Perry Rhodan 50: Gruelfin (Silberband) - H. G. Ewers - ebook

Perry Rhodan 50: Gruelfin (Silberband) ebook

H.G. Ewers

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Opis

Die menschenähnlichen Cappins aus der fernen Galaxis Gruelfin bereiten eine Invasion gegen die Milchstraße vor. Perry Rhodan weiß, dass er nur vor Ort etwas dagegen unternehmen kann - er muss den riesigen Sprung über 36 Millionen Lichtjahre wagen und die Sterneninsel erkunden, die in irdischen Sternkatalogen als NGC 4594 verzeichnet wird. Perry Rhodan lässt die MARCO POLO ausrüsten, sein neues Flaggschiff, ein imposantes Wunderwerk der Technik. Mit dem 2500 Meter durchmessenden Raumschiff und einer Elite-Mannschaft unternimmt er die gewaltigste Expedition, die Menschen jemals gewagt haben. In seiner Begleitung reisen die Cappins Merceile und Ovaron, die vor 200.000 Jahren auf der Erde gestrandet sind und mit Hilfe einer Zeitmaschine die Gegenwart erreicht haben. Sie wollen der Menschheit beistehen und den Cappins den Frieden bringen. Doch was die Terraner und ihre Begleiter in der Galaxis Gruelfin finden, ist erschütternd: Sie treffen auf radioaktiv strahlende und völlig zerstörte Planeten. Und sie sehen die Flotten der Eroberer, die gnadenlos zuschlagen und sich kurz vor dem endgültigen Triumph sehen ...

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Nr. 50

Gruelfin

Die menschenähnlichen Cappins aus der fernen Galaxis Gruelfin bereiten eine Invasion gegen die Milchstraße vor. Perry Rhodan weiß, dass er nur vor Ort etwas dagegen unternehmen kann – er muss den riesigen Sprung über 36 Millionen Lichtjahre wagen und die Sterneninsel erkunden, die in irdischen Sternkatalogen als NGC 4594 verzeichnet wird.

Perry Rhodan lässt die MARCO POLO ausrüsten, sein neues Flaggschiff, ein imposantes Wunderwerk der Technik. Mit dem 2500 Meter durchmessenden Raumschiff und einer Elitemannschaft unternimmt er die gewaltigste Expedition, die Menschen jemals gewagt haben. In seiner Begleitung reisen die Cappins Merceile und Ovaron, die vor 200.000 Jahren auf der Erde gestrandet sind und mit Hilfe einer Zeitmaschine die Gegenwart erreicht haben. Sie wollen der Menschheit beistehen und den Cappins den Frieden bringen.

Vorwort

In diesem 50. Band der PERRY RHODAN-Bibliothek wird eines besonders deutlich, das die gesamte Serie in den späten sechziger und den siebziger Jahren stark prägte – der »Hang« einzelner Autoren dazu, eigene Figuren zu kreieren (oder sich vorgegebener speziell anzunehmen) und weitgehend aus deren Sicht die Handlung zu stricken. Bei H. G. Ewers ist dies hier »sein« Patulli Lokoshan mit dem Großen Erbgott Lullog, bei Hans Kneifel ist es »sein« Joaquin Cascal. Und da drei der sieben hier enthaltenen Romane je von H. G. Ewers und Hans Kneifel sind, könnte statt »Perry Rhodan« auch »Lokoshan, Lullog & Cascal« über dem Titelbild stehen.

Diese Entwicklung zu eigenen Figuren hatte natürlich ihre Sonnen- und ihre Schattenseiten. Die Autoren konnten »voll vom Leder ziehen«, ihre Protagonisten ausbauen und ihnen eine echtere Persönlichkeit geben, als hätten sie sich diese Helden mit dem Rest der Autorenschaft »teilen« müssen. Es gibt viele andere Beispiele. Kein anderer Autor konnte (und kann) so über Gucky schreiben wie Clark Darlton, keiner einen Alaska Saedelaere so faszinierend darstellen wie William Voltz. Die Autoren identifizierten sich mit ihren Figuren und hatten doppelten Spaß am Schreiben, was ihren Romanen und – nicht zuletzt natürlich – den Lesern zu Gute kam.

Allerdings war auch die Versuchung groß, zu übertreiben und sich immer mehr auf einen schriftstellerischen Egotrip zu begeben, mit den Lokoshans, den Cascals, den Bontainers oder den Mausbibern, den Rorvics und a Hainus oder den Quolfahrts (in späteren Zyklen). In diesen Fällen war die Exposéfabrik gefordert, dann und wann die Zügel leicht anzuziehen. Aber alles in allem hat die »Freiheit« der Autoren, sich mit eigenen Helden und deren Geschichten in der RHODAN-Serie ein kleines Denkmal zu setzen, der Serie ganz bestimmt nicht geschadet, sondern viel eher ein Stück mehr »Human Touch« verliehen.

K. H. Scheer bildet mit seinem Roman Aufbruch der MARCO POLO (450) also die Ausnahme, bevor H. G. Ewers mit Die falschen Götter (451), Die Operationsbasis (457) und Im Arsenal der Androiden (458) Patulli Lokoshan in brenzligen Situationen vorführt oder Hans Kneifel mit den Abenteuern Vorsicht – radioaktiv! (453), Der Archivplanet (459) und Zeitpunkt X (460) Joaquin Manuel Cascal in den Einsatz schickt.

Bergheim, im Herbst 1994

Zeittafel

1971 – Perry Rhodan erreicht mit der STARDUST den Mond und trifft auf die Arkoniden Thora und Crest.

1972 – Mit Hilfe der arkonidischen Technik Aufbau der Dritten Macht und Einigung der Menschheit.

1976 – Das Geistwesen ES gewährt Perry Rhodan und seinen engsten Wegbegleitern die relative Unsterblichkeit.

1984 – Galaktische Großmächte (Springer, Aras, Arkon, Akonen) versuchen, die aufstrebende Menschheit zu unterwerfen.

2040 – Das Solare Imperium ist entstanden und stellt einen galaktischen Wirtschafts- und Machtfaktor ersten Ranges dar.

2326-2328 – Gefahr durch die Hornschrecken und die Schreckwürmer. Kampf gegen die Blues.

2400–2406 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda; Abwehr von Invasionsversuchen von dort und Befreiung der Andromeda-Völker vom Terrorregime der Meister der Insel.

2435–2347 – Der Riesenroboter OLD MAN und die Zweitkonditionierten bedrohen die Galaxis. Perry Rhodan wird in die ferne Galaxis M 87 verschlagen. Nach seiner Rückkehr Sieg über die Erste Schwingungsmacht (Uleb).

2909 – Während der Second-Genesis-Krise kommen fast alle Mutanten ums Leben.

3430–3434 – Um einen Bruderkrieg zu verhindern, lässt Perry Rhodan das Solsystem in die Zukunft versetzen. Bei Zeitreisen in die Vergangenheit lernt er den Cappin Ovaron kennen, der entscheidenden Anteil an der Vernichtung des Todessatelliten hat, durch den die Sonne zur Nova zu werden drohte.

3437

Prolog

Die Jahre des Versteckspiels sind endgültig vorbei – seit Mitte Juli 3434 existiert das Solsystem wieder im normalen Zeitablauf. Der Rücksturz aus dem Antitemporalen Gezeitenfeld, in dem das Heimatsystem aller Menschen vor den Macht- und Kriegsgelüsten rivalisierender Sternenreiche relativ sicher war, beendete gleichzeitig den Albtraum der Terraner, durch den cappinschen Todessatelliten qualvoll sterben zu müssen.

Der Satellit, der die Sonne zur Nova aufzuheizen drohte, konnte mit Ovarons und Merceiles Hilfe endlich vernichtet werden. Die beiden Cappins, 200.000 Jahre in der Vergangenheit auf der Erde gegen verbrecherische Experimente von Artgenossen tätig, wurden mit dem Nullzeit-Deformator der Terraner mit in die Gegenwart genommen und sind inzwischen willkommene und angesehene Freunde der Menschheit.

Doch die Vergangenheit lässt sie nicht ruhen. Vor allem Ovaron, den ehemaligen Ganjo des Cappin-Volkes der Ganjasen, zieht es in seine Heimat. Er hat allen Grund zu der Annahme, dass dort, viele Millionen Lichtjahre entfernt, schreckliche Dinge geschehen.

Perry Rhodan ist bereit, ihm den Wunsch zu erfüllen, aber nicht ganz uneigennützig. Nachdem sich die galaktopolitische Lage entspannt hat und die Imperien der Menschheit wieder in Frieden miteinander umgehen, nachdem die Bedrohung durch Ribald Corello gebannt ist und von der Sonne keine Gefahr mehr droht, erreichen Berichte die Erde, dass an verschiedenen Orten der Milchstraße Cappins aufgetaucht seien und mit ihrer Fähigkeit der Pedotransferierung Menschen geistig übernommen hätten. Diese Vorfälle wecken die Befürchtung, dass die Cappins der Jetztzeit, aufmerksam geworden durch die Impulse ihres Satelliten, eine Invasion der Milchstraße planen könnten.

1.

Juli 3437

Zuerst hatte es gezischt; dann geknallt; schließlich hatte jemand unverständliche Worte geschrien und dann – ja, was war dann geschehen?

Mentro Kosum wusste es nicht genau. Er fühlte lediglich eine warme, klebrige Flüssigkeit über seine Stirn rinnen. Das musste wohl die Folgeerscheinung einer unsanften Berührung mit der Stahlbetonmauer sein.

»Hurra!«, sagte Kosum zu einer Person, die er nur schattenhaft wahrnehmen konnte. »Bist du menschlich oder mechanisch? Wenn ja, dann ...!«

»Keine Drohungen«, lachte jemand mit tiefer Stimme. Sie klang angenehm. »Ich bin menschlich. Junge, hast du ein Glück, dass deine Haare ohnehin so schön rot sind. Da sieht man das Blut nicht so. Übrigens nur eine harmlose Schramme.«

Kosum fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er konnte wieder klarer sehen. Vor ihm stand ein schwarzhäutiger Riese von über zwei Meter Körpergröße und prächtig weißen Zähnen.

»Nur eine Schramme? Vielen Dank, ich spüre es. Welcher Narr hat eigentlich den Roboter in die Luft fliegen lassen?«

Der Dunkelhäutige grinste noch breiter und deutete mit dem Daumen über die Schulter.

»Dieser völlig untalentierte Oberst der Hafenabwehr hat versucht, der Maschine einen Befehl zu erteilen. Da löste sie sich in ihre Bestandteile auf. Junge, gehst du immer so langsam in Deckung? Ich spürte bereits die Druckwelle, noch ehe unser positronischer Kampfgenosse den Geist aufgab.«

Mentro grinste jetzt ebenfalls; aber nicht über die Belehrung seines neuen Bekannten, sondern ausschließlich über das ergrimmte Gesicht jenes Mannes, der als »untalentierter Oberst« bezeichnet wurde.

