Drei Top Krimis #9 - Alfred Bekker - darmowy ebook

Drei Top Krimis #9 ebook

Alfred Bekker

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Opis

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Dieses Buch enthält folgende drei Krimis: Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Mord Horst Bosetzky alias "-ky": Nieswand kennt Ort und Stunde Uwe Erichsen: Ein Detektiv im Goldfieber Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell. Titelbild: Fritz Tenkrat

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Alfred Bekker, Horst Bosetzky

Drei Top Krimis #9

Cassiopeiapress Sammelband

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Drei Top Krimis #9

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Mord

Horst Bosetzky alias „-ky“: Nieswand kennt Ort und Stunde

Uwe Erichsen: Ein Detektiv im Goldfieber

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Kubinke und der eiskalte Mord

Ein Harry Kubinke Krimi von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 34 Taschenbuchseiten.

Kommissar Harry Kubinke und sein Team ermitteln gegen mafiöse Machenschaften in der Landwirtschaft. Da ist ein wichtiger Informant plötzlich tot. Aber der Mörder hat eien Fehler gemacht...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

"Heute nichts zu tun?", fragte der Mann am Currywurst-Stand. "Die Kommissare haben nichts zu tun, das kann ja nur bedeuten, dass es in der Stadt sicher und ruhig ist!" Der Currywurst-Mann grinste. "Wisst ihr, wat icke mir allerdings frage?"

​Kommissar Harry Kubinke und sein Kollege Rudi Meier wechselten einen kurzen Blick.

​"Ich glaube, wir müssen das Gelaber von dem ertragen, Harry", meinte Rudi.

​"Zumindest, wenn wir eine Wurst essen wollen", bestätigte Kubinke.

​"Nun seien Sie doch nicht so empfindlich, Herr Kubinke!", meinte der Currywurst-Mann.

​"Ich bin nicht empfindlich."

​"Ach, nee?

​"Wir wollen eine Wurst", sagte Kubinke.

​"Sie beide zusammen eine Wurst?" Der Curry-Wurst-Mann schüttelte den Kopf. "Also meine Würste sind die größten in ganz Berlin, dafür lege meine Hand ins Feuer, aber dass eine davon für Sie beide reicht, ditte glob’ ich nun nich!"

​ "Ich meinte natürlich jeder eine Wurst", sagte Kubinke.

​ Tief durchatmen!, dachte er. Dafür hat man ja schließlich während der Ausbildung und bei Fortbildungen Kurse in Deeskalationsstrategien und Psychologie belegt. Tief durchatmen und ruhig bleiben. Auch, wenn es schwer fällt! Aber, wenn es um die Wurst geht…

​ "Ich sach ja immer: Ditte is schwierig, wenn man sich nicht klar und deutlich ausdrückt."

​ "Jo", sagte Kubinke.

​ "Jo", sagte Rudi Meier.

​ "Jo", sagte der Curry-Wurst-Mann.

​ Und dann herrschte sogar ein paar Augenblicke lang Schweigen. Nur der Straßenlärm war zu hören. Reifen, die durch Pfützen fahren. In Berlin sowas wie ein natürliches Geräusch.

​ Der Currywurst-Mann sagte schließlich: "Wenn Sie beide nichts tun haben, dann frage ich mir, woran ditte nun liegen kann. Also entweder, die Stadt ist auf einmal friedlich geworden, wat icke kaum globen tue, oder…"

​ "Oder was?", fragte Kubinke.

​ Der Currywurst-Mann stellte den beiden Kommissaren ihre Portionen hin.

​ "Oder Sie haben einfach nur nicht mitgekriegt, was wirklich in der Stadt los ist und glauben deshalb nur, dass alles in Ordnung wäre. Ditte wäre doch auch nicht unmöglich, oder lieg ich falsch?"

​ "Sie liegen falsch", sagte Kubinke.

​ "Aber die Wurst schmeckt", meinte Rudi Meier. "Damit liegen Sie richtig."

​ "Na, ditte is ja auch schon was", meinte der Currywurst-Mann.

​ Rudis Handy klingelte.

​ Der Kriminalkommissar nahm das Gerät ans Ohr.

​ "Ja?", fragte er kauend.

​ Kubinke sah schon daran, dass sich die Körperhaltung seines Kollegen veränderte, dass es etwas Dienstliches sein musste. Rudi nahm gewissermaßen Haltung an. Kubinke beschloss, jetzt erstmal die Wurst zu genießen. Mittagspausen waren für Kriminalbeamte schließlich kurz genug.

​ Und dass sich diese nicht mehr allzu lang strecken lassen würde, hatte Kubinke auch im Gefühl.

​ "Das war Kriminaldirektor Bock", sagte Rudi.

​ "Das heißt, es gibt Arbeit", stellte Kubinke fest.

​ "Gibt es", bestätigte Rudi.

​ "Erst die Wurst", meinte Kubinke. "Danach stehe ich stehe ich dem Kampf gegen das Verbrechen wieder zur Verfügung. Vorher nicht."

​ "Na dann", sagte Rudi.

​ "Keen Wunder, dass man sich nicht mehr sicher fühlen kann, wenn ditte bei der Polizei die gängige Dienstauffassung ist", lautete der Kommentar des Currywurst-Mannes.

​2

​ Tom Balthoff schlug die fellbesetzte Kapuze seines Parkas über den Kopf. Es war arschkalt geworden. Und zwar ganz plötzlich.

​ Scheiß Wetter!, dachte er.

​ Gestern noch Werte im zweistelligen Celsius-Bereich. Über null wohlgemerkt. Eine Art Vorfrühling. Und heute eine Art Spätwinter. Der April macht was er will, sagte man ja auch. Das Wetter fuhr Achterbahn. Ein Fest für die Meteorologen und all diejenigen, die viel Zeit hatten, um den Himmel anzusehen und jede Veränderung zu registrieren.

​ Balthoff gehörte nicht zu dieser Spezies.

​ Wetterschwankungen dieser Art lösten bei ihm Migräneanfälle aus.

​ Er hatte vorbeugend seine Tabletten dagegen genommen.

​ Denn im Moment konnte er sich alles mögliche leisten - nur keine Migräneanfall.

​ In kommenden Tagen hing vieles davon ab, dass er einen klaren Kopf behielt und eiskalt vorging.

​ Wirklich eiskalt.

​ Kopfschmerzen konnte er nicht gebrauchen.

​ Jetzt kam es wirklich drauf an.

​ Wenn sein Plan aufging, hatte er vielleicht ausgesorgt.

​ Rente mit 67 hatte die politische Klasse der Bundeshauptstadt Berlin für Menschen seines Jahrgangs beschlossen.

​ Aber Balthoff hatte die Absicht, das für ihn andere Regeln galten.

​ Er war 42 Jahre alt und Reporter. Meistens als freier Mitarbeiter oder als sogenannter fester Freier. Zwischendurch war auch mal ein reguläres Arbeitsverhältnis als angestellter Redakteur dringewesen. Aber sowas war nie von Dauer. Da wurde schnell mal innerhalb eines Zeitungsverlages etwas umgruppiert, verschiedene Redaktionen zusammengelegt, mehrere Blätter mit dem demselben Mantelteil ausgestattet und schwupp war man raus.

​ Der nächste Rauswurf war immer nur eine Frage der Zeit.

​ Es ging immer nur darum, wann es geschah, nie darum ob überhaupt.

​ Aber wenn Balthoffs Plan aufging, dann bekam er seine Rente mit 42.

​ Naja, vielleicht ganz.

​ Aber finanziell war er dann jedenfalls die meisten Sorgen erstmal los.

​ Gute Arbeit muss gut bezahlt werden, so hatte er noch die Worte des ersten Chefredakteurs im Ohr, unter dem er gearbeitet hatte. Das war drei Wochen vor dessen Rauswurf gewesen, der damit begründet worden war, dass die Absatzzahlen des Blattes in den Keller gegangen waren.

​ Balthoff hatte gute Arbeit geleistet.

​ Und ja, die würde jetzt belohnt werden.

​ Balthoff hatte lange gebraucht, dass man der Arsch war, wenn man sich an die Regeln hielt.

​ Aber damit war nun Schluss.

​ Zum ersten Mal hatte Balthoff entschieden, nach seinen eigenen Regeln zu spielen.

​ Und das würde ihm den verdienten Erfolg bringen.

​ Endlich.

​ Balthoff atmete tief durch.

​ Er stand jetzt unmittelbar vor dem Verlagsgebäude.

​ Selbst der Pförtner bekommt wahrscheinlich mehr Geld als ein fester Freier wie ich!, dachte Balthoff. Soll sich niemand wundern, wenn da einer auf dumme Gedanken kommt.

​ Es war kalt.

​ So eiskalt.

​ Er spürte ein Kratzen im Hals.

​ Und den beginnenden Migräne-Kopfschmerz.

​ Dann betrat er das Gebäude.

​ Auf dem Flur begegnete ihm sein Chef.

​ War offenbar in Eile.

​ "Ah, da sind Sie ja."

​ "Ja."

​ "Hatte Sie schon gesucht."

​ "Ich bin ein freier Mitarbeiter. Ohne Anwesenheitspflicht und feste Zeiten."

​ "Ja, ja…"

​ "Was ist?"

​ "Ich wollte fragen, wie weit Sie schon sind mit Ihrer Story."

​ "Die Sache ist komplizierter, als ich dachte."

​ "Sie sollen das ganze natürlich wasserdicht machen, aber wir denken natürlich auch an unsere Leser…"

​ Nein, dachte Balthoff.

​ Ihr denkt ans Geld.

​ Genau wie ich.

​ "Haben Sie Geduld", sagte Balthoff. "Tut mir Leid."

