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Francis Bret Harte war ein US-amerikanischer Schriftsteller der bekannt geworden ist durch seine Erzählungen aus der Zeit der Kolonialisierung des Westens. Dieser Band beinhaltet: Die Geschichte einer Mine Ein Schiff von Anno 49 Eine Blaugras-Penelope In der Prairie verlassen Pioniere des Westens

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Geschichten aus dem Wilden Westen

Bret Harte

Inhalt:

Bret Harte – Biografie und Bibliografie

Die Geschichte einer Mine

Erster Theil.

Wer die Mine suchte.

Wer die Mine fand.

Wer einen Anspruch auf die Mine erhob.

Wer die Mine in Besitz nahm.

Wer eine spanische Schenkungs-Urkunde auf die Mine besaß.

Zweiter Theil.

Wie jene Schenkungsurkunde zu Stande gekommen war.

Wie mit der Mine speculirt wurde.

Wer um die Mine processirte.

Auf welche Weise sich das schöne Geschlecht um die Mine bekümmerte.

Dritter Theil

Wer für die Mine agitirte.

In welcher Weise für die Mine agitirt ward.

Ein Wettrennen um den Besitz der Mine.

Wie die Mine berühmt ward.

Wie ein Senator mit Sammetpfötchen gestreichelt wird.

Wie die Mine als ein unerledigtes Geschäft behandelt ward.

Und wer nicht mehr an die Mine dachte.

Ein Schiff von Anno 49

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Eine Blaugras-Penelope

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Vierte" Kapitel.

Fünftes Kapitel.

In der Prairie verlassen

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Pioniere des Westens

Ein Mündel Oberst Starbottles.

Die Witwe Mac Glowrie.

Prossys alte Mutter.

Ein Zögling von Chestnut Ridge.

Jack Hamlins Erholungsaufenthalt.

Dick Boyles Geschäftskarte.

Geschichten aus dem Wilden Westen, B. Harte

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849627041

www.jazzybee-verlag.de

admin@jazzybee-verlag.de

Bret Harte – Biografie und Bibliografie

Amerikan. Schriftsteller, geb. 25. Nov. 1839 in Albany (New York), gest. 5. Mai 1902 in London, ging 1854 nach Kalifornien, wo er als Landmesser, Lehrer, Setzer, Journalist und Angestellter des Münzamts tätig war, bis er im J. 1863 die Monatsschrift »Overland Monthly« gründete, in der seine ersten eigentümlich fesselnden Erzählungen aus dem Minenleben erschienen: »The luck of Roaring Camp« (1868), »The outcasts of Pokerflat« (1869), »Tennessee's partner« und das Gedicht »Plain language trom truthful James« (1871), das den Verfasser im ganzen Lande berühmt machte. 1871 nach dem Osten zurückgekehrt, wurde er als ein literarischer Pfadfinder gefeiert, ging 1878 als Konsul nach Krefeld, dann nach Glasgow und lebte seitdem in England. Sein liebevolles Verständnis der Menschennatur, sein Auge für Lokalfarbe und für landschaftliche Stimmung und seine knappe, lebendige Schilderungsweise verfehlten ihre Wirkung nicht, selbst nachdem seine Stoffe den Reiz der Neuheit eingebüßt hatten. In Buchform erschienen zuerst die Parodien auf andre Schriftsteller: »Condensed novels« (1867), dann die Gedichte »Poems« (1871) und mit »The luck of Roaring Camp, and other sketches« (1871) eine lange Reihe von Novellenbänden. Mit dem Roman »Gabriel Conroy« (1878) hatte er weniger Glück; auch sein Drama »Two men of Sandy Bar« hat sich nicht auf dem Spielplan erhalten. Fast alle seine Erzählungen wurden ins Deutsche übersetzt. Nach seinem Tod erschien ein neuer Band Parodien: »Condensed novels« (Boston 1902). Die neueste Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 13 Bände (Boston 1902). Vgl. Pemberton, Life of B. H. (Lond. 1903); Boynton, Life of B. H. (New York 1903).

Die Geschichte einer Mine

Erster Theil.

Erstes Kapitel.

Wer die Mine suchte.

