Gespräche mit Dämonen - Bettina von Arnim - ebook

Gespräche mit Dämonen ebook

Bettina von Arnim

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Opis

In der Ernüchterung, die der gescheiterten Revolution von 1848 folgte, verfasste sie 1852 die Fortsetzung zu Dies Buch Gehört Dem König, Gespräche mit Dämonen, in der sie für die Abschaffung der Todesstrafe und die politische Gleichstellung von Frauen und Juden eintritt. (aus wikipedia.de)

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Gespräche mit Dämonen

Bettina von Arnim

Inhalt:

Bettina von Arnim – Biografie und Bibliografie

Gespräche mit Dämonen

Die Klosterbeere

Gespräche mit Dämonen, B. von Arnim

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849604929

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Bettina von Arnim – Biografie und Bibliografie

Gespräche mit Dämonen

Des Königsbuches zweiter Band

Dem Geist des Islam vertreten durch den großmütigen Abdul-Medschid-Khan, Kaiser der Osmanen

Es ist schon manches Jahr her, da stand ich vor einem König voll huldreichem Willen zu mir. Sein guter Dämon stand neben mir und schloß meine Lippen vor törichten Schmeichelreden, aber anderer Lobreden verleugneten diese Ehrfurcht der Pietät, die mich schweigen hieß. –

Und nach längerer Zeit – es war im Jahr, wo alle Huldigungen dem großen Dichter galten, der hundert Jahre früher dem deutschen Volk geboren war – da sammelte auch ich verklungne Laute seinem Gedächtnis. – Zu derselben Zeit gelangte dieselbe Königsstimme zu mir, sie hat aber nicht mehr so freundlich geklungen. – Damals stand wieder sein guter Dämon neben mir; der nahm die Feder mir aus der Hand, mit der ich eben den fünften Bogen dieser Goetheserinnerungen aufzeichnete, und machte einen Strich darunter. Es kann ihn jeder, Pagina neunundsechzig, zur Beglaubigung meiner Aussage finden.

Nun vernahm ich sein Gespräch mit jenem König – das mußte ich nach seinem Willen hier aufzeichnen. Dann hieß der Dämon mich alle Stellen streichen, die seinem Geist nicht zusagten. Dies sind die Lücken eigner Zensur. – Auch diese kann jeder wahrnehmen, der dieses Buch durchblättert. –

Gegen manche hatte er Nachsicht, der großmütiger ist als der Menschen Geist. – Und jetzt – nach geraumer Zeit hörte ich wieder des Königs Stimme, die redete zu mir: früher sei ich eine Macht gewesen, deren Teilnahme ihm schmeichelte. Aber heute? – Ob es da gut sei, daß wir uns wiedersehen? – das solle ich selbst entscheiden.

Da war ich eilig zu erwidern: »Ja! – Herz und Geist und Gewissen sagen mir, es ist gut.« –

Und ich zählte die Stunden – aber die Tage vergingen, und einer von beiden hielt dem andern nicht Wort. –

Und sein guter Dämon sprach zu mir: »Hab ich dich nicht oft gewarnt, mit großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen?

Es war der Geist des Islam, den die bedrängten Völker aus diesem Weltteil scheidend grüßten, und er beschwichtigte sie. Rede auch du mit ihm.«

Da redete der Islam zu mir: »Suche keine Verteidigung, denn das Gute überlebt dich, und der Nachlebende wird's erkennen! – Da war ein Sultan, zu dem sagten seine Anhänger und Veziere: ›Wie ist's doch, o Kysar, daß du immerdar den einen nur preisest in deinem Gesang, der nun so lange schon verschollen ist und sein Staub von den Winden davongetragen? Du aber sammelst seine Erinnerung in deinem Busen, und was damals tadelnswert an ihm dir schien, das scheint heute, wo er nicht mehr ist, dir ruhmwürdig; und in deinen einsamen Stunden widerhallen deine Lobreden von ihm, der sie ja doch nicht mehr hört; wir aber hören davon, was unsre Sinne verwirrt – daß er dir lieber sei heute noch, da er tot ist und nichts mehr vermag, als wir, die wir alle nur dir leben. Warum dichtest du in deinen Liedern von ihm: Geliebter sei er dir als Schönheit. Anmutiger als die Nachtigall flöte dir seine Erinnerung und ruhebringender deinen Träumen als der Duft der Rosen, in deren Schatten du schläfst.‹ Der Sultan sagte: ›Sein Gedächtnis ist mein, und nichts anders ist mein. – Wenn ich jene Schätze nicht bewachte, würde ich sie verlieren. – Wenn ich jener Reiche nicht Gewalt hätte, so würden sie sich empören. – Wenn ich nicht der Herr euch hieß, ihr würdet euch nicht mir unterwerfen. Aber jener, der mich immer wieder aufsuchte, wenn ich ihm verloren schien, der wird mir Eigentum bleiben. – Der mir wieder zuführte, was ich verloren gab, der gibt nicht – mich verloren. Hört, wie seine Treue sich mir ins Herz pflanzte: Auf der Reise stürzte ein Kamel, die Ladung zerbrach – Edelsteine und Perlen rollten in den Sand. Da winkte ich den Sklaven und gab die Schätze preis. – Da sie alles gesammelt hatten, fragte ich jenen: Nun, Selim, was hast du für Beute gemacht?‹ – ›Keine‹, sagte er, ›ich hatte die Treue meinem Herrn zu bewachen, die ich keinen Augenblick aus den Augen ließ. Nun aber ist er nicht mehr für euch da, daß er euch beschäme. Warum doch? – wäret ihr treu, wie er war, ihr würdet ihn nimmer vergessen. Mir aber ist er ewig da! und ich beweine die Vergangenheit und ich erhoffe die Zukunft durch ihn, und meine Muse ist, daß ich seiner gedenke.‹«

Als ich dies hörte, da tröstete mich, daß vielleicht einst in Liedern mein Ruhm noch erschallen werde von seinen Lippen, dem ich heute keine Macht mehr bin.