Die schwelenden Trümmer des Kampfroboters wurden von anderen Exemplaren seiner Art zur Seite geräumt. Die Sicherheitsschleuse des Gobi-Raumhafens West wurde wieder begehbar.

»Ich darf doch sehr bitten!«, schrie der gemaßregelte Wachoffizier und kam auf die beiden Männer zu.

»Das ist die Stimme, die ich noch vernahm«, seufzte Mentro Kosum weinerlich. Er erhob dozierend einen blutverschmierten Zeigefinger. »Quäle einen Robot nie zum Scherz, denn er hat wie du ein Herz.«

Der Chef der Sonderwache Gobi West blieb stehen. Offenbar wollte er heftig werden, doch dann entschloss er sich zu einer ironischen Frage.

»Ach, Sie sind wohl der neue Bordkomiker, was? Ich sehe, Sie sind verletzt. Ist eine Behandlung erforderlich?«

»Das sollten Sie einen Arzt fragen«, warf der schwarzhäutige Hüne ein. »Seit wann erkundigt man sich beim Patienten ...!«

»Beruhige dich, unbekannter Wohltäter«, unterbrach Kosum die hitzig werdende Debatte. »Ich fühle immer, wenn es mir an den Kragen geht. Der Kratzer ist unwichtig. Übrigens, Sir, dürfen wir nun endlich jenes Areal betreten, das allen Mutmaßungen nach in die Geschichte der Menschheit eingehen wird?«

Der Wachoffizier wurde plötzlich sehr dienstlich. Wahrscheinlich ohne es bewusst zu wollen, drehte er den Kopf und schaute zu jenem Gebirge aus Stahl hinüber, das kilometerweit entfernt war.

»Sie dürfen. Die Kontrollen sind bis auf eine letzte ID-Vergleichsaufnahme abgeschlossen. Tragen Sie bitte Ihre Kodemarken deutlich sichtbar auf der Brust.«

»Erst mal eine haben«, beschwerte sich Kosum und sah an seinem spindeldürren, dafür aber fast zwei Meter langen Körper hinunter. »Mir wird klar, durch welche unlauteren Forderungen Sie Kampfroboter zur Explosion bringen.«

Der Afroterraner neben Kosum lachte Tränen. Andere Männer folgten seinem Beispiel; nur nicht so deutlich! Schließlich waren sie dem Chef der Spezialwache unterstellt.

So lernten sich Mentro Kosum und Menesh Kuruzin kennen. Die Freundschaft begann am 1. Juli 3437 und sollte ein Leben lang währen. Das wussten die beiden Männer zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Sie durchschritten die Strahlschleuse des Flottenhafens Gobi West, ertrugen geduldig die Gehirnschwingungskontrolle und verließen danach die Halle, in der diese robotisch gesteuerte Prozedur stattgefunden hatte. Erst dann nannten sie gegenseitig ihre Namen. Mehr als eine oberflächliche Vorstellung war nicht erlaubt. Militärische Ränge, Laufbahnen und was der Dinge mehr waren, galten seit Wochen und Monaten als Geheimnis der Solaren Flotte.

Der Stammbesatzung des Riesenraumschiffes weit draußen auf dem Wüstenhafen waren die Neuankömmlinge ebenso unbekannt wie jenen die Mitglieder der bereits eingefahrenen Crew.

Selbst der Name des Kommandanten war geheim geblieben. Das überraschendste war aber für viele abkommandierte Männer die Tatsache, dass sogar ihr zukünftiges Raumschiff keinen Namen hatte. Nicht einmal eine Nummernbezeichnung war ihnen verraten worden.

So war es auch als selbstverständlich anzusehen, dass weder Kosum noch Kuruzin eine normale Uniform trugen. Ehe sie von ihren angestammten Flotteneinheiten, Stützpunkten oder Raumstationen abkommandiert worden waren, hatten sie einheitlich dunkelblaue Kunstfaserkombinationen und schmucklose Schirmmützen erhalten.

Kein Rangabzeichen deutete darauf hin, mit wem man es eigentlich zu tun hatte. Die Marschbefehle wurden in Spezialbehältern mitgeführt, die nur mit einem positronischen Impulskodeschlüssel der Solaren Abwehr geöffnet werden konnten.

Einige Neugierige hatten versucht, die flachen, einer Brusttasche angepassten Behälter zu öffnen. Die Folgen waren unangenehm gewesen. Bei der thermischen Selbstvernichtung des Inhalts war es zu Verletzungen gekommen.

Kosum und Kuruzin wussten das alles. Man hatte sie nicht nur zehnmal, sondern tausendmal belehrt. Mindestens fünfzig Kontrollen verschiedener Art hatten sie überstehen müssen, ehe sie mit kleinen Spezialraumschiffen der Abwehr zur Erde befördert worden waren.

Die Prozeduren vor der Strukturschleuse im systemumspannenden Paratronschirm waren nahezu menschenunwürdig gewesen. Sie hatten jedoch alles über sich ergehen lassen, weil sie sich zu diesem Einsatz freiwillig gemeldet hatten.

Nicht jeder Freiwillige war allerdings angenommen worden. Einige zehntausend Männer, die sich für hochqualifiziert hielten und es auch beweisen konnten, waren von den Verantwortlichen zurückgewiesen worden.

Kosum blieb stehen und sah sich um. Es war heiß. Ein warmer Wind, trocken und zum Husten reizend, wehte von den Wüstenbergen der westlichen Gobi herüber.

Einige hundert Fahrzeuge verschiedenster Größenordnung und Konstruktion standen vor bunkerähnlichen Versorgungsmagazinen. Andere heulten auf ihren Energiekissen zu dem Schiffsriesen hinüber. Plötzlich schien sich niemand mehr um die beiden hundertfach kontrollierten Männer kümmern zu wollen.

»Siehst du, Junge, siehste«, sagte der Afroterraner resignierend. »Da wird man vorher halbwegs auseinandergenommen, mit modernsten Teufelsmaschinen schikaniert, und dann ...?«

Er ließ die Antwort offen. Kosum gähnte ungeniert. Die Hände in den Beintaschen seiner Kombination vergraben, zeigte er einem vorüberfahrenden Offizier der Abwehr sein Gebiss. Der Mann hielt den Gleiter an. Er schien Humor zu haben.

»Möchten die Herren laufen oder zu Fuß gehen?«

Kosum machte den Mund zu. Das Aufeinanderschlagen seiner Zähne war deutlich zu hören.

»Freund Kuruzin, wir müssen es mit einem Mathematiker zu tun haben. Bemerkst du die Gesetzmäßigkeit in seiner Begriffsfassung?«

Schnaufend und die Hitze verwünschend, zwängte sich Mentro Kosum auf die hintere Sitzbank des offenen Prallfeldgleiters. Der Dunkelhäutige lachte nur noch. Er schien es mit Behagen zu tun. Offenbar hatte er während der letzten Monate nichts zu lachen gehabt.

Sie fuhren Kilometer auf Kilometer. Das Gebirge aus Stahl wurde immer größer und mächtiger. Schließlich erreichten sie eine rotmarkierte Zone, die einige Meter weiter durch ein Energiegatter abgeschlossen wurde. Der Gleiter hielt.

»Ende der Reise, meine Herren. Die letzten Kilometer müssen Sie nun wirklich gehen. Sie können aber auch versuchen, einen zugelassenen Lastengleiter zu erwischen. Viel Erfolg und«, er zögerte, »vielleicht auch etwas Vergnügen. Wir beneiden euch nicht. Nein, fragen Sie bitte nicht. Erstens habe ich selbst keine Ahnung, was da gespielt wird, und zweitens dürfte ich keine Auskünfte geben, selbst wenn ich etwas erfahren hätte. Ihr Gepäck ist bereits an Bord. Sie können sicher sein, dass bei der perfekten Organisation nichts vergessen wurde, was Sie eines Tages benötigen werden. So können Sie als gegeben annehmen, dass die Organbank der Medizinisch-Biologischen-Abteilung mit passenden Ersatzgliedern und Innenorganen ausgerüstet wurde. Die Positronik der Zahnbank wird haargenau wissen, wieviele Wurzeln Ihre letzten Backenzähne besitzen, wie sie eingepflanzt werden müssen und wie Ihre vielleicht zu Bruch gehenden Kiefer ausgetauscht werden sollen. Man kennt Sie da drüben besser als Sie sich selbst. Genügt das als Auskunft?«

Selbst Mentro Kosum, sonst vorlaut in seiner Art, war beeindruckt. Sie stiegen aus. Der Wagen surrte davon.

Menesh Kuruzin warf einen Blick nach oben.

»Bemerkst du etwas?«

»Tausenderlei fremdartige Dinge«, entgegnete Kosum überraschend ernst. »Der Triebwerkswulst ist verändert. Stärker und höher. Seltsame Halbrundungen mit erkennbaren Schleusentoren an der Abschlusskante.«

»Und die Impulsstrahlabweiser?«

Kosum ließ seine Blicke tiefer wandern. Es war ein Kunststück, am gewölbten Rumpf dieses zweieinhalb Kilometer durchmessenden Kugelungeheuers überhaupt Details entdecken zu können.

Beide Männer waren noch einige hundert Meter von einem der säulenartigen Landebeine entfernt. Die unteren Hydraulikglieder waren nur zu zehn Prozent ausgefahren. Die klaffenden Einfuhröffnungen lagen bereits dreihundert Meter höher. Noch weiter oben, mindestens zwölfhundert Meter über den Betrachtern, erkannten sie die graublau schimmernden Strahldüsen der Korpuskulartriebwerke, die nur bis zur einfachen Lichtgeschwindigkeit reichten.

»Mich interessieren mehr die Projektoren für die Umlenkfelder. Siehst du sie? Seitlich hinter dem unteren Hochenergieverdichtungskranz. Mensch, das musst du doch sehen! Das ist neu, völlig neu!«

Kuruzin wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ahnungsschwer meinte er:

»Junge, pass auf, wir kommen auf das unwahrscheinlichste Schiff, das Terraner jemals gebaut haben. Das ist zweifellos ein Ultraschlachtschiff der Galaxisklasse. Vieles aber stimmt nicht damit überein. Mir scheint, als hätte man lediglich auf die bewährte Kugelzelle zurückgegriffen, um daraus ein neuartiges Etwas zu machen. Den Kahn möchte ich nicht in manueller Notsteuerung fliegen; bestimmt aber nicht alleine.«

Plötzlich stand ein Leutnant vor ihnen.

»Habe ich die Ehre mit den Herren Kuruzin und Kosum?«

Mentro versuchte, seine ausgedörrte Kehle durch kräftiges Schlucken geschmeidig zu machen.

»Freund Kuruzin, der junge Mann hat dich zuerst erwähnt. Daraus folgert mein Verstand, dass du vielleicht ein Oberst bist und ich unter Umständen ein Kochsergeant. Wie vereinbart sich das mit unserer Duzerei?«

Der Dunkelhäutige lachte schon wieder. Er winkte ab. Dabei konnte er es aber nicht unterlassen, ständig nach neuen Einzelheiten zu suchen. Viel konnte er nicht erblicken. Ihm erging es wie einem Bergsteiger, der am Fuße eines Dreitausenders steht und versucht, von dort aus einige Einzelheiten, zweitausend Meter über sich, zu erkennen.