​ "Mir auch."

​ "Wieso?"

​ "Naja, ich hätte sonst vielleicht ein gutes Argument gehabt."

​ "Ein Argument? Wofür?"

​ "Für eine Festanstellung."

​ "Ach, ja?"

​ "Die Dingens - also den Doppelnamen von der, kann ich mir immer so schwer merken - ist dich jetzt schwanger und will nach dem Mutterschutz lieber vom Home Office aus was machen."

​ "Ah, ja, verstehe."

​ "Nee, ich weiß nicht, ob Sie wirklich verstehen, was ich meine. Jetzt ist die Sitzung mit dem Verlagsvorstand und ich hätte da vielleicht was für Sie tun können…" Er zuckte mit den Schultern. "Schade eben, nicht wahr?"

​ "Ja, schade", sagte Balthoff.

​ Vielleicht war es doch nicht ganz so schade, dachte Balthoff.

​ Das Angebot kam einfach etwas spät.

​ Und genau genommen war es ja auch noch nicht einmal ein Angebot, sondern nur etwas, das man vielleicht als eine vage Aussicht bezeichnen konnte.

​ Mehr nicht.

​ Früher hätte Balthoff darin einen Lichtblick gesehen.

​ Aber jetzt nicht mehr.

​ Jetzt war er längst auf einem ganz anderen Weg.

​ Ich werde die Geschichte zurückhalten, dachte er. Und ich werde nicht mehr in erster Linie etwas für euch tun, sondern nur noch für mich selbst.

​ Nur für mich selbst!

​ Drei Ausrufezeichen hätte man hinter diesen letzten Gedanken setzen können, der durch Balthoffs Kopf schwirrte und dafür sorgte, dass sich ein hartes Lächeln um seine Lippen bildete.

​ "Naja, wir sehen uns dann sicher nachher noch", meinte sein Chef. "Muss jetzt weg."

​ "Klar.

​ "Bin dann nachher wieder da."

3

Eine Villa in Berlin Charlottenburg, ein Ferienhaus mit Aussicht auf einen idyllischen See, nur einen Katzensprung vom Zentrum der Hauptstadt entfernt… Zumindest, wenn nicht gerade ein akuter Verkehrsinfarkt die Stadt lahmlegte oder man klug genug war, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Aber wer ist schon klug?

Dr. Anton F. Kwatlowski fand, dass er es in den letzten Jahren zu einigem Wohlstand gebracht hatte. Und das, obwohl er keinesfalls Schönheitschirurg oder Zahnarzt war - sondern Tiermediziner. Und die standen normalerweise vom Einkommen her an unterster Stelle der medizinischen Zunft, es sei denn, sie hatten sich auf das Kurieren kleinerer Wehwehchen von millionenschweren Rennpferden spezialisiert. Aber zu diesen Kreisen hatten Kwatlowski die Beziehungen gefehlt.

Er atmete tief durch, blickte über den mustergültig gepflegten Garten seiner Villa.

Hier war kein Grashalm an der falschen Stelle. Ein Gärtner kam regelmäßig dreimal die Woche, um alles in Ordnung zu halten und darüber hinaus die zahlreichen und häufig wechselnden gärtnerischen Sonderwünsche von Frau Kwatlowski zu erfüllen.

Alles, was du hier siehst, wird dir vielleicht schon bald buchstäblich unter den Fingern zerrinnen!, ging es Kwatlowski grimmig durch den Kopf. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Nein, du hast einfach zu lange dafür gekämpft, um jetzt aufzugeben! Jetzt musst du dir etwas überlegen, dich vielleicht sogar mit sehr harten Bandagen durchzukämpfen.

Kwatlowski zuckte zusammen, als ihn von hinten eine Hand an der Schulter berührte.

"Was ist?", drang die Stimme seiner zweiten Ehefrau Veronika in sein Bewusstsein.

Kwatlowski drehte sich ruckartig zu ihr herum. Sie war Anfang dreißig, er Anfang fünfzig. Ihr Gesicht war feingeschnitten mit hohen Wangenknochen. Das dunkle Haar fiel ihr bis weit über die Schultern. Zwei feste Brüste pressten sich gegen den enganliegenden Stoff ihres Pullovers. Manchmal musste er aufpassen, um sie nicht mit 'Franziska' anzureden - dem Namen seiner ersten Frau. Im Grunde war Veronika eine Art verjüngte Ausgabe seiner ersten Frau.

"Es ist nichts", behauptete Kwatlowski.

"Du schwitzt ja!"

"Ja, mein Gott..."

"Du siehst ja ganz blass aus!"

"Warum sagst denn nichts? Hängt das vielleicht mit dem Reporter zusammen, der vorhin hier war?"

Kwatlowski lächelte breit. "Das war nur ein Wichtigtuer", meinte er. "Der ist nur auf Skandale aus."

"Skandale? Was will er denn dann von dir?"

"Ach, du kennst das doch. Da ist irgendwo mal wieder hormonverseuchtes Fleisch aufgetaucht und jetzt wollte dieser Kerl meine Meinung dazu wissen."

"Das war alles?"

"Ja, verdammt nochmal."

"Anton! Nun hab dich doch nicht so! Man wird ja wohl mal nachfragen dürfen."

Kwatlowski atmete tief durch. "Mir geht es heute nicht besonders gut. Muss wohl am Wetter liegen. Ich glaube, ich lege mich ein bisschen hin. Nachher habe ich nämlich noch einen wichtigen Termin..."

"Wollten wir heute Abend nicht in die Oper?"

"Ja schon, aber..."

"Das wird also nichts!"

"Nicht traurig sein. Geh ruhig allein hin oder nimm deine Freundin Karin mit, damit die Karte nicht verfällt!"

Kwatlowski ging an ihr vorbei, trat dann durch die Terrassentür ins Haus.

In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Ich lasse mir meine Existenz nicht zerstören!, hämmerte es in ihm. Um keinen Preis...

​4

Zwei Stunden später wählte Kwatlowski vom Anschluss im Schlafzimmer aus eine Handynummer, die er von einer Visitenkarte ablas.

Es war die Karte des Journalisten.

"Hier Tom Balthoff", meldete sich eine sonore Stimme.

Tom Balthoff, freier Mitarbeiter verschiedener Boulevardblätter und neuerdings Erpresser, so ging es Kwatlowski zynisch durch den Kopf. Aber in dem Job bist du ein Anfänger, Balthoff! Also sieh dich vor!

"Ich bin's, Dr. Kwatlowski", meldete sich der Veterinär.

"Sie haben sich die Sache also überlegt", stellte Balthoff fest. Er lachte heiser. Seine Stimme war rau vom übermäßigen Alkoholgenuss. Auf den Parties, die er besuchte, nahm er beinahe jedes volle Glas mit, das ihm hingehalten wurde. Seine Leberwerte mussten entsprechend sein. Und die Zahl der abgestorbenen Hirnzellen hatte mit Sicherheit jenen Wert überschritten, der ihn noch hätte hoffen lassen können, dass aus ihm eines Tages doch noch ein seriöser Feuilletonist wurde.

"Hören Sie, Balthoff..."

"Ich will eine Million! Darüber lasse ich auch nicht mit mir handeln. Andernfalls können Sie auf den Titelseiten Ihren Namen und Ihr Bild sehen. Vielleicht mit folgender Überschrift: DER HORMON-DOKTOR ENTLARVT! NEUER SKANDAL IN DER SCHWEINEMAST!"

"Woher soll ich eine Million nehmen?"

"Beleihen Sie Ihre Villa oder verkaufen Sie Ihr Ferienhaus am See..."

"Sie sind gut informiert."

"Vergessen Sie das nie, Dr. Kwatlowski. Vergessen Sie das nie...."

"Angenommen ich zahle Ihnen eine Million. Wer garantiert mir, dass Sie nicht weitere Forderungen stellen."

"Was haben Sie nur für eine schlechte Meinung von mir."

"Ja wohl nicht ganz unbegründet, oder?"

"Kwatlowski, Sie können von Glück sagen, wenn Sie aus dieser Sache mit einigermaßen heiler Haut herauskommen. Jahrelang sind Sie von Bauernhof zu Bauernhof gereist und haben Ihre illegalen Medikamentencocktails verkauft. Eine Art Dealer für Junkie-Schweine..." Er kicherte. "Ich kann alles belegen. Ich habe Unterlagen, Fotos, Proben..."

"Ich muss dieses Beweismaterial haben, wenn ich Ihnen eine derart große Summe zahle."

"Dann legen Sie noch eine halbe Million drauf und wir sind handelseinig."

"Sie sind unverschämt."

"Ich kann rechnen, Dr. Kwatlowski. Sie haben mit Ihren Wundermitteln in den letzten Jahren ein Mehrfaches davon eingenommen. Alles, was ich verlange ist ein gerechter Anteil."

Innerlich kochte Kwatlowski.

Alles in ihm krampfte sich zusammen. Er bemerkte, dass seine Hand zu zittern begann. Wenn er jetzt vor mir stünde!, durchzuckte es ihn. Er hätte dann für nichts garantieren können... Durch regelmäßiges Atmen versuchte er, sich wieder zu beruhigen.

Er musste einen kühlen Kopf bewahren.

Eiskalt reagieren.

Nur dann hatte er eine Chance, den Hals aus der Schlinge zu ziehen.

"Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden", brachte er schließlich über die Lippen.

"Freut mich, das zu hören."

"Aber Sie dürfen mich nie wieder in meiner Villa besuchen! Haben Sie gehört?"

"Sorry, Doc." Tom Balthoff lachte heiser, hustete dann. Vermutlich Raucherhusten, diagnostizierte Kwatlowski. Leider nicht tödlich genug. Der Exitus würde noch zu lange auf sich warten lassen, als dass man einfach so darauf hätte warten können.