 Wie unterscheiden wir Geist von den Sin-

 nen? – Wie Leben von Lebensnahrung! –

 Doch ist Leben nur Nähren seiner selbst.

 So geht denn Nahrung auf im Leben. So

 geht denn die Sinne auf im Geist und sind

 eins mit ihm.

4. April 1808

Ich will der große Geist werden, der alles umfaßt! Ist das Gebet? – So steige auf, mein Gebet, zum wolkendurchflockten Himmel, mit den Sinnen sein zärtlich Licht zu trinken und mit dir, Natur, zu reden über ihn, der in allem erglänzt, was du gibst und Zeugnis gibst in Form und Leben von ihm. Das Abendrot wärmt den Schneegipfel, und die Luftwelle durchschifft das weite Blau zu mir, sie kühlt mein Sehnen, ich bin nicht allein – mit den verbleichenden Sternen winkst du in der Mondhelle, und ich weiß, wie mir geschieht, Natur, die mich anstrahlt, wo ich stehe und seiner gedenke, und mir den Becher reichst, seine Fülle zu trinken.

Die Luft ist dein Atem, Natur, der elektrisch erbebt in der Brust. Die Sinne hauchen deine Feuer in Seufzern. Wir zusamt erglühen mit dir, denn wir alle sind ein Leben mit dir in deinen Regungen. Und Geist ist verschlossener Keim in deinem Willen, daß er aufblühe zum eigenen Willen, und unsere Leidenschaften sind höherer Begattung Trieb in dir, Natur, und was zum Geist treibt, ist deiner Zeugung Gewalt, Lebensflamme, von deinem Hauch entzündet, mein Wollen ist Stoff deines Willens, du regst ewig die Sinne, den Geist zu umschwärmen, und füllst Aug und Ohr mit seinem Licht, mit seinem Schall. Du reifst für den einen in des andern Sinne die Frucht und regst in allen die Sehnsucht der Zeitigung. Du willst, daß die Sinne aufgehn im Geist, denn das Leben in dir ist Unschuld in Tun und Fühlen.

Das Schneeglöckchen hier im Kalten blüht im Schnee und mag keine Wärme leiden, hängt selbst wie eine Schneeflocke am Stiel so leicht, der Wind könnt's verwehen, sein grünbereifter Kelch treibt aus der Blumenflocke hervor zum Licht wie unterm Schnee das junge Grün. Es wacht zuerst von allen Keimen, wenn es den Frühling sieht kommen, dann stirbt's, was will's auf der Frühlingsschwelle, wenn alles noch schläft und keine Lieder von den toten Zweigen es grüßen? – Könnt ich doch ganz verstehen, was du gibst, Natur? – Was du dem Schneeglöckchen auf die Lippe legst, warum versteh ich's nicht? – Verleugne ich deinen Geist mit meinen Sinnen? – und ist Verleugnen, was du im Geist erzeugst, nicht Sünde? – Und würden wir dich nicht verstehen ohne die Sünde? – Und könnten wir deine Sprache alsdann nicht erwidern? – Wie mach ich's doch, daß ich nie dich verleugne bei allem, was das Leben gibt und nimmt? – Daß ich die Menschensatzung abstreife mit deinem Geist und ihren Widersinn bestreite mit deiner Lehre in meiner Brust! Ach du, heb mich hinaus über ihre Formen und Bräuche. Aber wenn's gilt, dann löse mich von der Gewohnheit heimlicher Umgarnung, der Sitte, der Menschenfurcht. Entkleide mich von ihrer Tugendlehre Fastnacht-Gewanden, hülle mich in dein Erz, lasse meine Gefühle hineinwachsen in den Harnisch deiner Wahrheit und lasse mich nicht mutlos werden, wenn das Herz so voll Sehnsucht ist! – Und des Richtens, was sie pflegen untereinander, was sie Gerechtigkeit nennen, das lasse mich nicht anfechten, als ob ich je mich könne betören lassen von dem Streiten und Wägen ihrer zusammengemauerten Weisheit und glauben, Zusammengesetztes sei Lebendiges. – Und wenn ich nach Großem mich sehne und es wird mir nicht, daß auf ihrem Acker auch nur eine kleinste Blume der Heide gedeihe, dann lasse mich nicht verzweifeln! – Denn schönere Träume sind ja mehr Wirklichkeit; sie führen mich und der Zukunft junges Morgenlicht einander entgegen, und mir träumt von seiner Umarmung. –

Heute ist mein Geburtstag, Goethe, da hab ich mit der Natur geredet von dir, sie soll mich heben zu dir hinauf, die ich geboren bin so tief unter dir. Sie antwortet mit den Wolkenflocken am Himmel, mit der Schneeblume, die dem Winter trotzt. Ich soll nicht von dir lassen, sagt sie, stumm deine Dichterstrahlen einsaugen in meine Sinne. Dann werd ich sie verstehen lernen, wenn ich dir Gelübde tue, ewige, und in lächelnder Betrachtung mir die Zeiten sich spiegeln, wo aus der Begeisterung Fluten in jugendlicher Sonne inmitten deiner goldnen Tage du schimmernd aufsteigst und unüberwindlich.

