Jerusalem du Ewige - Jost Müller-Bohn - ebook

Jerusalem du Ewige ebook

Jost Müller-Bohn

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Opis

Diese erzählende Darstellung der ewigen Stadt Jerusalem zeigt den geistlichen Gehalt zwischen Juden und Christen. Für die Juden ist diese Stadt der heiligste Ort auf Erden, ein Symbol ihres Glaubens und Überlebens. Für die Christen bleibt Jerusalem die Stätte, an der die Welterlösung und die Himmelfahrt des auferstandenen Messias stattgefunden hat. Juden und Christen beten zu ein und demselben Gott. Jerusalem steht am Anfang ihrer großen Heilsgeschichte, bleibt aber auch das Endziel aller Gottesverheißungen. In den heiligen Schriften ist davon die Rede, dass diese Stadt einst von Gott selbst als himmlisches Urbild auf die Erde herabgelassen wird. Zwanzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel wurde in Jerusalem die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach für Juden und Christen erstmals aufgeführt. Dieses historische Ereignis ist der Anlass, dem Leser die Stadt des Friedens heilsgeschichtlich wie auch geografisch vorzustellen. Der Zeitpunkt des Ablaufs und die Namen wurden aus persönlichen Gründen verändert. Die hitzigen Auseinandersetzungen und Debatten sind in der geschilderten Leidenschaftlichkeit geführt worden. Ein Buch, das die Licht- und Schattenseiten des heutigen Jerusalems wahrheitsgemäß aufzeigt. ---- Jost Müller-Bohn, geboren 1932 in Berlin, ist der bekannte Evangelist und Schriftsteller von über 40 Büchern. Er studierte in Berlin Malerei und Musik. Über 40 Jahre hielt er missionarische Vorträge. Seine dynamische Art der Verkündigung wurde weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Als Drehbuchautor und Kameramann ist er der Begründer der „Christlichen Filmmission“. Seine Stimme wurde unzähligen Zuhörer über Radio Luxemburg bekannt. Einige seiner Bücher wurden zu Bestsellern in der christlichen Literatur.

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Jerusalem – du Ewige

Eine geistliche Führung durch die Heilige Stadt im Zusammenhang mit der Erstaufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach

Jost Müller-Bohn

Impressum

© 2016 Folgen Verlag, Bruchsal

Autor: Jost Müller-Bohn

Lektorat: Mark Rehfuss, Schwäbisch Gmünd

ISBN: 978-3-944187-84-6

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

 

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Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Verzeichnis

Vorwort

Wie arm wäre die religiöse Welt ohne die Stadt Jerusalem. Schon der Name der Stadt bedeutet: Grundstein des Friedens und Inbegriff der göttlichen Ordnung. – Jerusalem soll die feste Burg des ewigen Schöpfers sein. Sie soll die heile Welt in der vollen Erlösung werden, nach der sich heute so viele Menschen sehnen.

Israel ist der geistliche Mittelpunkt der Welt, Jerusalem bleibt der Mittelpunkt von Israel. Der großartige Tempel zu Jerusalem war einst der Mittelpunkt der Heiligen Stadt. Das Allerheiligste lag innerhalb der Mauern des Tempels. Jerusalem ist auch der Schauplatz der martervollen Passion unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Vor den Toren der Stadt wurde die größte Entscheidung der gesamten Menschheitsgeschichte getroffen. Wie arm wäre nun auch die Musikgeschichte ohne das unnachahmliche Lebenswerk eines Johann Sebastian Bach!

Begleitet von der herrlichen Musik, den Texten des Evangelisten und den Passionschören erleben die Leser in der vorliegenden Darstellung die Einmaligkeit der Stadt Jerusalem durch die Matthäus-Passion.

Kein Geringerer als Johann Sebastian Bach gab der Welt die überragende Tonschöpfung dieser Matthäus-Passion. Sie wurde 1729 in Leipzig unter der Leitung des Thomas-Kantors Bach zum ersten Mal öffentlich aufgeführt.

250 Jahre später erklang dieses groß angelegte Musikwerk unter dramatischen Umständen erstmals in Jerusalem, der wiedervereinigten Stadt im Herzen Israels. Während dieser Erstaufführung kam es zu tumultartigen Protesten. Orthodoxe Juden lärmten nachhaltig und unterbrachen die Aufführung, denn monatelang hatten jüdische Kinder im Chor singen müssen: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«.

Diese Textpassagen und andere waren zum Anlass einer kontroversen Diskussion geworden, die in den Zeitungen, ja, sogar im Parlament, der Knesset, stattfand. Dabei traten in aller Schärfe die geistlichen Streitpunkte zwischen Juden- und Christentum in aller Öffentlichkeit zutage.

Es war mir ein innerer Auftrag und ein besonderes Anliegen, anlässlich des Johann-Sebastian-Bach-Jahres 1985 über diese Uraufführung der Matthäus-Passion in Jerusalem zu berichten, und damit gleichzeitig ein Zeitbild von Christen und Juden in der Heiligen Stadt zu verfassen. Dieses Ereignis habe ich frei bearbeitet und die Namen der Künstler verändert. Die Aufführung selbst hat unter den geschilderten Begleitumständen stattgefunden. Sehr wichtig schien mir, die große Bedeutung dieser einmaligen Stadt in ihrer Vielschichtigkeit auszudeuten und so dem Leser die Gassen, Straßen, Gärten und Mauern vor sein inneres Auge zu rücken.

 

Jost Müller-Bohn

Kapitel 1

Im thüringischen Lande ist es nichts Außergewöhnliches, schlicht und einfach »Bach« zu heißen. Nicht nur in den Städten und Dörfern zwischen Werra und Saale findet man in den Geburtsregistern diesen bürgerlichen Namen verzeichnet, auch in anderen deutschen Landen hört man hin und her den Gruß: »Guten Tag, Herr Bach!«

Nun sollte niemand auf die Idee kommen, dass alle »Bäche« in Thüringen oder Sachsen ihren Ursprung haben, auch stammen nicht alle namens Bach von dem weltberühmten Johann Sebastian ab, denn nicht jeder Bürger, der diesen Namen trägt, ist ein Musiker oder Stadtpfeifer, schon gar nicht ein Hof- oder Kirchenkomponist.

Auch in unserem Jahrhundert wurde ein Knabe auf den Namen Johannes Bach getauft und in das Geburtsregister der Georgenkirche am Marktplatz zu Eisenach handschriftlich eingetragen. Da sein Vater schon den außergewöhnlichen Vornamen Ambrosius trug, konnte man wohl kaum von einer Anhäufung von Zufällen sprechen, dass dieser kleine Weltenbürger den Vornamen Johannes erhielt.

Ob diese äußerliche Gleichheit der Namen in ihrer Reihenfolge nur eine Freude an Familientradition oder ein Hauch nostalgischen Denkens war, ob eine launische Spielerei vielleicht zu dieser Namensgebung geführt hat, wer könnte das heute noch feststellen?

Johannes Bach war in der Zeit seiner Jugend bei allem Fleiß nur ein durchschnittlicher Schüler am Gymnasium, auch kein überaus kunstbegeisterter Jünger der Musik, wie sein Vater Ambrosius es sich so sehr gewünscht hatte. Der Vater besaß den unbändigen Ehrgeiz, aus seinem Sohn einen neuen »Johann Sebastian«, quasi einen hervorragenden Komponisten vom Format seines weltbekannten Urahnen machen zu lassen, um dem Familiennamen, aber auch der deutschen Kultur und der geistlichen Musik zu neuem Glanz zu verhelfen.

Sehr oft hatte man ihn sagen gehört: »Ja, ja, einen Meister wie den Johann Sebastian Bach sollte die Welt noch einmal haben!« Dabei pflegte er seine Schultern zu heben und bescheiden hinzuzufügen: »Wenn viele Bäche ineinanderfließen, bildet sich schließlich daraus ein mächtiger Strom! Weshalb sollte es meinem Johannes nicht vergönnt sein, in etwa ein so begnadeter Musiker zu werden, wie es einst sein weltbekannter Urahne gewesen ist?«

Obwohl sich Johannes die größte Mühe gab, dem Wunsche seines Vaters zu entsprechen, reichten seine Begabungen und Talente einfach nicht aus, trotz allen Fleißes dieses hohe Ziel zu erreichen.

Auch dem bekannten Musiklehrer und späteren Dirigenten Elias Mendelssohn, einem Nachkommen des berühmten Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, der am Frauenplan wohnte, übrigens ganz in der Nähe des alten Fachwerkhauses Johann Sebastian Bachs, gelang es bei aller Hingabe nicht, aus diesem jungen Mann einen Genius hervorzulocken.

Elias war der Sohn eines geschäftstüchtigen Musikwarenhändlers in Eisenach mit Namen Isaak Mendelssohn. Isaak und Ambrosius kannten sich bereits aus der Schulzeit im Gymnasium. Es gab zwischen ihnen sowohl musikalische als auch familiäre und freundschaftliche Beziehungen. Wen sollte es da wundern, dass diese familiären Bindungen auch auf ihre Kinder übergingen. Sehr bald jedoch wusste der jüdische Musiker und Privatlehrer, dass er aus seinem Schüler keinen weltberühmten »Johann Sebastian« modellieren könne.

Dem willigen Schüler konnte man eine gute Auffassungsgabe und ein gewisses musikalisches Talent sicher nicht absprechen, doch fehlte es eben an der einmaligen Begabung, dem unerlernbaren, dem überragenden Genius eines göttlich Erleuchteten. Johannes war intelligent genug, dieses Unvermögen zu erkennen. Er entschied sich deshalb aus innerer Neigung für die Theologie und dachte bei sich, wenn schon kein Musiker, dann eben ein Theologe von der Qualität eines Martin Luther.

