haben. Aber bislang vermuten wir, dass ein ganz bestimmter Projektiltyp verschossen wurde, der von Spezialeinheiten der Army verwendet wird, die sich auf den Häuserkampf spezialisiert haben. Die Geschosse werden von Hubschraubern abgeschossen und normalerweise in Verbindung mit Infrarot-Scannern eingesetzt, mit deren Hilfe Temperaturunterschiede in einer Tiefe von mehreren Metern sichtbar gemacht werden. Da ein Mensch wärmer ist als eine Wand, hebt er sich als Umriss deutlich ab. Für die Annahme, dass ein solches Gerät verwendet wurde, spricht übrigens auch die Tatsache, dass Atkinson genau getroffen wurde. Die Explosion hätte er andernfalls überleben können, denn die war nicht so stark, wie man auf den ersten Blick annimmt."

Max zeigte uns die Projektion einer schematischen Darstellung der Zelle.

Er deutete auf einen Punkt an der Zellentür.

"Hier befand sich Atkinson, als er starb."

"Ja, wir hatten ihn gerade eingesperrt", nickte ich.

Max Carter deutete dann auf einen Punkt an der Außenwand. "Hier trat das Projektil ein. Die Explosionswirkung entstand durch die Hitzeentwicklung beim Durchschlagen der Wand. Diese Geschosse haben eine Ummantelung aus Wolfram und verfügen über eine enorme Durchschlagskraft, die mühelos durch Beton oder auch Panzerplatten hindurchdringt. Die Wand besteht aus Beton, ein Material das relativ weich ist. Die entstehende Hitze und die beim Durchschlag ausgelöste Explosion halten sich in Grenzen. Anders bei einem Panzer, der aus einem härteren Material besteht. Dann ist die Reibung höher. Jedenfalls durchschlug das Geschoss Atkinsons Körper, nachdem es durch die Wand gedrungen war. Ohne Infrarot-Peilung wäre das wohl kaum möglich gewesen."

"Es bleibt trotzdem die Frage, wie die Attentäter wissen konnten, in welcher Zelle sich Atkinson befand", stellte Mister McKee klar, "schließlich sind Menschen auf Infrarotbildern so gut wie gar nicht zu unterscheiden..."

Max nickte.

Er machte ein ernstes Gesicht.

"Wir checken unsere Computersysteme."

Mister McKee hob die Augenbrauen. "Sie denken, dass sich da jemand hineingehackt hat?"

"Ja. Schließlich hinterlässt auch die Zellenbelegung elektronische Spuren."

"Verstehe..."

"Wir fahnden jetzt natürlich nach gestohlenen ARC-Infrarot-Zielpeilungsgeräten. Außerdem nach dem Helikopter und denjenigen, die ihn umgebaut und geflogen haben."

"Dieser Atkinson muss den Leuten von AUTONOMY ziemlich viel wert gewesen sein", meinte ich. "Wer für einen Mord derart viel Aufwand betreibt, muss gute Gründe dafür haben."

Mister McKee atmete tief durch.

"Sie fürchteten Atkinsons Aussagen."

"Warum sollen wir sie sich nicht noch etwas länger fürchten lassen?", meinte ich.

Alle Blicke waren in diesem Moment auf mich gerichtet. Auf Mister McKees Stirn erschienen ein paar Falten, während er den Kaffeebecher zum Mund führte und vorsichtig daran nippte.

"Wie soll ich das verstehen, Jesse?"

Ich fragte zurück: "Wer weiß bis jetzt von Atkinsons Tod?"

"Niemand außer den an der Untersuchung beteiligten Beamten. Offiziell ist noch nichts raus." Mister McKee schaute auf die Uhr an seinem Handgelenk. "In einer Stunde ist eine Pressekonferenz angesetzt. Da werde ich Stellung beziehen müssen."

"Ich schlage vor, Atkinsons Tod geheim zu halten und stattdessen zu behaupten, dass ein G-man ums Leben gekommen sei."

Mister McKee musterte mich aufmerksam.

Er kannte mich gut genug, um meine Gedanken erraten zu können.

"Ich könnte die Rolle von Atkinson einnehmen", bot ich an. "Schließlich ist er mir von Statur, Alter und Aussehen verhältnismäßig ähnlich. Für einen halbwegs talentierten Maskenbildner dürfte es keinerlei Problem darstellen, mich so herzurichten, dass die AUTONOMY-Terroristen sehr nervös werden, wenn sie mich mal ein paar Sekunden über den Fernsehschirm huschen sehen..."

Mister McKee trank seinen Kaffee aus, stellte den Becher dann auf den Tisch.

"Mir gefällt der Gedanke nicht, aus Ihnen eine Zielscheibe zu machen, Jesse!"

"Wir kommen an diese Leute sonst nicht heran, Mister McKee!"

"Trotzdem..."

"Wollen Sie etwa verantworten, dass tatsächlich Tollwut-Erreger in die Trinkwasserversorgung geschleust werden oder irgendjemand dieser Leute mit Plutonium herumspielt?"

"Sie riskieren viel, Jesse!"

"Nicht, wenn wir es geschickt anstellen!"