Ach, warum rede ich nur Worte zu dir, warum nicht Flammen, die an dir hinaufhüpfen, den Schweiß zu küssen deiner Stirn, den Tau deiner Wimper der herabträufelt auf mich, Gesegnete zu deinen Füßen, – warum nicht? – Die Sinne, eben im Nest noch bewußtlos des Flugs, jetzt flügelmächtig im Gefühl deiner Begeisterung, die mir lächelt, lustrauschen um dich, wenn dein Blick aufleuchtet zu den Sternen, zu den Geistern – ihrer Unsterblichkeit mich zu erziehen, und der Muse, was sie von deinen Lippen und meinen an süßen Reden sammelt, lauschest du ab ihrem Flüstern: Liebstes Kind, Herz, einzig Kleinod, und anders noch, und leiser haucht deine Stimme ihr nach, wie es mein Sehnen stillt, und mehr süßer Schall stöhnt aus deiner Brust in heiligem Gepräg, das mich umwandelt, lorbeerersprossend und wurzelnd dir im Busen. – Ja, die Sinne werden Geist, die aufsteigen zum Genius.

28. August 1808

Die Klosterbeere

Zum Andenken an die Frankfurter Judengasse

Hier oben am Berg wachsen wilde Stachelbeeren, bei uns heißen sie Klosterbeeren, als ich noch im Kloster war, blieb ich oft bei so einem Strauch an der Kirchmauer stehen und besann mich, warum sie Klosterbeeren heißen. Ich konnt in die Frucht hineinsehen, wie sie, von der Sonne durchsichtig gereift, kleine Zellen bildet mit Bogenfensterchen, in deren jedem ein Korn sich hält, darunter dacht ich mir Nönnchen, die hier im nährenden Element wie in wohnlicher Herberg für ein späteres Leben reiften. Ein Kloster dacht ich mir wie eine Frucht, die für die Gottheit reife; – da hatt ich Betrachtungen, wie ein Kind hat, die waren zum Lachen. Ich sah mit an, wie auf der Glocke Zeichen noch vor Sonnenaufgang die Nönnchen in kirchlichem Beruf zusammenströmten, dann wieder auseinanderrennten, jedes in eigener Zelle eigener Betrachtung überlassen, oder in dunkler Nacht im langen Chormantel in Prozession zum Kapitelsaal wallten, Konzilium hielten, psalmierten, Responsalien herlasen, alles auf Latein, wovon sie nichts verstanden, so dumpf sangen, so matt waren; – und ich dacht: wie sauer ist doch die Klosterbeere und wie unschmackhaft; aus der Frucht wird nichts, sie fällt unreif ab. – Wenn sie aber in ihren häuslichen und Feldangelegenheiten umherschwirrten, ihre Ernten eintraten, Keller und Speisegewölbe besorgten, da waren sie fix und plauderten emsig, sie teilten ihr Einkommen ein, ihre Gehöfte zu vergrößern, bauten Scheunen und Ställe, da wußten sie guten Rat. – In solchen sonnigen Tagen, wo sie die Äpfel und Birnen von den Bäumen schüttelten, die Bienenschwärme einfingen, da war aufgeregt Leben, den Laienschwestern beizustehen, wenn in blauer Frühlingsluft die frisch gewaschenen Schleier flatterten; da nahmen wir Zöglinge uns mit den jüngeren Nonnen bei den Händen und schlüpften tanzend zwischen den luftgetragenen nassen Schleiern durch und hatten unsere Lust, wenn sie herabflogen in den Sand, dann hielten wir sie gespannt unter den Strahl des Springbrunnens und spülten sie wieder rein und kletterten einander auf die Schulter, sie wieder aufzuhängen. Am schönsten war's bei der Hopfenernte, erst die Freude, die bewuchteten Stangen niederzuwerfen und ihre duftende Ranken loszumachen, die wir aneinander gehängt auf der Schulter aus dem Meiergarten herübertrugen ins Kloster; so kamen wir in langen Zügen von dem Ufer der Eder herüber quer über die Bergstraße gezogen, zu Zwanzigen in einem langen Hopfengewinde verflochten; hätte es einer gesehen, ihn hätte der Übermut, das Lachen und Jauchzen, mit dem wir, unserer Ernte leichte Bürde schleppend, diesen einsamen Waldwinkel durchhallten, freudig überrascht; er hätt gedacht, hier sei lebendig Leben, hier in der tiefen Einsamkeit, wo die Glocke jedes Ungewohnte im Lebensgang streng abwies. –

Kamen wir im Kloster an, da saßen die Nönnchen in der Vorhalle auf Schemeln umher. Wir zogen unser langes Gewind von Schoß zu Schoß und hockten auf der Erde, den Hopfen zu pflücken, und zogen die geteilten Ranken durcheinander wie den Aufzug eines künstlichen Gewebes. Da war der Kreuzgang voll Spinnen und Käfer, die an den weißen Wänden hinaufliefen, und die Raupen krochen langsam hinter die schwarzen Bilderrahmen der Ordensheiligen, dort sich früher einzusargen, als wohl im Freien wär geschehen; weil's einmal nicht anders sein konnt, ihr Blütenrevier war eingerissen. In freier Luft geboren, waren sie hier mit ihren verwelkten Nahrungszweigen eingesperrt worden. Ich habe sie da hängen sehen, in Reihen hinter Bildern, Betaltar und Knieschemel; ich fühlte sie an, sie regten sich in meiner Hand so rasch und kräftig und wollten sich wehren. – »Stör mich nicht, bis ich mit unberührtem Flügelschmelz bald in der Luft kann tanzen«, so spricht die eingesponnene Raupe in meiner Hand die Milde an; bald wird sie starr und kann nicht mehr ein Lebenszeichen geben, ihre göttliche Vorsehung ist das Ungefähr, das sie bewacht, damit sie unberührt bleibe vom Spinnenbesen der Laienschwester. So überwintert sie im enggefügten Sarg, den sie im Frühling sprengt, dann klettre ich auf die Leiter zur hohen Fensterluke und öffne ihr den Weg zur Freiheit – da tanzt sie hin beflügelt – an mir vorüber hinaus ins Meer der Lüfte.