Manchmal war die Natur aber auch schrecklich langsam!

Kwatlowski sagte: "Wir müssen uns treffen. Sie bringen die Beweismittel mit und ich..."

"Die anderthalb Millionen", schnitt Balthoff ihm das Wort ab.

Kwatlowski nickte.

"In bar, nehme ich an."

Tom Balthoff nickte ebenfalls.

"Wäre mir lieb."

"Okay."

"Tja, dann…"

"Samstag in einer Woche. Vorher kriege ich das mit meiner Bank nicht zurecht."

"Gut. Aber keinen Tag länger."

"Nun zum Treffpunkt. Mein Ferienhaus kennen Sie ja bereits."

"Ja."

"Kommen Sie nächsten Samstag gegen 17.00 Uhr dort hin. Dort sind wir ungestört."

5

Kommissar Harry Kubinke und sein Kollege Rudi Meier betraten das Büro ihres direkten vorgesetzten Kriminaldirektor Bock.

Bock stand mit beiden Händen in den Taschen seiner weiten Flanellhose da. Seine Hemdsärmel waren hochgekrempelt. Die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals.

"Guten Morgen", sagte Bock.

"Guten Morgen", murmelten Kubinke und Meier.

Nur wer Kriminaldirektor Bock sehr gut kannte, sah, dass er wahrscheinlich die ganze Nacht durchgearbeitet und noch nicht geschlafen hatte.

Harry Kubinke arbeitete lange genug mit ihm zusammen, um das erkennen zu können. Es waren Kleinigkeiten, die Bock verrieten. Aber man muss schon zugeben, dass er das sehr gut zu verbergen versteht, dachte Kubinke. Er bewahrt Haltung, selbst dann, wenn er vor Müdigkeit auf der Stelle einschlafen würde, falls ein Bett, eine Liege oder auch nur ein einigermaßen bequemer Sessel zur Verfügung stehen würde!

Aber die bequemen Sessel hatten Rudi Meier und Harry Kubinke jetzt besetzt.

Und Kubinke hätte es irgendwie als unpassend empfunden, seinen Platz Kriminaldirektor Bock anzubieten, vielleicht noch garniert mit dem Vorschlag, doch ein kleines Nickerchen zu halten.

"Wir vom BKA ermitteln ja schon seit geraumer Zeit gegen eine Organisation, die die landwirtschaftlichen Betriebe rund um Berlin mit illegalen Tiermedikamenten versorgt", sagte Bock.

"Drogen für Kühe", sagte Kubinke.

"So könnte man es auf den Punkt bringen", gab Kriminaldirektor Bock zu. "Wir wurde gebeten, die Kollegen der Kriminalpolizei zu unterstützen, zumal sich bei den bisherigen Ermittlungen herausgestellt hat, dass es da wohl gewisse, weitverzweigte mafiöse Strukturen gibt. Organisierte Verbrechen im großen Stil. Und im Zentrum dieser Machenschaften steht mutmaßlich ein sehr umtriebiger Tierarzt."

Kriminaldirektor Bock betätigte den Beamer seines Laptops.

Wir sahen auf der Projektion an der Wand ein Gesicht.

Lachend.

Zufrieden.

Im Hintergrund war ein Ferienhaus.

​6

Dr. Anton Kwatlowski fuhr die Straße mit geradezu halsbrecherischem Tempo entlang. Es war Samstag Mittag. Veronika hatte etwas herumgemeckert, als er ihr offenbart hatte, dass er das Wochenende im Ferienhaus verbringen wollte. Schließlich war er sogar das Risiko eingegangen, ihr anzubieten, ihn doch zu begleiten. Das hatte sie während ihrer bislang vierjährigen Ehe nur ein einziges Mal getan und sich dabei schrecklich gelangweilt. Wandern und die stundenlange Angelei im nahegelegenen See - das war alles nicht ihr Fall. Sie doch ganz eindeutig eine Stadtpflanze und kein Landei. Für Natur hatte sie nichts übrig.

Aber Anton Kwatlowski brauchte ab und zu diese Einsamkeit und Ruhe.

Er erinnerte sich noch ganz genau, wie er das Haus zum ersten Mal gesehen hatte. Er war auf dem Weg zu einem Kunden gewesen, dessen Viehbestand er mit einem Koffer voller wachstumsfördernder Mittel versorgt hatte. Für viele der Bauern und Genossenschaften war die Situation prekär. Mit den großen Agrarfabriken andernorts konnten sie nicht mithalten, weder im Preis noch in der Menge. So mussten die Tiere eben schneller wachsen und dabei immer noch nach Möglichkeit den Eindruck machen, als ob sie unter glücklichen Umständen ihr kurzes leben gefristet hatten. Verluste waren tabu. Es wurde gespritzt, was das Zeug hielt, beziehungsweise der Koffer des Hormon-Dealers hergab.

Von einem seiner Kunden, dem Klaus Wendlinger, dem einer der größten Höfe in der Umgebung gehörte, hatte Kwatlowski seinerzeit den Tipp bekommen, sich das Haus mal anzusehen. Es hatte kurz vor der Zwangsversteigerung gestanden. Den Preis, den Kwatlowski dafür hatte ausgeben müssen, war geradezu lächerlich, wenn man bedachte, dass die Gegend touristisch gut erschlossen war.

Kwatlowski hing seinen Gedanken nach, blickte zwischendurch immer wieder nervös auf die Uhr.

Er hatte einen Plan.

Einen Plan, der mit Tom Balthoffs Tod enden würde. Aber bevor er das Ferienhaus erreichte, gab es noch einiges, was Kwatlowski vorzubereiten hatte.

Plötzlich musste Kwatlowski mit aller Gewalt in die Bremse seines champagnerfarbenen Mercedes SLK treten. Die Reifen quietschten. Von der Seite ergoss sich ein Strom von hunderten von Schafleibern auf die Fahrbahn. Sie blökten durcheinander. Einige wichen vor dem SLK erschrocken zurück und stießen dabei ihre Artgenossen um. Ein Chaos entstand. Mittendrin, wie ein Fels in der Brandung, stand der Schäfer mit hochrotem Kopf und wütendem Gesicht.

Er nahm seinen Filzhut ab, knitterte ihn in der Faust zusammen und brüllte Kwatlowski wütend an. Da der Tierarzt das Verdeck seines SLK auf Grund des sonnigen Frühlingswetters zurückgeklappt hatte, konnte er jedes Wort verstehen. Und das, obwohl ein Hirtenhund andauernd dazwischen bellte.

"Was fällt Ihnen ein! Verflucht noch einmal! Wie kann einer nur so bekloppt sein und nicht aufpassen, was über die Straße herüberkommt!"

"Hätten Sie nicht aufpassen können!", rief Kwatlowski zurück.

Er kannte den Hirten.

Claus Störtemeier hieß er und war in der gesamten Gegend als eine Art Faktotum bekannt. Allerdings auch als Verbreiter von Neuigkeiten und Gerüchten.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dass mir der über den Weg läuft!, ging es Kwatlowski ärgerlich durch den Kopf. Dieser Quasselkopf würde überall herumerzählen, dass der allseits bekannte Tierarzt mal wieder in der Gegend war und das Wochenende in seinem Ferienhaus verbrachte.

Einige Sekunden lang dachte Kwatlowski darüber nach, ob er das ganze Unternehmen nicht abblasen sollte.

Er dachte an die Polizei, an die Fragen, die sich zwangsläufig ergeben, wenn...

Nein, du stehst das jetzt durch!, forderte er sich dann selbst auf. So etwas wie absolute Sicherheit gibt es nicht, Anton Kwatlowski! Auch für dich nicht! Du musst das Risiko eingehen, wenn du nicht sehenden Auges in den Abgrund springen willst!

"Geht das nicht ein bisschen schneller?", schrie Kwatlowski dem Hirten dann entgegen.

Dann hupte er, worauf die Schafe aufgeregt blökten und der Hirtenhund sich in seiner bis dahin unumstrittenen Autorität bedroht fühlte.

"Ja, ist dieser Herr Veterinär jetzt vielleicht vollkommen verrückt geworden?", brüllte Claus Störtemeier jetzt zurück. "Macht mir die Tiere auch noch verrückt!"

"Ich hab's eilig!"

"Mann, das dauert halt ein bisschen!"

Fast eine Viertelstunde dauerte es, bis alle Tiere endlich über die Straße gelangt waren.

Kwatlowski ließ den Motor des SLK aufheulen und brauste davon. Wenig später erreichte er das schmucke Holzblockhaus. Er parkte den SLK und stieg aus.

Tief sog er die klare Luft in sich auf. Man hatte eine fantastische Aussicht von hier aus. Reste des Morgennebels hingen noch über dem leuchtend blauen See, auf den man von hier aus eine vollkommen freie Sicht hatte.

Ein Ort wie aus dem Paradies, dachte Kwatlowski. Aus meinem Paradies. Und davon wird mir niemand etwas wegnehmen.

Er sah kurz auf die Uhr (er wusste selbst nicht mehr, zum wievielten Mal an diesem Tag schon) und griff dann zum Handy.

7

Kubinke und Meier trafen sich mit Heiner Dresen, dem Leiter einer Polizeidienststelle, irgendwo im Berliner Umland. Bisher hatten Dresen und seine Leute die Ermittlungen in Sachen Veterinär-Mafia geleitete. Aber das Ganze ging wohl langsam über deren Möglichkeiten hinaus.

Und so kamen Kubinke und Meier vom Bundeskriminalamt ins Spiel.