Getrieben von dem väterlichen Ehrgeiz, kam er zu der Auffassung, dass die berühmte Stadt Eisenach am Fuße der geschichtsträchtigen Wartburg ihn bei seinem Namen einfach zu etwas Hervorragendem verpflichten würde. Der eifrige Theologiestudent blieb der Musik aber auch weiterhin zugetan, und zwar in dem Sinn: »Kunst gestalten und Kunst schaffen kann nur der Erkorene; Kunst lieben dagegen versteht auch mancher Erdgeborene.« Aus diesem Grunde nahm er weiterhin Gesangs- und Klavierunterricht bei Elias Mendelssohn und erlangte dadurch eine gewisse, musikalische Reife. Seine wohltemperierte Stimme empfand er als Himmelsgabe, und da ihm bewusst war, dass Kunstliebe und Kunstsinn zur klassischen Musik beim einfachen Volk wenig Anklang finden würde, verband er das Musische mit dem Geistlichen. Er war der Meinung, wenn einer recht zu singen verstünde, könnte das nur förderlich sein, die Herzen noch mehr dem Göttlichen zuzuführen.

Die Kirchengemeinde zu Eisenach wusste stets den Wohlklang seiner Stimme zu schätzen. Deshalb gab er hin und wieder kleine geistliche Konzerte, die dem Niveau seines Publikums angepasst waren.

Noch ehe die berüchtigten Dreißigerjahre begannen, starben Isaak Mendelssohn und Ambrosius Bach, und zwar in dem Jahr der Machtübernahme durch Hitler. Die Söhne der beiden, Elias und Johannes, blieben gute Freunde, auch unter den sich anbahnenden, bedrohlichen Umständen.

Elias hatte bis zu diesem Zeitpunkt sein Leben recht unbeschwert empfunden, als leicht und unverbindlich. Sein Dasein hatte er noch nie mit dem Begriff Schicksal oder Fügung in Verbindung gebracht. Doch plötzlich bemerkte er die gefährlichen Schatten, die sich über seinem Lebensweg auszubreiten begannen. Ein nie gekanntes Unbehagen, eine unterschwellig sich ausbreitende Angst bewirkten bei ihm, vornehmlich in den langen Nachtstunden, schmerzhafte Herzbeklemmungen.

Als er nun eines Morgens mit einem metallbeschlagenen, schweren Koffer und der alten Notentasche unterm Arm zum letzten Mal durch das massive Tor des altväterlichen Hauses schritt, lag die Straße seiner Kindheit in einem undefinierbaren Mischlicht von schönen Erinnerungen hinter ihm, aber ein Weg dunkler Ahnung vor ihm. Auf dem engen Gartenweg, den er jahraus, jahrein gegangen war, schlug ihm feuchte, modrige Luft entgegen. Eine innere Kühle rann ihm über Schultern und Rücken. Er wusste, er würde die Heimat für eine lange Zeit nicht wiedersehen. Zaghaft, mit weichen Knien, schritt er über die rohe Backsteintreppe des rußgeschwärzten Kleinstadt-Bahnhofs. In der düsteren Bahnhofshalle roch es nach verbrannter Kohle. Da erblickte er inmitten der auf den Zug wartenden Menge Johannes Bach, einen kleinen Vergissmeinnichtstrauß in der Hand haltend und ein gut verschnürtes Päckchen unter dem Arm. Johannes wartete auf ihn. Der Abschied schien unabänderlich, endgültig zu sein, als Elias noch einmal die schlaffe, weiße Hand seinem Freund Johannes aus dem halb geöffneten Wagenfenster entgegenhielt. Er wurde von wirren Gedanken geplagt, weil er jetzt in eine unbekannte Fremde reisen musste.

Innerlich zu Tode erschöpft, ließ er sich in die Sitzecke fallen, unfähig zu begreifen, was die nächsten Stunden oder gar Tage von ihm fordern würden. Nach allen Gefahren in der Heimat und den vielen Hinweisen und gutgemeinten Ratschlägen seiner Freunde war Elias überrascht, wie problemlos er die deutsche Reichsgrenze nach Holland im Schnellzug passierte. Der Zug fuhr mit jagendem Tempo in eine für ihn unbekannte Ferne. Jetzt, wo keine Eile mehr geboten war, schien er mit noch größerer Schnelligkeit einem fernen Ziel entgegenzueilen. Vorbei an unzähligen Telefonmasten, über kleine und größere Brücken hinweg, die von seltsamer Bauart waren, rauschten die aneinandergereihten Wagen über das flache Land dem Horizont entgegen, dorthin, wo täglich die Sonne hinter einem Strich versank, den man Meeresspiegel nennt.

Nun, da alles überstanden schien, versuchte er, sich dem angenehm beruhigenden Gedanken der erreichten Sicherheit und Freiheit hinzugeben. Je mehr er sich aber an diesem Trost erwärmen wollte, desto schmerzender wurde die Wunde, die sich durch alle Nervenfasern zog, denn er wurde sich mehr und mehr der Tatsache bewusst, dass er das Land, das ihm bis zu diesem Zeitpunkt Heimat gewesen war, vielleicht nie mehr wiedersehen würde.

Und er liebte doch seine Heimat, das Land seiner Urahnen, Deutschland, mit allen Fasern seines Herzens. Sein Blut wallte spürbar in ihm bei dem Gedanken, in diesem Land geboren zu sein, in dem die Muttersprache eines Johann Sebastian Bach, eines Ludwig van Beethoven, eines Johannes Brahms, eines Franz Schubert, eines Joseph Haydn, ja, eines Wolfgang Amadeus Mozart und eines Felix Mendelssohn-Bartholdy gesprochen und gepflegt wurde. Deshalb kam es ihm jetzt unausdenkbar vor, dass aus diesem Volk, aus dem die größten und erhabensten Musikschöpfer der Welt hervorgegangen waren, sich nun Stimmen erhoben, die grölend sangen: »Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!«

Wie benommen saß er an der verrußten Fensterscheibe und starrte in sein verängstigtes und bekümmertes Spiegelbild. Stumpf und traurig flüsterte er vor sich hin: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen?«

Seit dem Abschied von Deutschland ertappte er sich jetzt des Öfteren, wie er in seinen Ideen hin- und hergerissen war. Es war ihm fast unmöglich, an das zu denken, was er wollte. Seine Gedanken flogen wie die Telefonmasten neben der Bahnlinie an ihm vorüber, er hatte kaum noch die Kraft, über sie zu verfügen. Aus der Vergangenheit tauchten mehr und mehr flüchtige Bilder vor ihm auf, seine Schulzeit, das Konservatorium, die Abschlussprüfung an der Universität – die ersten Konzerte …, dann sah er Ambrosius Bach vor sich. Er hörte Schubertlieder, vernahm Zitate großer Klassiker, aber auch Volkslieder klangen in seinem Ohr. – Der Schatten seines Vaters schien durch die Landschaft zu eilen. Wonne und Leid wechselten sich ab in seiner Gedankenwelt … Heinrich Schlusnus hörte er singen:

»… ihr lasst den Armen schuldig werden,

und überlasst ihn dann der Pein,denn alle Schuld rächt sich auf Erden.«

Der Schnellzug hämmerte über Tausende von Nahtstellen zwischen den Schienensträngen. Elias Einfälle zogen verworren durch das Gemüt, ohne Ordnung, hektisch, mit Schwermut belastet. Sprüche aus der Heiligen Schrift kamen ihm in den Sinn: »Was ich jetzt tue, verstehst du nicht, … doch du wirst es hernach erfahren …« So ähnlich klang es ihm in den Ohren. Wie aus weiter Ferne hörte er den Pfarrer bei der Beerdigung seines Vaters sagen: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!«

Ja, seit sein berühmter Urahne Felix Mendelssohn sich zum Christentum bekehrt hatte, waren die Nachkommen des großen Komponisten getauft worden. Doch nun, da er flüchtend aus dem Lande der Reformation einer fremden Welt entgegeneilte, kam ihm auf einmal das fest verschnürte Päckchen des Johannes Bach in den Sinn. Mehr oder weniger gedankenlos hatte er es in Eisenach ins Paketnetz gelegt, unbeachtet war es während der Kontrolle an der Grenze dort liegengeblieben. Jetzt, da es die Erinnerung ihm ins Gedächtnis zurückrief, dachte er an das letzte Geschenk seines lieben Freundes. Er erhob sich und nahm das sauber verschnürte Bündel aus dem Netz, setzte sich und legte es auf seinen Schoß. Umständlich knotete er das Band auf, er konnte es kaum fassen, als die alte, vergilbte Partitur zum Vorschein kam, auf der mit antiken Buchstaben, reich verschnörkelt, zu lesen stand:

»Passio domini nostri Jesum Christumsecundum evangelistamMatthäum anno 1729 Leipzig«

»Die Matthäus-Passion!«, flüsterte er überglücklich.

Elias durchblätterte die abgegriffenen Seiten, las hier und da; entdeckte handschriftliche Zeichen und Anordnungen zur Orchesterprobe über oder unter den Worten und Noten. Es war die Partitur, die sein berühmter Vorfahre Felix Mendelssohn-Bartholdy bei der historischen Wiederentdeckung und zu der Neuaufführung 1829 in Berlin gebraucht hatte. Liebevoll strich er mit der Hand über die Partitur und dachte an seinen Freund Johannes. Als er zu lesen begann und sich nun mit dem ergreifenden Inhalt des Evangeliums befasste, stieg vor seinem geistigen Auge der Isenheimer Altar mit dem eindrucksvollsten Gemälde von der Kreuzigung auf. Dieses großartige Altarbild war für ihn kein Bildnis, das nach dem Gebot von Mose einem Juden verboten war, anzufertigen, nein, hier stellte »Matthi der Maler« quasi Gott aus dem Leichenschauhaus dar.