Der Leutnant tastete mit einem Identifizierungsgerät die beiden Impulsmarken ab. Auf und in ihnen waren Namen und sämtliche Individualdaten gespeichert. Er schien zu wissen, dass man soeben angekommene Raumfahrer bei diesem Anblick nicht zu klaren Auskünften bewegen konnte. Die Eindrücke waren übermächtig.

»Danke, meine Herren. Die Schleuse ist für Sie offen.«

Kosum und Kuruzin passierten schweigend die letzte Absperrung. Über ihnen wölbte sich der äquatoriale Ringwulst mit seinen zwanzig gigantischen Impulstriebwerken.

Kosum blieb unvermittelt stehen und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Ein Laut, fast ein Seufzer, wurde hörbar.

»Schmerzen?«, erkundigte sich Kuruzin besorgt.

»Unsinn, du Vielleicht-Oberst. Weißt du, was wir beide übersehen haben? Freund, schau dir die Farbe des Zellenmaterials an! Das ist die neue Ynkelonium-Terkonit-Legierung. Seit wann glänzen die Wandungen terranischer Schiffe in einem rötlichblauen Farbton?«

Sie schauten sich eine Weile schweigend an. Dann gingen sie weiter. Der Schlagschatten des Ringwulstes schirmte sie jählings vor den Glutstrahlen der Sonne ab. Sie mussten vierhundert Meter weit gehen, ehe sie die untere Rundung des eigentlichen Schiffskörpers erreichten.

Wieder blieben sie stehen. Eine Flut von Fragen drängte sich ihnen auf. Sie fanden keine Antwort. Plötzlich jedoch riss Kuruzin die Augen so weit auf, dass sie hell aus dem dunklen Gesicht hervorleuchteten.

»Das – das gibt es doch gar nicht. Junge, ich muss wahnsinnig geworden sein. Das ist doch ...!«

Obwohl Kosum dem Blick des Freundes folgte, bewahrte er die Fassung. Allein das war bewunderungswürdig!

Schließlich war es nicht alltäglich, mitten im fünfunddreißigsten Jahrhundert einem blauen Pferd mit ockergelbem Schweif zu begegnen, auf dem obendrein noch ein düsterblickender Mann und eine lächelnde Frau mit kupferfarbenen Haaren ritten.

Und das unter dem Triebwerksringwulst eines terranischen Ultraschlachtschiffes, dessen Schubaggregate längst nicht mehr mit dem Begriff »Pferdestärken« gemessen werden konnten. So viele Pferde hatte es auf dem Planeten Erde niemals gegeben.

»Diese Raumfahrt, die wird lustig«, meinte Kosum. »Als historisch geschulter Mensch mit prähistorischen Sprachkenntnissen würde ich dieses vierbeinige Lebewesen als Gaulewitsch, als den Sohn des Gauls bezeichnen, verstehst du? Unsere Vorfahren hängten damals immer ein ›witsch‹ hintendran. Ich – ach du Schande ...!«

Diesmal schwieg sogar der unerschütterliche Mentro. Der Anblick verschlug ihm die Sprache.

Hinter dem elegant trabenden Pferd tauchte ein dunkelbehaarter Neandertaler auf. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, eine riesige Holzkeule geschultert, rannte er zähnefletschend neben dem Reiterspaar her.

Das war aber noch nicht alles!

Ein Individuum, der Figur nach offenbar menschlicher Abstammung, umkreiste die fremdartige Gruppe mit Hilfe feuersprühender Rollschuhe. Kosums technischer Instinkt verriet ihm sofort, dass der buntgekleidete Kerl zwei Mikro-Strahltriebwerke in diese Sportgeräte eingebaut hatte. Sie fauchten, zischten und pfiffen zusammen mit den überbeanspruchten Rollenlagern derart heftig, dass sogar das Anlaufgeräusch eines schiffseigenen Hilfsaggregates übertönt wurde.

Kosum begann zu grinsen.

»Freund, den da kenne ich. Das ist Roi Danton alias Michael Rhodan, dem man nachsagt, er wäre vor etwa tausend Jahren erschossen worden. Plötzlich war er wieder da. Und wie er erschien! Erst raubte er seinem werten Vater, den wir als Großadministrator des Solaren Imperiums kennen, den letzten Nerv und behauptete anschließend, für ihn wären nur ein paar Wochen verstrichen. Ich – he, wo willst du hin?«

Menesh Kuruzin, gewiss bärenstark, ergriff die Flucht. Er rannte zu einem Landeteller hinüber und ging dahinter mit einer derartigen Schnelligkeit in Deckung, dass Kosum endgültig begriff, weshalb der Afroterraner bei der Explosion des Kampfroboters unverletzt geblieben war.

Der Rollschuhläufer hatte den Vorgang bemerkt. Er sauste auf Kuruzin zu, fuhr einige verwegene Achter und schwang dabei affektiert den pelzbesetzten Federhut sowie in wechselseitiger Anhebung beide Beine durch die Luft.

Kuruzin brüllte etwas. Infolge des Fauchens war aber kein Wort zu verstehen. Der rotbefrackte Düsensportler kam nun auf Kosum zugedonnert. Die Flammen des Gegenschubs schienen aus den Spitzen der Schnallenschuhe hervorzuschießen. Mentro nahm sich vor, sich nicht nochmals verblüffen zu lassen.

Disziplinwidrig feixend, die Hände in den Taschen, betrachtete er des Läufers weiße Perücke, seine honiggelben Kniehosen und die offenbar echt seidenen Kniestrümpfe.

Danton begutachtete den Rothaarigen durch eine Stielbrille.

»Äh – Seine Haare sind lang. Hat Er auch keine Läuse?«

»Faustgroße«, konterte Mentro. »Linksseitig amputiert und rotgepunktet.«

»Wieso rotgepunktet?«

»Linksseitig amputierte Läuse sind immer rotgepunktet.«

Roi Danton runzelte die Stirn. Dezent hüstelnd, umrollte er den hageren Neuankömmling.

»Mir scheint, Er ist flink mit dem Maule nach des Pöbels Art. Warum macht Er keinen Kratzfuß? Sieht er nicht, dass Er mit einem General aus vornehmstem Geblüte spricht?«

»Da musst du dir aber ein Informationsschild um den Hals hängen. Ich bin kein Hellseher.«

Mentro Kosum wurde unsanft angestoßen. Er taumelte nach vorn und klammerte sich haltsuchend an dem Rollschuhläufer fest.

Als Kosum den Kopf wandte, erblickte er das unwillig stampfende Pferd.

»Verzeihung«, sagte der Gaul. »Sie haben wohl auch noch nie gehört, dass vernunftbegabte Lebewesen dummen Kreaturen besser aus dem Weg gehen sollten, wie? So etwas ...!«

In Mentros Gesicht waren die Sommersprossen deutlicher zu sehen als sonst.

»Ich wäre Ihm verbunden, wenn Er Seine schmutzige Nase aus meiner Puderdose zöge«, erklärte Roi Danton. »Außerdem ist Er dabei, mir in den Oberschenkel zu beißen. Parbleu – das tut nicht einmal ein echter Neandertaler. Hinweg mit Ihm.«

Der Affenmensch lachte brüllend. Auf seine Keule gestützt, stand er vor Kosum und zeigte ihm sein mächtiges Gebiss.

»Da staunst du, was? Terraner, wenn ich deine Figur hätte, beginge ich auf Rois Rollschuhen Selbstmord. Wenn du wissen willst, wie Markknochen geknackt werden, wende dich vertrauensvoll an mich.«

Kosum stöhnte nur noch. Kuruzin schrie aus seiner Deckung heraus allerlei Warnungen. Die junge Frau mit den kupferfarbenen Haaren lachte melodisch, und der hochgewachsene Mann auf dem Rücken des sprechenden Pferdes lächelte. Gleichzeitig unternahm er etwas, was ihm ums Haar das Leben gekostet hätte. Er tastete mit seinen pedoorientierten Parasinnen nach Kosums Wachbewusstsein, um die Geisteskapazität dieses zerbrechlich wirkenden Terraners zu testen.

Mentro Kosum handelte mit einer Schnelligkeit, wie es nur Männer seiner Art konnten. Roi Danton bemerkte nicht einmal, dass seine elegante Strahlwaffe plötzlich aus der Gürtelschärpe verschwand, um dafür in Kosums Hand aufzutauchen.

Kosum sprang zurück. Der Reiter schaute in zwei wachsam blickende Augen, aus denen der Funke des Humors verschwunden war.

»Absteigen, Cappin! Hände über dem Kopf falten und keine falsche Bewegung, oder ich verwandle Sie zu Asche. Sofort!«

Der Angesprochene zögerte keine Sekunde. Er wusste, dass der Tod vor ihm stand. Er riss beide Hände nach oben, rutschte aus dem Sattel und blieb reglos neben dem Pferdekörper stehen. Das rotflimmernde Abstrahlungsfeld der Mündung redete eine unmissverständliche Sprache.

Plötzlich war eine Stimme aus unsichtbaren Lautsprechern zu vernehmen.

»Atlan spricht. Bleiben Sie ruhig stehen, Ovaron. Er meint es ernst. Das gilt auch für Zwiebus und Takvorian. Warten Sie.«

Der Sprecher wandte sich nun an den Terraner.

»Ich benutze die Außenbordsprechanlage, Mister Kosum. Machen Sie keinen Unsinn, und sichern Sie die Waffe.«

»Der Fremde ist ein Cappin, Sir«, entgegnete Kosum. Die Außenbordmikrophone nahmen seine Worte auf. »Er versuchte, mich auf Pedoebene einzupeilen.«

»Das wurde mir aus Ihrer Reaktion klar. Ein Missverständnis.«

»Ein Test«, warf der Cappin ein. »Er interessierte mich.«

»Jeder einzelne Mann an Bord dieses Spezialschiffes ist interessant«, wies Atlan die Entschuldigung ab. »Ich darf Sie darüber aufklären, dass Mentro Kosum jener Terraner ist, der vor vier Monaten im Alverhei-Top-System zwei Pedotransferer erkannte und tötete, bevor er übernommen werden konnte. Und ausgerechnet ihn wollen Sie testen. Meine Herren, nehmen Sie Vernunft an. Weg mit der Waffe, Kosum. Ovaron ist ein zuverlässiger Sonderbeauftragter der Menschheit. Ich werde Sie später mit den Einzelheiten bekannt machen.«

Mentro senkte zögernd den Lauf. Danton nahm ihm wortlos den Kombistrahler aus der Hand und steckte ihn in die Schärpe zurück.

»Sie sind ein USO-Spezialist, nicht wahr? Verzeihen Sie. Wir waren in etwas zu ausgelassener Stimmung.«

»Was man nicht in jedem Falle sein sollte«, entgegnete Kosum leise.