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen im Besprechungszimmer. Schließlich nickte unser Chef vorsichtig.

5

Der hagere Mann mit den dunklen Haaren nippte an seinem Milchkaffee. Er trug eine Baskenmütze und eine Lederjacke, die über die Hüften reichte. Die rechte Hand blieb ständig in der Seitentasche vergraben.

Er war so gut wie allein in dem kleinen Bistro in Greenwich Village.

Er blickte zur Uhr.

In diesem Moment trat jemand durch die Tür.

Ein hochgewachsener, breitschultriger Kerl. Er verzog das das Gesicht, als er den Mann mit der Baskenmütze sah.

Eine Zahnlücke wurde sichtbar.

Die oberen beiden Schneidezähne fehlten.

Er trat an den Tisch des Mannes mit der Baskenmütze heran.

"Bringen wir's hinter uns, Jean!"

"Nicht so ungeduldig. Wollen Sie nicht noch einen Milchkaffee mit mir trinken?"

"Nein!"

"Warum so gereizt?"

"Ich will mein Geld!"

Der Mann mit der Zahnlücke verschränkte die Arme. Er ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen, so als suchte er etwas, oder jemanden. Der Bistro-Inhaber sah verstohlen zu ihnen hinüber. Er stand zu weit entfernt, als dass er genau hätte mithören können. Aber das Ärger in der Luft lag, bekam er zweifellos mit.

"Ich habe das Geld nicht hier, Torrence!", sagte Jean in gedämpftem Tonfall.

"Sie wollen mich auf den Arm nehmen!"

"Keineswegs!"

"Ich warne Sie!"

"Sie quatschen zuviel, Torrence", erwiderte der Mann, der Jean genannt worden war. "Und zu laut!"

Torrence atmete tief durch. Sein Kopf war puterrot. Er stützte sich mit den Armen auf dem Tisch ab und zischte leise: "Mein Partner und ich haben den Job ausgeführt! Eine Granate mitten ins Federal Building! So etwas hat es noch nie gegeben! Und jetzt wollen Sie uns am langen Arm verhungern lassen!"

"Sie übertreiben!"

Torrence Gesicht wurde sehr finster. Er drehte einen Stuhl herum und setzte sich rittlings darauf.

"Ich bringe Sie um, wenn Sie uns um unser Geld betrügen!"

Jean lächelte dünn.

"Man hat mich vor Ihrem Hang zum Jähzorn gewarnt, Torrence!" Jean erhob sich. "Aber wenn ich vorhätte, Sie zu linken, dann wäre ich jetzt gar nicht hier!" Der Mann mit der Baskenmütze erhob sich. "Kommen Sie mit mir, Torrence!"

"Was haben Sie jetzt vor?"

"Sie bekommen jetzt, was Sie verdienen!"

"Wie soll ich das verstehen?"

"Na, so wie ich's gesagt habe. Oder glauben Sie vielleicht, ich lasse mich hier in aller Öffentlichkeit mit einem Geldkoffer sehen?"

Jean legte ein paar Dollarnoten auf den Tisch, dann ging er ins Freie. Torrence folgte ihm. Sie gingen ein Stück die Straße entlang, dann bogen sie in eine schmale Einfahrt ein. Zu beiden Seiten ragten Brownstone-Fassaden empor. Jean führte Torrence in eine schmale Nebenstraße. Natürlich galt One Way-Verkehr, so wie fast überall auf den Straßen des Big Apple. Beide Seiten waren so gut wie vollgeparkt.

"Da hinten steht mein Wagen. Der blaue Ford."

"Wenn ich vorher gewusst hätte, mit was für einer Rostlaube Sie fahren, dann hätte ich es mir nochmal überlegt, ob ich mit Ihnen Geschäfte machen soll, Jean!"

"L'argent est dans la voiture!", murmelte Jean. "Pardon... Das Geld ist im Wagen."

"Woher kommen Sie? Aus Kanada? Oder wirklich aus Frankreich?"

"Ich glaubte, ich sagte schon einmal, dass Sie zuviel quatschen, Torrence."

Sie erreichten den blauen Ford.

Jean öffnete den Kofferraum.

Die Hydraulik ließ die Klappe sanft hinaufgleiten.

Torrence blickte hinein.

"Scheiße, da ist nichts drin!"

"Das ändert sich gleich!"

Torrence blieb nicht einmal mehr Zeit, sich herumzudrehen.

Blitzschnell zog Jean eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer unter der Lederjacke hervor und drückte ab.

Ein Geräusch wie ein kräftiges Niesen. Nicht lauter.

Torrence Augen wurden groß. Er erstarrte. Verwunderung stand in seinem Gesicht. Den zweiten Schuss setzte Jean direkt in der Herzgegend auf. Torrence' Körper zuckte. Jean gab ihm einen Stoß, so dass der Oberkörper direkt in den Kofferraum hineinsackte.

Der Killer mit der Baskenmütze steckte die Waffe ein, umfasste Torrence Beine und bog sie in den Kofferraum hinein. Gut, dass ein Toter nicht mehr merkt, wenn ihm die Beine gebrochen werden!, dachte er zynisch und grinste. Er klappte den Kofferraum zu und überlegte: Da geht es dir am Ende nicht schlechter als all jenen langen Typen, deren Angehörige sich einen Sarg in Übergröße nicht leisten können, Torrence!

