Ren Dhark – Weg ins Weltall 59: Kampf um das Miniuniversum - Achim Mehnert - ebook

Ren Dhark – Weg ins Weltall 59: Kampf um das Miniuniversum ebook

Achim Mehnert

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Opis

Ren Dhark erforscht zusammen mit Taret Londok die unterirdische Worgunstation, nicht zuletzt, um dort den unbekannten Tel zur Rede zu stellen, der ihnen überhaupt erst den Zugang zu dieser Einrichtung der Gestaltwandler ermöglicht hat. Was führt der Fremde im Schilde? Auf Babylon findet derweil auf höchster Ebene eine Krisensitzung statt, bei der über weitere Maßnahmen bezüglich der Anomalie im Zentrum der Milchstraße beraten wird. Bei der Durchführung der dabei beschlossenen Maßnahmen kommt es jedoch zum Kampf um das Miniuniversum... Jan Gardemann, Achim Mehnert und Nina Morawietz schrieben einen spannungsgeladenen SF-Roman nach dem Exposé von Ben B. Black.

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Ren Dhark

Weg ins Weltall

 

Band 59

Kampf um das Miniuniversum

 

von

 

Jan Gardemann

(Kapitel 1 bis 7)

 

Nina Morawietz

(Kapitel 8 bis 14)

 

Achim Mehnert

(Kapitel 15 bis 20)

 

und

 

Ben B. Black

(Exposé)

Inhalt

Titelseite

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

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Impressum

Prolog

Im Herbst des Jahres 2067 scheint sich das Schicksal endlich einmal zugunsten der Menschheit entwickelt zu haben. Deren Hauptwelt heißt längst nicht mehr Terra, sondern Babylon. 36 Milliarden Menschen siedelten auf diese ehemalige Wohnwelt der Worgun um, als die irdische Sonne durch einen heimtückischen Angriff zu erlöschen und die Erde zu vereisen drohte. Mittlerweile konnte die Gefahr beseitigt werden, und das befreundete Weltallvolk der Synties hat den Masseverlust der Sonne durch die Zuführung interstellaren Wasserstoffgases fast wieder ausgeglichen.

Die Erde ist erneut ein lebenswerter Ort, auf dem allerdings nur noch rund 120 Millionen Unbeugsame ausgeharrt haben. Die neue Regierung Terras unter der Führung des »Kurators« Bruder Lambert hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erde nach dem Vorbild Edens in eine Welt mit geringer Bevölkerungsdichte, aber hoher wirtschaftlicher Leistungskraft zu verwandeln, und ist deshalb nicht bereit, die nach Babylon Ausgewanderten wieder auf die Erde zurückkehren zu lassen.

Allerdings haben auch die wenigsten der Umsiedler konkrete Pläne für einen neuerlichen Umzug innerhalb so kurzer Zeit. Es kommt die katastrophale Entwicklung hinzu, die Babylon seit dem Umzug der Menschheit nahm: Durch eine geschickt eingefädelte Aktion war es dem höchst menschenähnlichen Fremdvolk der Kalamiten gelungen, den Regierungschef Henner Trawisheim, einen Cyborg auf geistiger Basis, derart zu manipulieren, dass er zu ihrem willenlosen Helfer und Vollstrecker bei der geplanten Übernahme der Macht über die Menschheit wurde. Erst in allerletzter Sekunde gelang die Revolution gegen die zur Diktatur verkommene Regierung von Babylon und damit gegen die heimlichen Herren der Menschheit, die Kalamiten. Während den meisten der Fremden die Flucht gelang, wurde Trawisheim aus dem Amt entfernt und in ein spezielles Sanatorium für Cyborgs gebracht.

Daniel Appeldoorn, der schon zu den Zeiten, als Babylon noch eine Kolonie Terras war, als Präsident dieser Welt fungiert hatte, bildete mit seinen Getreuen eine Übergangsregierung, deren wichtigste Aufgabe es ist, das Unrecht der Diktatur wiedergutzumachen und neue, freie Wahlen vorzubereiten. Gleichzeitig ist es Ren Dhark und seinen Mitstreitern gelungen, die geheimnisvolle Schranke um Orn abzuschalten – und mit ihr auch die verhängnisvolle Strahlung, die die Worgun, das bedeutendste Volk dieser Sterneninsel, in Depressionen, Dummheit und Dekadenz trieb.

Nach seiner Rückkehr in die Milchstraße kann Ren Dhark dem Angebot des Industriellen Terence Wallis nicht länger ausweichen und lässt seinen Körper mit Nanorobotern behandeln, die ihn und sieben von ihm Auserwählte unsterblich machen sollen. Doch anstatt sich mit seiner nun vollständig veränderten Lebensperspektive beschäftigen zu können, muss sich Ren Dhark einer neuen Herausforderung stellen: Eine unbekannte Macht namens Kraval sorgt dafür, dass der Hyperraum nicht länger zugänglich ist.

Als man diese Herausforderung endlich überwunden glaubt, tauchen die Wächter mit einer neuen Hiobsbotschaft auf: Im Zentrum der Milchstraße hat sich etwas etabliert, das die gesamte Schöpfung in Gefahr bringen könnte. Dort hat sich scheinbar aus dem Nichts ein Miniaturuniversum gebildet, das allerdings exponentiell wächst und schon in wenigen Jahren den Untergang unseres Universums herbeiführen könnte.

Bei dem Versuch, einen Weg zu finden, um den drohenden Untergang abzuwehren, stößt Ren Dhark neuerlich auf einen geheimnisvollen Fremden, der aber rasch ins Innere einer weiteren Worgunstation vordringt, bevor er zur Rede gestellt werden kann. Dem Commander bleibt nichts anderes übrig, als dem Fremden zu folgen. Derweil findet auf Babylon eine Krisensitzung statt, die ebenfalls das Miniaturuniversum zum Thema hat …

1.

Hell schien das bläulich-kalte Licht der Sonne Eschunna durch die verspiegelten Panoramafenster in das Besprechungszimmer auf der hundertzwanzigsten Ringebene der Regierungspyramide. Einer der fünf Monde Babylons stand hoch am Himmel, der sich an diesem Morgen klar und wolkenlos zeigte. Wie eine riesige Silbermünze schwebte der Trabant über den stumpfen Spitzen der gigantischen Pyramiden.

Die teilweise mehr als zweitausend Meter hohen Gebäude aus Unitall und verspiegeltem Glas gleißten violett-blau. Die Bauten mit einer Grundfläche von drei bis vier Kilometern Durchmesser boten jeder für sich bis zu einer Million Bewohnern Lebensplatz und bildeten mit ihren Wohneinheiten, Geschäften, Grünanlagen und Vergnügungseinrichtungen eigenständige, sich charakterlich stark voneinander unterscheidende Quasi-Großstädte.

Die verglasten Schrägen der Wände leiteten das Sonnenlicht über Lichtfallen weit ins Gebäudeinnere hinein, sodass das Tageslicht fast in jeden Korridor drang. Die abgeflachten Spitzen der Pyramiden dienten als Start- und Landeplätze für Gleiter und Beiboote, und auch auf den seitlichen Ringterrassen fanden sich Lande- und Startplattformen für kleine Boote.

Der von Leitsystemen gelenkte morgendliche Verkehr spielte sich auf mehreren Ebenen ab, sodass sich zwischen den Gebäuden ein mehrschichtiger, nie abreißender Strom aus Gleitern bewegte.