Ein steiler Pfad führt über das Küstengebirge von Monterey. Concho war sehr müde; Concho war sehr staubig; Concho war außerordentlich mißgestimmt. Angesichts dieser unüberwindlichen Unannehmlichkeiten gab es für sein Gemüth nur einen einzigen Balsam und dieser befand sich in einer ledernen, über den Machillas seines Sattels hängenden Flasche. Concho preßte dieselbe an seine Lippen, that einen langen Zug, zog ein bitteres Gesicht und rief:

»Carajo!«

Offenbar enthielt die Flasche, keinen Aguardiente, sondern war erst vor Kurzem unweit Tres Pinos in einer Schenke gefüllt worden, in der ein Irländer schlechten amerikanischen Whisky unter jenem wohllautenden, castilianischen Namen verkaufte. Dessen ungeachtet leerte Concho, die Flasche fast bis zur Hälfte und ließ sie, sobald sie das gelbe, welke Aussehen seiner eigenen Wangen erhalten hatte, auf den Sattel zurückfallen. Sodann wandte er sich, neu gestärkt, rückwärts und überschaute das hinter ihm liegende Thal, aus dem er seit Mittag emporgeklommen war. Es bot ihm einen öden Anblick. Hier und dort war es zwar von Streifen urbaren Bodens eingefaßt und mit »Valdas« von Wiesenland besäumt, doch war der größere Theil staubig, unfruchtbar und unschön. Sein Auge blieb an einer weißen Wolke haften, die am östlichen Horizonte schwebte, dabei aber so trügerisch und wesenlos war, daß sie sich gleichzeitig zu nähern und zu entfernen schien. Concho schlug an seine Stirn und blinzelte mit den heißen Augenlidern. Waren es die Sierras oder war es der verwünschte amerikanische Whisky?

Er begann abermals bergan zu reiten. Zu Zeiten verlor sich der stark abgetretene, nur halb sichtbare Pfad unter dem nackten, schwarzen Felsengestrüpp; allein seine weisheitsbegabte Mauleselin fand ihn stets wieder, bis sie schließlich, auf ein lockeres Steingeröll tretend, ausglitt und zu Boden stürzte. Vergebens bemühte sich Concho, sie aus einem Trümmerhaufen von Feldkesseln, Schmelztiegeln und Bergwerkshacken emporzuziehen. Sie beharrte in ihrer liegenden Stellung und erhob nur dann und wann den Kopf, als wolle sie mit einem prüfenden Blicke den Charakter her öden Gegend, die unter ihr lag, ergründen. Sodann bemühte sich Concho vergebens, sie mit Hilfe von Schlägen zum Aufstehen zu zwingen. Darauf versuchte er das Thier durch Schmähungen weltlicher Art zu bewegen. »Du Dieb! Du Mörder! Du schweineköpfige Bestie! Du Futter für die Hörner eines Ochsen!« rief er, aber ohne jeglichen Erfolg. Nun wandte er eine geistliche Ermahnung au. »O Judas Ischariot! Verlassest du auf diese Weise als ein Renegat und Ueberläufer deinen Herrn eine Meile vor dem Lager, wo das Abendessen unsrer wartet? Stehler des Sakramentes! Erhebe dich!«

Da Concho hiermit keine Wirkung erzielte, ward er unruhig. Hatte doch noch niemals eine Mauleselin christlicher Herkunft einen so dringenden Aufruf unbeachtet gelassen! Er sah sich daher zu einem letzten verzweiflungsvollen Versuche gezwungen.

»Ha, du Tempelschänderin! Wende dich nicht ab, sondern blicke mich an.« Er hob die Hand empor und spreizte plötzlich die Finger. »Höre, was ich dir sage, Teufelin! Ich treibe dir den bösen Geist aus. Ah, du zitterst! Sieh mich nun nur noch eine kleine Weile an, – so! Du abtrünniges Geschöpf! Ich – ich – verfluche dich, Mula!«

»Was machst du hier für einen Höllenlärm!« tönte eine rauhe Stimme vom Felsen herab.

Concho erbebte. War der Teufel in leibhaftiger Gestalt erschienen, um mit seiner Mauleselin auf und davon zu fliegen? Er hatte nicht den Muth, empor zu blicken.