Für die »Armen im Geiste«, die weder schreiben noch lesen konnten, war es ein Wandaltar, der sich aufklappen ließ und dem Betrachter viele Berichte der Heiligen Schrift darbot.

Man nannte diese großen Bildaltäre die »Bibel der Ärmsten«, und so wurde das Evangelium den Analphabeten bildhaft vor Augen gestellt. Eines der gewaltigsten Kunstwerke entstand in dem kleinen, oberelsässischen Dorf Isenheim am Vorabend der Reformation in der Zeit zwischen 1512 und 1516. Er sah die hässlichen Verrenkungen an allen Gliedmaßen, die Lippen klafften fahlblau über den Sehnen und das Blut quoll zähflüssig über den zerschundenen Leib. Der Querbalken des Kreuzes bog sich unter der Last, ein braungrüner Hintergrund umgab das Gotteslamm als ein Zeichen göttlichen Zornes.

Je intensiver Elias Mendelssohn sich an diese erschreckende Darstellung erinnerte, desto mehr erklang es in ihm:

»O Haupt voll Blut und Wunden,voll Schmerz und voller Hohn!O Haupt, zum Spott gebundenmit einer Dornenkron!

O Haupt, sonst schön gezieretmit höchster Ehr und Zier,jetzt aber hoch schimpfieret,gegrüßet seist du mir!«

Elias dachte an den Rabbi aus Nazareth – Christus Jesus. Hattest du umsonst gelitten, du Heiliger von Jerusalem?

Bleibt die Passion Christi auch allzeit die des jüdischen Volkes, von dem man behauptet, es wäre bei den bewegenden Ereignissen seinerzeit in Jerusalem in eine gottesmörderische Schuld geraten und deshalb bis an das Ende dieser Erde überallhin zerstreut? Unkontrollierte Gedanken drängten sich in rascher Folge und machten ihn nervös. Würde er je wieder diese großartige Musik des alten Bach spielen oder gar dirigieren können? Er, Elias Mendelssohn, ein unbekannter Fremdling im fremden Land und unter einem fremden Volk?

Er dachte an einen weisen Spruch des Friedrich Rückert:

»Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei: dass ihm gewiss und ungewiss die Zukunft sei.«

Konnte er, der flüchtende Jude, ahnen, dass er nach unvorstellbaren Irrfahrten durch viele Kontinente einst zum Ort des blutigsten Unrechts kommen würde? Ihm kamen die großen Aufführungen der Matthäus-Passion in den Städten Leipzig, Dresden, Eisenach und Berlin in den Sinn, die er nach dem grausamen ersten Weltkrieg miterlebt hatte. Ja, diese Musik in ihrer göttlichen Schönheit konnte geistliche Bilder und himmlische Visionen erzeugen.

Vielleicht waren es aber auch nur poetische Ideen, die sich um das Geschehen von Golgatha rankten?

Sollte man die Vorstellungskraft mit himmlischer Musik ausfüllen, um durch göttliche Harmonien biblische Bilder lebendig werden zu lassen? Als er nun so auf die Noten und Worte der Matthäus-Passion starrte, fiel sein Blick auf den Choral:

»Was mein Gott will,das gescheh’ allzeit,sein Will’, der ist der beste …«

In friedevollen Zeiten, in denen man sich geborgen fühlen konnte, war man in der Lage, mit Inbrunst einzustimmen, bejahend mitzusingen, ja, voll und klar sein »Amen« dazu zu geben. Doch jetzt, da Elias heimatlos durch eine unbekannte Fremde jagte, nun, da er als Außenseiter der Gesellschaft seine trostlos erscheinende Zukunft ungeschminkt durchlitt, wollte sich kein Lobpreis aus seiner Seele erheben. Da er wahrscheinlich für immer die deutschen Städte und Dörfer, Straßen und Wege, Wiesen, Wälder, Berge, Flüsse und Seen verlassen hatte, wurde er sich plötzlich der Unerträglichkeit und Unhaltbarkeit seines Fluchtzustandes voll bewusst. Sein geliebtes und von guten Freunden gehegtes Dasein schien ihm in Scherben zerbrochen, sein kleines Leben dünkte ihn, verlorengegangen zu sein. »Was Gott tut, das ist wohlgetan«, gab es diesen Text nicht auch?

War es wirklich und wahrhaftig der ausschließliche Wille des Allmächtigen, dass er jetzt heimatlos, seines bisher ruhig verlaufenen, bürgerlichen Lebens beraubt, wie ein Aussätziger gemieden, durch fremde Lande fliehen musste? Ausgebrannt und todeswund, so schien es ihm, starrte er in die menschenleere Weite der Wiesen- und Wasserlandschaft der Niederlande.

Ihm kamen Verse in den Sinn, die er einst am Gymnasium zu Eisenach gelernt hatte:

»Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt,bald wird es schnein, – weh dem, der keine Heimat hat!«

Jetzt, da er im rüttelnden Schnellzugwagen hin- und hergeschüttelt wurde, verspürte er eine grausige Leere, eine dumpfe Stille, ja, gewissermaßen eine tödliche Vereinsamung. Wie markerschütternd und schaurig klang es doch an der Stelle:

»Eli, Eli, lama asabthani?«

Er blätterte in den großen Seiten der Partitur und las:

»Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlassen?«

Das Summen und Rauschen des singenden Luftzuges neben dem dahinjagenden Wagen wurde ihm zur Melodie. Er hörte die Melodie und die Stimme des Christus aus der Matthäus-Passion. Er spürte den Verlust an Freiheit, an trauter Geselligkeit, ja, an wohltuender Geborgenheit – er war plötzlich heimatlos, berufslos, schutzlos und familienlos geworden. Sein deutsches Fühlen und Denken passte nicht in diese fremdartige Umgebung, die hoch und schön wie die Gemälde von holländischen Malern war. Er hatte die Kultur, den Staat und die Kunst seines Vaterlandes, ja, im gewissen Sinne auch seine Religion verloren. Immer schneller und weiter wurde er in die Fremde entführt, aus der es in absehbarer Zeit keine Rückkehr geben würde.

»Nun stehst du starr, schaust rückwärts, ach, wie lange schon!Was bist du Narr vor Winters in die Welt entflohn?«

Nein, o nein – bei Gott, er war doch nicht freiwillig abgereist, sondern von Geistern der Unterwelt, die sich in Deutschland jetzt breitmachten, war er vertrieben und musste nun in unbekannte Länder fliehen!

Ein mattes Licht drang durch die verschmutzten Scheiben. Er sah, wie sich Möwen träge aus dem schwammigen Grün erhoben, über alte Zugbrücken und graue Windmühlen stadteinwärts segelten. Unablässig fuhr der Zug weiter in Richtung Westen, über leicht schwankende Brücken.

Immer noch saß er allein im Abteil, in das er in Deutschland eingestiegen war, aus dem er seinen Jugendfreund Johannes in tiefer Abschiedstrauer minutenlang angesehen. Er flüsterte jetzt leise vor sich hin:

»Flieg, Vogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogelton!Versteck, du Narr, dein blutend Herz in Eis und Hohn!«

Es war ihm, als klang eine milde Stimme aus weiten Höhn der Ewigkeit in seine Seele – so plötzlich, so eindringlich – ja, aufrichtend und ermunternd: »Ich will dir folgen, wohin du gehst …« Und aus seinem Innersten kam die Antwort: »Ja Herr, du guter Meister, ja, ich will!«

Elias schloss seine Lider über den brennenden Augen, vielleicht war es nur die lange Schlaflosigkeit, die überstandene Erregung, die ihn nicht zur Ruhe hatte kommen lassen. Was hatte Jesus Christus damals zu seinen jüdischen Landsleuten gesagt? »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.«

Nein, er konnte und wollte sich nicht mit diesem göttlichen Menschensohn vergleichen. Schnell wie der Wind brauste der Zug durch die monotone Landschaft. Diese endlose Weite schließlich half ihm, aus der Enge seiner Angst und Pein herauszutreten, was jedoch nicht bedeutete, dass er gleich Ruhe und Freude finden konnte. Wie hieß es im Choral?

»Zu helfen den’n er ist bereit,die an ihn glauben feste.Er hilft aus Not, der fromme Gott,und züchtiget mit Maßen.Wer Gott vertraut, fest auf ihn baut,den will er nicht verlassen.«

Es sollte noch Jahre dauern, bis ihn diese Aussage befriedigen, ja, überzeugen konnte.

In den folgenden Jahren, während der 2. Weltkrieg unvorstellbares Leid über Millionen Menschen brachte, während das Volk Israel die furchtbarste Verfolgung der Geschichte erlebte, hörte er die Matthäus-Passion gesungen in holländischer, französischer, in italienischer und englischer Sprache. Dann, als das mörderische Geschehen ein Ende hatte, lauschte er in Amsterdam und London, in Paris und New York, in San Franzisco und Ottawa betend den schönsten Oratorien und geistlichen Gesängen. In vielen Kirchen und Konzertsälen großer und kleiner Städte erlebte er immer wieder die größten Musikwerke Bachscher Schöpfungen. Schließlich, nach vielen Jahren anstrengender Irrfahrten und trostloser Vereinsamung, fand er als Fremdling in Jerusalem die ersehnte Heimat und Ruhe.