Die auf Babylon lebenden sechsunddreißig Milliarden Menschen bewohnten nur etwa ein Viertel der auf dem Planeten vorhandenen Pyramiden. Obwohl die einzelnen Gebäude weit auseinander standen, grassierte unter etwa sechs Prozent der Bevölkerung die Phobie, zwischen den gigantischen Bauten zerrieben zu werden. Daran änderten auch die zahlreichen Parks nichts, die das Stadtbild des Molochs überall auflockerten.

Die Stimmung der vier in dem Besprechungszimmer versammelten Männer war ähnlich klaustrophobisch wie die der unter Platzangst leidenden sechs Prozent, obwohl sie nicht zu den Menschen zählten, die sich in den Pyramidenstädten eingeengt fühlten.

Aufmerksam und mit nachdenklichen Mienen verfolgten Marschall Theodore Bulton, GSO-Chef Bernd Eylers und Präsident Daniel Appeldoorn die von Dan Riker vorbereitete Präsentation, die auf dem die Stirnwand einnehmenden Bildschirm ablief.

Riker warf kurze Bemerkungen ein, wenn ihn der Eindruck überkam, die von seiner Frau Anja aufgezeichneten Erläuterungen würden nicht ausreichen, um den Versammelten die Dringlichkeit des Sachverhaltes vor Augen zu führen.

»Das Miniuniversum, das sich im Zentrum der Milchstraße gebildet hat, stellt für alle in dieser Galaxis beheimateten Sternenvölker eine existenzbedrohende Gefahr dar«, bekräftigte er, während die schwarz schillernde Kugel, die auf dem Bildschirm dargestellt wurde, langsam immer voluminöser wurde. Die blauen, intensiv blickenden Augen, das vorstehende Kinn und die kleine Nase über dem breiten Mund ließen den schwarzhaarigen Mann an diesem Morgen besonders energisch und tatkräftig erscheinen. »Die Anomalie dehnt sich nicht nur permanent aus, sie verändert darüber hinaus auch ihre physikalischen Eigenschaften auf unvorhersehbare Weise. Wurde vor Kurzem noch jeder Körper, der in das Phänomen einzudringen versuchte, kompromisslos zerstört, so verhindert die Außenhaut des Miniuniversums inzwischen, dass ein Eindringen überhaupt stattfinden kann, indem sie sich auf unergründliche Weise lokal verhärtet, sodass sie sogar mit unseren modernsten Ortungsanlagen nicht mehr durchdrungen werden kann.«

Der Präsident von Babylon, Daniel Appeldoorn, kratzte sich das rotwangige Gesicht. »Diese ominöse Bedrohung geht alle Sternenvölker der Milchstraße etwas an«, sagte er gedehnt. Appeldoorn, der mit Sicherheit hundert Kilo auf die Waage brachte und mit seinen breiten Schultern, dem kahlen Schädel und den dichten silberweißen Brauen über den blauen Augen derbe und grobschlächtig wirkte, schien nicht eben begeistert über den neuen Aufgabenbereich, der sich während dieser Krisensitzung für die babylonische Regierung auftat. »Die Last der Verantwortung muss entsprechend auf die führenden Völker der Milchstraße verteilt werden.«

Bernd Eylers winke ab, eine Geste, die etwas hölzern wirkte, da er sie mit seinem linken Arm ausführte, der mit einer Unterarmprothese versehen war, in der er eine Gaswaffe verbarg. »Wenn wir diesem Problem auf diplomatischem Wege beizukommen versuchen, ist unsere Galaxis dem Untergang geweiht. Wir werden alle längst tot sein, ehe es zwischen den Sternenvölkern zu einer Einigung darüber gekommen ist, wer in dieser Krise was zu leisten hat.« Der Chef der GSO hatte auf der Kallisto-Akademie in interstellarer Politik promoviert und wusste, wovon er sprach. Keiner der Anwesenden nahm dem schlanken, unbeholfen wirkenden Mann mit den hellgrünen Augen die sarkastische Bemerkung daher übel.

Bulton bewegte seinen massigen Körper umständlich, während er sich in seinem Sessel zurechtsetzte. »Ein Alleingang von unserer Seite würde der Vereinigung der Alten Völker in die Hände spielen«, gab der Marschall der babylonischen Raumstreitkräfte zu bedenken. »Die Utaren, die Fanjuur und die Rateken würden uns zu Recht Überheblichkeit vorwerfen.«

»Wenn die Mitglieder der VdAV glauben, sie seien etwas Besseres, weil sie in ihrer Entwicklung nicht von den Mysterious beeinflusst wurden, sollen sie durch Taten doch endlich einmal beweisen, dass sie uns tatsächlich ebenbürtig sind!«, warf Appeldoorn ungehalten ein. »Ich bin es leid, dass wir von diesen Sektierern ständig kritisiert werden und uns von ihnen vorgeworfen wird, wir würden uns als intergalaktische Polizisten aufspielen. Was bleibt uns denn übrig, wenn kein anderes Sternenvolk in dieser Sache etwas unternimmt, als es auf eigene Faust zu versuchen?«

Riker wurde hellhörig. »Wollen Sie mit Ihren Worten andeuten, dass Sie planen, von Regierungsseite etwas zur Erforschung des Miniuniversums beizutragen?«

Appeldoorn verzog grimmig die Augenbrauen. »Sie drehen mir das Wort im Mund herum, Mister Riker. Ich habe keinen diesbezüglichen Entschluss gefasst!«

»Prinzipiell werden wir aber nicht darum herumkommen, etwas zu unternehmen«, wandte Eylers ein.

Inzwischen achtete niemand mehr auf die Präsentation. Anjas Erklärungen verhallten ungehört im Raum.

»Hatte Ren Dhark nicht vorgehabt, sich um das Miniuniversum zu kümmern?«, fragte Appeldoorn mürrisch.

»Sie sind über Dharks momentane Aktivitäten genauestens informiert«, gab Eylers nüchtern zurück. »Die POINT OF und die ARKANDIA mit den Wächtern an Bord sind in unvorhergesehene Schwierigkeiten verstrickt und daher anderweitig beschäftigt.«

»Niemand will Ihrem Freund deshalb einen Vorwurf machen«, erläuterte Bulton, als er bemerkte, wie sich Rikers Miene aufgrund der Bemerkung des Präsidenten verdüsterte. »So drängend ist das Problem um das Miniuniversum nun auch wieder nicht, als dass wir alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte nun darauf verwenden müssten, diese Angelegenheit zu bewältigen.«

Riker schüttelte aufgebracht den Kopf. »Wenn nicht bald etwas unternommen wird, könnte aus dem Miniuniversum schneller ein existenzielles Problem werden, als wir erwarten!«

Die auf dem Bildschirm ablaufende Animation demonstrierte in diesem Moment, was sich ereignen könnte, wenn das Miniuniversum sich weiterhin ungehindert ausbreiten würde. Die sich Richtung Schwarzes Loch ausdehnende Region der schwarz schillernden Kugel fing an, mit dem Zentrum der Milchstraße zu interagieren, wodurch sich die beiden kosmischen Phänomene zu verändern begannen.

»Eine Annäherung des Miniuniversums und des zentralen Schwarzen Lochs wird in der Milchstraße unvorhersehbare Katastrophen heraufbeschwören«, kommentierte Anjas Stimme die Bilder. »Wann genau die kritische Distanz unterschritten sein wird, die zu einer gegenseitigen Beeinflussung führt, darüber kann nur spekuliert werden. Allzu lange wird es aber wohl nicht mehr dauern, bis Ereignisse eintreten, die schlimme Verwerfungen im Gefüge der beiden Universen nach sich ziehen.«

Appeldoorn machte ein unzufriedenes Gesicht. »Diese Behauptungen erscheinen mir doch ziemlich vage. Sie bieten keine gute Grundlage, um Minister oder Gremien davon zu überzeugen, dass es nötig ist, etwas zu unternehmen.«

»Darum muss das Miniuniversum auch unbedingt näher erforscht werden!«, drängte Riker. »Es müssen weitere Untersuchungen vor Ort angestellt werden!«

»Die Wissenschaftler Ihres Kampfverbandes haben doch bereits geforscht, als Sie sich beim Miniuniversum aufhielten, um dort die Forschungsstation der verbrecherischen Utaren unschädlich zu machen«, wandte der Präsident ein.

