Moonlight Romance 46 – Romantic Thriller - Helen Perkins - ebook

Moonlight Romance 46 – Romantic Thriller ebook

Helen Perkins

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Opis

Es ist der ganz besondere Liebesroman, der unter die Haut geht. Alles ist zugleich so unheimlich und so romantisch wie nirgendwo sonst. Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen, Vampire und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen ziehen uns wie magisch in ihren Bann. Moonlight Romance bietet wohlige Schaudergefühle mit Gänsehauteffekt, geeignet, begeisternd für alle, deren Herz für Spannung, Spuk und Liebe schlägt. Immer wieder stellt sich die bange Frage: Gibt es für diese Phänomene eine natürliche Erklärung? Oder haben wir es wirklich mit Geistern und Gespenstern zu tun? Die Antworten darauf sind von Roman zu Roman unterschiedlich, manchmal auch mehrdeutig. Eben das macht die Lektüre so phantastisch... Moonlight Romance ist der Romantic Thriller der Extraklasse. Die besten Schriftsteller dieses Genres schreiben für Sie! "Mary!" Sie streckte die Arme nach der Schwester aus, aber diese wich ein wenig zurück. Ihr schönes Gesicht war blass und maskenhaft starr. Kein Leben drückte sich in den ebenmäßigen Zügen aus. Fast wirkte Mary Harvey wie eine Steinfigur. Einzig in den Augen brannte ein unheimliches Feuer, das Susan noch niemals zuvor gesehen hatte und das ihr Angst machte. In diesem Moment wurde eine der Türen zum Ballsaal aufgerissen und gleich darauf zugeschlagen. Es war ein Nebeneingang, durch den nun ein Mann erschien. Mary erschrak fürchterlich, als sie ihn sah. Sie wich zurück. Der Mann eilte entschlossen durch den Ballsaal. Seine eisenbeschlagenen Stiefel knallten bei jedem Schritt auf dem Parkett. Mary rannte in Panik davon, aber sie konnte dem Mann nicht entkommen. Bleigrau hing der Himmel über der winterlichen Landschaft. Tiefe Wolken ballten sich zusammen, aus denen feiner Schnee rieselte, der eher an Eiskristalle erinnerte und den weitläufigen Landschaftspark mit einer dünnen, weißen Schicht überzog. Bald wirkte das Land nahe dem Dover-Kanal wie mit Puderzucker bestreut. Überall schimmerten die Boten des Winters; auf den knorrigen Ästen der alten Bäume, auf dem gepflegten Rasen und den Rabatten, die im Sommer mit verschwenderischer Farbenpracht beeindruckten, nun aber kahl und abgeräumt waren. Einzig die Steinfiguren vor den Backsteinmauern, die im hinteren Teil des Parks nahe dem Herrenhaus die Rabatten begrenzten, unterbrachen noch das eintönige Grau und Weiß. Da fanden sich in Stein gehauene Darstellungen der vier Jahreszeiten, Waldtiere wie Rehe oder ein Fuchs und auch mystische Figuren, ein Pan mit Flöte, ein Neptun in einem steinernen Becken, in dem während der warmen Jahreszeit weiße Seerosen blühten. Sie alle wirkten seltsam starr und aufgereiht ohne die Blütenpracht des Sommers.

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Moonlight Romance – 46 –

Die Stimme des toten Mädchens

Helen Perkins

»Mary!« Sie streckte die Arme nach der Schwester aus, aber diese wich ein wenig zurück. Ihr schönes Gesicht war blass und maskenhaft starr. Kein Leben drückte sich in den ebenmäßigen Zügen aus. Fast wirkte Mary Harvey wie eine Steinfigur. Einzig in den Augen brannte ein unheimliches Feuer, das Susan noch niemals zuvor gesehen hatte und das ihr Angst machte. In diesem Moment wurde eine der Türen zum Ballsaal aufgerissen und gleich darauf zugeschlagen. Es war ein Nebeneingang, durch den nun ein Mann erschien. Mary erschrak fürchterlich, als sie ihn sah. Sie wich zurück. Der Mann eilte entschlossen durch den Ballsaal. Seine eisenbeschlagenen Stiefel knallten bei jedem Schritt auf dem Parkett. Mary rannte in Panik davon, aber sie konnte dem Mann nicht entkommen. Susan hörte den verzweifelten Schrei der Schwester …

