Planetenroman 53 + 54: Unsterblichkeit x 20 / Aufstand der Posbis - Peter Terrid - ebook

Planetenroman 53 + 54: Unsterblichkeit x 20 / Aufstand der Posbis ebook

Peter Terrid

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Opis

Die Geschichte der Menschheit ist voller Ereignisse, die sich gleichsam hinter ihrem Rücken ereignen. Manchmal bleiben nach den großen Geschehnissen "lose Fäden" übrig, die jemand verknüpfen muss. So hat einst die Superintelligenz ES den Feinden Terras zwanzig Zellaktivatoren verschafft, um die galaktische Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Bald liegt es an Reginald Bull, diese Geräte zurückzuholen - in nur fünf Tagen ... Anfang des 25. Jahrhunderts befinden sich die Terraner im Kampf gegen die Meister der Insel. Zu ihren treuesten Verbündeten gehören die Posbis. Aber was wäre, wenn die tückischen Meister auf einmal die Posbis beeinflussen? Die beiden Romane wurden von Peter Terrid verfasst, einem der beliebtesten Autoren der PERRY RHODAN-Serie.

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Band 53/54

Unsterblichkeit x 20

Aufstand der Posbis

Peter Terrid

In den Nischen der galaktischen Geschichte

Die Geschichte der Menschheit ist voller Ereignisse, die sich gleichsam hinter ihrem Rücken ereignen. Manchmal bleiben nach den großen Geschehnissen »lose Fäden« übrig, die jemand verknüpfen muss.

So hat einst die Superintelligenz ES den Feinden Terras zwanzig Zellaktivatoren verschafft, um die galaktische Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Bald liegt es an Reginald Bull, diese Geräte zurückzuholen – in nur fünf Tagen ...

Anfang des 25. Jahrhunderts befinden sich die Terraner im Kampf gegen die Meister der Insel. Zu ihren treuesten Verbündeten gehören die Posbis. Aber was wäre, wenn die tückischen Meister auf einmal die Posbis beeinflussen?

Die beiden Romane wurden von Peter Terrid verfasst, einem der beliebtesten Autoren der PERRY RHODAN-Serie.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch

Unsterblichkeit x 20

Zweites Buch

Unsterblichkeit x 20

Wege zur Unsterblichkeit: Ewiges Leben zum Mitnehmen?

Der Unsterblichkeitsrausch in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts legte sich zwar irgendwann, aber die Gier des Menschen nach dem ewigen Leben ließ sich auf Dauer nicht unterdrücken. Man hatte zwar verstanden, dass es nicht mehr möglich war, einfach ins Wegasystem zu fliegen und über die Rätselstrecke Kontakt mit ES aufzunehmen – aber allein das Wissen, dass es ES gab und die Superintelligenz die potenzielle Unsterblichkeit verleihen konnte, reichte für viele aus.

Dennoch beruhigte sich die Lage ein wenig. Sicher, mit den richtigen Kontakten und dem Geld für ein unabhängiges Raumschiff konnte man in der Milchstraße herumfliegen, um das Geisteswesen zu suchen. Einige Zeit lang waren sogenannte Parabelfinder in Mode – teure und komplexe Computerprogramme, deren Hersteller versprachen, man könne mit ihnen die aktuelle Position von Wanderer »bis auf zwei Lichttage genau« bestimmen. Selbstverständlich konnte keines dieser Programme jemals die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen – doch einige Leute (dem Vernehmen nach waren darunter zwei ehemalige Offiziere der Solaren Flotte) wurden reich damit.

Die Solare Administration steuerte zudem vergleichsweise sanft, aber dennoch sehr zielgerichtet gegen. Vielleicht etwas zu langfristig angelegt (aber solcherart ist das Denken relativ unsterblicher Staatsführer), ließ man ab etwa dem Jahr 2070 leicht verzerrte Details zu einem Fall an die Öffentlichkeit dringen, der intern als »Der Flug der Millionäre« geführt wurde.

Im Jahre 2029 hatten sich die superreichen Mabel Rushton, Ronald Börsinger und Lopez Garcia mit einem widerrechtlich angeeigneten Raumschiff und einem verblendeten Flottenoffizier auf die Suche nach Wanderer gemacht – und die Kunstwelt sogar gefunden. Bekanntlich verlief die Expedition für die drei Millionäre tragisch.

Informationen dazu sickerten allmählich durch, sorgsam gesteuert und inhaltlich verzerrt – nicht zuletzt auch, um die noch lebenden Angehörigen zu schützen. Das Sujet erwies sich als sehr populär und wurde insgesamt achtmal verfilmt (in allen Fällen intern von der Regierung gefördert), wobei Kiran Consairs Version aus dem Jahre 2399 nach wie vor als Klassiker gilt.

Die Ära der Zelldusche sollte zwar noch bis 2326 anhalten, aber im frühen 22. Jahrhundert hatte sich in der Öffentlichkeit die Überzeugung durchgesetzt, dass die Unsterblichkeit keine Sache für den »Normalbürger« war und dass die Staatsbürgerschaft des Solaren Imperiums keinen Anspruch auf Unsterblichkeit einschloss.

Dies war, bevor sich die Idee herumsprach, dass man sich die Unsterblichkeit im Sinne des Wortes »um den Hals hängen« konnte. Sicherlich wusste man von Atlan und seinem Zellaktivator, aber es war zudem bekannt, dass es sich um ein nicht übertragbares Einzelstück handelte. Gleiches galt für den Zellaktivator, den Perry Rhodan im Jahre 2103 erhalten sollte. Zwar verschwieg man der Öffentlichkeit die genauen Umstände der Ereignisse (insbesondere den tragischen Tod von Perry Rhodans Sohn Thomas Cardif auf Trakarat), aber ein neuer Unsterblichkeitsrausch kam trotzdem nicht auf.

Aus dieser Episode ergab sich allerdings ein Nachspiel, das sich für die Terraner noch zu einem großen Problem ausweiten sollte ...

1.

Als Burt Rhyan den Mann am Straßenrand stehen und winken sah, wusste er sofort, dass die nächsten Minuten, wenn nicht Stunden, alles andere als angenehm werden würden.

Am liebsten wäre Rhyan weitergefahren, aber der Gedanke an die erschreckende Leere seiner Geldbörse hielt ihn davon ab. Vor knapp zwei Jahren war Burts Vater Odie Rhyan mit seinem Frachtschiff CAROLINA im Weltraum verschollen, und bis die Versicherungsgesellschaften endlich die vertraglichen Summen ausschütteten, würden wahrscheinlich noch zwei weitere Jahre vergehen. Und da Rechtsanwälte grundsätzlich erst dann in Aktion traten, wenn sie Geld gesehen hatten, war Burt Rhyan nichts anderes übrig geblieben, als sich neben seinem Studium als Taxifahrer zu verdingen.

Kunden wie der winkende Mann am Straßenrand gehörten zu der Sorte Fahrgäste, die ein Fahrer bereits nach einer Woche Dienst zu fürchten gelernt hatte. Der Mann war klein und dick, fast schon fett. Man hätte auch sagen können, dass er bei seinem Gewicht mindestens einen halben Meter zu kurz geraten war – das kam auf das gleiche hinaus. Während Burt Rhyan den Gleiter an den Straßenrand steuerte, fand er Zeit, die Einzelheiten der Physiognomie seines Fahrgasts zu studieren.

Da war zunächst einmal das Gesicht. Rot, schwitzend und mit dicken Pausbacken, darüber dünne blonde Haare, straff zurückgekämmt. Die Lippen waren wulstig und feucht, weil der Mann immer wieder die Zunge benutzte, um sie zu befeuchten. Allein die rote Gesichtsfarbe genügte für Burt, in dem Mann einen hochgradigen Choleriker zu vermuten.