»Es liegen uns bereits etliche Forschungsunterlagen vor«, musste Riker einräumen. »Die Erkenntnisse, die Lek und seine blauen Spießgesellen während ihrer verantwortungslosen Aktivitäten beim Miniuniversum gewannen, stehen uns dabei ebenso zur Verfügung wie die Ergebnisse der Untersuchungen, die Dhark und seinen Kameraden beim Miniuniversum anstrengten. Trotzdem – diese Daten reichen bei Weitem nicht aus, um Pläne zu entwickeln, wie dieses Fremduniversum daran gehindert werden kann, die befürchtete Katastrophe herbeizuführen. Wir stehen diesem Phänomen völlig hilflos gegenüber. Wenn wir mehr wollen, als bloß zu beobachten wie das Verhängnis seinen Lauf nimmt, müssen wir dieses rätselhafte Phänomen zuerst einmal gründlich analysieren.«

»Derartige Forschungen sind aber nicht ganz ungefährlich, wie die zurückliegenden Ereignisse gezeigt haben«, gab Bulton zu bedenken. »Ein Wächter hat dabei bereits sein Leben verloren.«

»Ganz zu schweigen davon, dass eine solche Mission Unmengen an Geld verschlingen wird«, schlug Appeldoorn in dieselbe Bresche.

Eylers schlug mit seiner Unterarmprothese hart auf den Tisch. »Meine Herren!«, rief er eindringlich. »Sie wollen die Existenz der Milchstraße doch wohl hoffentlich nicht aufs Spiel setzen, nur weil es Ihnen an Vorstellungskraft mangelt. Bloß weil Sie annehmen, dass die von Riker geforderte Mission nicht viel ausrichten wird, ist das kein hinlänglicher Grund, jetzt in Untätigkeit zu verfallen!«

»Wie könnten die Staatsgelder sinnvoller eingesetzt werden, als sie in den Erhalt unser aller Lebensgrundlage zu investieren?«, fragte der Konteradmiral herausfordernd. »Wenn die Katastrophe erst über uns hereinbricht, wird Ihnen ein ausgeglichener Staatshaushalt auch nichts mehr nützen, Mister Appeldoorn!«

Der Präsident zupfte verlegen an seinen viel zu großen Ohren.

Bulton jedoch zuckte nur mit den Schultern. »Mit militärischen Mitteln ist diesem Problem wenigstens nicht beizukommen, wenn ich diese Sache richtig verstanden habe«, bemerkte er grimmig.

Appeldoorn atmete tief durch. »Ich sehe ja ein, dass die Terraner etwas unternehmen müssen. Doch diese Anstrengung kann nicht von Babylon allein gestemmt werden.«

Eylers nickte verstehend. »Es ist nur recht und billig, die unabhängigen Siedlerwelten und Terence Wallis mit in die Pflicht zu nehmen. Ich schlage daher vor, die ANZIO unter dem Befehl von Roy Vegas mit einem entsprechenden Forschungsauftrag zum Miniuniversum zu entsenden.«

»Die ANZIO benötigt aber unbedingt Geleitschutz«, forderte Riker. »Es ist nicht auszuschließen, dass Lek oder andere von seinen Hintermännern unterstützte Utaren erneut beim Miniuniversum auftauchen, um Profit aus diesem exotischen Phänomen zu schlagen.«

Bulton warf dem Präsidenten einen flüchtigen Blick zu, woraufhin dieser beiläufig nickte.

»Sie werden die ANZIO mit Ihrem Spezialverband begleiten, Mister Riker«, erteilte der Flottenchef dem Konteradmiral daraufhin Befehl.

Appeldoorn schraubte sich ächzend aus seinem Sessel hoch. »Ich werde mit Eden in Kontakt treten und Wallis auffordern, sich an den Kosten dieser Mission maßgeblich zu beteiligen.«

Erleichtert lehnte sich Riker in seinem Sitzmöbel zurück. Zeitweilig hatte er befürchtet, diese Krisensitzung könnte ergebnislos enden. Dass sich Appeldoorn nun doch noch zu einer positiven Entscheidung hatte durchringen können, beruhigte den Konteradmiral ungemein und zeigte ihm einmal mehr, dass es für den Posten des Präsidenten von Babylon keinen besseren gab, als diesen grobschlächtig wirkenden Mann mit holländisch-südafrikanischen Wurzeln.

*

Oberst Roy Vegas schob sich eine Gabel voll mit Kirschkuchen in den Mund und kaute genüsslich.

»Ausgezeichnet, Miss Schneider«, lobte er die junge Frau, die abwartend vor seinem Schreibtisch stand und ihn mit angespannter Miene beobachtete. »Dieser Kuchen ist Ihnen wirklich ausgesprochen gut gelungen.«

»Ich weiß doch, wie sehr Sie Kirschkuchen mögen, Oberst«, erwiderte Silvia Schneider bescheiden. Die blonde, zierliche Frau war Anwärterin für die Flotte der Unabhängigen Siedlerwelten und arbeitete im Stützpunkt auf Mesopotamia in der Kantinenküche. Sie wurde auf dem Fachgebiet Versorgung und Logistik ausgebildet und sollte später die Feldküchen bedienen und warten. »Die Kirschen stammen übrigens aus dem Gewächshaus, dessen Bau Sie vor einigen Monaten genehmigten, Sir.«

Vegas machte ein erstauntes Gesicht. »So schnell ist es gelungen, Kirschbäume heranwachsen zu lassen?«

»Diese voll ausgewachsenen Bäume sind eine Spende von Mister Wallis, Sir. Er ließ sie extra aus Eden einfliegen. Er war es auch, der mir verriet, dass Sie eine Vorliebe für Kirschkuchen hegen.«

Der Oberst lächelte säuerlich und sah auf das Kuchenstück hinab. »Offenbar möchte Wallis mir das Leben auf Mesopotamia besonders schmackhaft machen.«

Schneider furchte die Stirn. »Ist das denn überhaupt nötig, Sir?«, fragte sie und schob hastig nach: »Wenn ich mir diese Frage erlauben darf …«

Vegas trennte mit der Gabel einen weiteren Bissen von dem Kuchenstück ab. »Sie dürfen, Miss Schneider.« Er zuckte mit den Schultern, ehe er sich den Happen in den Mund schob. Dann deutete er mit der nun leeren Gabel auf die Wände seines Büros. »Der Job als Leiter dieses Stützpunkts erfüllt mich auf Dauer mit einer gewissen Unzufriedenheit«, sprach er mit vollem Mund. »Ich bin nicht dafür geschaffen, monatelang in einem Büro herumzuhocken und an einem Suprasensor Formulare und Anträge auszufüllen.«

Schneider errötete leicht. Dass der Oberst ihr gegenüber so viel Offenheit zeigte, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. »Denken Sie etwa daran, in den Ruhestand zu gehen?«, entschlüpfte es ihr.

»Sieht man mir mein hohes Alter denn so deutlich an?«, erkundigte sich Vegas und starrte die junge Frau herausfordernd an.