»Komm, komm!« fuhr die Stimme fort. »Laß dein Schreien, du verwünschter, alter Schmierfink. Siehst du denn nicht, daß das Thier sich die Hüfte verrenkt hat?«

Diese Nachricht erschreckte Concho zwar sehr, allein nichts desto weniger fiel ihm doch eine kleine Last vom Herzen. Es war zwar traurig, daß seine Mauleselin lahm war; allein noch weit trauriger wäre es ihm gewesen, hätte sie ihren Ruf als gute Katholikin eingebüßt.

Er wagte es, die Augen aufzuschlagen. Ein Fremder – der Kleidung und Sprache nach ein Americano – näherte sich ihm, den Felsen herabsteigend. Der Unbekannte war ein schmächtig gebauter Mann mit glattem, bräunlichem Antlitz, welches sehr gewöhnlich und nichtssagend gewesen wäre, hätte nicht das linke Auge ein schurkisches Gemüth verrathen. Schloß man dies eine Auge, so sah man ein Gesicht vor sich, dessen Ausdruck und Züge einen alltäglichen Menschen bekundeten; bedeckte man dagegen diese Züge, so sprühte und funkelte jenes Auge, wie das des Erzfeindes selbst. Offenbar hatte die Natur die nämliche Bemerkung gemacht und deshalb eine Nervlähmung ironischer Weise eintreten lassen, derzufolge das eine Ende des oberen Lides gleich einem Vorhang über das Auge herabgefallen war; dann hatte sie sich lachend ihres Werkes gefreut und ihn sich selbst überlassen, auf daß er die leichtgläubige Welt ausplündere und rupfe.

»Was thust du hier?« fragte der Fremde, nachdem er dem Mexikaner geholfen hatte, die Mauleselin aufzurichten, die hilflos hin- und herschwankte.

»Ich suche, Señor.«

Der Fremde wandte Concho das treuherzige, rechte Auge zu, während das linke mit einem unbeschreiblich höhnischen, schadenfrohen Blick die Gegend überflog.

»Was suchst du?«

»Gold und Silber, Señor – doch Silber zumeist.«

»Bist du allein?«

»Wir sind unsrer Vier!«

Der Fremde schaute umher.

»Unser Lager ist dort drüben, – eine Meile von hier,« erklärte der Mexikaner.

»Hast du Etwas gefunden?«

»Sehr viel, – von dieser Sorte.« Concho nahm aus einem seiner Sattelsäcke ein Stück grauen Eisenerzes, das stellenweise mit Pyritsternchen durchsetzt war.

Der Fremde sprach kein Wort; allein sein Auge verrieth, daß ihm ein teuflischer Gedanke durch den Sinn fuhr.

»Du bist ein Glückspilz, Freund Schmutzfink.«

»Wieso?«

»Das ist Silber!«

»Woher wissen Sie das?«

»Es ist mein Geschäft. Ich bin ein Metallurgist.«

»Und Sie können mir sagen, was silberhaltig ist und was nicht?«

»Ja! Sieh her!« Der Fremde zog aus seinem Sattelsack einen kleinen ledernen Kasten, welcher etwa ein halb Dutzend Phiolen enthielt. Eine derselben war mit dunkelblauem Papier umhüllt. Er hob dieselbe empor und zeigte sie Concho.

»Dieses Fläschchen enthält ein Silberpräparat.«

Concho's Augen funkelten, trotzdem aber schaute er den Fremden zweifelnd an.

»Schütte Wasser in deinen Tiegel.«

Concho goß den Inhalt seiner Wasserflasche in seinen Schmelztopf und reichte ihn dem Fremden. Dieser tauchte in die Phiole einen trocknen Grashalm und ließ sodann einen Tropfen von dessen Spitze ins Wasser fallen. Das Wasser blieb unverändert.

»Nun wirf ein wenig Salz in das Wasser,« sagte der Fremde.

Concho gehorchte. Sofort erschien auf der Oberfläche eine weiße Wolke und dann nahm die gesammte Flüssigkeit eine milchartige Farbe an.

Concho bekreuzte sich hastig. »Mutter Gottes! das ist Zauberei!«

»Es ist Chlorsilber! Du blinder Narr!«

Mit diesem wohlfeilen Experiment noch nicht zufrieden, versetzte der Fremde den guten Concho in das höchste Erstaunen, indem er ein Stückchen Lackmuspapier mit Hilfe von salpetersaurem Salz roth färbte; und als er demselben dann wieder durch Eintauchen in das Salzwasser seine ursprüngliche Farbe zurückgab, hob er den einfältigen Mexikaner vollends aus dem Sattel.