Der Neandertaler seufzte hörbar und schulterte seine Keule.

»Ich bin natürlich kein ganz echter Gaul«, erklärte das Pferd. »Gestatten, Takvorian ist mein Name. Der Pferdekörper ist echt, doch darauf sitzt ein menschlicher Oberkörper. In Ihrer Sagenwelt wurden Geschöpfe wie ich Zentauren genannt. Wir waren eine erbbiologische Fehlkonstruktion verbrecherischer Wissenschaftler aus dem Gesamtvolk der Cappins. Ovaron und ich stammen übrigens aus einer Epoche, die zweihunderttausend Jahre vor Ihrer Jetztzeit liegt. Das möchte ich Ihnen sofort mitteilen, damit der Schatten des Todes aus Ihrem Gesicht entschwindet. Der Pferdekopf mitsamt dem Hals ist eine Maske.«

Menesh Kuruzin war plötzlich auch wieder aufgetaucht. Er stellte sich neben den neugewonnenen Freund und beobachtete den 2,20 Meter großen Urmenschen.

Roi Danton bückte sich und löste die Düsenrollschuhe aus den Magnethalterungen. Er betrachtete sie mit einem Ausdruck des Bedauerns.

»Sie haben uns den Spaß verdorben. Ovaron ist übrigens ein wirklicher Freund der Menschheit. Er vernichtete vor knapp drei Jahren den Sonnensatelliten und befreite mich aus der Gefangenschaft der Zeit. Das aber nur nebenbei.«

Mentro trat vor und streckte dem Fremden die Hand hin. Er war ebenfalls fast zwei Meter groß, nur kräftiger als der Terraner.

»Wollen wir uns vertragen?«

»Gerne! Sie haben enorm schnell reagiert. Mir scheint, Perry Rhodan hat sich für dieses Raumschiff genau die richtigen Männer ausgesucht. Es tut mir leid. Ich werde mich zukünftig hüten, jemand zu testen.«

»Was für Sie naturgemäß reizvoll ist«, nickte Kosum. »Ich möchte mich entschuldigen.«

»Dazu haben Sie durchaus keinen Grund. Das ist übrigens Merceile, eine Frau aus meinem Volk. Wir kommen beide aus der Vergangenheit. Das Unternehmen Nullzeit-Deformator dürfte Ihnen bekannt sein.«

Mentro begrüßte sie.

»Madame, es ist mir eine Ehre, Sie ...«

»Auch das noch«, unterbrach Danton weinerlich. »Bewahre Er die Dame meines Herzens vor Seinen Redensarten. A bientôt, Monsieur, der Informationsoffizier des Schiffes erwartet Sie.«

Mentro schaute den vier so verschiedenartigen Lebewesen versonnen nach. Kuruzin nahm die Mütze ab und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn.

»Das ging hart auf hart, Junge. Was denkst du wohl, was Rhodan mit dir gemacht hätte, wenn du ausgerechnet den Mann erschossen hättest, der vor drei Jahren den Satelliten sprengte?«

»Nichts, überhaupt nichts«, entgegnete Kosum erstaunlich reserviert. »Ich hätte als freier Bürger des Imperiums sogar eine Entschuldigung der Verantwortlichen verlangt.«

Kuruzin pfiff leise durch die Zähne.

»Individualist, wie?«

»Nein, nur ein Mensch, der seine Rechte fordert. Wenn man – so wie wir – wochenlang von der Außenwelt abgeschlossen wird, dann ist es nicht verwunderlich, dass man im gegebenen Augenblick so reagiert, wie man normalerweise reagieren muss. Wenn ich von einem Cappin eingepolt werde, ist er erledigt; vorausgesetzt, er gibt mir noch die Zeit dazu. Das wäre es, Großer. Gehen wir? Ich bin gespannt wie ein Flitzbogen.«

»Was ist denn das schon wieder?«

Kosum gewann seine gute Laune zurück.

»Historischer Begriff. Ich liebe es, die Leute zu belehren.«

Sie hatten etwa eineinhalb Kilometer unter der immer drohender wirkenden Rundung des Schiffskörpers zurücklegen müssen, ehe sie die kleine Mannschleuse am tiefstliegenden Punkt der Zelle erreicht hatten.

Zahlreiche Lastenfahrzeuge waren an ihnen vorbeigesurrt. Es waren nur noch kleinere Versorgungseinheiten gewesen, die jene Güter herbeibrachten, die zur so genannten Minimalausrüstung eines Ultraschlachtschiffes gehörten.

Eine tausendjährige Erfahrung in der Ausrüstung fernflugtauglicher Großraumschiffe sorgte dafür, dass selbst absurd wirkende Kleinigkeiten nicht vergessen wurden. Dazu zählten beispielsweise bestimmte Duftstoffe, die dem Wasser des bordeigenen Schwimmbades zugesetzt wurden. Die Galaktopsychologen wussten seit vielen Jahrhunderten, dass terrageborene Menschen hier und da nach dem Duft von Tannen verlangten.

Das bislang namenlose Großraumschiff hatte in den vergangenen Wochen etwa siebenhunderttausend Tonnen direkte Bedarfsgüter an Bord genommen. Darunter waren in erster Linie dehydrierte Lebensmittel aller Art, Frischwasser und lebensnotwendige Artikel zu verstehen.

Die wichtigste Voraussetzung zur Genießbarkeit staubtrockener und steinharter Dehydrate war ihre Anreicherung mit Wasser. Erst dann gewannen sie im Verlauf der Zubereitung ihr tatsächliches Volumen zurück. Eine Verschwendung des vorhandenen Lagerplatzes konnte man sich nicht erlauben. Ein Großraumschiff dieser Art musste in der Lage sein, drei Jahre lang, maximal vier Jahre lang, ohne Inanspruchnahme einer Versorgungsbasis operieren zu können.

Das unerlässlich notwendige Wasser jedoch konnte man auf zahllosen Planeten finden. Die chemisch absolut reine Regenerierung ausgeschiedener Flüssigkeiten aller Art gehörte zu jenem Wasserhaushalts-Kreislauf, der in akuten Notfällen sogar die Übernahme natürlicher Wasservorräte erübrigte.

Das erdgebundene Gewicht der so genannten indirekten Bedarfsgüter lag bei eins Komma eins Millionen Tonnen.

Hierbei handelte es sich um Ersatzteile aller Art; angefangen vom Mikroschraubenzieher bis hinauf zu Waringschen Kompakt-Kompensationskonvertern, mit denen ausgelaufene Aggregate der Beiboote ersetzt wurden. Hinsichtlich dieser Größenordnungen war es bedeutsam, dass die unerlässlich notwendigen Kernbrennstoffe nur einen Bruchteil des Ladevolumens beanspruchten.

Ultrakatalysiertes Deuterium, dessen Fusionsprozess im kalten Verschmelzungsvorgang schon bei knapp über dreitausend Grad Celsius erreichbar war; KATALY-D-ULTRA, das den einzigartigen Kohlenstoffzyklus der Sterne exakt kopierte, versorgte die Hochenergiereaktoren der Kraftwerke, die Direktstrahlmeiler der Korpuskulartriebwerke und die Autarkversorger der Überlichtflugkonverter mit nur winzigen Mengen verschmelzungsfreudiger Einspritznebel.

Kernbrennstoffe dieser Art konnten überdies auf jedem wasserhaltigen Himmelskörper mit bordeigenen Anlagen hergestellt werden. Es hatte in der Geschichte der Solaren Flotte nur wenige Fälle gegeben, in denen Kommandanten mit ihren Kernbrennstoffen in Schwierigkeiten gekommen waren. Niemals aber war ein Schiff durch den totalen Verbrauch seiner Vorräte manövrierunfähig geworden.

Besonders die neuartigen Schwarzschildreaktoren solarer Raumschiffe verwerteten notfalls auch andere Elemente.

All diese Dinge hatten so erfahrene Männer wie Kosum und Kuruzin stillschweigend als selbstverständlich vorausgesetzt. Sie sahen mit offenen Augen und bemerkten mit geschärften Sinnen, dass dieser Schiffsriese startklar war. Die Restbeladung betraf nur noch Luxusgüter, auf die man hätte verzichten können.

»Langfristiges Fernflugunternehmen!«, hatte Kuruzin behauptet, ehe er zusammen mit Kosum in das Antigravfeld der Mannschleuse gesprungen und nach oben geschwebt war.

Beide kannten derartige Vorbereitungen aus vielen gleichartigen Einsätzen. In diesem Falle sah die Lage aber noch komplizierter aus. Hier wurde an alles gedacht.

Als sie vom Wachoffizier der Polschleuse empfangen und nochmals kontrolliert worden waren, hatten sie hinsichtlich des Flugziels keine besonderen Fragen mehr gehabt. Es musste weit entfernt sein – sehr weit sogar!

Sie hätten um ihre Köpfe wetten mögen, dass dieser Ynkelonium-Terkonit-Gigant ein Dimetranstriebwerk zum Anflug fremder Galaxien besaß. An Lineartriebwerke für den normalen Überlichtflug in der Heimatgalaxis dachten sie keine Sekunde lang. Das war seit tausend Jahren üblich. Bestenfalls hätten sie noch an eine Vervollkommnung der Waringschen Kompensationskonverter geglaubt; den wesentlich besseren und leistungsstärkeren technischen Nachkommen der ehemaligen Kalups.

Was jedoch tatsächlich auf sie wartete, hatten sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen erahnen können.

Der Ertruser erhob sich. Der Empfangsraum lag dicht hinter der Mannschleuse. Er war klein, spartanisch eingerichtet und mit Kommunikationsgeräten überfüllt. Der umweltangepasste Mensch füllte den Raum nahezu aus. Er trug die einfache Borduniform der Flotte. Seine Rangabzeichen wiesen ihn als Oberst des Solaren Imperiums aus. Weitere Symbole, klein, kaum zu bemerken, verrieten, dass er dem Stabsführungskommando angehörte.

Der über zweieinhalb Meter große und etwa zwei Meter fünfzehn breite Gigant trug die sichelförmig geschnittene Haartracht seines Volkes. Die übrigen Schädelpartien waren enthaart. Seine Stimme klang dröhnend und überlaut.

»Oberst Toronar Kasom, Zweiter Stellvertretender Kommandant des Schiffes, nebenbei Sonderoffizier der Raumflotte«, stellte er sich vor. »Willkommen, meine Herren, nehmen Sie Platz.«

Er deutete einladend auf zwei Schwenkschemel. Sie waren an der Wand befestigt.