Wie alle Soldaten und Rekruten dieses Stützpunktes, so wusste auch Schneider genauestens über den Leiter dieser Einrichtung Bescheid. Dass Vegas rein rechnerisch inzwischen fünfundachtzig Jahre zählte, war ebenso kein Geheimnis wie das Lehrbuchwissen, dass er als erster Mensch auf dem Mars gelandet war. Auf dieser Mission verschwand er während eines Forschungsausflugs zur Südpolarregion spurlos. Er geriet in die Gewalt des Einsamen, eines außerirdischen Rechners, der ihn zu seinem unfreiwilligen Gesellschafter bestimmte und in einer Nährlösungskammer verwahrte, in der Vegas körperlich nicht alterte.

Im Oktober 2058, siebenundvierzig Jahre später, wurde er schließlich von dem intelligenten Roboter Artus befreit. So ergab sich für Vegas ein relatives Alter von lediglich etwa achtunddreißig Jahren. Er war noch immer kräftig und körperlich fit. Seine dunkelblauen Augen, die bei bestimmter Beleuchtung oder wenn er in Zorn geriet fast schwarz wirkten, sprühten vor Lebenslust. Sein volles, graues Haar und der brettharte Bauch trugen ihr Übriges dazu bei, bei den Frauen einen gewissen Eindruck zu hinterlassen.

»Sie … stehen in Ihren besten Jahren, Sir«, erklärte Schneider hastig aber stockend. Die Röte in ihrem Gesicht nahm zu. »Sie … sind ein anziehender Mann. Es war dumm von mir, zu glauben, Sie könnten in Erwägung ziehen, in den Ruhestand zu gehen.« Wie um zu verhindern, dass ihr noch mehr unbedachte Worte entschlüpften, biss sie sich auf die Lippen.

Vegas grinste verwegen. Es bereitete ihm eine diebische Freude, die junge Rekrutin aus der Fassung zu bringen. »Ehrlich gesagt denke ich manchmal wirklich darüber nach, in den Ruhestand einzutreten«, erklärte er begütigend. »Besonders an so langweiligen Tagen wie diesen, an denen mir nichts als Büroarbeit bevorsteht.« Mit der Gabel deutete er auf das Kuchenstück. »Dieser hervorragende Kirschkuchen hier hat mir diese fixe Idee aber wieder ausgetrieben. Ich werde Ihnen und den anderen Soldaten auf Mesopotamia auch weiterhin mit meinen Befehlen auf den Geist gehen und für den nötigen Drill sorgen, solange ich hin und wieder mit solchen Leckerbissen versorgt werde.«

Schneider lächelte erleichtert. »Das freut mich außerordentlich«, bekräftigte sie aufrichtig.

In diesem Moment gab die in Vegas’ Schreibtisch integrierte Sprechanlage Laut. Ein Blick auf die Anzeige verriet dem Oberst, dass der Anruf direkt aus dem Hautquartier der Babylonischen Flotte kam.

Vegas bedeutete der jungen Frau mit einem Wink, sich zurückzuziehen.

Schneider grüßte daraufhin militärisch und eilte aus dem Zimmer hinaus.

Vegas drückte auf die Verbindungstaste. »Marschall Bulton«, sagte er in aufgeräumter Stimmung. »Was verschafft mir denn diesmal die Ehre Ihres Anrufes?«

Das dreidimensionale Konterfei des Marschalls baute sich über dem Projektor auf.

»Guten Tag, Oberst Vegas«, sagte er nüchtern und kam dann gleich zur Sache. »Wie sieht es aus, sind Sie und die ANZIO zurzeit ausgelastet?«

Vegas lachte trocken auf. »Es läuft das übliche Ausbildungsprogramm. Momentan werden Lande- und Startprozeduren geübt sowie das Hantieren an den Apparaturen vertieft. Die Anwärter der Flotte der Unabhängigen Siedlerwelten und die Kadetten und Rekruten von Babylon und Eden machen sich ganz gut. Warum fragen Sie?«

»Wären Sie bereit, mit dem Schulschiff auf Mission zu gehen?«, blieb Bulton vage.

»Derzeit ist der ANZIO keine feste Rekrutenmannschaft zugeteilt«, erwiderte Vegas. »Aber der Stammbesatzung kann es sicher nicht schaden, mal wieder einen echten Einsatz zu fliegen.«

»Könnten Sie sich vorstellen, ins Zentrum der Milchstraße aufzubrechen, um dort an dem Miniuniversum einen Forschungsauftrag durchzuführen?«

Vegas furchte die Stirn. »Den Sold für die Besatzungsmitglieder zahlt zwar die Babylon-Regierung, und für den Unterhalt des Schiffes kommt Eden auf, trotzdem gilt die Abmachung, dass ich mir weder von Eden noch von Babylon in meine Arbeit hineinreden lassen muss.«

»Derartiges hatte ich auch nicht vor«, beschwichtigte Bulton. »Betrachten Sie mein Anliegen einfach als Vorschlag.«

»Das Unternehmen wird also nicht unter der Schirmherrschaft der Babylonischen Streitkräfte durchgeführt?«, vergewisserte sich der Oberst. »Ich habe nämlich ganz sicher nicht vor, meine Leute als Vorhut für irgendeine Militäraktion der BF einzusetzen.«

»Seien Sie unbesorgt, Mister Vegas. Diese Mission hat einen übergeordneten Status. Sie wird von der Babylon-Regierung ebenso gewollt wie von Eden. Die Unabhängigen Siedlerwelten haben ebenfalls bereits signalisiert, dass dieses Unternehmen ihre Zustimmung findet.«

»Was genau erwartet man denn von uns?«

»Es müssen weiterführende Informationen über das kosmische Phänomen gesammelt werden«, erläuterte Bulton. »Es soll ein Katalog von Experimenten erarbeitet und durchgeführt werden – unter Berücksichtigung der bisher über das Miniuniversum gesammelten Fakten. Das ist unerlässlich, da das Agieren in der Nähe der Anomalie mit gewissen Risiken verbunden ist.« Der Marschall legte eine kurze Pause ein. »Aus diesem Grund wird die ANZIO von Rikers Spezialverband eskortiert werden.«

Vegas’ Miene verdüsterte sich. »Sie wollen die Unabhängigkeit des Schulschiffes doch wohl nicht durch einen diplomatischen Winkelzug aushebeln, Mister Bulton? In der Begleitung dieses übermächtigen Kampfverbandes der BF ist meine Befehlsgewalt über meine Leute nahezu bedeutungslos.«

»Sie werden den Oberbefehl über das gesamte Kontingent erhalten, Mister Vegas.« Der unbewegten Miene des Marschalls war nicht anzusehen, was er über diese Weisung dachte.

Vegas verblüffte die Ankündigung so sehr, dass es ihm für einen Moment die Sprache verschlug. Der »Vorschlag« des Flottenchefs der BF begann ihm langsam zu gefallen.

»In Ordnung«, sagte er gedehnt. »Unter diesen Voraussetzungen wäre ich bereit, mit dem Schulschiff zum Zentrum der Milchstraße aufzubrechen.« Innerlich jubilierte der Oberst. Diese Chance, dem von ihm inzwischen als stumpfsinnig empfundenen Alltag im Ausbildungszentrum auf Mesopotamia zu entrinnen, kam ihm mehr als nur gelegen.

»Ich schlage vor, Sie kommen mit der ANZIO nach Babylon, um von hier aus dann zusammen mit Rikers Spezialverband zum Zentrum der Milchstraße aufzubrechen«, sagte Bulton.