Er hielt an und öffnete den Schlag. Mit einem lauten Keuchen setzte sich der kleine Dickwanst in Bewegung und marschierte auf das Taxi zu.

»Junger Mann«, begann der Fahrgast. »Können Sie mir verraten, warum man neuerdings in Ihrem Gewerbe offenbar Halbblinde einsetzt? Ich stehe hier seit fast einer halben Stunde und winke Ihnen. Ein Wunder, dass mich bei dieser Anstrengung nicht schon der Schlag getroffen hat!«

Möge er dich treffen, wünschte Burt Rhyan. Allein die schrille, hohe Stimme des Dicken reichte aus, diesen Wunsch verständlich zu machen.

»Ich wäre Ihnen verbunden«, keifte der Fahrgast weiter, »würden Sie Ihr Fahrzeug endlich in Bewegung setzen. Jede Minute, die ich in diesem Gefährt verbringen muss, treibt meinen Blutdruck in astronomische Höhen!«

»Versuchen Sie es einmal mit autogenem Training«, schlug Burt vor. Eine Sekunde später bereute er diesen Tipp bereits, denn der Dicke steigerte sich in einen Wutanfall, der sein Gesicht noch mehr rötete.

»Wenn ich die Hilfe eines pseudomedizinischen Quacksalbers brauchen sollte, werde ich mich an Sie wenden. Und jetzt fahren Sie endlich los, bevor mich in Ihrem klapprigen Gefährt der Schlag rührt!«

Burt versuchte den Dicken zu kopieren.

»Ich meinerseits wäre Ihnen verbunden, würden Sie mir verraten, wohin Sie gefahren zu werden wünschen? Zentralklinik?«

»Wenn Sie weiterhin versuchen, mich zu ärgern, wird das bestimmt die richtige Adresse sein. Was fällt Ihnen eigentlich ein, mich derart zu insultieren? Ich werde mich über Sie beschweren, vernichten werde ich Sie, jawohl, das werde ich tun! Goshun-See!«

Burt seufzte und ließ den Gleiter anfahren. Immerhin, bis zum Goshun-See war es weit, und das brachte etwas ein. Mit Trinkgeld rechnete Burt nach dem ersten Auftritt des Fettleibigen nicht mehr. Er konnte von Glück sagen, überlegte er sich, wenn ihn sein übellauniger Passagier nicht derart nervte, dass er den Gleiter vor eine Hauswand setzte.

»Fahren Sie nicht so schnell«, keifte es hinter Burt. »Wollen Sie mich umbringen, Sie ...?«

»Nichts liegt mir ferner als das«, versuchte Burt zu kontern. »Zumal Sie noch nicht bezahlt haben.«

»Es ist ein Kreuz mit diesen jungen Leuten. Sie sind frech, aufsässig und unverschämt. Herr im Himmel, haben Sie nicht den Transporter gesehen? Halten Sie gefälligst den Mindestabstand ein. Oder sind Sie etwa blind?«

»Nicht ganz«, gab Burt zu. »Nur sehr kurzsichtig.«

Diese Auskunft verschlug dem Fahrgast fürs Erste die Sprache, aber nicht sehr lange.

»Und dann wagen Sie es, sich ohne Brille hinter ein Steuer zu setzen?«

»Warum nicht?«, antwortete Burt. »Die Fenster sind nach Rezept geschliffen!«

Die schrille Stimme des Dicken erstarb, dann hörte Burt hinter sich ein Brummen, Grollen und Schnaufen, das verdächtig an einen Vulkan kurz vor einer Eruption erinnerte.

Burt beschloss diesem Ausbruch mit einer Frage zuvorzukommen. »Welche Adresse am Goshun-See wünschen Sie? Der See ist ziemlich groß!«

»Werden Sie nicht zudringlich«, keifte der Dicke. »Was geht es Sie an, wen ich besuche? Kümmern Sie sich um ihr Fahrzeug! Was ist das überhaupt für ein Geräusch? Fliegt das Ding vielleicht bald in die Luft?«

»Lediglich der Motor, Sir«, antwortete Burt freundlich.

Im Rückspiegel konnte er sehen, wie sich der Dicke an die Arbeit machte, in möglichst kurzer Zeit eine Bonbonschachtel zu leeren. Erst als er die Aufschrift auf dem Deckel sah, entdeckte Burt, dass es sich bei den Bonbons um Pillen handelte. Wenn sich der Dicke immer derartig mit Medikamenten vollstopfte, war es kein Wunder, wenn er an Bluthochdruck und einem handfesten Leberschaden litt.

Dem pausbäckigen Gesicht nach zu schließen, war der Fahrgast etwa fünfundzwanzig Jahre alt – die restlichen Zeichen sprachen aber eher für fünfzig und mehr. Wenn der Dicke so weitermachte, würde er seine Pensionierung nicht mehr erleben.

Langsam begann Burt das Spektakel zu genießen. Während der Fahrt beschwerte sich sein Fahrgast über die eisige Kälte in dem Gleiter, obwohl er sich bei seinen wütenden Tiraden ununterbrochen mit einem hässlichen rot karierten Taschentuch den Schweiß vom Gesicht wischen musste. Er stellte Vermutungen über Burts Abstammung und Intelligenz an, jammerte über die unerträgliche Hitze und brachte es beiläufig noch fertig, ein einpfündiges Marzipanschwein nebst einem Viertelpfund Magenpillen zu vertilgen. Er verbat sich wütend jeden Kommentar von Burt und beschimpfte ihn wenig später als rücksichtslos und flegelhaft, weil Burt keinen Laut mehr von sich gab.

Während der Dicke schimpfte, jammerte, keifte und fauchte, begann Burt zu überlegen, welchen Beruf sein Fahrgast wohl haben mochte. Als Erstes tippte er auf einen Beamten; nur ein Mann in unkündbarer Stellung konnte sich ein derartiges Benehmen leisten. Möglich war auch, dass es sich um den Leiter eines Mädchenpensionats handelte, oder um einen Chefredakteur. Denkbar war auch, dass der Mann schlichtweg irre war und sich aus einer geschlossenen Anstalt abgesetzt hatte.

»Goshun-See«, verkündete Burt schließlich. Das Taxameter zeigte einen erfreulich hohen Stand. »Wünschen Sie hier abgesetzt zu werden?«

»Wollen Sie mich meinem Schicksal überlassen?«, keifte der Dicke. »Ich werde mir einen Sonnenstich holen, einen Herzinfarkt erleiden oder an völliger Erschöpfung sterben. Steuern Sie nach rechts!«

Burt begann sich zu wundern. Wenn er die Richtungsangabe des Dicken richtig verstanden hatte, wollte sein Fahrgast jenen Bereich am Ufer des Goshun-Sees aufsuchen, in dem die Privatwohnungen der Mitglieder der Administration lagen.

»Fahren Sie schon«, befahl der Dicke schrill. »Denken Sie daran, dass sich bei jeder Minute Stillstand die Temperatur in diesem Teufelsgefährt erhöht. Wenn Sie noch länger zögern, werde ich mein Ziel nicht lebend erreichen!«

Gehorsam ließ Burt den Gleiter anfahren. Der Dicke schien genau zu wissen, wohin er wollte. Es hatte fast den Anschein, als würde er sich in diesem Bereich des Goshun-Ufers sehr genau auskennen. Burt konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass irgendein Mitglied der Administration sich freiwillig diesen feisten Choleriker ins Haus laden würde.

»Halten Sie endlich an, junger Mann. Ich will aussteigen!«

Burt brachte den Gleiter zum Stehen. Er starrte seinen Fahrgast entgeistert an.