Jean drehte sich kurz um.

Dann stieg er in den Ford, startete und fuhr los.

Der Wagen war gestohlen. Niemand konnte über das Fahrzeug eine Verbindung zu Jean ziehen. Dafür hatte der Killer gesorgt.

Schließlich war das nicht sein erster Job dieser Art.

Er ließ den blauen Ford davonbrausen, stoppte an der nächsten Kreuzung und fädelte sich dort ziemlich grob in den Verkehr der Hauptstraße ein.

Das Problem wäre gelöst!, ging es ihm durch den Kopf.

Jetzt gab es da nur noch Torrence' Partner, den er aufspüren musste.

Während der Fahrt fingerte er eine filterlose Zigarette aus der Schachtel in seiner Hemdtasche hervor und schaffte es sogar, sie sich anzuzünden.

Allerdings hatte er nicht lange etwas von seiner Gauloises.

Ein Lieferwagen fuhr ohne Vorwarnung aus einer Seiteneinfahrt heraus. Jean trat in die Eisen. Der blaue Ford kam mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Die Gaulouise rutschte ihm aus dem Mund, fiel ihm auf die Hose und brannte ihm ein Loch in den Stoff, bevor sie zu Boden fiel.

"Merde!", schimpfte Jean.

Der Fahrer des Lieferwagens gestikulierte.

Jean trat die Zigarette wütend aus.

Nerven behalten!, dachte Jean. Er fuhr hinter dem Lieferwagen her.

Sein Ziel war eine einsame Stelle am Long Island Sound, wo er den Ford versenken würde.

Er drehte das Autoradio auf.

"...nach Auskunft von District Attorney McFarlane und Jonathan D. McKee, dem Chef des DBI Field Offivce New York, galt der Anschlag auf das Bundesgebäude an der Federal Plaza 26 einem Mann namens Brent J. Atkinson, der sich selbst als Mitglied der Terrororganisation AUTONOMY bezeichnete. Atkinson befand sich in einer der Gewahrsamszellen des FBI. Bei dem Anschlag blieb er jedoch unverletzt. Special Agent in Charge Jonathan D. McKee erklärte auf der mit einiger Verspätung einberufenen Pressekonferenz, dass Atkinson den Anschlag unverletzt überlebt habe. Allerdings sei ein FBI-Agent tödlich getroffen worden. Wir schalten jetzt um zu unserem Mitarbeiter Tom Burke, der sich live aus der City Hall meldet. Tom, die Pressekonferenz ist gerade zu Ende gegangen..."

"So ist es."

"Was kannst du den Hörern von NY-Radio an Neuigkeiten präsentieren?"

Jean schlug ärgerlich mit dem Handballen auf das Lenkrad.

Verdammt!, durchzuckte es ihn. Die Jungs im Helikopter haben offensichtlich Mist gebaut!

6

Einen Tag später...

Jean ließ sich mit dem Aufzug in den 32. Stock des John Davis Towers tragen. Viele Diplomaten der Vereinten Nationen lebten hier in exquisiten Apartments. Außerdem Börsenprofis aus Wall Street. Die Nähe zu den Vereinten Nationen und Wall Street machten diese Wohnlage zu einer der teuersten in ganz New York.

Jean trug eine Sporttasche über der Schulter.

Im gesamten John Davis Tower wurden die Flure durch Video-Kameras überwacht. Und auch das Innere der Aufzugskabinen wurde auf diese Weise kontrolliert. Und im Gegensatz zu vielen anderen Skyscrapers im Big Apple, verfügte der John Davis Tower auch über genügend Security Personal, das die Bildschirme überwachte und nötigenfalls innerhalb weniger Augenblicke einen Einsatz einleitete.

Jean trat aus der Liftkabine.

Ein Mann in dunklem Anzug und Aktenkoffer kam ihm entgegen, Jean wich ihm aus. Der Mann murmelte ein hastiges: "Sorry!"

Jean ging den langen Korridor entlang.

Seine Schritte wurden durch den Teppichboden gedämpft.

Schließlich erreichte Jean Apartment Nr. 2234 C.

Er holte eine Chipkarte aus der Jackentasche heraus, steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz. Das elektronische Schloss reagierte sofort. Auf einem kleinen Display erschien die Aufforderung, die Fingerkuppe des rechten Zeigefingers auf ein bestimmtes Sensorfeld zu legen.

Kein Problem.