Endlich schien er am Ziel seiner bewegten Flucht und Weltreise. Als er Jerusalem, die unvergleichlich hochgerühmte Stadt sah, glaubte Elias, am Ziel seiner Träume angelangt zu sein. Lange stand er auf dem Ölberg, dem einzig schönen Anblick hingegeben. Hier konnte er die bedrückenden Zwänge und Ängste der vergangenen Jahre, die eiskalte Verlorenheit der Emigration in den vielen Ländern vergessen. Er blickte auf den Tempelplatz, über die Tore und Mauern der Heiligen Stadt in ihrer schönen Seltsamkeit und dachte, nun den Weg zu einem neuen und erfüllten Leben gefunden zu haben.

Wie oft hatte er auf fernen Kontinenten an die Worte des maurisch-jüdischen Dichters Jehuda Ben Halevi gedacht:

»Wie fass’ ich dich, du ew’ge Stadt!An welchem Ende von dir beginn ich,dich zu preisen und zu feiern,du stärkstes Sehnsuchtsziel so vieler Menschen?«

Wie sehr hatte dieser seltsame Poet und Arzt im traumschönen Kastilien nach dieser Heimat geschmachtet!

»O könnt’ ich rastlos wallen, dort zu beten, wo Gott sich seinen Sehern und Propheten geoffenbart! Ach, hätt’ ich Riesenschwingen, zu deinen Trümmern wollt’ ich dringen mit meines wunden Herzens Schwergewicht! Hinstürzen würd’ ich auf mein Angesicht, auf deiner heil’gen Erde ewig rein und fest umschlingen einen jeden Stein.«

Diese erhabene Davidsstadt übte auf ihn, Elias Mendelssohn, eine unvergleichlich starke Sehnsucht nach himmlischen Sphären aus, wie er es an keinem anderen Ort der Welt je erlebt hatte. Es war ihm, als töne aus der eigentümlich klaren Luft über dieser Himmelsstadt ein Psalm von seltener Schönheit. Wie dankbar war er seinem Lehrer aus der alten Heimat, dass er damals Verse auswendig lernen musste, von denen er nie geglaubt hätte, dass sie irgendeinen Bezug zu seinem Leben bekommen könnten.

»Du bist mein Ziel, erhabene Gottesstadt;wie schlägt mein Herz in mir!Des Irdischen und seiner Freuden satt,schwing ich mich auf zu dir,weg über Erd und Sterne,reicht, Engel, mir die Hand.Ich seh es in der Ferne,mein hohes Vaterland.«

Und doch, nachdem er die ersten Stunden in seinem neuen Quartier, gelegen in der sogenannten Neustadt von Zion, zugebracht hatte, kehrte aus dem Unterbewusstsein das Gefühl einer vagen Heimatlosigkeit zurück. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als jüdischer Christ von seinen neuen Mitbürgern, den Nachkommen eines alten Volkes, nicht angenommen zu sein. Er suchte Brüder, die die Thora ehrten und den Messias Christus Jesus als den Sohn Gottes liebten.

Rebekka, seine Tochter, war noch nicht bei ihm, sie wollte erst ihre Verpflichtungen in den Vereinigten Staaten von Amerika erfüllen und sich als Oratoriensängerin in Europa das gesangliche Repertoire, aber auch die gewisse künstlerische Reife erarbeiten, ehe sie ihren Vater in Israel besuchte.

Als sie das Licht der Welt erblickte, verschied ihre Mutter, mit der er nur zwei Jahre verheiratet gewesen war. In aller Stille und Einfachheit hatte er sie auf einem kleinen, alten Judenfriedhof in einer Grafschaft Englands zu frühester Stunde, bevor die Bürger des Ortes erwacht waren, zu Grabe tragen lassen. Erneut war er, Elias Mendelssohn, eines kurzen Glücks beraubt gewesen. Seine Tochter Rebekka wuchs dann auf einem kleinen Landgut, das einer wohlsituierten Adelsfamilie gehörte, auf. Nach dem Willen dieses kinderlosen Ehepaares sollte Rebekka in ländlicher Umgebung heranwachsen, um später eine tüchtige Verwalterin des jahrhundertealten Erbes zu werden.

Doch das musische Blut der Mendelssohns bahnte sich, wie ein ständig aushöhlendes Bergwasser, seinen Weg zum Licht. Die Quelle der musikalischen Begabung, das feine Gehör und die künstlerische Befähigung ließen ihr Talent bald emporsprudeln. Rebekka hatte schon mit fünf Jahren ihren ersten Klavierunterricht erhalten, wurde bald danach bereits in den Kinderchor der anglikanischen Hochkirche aufgenommen, erlebte ihre Schul-und Studienzeit in London, quasi zu den Füßen Georg Friedrich Händels und absolvierte, als beste Gesangschülerin der Meisterklasse, ihr Diplom als Altistin für Kirchengesang.

Elias Mendelssohn hatte sehr bald nach Kriegsschluss seinen einstigen Schul- und Jugendfreund Johannes Bach zu finden versucht. Durch einen befreundeten Kulturoffizier der britischen Armee wurde dieser in einem kleinen Dorf in der Nähe von Lüneburg aufgespürt. Jahrelang korrespondierten die beiden miteinander, weil Elias sich zunächst nicht entschließen konnte, seine verwüstete, zerstörte und fremd gewordene einstige Heimat zu besuchen.

Durch diesen brieflichen Kontakt traten für ihn schon längst vergessene Einzelheiten aus dem Dunkel der Erinnerung hervor. Unzählige Jugenderlebnisse, Gespräche, hohe Feierlichkeiten, Weihnachtsträume und Schülerstreiche wurden taufrisch in die Gegenwart gebracht. Die glänzenden Höhepunkte im kulturellen Leben von Eisenach, die Geborgenheit im Vaterhaus, die sie umgebende Mutterliebe waren immer wiederkehrende Themen ihrer Briefe. Viele Regungen von damals, die durch Künstler oder Verwandte mit Wonne und Liebe durchlebt worden waren, kamen an die Oberfläche des Bewusstseins. Aber auch die familiären Leiden teilten sie einander mit. Johannes berichtete über das Leben mit seiner Frau Leonore, über den Werdegang seines Sohnes Friedemann, der wohl den künstlerischen Vorstellungen des Ambrosius Bach mehr entsprach, wie er es sich erwünscht hatte.

»Mein lieber Elias«, schrieb er in einem seiner Briefe. »Vielleicht wirst Du erfreut sein zu hören, dass Friedemann zwar kein auserkorener Genius im Sinne unseres weltberühmten Urahnen ist, wie Du vielleicht meinen möchtest, auch kein Wunderkind – nein, einfach nur ein musikalisch hochbegabter, aber ein künstlerisch sorgfältig erzogener, junger Mann. Du hast mir damals, vor vielen Jahren, immer wieder zwingend eingeprägt: ›Begabung und Schulung sind die beiden unerlässlichen Grundpfeiler jedes Künstlertums. Zu ihnen müssen sich dann Fleiß und eiserne Beharrlichkeit gesellen, diese vier zusammen bringen und erzwingen sich den Erfolg.‹ – Ganz anders als sein Vater, auf den man einst die größten Hoffnungen gesetzt hatte, blieb Friedemann sehr beständig auf dem musischen Gebiet. Schon als siebenjähriger Knabe war er kaum vom Instrument wegzubekommen. Mit ganzem Herzen ergriff er die Welt der schönen Klänge, in der sein Herz aufzugehen schien. Doch nicht nur die großen Akkorde, die schäumende Verzauberung durch Harmonien und Melodien, auch nicht die strenge Ordnung des Kontrapunktes beseelt meinen Friedemann, nein, mit Freuden kann ich Dir berichten, dass auf ihn zutrifft, was Albert Schweitzer über den göttlichen Johann Sebastian Bach schrieb: ›Musik ist für ihn Gottesdienst. Sein Künstlertum und seine Persönlichkeit beruhen auf seiner Frömmigkeit. – Für ihn verhallen die Klänge nicht, sondern steigen als ein unaussprechliches Loben zu Gott.‹

Friedemann ist Oratoriensänger geworden und mit seiner gläubigen Frau Susanne, die als Sopranistin in der gleichen Disziplin ihr Staatsexamen absolvierte, künstlerisch wie auch menschlich sehr glücklich vereint …« –

Elias Mendelssohn blickte versonnen auf das Gemälde des alten Thomaskantors Johann Sebastian Bach, das an der Wand seines Musiksalons hing. Noch hielt er den eben erhaltenen Brief in den Händen. Er dachte an Mose und an die feierlichen Versicherungen im Alten Bund: »Ich bin ein Gott voll Liebe und Erbarmen. Ich habe Geduld; meine Güte und Treue sind grenzenlos. Ich erweise meine Güte über Tausende von Generationen hin …« Friedemann, der erstgeborene Sohn seines Freundes Johannes Bach, bereitete also seinem Vater die langersehnte Freude und Erfüllung seines Vorfahren Ambrosius Bach. So entschloss sich Elias, seinem Freund postwendend zu antworten.

»Mein lieber Johannes,

Pläne sind oft die Antwort auf Träume der Verständigen, wenn Gott dazu auch noch seinen Segen gibt, so werden die Gebete der Urväter beantwortet. Ein junger Bach, der seinem Namen alle Ehre macht! – Nicht nur ein Traum! ›Nein, es ist die reine Wahrheit‹, kann man mit Freude ausrufen, denn was dein guter Vater von Dir erhofft, wird Euch nun als Himmelsgabe in Friedemann geschenkt. Doch die besten Briefe können wohl die erhabensten Gedanken in etwa darlegen, wie viel schöner aber könnte man sich mitteilen, wenn man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersäße. Deshalb möchte ich Dich herzlichst nach Israel einladen. Komm mit Deinen Lieben ins Land der Bibel, und, wenn ich noch eine ganz persönliche Bitte anfügen darf, kommt doch bitte recht bald! Seid hier in Jerusalem meine willkommenen Gäste! …«

Schon im nächsten Frühjahr reisten Johannes und seine Frau Leonore Bach ins Heilige Land.