"Also wir haben inzwischen eine ganze Reihe von Personen im Visier, die rund um diesen Kwatlowski eine Rolle spielen."

Dresen hatte ganz altmodisch Dutzende von Porträtfotos an eine Pinnwand geheftet.

Aber es erfüllte seinen Zweck und man hatte einen Überblick.

Es gab außerdem noch Zettel mit Anmerkungen.

Auf manchen standen auch nur rätselhafte Abkürzungen, bei denen sich Kubinke fragte, was sie wohl zu bedeuten hatten.

Soll Dresen uns das erklären, dachte Kubinke. Er hatte jedenfalls keine Lust, das jetzt auch noch selbst herauszufinden.

Dresen fing an einige der Verbindungen zwischen den Personen zu beschreiben.

Manches war bereits eindeutig ermittelt. Manches war reine Mutmaßung.

"Das ist wie bei einem Eisberg", sagte Dresen.

Kubinke hob die Augenbrauen.

"Ein Eisberg?", fragte er.

"Ja, neun Zehntel unter Wasser und nur ein Zehntel ist sichtbar."

"Ach so."

"Ist hier auch so."

"Das heißt, neun Zehntel kann man nicht beweisen.", stellte Rudi Meier nüchtern fest.

"Kann man noch nicht beweisen", korrigierte Dresen.

"Dann sind Sie anscheinend ein geborener Optimist", sagte Kubinke.

"Sie nicht?"

Kubinke zuckte mit den Schultern.

"Mal so und mal so."

"Wie meinen Sie das?"

"Es wechselt."

"Je nach Lage der Dinge, nehme ich an."

"So ist es."

"Wer ist das da?", mischte sich jetzt Rudi Meier ein und deutete auf eine Person, zu der der Dienstellenleiter Dresen bisher noch keinen Ton gesagt hatte.

"Das? Zuerst war uns das auch ein Rätsel."

"Jetzt nicht mehr?"

"Er heißt Tom Balthoff. Zuerst dachten wir, er würde irgendwie in der ganzen Sache drinhängen, aber…"

"Aber was?"

"Er ist Journalist."

Kubinke hob die Augenbrauen. "Und das war so schwierig herauszubekommen?"

"Er ist unter falschen Namen tätig geworden. Seine Recherchen waren regelrecht ---- konspirativ, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Ich denke schon", sagte Kubinke.

"Also könnte er uns auch was erzählen", meinte Rudi Meier.

"Wird er aber nicht", sagte der Dienstellenleiter.

"Haben Sie ihn schon gefragt?", fragte Kubinke.

"Nein."

"Warum nicht?"

"Dann hätten wir ihm ja eröffnet, dass wir wissen, wer er ist und was für eine Rolle er spielt."

"Ah, ja…", murmelte Kubinke.

"Und da wir uns da erst seit kurzem einigermaßen sicher sind, dachten wir, dass wir das erstmal vermeiden."

"Hm", murmelte Kubinke.

Er wechselte einen Blick mit Rudi Meier.

Die beiden verstanden sich offenbar ohne Worte.

8

Später fuhr fuhr Balthoff noch kurz zu seiner Wohnung.

Eine Altbauwohnung in Kreuzberg, ganz oben, unter dem Dach.

Ohne Aufzug natürlich.

So einen Komfort gibt es hier nicht.

Auf dem letzten Absatz standen zwei Männer.

Einer von ihnen zog eine Polizeimarke.

"Herr Balthoff?"

"Ja, was ist?"

"Harry Kubinke, Kriminalpolizei."

"Wurde bei mir eingebrochen? Oder warum warten Sie vor meiner Wohnung?"

"Nein, es geht um etwas anderes", sagte Kubinke. Er deutete auf seinen Kollegen. "Dies ist Kommissar Rudi Meier, mein Kollege."

"Ja.. Und worum geht es nun?"

Tom Balthoff blickte von einem zum anderen. Man sah ihm an, dass er sich aus irgendeinem Grund unwohl fühlte.

"Wollen wir das wirklich hier auf dem Flur besprechen?"

"Nun, ich…"

Eine Frau rief von unten herauf: "Wat is da oben für'n Krach?"

"Da ist nichts", rief Balthoff hinunter.

"Haben Sie Besuch, Herr Balthoff?"

9

Balthoff führte Kubinke und Meier in seine Wohnung.

Die Wohnung war klein und etwas übermöbliert. Deshalb wirkte sie sehr eng und vollgestellt. Dem Stil nach wirkten die Möbelstücke so, als würde es sich um Erbstücke handeln, die er irgendwie versucht hatte, in seine Wohnung zu integrieren. Klobige, viel zu ausladende Kommoden, dicke Polstersessel, eine Schrankwand, der man den Charme der Sechziger Jahre ansah.

"Ich habe nicht viel Zeit", sagte Balthoff,

"Was haben Sie denn noch so dringendes vor?", fragte Kubinke "Ohne, dass ich jetzt indiskret sein will.."

"Sie SIND indiskret", sagte Balthoff.

"War nur eine Frage."

"Nur eine Frage, soso…"

"Ich wusste ja nicht, dass ich gleich irgendeinen Nerv berühre."

"Ganz so schlimm ist es auch nicht, Herr… wie war nochmal Ihr Name?"

"Kubinke. Kommissar Harry Kubinke"

Er scheint irgendwie etwas abwesend zu sein, dachte Kubinke. Mit den Gedanken woanders. Das traf es wohl auf den Kopf. Kubinke hätte zu gerne gewusst, was genau Tom Balthoff im Moment gedanklich so sehr beschäftigte.

Aber, um das herauszubekommen, musste er wohl etwas sensibler vorgehen, als bisher.

Auf die direkte Art schien man bei Tom Balthoff nicht ans Ziel zu kommen. Jedenfalls nicht so ohne Weiteres.

Kommissar Rudi Meier ergriff nun das Wort. Und zwar noch ehe Kubinke, der jetzt eigentlich lieber nicht mit der Tür uns Haus gefallen wäre, es hätte verhindern können.

"Um mit der Tür ins Haus zu fallen: Wir ermitteln gegen eine kriminelle Gruppe, die in den illegalen Handel mit Tiermedikamenten verwickelt ist. Von zentraler Bedeutung ist ein Veterinär. Ich wette, ich brauche seinen Namen gar nicht zu nennen…"

"Ich habe ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen oder was Sie von mir wollen", sagte Balthoff.

"Wirklich? Wir denken schon."

"Dann klären Sie mich mal bitte auf."

"Sie recherchieren offenbar in demselben kriminellen Umfeld, das wir auch gerade aufzuklären versuchen", stellte Rudi Meier fest.

Balthoff zeigte sich vollkommen unbeeindruckt.

Zumindest äußerlich.

Er zeigte nicht die geringste Regung.

Sein Gesicht wirkte wie erstarrt.

Kubinke musste unwillkürlich an die Folgen von unsachgemäßem Botox-Gebrauch denken, als er Tom Balthoffs starre Züge sah.

Er versteckt sich, dachte Kubinke. Und Rudis ungestüme Eröffnung hat gleich erst einmal dafür gesorgt, dass unser Mann regelrecht in Deckung gegangen ist - was ihm niemand verübeln kann. Zumindest dann nicht, wenn man die Angelegenheit mal aus seiner Perspektive betrachtet.

Kubinke fragte sich, wie er und sein Kollege in dieser Sache noch weiterkommen konnten.

Jetzt.

Nach alledem, was befragungstechnisch schiefgelaufen war.

"Sie wissen genau, dass ich Ihnen über meine Recherchen nichts sagen darf", sagte Balthoff. "So etwas nennt man Quellenschutz. Ich hoffe wirklich, dass Sie auch schon davon gehört haben."

"Haben wir", sagte Kubinke und ergriff damit wieder das Wort und die Initiative.

"Na, ich will Ihnen das persönlich mal glauben, aber ehrlich gesagt hatte ich in der Vergangenheit eher nicht den Eindruck, dass man bei der Polizei Wert auf profunde juristische Kenntnisse legt."

"Es tut mir leid, dass Sie diesen Eindruck gewonnen haben", sagte Kubinke. Er versuchte dabei so viel Verständnis und Empathie in den Klang seiner Stimme hineinzulegen, wie es ihm möglich war. Kubinke fuhr dann fort: "Sie müssen schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben."

"Wie man’s nimmt" sagte Balthoff.

"Also aus unseren Akten ist kein Grund für dieses Misstrauen erkennbar", meinte Kubinke.

"Sie meinen, ich bin noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten."

"Ja", sagte Kubinke.

Und Rudi Meier ergänzte: "Zumindest nicht auf eine Art und Weise, die in irgendeiner Form noch aktenkundig wäre."

Balthoff nickte leicht. "Sie haben recht, es hat da mal ein paar Erlebnisse gegeben… Ich war früher mal in der Hausbesetzer-Szene aktiv, verstehen Sie?"

"Ich denke schon."

"Alles, was da vorgefallen ist, ist allerdings nicht mehr relevant."

"Sie meinen, es ist aus Ihrem Führungszeugnis gestrichen", sagte Kubinke.

"Genau." Er zuckte mit den Schultern. "Ich war jung und wild und hasste die Bullen."

"Verstehe."

"Wirklich? Ich glaube kaum."

"Und jetzt?"

"Na sehen Sie ja, ich bin in der kapitalistischen Tretmühle drin."

"Und Sie verkaufe sich an den Schweinejournalismus", meinte Kubinke. "Oder sagt man das so in Ihren Kreisen?"

"Heiligen Kreisen."

"Da höre ich eine starke Distanzierung heraus."

"Hören Sie, was Sie wollen, Herr Kommissar."