Jean trug hauteng anliegende Handschuhe aus Latex, in deren Fingerkuppen die Printlinien des wahren Apartmentbesitzers eingraviert waren. Die Strukturen waren fein genug, um vom internen Rechner des Erkennungssystems als die Printlinien eines gewissen Sam S. McGraw erkannt zu werden. McGraw war bei der UNO als Übersetzer tätig. Da alle Bewerber für den öffentlichen Dienst in den USA Fingerprints abgeben mussten, und diese nicht aus den zentralen Dateien gelöscht wurden, war es ein Kinderspiel, an die entsprechenden Linienmuster heranzukommen. Vorausgesetzt man kannte sich mit Computern aus und schaffte es, sich in die entsprechenden Systeme hineinzuhacken. Aber da etwa die Datenbanken des AUTOMATED IDENTIFACTION SYSTEM (AIDS)zur Fingerprinterkennung nicht nur vom FBI, sondern auch von unzähligen lokalen Polizeibehörden benutzt wurden, deren Sicherheitsstandards höchst unterschiedlich waren, war das kein Kunststück.

Es reichte völlig, wenn irgendeiner der County Sherrifs in der weiten Provinz den Zugang zu seinem Rechner mit einem Code sicherte, der aus seinem eigenen Vornamen bestand.

Oder gleich darauf verzichtete und alles auf Werkseinstellung beließ, weil sich ja ohnehin niemand für die die Daten der an einer Hand abzuzählenden Kriminellen von beispielsweise Madison Bow, Wyoming, interessierte.

Aber so ein Rechner war das Eingangstor zu ganz anderen Bereichen.

Jean hatte das oft genug ausgenutzt.

ZUGRIFF BESTÄTIGT!, leuchtete es im Display auf.

Die Schiebetür glitt zur Seite.

Jean trat ein.

Augenblicklich schloss sich die Tür wieder.

Jean setzte die Sporttasche auf den Boden, riss eine Automatik mit Schalldämpfer unter der Jacke hervor. Dann durchschritt er den kleinen Gardorbenraum, trat die Tür zum Wohnzimmer auf.

Unglücklicherweise schien McGraw seinen freien Tag zu haben.

Oder Jean war einfach zu früh.

Aber eigentlich hatte er gedacht, dass jemand wie McGraw um diese Zeit längst aus der Wohnung verschwunden war.

McGraw saß im Morgenmantel auf der klobigen Ledercouch.

Er hielt eine Kaffeetasse in der Rechten, die Linke schlug eine Illustriertenseite um.

McGraw blickte auf, fixierte Jean mit einem völlig überraschten Blick.

Offenbar hatte er den Killer nicht kommen hören.

Kein Wunder. McGraw trug einen drahtlosen Kopfhörer, der ihm die Dolby Suround-Klänge seiner Stereoanlage in die Ohren dröhnte.

Jean hob die Pistole, drückte ab.

Der Schuss traf McGraw in der Brust, nagelte ihn förmlich in die Ledercouch hinein. Die Kaffeetasse schepperte zu Boden. Braune Kaffeebrühe kleckerte herunter, dann ein Schwall von Blut. Jean schickte noch ein Projektil hinterher, als er merkte, dass der Treffer nicht so exakt war, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Ein Zucken ging durch den Körper des Übersetzers, als ihn der zweite Treffer erwischte.

Jean atmete tief durch.

McGraw war gestorben, ohne noch einen Laut von sich geben zu können.

Gut so.

Jean ging zur Fensterfront, blickte hinaus.

Freie Sicht!, dachte er. Zumindest mit einem geeigneteren Zielerfassungsgerät, das in der Lage war, das Opfer nahe genug heranzuzoomen. Kein Dunst, kein Nebel, nichts, was sein Blickfeld auf den Eingang zu den Büros der Staatsanwaltschaft verdecken konnte.

"Très bien", murmelte der Mann mit der Baskenmütze.

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Ein Lächeln, das sofort wieder verschwand, als er das Geräusch aus dem Bad hörte.

Jemand hatte eine Dusche angestellt.

Offenbar war McGraw nicht allein gewesen.

Jean ging zur Badtür, öffnete sie vorsichtig.

Die Silhouette einer Frau wurde durch den Duschvorhang hindurch sichtbar. Sie summte vor sich hin, verstummte dann.

Jean wartete nicht, bis sie zu schreien begann.

Er feuerte sofort.

Blut spritzte von innen gegen den Vorhang. Schwer fiel die Leiche zu Boden. Die Dusche lief weiter.

Jean zog den Vorhang ein Stück zur Seite, stellte das Wasser ab. Einen kurzen Blick nur gönnte er der Toten.

Hübsch sieht sie aus, wenn man von dem Loch zwischen ihren Brüsten mal absieht!, ging es ihm zynisch durch den Kopf.

Der Killer hoffte nur, dass die Tote von niemandem vermisst wurde.

Jean drehte sich um, verließ das Bad. Er holte die Sporttasche, die er im Vorraum zurückgelassen hatte, kehrte in das Wohnzimmer zurück und stellte sie auf den niedrigen Wohnzimmertisch.

Dann öffnete er die Tasche, holte die Einzelteile des Stativs hervor. Mit geübten Handgriffen hatte er es zusammengesetzt.

Als nächstes steckte er ein Spezialgewehr zusammen, mit Zielerfassung oben drauf.

Die Fenster im 32. Stock des John Davis Towers ließen sich nicht öffnen. Für frische Luft sorgte die Klimaanlage.

Aber Jean hatte vorgesorgt.