Bleigrau hing der Himmel über der winterlichen Landschaft. Tiefe Wolken ballten sich zusammen, aus denen feiner Schnee rieselte, der eher an Eiskristalle erinnerte und den weitläufigen Landschaftspark mit einer dünnen, weißen Schicht überzog. Bald wirkte das Land nahe dem Dover-Kanal wie mit Puderzucker bestreut. Überall schimmerten die Boten des Winters; auf den knorrigen Ästen der alten Bäume, auf dem gepflegten Rasen und den Rabatten, die im Sommer mit verschwenderischer Farbenpracht beeindruckten, nun aber kahl und abgeräumt waren. Einzig die Steinfiguren vor den Backsteinmauern, die im hinteren Teil des Parks nahe dem Herrenhaus die Rabatten begrenzten, unterbrachen noch das eintönige Grau und Weiß.

Da fanden sich in Stein gehauene Darstellungen der vier Jahreszeiten, Waldtiere wie Rehe oder ein Fuchs und auch mystische Figuren, ein Pan mit Flöte, ein Neptun in einem steinernen Becken, in dem während der warmen Jahreszeit weiße Seerosen blühten. Sie alle wirkten seltsam starr und aufgereiht ohne die Blütenpracht des Sommers.

Susan schaute sich fragend um. Wie kam sie hierher? Sie kannte diesen Park nicht, das nahe Herrenhaus war ihr ebenfalls fremd. Die Umgebung hatte nichts Vertrautes für sie. Die junge Londoner Krankenschwester war überzeugt, noch niemals zuvor hier gewesen zu sein. Zumal sie sicher sein konnte, dass der Frühling längst begonnen hatte. Der Winter war vorbei, am Morgen hatte Susan zum ersten Mal einen leichten Mantel auf dem Weg zur Arbeit tragen können. Und nun stand sie hier, mitten im Winter, in einer Umgebung, die sie nicht kannte. Was hatte das zu bedeuten?

Ein Schauer rann über ihren Rücken, sie fröstelte. Und als sie an sich herunter schaute, wurde ihr auch klar, warum. Sie trug nämlich nur ein Nachthemd! Da begriff Susan, was hier vor sich ging. Sie träumte! Diese Erkenntnis brachte eine gewisse Erleichterung, die allerdings nicht lange vorhalten sollte.

Die Umgebung war Susan nämlich nicht nur fremd, sie war zudem unheimlich. Ein Gefühl des Unbehagens, der Angst schlich sich in ihr Herz und ließ es furchtsam gegen die Rippen klopfen.

Was dieser Traum ihr zeigte, war keine friedliche Landschaft, kein Winteridyll. Es war eine erstarrte Natur unter dem düsteren Dämmerlicht einer steigenden Dunkelheit. Düster und bedrohlich wirkte diese auf die junge Frau, auch wenn sie nicht genau sagen konnte, woher ihre Regungen kamen. Doch sie waren da und sie verstärkten sich mit jeder Sekunde, die verging. Mit jedem Herzschlag, der gleichsam die Furcht in blanke Angst und Panik verwandelte und die Schlafende aufstöhnen ließ.

Susan wollte aufwachen, dieser dunklen Vision entfliehen, die ihr Herz wie mit einer eisigen Faust umklammerte und ihr die Luft zum Atmen nahm. Gewaltsam versuchte sie, die Augen zu öffnen, doch es ging nicht. Sie schien gefangen in diesem Albtraum, dazu verurteilt, ihn zu ertragen, zu durchleiden.

Unvermittelt kam Bewegung in die erstarrte Umgebung. Ein Kind lief durch den winterlichen Park. Es war ein kleines Mädchen mit blonden Locken, das Susan bekannt vorkam. Doch es kam nicht nah genug heran, damit sie sein Gesicht erkennen konnte. Das Kind war höchstens sechs oder sieben Jahre alt. Es trug einen blauen Mantel aus winterlichem Tweed und eine passende Mütze. Fröhliches Lachen drang an Susans Ohr, verscheuchte für einen Moment die düsteren Empfindungen, die ihr Herz erfüllten.