Vegas nickte zustimmend. »Die laufenden Übungen abzubrechen und die Stammmannschaft zu instruieren wird nicht lange dauern. Ich denke, in knapp einer Woche wird die ANZIO das Eschunna-System erreichen.«

»Riker und sein Verband werden sich Ihnen zur Verfügung halten, Mister Vegas.« Bulton zwang sich zu einem Lächeln. »Es freut mich, dass wir uns einigen konnten. Die Erforschung des Miniuniversums ist eine wichtige Angelegenheit. Die Umstände zwingen uns allerdings, dabei ungewöhnliche Wege zu beschreiten. Doch wir können mit dem nun Erreichten zufrieden sein, denke ich.«

Vegas verzichtete darauf, auf die letzte Bemerkung des Marschalls einzugehen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, was hinter den Kulissen vor sich gegangen war, ehe die Verantwortlichen sich dazu entschlossen hatten, ihn, Vegas, um Unterstützung zu bitten. Das Problem, welches das Miniuniversum darstellte, besaß kosmische Ausmaße. Trotzdem erlaubten es die Gegebenheiten in der Milchstraße nicht, dieser Angelegenheit schnell und angemessen zu begegnen. Kompromisse musste geschlossen und Abmachungen ausgehandelt werden.

Wie so oft hing das Überleben vieler von den Entscheidungen einiger weniger, in ihren Machtstrukturen gefangener Entscheidungsträger ab. Es freute Vegas daher ungemein, dass er nun in völliger Unabhängigkeit dazu beitragen konnte, gegen die drohende Gefahr vorzugehen.

Er verabschiedete sich von dem Marschall und erhob sich aus seinem Sessel. Bevor er hinausging, bedachte er die Reste auf seinem Kuchenteller mit einem wehmütigen Blick, doch jetzt gab es für ihn Wichtigeres zu tun, als sich am Geschmack eines Kirschkuchenstückes zu erfreuen.

*

Als Vegas ins Freie trat, schlug ihm tropische Hitze und der exotische Geruch des Urwaldes entgegen, der den Stützpunkt umgab. Die kleine Garnisonsstadt war immer noch im Entstehen begriffen, doch viele der Gebäude waren bereits fertiggestellt. Auf den Plätzen und den Straßen marschierten Rekruten in den Uniformen der BF und der Unabhängigen Siedlerwelten. Hier und da stachen einige Soldaten, die in die Kluft von Vegas’ Truppe gekleidet waren, optisch hervor. In Tarnfarben gehaltene Gleiter flogen zwischen den Übungsplätzen und den Kasernengebäuden hin und her.

Vegas drehte sich um und spähte zum Raumhafen hinüber. Über das Landefeld aus Betonplast wehte Laub. Die ANZIO, ein Ovoid-Ringraumer der Rom-Klasse, stand in der Mitte der Ebene. Außer dem Schulschiff hielt sich momentan kein weiterer Raumer auf Mesopotamia auf. Vor der Rampe standen mehrere Rekruten, die von einer Frau in der Uniform von Vegas’ Truppe Instruktionen erhielten. Unter dem Helm der kräftig wirkenden Frau lugte ein rotes Tuch hervor.

Vegas lächelte verhalten. Stabsunteroffizier Maria Morales war genau die Richtige, um die Stammbesatzung der ANZIO schnell zusammenzutrommeln und einige Rekruten auszuwählen, die sie während der bevorstehenden Mission begleiten sollten.

Voller Tatendrang stieg der Oberst in seinen Gleiter, um sich auf den Weg zum Raumhafen zu machen.

2.

Gelassen trat Roy Vegas aus dem Transmitter an Bord der NARVIK hinaus. Er wurde von Dan Riker bereits erwartet. Die beiden Männer reichten sich freundschaftlich die Hand, nachdem sie sich militärisch gegrüßt hatten.

»Willkommen im Flaggschiff des Spezialverbandes, Oberst. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie die Mühe nicht scheuen, sich zu mir zu begeben, anstatt darauf zu bestehen, dass ich zu Ihnen komme.« Riker lächelte zuvorkommend, als er dies sagte.

Vegas winkte ab. »Ich wollte nicht überheblich wirken«, erwiderte er. »Ich vermute, es ist nicht ganz leicht für Sie, das Kommando über den Verband an mich abzutreten. Obwohl Sie den höheren Rang bekleiden, obliegt mir nun die Leitung dieser Mission.«

Riker setzte sich Richtung Zentrale in Bewegung, und Vegas folgte ihm. »Zugegeben, diese Situation ist etwas gewöhnungsbedürftig. Doch ich vertraue auf Ihren reichen Erfahrungsschatz und habe daher keine Bedenken.«

Die in der Zentrale anwesenden Offiziere grüßten kurz, während die beiden Männer den Raum betraten.

Riker führte Vegas vor die Bildkugel, in der der Spezialverband abgebildet wurde.

Die Schiffe schwebten außerhalb der Mondkreisbahnen der babylonischen Trabanten im All. Die zwölf Ovoid-Ringraumer bildeten eine gerade Linie mit einem Abstand von jeweils einer Lichtsekunde. Die drei Ikos formten außerhalb dieser Anordnung zwischen den Ringraumern sechs und sieben ein gleichschenkeliges Dreieck. Jeweils vier Spezial-Flash verharrten vor und hinter dem Verband, wobei sie ein Quadrat mit einer Seitenlänge von einer Astronomischen Einheit bildeten.

Die ANZIO schwebte abseits der Formation im Leerraum. Das Schulschiff war vor knapp einer halben Stunde nach einem knapp einwöchigen Flug bei dem Kampfverband eingetroffen.

Riker deutete auf die NARVIK. »Ich schlage vor, Sie reihen die ANZIO hinter dem Flaggschiff ein, Mister Vegas.«

Der Oberst nickte beipflichtend. »Ich hatte mir bereits gedacht, dass Sie so etwas vorschlagen würden, Sir. Ich finde es ebenfalls sinnvoll, wenn das Schulschiff Bestandteil der von Ihnen bevorzugten Flugformation wird.« Vegas verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Während des Fluges ins Eschunna-System hatte ich genug Gelegenheit, mich mit den verschiedenen Taktiken Ihres Spezialverbandes vertraut zu machen.«

»Im Regelfall springen während einer Transition die vorderen Flash fünf Sekunden vor dem ersten Ringraumer«, ließ es sich Riker trotzdem nicht nehmen, die Prozedur zu erklären. »Spüren die Flash keine Gefahr auf, springen die Ringraumer nacheinander, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, hinterher, wobei die in einer Ebene fliegenden Ikos gemeinsam transitieren. Der Hauptverband sollte für diese Aktion nicht länger als sieben Sekunden benötigen. Die Flash-Nachhut folgt nach weiteren fünf Sekunden, sodass der Gesamtvorgang insgesamt siebzehn Sekunden in Anspruch nimmt.«

»Diese Prozedur sollte auch mit der ANZIO im Verbund nicht wesentlich länger dauern«, erwiderte Vegas. »Diese Herausforderung wird eine gute Übung für meine Mannschaft abgeben.«

»Die versetzten Transitionen rufen nicht ganz so heftige Strukturerschütterungen hervor, wie eine simultane Transition, die nur im Notfall erfolgen sollte«, fuhr Riker unerschütterlich fort. »Der Verband ist somit nicht ganz so leicht zu orten. Allerdings möchte ich vorschlagen, überwiegend mit Sternensog zu fliegen. Dadurch würden wir nicht nur Treibstoff sparen, sondern der Verband wäre dann auch schneller am Ziel.«

»Meinetwegen«, erwiderte Vegas und zuckte mit den Schultern. »Für Transitionen gibt es ja eigentlich auch keine zwingende Veranlassung, da wir uns vor niemanden verbergen oder gar unsere Reiseroute geheim halten müssen.« Vegas sah den Konteradmiral unumwunden an. »Halten wir uns nicht länger mit Besprechungen auf, Mister Riker. Unser Vorgehen können wir während des Fluges, der mindestens eine Woche in Anspruch nehmen wird, gemeinsam abstimmen.«