Auch ihr, Nönnchen, die ihr starr in eurer Klause euch nicht mehr dreht und wendet, dem Leben abgestorben, nichts mehr auf Erden vorhabt als mit gefaltenen Händen die Paternosterkugel drehn, wenn ihr die Hülle sprengt, dann werdet ihr ins Meer der Freiheit wieder fliegen. – Ach fliegen! – Was wird dann einst noch aus dem Sommervogel werden, der schon beschwingt das Licht der Welt erblickt? – Und der Mensch, der Gedankenpfeile schnellt von straffgespannter Sehne in die Ewigkeit, hat keine Flügel! – Fliegen! – himmlische Kraft, die nur der Genius übt!

Ich komme mir wie schon eingesponnen vor! Was habe ich vor auf Erden, was nicht könnt ungeschehen bleiben? – Wie traurig! – Der Frühling haucht die Fluren an, und alle Knöspchen brechen auf. – Was hab ich gedacht oder getan, was mich zur Blüte hätt verwandelt, hervor ans Licht die braune Alltagshülle mit Farbenglanz zu sprengen. – Schon sieben Jahre sind's – ja, sieben Jahr, seit ich der Kindheit Lustrevier verließ, wo ich auf schmalem Weg vorsichtig trippelte, weil ich kein Würmchen und kein Pflänzchen wollt zertreten. Wie reich schien mir in jener engen Mauerflucht die Welt! – Blätter, Blüten, Wurzeln und die Steine und die Moose, die redeten mit mir zum erstenmal! –

Und am Himmelsplan sah ich dem Flurentanz der Musen zu, und wie aus Wolkenzelten Heroen hervorsprengten, begleitet von Dämonen, kampfbegeistert auf bäumenden Rossen mit weithinflatternder Mähne. – Da sah ich Helmbüsche wanken und mächtige Leiber hinab ins Sternenmeer, in der auftauchenden Götter Wolkenschoß. Da hatte ich Weltgeschichte genug nachts im Mondschimmer, oft verweht wieder vom Windrauschen oder sich ergießend in Fluten zur durstigen Erde. Da weissagte die Nacht mir in Wolkengebilden, die ich anstarrte, bis mir der Traum die Augen schloß und mich hinauftrug ins Firmament, wo Götter und Helden im Nebelmantel, im Wolkenschiff, das tiefe Furchen zog, im Wogenglanz der Lüfte forteilten mit mir. Und die Segel in der Sturmnacht brausten auf zwischen Schlaf und Wachen. –

Was mir der Tag gewährte, das verträumte ich, und in der Nacht weckte mich der Traum, Weltbegebenheiten mit zu erleben mühelos in der Nacht. – Die Leute höhnten mich, weil ich vergessen war am Tag, ich war nicht minder glücklich, denn der versäumt nichts, den Begeisterung der Phantasie antraut; er sieht zur rechten Zeit alles und im rechten Licht – und spricht mit der Natur, mitlautend in ihr Säuseln, ihre Kühle und lächelnde Stille, sie tönt ihm Verheißungen, denen glaubt das Herz willig. Ich durfte nur lauschen, sie stiegen mir auf über Gebirgshöhen, über dem Wald, im Geläute der Glocken hinaus in die dämmerige Nachtluft voller Sterne.

Mir sind jene Weisheitsmahnungen versunken, doch ist ihre Zukunft mir gewiß, und das Leben deucht mir ein Waffentanz, in dem der Geist geschmeidig jeder Stellung sich anschmiegt, das Chaos der Zeiten zu ordnen, das in Wechsel und Streit über dem dürftigen Geist des Volkes dahintost. –

Ach, sorgenfrei sein, das ist der Freiheit erste Bedingung, und meine Gelübde sind, die Augen erheben zum Himmel und seine Sprache mir deuten, die keine Fesseln anlegt dem Geist – denn was ist Schicksal? – Der Adler wirft die Brut aus dem Nest, sie zum Flug zu erziehen, das nennen die Philister Schicksal – und mich dauern die unflüggen bleiernen Vögel, die nicht sich erheben zur Sonne und nicht wie die Vögel des Waldes, der Sorge spottend, wegfliegen über dem Geschlecht, das hocken bleibt auf Gesetz und Form und schaudert vor dem Getümmel regsamer Sinne, wo Zweifel aufsteigen und wieder sinken wie jene Wolkengebilde, aber nicht Gesetze aufbürden von Ewigkeit zu Ewigkeit. Einst am Morgen hob sich die Sonne und sank wieder am Abend ins Meer, und die fernen Eilande waren blau. Wer aber der Sonne nachschwamm, der konnte sie nicht finden in den Wellen, und wer die blauen Eilande suchte, der verlor sich in Wäldern und grünenden Talen. Und was liegt doch daran, daß der Glaube uns Gewißheit verbürge, bald verlassen wir die Erde, da werden ihre Dokumente und Eidespflichten uns nicht nachfliegen. –

Denn Zweifel sind Schwingungen im Licht, das verzehrt sie wie Nebel oder bricht sich in ihren Farben. Denn wie die Natur, so auch das Himmlische über der Natur, sein Licht bricht sich in des Geistes Farben; und unsere Sünde ist, daß wir am Buchstaben hängen, der tötet – der Geist aber macht lebendig. Der Geist ist eine Stimme, die an uns gelangt, daß wir dem Buchstaben absagen, damit wir niemand töten und selber fortleben im Geist; und nur der Zweifel ist Sünde, der zwischen Geist und Buchstaben schwankt, denn alles Wissen umschließt die Liebe, und ob wir in dem einen sie anerkennen oder in vielen, im Vater oder im Sohn, das ist alles eins.