Das Kind steuerte einen kleinen See an, der sich in Susans Nähe befand. Eine alte Trauerweide neigte ihre kahlen Äste graziös über das Wasser, das nun gefroren war. Das Mädchen ließ sich auf einer Steinbank am Ufer nieder und begann, seine Stiefel aufzuschnüren. Susan begriff nicht gleich, was dies zu bedeuten hatte. Doch sie sagte sich, dass sie träumte. Und im Traum galten die Gesetze der Logik wohl nicht unbedingt.

Es dauerte allerdings nicht lange, dann wurde der Träumenden klar, was hier vor sich ging. Das Kind zog Schlittschuhe an, es wollte offenbar auf dem gefrorenen See eine Runde drehen.

Susan sah zu, wie die Kleine aufstand und sich dem Ufer näherte. Und sie sah noch etwas. Obwohl die Wasserfläche gefroren aussah, war das Eis an den Rändern aufgetaut. Darunter schwappte es träge. Das Kind schien dies nicht zu bemerken. Unbekümmert glitt es auf die Eisfläche. Susan wollte die Kleine warnen. Sie öffnete den Mund, doch kein Laut kam heraus. Und dann hörte sie die Stimme, die nur in ihrem Kopf zu sein schien.

»Du kannst ihr nicht helfen, nicht so. Was du siehst, ist längst geschehen. Schau genau hin und vergiss es nicht …«

»Wer bist du?«, fragte sie, ohne eine Antwort zu erhalten.

Im nächsten Moment hörte die junge Frau ein hässliches Knacken, dessen Ursprung der kleine See war. Susan ahnte, was geschehen würde. Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, Hilflosigkeit erfüllte sie. Es war grausam, nicht eingreifen, nicht helfen zu können. Doch sie blieb ein Zaungast, der diese Tragödie nur sehen durfte, ohne etwas beeinflussen zu können.

Das kleine Mädchen hatte noch nicht begriffen, in welcher Gefahr es sich befand. Es drehte munter seine Runden, vollführte eine Pirouette und einen kleinen Sprung, lachte dabei fröhlich. Susan versuchte noch einmal, einzugreifen. Doch was sie auch tat, sie erreichte nichts. Während sie das Gefühl hatte, sich heiser zu schreien, drang kein Laut über ihre Lippen. Und dann brach das Eis. Das Kind sauste ohne Vorwarnung in die Tiefe. Ein leiser, erstickter Ruf, der in ein verzweifeltes Gurgeln überging, das schließlich auch erstarb.

Susan starrte bestürzt auf die Eisschollen, die auf dem Wasser trieben. Der See lag nun wieder ruhig da, nichts erinnerte mehr an das grauenhafte Unglück, das vor nur wenigen Augenblicken hier geschehen war. Sie wollte sich abwenden, denn der Schock saß tief. Doch es gelang ihr nicht. Sie merkte im Gegenteil, wie sie sich langsam aber stetig auf den See zu bewegte. Bald sah sie die Schnürstiefel des Mädchens, die noch auf der Steinbank standen. Und sie blickte zwischen den Eisschollen in dunkles Wasser, aus dem ein blasses, lebloses Kindergesicht auftauchte …

Ein entsetzter Schrei kam über Susans Lippen. Hastig wich sie zurück, da legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Und im nächsten Augenblick schaute sie in das Gesicht ihrer Schwester.

»Mary?« Susan richtete sich auf, griff nach Marys Hand.

»Du hast nun alles gesehen, merke es dir gut«, bat diese und wandte sich dann zum Gehen.

Susan wollte die Schwester allerdings nicht fort lassen. Es war nicht das erste Mal, dass sie von Mary träumte, seit diese nicht mehr lebte. Doch nie hatte die Schwester mit ihr gesprochen oder sie direkt angesehen.

»Mary, bitte bleib!«, flehte sie. »Sag mir, was geschehen ist, sag mir, wie du gestorben bist! Bitte, ich muss es wissen! Geht es dir gut, kann ich etwas für dich tun?«

Doch Mary ließ sich nicht aufhalten. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann war sie fort, schien sich gleichsam in Luft aufgelöst zu haben. Noch einmal hörte Susan ihre Stimme, sehr leise und weit entfernt. »Merke dir, was du gesehen hast, Susan, merke es dir gut …«

Die junge Krankenschwester schnappte nach Luft und erwachte. Sie setzte sich im Bett auf, starrte eine ganze Weile reglos ins wattige Dunkel der späten Nacht, und hörte nichts außer ihrem heftigen Herzschlag und dem Rauschen ihres Blutes in den Ohren.