Riker grinste. »Sie wollen keine Zeit verlieren, das gefällt mir. In meinem Verband ist es allerdings üblich, die Schiffskommandanten per Konferenzschaltung an relevanten Entscheidungen teilhaben zu lassen, sodass ihnen die Möglichkeit gegeben wird, Ideen beizutragen oder Kritik anzubringen.«

»An dieser Gepflogenheit sollten Sie ruhig festhalten, Mister Riker. Ich habe sowieso nicht vor, während dieser Mission einsam gefasste Verfügungen zu erlassen. Wir alle müssen zusammenarbeiten. Dazu gehört auch, die Einwände von Beteiligten anzuhören und zu berücksichtigen.«

»Ich denke, unsere Zusammenarbeit ruht auf einem stabilen Fundament«, zeigte sich Riker zufrieden. »Von mir aus kann die Reise in Kürze beginnen.«

Vegas nickte beipflichtend, grüßte zum Abschied in die Runde und schüttelte Riker noch einmal die Hand. Anschließend verließ er die Zentrale, um per Transmitter in die ANZIO hinüberzuwechseln.

*

Ohne Zwischenfälle traf der durch die ANZIO erweiterte Kampfverband nach einwöchigem Flug bei der Anomalie in der Nähe des zentralen Schwarzen Lochs im Mittelpunkt der Milchstraße ein. Die Spezial-Flash orteten die Umgebung mit ihren Hochleistungsanlagen durch, konnten jedoch nichts Verdächtiges aufspüren. Die Region schien verlassen zu sein. Nur die Trümmer einiger Drohnen und Sonden verrieten, dass hier vor Kurzem Raumfahrer zugegen gewesen waren. Die Bruchstücke konnten jedoch alle entweder der Ausrüstung der POINT OF oder der zerstörten Forschungsstation der verbrecherischen Utaren zugeordnet werden, sodass ihr Vorhandensein keine weiteren Fragen aufwarfen.

Nachdem festgestellt worden war, dass den Schiffen keine akute Gefahr drohte, ließ Riker die Formation auflösen.

Wie während des Fluges besprochen brachte Vegas das Schulschiff bis auf wenige Kilometer an das schwarz schillernde Miniuniversum heran, das jetzt den Durchmesser eines mittleren Planeten aufwies. Die drei Ikos blieben in der Nähe der ANZIO, während die Ovoid-Ringraumer in verschiedene Umlaufbahnen um die Anomalie herum einschwenkten, um dort zu patrouillieren.

Unterdessen herrschte in der Wissenschaftlichen Abteilung des Schulschiffes Hochbetrieb. Hauptakteure an den technischen Einrichtungen waren der Physiker Tchéky Hobin sowie die beiden Leutnants Jeffrey Lee Kana und Derek Stormond. Die beiden jungen Truppenführer absolvierten in der ANZIO auf Vegas’ ausdrücklichen Wunsch hin eine Ausbildung zum Wissenschaftsoffizier. Nachdem sie auf Sahara ein Bad im Jungbrunnen genommen hatten, um ihre schweren Verletzungen zu kurieren, verbesserte sich die Qualität ihrer physiologischen Werte auf erstaunliche Weise, und auch ihre Intelligenz nahm erheblich zu. In den beiden Männern hatten sich Qualitäten entwickelt, die Vegas nicht verschwenden wollte, indem er die beiden Männer gewöhnliche Soldatendienste verrichten ließ. Bisher hatte er diesen Schritt nicht bereut, denn Stormond und Kana entwickelten sich zusehends zu zwei hervorragenden Wissenschaftlern.

»Das Miniuniversum hat sich weiter ausgedehnt – das war auch nicht anders zu erwarten«, stellte Hobin fest, während er die abgespeicherten Messwerte, die von der Anomalie aufgenommen worden waren, mit den aktuellen Vermessungen verglich. Der Physiker tschechischer Abstammung wirkte wie immer düster und verschlossen, ein Eindruck, der nicht nur durch seinen dunklen Teint und das kräftige schwarze Haar hervorgerufen wurde, sondern sich auch in seinen verkniffen wirkenden Gesichtszügen äußerte.

»Noch ist der Ausdehnungsprozess mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar«, sagte Kana, dessen Selbstvertrauen nach dem Tauchgang im Jungbrunnen nahezu unerschütterlich war. Das von dunkelblondem Haar gerahmte jugendlich wirkende Gesicht ließ jedoch kaum etwas von der erstaunlichen Charakterfestigkeit des jungen Mannes erahnen. »Es dürfte aber nicht mehr allzu lange dauern, bis sich dies ändert. Die Ausdehnungsgeschwindigkeit nimmt laut den Werten nämlich beständig zu.«

Stormond, der sich die wenigen Aufnahmen ansah, die vom Innern des Miniuniversums gemacht worden waren, furchte die Stirn. Beunruhigt beugte sich dunkelhaarige Offizier vor, als wollte er die Ortungsbilder mit seinen braunen, stechenden Augen sezieren.

Die Daten wurden von den vor der Hülle des Miniuniversums kreuzenden Spezial-Flash direkt ins Labor gesendet. Zu nahe durften die Flash-Piloten der Anomalie allerdings nicht kommen, andernfalls würde sich die schwarz schillernde Universumshülle verhärten, sodass sie mit den Ortungsanlagen nicht mehr durchdrungen werden konnte. Die eingehenden Datenströme besaßen eine hohe Auflösung und ließen von den Galaxien im Außenbereich des Miniuniversums erstaunliche Einzelheiten erkennen.

»Das müssen Sie sich unbedingt ansehen, Mister Hobin!«, rief Stormond aufgeregt.

Der Physiker und Kana traten an das Arbeitspult heran.

Die auf dem Bildschirm dargestellte Aufnahme zeigte mehrere, dicht beieinander liegende Sonnensysteme am Rand einer Spiralgalaxis.

Metallisch aussehende Fäden verbanden die Planeten der einzelnen Systeme miteinander. Die Welten bewegten sich alle auf identischen Bahnen um die Sonnen herum und bildeten auffällige Konstellationen, sodass die metallischen Verbindungen verschlungene Muster formten. Die spinnwebartigen Fäden verliefen sogar quer durch den Leerraum und stellten Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sonnen her.

»Ein unglaubliches Konstrukt«, staunte Kana euphorisch. »Diese sonnensystemübergreifenden Anlagen wurden inzwischen offenbar noch ausgebaut. Auf den etwas älteren Aufnahmen, die uns vorliegen, sind diese metallischen Verbindungen längst nicht so komplex, wie es jetzt der Fall ist.«

»Solche Bauten sind in der Praxis eigentlich nicht durchführbar«, überlegte Hobin laut. »Die Schwerkraft der Planeten müsste die Metallverbindungen wegen ihrer enormen Masse und ihres Gewichtes zum Einsturz bringen. Stellen Sie sich einmal vor, wie viel ein Stahlseil oder eine Metallröhre wiegen müsste, die zwischen Erde und Mond gespannt würden. Sie müssten unweigerlich zerreißen und auf die Himmelskörper herabstürzen.«

Kana rieb sich den Nasenrücken. »Vermutlich wurden im Miniuniversum ultraleichte Materialien verbaut, von denen wir uns keine Vorstellung machen können.«

»Eigentlich wollte ich Sie noch auf etwas ganz anderes aufmerksam machen«, schaltete sich nun Stormond ein. »Viel beunruhigender als die sonnensystemübergreifenden Konstruktionen sind die verlangsamten Rotationsgeschwindigkeiten der Planeten und Sonnen, die nicht in das Konstrukt einbezogen wurden.« Stormond deutete auf eine längere Zahlenkolonne. »Diese Daten beschreiben die Veränderungen, die sich zwischen den einzelnen Beobachtungsphasen in Bezug auf die Rotations- und Sonnenumlaufgeschwindigkeiten der Planeten ergeben haben.«

Kana kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Die Verlangsamung der Bewegungen der Himmelskörper könnte ein Anzeichen dafür sein, dass sich der Zeitablauf innerhalb des Miniuniversums extrem verändert hat.«

»Die Zeit verlangsamt sich, und zwar im gleichen Maße wie die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Miniuniversums wächst«, bekräftigte Stormond.