Die Wiedersehensfreude der beiden Eisenacher Freunde könnte nur von einem genialen Musiker in tonschöpferischer Dichte dargestellt werden, Worte würden in solch leidenschaftlicher, heftiger wie auch zärtlicher Gefühlsaufwallung nur kalt und spröde wirken. Minutenlang lagen sich die beiden Männer in den Armen. Beiden schien dieser Augenblick wie ein unfassbares Traumgebilde. Sie konnten nur immer wieder ihre Vornamen stammeln, so sehr waren sie in Freude und Schmerz gefangen. Verwirrend viele Eindrücke stürmten in der Folgezeit auf die beiden deutschen Besucher ein. Für sie war es ein unerklärlich wunderbarer Rausch, sich im Lande der Patriarchen und Propheten zu befinden, das heißt, im Lande Abrahams, Isaaks, Jakobs, Mose, Aaron, David und Salomo im Geiste begegnen zu dürfen. Viel gewaltiger aber noch der Eindruck: in diesem Lande lebte einst der Sohn Gottes – hier litt und starb er, von hier fuhr er auf gen Himmel nach seiner Auferstehung, und zwar ins himmlische Jerusalem.

Im Geiste erlebten Johannes und Leonore den auferstandenen Messias auf Schritt und Tritt an den verschiedensten Orten im Lande. Diese uralte und fast unveränderte Stadt des Friedens – Jerusalem – zog sie in einer unwiderstehlichen Art an, das Land und sein Volk im Namen des Herrn zu segnen. Beflügelt durch den festen Glauben, am Mittelpunkt der Welt zu sein, wünschten sie sich von Herzen, noch ehe sie die Stadt verlassen hatten, so bald wie nur irgend möglich, wieder zurückkommen zu können.

In den folgenden Monaten dann reifte in Elias Mendelssohn ein selten schöner Plan, nämlich in Jerusalem die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach aufführen zu lassen. Mit seiner ganzen Energie und großen Freude für das Vorhaben begann er, Verhandlungen zu führen mit Musikern, Sängern und Behörden, um seinen sehnlichsten Wunsch zur Erfüllung zu bringen. Als dann seine schriftliche Einladung in Deutschland bei Johannes, Leonore, Friedemann und Susanne Bach eintraf, die die beiden letzteren sogar als Solisten für die Aufführung anwerben sollte, konnten sich die Bachs vor Freude kaum beherrschen, so sehr überwältigte sie der Gedanke, das größte Werk der Christenheit gerade in der Stadt von Jesu Passion mitgestalten zu können. So kam es, dass die Ehepaare Bach aus Deutschland, Rebekka, die Tochter von Elias, aus England und Eduard Felsenstein aus der Schweiz nach Israel flogen.

Kapitel 2

»Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, wenn es euch nicht von Herzen geht«, dachte Friedemann, als er in tiefer Nachtzeit erwachte. Wundersam wurde es ihm bei dem Gedanken, in einem Hotel am Ölberg zu schlafen und nun in der unmittelbaren Nähe der so viel gepriesenen Stadt Jerusalem zu sein. Nicht der Name einer Stadt kann der Welt den Frieden bringen, nein, es kam ihm in den Sinn: ›Ist Friede da mit Gott, wird Friede, tiefer Friede sein. Ist Friede nicht mit Gott, bleibt Friede nur ein Schein.‹

Es gibt keine bessere Verheißung des Segens als den Frieden Gottes, der eben höher ist als alle Vernunft der Adamskinder. Immer, wenn er an die dramatischen Ereignisse vor fast 2000 Jahren in Jerusalem dachte, wenn er die Leidenszeit Jesu an seinem inneren Auge vorüberziehen ließ, stand er vor einem für ihn geheimnisvollen Rätsel, warum das Leben des ewigen Messias Jesus Christus gerade hier in Zion wie ein düsteres Trauerspiel zu Ende gehen musste.

Wissbegierige, mutige Herzen wünschen sich, in kurzer Zeit möglichst viel zu erfahren, deshalb vertiefte sich Friedemann auch zu nächtlicher Stunde in die ihm so altvertrauten Texte des Evangeliums:

»Und da er nahe hinzukam und zog über den Ölberg herab, fing an der ganze Haufe seiner Jünger, fröhlich Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.«

Friedemann unterbrach sich und schaute in der Erinnerung das ihm so bekannte Bild des Ölbergs, und zwar in der blendenden Schönheit der Frühlingstage, als Jesus in die Stadt einziehen wollte. Die silbrig schimmernden Kronen der Ölbäume und die jungen Feigenbäume wurden vom Wind gestreift. In den benachbarten Gärten und Plantagen grünten frühe Granat- und Apfelbäume und standen in roter Blütenpracht. Auf den Höhen rauschte nicht nur der frische Frühlingswind in den Fächerkronen der schlanken Palmen, nein, auch ein spontaner Jubelgesang der Jünger des Herrn, die Palmenzweige wie Freudenfahnen hin- und herschwenkten, sah er im Geiste vor sich.

Wo fand man heute noch Gläubige, die in kindlicher Einfalt und Freude, ja, mit hoffnungsvoller Hingabe jauchzen konnten? Weshalb hörte man diesen schönen Jubelgesang nicht in den Kirchen und Kapellen zur Ehre Gottes, ein Loben und Preisen in allen Landen für den Auferstandenen? Warum nur klangen die Gebete und Lieder in der Heimat so seltsam kühl und traurig, fast schon schwermütig? Konnten die modernen Jünger Jesu nicht ebenfalls »israelisch-fröhlich« sein? Woran lag es? An dem ausgeprägten Naturell der Völkergruppen? Oder hatten sich lähmende Giftstoffe von falsch verstandener Frömmigkeit und religiöser Tradition in der geistlichen Vorstellungswelt der Christen ausgebreitet? Wo fand man gemeinsame Freudenkundgebungen, die in ihrer Art dem biblischen Bericht gleichkamen? Weshalb nur klangen die geistlichen Lieder und Choräle der weltweiten Christenheit so melancholisch und düster? Sollte sich nicht vielmehr ein tausendfacher Jubelgesang von mitreißender Begeisterung ausbreiten, um in die Herzen der Materialisten und Atheisten einzudringen und sie aufhorchen zu lassen? Wo gibt es heute die Schar der Beter, die mit lauter Stimme rufen: »Gelobt sei, der da kommt, ein König, im Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!« Friedemann konnte sich auf diese Fragen keine befriedigende Antwort geben, so schlief er bald über seinem Grübeln wieder ein und erwachte erst, als die ersten Sonnenstrahlen hinter den judäischen Bergen hervorleuchteten.

Er zog sich seinen Morgenmantel über und schlich leise aus dem Zimmer. Als er die Dachterrasse des Missionshauses betrat, sah er die ganze Weite und Schönheit der Heiligen Stadt, für ihn ein berauschend schönes Panorama, vor sich ausgebreitet. Beim Anblick der ehrwürdigen Mauern Jerusalems wurde er von einer seltsamen Neugierde ergriffen. Diese auserwählte Stätte göttlicher Offenbarungen war zu allen Zeiten das Ziel der Sehnsucht für die Pilger und Touristen der verschiedensten Religionen.

Kammersänger Friedemann Bach, der bekannte Bachinterpret, stand ergriffen vor dieser vielbesungenen Stadt. Von einem freudigen Glücksgefühl erfasst, blickte er herab auf das vor ihm sich ausbreitende Häusermeer und die unzähligen Kuppeln und Türme hinter der langgezogenen Mauer. Ein klarer Himmel überspannte das ganze judäische Land. Zarte Wölkchen in silbrig-weißem Blau zogen am hohen Firmament entlang; es war, als schwebe ein überirdischer Schimmer über der sogenannten Heiligen Stadt. Schlanke, dunkle Zypressen stachen wie schwarze Federhalter in die Höhe. In dieser glasklaren Luft über dem Gebirge Morija zeichnete sich jede Kuppel, jeder Turm, ja, jedes Dach scharf gegen den Himmel ab.

Doch noch unbewusst, in der Tiefe seines Herzens, empfand er in sich einen dumpfen Schmerz. Dunkel klang es in ihm:

»Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!«

Ja, im Geiste vernahm Friedemann die hellen Stimmen aus dem großartigen Chor der Matthäus-Passion, und es schien, als würden sich diese klagenden Töne in unendlichen Räumen eines längst versunkenen Jerusalems ausbreiten.

»Sehet! … Wen? … Den Bräutigam. Sehet ihn! …Wie? … Als wie ein Lamm …«

Im steten Wechselgesang hörte er in sich die wehmütigen Gesänge:

»O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet …«

Wie oft hatte er – Friedemann Bach – diesen Eingangschor zur großen Passion als Solist gehört und betend gefühlt, ihn aus tiefstem Herzen miterlebt.