»Sie wollen Reginald Bull beläs... suchen?«

»Was geht es Sie an, wen ich beläs... suche? Wie viel habe ich zu zahlen? Wie viel? Junger Mann, ich wollte gefahren werden – ich habe niemals davon gesprochen, dass ich den Bankrott Ihrer Firma abwenden will. Nehmen Sie schon, und dann verschwinden Sie! Ihr bloßer Anblick treibt meinen Blutdruck in die Höhe!«

Der Dicke wälzte sich aus dem Gleiter und drückte Burt einen Schein in die Hand.

»Verschwinden Sie endlich. Den Rest können Sie behalten. Besuchen Sie eine gute Schule davon – ich schlage eine Fahrschule vor!«

Während der Dicke auf die Tür von Reginald Bulls Haus zuwatschelte, betrachtete Burt Rhyan entgeistert den Geldschein in seiner Hand. Dann begann er zu lächeln.

Wahrscheinlich würden nur ein paar Augenblicke vergehen, bis Reginald Bull den Dickwanst hinausbefördern würde. Dann hatte Burt auch für die Rückfahrt einen Passagier, und wenn das Trinkgeld auf der Rückfahrt ähnlich ausfiel, konnte Burt es sich durchaus leisten, seine Freundin zu einem sehr opulenten Abendessen einzuladen.

Interessiert sah Burt zu, wie der Dicke die Türklingel drückte. Wenig später erschien ein Robot in der Tür, und Sekunden danach hatte sich die Tür hinter dem Besucher wieder geschlossen.

Burt Rhyan war verblüfft.

Er konnte nicht wissen, dass kein Mitglied der Administration daran dachte, diesem Besucher die Tür zu weisen. Er konnte auch nicht wissen, dass dieser unausstehliche Mann und seine Mitarbeiter es geschafft hatten, den heimtückischen Überfall der Springer aufzuklären, dem Burt Rhyans Vater zum Opfer gefallen war.

Woher hätte Burt Rhyan wissen sollen, dass er Nike Quinto befördert hatte, den Chef der Abteilung III der Interkosmischen Sozialen Entwicklungshilfe?

Reginald Bull war gerade damit beschäftigt, seinen Drink mit viel Fruchtsaft zu entschärfen, als er den Türsummer hörte. Die Kamera am Eingang verriet ihm rasch, wer ihn in den wenigen freien Stunden, die dem Stellvertreter Rhodans blieben, zu stören wagte. Ein Mann wie Nike Quinto hatte natürlich jederzeit Einlass.

Keuchend und schnaubend betrat Quinto das Wohnzimmer.

»Guten Abend, Sir«, sagte er schrill. »Sie entschuldigen, wenn ich Sie in Ihrer Freizeit störe, aber unaufschiebbare Entscheidungen drängen mich dazu. Andernfalls hätte ich diesen selbstmörderischen Ausflug nicht gewagt. Diese Taxifahrer sind heutzutage der Schrecken der Menschheit. Was sich diese Burschen alles erlauben, grenzt an schwere Körperverletzung. Sie gestatten, dass ich mich setze. Ich befürchte ernstlich, dass ein längeres Stehen meiner Gesundheit einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügen könnte. Besten Dank, Sir!«

Quinto plumpste in den Sessel und holte erst einmal tief Luft. Das Sprechen schien ihn sehr erschöpft zu haben.

»Etwas zu trinken, Oberst Quinto?«, erkundigte sich Reginald Bull freundlich.

»Ist da etwas Alkoholisches drin?«, fragte der Oberst misstrauisch und schnüffelte an dem Glas. »Alkohol ist pures Gift für mich.«

»Nur in homöopathischer Dosierung«, versprach Reginald Bull. »Was führt Sie her?«

»Die Verzweiflung, Sir, die pure Verzweiflung. Eigentlich hätte ich lieber mit Rhodan selbst gesprochen, aber ich weiß, dass der Chef noch etwas ruhebedürftig ist. Ich bin ein Mensch ...«

»Das weiß ich«, warf Bully ein.

»... der auf die Gesundheit anderer immerzu Rücksicht nimmt und Schonung übt, auch wenn man mich selbst unausgesetzt quält und schindet. Also zog ich es vor, den Chef in seinem Erholungsurlaub nicht zu stören. Meine Botschaft würde ihn sicherlich sofort niederstrecken. Sie hingegen, Sir, haben ein Gemüt wie ein Metzgershund, Sie wirft so schnell nichts um, also kam ich zu Ihnen.«

Bully nahm das zweifelhafte Kompliment Quintos ungerührt hin. Er kannte den Oberst und seine Eigentümlichkeiten.

»Sie sind noch nicht zum Kern des Anliegens vorgestoßen«, erinnerte er Quinto sanft. »Worum handelt es sich?«

»Ich gebe Ihnen zunächst nur ein Stichwort, Sir. Ich sage nur: Zellaktivator!«

»Ich habe Zellaktivator verstanden, mein lieber Oberst. Wünschen Sie, dass ich die Temperatur in diesem Raum ändere? Hätten Sie es lieber etwas kälter?«

Quinto hob abwehrend beide Hände.

»Um Himmels willen, nein, Sir. Jeder noch so geringe Temperatursturz hätte mein sofortiges Ableben zur Folge. Es handelt sich um die Zellaktivatoren, wie ich schon ausführte.«

»Um beide?«

Quinto blinzelte verwirrt.

»Hört mir denn kein Mensch zu? Habe ich es denn nur mit Dummköpfen zu tun? Wie kommen Sie auf zwei Aktivatoren?«

»Weil es nur zwei gibt«, antwortete Bully, nun leicht irritiert. »Atlan trägt seit knapp zehntausend Jahren den einen, den anderen trägt seit einigen Monaten der Chef!«

»Unfug«, wehrte Quinto ab. »Was ist eigentlich in diesem Getränk? Apfelsaft? Heiliger Äskulap, wissen Sie denn nicht, was für verheerende Folgen Äpfel in jeder nur denkbaren Erscheinungsform für meine Gesundheit haben? Sie entschuldigen, Sir!«

Quinto förderte eine Pillenschachtel zuwege und suchte eine Zeit lang darin herum, dann zuckte er mit den Schultern und schlang den gesamten Inhalt hinab.

»Ich hoffe, ich werde diese Katastrophe überleben.«

»Sie wollten über Zellaktivatoren sprechen«, erinnerte Bully. »Wenn es weder Atlans noch Rhodans Aktivator betrifft, welche dann?«

»Welche dann!«, wiederholte Quinto fassungslos. »Natürlich die anderen, welche sonst?«

Bully seufzte leicht.

»Was für andere Aktivatoren meinen Sie? Vielleicht erklären Sie mir den Sachverhalt etwas ausführlicher!«

Quinto seufzte ebenfalls, nur entschieden lauter und wehleidiger.

»Also gut«, ächzte er. »Ich bin es gewohnt, allen alles dreimal erklären zu müssen. Sie erinnern sich an Thomas Cardif?«

»Nur zu gut«, sagte Bully. Vorsichtshalber setzte er sich.

»Cardif wurde von den Antis erpresst, die ihn bei seinem heimtückischen Versuch unterstützt hatten, Rhodans Platz einzunehmen. Unter dem Eindruck dieser Erpressung flog Cardif seinerzeit nach Wanderer und verschaffte sich jenen Zellaktivator, der ihm dann zum Verhängnis wurde.«

»Ich erinnere mich, schließlich ist die Angelegenheit erst einige Monate alt. Cardif bekam, weil er es so gefordert hatte, einen Aktivator, der auf Perrys Schwingungen eingestellt war. Die Differenz zwischen Perrys Werten und denen Cardifs führte dann zur Kontraindikation und endlich zum Tod von Thomas Cardif.«

»Richtig, Sir. Aber Cardif hat damals nicht nur einen Aktivator bestellt und bekommen ...«

Reginald Bull sprang auf. Sein Glas fiel auf den Boden, der Inhalt versickerte im Teppich. Bullys Augen waren geweitet.