Zweifel sind keine Irrtümer und Glaubensgelübde kein Verbrechen an der Liebe, sie verklären den Geist und scheitern an ihm, der das Göttliche umschreibt im Meere der Erzeugungen und taucht unter in ihm, alles Gewand abwerfend, frei, nackt, unbefleckt zu sein – und alles Forschen ist Religion. Denn immer zufrieden schaut die Unschuld der Wahrheit ins Antlitz, und ihr Glaube ist in dem lebendigen Geist unter allen Gewalten allein und verleiht Flügel, über die gewohnten Kreise und über das Schicksal sich aufzuschwingen.

Und wir alle schmachten nach Kühlung im Schoß der Natur, denn sie bindet nicht, sie löst die Fessel und gibt allein nur das Blut zu trinken der Liebe und den Leib zu essen des Geistes, und alle sind gleich vor ihr, die Gottesgebärerin ist im Menschengeist, den sie nährt wie die Pflanze auf ihren Höhen, wo das Auge die Weiten ermißt und die Schönheitsblüte aufduftet im Geist, daß sie zweifellos aufsteige, gesellig mit anderen Blüten der Sonne sich öffnend.

Ich will nicht klagen zusamt andern, die vom Alltäglichen verschüttet sich fühlen und wertlos, was sie erlebten; – denn schon an der Jugendschwelle trat mir einer entgegen, der Herrscher zu sein gewohnt ist und leicht hinhaucht, was die Seele erschüttert, die, Großes ahnend, einsame Wege sucht fortan, getragen von Hoffnungen wie ein beflügeltes Schiff hin zu den Füßen des Meisters, den sie mit hellerem Auge jetzt erfaßt als einst in schwindelnden Träumen. –

Du, der horchend mich belehrte, denn was ich dir aussprach, da hinein legtest du den Samen, der tröstend aufkeimt, wo auf Scheidewegen jener glanzvollen Tage Erinnerung mich beschleicht und ihr schnelles Verrinnen an deiner Seite. – Da warst du mein freudiger Schutzgeist, dem zu vertrauen nun meine Seele gewohnt ist und vollen Lebensatem zu trinken bis in den Tod.

Oft hat dein Wort mich getroffen und zu manchem bewegt, und am letzten Abend, wo wir sprachen von der Weisheit des Nathan und es sei Heldennatur, den Unterdrückten zu lieben, da wollt ich, deiner Rede getreu, aus feuriger Liebe zu dir ein Held sein. – – Weil du gesagt hast, in des Helden Krone sei der Unterdrückte ein Kleinod und das höchste Ziel sich stecken sei das Einfachste, denn man könne nie es aus dem Auge verlieren; ich dachte, wäre das mein Ziel, Beschützer der Unterdrückten, das wollt ich so gerne sein; – und wo ich ging und stand, sann ich auf diesen Juwel, ihn an der Stirne zu tragen. – Und deine Weisheit ist das reife Blut der Traube ich muß es trinken, es rieselt durch die Sinne und beherrscht den Geist. – – –

In dieser heißen Sommerzeit nehm ich oft durch die Judengasse meinen Weg zum Treibhaus, dort die Blumen zu betrachten. Nun gehe ich nicht mehr gleichgültig schüchtern an des weisen Nathan Brüdern vorüber, ich betrachte mit Verwunderung die engen dunklen Häuser; alles wimmelt, kein Plätzchen zum Alleinsein, zum Besinnen. Manch schönes Kinderauge und feingebildete Nasen und blasse Mädchenwangen füllen die engen Fensterräume, Luft zu schöpfen, und die Väter in den Haustüren fallen die Vorübergehenden an mit ihrem Schacher. Ein Volksstrom wogt in der Straße da laufen so viele Kinder herum in Lumpen, die lernen Geld erwerben, und die Alten, Tag und Nacht sind eifrig, sie in Wohlstand zu bringen, das wehrt man ihnen und schimpft sie lästig.

Wie wunderlich ist's, daß alles sich zankt um den Platz auf Erden, ja, wie schauerlich ist dies! – So grausam ist der Dornenweg, auf dem die Menschheit sich ein Eigentum der Sorge erwirbt – und neiden's einander! –

Vom Höchsten bis zum Niedrigsten ist alles eifersüchtig um den Zankapfel des Lebens. – Dort im Treibhaus, wo jedem Pflänzchen sein Platz gegönnt ist und sein Name bewahrt, die Heimat so viel möglich ihm zu ersetzen; und wie da alles in ruhigem Gedeihen zwischen edlen Nachbarblüten dem Licht die Kelche öffnet – und der Gärtner, wenn die Sonne sinkt, durch die ausgehobnen Fenster ergießt reichlichen Abendtau voll tausend Perlen über sie, der sie erfrischt. Da wird mir selber so dumpf, da wird das Herz mir ganz schwer, ich muß mich verachten, daß mir nichts fehlt am Lebensgenuß, da fühl ich mich beschämt durch die Judenkinder, die so begierig das bißchen frische Luft trinken, was ihnen abends über die Giebel ihrer qualmenden Wohnungen zuströmt; dann kränkt mich aller Lebensglanz wie Spott auf meinen unmündigen Willen, dann schwör ich der vornehmen Welt ab, die ihre Ahnen zu zählen so viel Not hat, bloß um das Volk verachten zu können, und dem Geist ist wie dem Auge von oben herab Berg und Tal eine Ebene. –