»Es ist meine Aufgabe, neu eintreffende Besatzungsmitglieder zu begrüßen und sie oberflächlich mit den bisher streng geheimen Einzelheiten bekanntzumachen. Dieser Raumflugkörper ist der Prototyp einer neuartigen Großserie. Die exakte Bezeichnung lautet ›Ultraschlachtschiff der Trägerklasse‹. Aufgebaut auf der bewährten Kugelzelle eines Raumers der Galaxisklasse, führt das Schiff außer den üblichen fünfzig Beiboot-Korvetten und den fünfhundert Lightning-Space-Jets noch fünfzig Hundertmeter-Kreuzer der völlig neuentwickelten ›Planetenklasse‹ mit. Daher der Begriff ›Trägerklasse‹. Sie werden den umgestalteten Äquatorialwulst bemerkt haben. Die Normaltriebwerke sind kompakter und dennoch leistungsfähiger geworden. Die äußere Ringwulstzone enthält fünfzig Großhangars zur Aufnahme und Ausschleusung der fünfzig Kreuzer. Sie, Oberstleutnant Kuruzin, sind als Chef der Ersten Kreuzerflottille vorgesehen. Sie werden später den Ihnen unterstehenden Kommandanten vorgestellt. Jede Flottille besteht nach dem altbewährten Muster der Trägerkorvetten aus zehn Einheiten.«

Menesh Kuruzin atmete schwer. Er hatte viel erwartet; das aber nicht.

Kasom, der Urenkel des in die Menschheitsgeschichte eingegangenen Ertrusers Melbar Kasom, verlor keine Zeit. Er sah geflissentlich über die verstörten Blicke des Afroterraners hinweg.

»Übrigens wird Ihr Schweigeverbot ab sofort aufgehoben. Sind Sie mit Ihrem neuen Kommando einverstanden, Mr. Kuruzin?«

»Ja – aber ich – ich ...!«

»Wir wissen natürlich, dass Sie bisher als Kommandant des Schlachtkreuzers GONAPALA fungierten«, unterbrach der Ertruser. Ein Lächeln umspielte seinen Mund. »Lassen Sie sich dadurch nicht stören. Sie haben durch Ihr geschicktes Vorgehen mehrere Male politische Verwicklungen größten Ausmaßes vermieden. Wir wissen nicht, was uns am Reiseziel der MARCO POLO erwartet.«

»Endlich hört man einen Namen«, warf Mentro Kosum ein. Er schaute düster vor sich hin. »Siehst du, Freund Kuruzin, ich habe doch geahnt, dass du ein verkappter Oberst bist.«

»Ein Beinahe-Oberst«, lachte der Afroterraner. »In Ordnung, Sir, ich nehme das Kommando an. Wann kann ich einen der neuen Kreuzer sehen? Taugen sie etwas?«

»Das darf man behaupten. Achthundert Kilometersekunden hoch zwei im Beschleunigungswert; durch Vollautomatisierung nur noch sechzig Mann Besatzung; Reichweite mit zwei Waring-Ultrakomp-Konvertern zwei Millionen Lichtjahre, Ynkelonium-Terkonit-Zelle, drei Transformkanonen à eintausend Gigatonnen TNT, enorme Manövrierfähigkeit, stützpunktunabhängige Operationszeit zwei Jahre Standard. Kampfkraft identisch mit der eines Schweren Kreuzers der Solarklasse. Dazu wesentlich schneller, handlicher und bedarfsunabhängiger. Mit den zehn Planetenkreuzern Ihrer Flottille können Sie Entscheidungen treffen. Reicht Ihnen das?«

»Jaha, röchelte der Große und sank ohnmächtig zu Boden«, ließ Kosum einen seiner Knüttelverse verlauten.

Der Ertruser lachte dröhnend. Mentro verzog das Gesicht.

»Nun zu Ihnen, Major Kosum. Ich darf Sie als Zweiten Kosmonautischen Offizier der MARCO POLO begrüßen. Kommandant ist der Emotionaut Oberst Elas Korom-Khan, ehemals Chef der INTERSOLAR, deren Besatzung überwiegend auf die MARCO POLO übernommen wurde. Sie ersetzen den ausgeschiedenen ehemaligen Zweiten Offizier, Major Trec Lacuert. Perry Rhodan legt größten Wert darauf, infolge der Einmaligkeit des bevorstehenden Unternehmens mindestens drei Emotionauten an Bord zu nehmen, die sich in der Führung moderner Großkampfschiffe bewährt haben. Das USO-Ultraschlachtschiff MAPIRAMOS wäre von einem Verband der Zentralgalaktischen Union fraglos vernichtet worden, wenn Sie nach dem Ausfall des Kommandanten nicht die SERT-Steuerung übernommen und den angegliederten Schlachtkreuzerverband indirekt geleitet hätten. Wäre einem normalen Menschen, darunter verstehe ich auch einen Ertruser, diese Verantwortung ohne jede Vorbereitungszeit übertragen worden, hätte eine Katastrophe nicht ausbleiben können. Die von Cappins übernommenen Flottenkommandeure des Alverhei-Top-Systems hatten die Absicht gehabt, die wichtigsten Kalfaktoren der ZGU ebenfalls zu unterjochen und die Regierungsgewalt anzutreten. Das hätte in letzter Konsequenz zu einem Krieg geführt. Sie haben sich freiwillig zu unserem bevorstehenden Einsatz gemeldet. Nun kennen Sie die von uns für Sie vorgesehene Position. Sie werden Zweiter Offizier. Wollen Sie das Kommando annehmen?«

»Ich nehme die Position als Zweiter Offizier der MARCO POLO an.«

Toronar Kasom nickte.

»In Ordnung, dann wären wir uns einig. Ich ...!«

Er zögerte, stand auf und grüßte. In der Tür, die lautlos aufgeglitten war, stand plötzlich ein mittelgroßer, dunkelhaariger Offizier. Es war ebenfalls ein Oberst. Auf seinem linken Uniformärmel glänzte jedoch ein Symbol, das unter vielen Milliarden Menschen nur ganz wenige Männer tragen durften.

Es stellte Gesicht und Schädel eines Mannes dar, dessen Hirnschale von einer leuchtenden Metallhaube umschlossen wurde. Die Augen wirkten ausdruckslos.

Dieser Mann war ein Emotionaut. Er besaß die Fähigkeit, seine Gedanken- und Vorstellungsmuster über Schaltvorgänge aller Art unter Umgehung der befehlsleitenden Nervenbahnen und der ausführenden Hände direkt auf eine Spezialpositronik übertragen zu können.

Sie verwirklichte die Befehlsimpulse seines Gehirns mit Lichtgeschwindigkeit und nahm all jene Schaltvorgänge vor, die von dem Emotionauten lediglich gedacht, niemals aber mechanisch durchgeführt wurden. Die Vorteile lagen klar auf der Hand. Emotionauten handelten tausendfach schneller, sicherer und präziser als Menschen, die das Vorstellungsgut ihres Gehirns über den Umweg der Nervenleiter und der dadurch angeregten Fingermuskulatur erst einmal in Knopfdruckvorgänge, Schalterbewegungen und was der rein manuellen Tätigkeiten mehr waren, umsetzen mussten.

Die Hirnimpulse von Emotionauten wurden von den so genannten SERT-Hauben direkt aufgenommen und mit Hilfe der synchron geschalteten Sonderpositroniken augenblicklich auf die Ausführungsorgane übertragen. Dazu zählten nicht nur Triebwerke aller Art, sondern auch Manövervorgänge, Funksprüche, Aktivierung der Defensivwaffen, Feuereröffnung der Breitseiten und zahllose andere Direktschaltungen.

Die Abkürzung SERT beinhaltete den Begriff »Simultane Emotio- und Reflex-Transmission«.

Auch Menesh Kuruzin stand auf. Kosum tippte mit dem Zeigefinger an die Mütze.

Oberst Elas Korom-Khan, der Mann, der die veraltete INTERSOLAR bravourös geführt hatte, dankte mit einem Nicken. Er wirkte so ruhig und gelassen wie immer.

»Guten Morgen, meine Herren. Willkommen auf der MARCO POLO. Bitte, behalten Sie doch Platz. Ich konnte es nicht unterlassen, jene Männer zu begrüßen, die unseren Freund aus der fernen Vergangenheit beinahe ins Jenseits befördert hätten.«

Er lächelte und drückte zwei Hände.

»Wissen Sie, es ist schon erstaunlich, dass ein Mensch überhaupt in der Lage ist, die Tastimpulse eines Cappins auszumachen. Ihre Reaktion war dagegen noch bemerkenswerter.«

Kuruzin seufzte und warf dem neugewonnenen Freund einen anklagenden Blick zu.

»Junge, du hast mich ganz schön an der Nase herumgeführt. Soll ich dir die Füße küssen oder vor lauter Bewunderung einen Freudentanz aufführen?«

»Weder noch. Lache besser laut und herzlich. Das ist Balsam für meine Seele.«

Kuruzin wirkte etwas unsicher.

»Ich werde Sie nunmehr durch speziell programmierte Informationsroboter einführen lassen«, verkündete der Kommandant. »Jede Frage, die das Schiff und seine Gesamteinrichtung betrifft, wird Ihnen mit bio-positronischer Exaktheit beantwortet werden. Unsere I-Robots kennen die MARCO POLO bis zur letzten Schweißnaht. Sind Sie fertig, Mr. Kasom?«

Der Ertruser nickte und nahm die beiden Identifizierungsmarken der Neuankömmlinge an sich.

»Die brauchen Sie jetzt nicht mehr. Der Gesamttest war wohl ziemlich aufregend, wie?«

»In der Tat, in der Tat«, bestätigte Mentro. »Ich durfte nur deshalb nicht vor Angst zittern, weil mir mein Verstand sagte, ich hätte heldenhaft zu sein.«

Der Ertruser lachte.

»Übrigens«, warf der Kommandant ein, »außer den drei Emotionauten, die in der Schiffsführung die unbedingte Vorrangstellung innehaben, befinden sich noch zwei Ertruser als Stellvertretende Kommandeure an Bord. Beide Ertruser sind Sonderoffiziere für den Fall, dass alle drei Emotionauten ausfallen.«

»Das Flottenkommando scheint sich gewaltig angestrengt zu haben«, spöttelte Mentro Kosum. »Darf man erfahren, wohin die Reise gehen soll, Sir?«

»Nein. Das ist das letzte Geheimnis. Sie werden im Leerraum zwischen dem Solsystem und Wega informiert. Bis bald, meine Herren.«

Elas Korom-Khan wurde durch Kosums Anruf aufgehalten.

»Noch eine Frage?«

»Jawohl, Sir, eine technische. Mir scheint, als bliebe mir sehr wenig Zeit, mich mit den SERT-Schaltungen vertraut zu machen. Ich kenne weder die sicherlich neuartigen Triebwerke noch andere Dinge, die es auf normalen Ultraschlachtschiffen der Galaxisklasse ebenfalls nicht geben dürfte. Hat man daran gedacht?«

»Man hat. Sie erhalten heute noch eine vorbereitete Hypnounterrichtung. In der SERT-Steuerung gibt es keinerlei Abweichungen. Sie müssen jedoch erfahren, dass unsere zwanzig Impulstriebwerke leistungsfähiger sind als die anderer Schiffe vergleichbarer Größenordnung. Eine Gesamtschubleistung von maximal dreißig Millionen Megapond will beherrscht und fein dosiert werden. Wenn Sie als Diensthabender die Defensivwaffen einsetzen müssen, sollten Sie bedenken, dass unsere zwölf Großkraftwerke zusammen neunhundertsechzig Millionen Megawatt leisten.«

»Megawatt, Sir?«

»Sie sagen es. Identisch mit neunhundertsechzig Milliarden Kilowatt. Darüber zu herrschen, ist eine Aufgabe für sich. Ich kenne keinen Gegner, der einen mit dieser Energieleistung aufgeladenen Paratronschutzschirm durchdringen könnte. Das kann sich natürlich ändern. Ich betone, dass wir nicht wissen, mit wem wir zusammentreffen werden.«

»Und das Ferntriebwerk, Sir? Dimetransausführung ...?«

Elas Korom-Khan blickte zur Decke, als gäbe es dort interessante Dinge zu entdecken.