Hobin stellte am Eingabemodul des Hyperkalkulators rasch ein paar Berechnungen an. »Die Hochrechnung ergibt, dass das Miniuniversum zu dem Zeitpunkt, wo sich der Zeitablauf darin demjenigen in unserem Universum angeglichen hat, auch die Ausdehnung unseres Universums erreicht haben wird.«

Kana schüttelte geschockt den Kopf. »Zu diesem Zeitpunkt werden beide Universen allerdings längst aufgehört haben zu existieren.«

Stormond nickte beipflichtend. »Das alles ist uns ja bereits hinlänglich bekannt. Was wir bisher aber noch nicht wussten, ist, dass die ersten katastrophalen Auswirkungen schon deutlich früher spürbar sein werden als bisher angenommen. Wenn die Ausdehnungsrate sich weiterhin so entwickelt wie bisher, woran ich nicht zweifle, werden in etwas mehr als sechs Monaten erste Wechselwirkungen zwischen dem Miniuniversum und dem Schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße zu registrieren sein.«

In die Gesichter der umstehenden Assistenten stand der Schrecken geschrieben.

»Können wir denn nichts unternehmen?«, fragte Robert Plotnikoff, Chefgeologe an Bord der ANZIO. Seine Miene drückte Ratlosigkeit und Verzweiflung aus.

Hobin rieb sich angestrengt den Nacken. »Alles was wir zurzeit tun können, ist, unsere Berechnungen zu konkretisieren, damit wir wissen, wie viel Zeit uns tatsächlich noch bleibt und welche Konsequenzen wir zu erwarten haben.«

»Am besten, wir schließen uns mit der Wissenschaftlichen Abteilung der NARVIK zusammen«, regte Kana an. »Je schneller wir Gewissheit über das Schicksal der Milchstraße erlangen, desto eher könnten wir Strategien entwickeln, wie dieser Katastrophe begegnet werden kann.«

Hastig wandte sich Stormond der Kommunikationseinheit zu, um eine Verbindung zum Flaggschiff herzustellen.

*

Die verkleinerte, dreidimensionale Darstellung von Anja Riker schwebte wie eine feenhafte Erscheinung über dem Projektor des stationären Viphos der Wissenschaftlichen Abteilung in der ANZIO. Stormond und Kana konnten sich an der aufregenden Figur der ehemaligen Chefmathematikerin der GALAXIS gar nicht sattsehen. Der etwas zu enge Pulli schmiegte sich wie eine zweite Haut um Anjas Oberkörper. Ihr blondes Haar und die niedliche Stupsnase trugen ihr Übriges dazu bei, die Fantasie der beiden jungen Offiziere ordentlich anzuheizen.

»Ich fungiere für die an den Untersuchungen beteiligten Wissenschaftler des Spezialverbandes als Sprachrohr«, erläuterte die Ehefrau des Konteradmirals mit einer Nüchternheit, die einen harten Kontrast zu ihrem aufregenden Körper bildete. »Führender Kopf unserer Gruppe ist der Astrophysiker Mahindra Neru.«

»Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen und all den anderen namhaften Wissenschaftlern zusammenarbeiten zu dürfen«, erklärte Hobin. Und weil Stormond und Kana keine Anstalten machten, etwas anderes zu tun, als das Hologramm anzustarren, fuhr er fort: »Meine beiden Mitarbeiter haben aufgrund der vorliegenden Daten bereits eine Theorie entwickelt. Sie gehen davon aus, dass die Hyperraumstrahlung im Zuge der gegenseitigen Beeinflussung von Miniuniversum und Schwarzem Loch erheblich ansteigen wird.«

Anja nickte gewichtig. »Zu einer ähnlichen Einschätzung sind wir ebenfalls gekommen. Mister Neru meinte sogar, es bestünde die Gefahr eines Whiteout.«

Die beiden jungen Offiziere erwachten endlich aus ihrer Anbetungsstarre. Stormond lud aus dem Archiv die Daten über den Weißen Blitz in seinen Suprasensor und begann, sie in seine Berechnungen einzupflegen.

»Es stimmt tatsächlich!«, rief er nach kurzer Zeit aus. »Die Wechselwirkung zwischen Schwarzem Loch und der Anomalie wird während des Annäherungsprozesses irgendwann ein Niveau erreichen, das unweigerlich einen Weißen Blitz hervorrufen wird!«

»Das könnte bereits in knapp einem halben Jahr der Fall sein«, konkretisierte Kana die Hypothese seines Kameraden. »Da es sich bei dem Phänomen diesmal aber nicht um eine einmalige Sekundärwirkung handelt, wie sie seinerzeit durch die Transition der Galaxis Drakhon hervorgerufen worden war, wird der Whiteout diesmal höchstwahrscheinlich zu einer langanhaltenden Erscheinung werden.«

Anja verschränkte unbehaglich die Arme vor der Brust. »Statt eines einzigen Blitzes, der sich schalenförmig und überlichtschnell aus dem Zentrum der Milchstraße heraus ausbreitet, hätten wir es dann also gleich mit einem ganzen Gewitter aus aufeinanderfolgenden Schockwellen zu tun.«

Hobin schluckte trocken. »Die Reichweite des Weißen Blitzes ist uns nach wie vor nicht genau bekannt. Sie umfasste damals zumindest die Milchstraße und die Graue Zone mit den darin eingebetteten Leerraum-Systemen. Wir können also nicht ausschließen, dass der neue, stroboskopartig auftretende Whiteout auf lange Sicht gesehen auch andere Galaxien gefährdet.«

»Die von den weißen Blitzen überrollten organischen Lebewesen würden folglich von einer mehrstündigen Bewusstlosigkeit in die nächsten fallen«, malte Stormond das Schreckensszenario bildhaft aus. »Sämtliche technischen Erzeugnisse der Mysterious, die sich nicht unter einem permanenten Intervallfeld befinden, werden auf subatomarer Ebene zerstört werden. Damals forderte die Katastrophe allein auf Terra fünfzig Millionen Tote. Diesmal ist dann wohl damit zu rechnen, dass die Menschheit komplett ausstirbt.«

Anja drehte den Kopf, offenbar sah sie zu einer in ihrer Nähe stehenden Person hinüber. »Mister Neru hat soeben errechnet, dass die Milchstraße in spätestens zwei oder drei Jahren vollends destabilisiert und zerstört sein wird«, sagte sie rau.

»Wir müssen unsere Erkenntnisse sofort publik machen!«, forderte Hobin. »Die Regierungen sämtlicher raumfahrender Sternenvölker in der Milchstraße müssen erfahren, was uns Schlimmes bevorsteht!«

3.

Mit einem schrillen Schrei schreckte Nirobi aus dem Schlaf. Sein Oberkörper ruckte so abrupt in die Höhe, dass das Schlafvlies zu Boden fiel und sein bepelzter, dürrer Leib entblößt wurde.