"Herr Kubinke reicht völlig. Wir sind ja nicht in der DDR - und Volkskommissare gibt’s ja zum Glück auch schon lange nicht mehr."

"Kommt sicher alles mal wieder", meinte Balthoff.

"Nun denn, schön zu hören, dass Sie Ihren Frieden mit dem Schweinesystem gemacht haben. Und ich nehme an, für diese Altbauwohnung zahlen Sie auch Miete."

"Sicher."

"Wie schon gesagt, wir dachten, dass Sie uns bei unseren Ermittlungen helfen könnten."

"Sie können sich denken, dass ich das ablehnen muss."

"Unsere Kollegen hatten zuerst den Eindruck, dass Sie in der Sache irgendwie mit drin hängen."

"Und das denken Sie insgeheim immer noch?"

"Nun, nur dass Sie Journalist sind, heißt ja noch nicht, dass Sie nichts damit zu tun haben. Das war eben nur der Schluss der Kollegen - aber der könnte ja falsch sein", sagte Kubinke. "Aber Sie könnten diese Zweifel ja vielleicht ausräumen."

"Ich dachte, es gilt immer noch die Unschuldsvermutung, Herr Kubinke,."

"Tut sie auch."

"Dann wüsste ich nicht, was wir noch zu besprechen hätten."

"Mir würde da so einiges einfallen."

"Dann wäre das allerdings ein ziemlich einseitiger Dialog, Herr Kubinke."

"Schade."

"Und wenn Sie jetzt keinen Haftbefehl, einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss oder irgendetwas anderes haben, dem ich mich beugen müsste, würde ich vorschlagen, dass Sie mich jetzt nicht länger aufhalten."

10

"Was hältst du von dem Kerl?", fragte Rudi Meier, nachdem er zusammen mit Kubinke doe Wohnung von Tom Balthoff verlassen hatte.

Harry Kubinke hob die Schultern.

Er atmete tief durch.

Ein schneidender, eiskalter Wind fegte zwischen den Häuserzeilen her.

Da kündigte sich ein Wetterwechsel der radikalen Sorte an.

Kubinke hatte das im Gefühl.

"Ich kann den Kerl irgendwie nicht einschätzen", sagte er dann.

"Aber dich stört was an ihm", meinte Rudi Meier.

"Stört dich was, Rudi?"

"Tut es."

"Vielleicht stört uns ja dasselbe."

"Ich könnte mir denken, dass er doch irgendwie in der Sache eine Rolle spielt."

"Meinst du nicht, dass ihn davor sein feines Gewissen als Ex-Hausbesetzer und alternativer Gutmensch ausreichend schützt."

"Davon hat er sich doch nachdrücklich verabschiedet."

"Auch wieder wahr."

"Und wenn er einfach nur seine Story rausbringen will, ohne, dass ihm so Leute wie wir dazwischenfunken?"

"Wie auch immer. Er hilft uns nicht."

"Brauchen wir ihn?"

"Nicht unbedingt."

"Na also!"

11

"Wo soll ich das Zeug hinbringen?", fragte der Eismann, der seinen Lieferwagen etwa eine Stunde später vor Kwatlowskis Ferienhaus geparkt hatte. Er wollte sich schon mit einer Eisstange in der Hand an Kwatlowski vorbei zum Haus hinbewegen, aber Kwatlowski schüttelte den Kopf.

Im Haus konnte er das Eis nicht gebrauchen.

"Dort hinein!", forderte er und deutete dabei auf den Kofferraum seines SLK.

Der Eismann sah ihn ziemlich verdutzt an.

"Ist das Ihr Ernst?"

"Mein voller!"

Zur Bekräftigung öffnete Kwatlowski den Kofferraum. Der Eismann kam herbei und lud die Stange dort ab. Er wischte sich anschließend mit dem Ärmel über die Stirn. "Die anderen auch in den Kofferraum?", vergewisserte er sich.

Kwatlowski nickte kühl.

"Ja."

Insgesamt drei, dicke, quaderförmige Stangen Eis brachte der Eismann dann noch in den Kofferraum des SLK.

"Sie werden sich den Wagen damit verderben", prophezeite der Eismann.

"Das lassen Sie mal meine Sorge sein", erwiderte Kwatlowski kühl.

Der Eismann hob beschwichtigend die Hände. "Ist ja schon gut, ich wollte Ihnen wirklich nicht reinreden, Herr Doktor..."

"Dann lassen Sie es bitte auch!"

"Aber muss man denn da gleich so stinkig werden? Ich hab's ja nur gut gemeint."

Kwatlowski schloss den Kofferraum und bezahlte dann. Der Eismann blickte nachdenklich auf den SLK. "Sie haben 'ne Riesenparty vor sich, was?"

Kwatlowskis Lächeln war dünn. Sein Mund wirkte in diesem Moment fast wie ein Strich. "Ja, so könnte man es bezeichnen..."

"Warum haben Sie keine Getränke bei uns bestellt? Sie hätten dann Rabatt gekriegt."

"Auf wiedersehen."

Augenblicke später fuhr der Eismann davon. Kwatlowski sah dem Lieferwagen nach, bis man ihn vorübergehend nicht mehr sehen konnte. Später, das wusste Kwatlowski, würde er wieder auftauchen und man konnte seinen Weg dann noch eine ganze Weile beobachten.

Kwatlowski griff zum Handy.

Er wählte die Nummer von Tom Balthoff.

"Hier ist Kwatlowski."

"Nanu, wir waren doch erst später verabredet", wunderte sich der Journalist.

"Ich weiß. Aber es hat sich einiges geändert. Wir müssen den Termin etwas vorverlegen. Und der Treffpunkt ist auch nicht mehr derselbe."

"Wenn Sie glauben, Sie können mit mir irgendwelche Tricks versuchen, dann..."

"Das würde ich mir nie erlauben!", versuchte Kwatlowski den Erpresser zu beschwichtigen.

"Sie wissen, was dann passiert."

"Natürlich."

"Also?"

"Sie fahren nicht erst heute Abend um fünf zu meinem Ferienhaus, sondern jetzt. Ich sende Ihnen die Koordinaten eines Parkplatzes mit hervorragender Aussicht. Liegt etwas abseits."

"Gibt es kein Hinweisschild?"

"Nein."

"Ich glaube nicht, dass ich schonmal dort war."

"Wenn Sie Schwierigkeiten mit dem Weg haben, rufen Sie meine Handynummer an. Fragen Sie auf keinen Fall irgend jemanden. Ich bin in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund."

Balthoff lachte.

"Ich weiß."

"Kommen Sie zum Treffpunkt. Ich werde Ihnen die anderthalb Millionen übergeben, sofern Sie das belastende Material bei sich haben. Aber beeilen Sie sich!"

"Gut", kam es nach einigem Zögern von der anderen Seite der Leitung.

Kwatlowski triumphierte innerlich.

​12

Anton Kwatlowski war als erster auf dem einsamen Parkplatz.

In der Nähe war eine ehemalige Kiesgrube. Jenseits des befestigten Parkplatzplateaus ging es steil bergab. Ein Abgrund.

Die höchste Erhebung im Bereich des Berliner Umlandes hatte 120 Meter.

Nicht gerade alpin.

Dieser Abgrund war vielleicht dreißig Meter tief.

Und nicht gesichert.

Offenbar hatte jemand die ehemalige Kiesgrube aus DDR-Zeiten aufgekauft und wollte mit dem riesigen Loch etwas anfangen. Der Boden war nämlich mit Beton ausgekleidet. Da sollte irgendwas entstehen. Irgendein großer Komplex. Vielleicht ein Parkhaus, dachte Kwatlowski. Fragt sich nur, wer hier draußen überhaupt parken will, ging es ihm dann durch den Kopf. Vielleicht war es doch wahrscheinlicher, dass hier ein Industriekomplex entstand.

13

Anton Kwatlowski sah ungeduldig auf die Uhr.

Das Eis machte ihm sorgen.

Wenn Balthoff zu spät kam, wäre es geschmolzen.

Aber das Eis spielte in dem Mordplan, den er sich zurechtgelegt hatte, eine entscheidende Rolle.

Es gibt keinen anderen Weg!, sagte er zu sich selbst.

Du hast es oft genug hin und her überlegt.

Du oder er, das ist die Alternative.

Nein, die Sache musste beendet werden.

Ein für allemal.

Kwatlowski zog sich seine dünnen Lederhandschuhe an.

Ein Motorengeräusch brauste auf.

Das war Balthoff.

Er parkte seinen roten Ford und stieg aus.

Balthoff strich sich das etwas zu lange, fettig wirkende Haar zurück. Der Fotoapparat baumelte ihm am Hals. Er ging auf Kwatlowski zu und kam gleich zur Sache.

"Wo ist das Geld?", fragte Balthoff.

Kwatlowski ging ein paar Schritte auf ihn zu.

"Hören Sie, Balthoff...", begann er.

Er hatte Balthoff fast erreicht, da erstarrte der Tierarzt mitten in der Bewegung.

Er blickte abwärts in Höhe seines Bauches und bemerkte den blanken Lauf eines Kleinkaliber-Revolvers in Balthoffs rechter Hand. Der Reporter hatte die Waffe blitzschnell unter seiner Jacke hervorgezogen.

Offenbar war er misstrauisch geworden.

"Bleiben Sie, wo Sie sind", sagte der Reporter.

"Balthoff, was soll das? Wir wollten uns doch einigen!"

"Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, Herr Dr. Kwatlowski!", erklärte er mit hochrotem Kopf, wobei er das 'Herr Dr. Kwatlowski' eigenartig betonte. "Ich weiß, dass Sie mit allen Wassern gewaschen sind und Ihnen kein Trick zu schmutzig wäre..."