»Nein. Deswegen und nur deswegen erhalten Sie die Hypnounterrichtung. Die MARCO POLO wird nicht mehr mit einem Aggregat fliegen, das sich bei zahlreichen Unternehmen als gefährlich erwiesen hat. Sie sind doch selbst einmal zum Andromedanebel geflogen, nicht wahr?«

»Das stimmt, Sir«, bestätigte Mentro mit einem humorlosen Auflachen. »Ich kam im Zentrum dieser Galaxis heraus. Das entspricht der Eigenart eines Dimetranstriebwerkes. Intervall-Anflüge sind damit unmöglich. Man startet und landet naturbedingt im dichtesten Sterngewimmel einer Galaxis, von der man so gut wie nichts weiß. Ich musste zwei Impulstriebwerke ruinieren und anschließend noch einen Waring-Konverter ausbrennen lassen, nur um schnell genug einer Sonnenballung ausweichen zu können. Sie stand genau in meinem Eintauchkurs.«

»Eben, das wollte ich festgestellt wissen. Etwa zweihundert Expeditionsschiffe sind verlorengegangen, weil nicht jeder Kommandant ein Emotionaut war. Man rast in ein energetisch überladenes Zentrum hinein, ohne zu ahnen, ob man im Zentrum einer Sonne herauskommt, oder – wenn man Glück hat – in einer relativ sternarmen Zone, die ein Ausweichmanöver erlaubt. Nein, Mr. Kosum, ein solches Triebwerk haben wir nicht an Bord! Auf günstige Zufälle zu hoffen ist im Zeitalter der Fernflugtechnik ein Ding der Unmöglichkeit. Die MARCO POLO wurde mit einer Anlage rein terranischen Ursprungs ausgerüstet. Das Waringer-Team hat sich einige Gedanken gemacht. Wir fliegen fremde Galaxien mit dem völlig neuartigen Dimesextatriebwerk an, das erst konstruiert werden konnte, nachdem die Stabilität des Sextagoniums gewährleistet war. Es erlaubt die Unterbrechung eines Fernfluges von Galaxis zu Galaxis in beliebigen Etappenweiten. Aber das erfahren Sie noch. Bis bald, meine Herren!«

Der Kommandant der MARCO POLO ging. Zwei völlig verblüffte Männer und ein uninteressiert blickender Ertruser blieben zurück.

Kuruzin setzte sich wieder. Er atmete schwer.

»Habe ich nicht gesagt, dass wir auf dem unwahrscheinlichsten Raumschiff der Menschheitsgeschichte einsteigen? Beliebige Unterbrechung eines Fernfluges, ha ...! Das zu hören, ist Musik für meine Ohren. Darf man den hier anwesenden ertrusischen Schwergewichtler fragen, ob die neuen Aggregate bereits erprobt sind?«

Toronar Kasom beugte sich weit über den Tisch und griff nach seiner Mütze.

»Ja. Keine Versager, keine Navigationsschwierigkeiten als Folgeerscheinung der Sprungunterbrechungen. Das Waringsche Dakkarfeld, also die Sextadim-Halbspurzone, bietet die gleiche Sicherheit wie der Linearflug. Wir hoffen wenigstens, dass dieser begrüßenswerte Zustand anhält. Nein, keine Fragen mehr! Sie werden alles erfahren. Oberstleutnant Kuruzin, ich darf Sie nun bitten, sich mit den Kommandanten Ihrer Kreuzerflottille bekannt zu machen. Sie und Kosum sind die letzten Abkommandierten, die an Bord gekommen sind. Sie haben tatsächlich nur noch wenig Zeit bis zum Start. Perry Rhodan wird morgen eintreffen. Es wäre mir lieb, wenn Sie bis dahin mit Ihren neuartigen Kreuzern vertraut wären. Sie, Major Kosum, setzen sich bitte mit den Paramechanikern der Hypnolehranstalt in Verbindung.«

Sie durchschritten, durchrollten und durchflogen das Labyrinth von Gängen, Hallen und Sicherheitsschleusen, die für ein Ultraschlachtschiff typisch waren.

Die beiden Informationsroboter, äußerlich menschenähnlich, wussten tatsächlich auf jede Frage eine Antwort. Es gab keinerlei Verständigungsschwierigkeiten. Technische Daten aller Art wurden von den Robots mit der monotonen Exaktheit solcher Maschinen definiert.

Noch ehe Kosum und Kuruzin den Rollenoffizier erreichten, der auch für die Ausgabe der Borduniformen, Dienstwaffen, Kampfanzüge usw. verantwortlich zeichnete, wussten sie, was der Begriff »Trägerklasse« bedeutete.

Es war die maximale Vervollkommnung jener bislang gebräuchlichen Großschiffstypen, die als Rückgrat der Flotte gegolten hatten.

Mittlerweile war man im Flottenführungsstab zu der Auffassung gelangt, dass kampfstarke Ultrariesen, die gleichzeitig als Trägereinheiten und Versorgungsbasen für ebenfalls leistungsfähige Trägerschiffe dienen konnten, enorme taktische Vorteile boten.

Allein die fünfzig Kreuzer der neuentwickelten Planetenklasse, die fünfzig Korvetten und die fünfhundert Lightning-Space-Jets stellten eine Zusatzbewaffnung dar, die kein Gegner übersehen durfte.

Bei diesen Trägereinheiten handelte es sich um supermoderne Raumschiffe, die infolge ihrer schweren Bewaffnung, defensiven Kampfkraft und bis zum Maximum gesteigerten Manövrierfähigkeit einen direkten Einsatz des Mutterschiffes in den meisten Fällen überflüssig machten.

Voraussetzung dafür war eine konstruktive Neuordnung des Trägerschiffes gewesen. Beiboote von dieser Größenordnung mussten speziell versorgt und gewartet werden. Ihre Kommandanten mussten die Gewissheit haben, dass bei Ausfällen und Versagern aller Art in erreichbarer Nähe ein Stützpunkt vorhanden war, auf dem man alles ersetzen und reparieren konnte, was sonst nur in bodengebundenen Werften möglich war.

Die MARCO POLO war als Schiff ihrer Klasse das erste Raumfahrzeug der Solaren Flotte, das gleichzeitig in den direkten Einsatz gehen, aber auch als Nachschubbasis im Hintergrund der Geschehnisse operieren konnte.

Mentro Kosum erfuhr somit sehr schnell, was ihn erwartete. Er als Zweiter Kosmonautischer Offizier und Emotionaut hatte einen großen Teil jener Verantwortung zu tragen, die zwangsläufig auf jeden Mann der Besatzung zukommen musste.

Menesh Kuruzin dagegen war ein nicht minder großer Anteil an dieser Verantwortung übertragen worden. Wenn er im aktiven Einsatz mit den zehn Kreuzern seiner Flottille aus dem riesigen Ringwulst der MARCO POLO ausgeschleust wurde; wenn er sich demnach lichtjahreweit von dem Mutterschiff entfernte, hatte er die Entscheidung zu treffen. Für Rückfragen blieb erfahrungsgemäß selten Zeit. Es gehörte auch zu Perry Rhodans Prinzipien, seine Kommandanten nach der gegebenen Sachlage handeln zu lassen. Vom grünen Tisch aus konnten prekäre Situationen niemals genau beurteilt werden. Kleinigkeiten, die kein Außenstehender erfassen konnte, waren überwiegend handlungsformend.

In der Rüstkammer angekommen, erhielten sie ihre Borduniformen. Alle anderen Habseligkeiten waren bereits in die Kabinen befördert worden.

»Ihre Dienstwaffen, meine Herren«, erklärte der Rollenoffizier. »Vorsicht bitte. Scharf geladen, jedoch gesichert. Hier Ihre Spezialausweise. Immer mitführen, bitte. Sie, Mr. Kuruzin, wohnen an Bord des Kreuzers CMP-1. Sie, Mr. Kosum, belegen ein Quartier in unmittelbarer Nähe der inneren Kugelzentrale. Die Kammer besitzt eine separate Röhrenverbundleitung zum Kommandostand. Sie können im Alarmfall in drei Sekunden dort sein, vorausgesetzt, Sie schwingen sich schnell genug in das Abstoßschott hinein. Die Offiziersverpflegung entspricht der Mannschaftsverpflegung. Wir ...«

»Ich bin Angehöriger der USO«, unterbrach Kosum. »Es ist üblich, dass wir auch die Verpflegung dieser Organisation erhalten.«

»Auf anderen Schiffen – ja! Auf der MARCO POLO nicht.«

»Hören Sie, das ist die letzte Zumutung. Der solare Flottenfraß ist berüchtigt. Ich ...!«

»Befehl des Regierenden Lordadmirals Atlan, Sir. Es gibt keine Ausnahmen. Ich darf Sie jedoch darüber aufklären, dass die MARCO POLO nicht die übliche Synthesenahrung an Bord hat, sondern natürlich herangereifte Nährstoffe. Dazu zählen unter anderem dreihunderttausend dehydrierte und knochenlose Schweinehälften, hunderttausend terranische Ochsen, sechshunderttausend auf Eigröße geschrumpfte Hähnchen und Puten. Gemüse aller Art und so weiter.«

Kuruzin war fassungslos.

»Ich steige aus!«, keuchte er. »Lasst mich gehen. Mir wird unheimlich! Echtes Fleisch auf einem Ultraschlachtschiff? Das hat es überhaupt noch nie gegeben. Ich habe im Bluessektor monatelang Synthobrei und Algengrütze gegessen, und hier soll es nun plötzlich Hähnchen, Schweinebauch und sonstige Leckerbissen geben? Verdammt, Junge, ich sage dir, dass wir in die Hölle fliegen. Gehst du mit?«

Kosum schüttelte grinsend den Kopf.

»Dann bleibe ich auch«, stöhnte der Afroterraner. »Hören Sie, liebster Rüstkammermensch, wohin fliegen wir eigentlich?«

Der Major zuckte die Schultern.

»Vielleicht haben Sie recht; aber wer kann sagen, wo die Hölle beginnt und wo sie endet?«

»Das ist ein Weiser«, lenkte Kosum ab. »In Ordnung, vielen Dank für Ihre Hilfe. Kann ich noch baden?«

»Natürlich. Die letzte Frischwasserübernahme ist noch nicht angeordnet worden. Verschwenden Sie also das kühle Nass nach Herzenslust.«

2.