»Natürlich«, schrie er auf. »Er hat einundzwanzig Aktivatoren bekommen, einen für sich und ...«

»... zwanzig für seine Freunde, die Antis!«, setzte Nike Quinto fort. Er machte ein zufriedenes Gesicht, man konnte ihn fast schon fröhlich nennen.

»Und diese Aktivatoren sind noch immer in den Händen der Antis«, überlegte Reginald Bull laut. Nervös ging er im Raum auf und ab. »Zwanzigmal die Unsterblichkeit, in den Händen der schlimmsten Feinde, die das Imperium hat. Nicht auszudenken, was daraus erwachsen kann. Was wissen Sie von diesen Aktivatoren, Oberst?«

Quinto zuckte hilflos mit den Schultern.

»Meine Mitarbeiter sind unzuverlässig und schlecht«, jammerte er. »Was soll ich mit solchen Leuten machen? Wir wissen nur, dass ein Aktivator auf Utik aufgetaucht ist. Dort hat er für allerhand Verwirrung gesorgt. Er bewirkte nämlich, dass jedermann den Träger für eine wunderschöne Blume hielt, die gepflegt und begossen werden müsse. Einer meiner Mitarbeiter, ein gewisser Meech Hannigan, hat das herausgefunden. Was dann aus dem Aktivator geworden ist, weiß niemand.«

»Wollen Sie den Fall übernehmen?«, fragte Bully erregt.

Quinto zögerte. Zum ersten Mal seit seinem Eintritt klang seine Stimme einigermaßen normal, von der Tonhöhe abgesehen.

»Die Abteilung III ist hoffnungslos überlastet, Sir. Ich kann vielleicht die Spur eines Aktivators aufnehmen – nicht aber die von zwanzig. Das ist ausgeschlossen. Wenn ich mir und meinen Mitarbeitern, diesem unfähigen Gesindel, zugetraut hätte, das Problem zu lösen, wäre ich nicht unter größter Lebensgefahr zu Ihnen gekommen. Ich befürchte, dass das sogar für die Solare Abwehr ein harter Brocken sein wird.«

Bully trommelte mit den Fingerspitzen auf der Platte seines Schreibtischs einen harten Wirbel.

»Ich werde mich selbst um diese Angelegenheit kümmern«, versprach er. »Jedenfalls bin ich Ihnen sehr dankbar, dass sie uns von dieser Gefahr unterrichtet haben.«

»Einer muss ja auf das Imperium aufpassen«, erklärte Quinto selbstsicher. »Stellen Sie sich vor, es gäbe mich nicht! Keine vierzehn Tage hätte das Imperium noch Bestand. Vielleicht verhilft Ihnen diese Einsicht dazu, künftig etwas schonender mit meinem wertvollen Leben umzugehen. Schließlich kann jeder sehen, wie sehr ich leide.«

»Ich werde mein möglichstes tun, Oberst Quinto. Soll ich Ihnen einen Gleiter rufen lassen, der sie zurückbringt?«

»Nicht nötig, Sir. Ich bin sicher, dass der unverschämte Bursche, der mich halb tot hierhergeschafft hat, draußen auf mich wartet. Ich habe ihm viel zuviel Trinkgeld gegeben – jedenfalls für eine einfache Fahrt. Jetzt steht er mit Sicherheit draußen vor der Tür und wartet auf mich, in der Hoffnung, ein zweites Trinkgeld zu ergattern. Er wird sich täuschen!«

Grinsend sah Bully zu, wie Quinto, laut lamentierend, das Haus verließ. Dann wurde Reginald Bull schlagartig ernst. Er dachte geraume Zeit nach, dann schaltete er den Hyperkom ein.

Ein simpler Knopfdruck löste einen Impuls aus. Dieser Impuls raste von Bullys Gerät zur großen Sendestation in Terrania, von dort aus überlichtschnell zur Empfängerstation des Robotregenten auf Arkon III. In einer kaum messbar kurzen Zeitspanne bewirkte dieser Impuls, dass der Privatanschluss des Imperators Gonozal VIII. mit Bullys Gerät verbunden wurde. Gleichzeitig wurden Raffer und Zerhacker zugeschaltet, die es unmöglich machen sollten, dass ein Fremder dieses Gespräch belauschen konnte.

Bully brauchte nur einige Sekunden zu warten, dann erschien auf seinem Bildschirm das unverkennbare Sendezeichen des Robotregenten, und eine Sekunde später war Atlans Symbol zu erkennen.

Der Arkonide blinzelte verwirrt in die Optiken. Er brauchte einige Sekunden, bis er Bully erkannt hatte.

»Bully«, sagte er mit leisem Vorwurf und gähnte ausgiebig. »Ist dir klar, dass es in diesem Bereich von Arkon III Schlafenszeit ist? Was gibt es?«

»Ich habe eine Neuigkeit für dich, die dich sofort hellwach machen wird. Sagt dir das Stichwort Zellaktivator etwas?«

Der Arkonide verfügte über ein fotografisches Gedächtnis und einen hervorragend arbeitenden Logiksektor. Er wusste sofort, was er von diesem Stichwort zu halten hatte.

»Bei Arkon!«, stöhnte er auf. »Die zwanzig Aktivatoren, die Cardif für die Antis besorgt hat!«

»Nike Quinto hat mich gerade daran erinnert. Es ist höchste Zeit, dass wir etwas unternehmen.«

»Hast du Perry informiert?«

Bully schüttelte den Kopf.

»Noch nicht«, gestand er. »Perry braucht nach den Ereignissen der letzten Monate vor allem eines – Ruhe. Vergiss nicht, dass er seinen Sohn verloren hat. Das geht ihm nahe, auch wenn sich dieser Sohn als der übelste Schurke in der Geschichte der Menschheit entpuppt hat. Nein, Arkonidenhäuptling, diese Angelegenheit müssen wir beide erledigen!«

»Tut mir leid, Bully, aber auf mich wirst du dabei verzichten müssen. Ich habe Termine!«

Bully runzelte die Stirn.

»Seit wann nimmst du die Repräsentationspflichten so ernst? Bislang warst du immer heilfroh, wenn wir dich aus der Tretmühle der Etikette befreit haben.«

»In den nächsten Tagen wird der neue Zarlt von Zalit in sein Amt eingeführt. Es ist üblich, dass der Imperator von Arkon diesen Feierlichkeiten den Glanz seiner Anwesenheit verleiht – sofern nicht wichtige Gründe vorliegen.«

»Sind zwanzig Aktivatoren nicht wichtig genug? Willst du noch mehr Ärger?«

Atlan lächelte verhalten.