Mit einem Glasschneider begann er ein, ein Loch in die Dreifachverglasung zu schneiden. Ein ziemlich mühsames Geschäft. Aber schließlich hatte er es geschafft. Das Spezialgewehr wurde mit einer besonderen Verschraubung am Stativ befestigt und der Lauf durch das in das Glas geschnittene Loch gesteckt. Der Eingang zum Büro des District Attorney befand sich wenige Augenblicke später in seinem Fadenkreuz.

Sehr gut!, dachte er. So kriege ich dich doch noch, Atkinson! Er kicherte in sich hinein. Hättest du eigentlich wissen müssen, bevor du dich zum Verrat entschlossen hast, Brent Atkinson: Vor AUTONOMY gibt es kein Entkommen!

Nirgends!

Jetzt hieß es nur noch warten.

Warten auf den Kronzeugen.

7

Unser Maskenbildner hatte sich große Mühe gegeben, mein Gesicht dem des Überläufers Atkinson anzugleichen. Was die Figur und Haarfarbe anging, war ich dem Ex-AUTONOMY-Mann ohnehin sehr ähnlich.

Ich trug eine Lederjacke und einen Rollkragenpullover, der eine Nummer größer war, als normalerweise.

Darunter trug ich Kevlar. Mister McKee hatte auf diese Sicherheitsmaßnahme bestanden.

Milo fuhr den grauen Chevy, mit dem wir vor dem Büro des District Attorneys eintrafen. Neben mir saß Agent Fred LaRocca auf der Rückbank. Er trug eine der Heckler & Koch-MPis, die bei uns in Gebrauch waren.

"Wird schon schief gehen, Jesse!", meinte er mit einem schwachen Grinsen.

Ein Pulk von Journalisten und Schaulustigen erwartete uns. Doch dieser Hexenkessel war Teil unseres Plans. Wir hatten ihn selbst angeheizt, indem wir entsprechende Hinweise an die Medien lanciert hatten. Schließlich wollten wir, dass die AUTONOMY-Terroristen davon überzeugt waren, dass Brent Atkinson noch am Leben war.

"Das wird diese Brüder ganz schön nervös machen, wenn sie sehen, dass ihr Plan fehlgeschlagen ist!", meinte Fred.

"Hoffen wir's", murmelte ich.

Der Wagen vor uns hielt. Die Türen sprangen auf. Vier unserer Agenten begannen zusammen mit den hier her beorderten Kollegen der City Police, dafür zu sorgen, dass sich zwischen der Meute eine Gasse bildete. Auch in dem Wagen, der uns gefolgt war, saßen unsere Leute.

Milo trug einen Ohrhörer.

Auf diese Weise hatte er Funkkontakt zu den Kollegen. Ein kleines Mikro trug er am Hemdkragen.

Normalerweise hatte ich natürlich dasselbe Equipment.

Aber im Moment war das unmöglich. Unsere Gegner von der Terror-Organisation AUTONOMY würden sich die Bilder aus den Lokalnachrichten ganz genau ansehen. Vermutlich hatten sie sogar ihre eigenen Leute im Publikum. Und ein Knopf in meinem Ohr würde sie zweifellos stutzig machen.

Milo stieg aus, umrundete den Wagen, öffnete die Tür.

Fred LaRocca gab mir eine Aktentasche. "Halte die vors Gesicht!", meinte er. Die Tasche enthielt eine Bleiplatte, um Schüsse abzuwehren.

Allerdings rechnete keiner von uns damit, dass AUTONOMY es wagte, hier und jetzt bereits zuzuschlagen.

Die zweite Funktion der Tasche war es, den Terroristen über die Medien nur jeweils kleine Ausschnitte meines Gesichts zu präsentieren.

Zwar hatten die Maskenbildner des FBI ihren Job hervorragend gemacht, aber wir wollten unseren Gegnern die Sache nicht zu leicht machen.

Das weckte nur ihr Misstrauen.

Ich nahm die Tasche, stieg aus.

Milo ging vor mir her, die IDF-Card an der Jacke.

Fred stieg ebenfalls aus dem Wagen, umrundetet ihn und holte mich ein. Einer der anderen Agenten deckte mich ab.

Fred ließ den kurzen Lauf der Heckler & Koch-MPi umherwandern.

Fred LaRocca trug die Kevlarweste für jedermann sichtbar.

Milo ebenfalls.

Einige Kollegen drängten sich um mich. Insgesamt etwa ein Dutzend. Sie bahnten mir einen Weg durch das Publikum.

Ich hob die Bleitasche hoch. Sie war verdammt schwer.

Ein Blitzlichtgewitter brach los. Kameras wurden auf mich gerichtet. Ich war mir der Tatsache bewusst, dass diese Bilder dutzendfach in den Nachricht gezeigt werden würden.

Bis zum Eingang waren es nur wenige Meter.

Orry und Clive kamen uns entgegen.

Wie in einer Traube standen die Kollegen um mich herum und begleiteten mich in Richtung des Gebäudes, in dem District Attorney McFarlane auf mich wartete.

"Alles in Ordnung!", raunte mir Agent Fred LaRocca zu. "Wir haben die Sache im Griff!"

"Na, davon gehe ich aus!"