Es dauerte, bis Susan sich halbwegs beruhigt hatte. Schließlich sank sie erschöpft und ausgelaugt zurück in die Kissen. Es war nicht der erste schwere Traum, der sie heimsuchte. Doch selten waren die Bilder so klar und so beängstigend gewesen wie in dieser Nacht. An Schlaf war nun wohl nicht mehr zu denken.

*

Als der Wecker rasselnd zu klingeln begann, schreckte Susan Harvey aus einem leichten Halbschlaf auf. Sie war doch noch einmal eingedöst, nachdem sie die bösen Traumbilder der Nacht endlich abgeschüttelt hatte. Doch sie fühlte sich nun nicht erholt, sondern fix und fertig. Am liebsten wäre sie im Bett liegen geblieben, auch wenn vor ihrem Fenster die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Allerdings war die junge Frau diszipliniert genug, diesem Wunsch nicht nachzugeben. Susan hatte viel Schweres hinter sich. Ein schlechter Traum wurde da eher zur Lappalie.

Wie ihre Mitmenschen hatte die junge Frau den großen Krieg miterlebt und mit knapper Not überlebt.

Nun schrieb man das Jahr 1919, der Frühling hatte begonnen und das Ende der kriegerischen Handlungen lag erst wenige Monate zurück. Susan stammte aus London, sie war in Greenwich geboren und zur Schule gegangen. Zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Mary und ihren Eltern Alice und Theo Harvey hatte sie in einem schmalbrüstigen Reihenhaus gelebt.

Theo Harvey war gelernter Bäcker und in einem kleinen Dorf in der Grafschaft Dorset geboren. Er hatte es zu etwas bringen wollen und war deshalb als junger Mann nach London gegangen. Dort hatte er die lebenslustige Serviererin Alice Pinkerton kennen gelernt und geheiratet.

Theo war ein fleißiger Mann. Zusammen mit Alice hatte er ein kleines Geschäft aus dem Nichts aufgebaut und die Familie hatte es durch harte Arbeit zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht.

Nach der Schule hatten Susan und Mary im Laden gearbeitet. Bald hatten die bildhübschen Schwestern viele Verehrer. Während Mary die jungen Männer gern an der Nase herumführte, verliebte Susan sich mit neunzehn in einen strebsamen jungen Buchhalter namens Thomas Bailey. Thomas kam aus einer gutbürgerlichen Familie und hatte nur die besten Absichten. Das junge Paar verlobte sich kurz nach Susans einundzwanzigstem Geburtstag und schmiedete fleißig Zukunftspläne, als der Krieg 1914 ausbrach und für die Harveys alles änderte.

Wie viele andere junge Männer meldete Thomas sich sogleich freiwillig als Soldat. Begeistert zog er in den Krieg, aus dem er nicht wieder zurückkommen sollte. 1916 fiel er in Frankreich. Theo Harvey hatte eine alte Kriegsverletzung und wurde deshalb nicht eingezogen. Während die Eltern das Geschäft aufrecht erhielten, was mit jedem Kriegsjahr schwieriger wurde, meldete Susan sich als Krankenschwester und Mary arbeitete in einer Munitionsfabrik.

Die Schrecken des Krieges verschonten auch die Harveys nicht. Ihr Haus und ihr Geschäft wurden durch Bombentreffer zerstört, die Schwestern verloren dabei beide Eltern. Nachdem Thomas gefallen war, hatte Susan nur noch Mary. Doch auch die Schwester starb, als die Munitionsfabrik, in der sie Freiwilligendienst leistete, von feindlichen Bomben getroffen wurde.

So stand Susan nun ganz allein. Sie beschloss, weiter als Krankenschwester zu arbeiten, ließ sich gründlich ausbilden und nahm schließlich eine Stelle in einem Kinderheim im Londoner Osten an, wo behinderte Kriegswaisen untergebracht waren.