»Wenn ich nicht erscheine, gebe ich damit zu, dass wichtige Gründe für die Absage vorliegen. Nach außen hin ist im Imperium alles ruhig, keine Aufstände, keine Revolten, keine drohende Gefahr. Was soll ich erklären, warum ich nicht zur Amtseinführung erschienen bin? Herumposaunen, dass es in der Galaxis zwanzigmal das ewige Leben zu holen gibt? Kannst du dir vorstellen, was geschehen wird, wenn diese Information durchsickert? Wer von euch terranischen Barbaren weiß eigentlich von der Angelegenheit?«

»Nike Quinto, ich, Brazo Alkher und alle, die damals mit Cardifs Ausflug nach Wanderer etwas zu tun hatten. Aber auf deren Schweigen ist Verlass. Und die Antis werden die Nachricht auch nicht laut verkünden. Für Geheimhaltung ist also einstweilen gesorgt. Ich weiß natürlich, dass es früher oder später durchsickern wird. Bis dahin müssen wir die Angelegenheit eben aus der Welt geschafft haben.«

»Bully, du bist ein unverbesserlicher Optimist. Ich hoffe, dass du recht behältst. Aber du siehst hoffentlich ein, dass ich unter diesen Umständen unabkömmlich bin, so sehr es mir auch in den Fingern juckt, mich an einer Aktion zu beteiligen. Das Amt eines Imperators ist eine verflixt langweilige Angelegenheit.«

Bully machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Hör zu, Atlan. Ich will mit dieser Angelegenheit keine Positronik beschäftigen, das Risiko erscheint mir zu groß, dass doch jemand von der Sache Wind bekommt. Kann dein Extrahirn nicht ausrechnen, was geschieht, wenn wir diese zwanzig Aktivatoren nicht finden?«

»Es kann nicht nur«, antwortete der Arkonide bedächtig. »Es tut seit einigen Minuten nichts anderes mehr.

Wichtig ist, dass die Besitzer der Aktivatoren unsere Feinde sind. Sie werden in jedem Fall versuchen, diese Tatsache gegen uns auszunutzen. Denn nun haben die Antis vor allem eines – Zeit, sehr viel Zeit sogar. Alle Zeit des Universums. Du kennst diese uralten Milchmädchenrechnungen: Wie viel wird aus einem Soli, zu fünf Prozent angelegt, in tausend Jahren? Die Antis brauchen jetzt nur zu warten, sie haben keine Eile mehr. Sie können warten, bis sie euch das Solare Imperium regelrecht abkaufen können. Irgendwann werden sie durchsickern lassen, dass sie die Aktivatoren besitzen, und dann werden sie überall Anhänger finden. Sie brauchen ihren Gefolgsleuten nur einen Aktivator zu versprechen, und die halbe Galaxis wird hinter ihnen stehen!«

»Sie haben nur zwanzig Zellaktivatoren«, erinnerte Bully.

»Das macht nichts. Sie werden hingehen und ihren Leuten folgendes sagen: Tu dies oder das für uns. Wenn es dir gelingt, werden wir dich in den Kreis der Auserwählten aufnehmen und dir einen Aktivator beschaffen. Aber halt den Mund, verrate keinem etwas. Was werden die Leute tun, die auf diese Weise geködert werden? Sie werden alles tun, was man von ihnen verlangt. Wenn sie dann ihre Belohnung wollen, wird man sie töten. Selbst wenn sich das herumspricht, wird der Trick funktionieren. Jeder wird glauben, dass man ihn nicht täuschen will, dass nur die anderen so dumm waren. Die Aussicht auf relative Unsterblichkeit wird die Intelligenzen der Galaxis blind vor Gier machen.

Und noch etwas. Die Antis können das Gerücht ausstreuen, dass es ihnen gelungen ist, das Herstellungsgeheimnis der Aktivatoren zu lüften. Wenn wir das Gegenteil behaupten, wer wird es glauben? Wer weiß, vielleicht gelingt es ihnen tatsächlich, Aktivatoren herzustellen. Sie können zwei oder drei Geräte für Forschungen zur Verfügung stellen – sie haben ja vorläufig genug davon. Und sie kennen keine Skrupel, vergiss das nicht!«

»Aufhören!«, begehrte Bully auf. »Das genügt. Nur eines noch. Glaubst du, dass ES diesem Treiben der Antis tatenlos zusehen wird?«

Auf dem Bildschirm konnte er sehen, wie Atlan mit den Schultern zuckte.

»Wer weiß, was ES will oder tut? Vielleicht steckt eine Absicht dahinter, die wir jetzt noch nicht begreifen? Eine Herausforderung für euch Terraner, die ihr angeblich alles zuwege bringt, oder ein Wettkampf zwischen Antis und Terranern. Dem Sieger gehört die Zukunft. Du kennst doch den absonderlichen Humor des Geisteswesens!«

»Ich kenne ihn«, sagte Bully betroffen. Auf dem Bildschirm konnte er im Hintergrund sich selbst sehen, wie er gerade ausholte, um Atlan einen Fußtritt zu verpassen. Der Arkonide nahm die Bewegung nicht wahr, er starrte wie gebannt auf seinen Monitor. Erst als Bully einen harten Gegenstand mit ziemlich viel Wucht in seinem verlängerten Rücken fühlte und er nach vorn taumelte, begriff er, dass ES sich bei beiden Gesprächspartnern in Erinnerung gebracht hatte. Während Bully sich mühsam aufrappelte und sich die schmerzende Aufschlagsstelle rieb, hörte er das tobende Gelächter des Fiktivwesens von Wanderer.

»ES scheint sich großartig zu amüsieren«, stellte Bully erbittert fest. »Also gut, ich werde mich um die Aktivatoren kümmern. Wie würdest du in meiner Lage vorgehen?«

Atlan rieb sich nachdenklich den Nasenflügel.

»Ich sehe nur eine Möglichkeit. Du musst Wanderer anfliegen. Ohne die Hilfe von ES wirst du keine Chance haben. Überlege, was du vorhast. Du willst zwanzig Gegenstände dieser Größe« – Atlan hielt seinen Aktivator in die Höhe – »finden, die irgendwo in der Galaxis versteckt sind. Die Chancen, sie zu finden, sind praktisch gleich null.«

Bully machte ein betroffenes Gesicht.

»Weißt du, was du mir da vorschlägst, Atlan? ES mag mich ganz besonders. Wenn ES ein Opfer für einen üblen Scherz braucht, dann verfällt ES mit tödlicher Sicherheit auf mich.«

»Nimm Gucky mit, wenn du dich fürchtest!«

»Alles, nur das nicht«, stöhnte Bully auf. »Der Kleine ist böse auf mich, und du weißt, wie er sich zu revanchieren pflegt. Nein, ich fliege lieber allein. Dir wünsche ich viel Vergnügen auf Zalit. Es gibt dort ...«

»... ich weiß, reizende Mädchen. Mir sind deine einschlägigen Erfahrungen bekannt, Bully!«

Reginald Bull knirschte leise mit den Zähnen. Er mochte es gar nicht, wenn man ihn an jenen Abend erinnerte, an dem er sich von als Mädchen verkleideten Robotern hatte verwirren lassen.

»Auf bald, altes Ekel!«, knurrte er und trennte die Verbindung. Ein Knopfdruck verband ihn wenig später mit dem Raumhafen.

»Machen Sie für mich eine Space-Jet klar, mit Linearantrieb, wenn möglich. Übliche Bewaffnung, ausreichend Lebensmittel und Getränke, vor allem aber einige Kombilader.«

»Wollen Sie den Antis auf den Pelz rücken, Sir?«, erkundigte sich der Hafenverwalter.

»Wer wem auf den Pelz rückt, wird sich noch herausstellen«, brummte Bully missvergnügt. »Ich bin spätestens in zwei Stunden bei Ihnen!«

Zwei Stunden würden, so hoffte er, dazu ausreichen, den jetzigen Standort von Wanderer berechnen zu lassen. Bully gab einen entsprechenden Auftrag an die Rechenzentrale, dann machte er sich daran, seine Sachen zusammenzupacken.

2.

Von solchen Reisen hatte Reginald Bull schon geträumt, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, rothaarig, sommersprossig und der Schrecken seiner Mitbürger. Wenn er nach seinen Streichen, die ihm den Ruf eingetragen hatten, der missratenste Sprössling aller Zeiten zu sein, zum Fluss gegangen war, hatte er sich am Ufer ins Gras gelegt und den Flugzeugen nachgesehen, die vom nahegelegenen Militärflughafen starteten oder dort landeten. Erst hatte er davon geträumt, selbst einmal Pilot zu werden, und dann, als er dieses Ziel erreicht hatte, diesen Traum fortgesponnen. Er hatte Raumfahrer werden wollen.