Kwatlowski lächelte schwach. "Balthoff..."

"Keine Tricks! Ich will das Geld."

"Es ist im Wagen!"

"Dann holen wir es jetzt..." Balthoff bedeutete Kwatlowski mit einem Handzeichen, sich umzudrehen. Mit Balthoffs Waffe im Rücken ging er dann vor dem Reporter her und fragte sich, was er tun konnte. Kwatlowski hatte kein Geld für Balthoff und außerdem drohte sein ganzer Plan den Bach hinunter zu gehen. Kwatlowski öffnete den Kofferraum seines Wagens. Balthoff stand hinter ihm und sah auf die Eisstangen.

"Was soll das?", murmelte er.

Jetzt oder nie!, dachte Kwatlowski.

Diesen Moment der Überraschung nutzte er und wirbelte herum.

Der Handkantenschlag traf Balthoffs Kehle und ließ ihn augenblicklich in sich zusammensacken. Die Waffe hielt Balthoff fest umklammert, aber er kam nicht mehr dazu, sie abzudrücken. Kwatlowski sah zufrieden auf den Reporter herab.

Er war tot.

Ein zynisches Lächeln umspielte Kwatlowskis Lippen. Einer wie er, der sich seit Jahren mit Karate fit hielt, brauchte keine Waffe.

Zumindest nicht, wenn er nahe genug an seinen Gegner herankam.

Jetzt durfte er keine Zeit verlieren.

Er durchsuchte den Wagen, fand eine Tasche, in der sich Fotomaterial und andere Unterlagen befanden.

Kwatlowski sah es kurz durch.

Balthoff muss mich geradezu beschattet haben!, durchfuhr es ihn dabei.

In Zukunft musste er vorsichtiger sein, um etwas Ähnliches zu verhindern.

Kwatlowski nahm das Material an sich, verstaute es im Handschuhfach seines SLK.

Und wenn der Hund noch mehr gesammelt und irgendwo anders deponiert hat?, überlegte er. Er musste davon ausgehen. Aber er würde deswegen nichts unternehmen. Mochte das Zeug irgendwo in Frieden auf einer Festplatte schlummern. Wenn Kwatlowski anfing, danach zu suchen, würde er sich nur in Verdacht bringen. Das Laptop des Reporters nahm er auch an sich. Ein befreundeter Hacker, den Kwatlowski ab und zu um Rat fragte, hatte ohnehin schon Balthoffs Cloud-Speicher, Mail-Fächer und was es da sonst noch an interessanten Dingen gab gehackt. Aber der Reporter war vorsichtig gewesen. Dort hatte er das brisante Material gar nicht hochgeladen. Vermutlich hatte er gedacht, offline gespeichert ist am sichersten. Darauf setzte Kwatlowski.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Strafverteidiger!, dachte Kwatlowski.

Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Und das Risiko, dass das doch etwas von dem belastenden Datenmaterial an die Oberfläche gespült wurde, war vertretbar.

Wenig später packte Kwatlowski Balthoffs Leiche und trug sie zu dessen Wagen.

Dann setzte er den Toten ans Steuer. Nun schob er den Ford an den Rand des Parkplatzes. Dort ging ein Hang recht steil hinab.

Kwatlowski schob den Wagen so weit es ging dorthin und zog die Bremse. Anschließend holte Kwatlowski aus seinem Wagen die erste Eisstange.

Er legte sie so unter die Vorderräder von Balthoffs Sportwagen, dass das Eis wie ein Bremsklotz wirkte. Die beiden anderen Stangen platzierte er ähnlich.

Dann löste er sehr vorsichtig die Handbremse und lächelte. Das Eis würde schmelzen und der Wagen in die Tiefe rasen.

Bis zu dem Beton-Fundament am Fuß der ehemaligen Kiesgrube ging es senkrecht in die Tiefe. Knallhart würde das Fahrzeug aufprallen. Der Wagen würde vielleicht explodieren und wenn nicht, dann würde man die Verletzung an Balthoffs Kehle als Unfallfolge deuten. Schließlich konnte die Kehle auch durch das Lenkrad eingedrückt worden sein.

Wahrscheinlich konnte man in der Umgebung den Aufprall weithin hören.

Gut so, dachte Kwatlowski.

​14

Kwatlowski überlegte, was er tun sollte.

Vielleicht war es das Beste, jetzt einfach nach Hause zu fahren.

Warum sich länger als unbedingt notwendig in der Gegend aufhalten, zumal er in seinem Ferienhaus kein richtiges Alibi hatte.

Er war innerlich stark aufgewühlt, überlegte hundertmal, ob er nicht irgendeinen Fehler gemacht, irgendetwas übersehen hatte.

Ganz ruhig bleiben!, forderte er sich selbst auf.

Du kannst jetzt nichts weiter tun, als abwarten, dass es irgendwo einen lauten Knall gibt. Nichts wird in deine Richtung deuten. Fahr zurück nach Berlin!

Veronika wird fragen, warum ich so früh zurückkehre, sie wird sich etwas wundern und ich werde irgendeine Ausrede erfinden.

Es wäre das erste Mal, dass sie an irgendetwas zweifelt.

Kwatlowski drehte leise das Radio an, während er mit - wie üblich überhöhter Geschwindigkeit - die schmale Straße entlangbrauste.

Er blickte kurz in Richtung des Sees.

Das Sonnenlicht spiegelte sich darin, ließ ihn leuchtend blau erscheinen. Eine Postkartenkulisse.

Dann erreichte er die Tankstelle vom Bördeler.

Eine kleine, freie Tankstelle, die sowohl von ihrer tatsächlichen Lage als auch von ihrer wirtschaftlichen Situation her nahe am Abgrund stand.

Die Tankanzeige zeigte an, dass der SLK eigentlich noch nicht wieder neuen Kraftstoff brauchte, aber Kwatlowski kam der Gedanke, dass ein Besuch beim Bördeler eine gute Gelegenheit war, sich in Erinnerung zu bringen.

Für den Fall, dass es doch Ermittlungen gab, die ihn in den Kreis der Verdächtigen mit einbezogen.

Er fuhr vor die Zapfsäule, stieg aus, tankte den SLK bis oben hin voll.

Dann ging er zum Bördeler herein, der mit ölverschmierter Latzhose hinter der Kasse stand. Kwatlowski nahm noch eine Zeitung, damit die Rechnung nicht so lächerlich gering blieb.

"Guten Tag, Herr Doktor!", sagte der Bördeler. "Sie sind schon wieder auf dem Rückweg?"

Natürlich hatte der Bördeler mitbekommen, in welcher Fahrtrichtung Kwatlowski unterwegs war. Schließlich bestand seine Hauptbeschäftigung darin, aus dem Tankstellenfenster auf die Straße zu blicken.

"Ja, ja", murmelte Kwatlowski.

"Aber am Wetter kann es nicht liegen! Das ist doch heute ausgezeichnet für die Jahreszeit!"

"Naja."

"Kalt, aber sonnig!"

"Ich brauche den Sonntag noch, um meine Steuersachen zu ordnen."

"Joa, da weeß icke, wovon Sie reden!", nickte der Bördeler mitfühlend. "Wenn Sie mich fragen, dann nimmt die Bürokratie auch wirklich überhand! Finden Sie nicht auch?"

"Sicher."

In diesem Moment fuhr ein Traktor vor eine der Zapfsäulen. Der Fahrer stieg ab, tankte nach.

Kwatlowski verabschiedete sich vom Bördeler und ging hinaus.

Den Traktorfahrer kannte er.

Es war der Bauer Röder

"Servus! Gut, dass ich Sie treffe!", rief der Bauer Röder und kam auf ihn zu. "Meine Mathilda steht kurz vom Kalben und ich hab das Gefühl, da stimmt was net..."

"Sie wissen, dass ich..."

"Ja, ich weiß! Sie sind mehr für den medikamentösen Aspekt der Tiermedizin zuständig!" Kwatlowski zuckte zusammen. Der Bördeler sprach das aus, als handelte sich um eine ganz normale Dienstleistung. Schon Jahrelang sorgte Kwatlowski dafür, dass das Vieh des Bördelers etwas schneller wuchs, als die Natur das eigentlich vorgesehen hatte.

"Ich würde Sie nicht fragen, wenn der Königkrämer da wär!"

'Der Königkrämer', das war der hiesige Tierarzt. Ein Mann mit Prinzipien und ein Tierarzt im klassischen Sinn. Dafür aber auch ein vergleichsweise armer Hund!, ging es Kwatlowski durch den Kopf.

"Ich sehe mir Ihre Mathilda an!", versprach Kwatlowski.

​15

Kwatlowski blieb den ganzen Nachmittag auf dem Bördeler-Hof. Mit der Kuh Mathilda war alles in Ordnung - es waren die Nerven des Bauern, die blank lagen. Aber Kwatlowski sorgte dafür, das sein Aufenthalt auf dem Hof sich etwas in die Länge zog.

Zwischendurch war in der Ferne ein lauter Knall zu hören. Dann, kurze Zeit später ein weiterer.

Kwatlowski horchte auf.

Einige der Kühe wurden unruhig.

"Was war das denn?", fragte Kwatlowski.

"Nato-Truppenübungsplatz", sagte der Bördeler. "Da wird seit kurzem vom Bundeswehr Sprengstoffkommando geübt!"

"Ziemlich laut"

"Wir haben alle dagegen protestiert, aber da war nichts zu machen!"

"Auch am Samstag?"

"Die holen sich einfach eine Sondergenehmigung!" Er zuckte mit den Schultern. "Ist wie damals in der DDR. Da wurde auf dem Gelände nämlich auch schon geballert und niemand durfte was sagen. Wir waren ja noch inner LPG. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft - für alle nicht-DDR-gelernten Wessis."