Drei Stufen führten zu dem Nebeneingang des Court-Gebäudes empor. Ich hatte die erste gerade erreicht und meinen Fuß darauf gesetzt, da geschah es. Ich spürte den Schlag zwischen die Schulterblätter. Es fühlte sich an, wie der Treffer mit einem Gummiknüppel.

Das Geschoss durchdrang die Kleidung, riss sie auf und blieb dann im Kevlar hängen. Aber wenn dem Geschoss auch durch diesen Stoff die Durchschlagskraft genommen wurde, so war seine Wucht immer noch immens. Ich stolperte nach vorn. Wenige Zentimeter nur hatten gefehlt, und ich wäre im Genick erwischt worden.

Dort, wo mich keine kugelsichere Weste schützte.

Die Kollegen waren bei mir.

Ich wurde an den Armen gepackt und mitgezogen.

Unter den versammelten Reportern und Schaulustigen entstand ein Tumult.

Die einen versuchten, ihr Bild des Jahres zu machen, andere stoben in heller Panik davon.

Verzweifelt versuchten die Kollegen der City Police der Situation Herr zu werden.

"Alles okay, Jesse?", fragte Milo, nachdem wir das Gebäude erreicht hatten.

Ich rang nach Luft.

Der Treffer hatte mir für einige Augenblicke den Atem geraubt.

"Wie man's nimmt!", brachte ich schließlich heraus.

"Verdammt, ich versteh das nicht!", hörte ich Clive Caravaggio schimpfen. "Wir haben die umliegenden Gebäude doch alle abgecheckt!"

"Ist ja nichts passiert!", meinte ich, obwohl das ziemlich untertrieben war.

Ich wurde ins Büro des District Attorney gebracht.

McFarlane war ziemlich nervös. Er stand am Fenster, beobachtete die tumultartige Szene, die sich draußen abspielte.

Ich ließ mich in einen der Sessel fallen.

McFarlane sah mich ernst an.

"Ich hätte nicht gedacht, dass diese Kerle so weit gehen würden!"

Ich zuckte die Achseln. "Sie haben offensichtlich eine Heidenangst vor dem, was Atkinson hier, in diesen Räumen von sich geben könnte!"

"Ja, sieht so aus."

"Eins steht jedenfalls fest", meldete sich Orry zu Wort.

"Diese AUTONOMY-Leute sind ziemlich aufgeschreckt worden!"

"Ich halte das Risiko für zu groß, Jesse!", meinte Milo. "Das hast du jetzt gerade gesehen!"

"Es ist so wie Orry gesagt hat", meinte ich. "Sie sind jetzt alarmiert und mussten in aller Eile irgendeine Aktion aus dem Boden stampfen. Das lässt mich darauf hoffen, dass sie aus ihrer Reserve kommen, dass sie Fehler machen... Vielleicht haben sie sogar schon einen gemacht, wer weiß!"

Milo zog die Augenbrauen hoch. "Optimist!"

8

Zeb Robbins betrat das BUENA SUERTE, ein Oben-ohne-Lokal in der 111. Straße, East Harlem. Es gehörte Sonny Martinez, einem Exilkubaner. Martinez hatte seine Finger in allen möglichen illegalen Geschäften. Das BUENA SUERTE war dafür nur eine geeignete Tarnung. Hauptzweck des Ladens war die Geldwäsche, die er für eine Reihe von Drogenhändlern besorgte. Allerdings achtete Martinez darauf, nur mit Clans von der Insel Geschäfte zu machen. Er traute nur denen, die unter der Sonne Kubas geboren waren. Schon die nachfolgende, in den USA geborene Generation seiner eigenen Familie war ihm suspekt.

Zeb blickte sich vorsichtig um, während er durch das BUENA SUERTE schritt. Es war später Nachmittag. Feierabend-Zeit.

Für ein Lokal wie das BUENA SURTE eine günstige Zeit.

Eine Mulatta mit ausladenden Hüften wiegte sich im Takt der Musik. Die Bühnenbeleuchtung strahlte ihren nackten Körper grell an. Das einzige Kleidungsstück, dass sie noch trug war eine Goldkette um ihren Bauch.

Aber Zeb Robbins hatte im Moment keinen Sinn für so etwas.

Auch die ebenfalls ziemlich leichtgeschürzten Bedienungen registrierte er kaum.

Er ging zur Bar.

"Ich muss mit Sonny sprechen", wandte er sich an den Keeper.

Dieser tat erst so, als würde er Zeb überhaupt nicht bemerken.

Zeb wiederholte seine Worte noch einmal, diesmal lauter.

Der Keeper stellte ihm ärgerlich einen doppelten Bourbon hin und meinte dann: "Caramba! Schrei nicht so, Zeb!"

"Was soll ich machen!"

"Du weißt, dass der Boss beim letzten Mal nicht gut auf dich zu sprechen war. Ich schlage vor, du trinkst das und verschwindest dann wieder, bevor er auftaucht!"

"Sag ihm, dass ich ihm einen Helikopter anzubieten habe, Greg!"

"Daran ist er nicht interessiert!"