Was sich allerdings ereignet hatte, seit er auch dieses Ziel erreicht hatte, hatte er sich in keinem noch so kühnen Traum auszumalen gewagt.

In jedem Fall war er jetzt unterwegs, in einem Raumfahrzeug, das seltsamerweise an jene UFOs erinnerte, von denen in seinen Kindertagen immer die Rede gewesen war. Der Diskus seiner Space-Jet durchmaß dreißig Meter und war achtzehn Meter hoch. Normalerweise wurde dieses schnelle kleine Schiff von vier Personen geflogen, aber zur Not reichte ein Mann als Pilot aus.

Vielfach schneller als das Licht raste der Diskus durch jenes Kontinuum, das Professor Arno Kalup Librationszone getauft hatte. Bully konnte die Sterne vorbeifegen sehen, er sah, wie sich die Konstellationen ferner Systeme verschoben. Auf merkwürdige Weise fühlte er sich in der leeren Schwärze des Raumes wohl. Die gewaltigen Distanzen, die er innerhalb von Minuten überwand, hatten für ihn nichts Erschreckendes an sich – obwohl Bully jederzeit in der Lage war, sich auszurechnen, wie lange er zu Fuß hätte laufen müssen, um auch nur einen Bruchteil dieser Distanzen zurücklegen zu können. Von der Sonne bis zur Erde brauchte das Licht trotz seiner Geschwindigkeit von fast 300.000 Kilometern in der Sekunde fast acht Minuten – und jetzt legte Bully in jeder Minute mehr als ein Lichtjahr zurück, mehr als neun Billionen Kilometer.

Die Maschinen der Space-Jet arbeiteten gleichmäßig und ruhig. Der Autopilot steuerte das kleine Raumschiff. Bully hatte ihn mit den Daten des Großrechners gefüttert. Wenn diese Daten stimmten, dann war es nicht mehr sehr weit bis Wanderer.

»Wanderer«, seufzte Bully leise. Er nippte an seiner Tasse. Sie enthielt Tee aus dem Wegasystem, eine würzige Mischung feinster Blätter und Knospen.

»Was hat der alte Schurke diesmal mit mir vor?«, überlegte Bully halblaut. Selbst das Aroma des Tees konnte Bullys Sorgen nicht ganz verdrängen. ES war für seine üblen Scherze bekannt, und es stimmte, was Bully Atlan gegenüber behauptet hatte – auf Reginald Bull hatte ES es besonders abgesehen. Vielleicht lag es daran, dass Bully ein wenig zu dick war, dass er seine roten Haare zu einer Bürstenfrisur stutzte, dass sich die wasserblauen Augen in seinem sommersprossenübersäten Gesicht nicht fortleugnen ließen.

»Was habe ich dem Scheusal eigentlich getan?«, rätselte Bully. Scheu sah er sich um. Wenn es sich um ES handelte, war man nie sicher. Vielleicht hörte er zu. Möglich war alles.

»Linearflug endet in zehn Minuten«, plärrte eine Robotstimme.

Bully seufzte und trank den restlichen Tee. Es half nichts, er musste sich der Gefahr aussetzen, lächerlich gemacht zu werden. Es wäre einem Wunder gleichgekommen, würde ES nicht versuchen, mit Bully den einen oder anderen Scherz zu treiben.

Plötzlich richtete sich Bully auf. Er begann breit zu grinsen.

»Natürlich«, seufzte er erleichtert. »Ich bin ja allein!«

Das setzte dem eigentümlichen Humor des Fiktivwesens zumindest gewisse Grenzen. Bislang war es immer so gewesen, dass ES Bully zum Gespött der Menge gemacht hatte. Nun aber gab es keine Zuschauer, und das nahm der Sache viel von der Gefährlichkeit. Was konnte ES schon groß anfangen, wenn es außer ihm niemanden gab, der über Bully lachen konnte?

Nachdem er diese Einsicht gehabt hatte, war Bully fast schon guter Dinge. Er pfiff leise vor sich hin und hörte erst dann auf, als ihm klar wurde, dass zu diesem Lied ein keineswegs stubenreiner Text gehörte. Unwillkürlich sah er sich um, aber noch war von ES nichts zu hören oder sehen.

Der Autopilot meldete sich ein zweites Mal, getreu den Befehlen, die Bully der Bordpositronik gegeben hatte. Das Flugprogramm lief in wenigen Minuten ab, danach würde sich entscheiden, ob Bully mit der Unterstützung des Wanderer-Bewohners rechnen durfte oder nicht.

ES hatte sich vermutlich versteckt, und es würde sicherlich nicht leicht sein, dieses Versteck zu finden. Wenn überhaupt, war dieses Finden ohnehin nur möglich, wenn ES zuließ, dass jemand sein Refugium besuchte. Der Pakt, den Perry Rhodan und ES seinerzeit geschlossen hatten, besaß seine Tücken. ES hatte sich verpflichtet, Rhodan jederzeit das lebenserhaltende Physiotron zur Verfügung zu stellen, für Rhodan selbst und jeden seiner menschlichen Mitarbeiter, die Perry bestimmte. Das Stoppen des normalen Altersprozesses war Sache von ES; die Aufgabe des Terraners bestand jedes Mal darin, ES und seinen Planeten Wanderer überhaupt zu finden, und das hatte sich einige Male als ziemlich kitzlige Aufgabe erwiesen.

»Linearmanöver Ende!«

Die Robotstimme hatte noch nicht ausgequäkt, da kam die Bewegung der Sterne auf den Schirmen schon zu einem Stillstand. Ohne Erschütterung, ganz sanft, glitt der kleine Raumflugkörper aus der Librationszone in das Normalkontinuum. Mit einem Handgriff schaltete Bully die Taster ein, Massetaster, Energietaster, Strukturtaster. Er verzichtete nicht einmal darauf, die Bilder des kleinen normaloptischen Bordteleskops an die Positronik weiterzuleiten. Mit allen technischen Sinnen suchten die Einrichtungen der Space-Jet nach dem Wunderplaneten.

Minute um Minute verging. Bully saß reglos auf seinem Sessel und wartete.

Warten, das war eine Beschäftigung, die Bully noch nie gemocht hatte. Von all seinen Feinden war die Langeweile der ärgste. Bully brauchte Leben, Trubel, Abwechslung, das stete Gleichmaß war ihm verhasst. Es war nicht zuletzt dieser Charakterzug, der ihn in der Führungsspitze des Solaren Imperiums so beliebt machte.

Nachdenklich rieb sich Bully den Daumen, auf dem noch immer eine dünne Narbe zu sehen war, die Erinnerung an einen Silvesterabend, den Bully so schnell nicht vergessen hatte.

Einer der Taster schlug an, der Energietaster. Und Sekunden danach meldete sich auch der Materietaster. Bully schaltete beide Geräte auf die Positronik und wartete erneut. So wie er ES kannte, würden ein paar Stunden vergehen, bis der Rechner die Informationen verarbeitet hatte und zu dem Ergebnis kam, dass es kein Ergebnis gab.

Bully staunte nicht schlecht, als sich wenige Minuten später ein Datenstreifen aus dem Ausgabesegment des Rechners zu schlängeln begann. Hastig griff Bully nach dem Plastikmaterial; er konnte die verschiedenartigen Lochzeichen auch ohne Decoder schnell und flüssig lesen.