"Ah, ja."

"Unser Chef hat es mal versucht, da was zu drehen."

"Und?"

"Kurze Zeit später hatten wir einen anderen Chef für unsere LPG. So ging das eben."

Kwatlowski nickte verständnisvoll.

Hauptsache, er erinnert sich später noch an die Explosion, denn der Tierarzt war sicher, dass dieser Knall nichts mit der Bundeswehr zu tun hatte.

Später saß Kwatlowski noch bei einem Salat in der guten Schankstube vom Bördeler, der im Nebenberuf die Ortskneipe betrieb...

Ich habe es geschafft!, dachte der Tierarzt. Das Alibi ist perfekt.

16

Ein Anruf erreichte Kubinke und Meier.

Sie saßen im Wagen und nahmen das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

Es war Kriminaldirektor Bock.

"Ein gewisser Tom Balthoff ist tot aufgefunden worden", berichtete Bock. "Die Kollegen sind schon am Tatort."

"Dann werden wir uns am besten auch sofort dorthin aufmachen", sagte Kubinke.

"Glaubst du, es ist ein Zufall, dass Balthoff ausgerechnet jetzt stirbt - nachdem wir mit ihm geredet haben?", fragte Rudi Meier, nachdem das Gespräch mit Kriminaldirektor Bock beendet war.

"Ich glaube jedenfalls, dass es besser gewesen wäre, wenn er mit uns geredet hätte."

"Da sagst du was, Harry!"

"Dann tritt mal das Gaspedal etwas mehr durch! Sonst brauchen wir ja ewig, bis wir ans Ziel kommen!"

Das ließ sich Kubinke nicht zweimal sagen.

​17

Es wurde spät und Kwatlowski entschied sich dafür, doch nicht nach Charlottenburg zurückzukehren. Wozu auch? Ihm konnte nichts passieren, die gesamte Familie des Bördelers konnte bezeugen, dass er zu dem Zeitpunkt, da Balthoffs Ford in die Tiefe gestürzt war, sich auf dem Hof befunden hatte. Jetzt wollte er in der Nähe bleiben, um besser beobachten zu können, was sich tat...

Auf dem Rückweg zum Ferienhaus fror Kwatlowski ganz erbärmlich, obwohl er sich den Mantel angezogen hatte.

Es war verflucht kalt geworden.

Schon während seines Aufenthalts auf dem Bördeler Hof war ihm der eisige Wind aufgefallen, der plötzlich blies.

Er kehrte erst spät in sein Ferienhaus zurück und war ziemlich überrascht, als jemand vor der Haustür auf ihn wartete. "Ich bin Kriminalhauptkommissar Kubinke ", sagte der Mann und zeigte Kwatlowski seine Marke.

"Guten Tag", sagte Kwatlowski.

Kubinke deutete auf seinen Begleiter.

"Dies ist mein Kollege Rudi Meier."

"Tag!"

"Ich habe es schon einmal versucht, aber da waren Sie nicht zu Hause..."

"Kommen Sie herein", sagte Kwatlowski und rieb sich die Hände. Es war nochmal deutlich kälter geworden. Gesäßkalt. Eisig. Durchdringend.

"Was ist denn passiert?"

"Kennen Sie Herrn Tom Balthoff?"

"Warten Sie, ich mache die Heizung an..."

"Er ist hier in der Nähe ermordet worden."

"Ermordet?", fragte Kwatlowski. Etwas musste schief gelaufen sein und er fragte sich verzweifelt, was es wohl war.

NIESWAND KENNT TAG UND STUNDE

Horst Bosetzky schrieb als ...

- ky

Kriminalroman

Mit einem Essay von Dr. Frank Roßnagel

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Mit einem Essay von Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

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Der Psychologiestudent Werner Nieswand freut sich auf seinen Studienaufenthalt in den USA, wenn er sich dafür auch für kurze Zeit von seiner Freundin Sabrina trennen muss. Wahrend seiner Abwesenheit wird sie bei einer antifaschistischen Demonstration von einer rechtsradikalen Schlägertruppe unter die fahrende Straßenbahn gestoßen und stirbt. Die Polizei spricht von einem selbstverschuldeten Unfall. Kommissar Catzoa hat wenig Lust, diesen Fall näher zu untersuchen, denn dann könnte herauskommen, dass einige Söhne von einflussreichen Leuten dabei waren, und so ein Ergebnis würde möglicherweise seine Karriere ruinieren.

Als Nieswand nach Bramme zurückkehrt und vom Mord an seiner Freundin erfährt, schwört er Rache. Er stellt Nachforschungen an, geht jeder erdenklichen Spur nach, sucht Kontakt zu den Neonazis und findet auch bald die Täter heraus. Da spielt ihm der Zufall die Möglichkeit in die Hand, sie alle in den Tod zu schicken ...

Die Hauptpersonen

Werner Nieswand - startet einen Rachefeldzug

Sabrina „Audrey“ Heppner - ist der Anlass

Karl-Heinz Elkenroth - fühlt sich auch als Ritter der Gerechtigkeit

Heike Hunholz - legt sich mit den Honoratioren an

Hans-Jürgen Mannhardt - muss die Unschuld eines Rechtsradikalen beweisen

Fokko Koldewey - diese vier wissen, was Deutschsein heißt

Volker Zwey

Ruko

General Lee

Thomas Catzoa - sorgt angeblich für Recht und Ordnung

Rainer Mürrsch - liefert ein furioses Finale

Letzte Meldung

Kurz nach Mitternacht wurde der 53jährige Oberamtsrat Karl-Heinz Elkenroth in einem Triebwagen der Brammer Kreisbahn (BKB) ermordet aufgefunden. Elkenroth war Leiter der «Zentralen Sozialhilfestelle für Asylbewerber», Dozent an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung (HÖV) und ist landesweit bekannt geworden als Initiator eines Nottelefons für Schüler und Jugendliche, die sich von Skinheads und rechtsradikalen Schlägertrupps bedroht fühlen. Obwohl noch keinerlei Hinweise auf den oder die Täter vorliegen, werden aus diesem Grunde für heute Abend zahlreiche Protestveranstaltungen der Brammer Antifa-Gruppen erwartet.

*

Werner Nieswand hatte seine Hände in Audreys Pobacken gekrallt und gab sich alle Mühe, ihr Becken so vibrieren zu lassen, dass es endlich bei ihr zündete. Doch trotz all seiner herausgestöhnten Mühe hatte er noch immer das Gefühl, ein Stück abgehangenes Fleisch aus dem Schlachthof auf sich liegen zu haben. Ihr bevorstehender Abschied mochte sie hindern, auch die Angst, auf den ausgeklappten Autositzen Opfer herumstreunender Voyeure und Triebtäter zu werden, vor allem aber war es Elkenroths Tod.

«So, wie wir beide ... Bitte ...! Ich kann doch nicht nur mit dem Taschentuch winken, wenn ich nach Ameri ... Audrey! Audrey!»

Immer schneller, immer atemloser stieß er ihren Namen hervor, fasste alle seine Lust und den Sinn seines Lebens in diesem einen Wort zusammen und hatte das große Ritual schon mit einem kurzen Aufbäumen zu Ende gebracht, als er merkte, dass sie weinte. Erschrocken glitt er unter ihr hinweg und schob schnell seine Jeans zwischen ihre beiden Körper, um ihr den Anblick dessen zu ersparen, was nun wenig schön aussah.

«Wenn ich doch so wild nach dir bin ...»

Es war ein Flehen um Vergebung.

«Was hast du denn?»

«Es ist alles so schrecklich ...»

Sie lag nun mit dem Rücken in der warmen Kuhle seines Körpers und schluchzte.

«Was denn?»

«Alles!»

«Nicht doch!»

«Doch!»

Sie kannten sich nun schon seit anderthalb Jahren, und er wusste, dass sie ein April-Mädchen war, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt, ein manisch-depressiver Typ. Aber so niedergeschlagen wie heute hatte er sie noch an keinem Morgen erlebt.

Er küsste ihren Nacken.

«Audrey, komm auf die Sonnenseite zurück! Sabrina ...!»

Das war ihr eigentlicher Name, auf Audrey war er gekommen, weil er die Schauspielerin Audrey Hepburn, seit er sie im «Sabrina»-Film gesehen hatte, heiß verehrte und seine Sabrina der Hepburn nicht nur ähnlich sah, sondern auch noch Heppner hieß.

«Ich will weg aus Bramme!»

«Ein Jahr noch, dann hast du dein Abitur und kannst auch in Berlin studieren.»

«Bleib so lange hier!»

Sie drehte sich herum und schlang die Hände um seinen Oberkörper.

Er pustete ihre Haare beiseite.

«Meine Diss ...! Ich muss unbedingt mitfliegen nach Philadelphia, sonst kann ich nicht anfangen. Und wenn ich nicht anfange, dann ... Heuberger ist 63 und hat schon’n zweiten Herzinfarkt ... Und eh du’n anderen Prof ...»

Immer schwankend zwischen der Psycho- und der Politologie, hatte er endlich ein Thema gefunden, das in beide Sphären fiel, und einen Doktorvater, der fächerübergreifend denken konnte: «Zum Wohle des Vaterlandes». Die Ausschaltung des Unrechtsbewusstseins bei Parteispenden und Postenschieberei von der «Tammany- Society» bis heute aus psychologischer Sicht.

So der Arbeitstitel, und um an das benötigte Material heranzukommen, musste er unbedingt die Lehrstuhl-Exkursion nach Pennsylvania mitmachen, denn dort war die Tammany-Gesellschaft 1772 gegründet worden, um fortan zum Wohle der Bürger und zur Sicherung der Freiheit Leute, Stimmen und Sitze zu kaufen.