Die MARCO POLO hatte nach ihrem Start am 3. Juli 3437 das Sonnensystem mit knapp Lichtgeschwindigkeit durchflogen.

Großadministrator Perry Rhodan, Chef der Expedition, hatte diese Gelegenheit benutzt, um die Ein- und Ausschleusung der großen Beiboote im Grenzbereich relativistischer Geschwindigkeiten nochmals zu erproben. Es hatte tadellos geklappt. Die einzelnen Kommandanten waren »eingeflogen«.

Das Leuchten des gigantischen Paratronschutzschirmes, der das System umhüllte, war immer intensiver geworden. Jenseits der Plutobahn hatte man schließlich jene energetisch bedienbare Strukturschleuse erreicht, durch die man das Solsystem verlassen oder in seinen internen Raum einfliegen konnte.

Die Strukturschleuse war die einzige ihrer Art. Es gab keinen anderen Punkt, der ein Durchdringen der Paratronschirmhohlkugel erlaubt hätte.

Seitdem der Sonnensatellit vor drei Jahren durch die von Ovaron gezündete Sextadim-Zeitbombe zerstört worden war, hatte das Solsystem den Schutz der Zukunft verloren.

Das so mühevoll errichtete Antitemporale Gezeitenfeld war in sich zusammengebrochen. Die Sonne und alle Planeten waren in die gültige Realzeit zurückgefallen.

Das Unternehmen LAURIN, das ehemals ins Leben gerufen worden war, um den geplanten Angriff der drei großen rivalisierenden menschlichen Sternenreiche ohne Blutvergießen abwehren zu können, hatte seinen Zweck erfüllt.

Seit dem 25. Juli 3434 war das einstige Imperium Dabrifa in die »Galaktische Föderation Normon« umgewandelt worden.

Mit dem Solaren Imperium hatte man eine Personalunion vereinbart. Wenige Wochen später war Perry Rhodan von der Bevölkerung des Sternenreiches in freier Wahl zum Regierungschef ernannt worden.

Dennoch hatte der riesige Paratronschirm über dem Solsystem niemals aufgehört zu leuchten. Nur wenige Fremdraumschiffe durften die Strukturschleuse passieren.

Der intergalaktische Handelsverkehr wurde nach wie vor über die Transmittercontainerverbindung zwischen Olymp und den solaren Planeten durchgeführt. Das Prinzip hatte sich so hervorragend bewährt, dass eine Änderung nicht erforderlich war.

Seit drei Jahren konnte jeder Solarier wieder frei und ungebunden entscheiden, ob er seine Ferien auf einer Welt weit draußen in der Milchstraße, oder vielleicht auf Olymp, dem wohl interessantesten Handelsplaneten der Galaxis, verbringen wollte.

Die Solare Flotte operierte wie seit tausend Jahren an den Brennpunkten der Milchstraße. Die Machthaber der beiden großen Sternenreiche Carsual und ZGU waren nach dem überraschenden Wiedererscheinen des als vernichtet geglaubten Solsystems merklich zurückhaltender geworden.

Annexionen unabhängiger Planeten gab es nicht mehr. Die Solare Flotte war überall. Der Hilferuf einer legalen planetarischen Regierung mit der Bitte um Schutzgewährung gegen fremde Willkür genügte, um solare Kampfverbände in den Linearraum rasen zu lassen.

Nur wenige Männer und Frauen wussten, dass der vor drei Jahren gesprengte Sonnensatellit ein unheilvolles Erbe hinterlassen hatte.

In der Milchstraße waren die Cappins der Neuzeit aufgetaucht. Sie schienen dem gleichen Cappinvolk zu entstammen, das im Verlauf eines missglückten Zeitexperimentes achttausend Personen zu dem ehemaligen Sonnensatelliten geschickt hatte.

Ovaron, der ehemalige Ganjo und Herrscher über das Ganjasische Reich, hatte aufgrund seiner Kenntnisse zuerst die Behauptung aufgeworfen, den Pedotransferern und Pedomessstationen seines Volkes hätten die Dakkarkom-Impulse des Satelliten nie und nimmer entgehen können.

Ovaron hatte daran erinnert, dass der Satellit im Januar 3434 bei seinem Überraschungsangriff auf den Energiehaushalt der Sonne zusammen mit dem Solsystem kurzfristig in die Realzeit zurückgefallen war.

Es war allein dem Supermutanten Ribald Corello zu verdanken gewesen, dass der Schutz der Zukunft wieder aufgesucht werden konnte.

Während des Aufenthaltes in der Realzeit hatte der Satellit jedoch unablässig seine vorgeschriebene Aufgabe erfüllt und sich als mechanischer Pedopeiler zu erkennen gegeben.

Entfernungen spielten beim sechsdimensionalen Dakkarkom-Funk keine Rolle. Die eindeutigen Rufzeichen mussten nach Ovarons Auffassung gehört und der Sender eingepeilt worden sein.

Perry Rhodan sah sich nach der vorläufigen Befriedung der weitverstreuten Menschheit plötzlich gezwungen, sich mit einer anderen Gefahr auseinanderzusetzen.

Sie konnte imaginär sein! Ovarons Behauptung, die Nachkommen der alten Ganjasen und Takerer würden ihrer Mentalität entsprechend alles versuchen, den Peiler zu finden, konnte ebenfalls hypothetisch sein.

Niemand wusste jedoch genau, was in einer fernen Galaxis geplant wurde. Rhodan hatte Ovarons Vermutungen zuerst abgelehnt. Diese Auffassung hatte sich schlagartig geändert, als man in der Milchstraße Menschen entdeckte, die eindeutig von Cappins übernommen worden waren.

Jählings hatte sich für Rhodan und zahlreiche wissenschaftliche Teams die bange Frage aufgeworfen, wieso diese Pedotransferer in der Milchstraße aufgetaucht waren. Schließlich gab es zahllose andere Galaxien im weiten Universum.

Ovarons Urteil hatte gelautet: gelungene Einpeilung des Sonnensatelliten, beginnende Invasion in der Form von ersten Tastversuchen und Erkundungsunternehmen.

Der wohl geheimnisvollste Fernflug eines terranischen Raumschiffes hatte begonnen.

Die MARCO POLO war jenseits der Strukturschleuse augenblicklich in den Linearraum gegangen, um anschließend zwischen Sol und Wega wieder aufzutauchen.

Nun schwebte das riesige Schiff mit gestoppten Maschinen zwischen den Sternen.

»... Einsatzinformation. An alle: Hier spricht der Kommandant. Nehmen Sie bitte die für Generalunterrichtungen vorgesehenen Plätze ein. Einsatzinformation.«

Die MARCO POLO besaß eine Stammbesatzung von dreitausend Mann. Hinzu kamen noch die Mannschaften von fünfzig Kreuzern der Planetenklasse à zwanzig Mann und die Piloten der fünfhundert Lightning-Raumjäger zu jeweils zwei Mann.

Somit beförderte das Trägerschiff insgesamt achttausend Personen.

Achttausend Männer und Frauen, darunter die Angehörigen der zahlreichen wissenschaftlichen Abteilungen, begaben sich entweder direkt in den großen Informationssaal des Schiffes, oder sie schalteten die 3-D-Bildschirme der Interkomanlage ein. Rückfragen aller Art konnten von jeder Station aus gestellt werden.

Den I-Raum betraten nur die Kommandooffiziere des Schiffes, die Wissenschaftler und die Flottillenkommandeure. So geschah es, dass sich Mentro Kosum und Menesh Kuruzin vor der Sicherheitsschleuse trafen.

»Auf denn zur Besichtigung der Prominenz«, spöttelte der Afroterraner. »Ich habe gehört, du hättest uns in direkter SERT-Steuerung bis zu diesem imaginären Punkt unseres Universums gebracht. Stimmt das?«

»Es stimmt. Es war nicht problematisch. Außerdem wollte man mich testen. Elas Korom-Khan und sein Erster Emotio-Offizier, Senco Ahrat, überwachten jeden meiner Befehlsimpulse. Man scheint zufrieden zu sein.«

Der Saal füllte sich. Die Mitglieder des neuen Mutantenkorps erschienen. Zu ihnen zählten so berühmte Persönlichkeiten wie Gucky, der Mausbiber, der Teleporter Ras Tschubai und der Ortertelepath Fellmer Lloyd.

Die neuen Mitglieder des durch die Second-Genesis-Krise reduzierten Korps waren der Pferdekopfmutant und Movator Takvorian, Merkosh, der Gläserne, als Frequenzwandler bekannt, und der Psychokopist Patulli Lokoshan mit der Statuette seines »Erbgottes« Lullog; dazu kamen die als Halbmutanten geltenden Männer Lord Zwiebus und Alaska Saedelaere.

Als fremdartige Expeditionsteilnehmer waren Ovaron und Merceile einzustufen. Der haluterähnliche Riesenroboter PALADIN III mit seiner sechsköpfigen Siganesen-Mannschaft stampfte ebenfalls durch die Sicherheitsschleuse.

Professor Dr. Geoffry Abel Waringer war mit dem wissenschaftlichen Team erschienen, das bereits die bedeutungsvollen Zeitexperimente im Verlauf des Nullzeit-Deformatorprogramms geleitet hatte.

Kuruzin stockte der Atem. Er fühlte, dass eine bedeutsame Eröffnung bevorstand.

Perry Rhodan und Atlan erschienen Punkt 14 Uhr Standardzeit. Rhodan gab sich gelassen. Er glich äußerlich infolge seines Zellaktivators noch immer jenem Mann, der vor etwa vierzehnhundertfünfzig Jahren die seinerzeit zerstrittenen Bewohner der Erde geeint und anschließend den Grundstein zum Solaren Imperium des 35. Jahrhunderts gelegt hatte.

Rhodan hielt sich nicht lange mit Vorreden auf. Die primären Faktoren waren jedermann bekannt.

Die Kameras der bordeigenen Interkomverbindung richteten sich auf ihn. Er stand vor einer projizierten Sternkarte.

»Das ist die Galaxis NGC 4594, ihrer Gestaltung wegen auch unter dem Begriff ›Sombrero‹ bekannt. Entfernung von der Milchstraße rund fünfunddreißig Millionen achthundertsechzigtausend Lichtjahre. Das neue Dimesextatriebwerk der MARCO POLO befähigt uns, den Zielanflug beliebig oft zu unterbrechen. Genaue Positionsbestimmungen sind daher sicher. Im Gegensatz zu dem gefährlichen und auch veralteten Dimetranstriebwerk, das wir vor etwa tausend Jahren in seinen Grunddaten von den ULEB übernommen hatten, bietet das von terranischen Wissenschaftlern entwickelte Dimesextatriebwerk ein Höchstmaß an Sicherheit. Wir werden uns damit in der so genannten Dakkarzone bewegen, auch Sextadim-Halbspur genannt. Hierbei handelt es sich um eine energetisch neutrale, jedoch äußerst scharf begrenzte und enge Zone zwischen dem fünf- und sechsdimensionalen Pararaum. Dort herrschen völlig andersartige Gesetzmäßigkeiten. Wir werden im Schutz des abschirmenden Waringschen Dakkarfeldes eine für unsere Bezugsverbindung vielbilliardenfache Überlichtgeschwindigkeit erreichen. Dieses typische Ferntriebwerk ist für den Flug innerhalb einer Galaxis unbrauchbar. Wir wären damit zu schnell. Für innergalaktische Reisen besitzt die MARCO POLO den bewährten Linearantrieb. Das in kurzer Form für die Neulinge an Bord, die, soweit wir uns noch nicht persönlich kennengelernt haben, ich sehr herzlich begrüßen möchte.«

Rhodan nickte zu den Kameras hinüber.