»Heilige Galaxis«, flüsterte er, als er begriffen hatte, was der Datenstreifen ihm bekannt gab. »Das kann ja heiter werden!«

Die Taster berichteten, dass es in relativer Nähe von Bullys Space-Jet einen merkwürdigen Himmelskörper gab. Dieser Körper war geformt wie eine Scheibe mit einem Durchmesser von achttausend Kilometern. Das berichtete der Massetaster, während der Energietaster zu berichten wusste, dass sich über dieser Scheibe eine energetische Halbkugel wölbte, in deren Zenit eine atomare Kunstsonne stand, die auf die Oberfläche der Scheibe herabschien.

Bully wusste sofort, woran er war.

Dieses merkwürdige Gebilde war Wanderer, die Heimat des Fiktivwesens, eine Art galaktischer Wundertüte, jederzeit für eine Überraschung gut. Im Fall von Reginald Bull fielen diese Überraschungen meist wenig erfreulich aus.

Diese Überraschung aber ...

Bully wiegte den Kopf und sorgte sich.

Er hätte sich nicht gewundert, wäre hinter ihm ein ausgewachsener Säbelzahntiger materialisiert, und einen liebevollen Kuss von des Teufels Großmutter hätte Bully ganz normal gefunden. Ein Erdbeben im freien Raum? Warum nicht? Eine um einen halben Meter verlängerte Nase? Bitte sehr! Gestank in allen Räumen, Sintfluten, ohrenbetäubender Lärm? Wenn es dem teuren Fiktivwesen gefällt – Bully war auf alles vorbereitet.

Und nun das.

Da lag Wanderer, nackt und bloß, unübersehbar wie ein Meilenstein. Das störte Reginald Bull, diese unverhüllte Einladung machte ihn stutzig. Wer gewohnt war, von seinem Gegenüber ständig Tritte zu bekommen, war doppelt auf der Hut, wenn besagtes Gegenüber übergangslos die Freundlichkeit selbst darzustellen versuchte.

»Alter Freund«, sagte Bully halblaut und lächelte verkrampft. »Was soll der Spaß? Du weißt selbst, wie ernst es mir ist. Also bitte ...!«

Aber das Fiktivwesen rührte sich nicht. Die Space-Jet raste auf Wanderer zu, und nichts geschah. ES meldete sich nicht einmal, und allmählich bekam es Bully mit der Angst.

»Dir wird doch nichts passiert sein?«, erkundigte er sich vorsichtig.

Bully war sich darüber klar, dass er alles andere als ehrfurchtgebietend wirken musste. In Terrania hätte ein Stellvertretender Administrator, der mit sichtlichem Respekt mit der Luft plauderte, sicherlich für allerhand Aufregung gesorgt. Aber Bully war im Augenblick tatsächlich besorgt. Eine Gefahr, die ES in Schwierigkeiten bringen konnte, war für Bully unvorstellbar – unvorstellbar auch, wie sich eine solche Gefahr auf das Imperium auswirken würde.

Angesichts dieser Befürchtungen war Bully förmlich erleichtert, als er durch die Luft segelte und mit dem Panoramaschirm kollidierte. ES lebte also noch, auch wenn es den Beweis seiner Existenz in Form einer Beule auf Bullys Stirn antrat.

Die Space-Jet hatte abrupt gestoppt, und auf dem Schirm des Energietasters zeichnete sich ein befremdliches Bild ab. Deutlich war der Energieschirm zu sehen, der die Halbkugel über der Kreisfläche bildete, und in dieser Halbkugel war die Space-Jet gefangen. Sie steckte zur Hälfte in dem Schirm, wie in einer weichen, zähen Masse, und nach einem kurzen Probelauf der Maschinen wusste Bully, dass er sich aus eigener Kraft aus dieser Falle nicht würde befreien können.

»Hallo!«, machte Bully zaghaft. »Hier bin ich!«

Er kratzte sich am Kopf.

Das Dumme war, dass ES ein hervorragender Telepath war, folglich Bullys Gedanken lesen konnte wie ein offenes Buch. Und was in Bullys Gedanken zu lesen war, schmeichelte dem Fiktivwesen überhaupt nicht.

»Hallo!«, hörte Bully plötzlich eine vertraute Stimme sagen. »Sieh an, unser Freund Reginald Bull. Wie geht es dir, alter Freund?«

»Gut, gut!«, beeilte sich Bully zu versichern, und es gelang ihm gerade noch, das verräterische »bis jetzt jedenfalls« herunterzuwürgen.

»Mir will scheinen«, höhnte ES, »dass du deinen Gesundheitszustand bei Weitem überschätzt. Mir fällt nämlich auf, dass du praktisch nicht mehr denkst. Nicht dass du früher viel gedacht hättest – aber nun hat sich dein Wert von einem überaus niedrigen Niveau fast dem Nullwert genähert. Das erfüllt mich mit Sorge, alter Freund.«

Bully grinste verzweifelt die Luft an. Natürlich dachte er im Augenblick nicht viel. Er bemühte sich allen Ernstes, überhaupt nicht zu denken, denn wenn er dachte, dann dachte er die Wahrheit, auch über ES, und wenn diese lausige, elende ...

»Aber, aber«, dröhnte die telepathische Stimme. »Bully denkt schlecht über mich. Das finde ich gar nicht nett.«

»Tut mir leid, wirklich«, ächzte Bully, der eine Katastrophe heraufdämmern sah. »Es wird nicht mehr vorkommen.«

Wenn ich dies hier überlebe, dachte Bully, werde ich wahrscheinlich überhaupt nicht mehr denken.

»Ich würde dich ja gerne bei mir willkommen heißen, alter Freund«, eröffnete ES dem verwirrten Bully. »Aber leider ...«

»Aber ...?«

Bully begann zu ahnen, dass das Spiel des Fiktivwesens gerade erst begonnen hatte. Erstaunlicherweise war Bully überhaupt nicht neugierig, was sich ES hatte einfallen lassen.

»Was führt dich eigentlich her, alter Freund? Etwas Wichtiges?«

»Sehr wichtig«, bestätigte Bully. »So wichtig, dass ich dich deshalb aufsuchte.«

»Darf jeder von der Angelegenheit wissen?«

Bullys Verwunderung stieg, und mit ihr seine Befürchtung, dass ES zu einem Schlag ausholte.

»Natürlich nicht«, erklärte er. Allmählich begann er sich daran zu gewöhnen, mit der Luft zu reden. Er musste nur daran denken, diese Gewohnheit bis zu seinem Eintreffen in der Solaren Administration wieder abzulegen.

»Siehst du, dann weißt du auch, warum ich dich einstweilen nicht zu mir lassen kann. Ich gebe dir einen Tag Zeit, die Sache zu erledigen. Wenn nicht, wirst du wohl umkehren müssen – wenn du kannst.«

»Augenblick«, protestierte Bully und sprang von seinem Sitz auf. »Was für eine Sache soll ich erledigen? Und was heißt hier: wenn du kannst? He, ES, melde dich!«

Die telepathische Stimme war verstummt, und Bully kannte die Launen seines Gastgebers aus leidvoller Erfahrung gut genug, um zu wissen, dass sich ES frühestens in vierundzwanzig Stunden melden würde.

Bully fluchte in sich hinein. Was hatte ES gemeint, als es von der Sache sprach, die Bully zu erledigen habe?

»Langsam«, sagte Bully zu sich selbst, »ganz langsam. Mit ein wenig Logik werde ich die Nuss schon knacken!«

Eingedenk früherer Erfahrungen hatte Bully ein Bandgerät mitlaufen lassen. Das Stichwort Alter Freund hatte die Aufnahme ausgelöst. Von ähnlichen Zusammenkünften her wusste Bully, dass ES sich zuweilen so klar und übersichtlich auszudrücken pflegte wie ein quadratmetergroßes Kreuzworträtsel. Die klassische Pythia des delphischen Orakels hatte eine geradezu mathematisch-exakte Ausdrucksweise, verglichen mit dem Fiktivwesen, wenn ES bei Laune war.