"Führt du jetzt die Verhandlungen für den großen Sonny Martinez!"

"Nein. Die führt er immer noch selbst!"

"Na also!"

"Aber mit einem wie dir verhandelt er nicht mehr! Du schuldest ihm 25 Riesen und kannst eigentlich froh sein, dass er dir nicht schon längst ein paar Typen auf den Hals gehetzt hat, die dir beide Beine brechen!"

Ein Mann trat durch einen der Nebeneingänge. Er war leicht übergewichtig. Eine stattliche Erscheinung von mindestens ein Meter fünfundachtzig. Er war Mitte fünfzig.

Abgesehen von einem Haarkranz in Höhe der Ohren verfügte er kaum noch über Haupthaar. Dafür war der Schnauzbart um so üppiger. Er war so lang, dass er ihm in den Mund hineinwuchs.

Das war Martinez.

In seiner Begleitung befanden sich zwei dunkel gekleidete Männer. Sie hatten Ähnlichkeit mit Priestern, zumindest was das Äußere anging. Schwarze Jacketts kombiniert mit schwarzen Hemden. Aber die von ihren Pistolen verursachten Wölbungen unter den Achseln zeugten davon, dass ihr Job keineswegs die Nächstenliebe war.

Das Trio durchquerte den Raum.

Einige der Gäste schauten sich kurz um, aber die nackte Mulatta auf der Bühne sorgte dafür, dass ihre Aufmerksamkeit bei anderen Dingen gefesselt blieb.

Martinez und seine Gorillas erreichten Zeb.

"Sieh an, Zeb Robbins." Martinez verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. "Wer hätte gedacht, dass du es nochmal wagst, hier aufzutauchen!"

"Hören Sie, Mister Martinez..."

"Ich mag Leute nicht, die ihre Schulden nicht bezahlen. Ich verliere in so einem Fall jeden Respekt vor einem Mann!"

Einer der Gorillas fingerte einen Schlagring unter der Jacke hervor. Er streifte ihn über die Finger, ballte die Hand zur Faust.

Ehe Zeb sich versah, knallte ihm der Gorilla die Faust mit dem Schlagring in die Magengrube. Wie ein Hammerschlag fühlte sich das an.

Zeb sank ächzend gegen den Schanktisch.

Der Gorilla holte erneut aus.

Aber Martinez schüttelte den Kopf.

"Nicht vor den Gästen", meinte er grinsend. Ein Goldzahn blitzte durch die langen Haare seines Schnauzbarts hindurch.

"Ich kann bezahlen!", knurrte Zeb. Er war ganz bleich geworden, hielt sich den Bauch.

"Das wirst du auch!", erwiderte Martinez schneidend.

"Sie werde noch viel mehr bekommen, als ich Ihnen schulde... Wenn Sie mir helfen, Martinez!"

Zebs Stimme war kaum mehr als ein leises Wispern, das von der dezenten Musik im BUENA SUERTE fast verschluckt wurde.

"Große Worte, Zeb!"

"Nein!"

"Du bist ein Maulheld!"

"Mister Martinez..."

"Du hättest bei mir weiter als Rausschmeißer arbeiten sollen." Martinez deutete auf seine Gorillas. "Manuél und Gary, habt ihr nicht ein schönes Leben? Bezahle ich euch nicht gut? Das alles hätte diese Schmeißfliege auch haben können, aber Zeb Robbins musste ja unbedingt anfangen Geschäfte auf eigene Rechnung zu machen!" Martinez verzog das Gesicht. "Leider alles in die Hose gegangen. Und ich war auch noch so dumm und habe dir Geld geliehen...

"No es cubano!", gab einer der Gorillas zu bedenken.

"Sí, es verdad", murmelte Martinez grimmig zwischen den Zähnen hindurch. "Ich hätte niemandem trauen dürfen, der nicht von der Insel kommt, das war ein Fehler." Theatralisch griff er sich an die Brust. "Mein gutes Herz - mi corazón hat mich verleitet, dem Gejammer dieser Schmeißfliege nachzugeben und ihm 25 Riesen zu leihen."

Der Typ mit dem Schlagring spielte mit dem Eisen provozierend herum und grinste dreckig.

Zeb Robbins hob die Hände.

"Ich habe eine Anzahlung, die ich für die Erledigung eines Jobs bekommen habe. Und noch etwas anderes... Einen mit Waffen ausgestatteten Helikopter, der über eine Infrarot-Zielerfassung verfügt. Das Modernste vom Modernen!"

Martinez atmete tief durch.

"Was du nicht sagst..."

"Ich brauche Ihre Hilfe, Martinez!"

"Ach, ja?"

"Ich muss verschwinden und brauche eine neue Identität. Und da dachte ich..."

"...dass du mit diesem Problem am besten zu mir kommst!"

"Ja."

Martinez kratzte sich am Kinn, wirkte nachdenklich.

"Sag mir einen Grund, weshalb ich einer Kanalratte wie dir nochmal trauen sollte, Zeb!"

Zeb schluckte.

Er griff in die Innentasche seiner Jacke. Augenblicklich packten ihn die Gorillas, hielten ihn wie im Schraubstock. Erst auf ein Zeichen von Martinez hin ließen sie ihn los.