»Seht! … Wohin? … Auf unsere Schuld.«»All Sünd’ hast du getragen, sonst müssten wir verzagen.«

In sich hörte er es singen und tönen, wie sich die Töchter Zions anriefen und antworteten, er hörte die hellen Stimmen der Knaben, dem unsichtbaren Schöpfer des Weltalls huldigend, und immer wieder klangen in ihm die trauernden Stimmen auf:

»Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!Sehet! – Wen? – Den Bräutigam.Sehet ihn! – Wie? – … als ein Lamm.«

Hier, im Anblick dieser Stadt, sah er auf einmal alles mit anderen Augen. Er erblickte im Geiste den ungeheuren Tumult in den Gassen und Straßen, eine entfesselte Menschenmenge, die den Unschuldigen, den Geplagten, den Sohn Gottes zur Hinrichtungsstätte führte. Es war ein Heulen und Rufen, ein Schreien und Drängen der religiös fanatisierten Massen, und so interpretierte das Geschehen einst Johann Sebastian Bach mit gewaltigen Doppelchören, vielstimmig im Auf und Ab der Klänge, die ungeheuerliche Tragik, den furchtbarsten Geisteskampf aller Äonen. Der Meister der geistlichen Musik, der sogenannte fünfte Evangelist, versuchte es in der Passion symbolisch darzustellen. Gewiss hatte er die Töchter Jerusalems so klagen und weinen gehört. Das unsichtbare Ringen zwischen dem Fürsten des Lichts und der Ausgeburt der Finsternis wurde von ihm geschaut und in dunklen Noten zu Papier gebracht – seine Passion, die große Passion, nach den Worten des Evangelisten Matthäus erlebt und dazu geschaffen, sie als fortwährendes Zeugnis der Nachwelt vor Augen zu führen.

»Seht! – Wohin? – Wohin? – … auf unsere Schuld …«

Und über dem Chor die hellen Stimmen der Knaben:

»Erbarm dich unser, o Jesu, sonst müssten wir verzagen – all Sünd’ hast du getragen …«

Friedemann sah den Mann der Schmerzen und Qualen vor sich, das makellose Opferlamm, wie es durch die aufgehetzte, schreiende Menge im damaligen Jerusalem getrieben wurde als der Unwerteste, der allerverachtetste Mensch nach Golgatha.

Auf die noch ruhende Stadt schauend, dachte er daran, wie oft er schon in Kirchen und Konzertsälen gesungen hatte:

»Da Jesus diese Rede vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: ›Ihr wisset, dass nach zween Tagen Ostern wird; und des Menschen Sohn wird überantwortet werden, dass er gekreuziget werde.‹«

Immer, wenn in der Matthäus-Passion die direkte Rede Jesu vom Evangelisten gesungen wurde, glorifizierten die Geigen mit wehmütigen Tönen die Worte des Meisters. So hatte es Johann Sebastian Bach komponiert und gewollt. Es schien wie ein Abglanz der Herrlichkeit, wie ein Echo aus Himmelshöhn, ja, wie ein Glorienschein der ewigen Majestät und der Unvergänglichkeit Gottes.

Die Hörer sollten dadurch von Anfang an auf die weihevolle Schönheit und den Ewigkeitswert, auf den göttlichen Adel und die bedeutungsvollen Aussagen der Christusworte hingeführt werden. Aber Friedemann wusste, nicht die hohe Kunst der geistlichen Musik, sondern das persönliche und tiefe Neuerleben des unaussprechlichen Geschehens, ein In-sich-einatmen der Leiden Christi bis zur herrlichen Erlösung war maßgebend für jeden Anwesenden. Die Worte des Evangelisten sollten alle Zuhörer erweckend zu Christus, dem Erlöser, hinführen. Der größte Feind des geistlichen Lebens kam aus der Erstarrung, aus der Gewöhnung, durch das tödliche Gift von Formalismus und Tradition. Die gesungenen Worte nach den Kompositionen des Johann Sebastian Bach sollten ihn, den König aller Könige, immer neu verherrlichen. Und kaum gedacht, hörte Friedemann, wie aus unendlichen Weiten herankommend, den wunderbaren Choral klingen:

»Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?Was ist die Schuld, in was für Missetaten bist du geraten?«

Da trat lautlos seine Frau Susanne an ihn heran und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Bist du es?«, fragte er irritiert.

»Mein Friedemann lässt mich einfach weiterschlafen«, klang es ein wenig vorwurfsvoll, »wolltest du dir Jerusalem denn allein ansehen?«

»Aber nein, meine Liebe, ich träumte gerade ein wenig und wurde davon gepackt. – Ich sah mich in einem großen Chor von Sängern über Zion schweben. Tiefe Nacht lag über Jerusalem, als diese unzählbare Schar zu singen begann: ›Wachet auf!‹, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne: ›Wach auf, du Stadt Jerusalem!‹

Und plötzlich war es, als würde sich dieser musikalische Aufruf vertausendfachen. Aus allen Wohnstätten kamen aufgeschreckte Menschen heraus und eilten durch die Straßen der Stadt. Über diesem unvergleichlichen Gedränge hörte ich die Worte: ›Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freuden springen, sie wachet und steht eilend auf.‹

Daraufhin erwachte ich und öffnete meine Augen. Wie ich so darüber nachdachte, schien es mir, als hätte ich persönlich auch den Herrn und Meister schändlich verraten, ihn geschlagen und gelästert. Als ich schließlich so recht zu mir gekommen war, stand ich auf, zog mir den Morgenmantel über und ging hierher.« Susanne nahm ihren Mann in den Arm und meinte: »Ein seltsamer Traum.«

So standen sie eine geraume Zeit, in Gedanken versunken, auf dem Dach des Hauses und blickten über das Kidrontal zu dem jahrhundertealten Wall der Stadt, zu der graugelben Zinnenmauer, die zum Teil auf den Fundamenten anderer, alter Mauerreste aus biblischen Zeiten aufgerichtet worden war. Auf dem hohen Plateau glänzte die goldene Kuppel des Felsendomes, der islamischen Omar-Moschee. Zur Linken des Domes leuchtete im schönen Blau die viel bescheidenere Rundung der al-Aqsa-Moschee. Hinter diesen beiden Prachtbauten erhoben sich weitere schlanke Türme von Kirchen und Moscheen wie spitze Federhalter.

»Dass Gott gerade auf diesen kargen Bergen die heilige Stadt Jerusalem erbauen ließ, wird für mich höchst verwunderlich, ja, einfach unbegreiflich sein und bleiben«, äußerte Friedemann nach einer Weile.

»Gerade hier, wo es keinen bedeutend großen Fluss gibt, keinen Hafen, keine fruchtbare Vegetation, dieser felsige Platz, der auch keine strategische Bedeutung hat, soll nach dem Willen des Herrn der Mittelpunkt der Erde sein?«

»War es denn der Wille Gottes?«, fragte Susanne zweifelnd.

»Aber gewiss! König David bekam den Auftrag von Gott, hier an dieser Stelle ein Heiligtum zu bauen. Salomo sprach davon: ›Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Er hat es wahrgemacht, was er meinem Vater David versprochen hat, als er sagte: In der ganzen Zeit, seit ich mein Volk Israel aus Ägypten in dieses Land brachte, habe ich in keinem der Stämme Israels eine Stadt erwählt und von ihr gesagt: Dort soll ein Tempel gebaut werden, wo man zu mir beten kann. Ich habe auch niemand als Herrscher über mein Volk Israel erwählt. Aber jetzt habe ich Jerusalem erwählt. Hier soll man zu mir beten.‹«

»Es handelt sich also nicht um einen menschlich erwählten Wallfahrtsort, nicht um ein Mekka oder Medina, um ein Rom oder Lourdes«, stellte Susanne fest.

»O nein, es war Gottes ausdrücklicher Wunsch, diese Stadt auf dem, nach menschlichem Ermessen unbedeutenden Platz ohne Wasserquellen und ohne natürliche Schutzmöglichkeiten bauen zu lassen. Ich meine, es wäre keinem Volk der Erde auch nicht im Entferntesten eingefallen, hier eine Stadt, das heißt sogar eine Hauptstadt, bauen zu lassen, deren Lage schließlich allen Gesetzen der Vernunft widerspricht. Es ist eben dieses sonderbare Volk der Israeliten, das bedingungslos an die Verheißungen Gottes und dessen persönlichen Schutz glaubte und wieder zu glauben beginnt, wie ich meine.«

Versonnen blickte Susanne hinab auf das Häusermeer, als sie antwortete: »Ich habe selten eine Stadt gesehen, die so trotzig und ehern auf granithartem Felsen wie eine Burg zum Himmel emporragt wie gerade dieses Jeruschalayim. Lädt diese hohe Stadt über dem judäischen Gebirge nicht gerade dazu ein, sie als eine Verkörperung hartherziger Leidenschaften zu sehen, als ein Sinnbild bornierten Stolzes der Menschen und deren ungezügelter Hassgefühle?«

»Solche Empfindungen kommen wahrscheinlich nur bei uns Christen auf, und zwar infolge der jahrhundertealten, religiösen Vorgeschichte. Jedes Mal denken wir, vielleicht sogar unbewusst, so muss die Stadt ausgesehen haben, in der einst aufgewiegelte Bürger geschrien haben: ›Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‹ Aber sicher waren es verhältnismäßig wenige in der damaligen Zeit, die diese Worte geschrien haben, und ich möchte sagen, wir dürfen nicht vergessen, dass seit jener verhängnisvollen Zeit unzählige Generationen dieses Volkes gekommen und gegangen sind. Von dem einstigen Jerusalem ist übrigens kein Stein mehr zu sehen«, sagte Friedemann. »Und überhaupt, kann das Blut Jesu denn Schaden anrichten? Sind diese Worte nicht sogar prophetisch geredet für spätere Zeiten? Muss das Blut Jesu nicht über das ganze Volk Israel kommen, damit es von seinen Sünden erlöst und der Friede mit Gott wieder hergestellt wird?«

»Es ist für mich unfassbar, dass das größte Ereignis in der Menschheitsgeschichte, nämlich die Erlösung aller Erdenbürger durch das Opfer Jesu, hier auf dieser rauen Hochebene stattgefunden hat.« Mit großen, staunenden Augen blickt Susanne dabei auf ihren Mann.