»Kommen wir zur Sache. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Das Ziel ist nunmehr bekannt. Die Galaxis NGC 4594 gehört nicht mehr zur lokalen Gruppe, desgleichen nicht zum großen Virgo-Haufen. Sie ist diesem Cluster vorgelagert und als autarkes Sternsystem einzustufen. Ovaron, unser Freund aus der fernen Vergangenheit, bezeichnet diese in Form, Entfernung und Bewegung unverkennbare Sterneninsel als die Heimat aller Cappins.«

Die Erregung an Bord der MARCO POLO stieg. Endlich erfuhr man, wohin die Reise gehen sollte.

Rhodan wartete nicht auf eventuelle Reaktionen. Man fühlte, dass er die Informationen schnell abschließen wollte.

»Der Sombrero besitzt etwa hundertzwanzig Milliarden Sterne. Dazu noch zirka siebenhundert Kugelhaufen, die pro Einheit nochmals über hunderttausend Sonnen verfügen. Die Angaben stammen von Ovaron, der sich in seiner Heimatgalaxis besser auskennen dürfte als wir. Wir stoßen somit in ein Sternenmeer von unermesslicher Größenordnung vor. Eine astronomische und astrophysische Vermessung in unserem Sinne würde Jahrhunderte beanspruchen. Wir greifen daher auf jenes Material zurück, das Ovaron in seinem Geheimstützpunkt auf dem Saturnmond Titan vorfand. Das hat einen Haken.«

Rhodan überlegte. Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort:

»Die kosmonautischen Unterlagen über NGC 4594 stammen aus einer Zeit, die zweihunderttausend Jahre zurückliegt. Unterdessen haben sich die Himmelskörper infolge ihrer Eigenbewegung verschoben. Da wir jedoch aus Ovarons Daten die jeweiligen Geschwindigkeiten und Bahnen genau kennen, und da nicht anzunehmen ist, dass sie sich verändert haben, werden unsere Spezialpositroniken die neuen Konstellationen unter Berücksichtigung der Positionsverschiebungen im erwähnten Zeitraum ermitteln. Die Positroniken werden Ovarons Alt-Unterlagen auf den heutigen Stand bringen. Alles in allem kommen wir in eine Galaxis, die uns durch die astronomischen Grundlagen der ehemaligen Ganjasen in gewissen Sektoren besser bekannt ist als unsere eigene Milchstraße. Das mag verblüffend klingen; aber Tatsachen sind Tatsachen.«

»Wau-wau, wieherte die Nachtigall!«, sprach Kosum. Er sagte es ziemlich laut. Gelächter brandete auf.

Rhodan sah flüchtig zu dem Emotionauten hinüber.

»Ihre ›dichterische‹ Begabung ist bekannt, Mr. Kosum. In diesem Falle wollten Sie wohl Ihren Bedenken Ausdruck verleihen. Die Nachtigall spielte im alt-terranischen Sprachschatz eine gewisse Rolle, wenn es darum ging, Verdachtsmomente oder Unglauben auszudrücken. Sehr schön! Wir kennen NGC 4594 dennoch besser, als Sie annehmen.«

»Du solltest dich mit einem Aktivatorträger nicht anlegen«, flüsterte Kuruzin. »Was ist überhaupt eine Nachtigall?«

»Ein Flugsaurier aus der Kreidezeit. Mein Wort darauf. Vergiss nicht meine historischen Studien.«

»Ah ...! Du bist ein Könner, Junge.«

Rhodan unterdrückte ein Schmunzeln. Er kannte mittlerweile Kosums Ambitionen.

»Warum fliegen wir zum Sombrero? Das zu klären, ist mein besonderes Anliegen. Sie wissen, dass unser Heimatsystem vor drei Jahren in die Realzeit zurückfiel. Die daraus resultierenden innenpolitischen Folgen – damit meine ich den Bereich unserer Milchstraße! – sind zur Zeit zweitrangig. Viel bedeutsamer ist die Tatsache, dass Ovaron meint, der Sonnensatellit hätte als Pedopeiler auf mechanischer Basis fungiert. Ich glaubte nicht daran, bis vor etwa Jahresfrist die ersten Cappins in unserer Galaxis auftauchten und wichtige Persönlichkeiten übernahmen. Da wurde die Lage prekär. Nun wirft sich für uns die Frage auf, wieso Pedotransferer ausgerechnet bei uns erscheinen, weshalb sie offenbar gezielt Regierungschefs und Flottenbefehlshaber ausschalten, die für die Erhaltung des Friedens zwischen der weitverstreuten Menschheit wichtig sind. Ich glaube nicht mehr an einen Zufall. Das wird von NATHAN bestätigt. Die MARCO POLO ist also gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Was dieses Ultraschlachtschiff der neuartigen Trägerklasse leisten kann, haben Sie unterdessen erfahren. Ich darf unseren neuen Besatzungsmitgliedern versichern, dass die ersten Probefernflüge mit der Präzision eines normalen Linearfluges verlaufen sind.«

Niemand diskutierte, niemand machte eine Bemerkung. Kosum war sehr nachdenklich geworden. Er erinnerte sich an den Fall Alverhei-Top-System. Rhodan beendete seine Ausführungen.

»Detailinformationen werden Sie nachfolgend von den Fachwissenschaftlern erhalten. Sicher ist nur, dass wir versuchen müssen, die Verhältnisse in der Sombrero-Galaxis zu klären, ehe dort unter Umständen Planungen abgeschlossen werden, die zur ernsten Bedrohung der Menschheit führen können. Etwa fünfzehn Pedotransferer haben wir noch finden können. Sie verrieten sich alle durch Maßnahmen, die ihre Opfer niemals angeordnet hätten. Dafür kennt die Solare Abwehr jede bedeutungsvolle Persönlichkeit viel zu gut und zu genau. Intelligenzwesen vom Range der heutigen Cappins werden jedoch schnell lernen. Man wird begreifen, dass man einen ehrenhaften und unbedingt zuverlässigen Staatschef nicht nur deshalb geistig übernehmen kann, um anschließend in seiner Maske genau das Gegenteil von dem zu tun, was er ein Leben lang praktiziert hat. Wenn das erkannt und im Handlungseinsatz entsprechend berücksichtigt wird, dürfte uns die Erkennung wesentlich erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht werden. Es gibt nur einige Mutanten und parapsychisch begabte Menschen, die sofort feststellen können, wer ein verkappter Pedotransferer ist und wer nicht. Diese wenigen Männer und Frauen können nicht überall anwesend sein. Normalmenschen bemerken die Übernahme erst dann, wenn es längst zu spät ist. Es ist daher mein Ziel, zu versuchen, die Ursache des Übels rechtzeitig zu entdecken und die entsprechenden Gegenmaßnahmen einzuleiten. Ich betone, dass dies durchaus nicht mit einer Kampfhandlung identisch sein muss, die sich sehr wohl zu einem Krieg zwischen zwei Galaxien ausweiten könnte. Die Aufgabe der MARCO POLO dürfte somit klar umrissen sein. Wir starten die Expedition. Wir wollen sehen, was im Sombrero gespielt wird. Wir werden ganz sicher Schwierigkeiten zu überwinden haben. Wir sind Fremde. Niemand kann sagen, was in den vergangenen zweihunderttausend Jahren dort geschehen ist.«

Rhodan winkte zu den Kameras hinüber.

»Damit wären meine Ausführungen beendet. Eine Diskussion ist vorgesehen. Fragen Sie die Fachleute. Sie werden erschöpfende Auskünfte erhalten. Danke sehr.«

Rhodan ging zu seinem Platz. Jedermann bemerkte, dass ihm Atlan nachdenkliche Blicke zuwarf. Der Arkonide schien eine besondere Meinung über die Gegebenheiten zu haben.

»Eine Frage, Sir«, meldete sich Oberstleutnant Rimano Betschul, der Chef der Zweiten Kreuzerflottille.

Rhodan blieb stehen.

»Ja, bitte ...?«

»Hinsichtlich der Bedeutsamkeit unseres Unternehmens hätte ich gerne gewusst, warum Ribald Corello nicht an Bord ist.«

Ein fliegendes Mikrophon steuerte auf Perry zu.

»Ein berechtigter Einwand. Der Supermutant Ribald Corello ist soeben erst ausgeheilt aus der Paraklinik entlassen worden. Er ist physisch schwach. Seine früheren Parapsi-Gaben haben sich verändert. Genaue Erkenntnisse über seine jetzigen Fähigkeiten sind noch nicht abzusehen. Dennoch wird er enorm leistungsfähig bleiben. Ribald Corello äußerte den Wunsch, im Sonnensystem zurückzubleiben, um dort bei eventuell auftauchenden Gefahren handeln zu können.«

»Danke, Sir. Die Sache ist klar.«

Die nachfolgende Diskussion dauerte fünf Stunden. Rhodan und Atlan achteten auf jeden berechtigten Einwand. Er wurde sofort ausgewertet und an die Bordpositroniken weitergeleitet.

Gegen neunzehn Uhr Standard, identisch mit der gültigen Bordzeit, war die Generalinformation beendet.

Das Ferntriebwerk der MARCO POLO war kein energetischer Selbstversorger, sondern ein Wandelkonverter nach dem ungefähren Prinzip eines alten Kalups.

Die Sextagonium-Bank, ein Transmissionsgerät zur Verformung ankommender Normalenergien, erzeugte das Waringsche Dakkarfeld, das genau genommen nichts anderes war als ein hochgespannter Paratronschirm von allerdings pedogepolter Kapazität.

Das Dakkarfeld war in der Lage, die vier- und fünfdimensionalen hyperenergetischen Einflüsse völlig zu reflektieren. Die Gesetzmäßigkeiten der sechsten Dimension, einer Begriffseinheit, die im Vorstellungsvermögen eines Menschen nicht mehr logisch erfasst werden konnte, wurde von dem Dakkarfeld ebenfalls abgewiesen.

Dimesextafelder dieser weit übergelagerten Rangordnung ermöglichten das Eindringen in eine Zone zwischen den fünf- und sechsdimensionalen Pararäumen.

Das Dimesextatriebwerk der MARCO POLO lag unter der gepanzerten Zentralekugel, jedoch noch oberhalb der riesigen Hallen, in denen die vier Waringschen Kompensationskonverter für den Linearflug aufgestellt waren.