Diese Arbeit leistete die junge Frau nun seit einiger Zeit mit sehr viel Herzblut. Susan fand Erfüllung in der oft schwierigen Aufgabe, den armen Kindern, denen der Krieg alles genommen hatte, sogar die eigene Gesundheit, wieder neuen Mut und Zuversicht zu schenken. Sie machte viele Überstunden, schaute nie auf die Uhr, wenn sie sich um einen ihrer kleinen Schützlinge kümmerte, und ging ganz in dieser Tätigkeit auf.

Oft erreichte sie das kleine, möblierte Zimmer in der Nähe des Kinderheims völlig erschöpft und ausgelaugt. Dann wollte sie nur noch schlafen und neue Kräfte sammeln, um am nächsten Tag wieder ganz auf dem Posten zu sein.

Die schweren Schicksale der kleinen Waisen trösteten Susan über das hinweg, was sie selbst erlitten hatte.

Als Susan an diesem Morgen zur Arbeit erschien, wartete die kleine Hazel Compton bereits sehnsüchtig auf sie. Das siebenjährige Mädchen war erblindet, trug sein Schicksal aber sehr tapfer. Die Comptons hatten eine schöne Stadtvilla in London besessen, Hazels Vater war Abgeordneter im Unterhaus gewesen. Bei einem Bombenangriff waren die Eltern getötet worden, die kleine Hazel hatte ihr Augenlicht verloren. Sie war ein sehr hübsches, feingliedriges Kind mit zarten Gesichtszügen, blonden Locken und tiefblauen Augen, denen man die Erblindung nicht ansah.

Seit Susan sich intensiv um Hazel kümmerte, hatte sie auch die Braillesprache, das Blindenalphabet erlernt und brachte es dem Mädchen nun bei. Hazel freute sich auf jede Lektion und lernte eifrig. Sie war eine kluge und fleißige Schülerin.

Während Susan nun im Schwesternzimmer ihre Tracht anzog, unterhielt sie sich mit einer Kollegin, Rose, mit der sie sich angefreundet hatte. Rose war gelernte Krankenschwester, Mitte vierzig und Kriegerwitwe. Eine praktische, stabile Person, die das Herz auf dem rechten Fleck trug.

»Du bist blass, Mädchen«, monierte sie mit einem strengen Blick. »Hast du schlecht geschlafen oder zieht eine Erkältung auf?« Ein wenig vertrat sie bei Susan Mutterstelle, was ihnen beiden gut tat. Rose hatte nämlich zwei Söhne im Krieg verloren.

»Ich hatte einen schlechten Traum«, gab Susan offen zu.

»Mary?«

»Ja, sie war auch dabei. Da war ein Kind, das ist beim Schlittschuhlaufen in einem See ertrunken. Es war schlimm.«

»Wie kommst du nur auf solche Gedanken? Als ob wir nicht jeden Tag genug Elend um uns herum hätten. Du solltest lieber etwas Schönes träumen.« Sie lächelte schmal. »Ich träume oft von meinem James und den Jungs. Dann bin ich glücklich, wenn ich aufwache.« Sie hob die Schultern. »Manchmal heule ich auch, aber das gehört wohl dazu.«

»Nicht jeder hat so ein dickes Fell wie du, Rose«, erwiderte Susan viel sagend, obwohl sie wusste, dass die Freundin nur so burschikos tat, um ihr weiches Herz nicht zu offen zu zeigen.

»Du solltest dir auch eins zulegen, das wärmt im Winter«, scherzte die Freundin und machte sich wieder an die Arbeit.

Auch Susan kümmerte sich nun um ihre kleinen Patienten. Von den Meisten wurde sie bereits sehnlich erwartet, denn die Behandlung war oft die einzige Zuwendung, die die Waisenkinder erhielten.

Ein Strahlen zaubert Susans Erscheinen allerdings nur auf Hazel Comptons Gesicht.

»Ich habe dir etwas aufgeschrieben, Susan«, sagte die Kleine und hielt ihr eine Karte hin, in die mittels eines speziellen Schreibers kleine Punkte gestanzt waren. Obwohl Hazel erst vor kurzem den Umgang mit diesem Gerät erlernt hatte, beherrschte sie es bereits erstaunlich gut.

Die junge Krankenschwester setzte sich zu dem Kind, ließ ihre Fingerspitzen über die Punkte gleiten und lächelte.