»Ach ja«, beginnt Friedemann zu deklamieren, »Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küken unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!«

»Die Herrscher dieser Welt und ihre Helfershelfer haben zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten Millionen und Abermillionen Kreuze errichtet. Sie haben im Namen Jesu Untaten mit erschreckenden Ausmaßen begangen.«

Sie gingen in ihr Zimmer zurück und machten sich zum Frühstück zurecht.

Nicht lange danach wurden sie schon gerufen. Susanne und Friedemann begrüßten die Eltern, die bereits am gedeckten Tisch saßen, auf dem eine große Schale mit den verschiedensten Obstsorten stand, mit einem freudigen »Shalom!« und »Boker tov!«. »Ja, Kinder, sagt mal, habt ihr heute Nacht gar nicht geschlafen? Mutter und ich haben uns sehr gewundert, als wir in euer Zimmer kamen und die Betten leer vorfanden.«

»Ich konnte vor Aufregung kaum schlafen, denn ihr müsst wissen, dass ich diese Stadt unbedingt so schnell wie möglich gesehen haben wollte, von der ich schon so oft gesungen, ohne sie gekannt zu haben. Ich konnte es nicht mehr erwarten, den Ort zu schauen, an dem Jesus Christus gelebt, gebetet, geklagt und geweint und schließlich seine glorreiche Auferstehung erlebt hat. Ich kann es euch nicht beschreiben, welch geheimnisvolles Beben in meinem Herzen war, als ich heute früh diese Stadt mit dem unvergänglichen Namen Jerusalem vor meinen Augen ausgebreitet liegen sah mit dem vielgerühmten, heiligen Platz. Ich kann es auch kaum erwarten, endlich durch eines der Tore in die berühmte Stadt einzutreten.«

»Vielleicht wäre es besser, erst die Umgebung der Stadt ein wenig in Augenschein zu nehmen, ehe wir den ›Mittelpunkt der Welt‹ besuchen«, sagte der Vater, der bereits zum zweiten Mal im Land war.

»Ich schlage vor, wir machen uns heute auf den Weg nach Bethanien, um Land und Leute kennenzulernen.«

Also wanderte man nach dem ausgiebigen Frühstück zunächst hinauf auf den Ölberg, bestieg die Kuppel der Himmelfahrtskirche und gesellte sich kurzfristig zu einer Gruppe von Touristen, deren israelischer Fremdenführer gerade Folgendes erklärte: »Wie Sie vielleicht schon wissen, soll hier die Stätte sein, an der Christus zum Himmel gefahren ist.«

Einige nickten zustimmend mit dem Kopf, andere schauten verlegen zur Seite, als wäre es ihnen lästig, biblische Geschichten hören zu müssen.

»Nun möchte ich Sie bitten, nach links zu schauen, dann richten Sie Ihre Blicke hinunter, denn dort, bei dem kleinen, runden Gebäude soll nach der Überlieferung der Ort der Himmelfahrt Christi gewesen sein. Man glaubt, dass Jesus Christus sich da von seinen Jüngern verabschiedet hat.«

Ein Geistlicher, der zu der Gruppe zu gehören schien, las die Worte aus der Heiligen Schrift: »Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. – Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg.«

Es herrschte einige Sekunden Stille, ehe einer aus der Gruppe bemerkte: »Von Wolken kann heute wohl kein Rede sein.« »Aber dass er bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende, ist seine feste Zusage«, bemerkte der Geistliche.

Friedemann hatte inmitten der Gruppe für einen Augenblick ein wunderbares Gefühl der Geborgenheit in Gott. Es war ihm, als würde er von einem Strom des Glücks in gläubiger Gewissheit getragen.

Die Reisegruppe ging weiter, aber Friedemann, seine Frau und die Eltern blieben in der Kirche zurück. Sie standen dort am Scheitelpunkt der Stadt Jerusalem zur Wüste Juda hin. Vom Osten her glänzte in herber Pracht das Panorama der judäischen Wüste. Diese scheinbar unfruchtbare Landschaft, bestehend aus einer Anhäufung öder, baumloser, malerisch geschwungener Hügel war bis zum Toten Meer hin faszinierend anzusehen. Dort, wo in heißer Luft im blauen Lichtstreifen des Horizonts der tiefste Punkt der Erde ist, erhoben sich die Berge Moabs.

»Ich glaube, diese Landschaft hat sich kaum verändert im Laufe der Jahrhunderte. Ich bin davon überzeugt, unser Herr und Meister Jesus Christus hatte den gleichen Anblick vor Augen, bevor er sich auf sein Leiden und Sterben vorbereitete. Vielleicht übernachtete der Herr schon deshalb so gern in Bethanien, weil er dort dem hartherzigen Religionsstreit der Pharisäer und Sadduzäer entflohen war.«

»Ja, wenn man von den Höhen Jerusalems über den hohen, weiten Himmel schaut, meint man, vom Traum Jakobs ergriffen zu sein. Unwillkürlich sieht man die Leiter bis in den Himmel reichen und die Engel lichtumwoben auf- und niedersteigen«, sagte Johannes Bach. »Doch lasst uns gehen, die Sonne steigt, es wird ein wüstenheißer Tag werden.«

Mit einem Taxi waren die vier bald in Bethanien. Sie stiegen die siebenundzwanzig Stufen hinunter in das finstere Grab des Lazarus, in das einst auch Christus gestiegen war, um den toten Lazarus, der dort schon vier Tage gelegen hatte, wieder aufzuwecken.

Sie kamen auch zu den kastenförmigen Steinhütten mit den blauen Tür- und Fensterrahmen, wo einst Maria und Martha gewohnt haben sollen. Und welch ein Erstaunen, hier trafen sie wieder auf die Touristengruppe aus Deutschland. Der geistliche Leiter der Studiengruppe las gerade Worte aus der Bibel. In Friedemann wurde alles Musik, er hörte die Passagen aus der Matthäus-Passion in sich klingen und singen:

»Da nun Jesus war zu Bethanien im Hause Simonis, des Aussätzigen, trat zu ihm ein Weib, die hatte ein Glas mit köstlichem Wasser und goss es auf sein Haupt, da er zu Tische saß.«

Nun befand er sich wirklich in Bethanien, und ihn umwehte der Duft südländischer Früchte, das intensive Aroma von Jasmin stieg ihm in die Nase.

Sie gingen eine steile Gasse hinan. Schlanke Pinien hoben sich dunkel gegen den Himmel ab. Kinder spielten vor den schmutzigen Häusern, eine Katze sprang von einer Mülltonne auf den nächsten Baum. Schwarze Ziegen rupften an trockenen Grasbüscheln, die aus Steinritzen hervorlugten. Von einem dunkelhäutigen, verwahrlosten Araberjungen angetrieben, rannten die Tiere meckernd über die steinharte Erde, wobei ihre langen Ohren wie dunkle Lappen auf und ab wedelten.

Wie völlig anders doch diese Landschaft gegenüber seiner einstigen Vorstellung war, die Friedemann sich stets beim Singen des Textes der Matthäus-Passion gemacht hatte. Natürlich war er sich auch darüber im Klaren, dass es zu Jesu Lebzeiten wohl doch noch anders ausgesehen haben musste, doch bestimmt nie so, wie es die Maler im Mittelalter in idealistisch-christlicher Weise dargestellt hatten. Man muss aus der Wüste nach Jerusalem kommen, um die Fruchtbarkeit, die Farben und den Duft der heiligen Stadt zu erleben, die Wildheit der ausgetrockneten Rinnen, die Kargheit der kahlen Berggipfel, die Härte der vertrockneten Wadis, die von Rissen durchfurchte Erde, auf welcher Eidechsen hin- und herhuschen, und nicht zuletzt die brennende Grausamkeit der wasserlosen Täler als ein Abbild der Wüste, in der Christus versucht wurde.

Mit der Zeit wurde die Hitze fast unerträglich, deshalb flohen sie aus der Wüste Juda und wandten sich nach Westen. Als sie auf einem schmalen Fußweg, der nach Jerusalem zurückführte, hintereinander bergauf stiegen, meinte Susanne: »Dieser Pfad erinnert mich stark an Jesus und seine Jünger, als sie zum Passahfest, das heißt zu ihrem letzten Abendmahl gingen.«

»Ja, wenn man durch diese Landschaft geht, wird einem klar, dass der Reiseführer hier das Alte und das Neue Testament sind. Die Geschichte Israels bedeutet zum großen Teil auch Gottesgeschichte.«

Sie kamen der Stadt immer näher, die Vegetation wurde zunehmend besser. Es war ein blendend schöner Frühlingstag, so wie man es im April auf den Höhen Jerusalems gewohnt ist. Ringsum grünten die Bäume im jugendlichen Schimmer, frühe Granatbäume prangten in roter Blütenpracht. Auch die Feigenbäume standen im üppigen, jungen Grün.

Um die Mittagszeit betraten sie völlig verschwitzt die kühlen Räume der christlichen Herberge. Es duftete appetitanregend durch das ganze Haus. Goldgelber Curryreis mit Lammkoteletts, pikant gewürzt mit Estragon, Zwiebeln und Knoblauch, wurde serviert. Die lange Tafel war bedeckt mit Platten von Salaten, Tomaten, Oliven, Gurken, frischen Zwiebeln und verschiedenen Obstsorten. Es war eine farbenprächtige Palette von den Früchten des Landes.