Schläfrig etwas vor sich hin brummelnd tastete Dapai nach ihrem hochgeschreckten Geliebten, fuhr mit den Fingern über den dicken weichen Pelz seines Bauches. Die kurzen steifen Borsten, die das Fell an Länge ein wenig überragten und unterschiedlich dick waren, erzeugten ein leises Kratzen, als Dapais Finger darüber hinweg fuhren. Sie zog die Hand abgestoßen zurück, als sie bemerkte, dass der Pelz ihres Freundes vor Schweiß ganz klamm geworden war.

»Hattest du wieder einen Albtraum?«, erkundigte sie sich schlaftrunken und schob den Greifschwanz unter ihrem Schlafvlies hervor. Langsam bewegte sie den dunkel gefärbten Schwanz auf Nirobi zu und stupste sein Knie mit der Spitze zärtlich an.

Nirobi nickte und rieb sich dabei den Schlaf aus den Augen. Anschließend drehte er den Kopf und sah auf seine Freundin hinab.

Keck schaute Dapai mit ihren dunklen Knopfaugen zu ihm auf. Der Mund in ihrem spitzen Gesicht verzog sich zu einem unsicheren Lächeln. Das durch das Fenster hereinscheinende Licht der aufgehenden Sonne ließ ihre großen rundlichen Ohren, die gänzlich unbehaart und papierdünn waren, fast durchsichtig erscheinen.

»Was siehst du mich so merkwürdig an?«, fragte sie unbehaglich und zog das Vlies bis an den Halsansatz hoch.

Nirobi presste die Zähne so fest aufeinander, dass seine Schnurrhaare zu vibrieren anfingen. »Ich … ich habe geträumt, dass du die Kinder eines anderen Mannes in deinem Bauchbeutel aufziehst«, brachte er verstört hervor.

Dapai schnaufte entnervt und schleuderte das Vlies von sich. Sie griff sich an den Bauch und zog die Lippen ihres Beutels auseinander. »Siehst du«, sagte sie herausfordernd. »Mein Beutel ist leer. Du hast bloß geträumt!«

Nirobi, der bemerkte, dass er seine Freundin verärgert hatte, wollte nach ihrem Greifschwanz fassen.

Doch sie zog den Schwanz beleidigt zurück und setzte sich auf. »Du solltest dich nicht länger gegen meinen Kinderwunsch sperren, Nirobi, denn dann plagen dich vielleicht auch keine Albträume mehr!«, behauptete sie.

Nirobi verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn wir Kinder bekommen, wird einer von uns sein Studium aufgeben müssen, Dapai. Die Aufzucht der Kleinen ist ein mühevolles, zeitraubendes Geschäft.«

»Und wenn schon«, schnappte Dapai und drehte sich von Nirobi weg, sodass er die schwarzgraue Maserung ihres Rückenfells sehen konnte. Sie wusste, wie sehr ihn ihr Rückenfell anzog. Nur aus diesem Grund präsentierte sie es ihm jetzt. »Das Studium für die Aufzucht unseres Nachwuchses zu opfern ist doch keine große Sache!«

»Keine große Sache also …« Nirobi spürte, wie auch er langsam wütend wurde. »Würdest du dein Wirtschaftsstudium denn aufgeben wollen, Dapai?«

Ihr Kopf fuhr ruckartig zu ihm herum. »Das kommt doch überhaupt nicht infrage! Wer soll denn für den Unterhalt der Familie sorgen, wenn nicht ich, wenn ich nach dem Studium einen Posten in einem der führenden Wirtschaftsunternehmen unseres Landes ergattere? Du etwa?« Sie schnaufte verächtlich. »Wer braucht schon einen Astronomen? Deine Berufsaussichten sind doch dunkler als das All, mein Lieber!«

»Ich könnte eine Anstellung im Raumfahrtinstitut bekommen«, begehrte Nirobi auf. Beleidigt scharrte er mit seinem Greifschwanz über das Graslaken. »Ich hätte gute Aussichten, dort eingestellt zu werden und eine Laufbahn als Astronaut einzuschlagen.«

Dapai schüttelte entschieden den Kopf. »Nein mein Lieber, dein Einkommen würde kaum ausreichen, um eine Familie zu ernähren. Ich hingegen würde, wenn die Tragzeit zu Ende ist, so viel verdienen, dass wir uns sogar einen eigenen Bau auf dem Land leisten könnten. Unsere Kinder werden in unserem eigenen Garten spielen und die Maden essen, die du dort züchtest!«

Nirobi sprang aus dem Bett und wirbelte zu seiner Freundin herum. »Ich fühle mich zu mehr berufen als nur zum Madenbauern!«, rief er empört.

Dapai stand ebenfalls auf und schlenderte auf die Badezimmertür zu, um ihr Fell in Ordnung zu bringen, bevor sie zur Universität aufbrach.

»Du bist ein hoffnungsloser Fall, Nirobi«, sagte sie deprimiert. »Wenn du nicht aufpasst, wird sich dein Albtraum am Ende noch bewahrheiten und ich ziehe die Kinder eines anderen Mannes in meinem Bauchbeutel auf.« Sie verschwand im Badezimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Frustriert klaubte Nirobi seinen Schurz vom Boden auf und wickelte ihn um seinen Unterleib. Zuletzt steckte er den Greifschwanz durch die Aussparung des Stoffes, benetzte die Handflächen mit Speichel und strich das zwischen seinen Ohren wachsende Kopffell glatt. Anschließend schulterte er seine Tasche und verließ die Wohnung.

Der Streit mit Dapai hatte seine durch den Traum hervorgerufene Beklemmung noch zusätzlich verstärkt. Er verspürte daher nicht die geringste Lust, zusammen mit seiner Freundin ein Madenfrühstück einzunehmen. Stattdessen wollte er in die Universitätskantine gehen, um sich dort mit seinen Kommilitonen zu treffen und über die Möglichkeiten der Raumfahrt zu diskutieren. Dies würde ihn auf andere Gedanken bringen und ihn seinen Traum wieder vergessen lassen, wie er aus Erfahrung wusste.

*

»Hast du die neuesten Aufnahmen vom Zwergplaneten Grums schon bestaunt?«, fragte Orisi, als Nirobi sich an den Tisch setzte, der den Astronomiestudenten vorbehalten war.

Der Tisch stand abseits in einer dunklen Nische des Speisesaales. Die leicht zugänglichen Tische, auf die das Tageslicht fiel, wurden von den Studenten der monetären Wissenschaften mit Beschlag belegt. Ungebetene Gäste, wie etwa Studenten, die sich mit der Raumfahrt oder der Sternenkunde befassten, mussten damit rechnen, sich schmerzhafte Hiebe von den Greifschwänzen der Wirtschaftsstudenten einzufangen, wenn sie die Dreistigkeit besaßen, sich den begehrten Plätzen auch nur zu nähern.

Nirobi nahm den Fotoabzug entgegen, den Orisi ihm mit begeistert aufgerissenen Knopfaugen hinhielt. Ein ockerfarbener Planet war darauf abgebildet. Die Aufnahme des im nachtschwarzen All schwebenden, fleckigen Himmelskörpers wirkte verwaschen.

»Die Fotos lassen vermuten, dass es sich bei Grums um eine atmosphärelose Welt aus Stein und Eisenerz handelt«, spekulierte einer der anderen Studenten.

Die Strukturen, die sich auf dem Globus abzeichneten, erinnerten Nirobi unwillkürlich an den Bauchbeutel einer Dideldafrau, aus dem drei Neugeborene großäugig hervorschauten. Genauso hatten ihn in seinem Albtraum die Blagen des fremden Mannes angestarrt, während sie sich in Dapais Bauchbeutel tummelten.