Auf dem Heimweg vom Treibhaus nehm ich einen großen Strauß mit von allen Blumen, Rosenknospen und Orangenblüten, Granaten, Balsamnelken und Ranunkel und Myrten; der ganze Orient duftet aus ihren Kelchen, die teile ich den Judenkindern aus. Viele Händchen strecken sich mir entgegen, sie werfen die Bettelsäcke ab, die reinen Blumen zu erfassen – sie sahen nicht nach der Münze, zwischen den Blumen auf meinem Schoß. – Sind sie nicht dieselben, von denen Christus sagt: »Lasset sie zu mir kommen«? – Und die jungen Mädchen kamen auch herab und steckten ihre Sträußchen in den Busen und sagten voll Vergnügen: »Ach, das ist was Rares.«

Dem Primas hab ich's erzählt von unsern Reden über die Juden; und daß du gesagt hast, der Schutz des Unterdrückten sei ein Kleinod in des Helden Krone, aber da seien keine Helden der Vernunft, denen die Weisheit des Nathan sich warm ans Herz lege. Er meint, ihn treffe dieser Tadel nicht, des Nathan Weisheit leuchte ihm ein, und das Elend der Juden sei ihm nicht gleichgültig, aber ob sie ihre Freiheit nicht mißbrauchen und die christliche Ungerechtigkeit, so wie sie Luft haben, mit jüdischer Keckheit ausparieren. Es war neben dem Konzertsaal, wo der Primas das sagte, die einfallenden Pauken steigerten meinen Mut.

»Schlechter als ihre Unterdrücker sind die Juden nicht,« sagte ich, »wem aber Macht gegeben ist, wie kann der es verantworten, wenn er ihre Schnellkraft fürchtet? Sie wird keinen Unfug anrichten, wenn sie als Lebenstrieb sich aufrichtet in dem Stamm, dem die bittre Not, die von der Religion der Milde über ihn verhängt ward, nicht hat können das Mark verzehren, um so leichter wird er gesund werden, als durch die offne Wunde der Balsam rascher ins Blut dringt und es reinigt und heilt.«

Sollten wir beide die Menschheit regieren, der Primas die Christen und ich die Juden, wir wollten sehen, wer besser fertig würde.

Primas:»Nun, wie wollten Sie es machen mit den Juden?«

»Ich wollte erst menschlich mit ihnen reden, das ist bisher nicht geschehen; ein Hund versteht unsern Willen, weil wir aufrichtig sind mit ihm; unser Wille richtet aber den Juden nicht auf wie den Hund; ich wollte ihren Zustand ihnen vorhalten, eine Moralphilosophie ihnen darüber lesen und alle Mittel ergreifen, sie in ihrem sittlichen Wert zu heben; das kann nur durch Ehrgefühl geschehen und durch die Wissenschaft, die gedeiht in dem Bedrückten, denn sie ist sein Trost!« –

Primas:»Wie wollten Sie das anfangen?« –

»Die Juden haben Ihnen einen goldnen Becher gebracht voll Goldstücke; Sie haben sie damit fortgejagt; das hätte ich nicht getan!« –

Primas:»Das war eine gute Übersetzung des Hebräischen ins Deutsche und die erste Lektion in der Moralphilosophie, die Sie zur Grundlage ihrer Bildung machen wollen.«

»Nein, das war eine mißverstandne Übersetzung; es war Mißdeutung und Verletzung ihres Ehrgefühls, das man schonen muß in jedem, am meisten im Gekränkten. Bestechung gilt nichts vor dem Fürsten, so kann er auch keine Absicht dahinein übersetzen!« –

Primas:»Wie übersetzen Sie denn ein so groteskes Benehmen?«

»So deutlich, daß es auch dem muß einleuchten, der seiner eignen Absicht noch nicht bewußt ist. Die Juden wollten mit diesem Geschenk sagen: ›Du geistlicher Fürst, der als Hirt die christliche Herde weidet, o nehm uns mit auf ihre fetten Triften, laß uns neben ihnen gedeihen, verbiete uns nicht, das Salz deiner Weisheit zu lecken, das du ihnen streust, und wir geben dir willig unsere Wolle hin, die andere uns mutwillig ausrupfen und uns mit Schmach bedecken.‹«

Primas:»Mit Schmach würde es mich bedecken, hätte ich ihr Geschenk angenommen!« –

»Kann man auch groß sein für sich, ohne diese Größe auf andre anzuwenden? und die eigne Gesinnung auf allseitige Wirkung zu berechnen? – Heute im Treibhaus hab ich das überlegt. – Wie da der Gärtner ein scharfes Gewissen hat; – wie er jedes Stäubchen abwischt von seinen ausländischen Pflanzen, wie er ihre Keimchen unter Glasglocken hält, von verwelkten Blättern befreit, und die Wucherkeime, die nennt er Räuber und bricht sie gleich aus. Und die gefüllten Blumen verwahrt er gegen das Aufplatzen mit einem papiernen Kragen, wie hier der Stadtpfarrer ihn trägt. – Das erinnert mich auch, daß einem geistlichen Fürsten das Heil aller noch näher liegen muß als andern. – Das frische Wasser läßt der Gärtner seinen Pflanzen zufließen, und das Sonnenlicht spart er ihnen zur rechten Zeit auf. – Und die Juden emporbringen nach so langem Darben, da müssen sie auch vorsichtig und zärtlich behandelt werden wie die ausländischen Pflanzen und genährt mit dem, was die Seele groß macht, und muß ihnen keine Laufbahn verschlossen bleiben als nur, die sie erniedrigen kann. – Ich würde das Geschenk der Juden verwendet haben zum Beginn ihrer Veredlung, ich würde ihre Kinder zur Wissenschaft anleiten, nicht zum Schacher, ich würde ihnen die Bildung geben, die ihre Ansprüche an Geselligkeit geltend macht, ich würde sie reiten, fechten, tanzen lernen lassen, Naturwissenschaft, Philosophie, Geschichte, alles was sie über den Stand erhebt, in dem ihre Seelen herabgewürdigt, voll Schmach, einen schlechten Eindruck uns machten, und das erste aller Erziehungselemente müßte sein die Musik!« –