»Ein Land, wo Milch und Honig fließen«, sagte Friedemann und tippte dabei dem Vater leicht auf die Schulter. »Das habe ich von dir gehört, und ich muss sagen, diese Speisen erinnern doch eher an die ›Fleischtöpfe Ägyptens‹!«

»Mein lieber Junge, die Erzväter lebten in dem Land, wo Milch und Honig flossen, denn sie waren Nomaden. Milch und Honig galten vor Jahrtausenden als Sinnbild des Überflusses.«

»Stimmt – auch Feldblumen sind voll Honig, aber nur die Bienen finden den süßen Nektar. Wer Honig mag, muss also Bienen züchten.« Friedemann lachte dabei unbekümmert. Die Nachzügler wurden gleich zu Tisch gebeten. Die anstrengende Wanderung von Bethanien nach Jerusalem, aber auch die enorme Luftveränderung hatten den »Bachs« einen gesegneten Appetit beschert. Nach dem Genuss der köstlichen Speisen sanken sie erschöpft in ihre Betten und schliefen bis zum Abendessen.

Johannes und Friedemann hatten sich bereits telefonisch mit einem Franziskanermönch am Gartentor von Gethsemane verabredet. Friedemann wollte unbedingt vor der ersten Probe zur Matthäus-Passion die wichtigsten Stätten des Geschehens besucht haben.

Die beiden Frauen fuhren gleich nach dem Abendessen in die Stadt, um am vereinbarten Treffpunkt, dem Hause der Mendelssohns, die Wiedersehensfeier vorbereiten zu helfen. Anlässlich dieses Treffens wollte man auch ausführlich über die geplanten Verständigungsproben mit den Solisten und dem Festival-Orchester sowie dem Chor debattieren. Insbesondere Susanne und Friedemann fieberten dem großen musikalischen Ereignis entgegen.

Die Erstaufführung der Matthäus-Passion in Jerusalem, der Hauptstadt des neuen Staates Israel, hatte eine besondere Brisanz.

Kontroverse Pressekampagnen ließen auf eine gespannte Atmosphäre schließen. Seit Wochen schon stand dieses herausragende Vorhaben in den Zeitungen unter heftigstem Beschuss.

»Ist der Staat Israel oder gar die Stadt des Heiligtums die richtige Plattform für eine derartige Vorstellung? – Haben wir als Juden nicht genug gelitten unter dem Antisemitismus und letztlich durch den mörderischen Faschismus? – Abgesehen von Bachs exzellenter Musik, kein Jude mit Selbstachtung kann glücklich darüber sein, wenn er aus einem christlichen Oratorium vernehmen muss, dass sein Volk als der ›Mörder Gottes‹ dargestellt wird und dafür zu einem Wandervolk auf Erden verdammt wurde bis hin zur angeblichen Wiederkunft des gekreuzigten Gottes.«

Solche und ähnliche Texte konnte man in der allgemeinen israelischen Presse lesen.

Die orthodoxe jüdische Geistlichkeit wusste, dass seit Monaten das bekannte Festivalorchester unter der Leitung des jüdischen Dirigenten Professor Siggi Silbermann das berühmte Werk des Thomaskantors Johann Sebastian Bach probte. Jüdische Männer und Frauen, ja, sogar Kinder sangen wochenlang die Worte aus der Bibel:

»Lasst ihn kreuzigen! – Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«

Auch die Worte:

»Gegrüßet seist du, Judenkönig!«

Wen sollte es da wundern, dass gläubige, orthodoxe Juden durch diese künstlerischen Aktivitäten geradezu provoziert wurden, darüber heftig und mit aller Schärfe zu protestieren. Zwar hatte Professor Silbermann in weiser Voraussicht eine Vorankündigung zur Aufführung der Matthäus-Passion gegeben und betont, dass diese erhabene Musik des ehrwürdigen Thomaskantors Bach nur für Musikliebhaber von Zion dargeboten werden solle. Unter anderem konnte man im Programmheft lesen: »Professor Siegfried Silbermann steigerte die musikalische Qualität von einer Bachkantate zur anderen, bis hin zu den Aufführungen der ›Johannes-Passion‹ und des ›Messias‹ von Georg Friedrich Händel.«

»Auf jeden Fall«, so erfuhren die Leser der »Jerusalem-Post«, »ist die Matthäus-Passion die großartigste christliche Musik, die jemals geschrieben worden ist, und als solche übt sie eine Anziehungskraft auf alle Musikliebhaber aus. Das Problem in diesem Land und gerade in der heiligen Stadt der Juden ist nicht die Musik, sondern der Text!«

An diesen Worten entfachte sich das Feuer religiöser Leidenschaften.

Kapitel 3

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Kapitel 4

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Kapitel 5

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Kapitel 6

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Kapitel 7

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Kapitel 8

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Kapitel 9

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Kapitel 10

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Kapitel 11

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Verzeichnis

der verwendeten hebräischen, israelischen und biblischen Namen, Bezeichnungen, sowie allgemeiner Redewendungen.

Adonai – Herr, im Deutschen wie: Herrgott

Asahel – Das Böse an sich, die Sünde, das Dämonische

»Baruch haba« – »Sei willkommen«

»Bruchim haba’im« – »Seid willkommen«

»Boker tov« – »Guten Morgen«

Chanukka – Lichterfest oder auch Tempelweihfest. Dieses Fest dauert eine Woche. Bei den jüdischen Familien wird täglich eine Kerze mehr auf dem achtflammigen Leuchter entzündet. Dies geschieht zur Erinnerung an die kultische Reinigung des Tempels in Jerusalem, den die in Juda herrschenden Griechen im Jahre 165 vor Christus unter Antiochus geschändet hatten.

»Erev tov« – »Guten Abend«

Erev Pesach – Vorabend des Pesach-Festes, mit dem die Juden ihren Auszug aus Ägypten und seiner Knechtschaft feiern; es fällt zeitlich oft mit dem christlichen Auferstehungsfest (Ostern) zusammen und beginnt mit dem ersten Frühjahrsvollmond.

Haggada – Erzählung (hebr.), diesen Titel trägt das am ersten Abend des Pesach-Festes im Hause der Familie vorgelesene Buch, welches den Auszug aus Ägypten schildert.

»Hevenu Shalom Aleichem …« – »Wir brachten euch den Frieden …«

Hummus und Tehina – Hummus ist ein Brei aus zerstampften Kichererbsen, den man mit einer Sauce aus Sesam, nämlich Tehina, isst.

Ivrit – ist das von Ben Yehuda zur modernen Gebrauchssprache gewandelte Hebräisch.

Jarmulke – kleines, seidenes oder samtenes, rundes Käppchen, das von frommen Juden getragen wird.

Kashrut – Gesetz der Speisevorschriften. Zum Beispiel durften keine Milchspeisen mit Fleischspeisen zusammen genossen werden; »neutrale« Speisen dagegen wie Brot, Gemüse oder Fisch können mit jeder der beiden Speisearten kombiniert werden. Das Verbot, Speisen aus Milch- und Fleischprodukten zusammen zu bereiten, stützt sich auf das Gebot von Mose: »Ein Böcklein sollst du nicht in der Milch seiner Mutter kochen« (2. Mose 23, 19 n. Bruns). Hierdurch wird in einem orthodoxen jüdischen Haushalt zweierlei Geschirr notwendig, das nicht miteinander in Berührung kommen darf. Im »Kashrut« ist eindeutig festgelegt, welche Fleischarten »koscher«, d. h. als rein gelten. Den Grund für dieses strenge Gebot findet man im althergebrachten Glauben der Juden, im Blut sei der Sitz der Seele und es dürfe daher nur auf dem Altar geopfert, beziehungsweise verschüttet werden. »Nun halte fest daran, kein Blut zu genießen; denn das Blut ist der Sitz des Lebens, und du darfst das Leben nicht zugleich mit dem Fleisch essen« (5. Mose 12, 23 n. Bruns).

koscher – rein, nach den jüdischen Speisegesetzen erlaubt, (jidd. aus hebr. kasche’jr).

Kebab (arabisch) – Hackfleisch, gewürzt mit Knoblauch und grünen Kräutern, in kleinen Würsten auf offenem Grill gebraten.

Kreblach (jiddisch) – kleine Teigtaschen mit Gemüse oder gewürztem Kartoffelbrei gefüllt, mit Buttersoße gereicht.

Kantor – der Vorsänger in der Synagoge

»Le chaim« – »Gesundheit« – jüdischer Trinkspruch, wörtlich: »Aufs Leben«

»Laila tov« – »Gute Nacht«

»Le hitra ot« – »Auf Wiedersehen«

»Mazel tov« – »Viel Glück«

Minarett – Leuchtturm (arab.), der schlanke Turm der Moschee, von dem ein Muezzin zum Gebet ruft; heute oft vom Tonband über Lautsprecher übertragen.

Muezzin (arab.) – der islamische Gebetsrufer, der fünfmal täglich vom Minarett die Aufforderung zum Gebet singt.

Moschee – Anbetungsort (arab.), das islamische Gotteshaus, mit Gebetsrichtung nach Mekka. In den großen Moscheen wird an jedem Freitag ein Gottesdienst mit Predigt abgehalten.

Menorah – sieben- bzw. achtarmiger jüdischer Kultleuchter, der zu bestimmten jüdischen Festtagen angezündet wird.

Mea Shearim – wörtlich: »Hundert Tore« (nach dem himmlischen Jerusalem), das Viertel der orthodoxen Juden in Jerusalem, die sich auch »Wächter der Stadt« nennen.

Mazza – ungesäuertes Fladenbrot, das zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten zum Pesach gegessen wird.

Pesach – Passah (hebr.), Fest zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten (2. Mose 12), gefeiert am Abend des 14. Nissan, d. h. des ersten Frühlingsvollmondes, mit dem Familienmahl, wozu ein Lamm (Osterlamm) oder eine junge Ziege, ungesäuertes Brot und bittere Kräuter gehörten.