Bully wusste, dass das Rätsel lösbar war. So hinterhältig war ES nicht, dass es Aufgaben stellte, die einfach nicht lösbar waren, selbst wenn man sich noch so sehr den Kopf zerbrach. Allerdings waren die Aufgaben von ES nicht selten ein klein wenig lebensgefährlich.

Bully hörte sich das Band in aller Ruhe fünfmal an. In den Pausen dachte er nach und bereitete sich eine Mahlzeit mit vielen Proteinen – Eiweiß war angeblich gut für das Gehirn, also schlang Bully schicksalsergeben ein Pfund Magerquark in sich hinein, hoffend, dass mit dem merkwürdigen Geschmack im Mund sich auch die Lösung des Problems einstellen würde.

Nichts dergleichen geschah. Die Space-Jet steckte noch immer fest, und ES hatte freundlicherweise für eine Uhr gesorgt, die Bully die bereits verstrichene Zeit mit unüberhörbarem Ticken anzeigte, und dieses Ticken zerrte fast noch mehr an Bullys Nerven als die Frage, was ES für einen Spaß bereithalten würde für den Fall, dass Bully das Rätsel nicht lösen konnte.

Beim sechsten Abhören des Bandes kam Bully dann endlich ein Gedanke.

Er verließ die Zentrale der Space-Jet und machte sich an die Arbeit, das Raumschiff genauestens zu durchsuchen.

Unterhalb der Zentrale lagen die Räume für die Besatzungsmitglieder und etwaige Passagiere. Bully rechnete insgeheim damit, in einer dieser Kabinen auf einen ungebetenen Gast zu stoßen, dessen Humor ebenso nervenzerfetzend sein konnte wie der des Fiktivwesens. Aber zu seiner Überraschung stieß Bully nicht auf einen Mausbiber, der ihm breit grinsend vorgelogen hätte, er habe sich verirrt.

Bully brauchte eine halbe Stunde, bis er die Räume gründlich inspiziert hatte. Er fand nicht die geringsten Anzeichen für einen blinden Passagier, und das verblüffte Bully nicht wenig. Er hatte fest damit gerechnet, auf Gucky zu stoßen, aber von dem vorwitzigen Mausbiber fehlte jede Spur.

»Merkwürdig«, murmelte Bully kopfschüttelnd, als er seinen Rundgang beendet hatte.

In der Zwischenzeit war das Ticken der unsichtbaren Uhr etwas lauter geworden und verkündete Bully auf diese Weise, dass die Minuten unaufhaltsam verstrichen.

»Dann hinunter in die Maschinenräume«, seufzte Bully und machte sich an den Abstieg.

Die Space-Jet war funkelnagelneu, und das hieß, dass auf nahezu allen beweglichen Metallteilen eine fingerdicke Schicht Schmierstoff zu finden war, die auf sämtlichen Kleidungsstücken hässliche rote Flecke hinterließ, wenn der Stoff mit dem Fett in Berührung kam. Solche Kontakte ließen sich zu Bullys Leidwesen nicht völlig vermeiden. Die Raumschiffswerften auf dem Mond arbeiteten weitestgehend automatisch, und der Automat, der für das Verteilen der rötlichen Schmiere zuständig gewesen war, hatte keinen Geiz gekannt. Mit sprachlosem Staunen musste Bully feststellen, dass irgendein positronischer Einfaltspinsel offenbar gefolgert hatte, dass die Griffe von Türen, die sich in ihren Angeln bewegen ließen, unter die Rubrik bewegliche Metallteile fielen – folgerichtig starrten diese Griffe von Schmierfett.

Bully ließ keinen Winkel der Maschinenräume aus, ihm blieb nichts anderes übrig. Da er bei dieser Beschäftigung arg ins Schwitzen geriet, musste er sich ab und zu den Schweiß von der Stirn wischen, die so langsam eine schützende Haut aus lösungsmittelfestem Schmierstoff bekam.

Bully sah aus wie eine schlechte Karikatur seiner selbst, als er den zweiten Teil seines Rundganges beendet hatte.

Er hatte einiges gefunden; Zigarettenkippen, leere Schnapsflaschen, zerlesene Illustrierte, mit roten Fingerabdrücken übersäte Damenwäsche – aber keine Spur von einem Lebewesen, das die hochwichtige Besprechung zwischen Bully und ES hätte belauschen können.

»Warte, Freundchen, wenn ich dich zu fassen bekomme ...«, machte sich Bully Luft. Für ein paar Augenblicke war es ihm egal, dass ES nicht nur diese Worte hören und darauf reagieren konnte, sondern auch jederzeit in der Lage war, Bullys Gedanken zu überwachen – und die beschäftigten sich mit Inbrunst mit allen Rachemöglichkeiten, die Bully liebend gern ausgekostet hätte, hätte er nur eine Chance gehabt, ES in seine Gewalt zu bringen.

»Mich derartig anzuschmieren«, knurrte Bully verärgert. Er verzog angeekelt das Gesicht, als er sich in einem Spiegel sah – mit wirren, schweißverklebten Haaren und roten Flecken im Gesicht, die wie eine kosmische Abart von Masern aussahen.

»Hast du dich schon wieder schmutzig gemacht, Bully?«

Die Stimme erklang hinter Bullys Rücken, und Perry Rhodans Stellvertreter spürte sehr deutlich, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Bully begann idiotisch zu kichern.

»Aber ... Daddy!«, stotterte er, während er sich langsam herumdrehte.

Er hatte sich nicht geirrt. Vor ihm stand sein Vater, riesenhaft angewachsen, sodass sich Bully schon von den körperlichen Abmessungen her schlagartig in seine Lausbubenzeit zurückversetzt fühlte.

»Wie du aussiehst ...!«, staunte der ergrimmte Vater; Bully starrte heftig schluckend auf die gigantisch wirkende Pranke seines Vaters. Bullys alter Herr fuhr mit dem Zeigefinger über die schmierfettbedeckte Wange seines Sprösslings, und nach kurzer Zeit waren seine Finger ebenso schmutzig wie die seines Sohnes.

»Nun reicht es mir aber«, versuchte Bully aufzubegehren. »Hör mit diesen schwachsinnigen Scherzen auf, ES!«

»Ich ...« Dem Vater verschlug es die Sprache. Eine halbe Minute starrte er seinen Sohn an, und Bully wünschte sich, das Gefühl, das er hatte, möge der Wahrheit entsprechen – unter dem Blick seines Vaters schien er zu Mikrobengröße zusammenzuschrumpfen.

»Das ist doch der Gipfel der Frechheit!«, tobte der alte Herr. »Wie hast du meine Versuche genannt, aus dir einen anständigen Menschen und Staatsbürger zu machen? Schwachsinnige Scherze?«

»Nicht doch«, sagte Bully resignierend. Er ließ die Arme sinken. Es hatte keinen Zweck.

»Ich werde dir noch einbläuen, was schwachsinnige Scherze sind, du missratenes Balg!«

Bei dem Wort missraten schoss die Pranke nach vorn, und bei Balg fühlte sich Bully am Hemd gepackt und in die Höhe gerissen. Er schrie erschreckt auf, aber das half ihm nicht. Ehe er sich's versah, lag er über einem wohlbekannten Knie und empfing eine nicht zu knapp bemessene Portion jenes pädagogischen Hausmittels, das zu allen Zeiten die letzte Rettung verzweifelter Eltern gewesen war.