«Lass mich mit ...»

«Du kannst doch nicht drei Wochen lang die Schule schwänzen ...»

«Kann ich mühelos ... Siehst du ja heute Vormittag ...»

Sie küsste seine Brust und ziepte ihn, indem sie einzelne Haarbüschel zwischen ihre Zähne presste und kräftig daran zog.

«Aua! Biest du!»

Er revanchierte sich an einer Stelle ihres Körpers, die sich bestens dafür eignete.

«Erklär deinem Oberstudienrat in Deutsch, dass Schwanz und schwänzen eng zusammenhängen und du damit entschuldigt bist ...»

Audrey fuhr hoch. «Gott, jetzt sitzen sie bei uns in der KLasse, und Katharina sollte ihr Referat über den «Urfaust» ...»

«Das ist die Tochter von dem Elkenroth, den sie heute Nacht ...?»

«Ja ...»

«Machst du bei dem Protestmarsch nachher mit?»

«Ist doch logisch!»

Sie zog sich an.

Nieswand deckte ein Tempotaschentuch über sein abgestreiftes Kondom, knüllte alles zusammen und warf das weiße Bällchen aus dem halboffenen Fenster.

«Du Schwein, wenn das einer findet!»

«Eine kleine Samenspende zwecks IQ-Anhebung kann doch hier nicht ungelegen kommen ...»

«Deine Arroganz!»

«Bruno Ganz wär mir auch lieber als Arro, aber in euerm Stadttheater hier, da gibt’s den ja nicht!»

Nieswand war in seine Jeans geklettert und ausgestiegen, um die Sitze wieder aufzurichten.

«Und so’n Arschloch liebe ich nun!», stöhnte Audrey, inzwischen nach vorne zum Spiegel gerutscht, um ihre Frisur in Ordnung zu bringen.

«Ich würde bei der Beschreibung meiner Gefühle dir gegenüber deine Körperöffnungen nie so in den Mittelpunkt stellen», sagte Nieswand. «Deine Äuglein, mein Reh, bedeuten mir viel mehr, von deiner Seelentiefe einmal ganz zu schweigen.»

Er riss die Tür auf ihrer Seite auf, zog sie ins Freie und sang dabei:

«Komm mit mir auf den Reiherberg! Wenn wir uns dann küssen, liegt uns das herrliche Bramme zu Füßen.»

Er ließ sie los und sah erschrocken drein.

«Warum Bramme zu Füßen? Man kann’s doch nicht plötzlich ins Allgäu verlegen ...!»

Sie riss ihn zu Boden und wälzte sich mit ihm den Hang hinab.

Ihr Achterbahn-Juchzen war bis zur Bahnstrecke unten zu hören, wo eine orangefarbene Güterzuglok der BKB fünf längst ausgemusterte Oldtimer-Wagen nach Sandstedt zog, da der planmäßig vorgesehene Triebwagen VT 101 von der Kripo noch nicht wieder freigegeben worden war.

*

Hans-Jürgen Mannhardt stand im Hörsaal 303 der Hochschule für Öffentliche Verwaltung in Bramme, kurz HaÖVau, und beglückte die 24 Kriminalkommissar-Anwärter der UG 5 mit seinen Ausführungen über die Spurensicherung vor Ort.

«Die Sicherung von Tatortspuren ist eine der wichtigsten Aufgaben der kriminalpolizeilichen Tatortarbeit», las er vom Blatt. «In der Praxis finden sich für die Aufnahme der verschiedensten Spuren eine Reihe von technischen Verfahren und Geräten, deren Einsatzgebiet allerdings sowohl auf bestimmte Spuren als auch auf Spurenträger beschränkt ist ...»

Die meisten seiner Zuhörerinnen dämmerten beamtenfriedlich vor sich hin. Zwei der fünf Frauen strickten schon an ihren Winterpullovern. Die Schar seiner Machos, entweder von Zehnkämpferwucht oder kleiner und bullig wie die Defense-Reihe der Red Skins aus Washington, first and ten, las Motorsport-Magazine. Der lntellektuellen-Flügel dagegen, schmalgesichtig und mit Brillen markiert, gab sich erhaben, lechzte nach theoretischer Erkenntnis, die Verbrechensursachen betreffend, und nicht solchem praxisbezogenen Scheiß.

Nur Fokko schrieb mit, aber da war sich Mannhardt nicht sicher, ob das wirklich im Hinblick auf Klausur und mündliche Prüfung geschah. Wie er von Elkenroth wusste, war Fokko Schriftführer der Reiterstaffel BVS, was offiziell Bramme Veltheim-Süd bedeuten sollte, in Wahrheit aber wohl auf Baldur von Schirach verwies, 1928 Leiter des NS-Studentenbundes, 1931 Jugendführer der NSDAP, 1933-40 Reichsjugendführer, 1940—45 Gauleiter von Wien. Man munkelte auch, dass Fokko und zwei, drei andere Studenten beauftragt worden waren, bestimmte als linkslastig verschriene HÖV-Professoren und Nebenamtler-Dozenten unter die Lupe zu nehmen und alles zu notieren, was ihnen an Bedenklichem entschlüpfte.

Mannhardt wusste nicht recht, ob er sich dadurch, wenn sie ihn denn wirklich observierten, bedroht fühlen sollte oder eher geehrt. Beides wohl. Das Dumme war, dass er diesen Fokko irgendwie mochte. Vielleicht, weil er seinem Sohn so ähnlich war. Wie er die Federn seines Vier-Farben-Kugelschreibers ständig nach unten schnappen ließ, das war der Michael mit seinen Fummelhänden. Twenty years ago ... Außerdem brachte Fokko Leben in die Bude.

Für einen Augenblick hatte er den Faden verloren, und seine Hörsaalinsassen nutzten sofort die Chance, mehr oder minder lautstark miteinander zu reden.

Mannhardt reckte sich hoch und machte auf Dompteur.

«Ich darf doch um Ruhe bitten!»

Schallendes Gelächter, als Einar murmelte, dass man homosexuelle Aktivitäten im Lehrkörper polizeilicherseits gar nicht gerne sehe, und Mannhardt dem nicht folgen konnte. Bis Jennifer ihm sagte, dass es in Bramme einen lange pensionierten und stadtbekannten Oberpolizisten mit Namen Reinhard Ruhe gebe, von allen «die Mumie» genannt.

Mannhardt sah den Urheber seiner neuen Niederlage an, aber sein Konter war schwach. «Sie sind mir aber Einar!»

«Pause!», rief es im Chor.

Mannhardt wehrte ab.

«Erst noch zum Staubsauger ...»

Das aggressive Öh-Gestöhne seiner Crew ließ ihn wieder einmal ausrasten.

«Mann, ihr werdet schließlich bezahlt dafür, dass ihr hier sitzt. Mit über tausend Mark im Monat. Und habt später ’n sicheren Arbeitsplatz. Außerdem Paragraph 54 Bundesbeamtengesetz: Der Beamte hat sich mit voller Hingabe seinem Berufe zu widmen!»

«Jennifer ...!»

Fokko fuhr ihr mit beiden Händen unterm T-Shirt hoch.

«Würdest du dich bitte voll hingeben ...»

«Raus!», schrie Mannhardt und stürzte nach hinten, um Fokko die Tür aufzureißen.

«Wieso denn ... ?»

Der blieb seelenruhig sitzen.

Mannhardt erstarrte. Die berühmte Machtfrage war nun gestellt. Gab er nach, hatte er für den Rest des Semesters verloren. Packte er den Aufrührer, um ihn hinauszuschleifen, kam es womöglich zu einem Handgemenge und hinterher zu ewigen Debatten, zuerst im Fachbereich, dann im Stadtrat und im Landtag zu Hannover. Ging er k. o., flog Fokko von der HÖV und die Studentenschaft boykottierte ihn geschlossen bis zum Ende seiner Brammer Tage. Schlug er dagegen zu hart zu, brachten sie ihn wahrscheinlich wieder in die psychiatrische Klinik zurück. Ein Rückfall, leider. Nachdem er vor Jahren seinen Vorgesetzten niedergeschlagen und schwer verletzt hatte, nun einen Studenten ... Was tun? Er griff schon nach seinen Sachen. Dann gehe ich eben! Nein, standhalten, nicht flüchten!

Sollte er damit drohen, der Ausbildungsbehörde von Fokkos Renitenz Mitteilung zu machen? Ging ebenfalls nicht, denn damit hätte er sich als übler Denunziant selber gelabelt.

Ein Königreich für einen Joke, mit dem er Fokko lächerlich machen, die anderen hinter sich bringen und die Situation entschärfen konnte!

Es war so still, dass man vom Fluss herauf die «Bürgermeister Büssenschütt» hörte, wie der Schiffsdiesel im Leerlauf tuckerte.

«Bleiben Sie halt sitzen!», stieß er schließlich hervor und hoffte, dass es möglichst gleichmütig klang. «Gewöhnen Sie sich langsam dran, obwohl ja die Sitzenbleiber bei uns hier Nachholer heißen.»

Das war nicht gut, das war nicht souverän, weil es auch in den anderen Ängste wachrief.

Gott, warum half ihm denn keiner!? Nicht einmal die Studentinnen von den linksliberalen Bündnissen sprangen ihm bei.

Er sehnte sich nach Berlin zurück, in seine Mordkommission.

Blieb ihm nur noch, wenigstens rhetorisch aus der Niederlage einen Sieg zu machen, aus dem Rückzug den Fortschritt herzuleiten. So drückte er die Tür wieder ins Schloss und stellte sich lächelnd an die Tafel.