Primas:»Finden Sie so viel musikalischen Schmelz im Auern und Seufzen am langen Tag, ließen sich vielleicht mit etwas ökonomischem Genie Opern-Arien draus machen?« –

»Vielleicht liegt im Operngesang weit mehr falsches Getön als im Seufzen und Auern am langen Tag. Die Musik bringt die Skala der Seele auf die reinste Temperatur, die durch christliches Herabspannen ganz tonlos geworden und verstimmt ist. Musik geht nicht allein aus Geist und Gemüt hervor, weit mehr noch befruchtet sie die Sinne und befähigt sie zu dem, was der Geist noch nicht faßt. – Sie ist die Wiedergeburt für die geistige Natur.«

Primas:»Wenn ich diese musikalische Wiedergeburt auch befördere und obenein sie reiten, tanzen, fechten lernen lasse – Naturwissenschaft, Philosophie, Geschichte – alles, was Sie wollen – , was würde dann daraus werden? – Der Jude ließe sich doch nicht verleugnen?« –

»Was ist denn da zu verleugnen? – Auch im Juden liegt die Offenbarung seiner Eigentümlichkeiten; es ist nicht die Rede, diese auszurotten, vielmehr sie wiederzugeben in lichteren Farben. Die Bildung des Juden hängt ab davon, seine ursprüngliche Schönheit geltend zu machen, seine Seele spiegelt zum eignen Verständnis sich in der ihm eingebornen Natur. Was unter der Sonne lebt, hat gleiche Ansprüche; tränken sich die Scharen der Halme auf dem Feld mit ihrem Licht, um Körner zu gewinnen, so soll auch durch der Sonne Geist alles sich befruchten mit großen Gedanken! Sie sollen im Juden so gut gedeihen wie in andern Menschen, und wie in den Halmen das Korn gedeiht! Der Jude wäscht die Hände nach dem Gesetz, er schöpft von der Welle des allumfassenden Ozean, sich zu reinigen vom Staub; der Christ, sich von Sünden frei zu waschen, schöpft aus dem Gnadenmeer! Ist Gebrauch und Gesetz nicht sinnliches Ahnen geistiger Bedürfnisse, sind sie nicht Schranken, inner denen eine geistige Sittlichkeit sich bewegt? – Der Jude, der bei der Heimkehr am Vorsabbat auf der Hausschwelle die Verachtung abschüttelt von den Tagen des Erwerbs und eingeht zu den Seinen als Priester, der den Segen herabfleht auf ihr Gesamtgebet, zum Gott seiner Väter aufatmend vom Druck, der auf ihm und seinem Volk lastet, dessen Gebet sollte nicht ins All der Schöpfung einklingen? und das Christentum ist so sehr verstimmt, daß es mit den Mißtönen der Verfolgung diese Harmonie mit dem Weltall stört?«

Primas:»Ich will mit keinem Mißton eingreifen in diese philosophisch-melodische Ansicht; ich will nicht rügen den Egoismus der jüdischen Religion, den politischen Kitzel als Grundlage ihres Charakters, der sich in tausend unbequemen Fehlern Luft macht, und ihre Eroberungssucht, die nie Pietät aufkommen ließ gegen andre Völker; ich frage nur, was würde aus einem so vollkommen gebildeten Judentum, aus diesen zweideutigen Anlagen hervorgehn für die Christenheit, für die ich als Primas doch einstehen muß?« –

»Wenn Egoismus selbst in ihrer Religion sich offenbart, so muß die Beraubung ihrer einfachen Menschenrechte ihnen doppelt marternd sein; – liegt politischer Kitzel in ihrem Charakter, so ist's nicht zu verargen, daß sie mit ihm sich Luft zu schaffen suchen, und ihre Eroberungssucht kann nur denen ein Vorwurf sein, die sie so hart in Fesseln schlugen, aber verantwortlich ist's, diesen natürlichen Trieben kein Feld zu gewähren. – Der Vogel kann nicht in der Luft sich immer halten, er muß sich niederlassen! – Der Charakter muß eine Basis haben, auf der er sich ruhe! Das Feld der Freiheit ist die Basis aller. Was aber aus jenem gebildeten Judentum hervorgehe für die Christenheit, ist der Begriff, daß sie mit dem Christenhimmel nicht auch die irdische Welt gepachtet habe und die Hölle für Ketzer, Heiden und Juden allein übrigbleibe! Die Juden würden, trotz ihrem Festhalten an dem Glauben ihrer Väter, einen viel freieren Überblick über Anfang und Ende gewinnen, eben weil ihre Bedrückung ihnen ihr Anrecht an die Freiheit um so fühlbarer macht. – So würde der Christ durch des Juden freie Bildung Fülle freier Anschauung gewinnen, eine Entwicklung würde die andere steigern und endlich durch den goldnen Frieden sich ins goldne Zeitalter verwandeln, wo Jude und Christ gemeinsam fühlen, Gott sei unter ihnen!«

Primas:»Sie würden also die Juden nicht bekehren wollen?«

»Nein, aber sie bewegen, die Wahrheit zu erkennen!«

Primas:»Ist denn das Christentum nicht die Wahrheit?«

»Für den Primas, aber nicht für den Rabbi!«

Primas:»Was ist denn für den Juden die Wahrheit?« –

»Daß Christus ein Jude war, das würde ich ihnen lehren beherzigen.«

Primas:»Glauben Sie denn nicht, daß Christus Gottmensch ist?« –

»Ja, durch seine Beharrlichkeit in der Liebe. – Wir aber verachten den Juden, den er liebte! – Wir nennen uns Christen und sind doch nicht bekehrt, den Juden wollte ich bekehren, daß er, wie Christus, seinen Verfolger lieben lerne.« –