"Na, lass schon sehen, du Bastard!"

Zeb holte sein Kuvert hervor. Er reichte es Martinez.

"Da sind zehntausend Dollar drin."

"Du schuldest mir mehr!"

"Ich weiß. Aber der Heli ist ein paar Millionen wert! Wenn Sie mir helfen, dann bekommen Sie ihn!"

Martinez Augen wurden schmal.

"Bei dem Heli dürfte es sich um verdammt heiße Ware handeln", vermutete er. "Sagtest du nicht etwas von einer infrarotbasierten Zielerfassung?"

"Ja."

Eine Veränderung spielte sich in Martinez' Gesicht ab.

Er dachte nach.

"Da wurde doch vor kurzem ein Attentat auf das Bundesgebäude an der Federal Plaza verübt..." Martinez machte eine Pause, ehe er schließlich fortfuhr: "Ich schlage vor, wir besprechen alles weitere in meinem Büro!"

9

Ich wurde zu einer Wohnung in Queens gebracht, wo ich fürs erste unterkommen sollte. Sie lag im 28.Stock eines Wohnturms in der Bondy Road. Das FBI unterhielt diese Wohnung, um gefährdete Zeugen für ein paar Tage unterbringen zu können.

Ich blickte aus dem Fenster in die Tiefe. Dunkelheit hatte sich über den Big Apple gelegt. Ein Lichtermeer breitete sich vor meinem Blickfeld aus.

Unten floss der Verkehr.

"Die Fenster sind aus Panzerglas", erläuterte Milo.

"Außerdem sind rund um die Uhr mehr als ein Dutzend unserer Leute in der Nähe."

"Die Leute, die es auf mich abgesehen haben, sind nicht auf den Kopf gefallen", stellte ich fest. "Früher oder später tauchen die hier auf... Aber das ist ja letztlich auch der Sinn der Sache!"

"Du kannst die ganze Sache auch wieder abbrechen, wenn sie dir zu heiß ist", meinte Milo. "Niemand würde dir das krumm nehmen! Nicht nachdem, was heute vor dem Büro des District Attorneys geschehen ist!"

Mein Kollege Agent Fred LaRocca stieß ins selbe Horn.

"Überleg dir das, Jesse!"

"Das habe ich längst", erwiderte ich. "Ich zieh das Ding durch!"

"Du bist unverbesserlich!"

"Jedenfalls mache ich ungern halbe Sachen, Fred! Außerdem will ich, dass diese Leute endlich dorthin kommen, wo sie hingehören. Hinter Gitter!" Ich sah auf die Uhr an meinem Handgelenk. Langsam wurde ich ungeduldig. Noch immer wusste ich nichts über irgendwelche Erkenntnisse, die sich durch die Tätigkeit der Spurensicherer und Ballistiker ergeben hatten. Die ganze Gegend um den Tatort herum war abgesucht worden. Hunderte von Befragungen hatten stattgefunden. Aber bislang gab es nicht den kleinsten Hinweis auf jene Leute, die sich hinter dem Namen AUTONOMY verbargen.

"Was mich beunruhigt ist die Tatsache, dass wir noch immer nicht genau wissen, ob und wie diese Leute in die FBI-Rechner eingedrungen sind", meinte Milo.

"Unsere Kollegen werden das schon rauskriegen", war ich optimistisch. "Früher oder später jedenfalls."

Ich ließ den Blick über die Dächer der umliegenden Hochhäuser gleiten. In unmittelbarer Umgebung befanden sich wenige Gebäude, die höher oder von vergleichbarer Höhe waren. Und die wurden von unseren Kollegen genauestens unter die Lupe genommen. So etwas wie vor dem Büro des District Attorneys sollte nicht noch einmal passieren.

Nur wenige Zentimeter hatten gefehlt und ich hätte einen Treffer ins Genick oder den Kopf bekommen. Dorthin, wo kein Kevlar mich schützen konnte. Ich berührte die Scheiben aus Panzerglas.

"Die Dinger sind absolut sicher", meinte Fred.

Ich lächelte dünn. "Fragt sich nur, bis zu welchem Kaliber!"

"Naja, gegen einen Granatentreffer wie im Federal Building hilft natürlich nichts!"

Mein Handy schrillte. Ich nahm das Gerät ans Ohr. Auf der anderen Seite der Leitung hörte ich die vertraute Stimme von Mister McKee.

"Hallo Jesse, ich hoffe Sie haben sich von dem Schrecken einigermaßen erholt...."

"Im Moment wurmt es mich eigentlich am meisten, dass ich untätig in dieser Wohnung herumsitzen muss!"

"Im Ernst, Jesse. Wenn Sie nach diesem Attentat aussteigen wollen..."

"...danke der Nachfrage, Sir. Aber den Punkt habe ich bereits mit Fred und Milo ausdiskutiert. Kommt nicht in Frage."

"Wir bereiten ein Quartier in Connecticut für Sie vor. Dort werden wir versuchen, den AUTONOMY-Leuten eine Falle zu stellen."

"Und ich bin der Köder!"