Primas:»Das würde nicht gelingen, sein böser Eigensinn ließ ihn nicht nachgeben!«

»Ich trachte nicht nach seiner christlichen Bekehrung, aber zur Vernunft! Zum Begriff: mosaische Satzung sei nicht Religion und auch nicht anderer Nationen Kirchenverheißungen und Glaubensartikel.«

Primas:»Sie wollen nicht allein den Juden, aber nun gar auch den Christen von seiner positiven Religion losmachen!«

»Das ist eben nicht Religionsweisheit, den reinen Ton des Judaismus anfeinden, der ins All der Schöpfung einklingt, mit so frommer Zuversicht über den blauen Himmel, hoch über Sonn und Mond und goldne Sterne hinauf zu dem Wesen aller Wesen!«

Primas:»Also ein solches Wesen aller Wesen anerkennen Sie doch, da haben wir doch die Spur eines Religionskeims!«

»Ja! ein solches Wesen anerkenne ich! – und ich habe das Gefühl seiner Machteinwirkung, die mir lehrt, dem Elenden, dem Juden mich zuwenden, und mehr noch lehrt sie mir, denn ich schaue fortwährend nach jenem moralischen Firmament, wo die heiße Sonne mit dem kühlen Mond wechselt und wo der Tau der Nacht wieder erfrischt, was die Sonne so heiß durchglühte. – Denn wenn das nicht wär, würde ich meine Gedanken nicht sammeln können, von dem wahren Standpunkt aus für ihr Recht zu streiten.«

Primas:»Verwirren Sie nicht durch phantastische Vergleiche den schönen klaren Standpunkt, den ich bis jetzt noch verstehe. Was nennen Sie also ein moralisches Firmament?«

»Ich verstehe darunter die Wunderwerke des Geistes, aus dem alle Schöpfung entsteht!«

Primas:»Was ist das nun wieder?« –

»Gott sagte: Es werde! – und da ward! – und glauben Sie denn, daß die Schöpfungskraft bloß in dem Wort lag? – und daß da sogleich alles geworden, bloß aufs Kommandowort?« –

Primas:»Das müssen wir allerdings in der Allmacht Gottes liegend uns denken.«

»Nein! das denke ich mir nicht so! – Und das weiß ich auch ganz anders, durch prophetisches Ahnen, durch meinen Scharfsinn; daran zweifeln wollen, wäre nicht klug vom Primas.«

Primas:»Offenbaren Sie Ihre Prophetengabe, offenbaren Sie Ihre individuellen Ansichten von der Schöpfung der Urwelt, ich bin begierig, sie zu vernehmen!« –

»Individuelle Ansichten habe ich nicht, aber Bewußtsein, wie alles geworden; damals, als erst alles werden sollte und daher noch nichts konnte schief gegangen sein, da erzeugten sich die Dinge, wie die Natur sie aussprach, und so ward die frische freie Welt.« –

Primas:»Diese frische freie Welt ist also ein Erzeugnis vorweltlicher Kräfte.« »Ja, und nach und nach entstanden, daß man sieht, diese Kräfte haben sich an ihr geübt. Gott brauchte sieben Tage der Anstrengung, um sie zu schaffen.«

Primas:»Einer davon war Ruhetag.«

»An dem er sah, daß alles gut war, was er gemacht hatte! Dieser Ruhetag war ein beschaulicher der Betrachtung und keine vorweltliche Kraft; sie kam erst, nachdem die Welt geschaffen war! – Was aber die Menschen machen, davon haben sie das Einsehen nicht, ob es auch gut sei!« –

Primas:»Einsehen, deucht mich, sei dasselbe mit Vernunft!«

»Vernunft des Göttlichen ist Schöpferkraft; Einsehen ist Fassungskraft; das ist ein Unterschied. Aber auch die Vernunft ist kein urplötzliches eignes Selbst; sie hat einen sinnlichen Grund, und der ist Ursprung alles Werdens, da der Schöpfer nicht aus der Vernunft, sondern aus dem sinnlichen Gefühl des Werdens erschafft! – Denn aus gar nichts kann nichts geworden sein. – Der Gott unseres Ursprungs ist also ein sinnlicher Gott, ein fühlender, nämlich das Gefühl ist die Persönlichkeit Gottes, die unmöglich ohne sinnliche Natur ein Dasein konnte haben! – Gefühl ist sinnliches Dasein Gottes!«

Primas:»Das lautet bald, als ob es wahr sein könnte. Sie nennen also Gott das sinnliche Gefühl aller Schöpfung?«

»Es werde Licht! sagt Gott! Das Gefühl des Werdens geht aus ihm hervor in die Schöpfung über und wird erschaffnes Licht; und er sieht, daß es gut ist, und er schaffet weiter im Licht! – Das Gefühl, aus dem alles hervorgeht, ist die Sonne. – Die Vernunft, deren Bewußtsein das Werden ist, die ist der kühle Mond, er hat Einfluß auf alle Wesen. Die Gedanken, die von der Vernunft ausgestreut werden, das sind die Sterne; sie schimmern nach allen Seiten und leuchten einer dem andern. Das ist das moralische Firmament, Sonne, Mond und Sterne, Firmament göttlich schaffender Kräfte, die da fortwährend leiten und wirken. Ja, Gefühl drängt die Vernunft zu allem Erzeugen! Was wir Weisheit nennen, ist Gefühlseingebung. Alle Inspiration ist sinnlicher Lichtdrang aus dem Urlicht in die Vernunft, aus der Gottheit in ihren Begriff, aus der Sonne in den Mond!« –

Primas:»Sie wollen wohl sagen, daß die Natur die sinnliche Wirksamkeit Gottes ist!«