»Sie müssen dies auch untersuchen,« sagte Concho, sein Eisenerz dem Fremden darreichend. »Wenden Sie hierbei ebenfalls das Silber und das Salz an.«

»Geduld, mein Freund!« antwortete der Fremde. »Zuerst muß man dies Erz schmelzen und sodann wird ein Stückchen abgeschabt und in diese Form gebracht – und das kann nicht umsonst geschehen, mein schmutziger Cherub! Denkst du etwa, daß unsereins seine Jugendzeit in Heidelberg und Freiburg zubringt, um seine Kenntnisse an den ersten besten Silbersucher fortzuwerfen, der ihm in den Weg kommt?«

»Wie viel wird es kosten, – he! wie viel?« forschte der Mexikaner eifrig.

»Nun, du mußt etwa hundert Dollar und die Auslagen bezahlen, wenn ich dir – – in diesem Stück Erz Silber nachweisen soll. Doch habe ich es einmal gethan, so kannst du ja mit Sicherheit auf viele Tonnen rechnen.«

»Sie sollen das Geld haben,« sagte der nunmehr erregte Mexikaner. »Sie sollen es erhalten, – von uns Vieren! Sie müssen mit mir zu unserm Lager gehen, dort werden Sie das Erz schmelzen und uns das Silber zeigen und – kurz und gut – kommen Sie mit mir,« und in fieberhafter Hast ergriff er die Hand seines Gefährten mit solcher Heftigkeit, als wolle er ihn stehenden Fußes mit sich fortziehen.

»Was gedenkst du mit deiner Mauleselin anzufangen?« fragte der Fremde.

»Heilige Mutter Gottes! Ich hatte sie vergessen! Was soll ich thun?«

»Nun, nun,« sagte der Fremde mit höhnischem Lächeln. »Sie wird sich schwerlich aus dem Staube machen; darauf gebe ich dir mein Wort. Ich habe dort oben einen Extra-Maulesel, der mein Gepäck trägt; auf dem kannst du reiten, wenn du mich in Euer Lager führen willst, und morgen magst du wieder hierherkommen, um dein Thier zu holen.«

Dem guten, ehrlichen Concho blutete das Herz bei dem Gedanken, seine müde Dienerin, die er noch vor einem Augenblick so schlecht behandelt hatte, verlassen zu müssen; doch die Liebe zum Gelde gewann die Oberhand. »Ich kehre bald wieder zu dir zurück, und zwar als ein reicher Mann, mein kleines Thierchen. Inzwischen erwarte mich hier; ich weiß ja, daß du geduldig bist. Adios, du zierlichste aller Mauleselinnen, Adios!«

Nach diesen Worten ergriff er den Unbekannten bei der Hand und kletterte mit ihm die felsige Anhöhe hinan, bis sie mitsammen den Gipfel erreichten. Dort hielt der Fremde eine schnelle, flüchtige Rundschau, indem er einen prüfenden Blick aus seinem schurkischen Auge in das Thal hinabsandte.

Aus diesem Grunde hat man dieser Stätte in späteren Jahren, als diese Geschichte mit der den Trägern des Katholicismus eigenen Hingebung erzählt worden ist, den Namen » La Cañada de la Visitacion del Diablo,« das heißt »Die Teufelsbesichtigungs-Schlucht« gegeben. Dieser Platz bildet gegenwärtig die Grenze eines jener berühmten mexikanischen Grundstücke, welche behufs bergwerklicher Ausnutzung von der Regierung verschenkt worden sind.

Zweites Kapitel.

Wer die Mine fand.

Concho brannte so sehr vor Ungeduld das Lager zu erreichen und seinen Kameraden die gute Neuigkeit mitzutheilen, daß ihm der Fremde mehr als einmal den Befehl ertheilte, seinen Schritt zu mäßigen. »Ist es dir noch nicht genug, du satanischer Greaser, daß du deine eigene Eselin zu Schande gehetzt hast? Willst du mir auch noch die meinige ruiniren? Oder soll ich dir Jinny mit auf die Rechnung setzen?« rief er und dabei lachte er höhnisch und hob das gelähmte Augenlid ein ganz klein wenig empor.

Die beiden Männer trabten über eine Stunde auf dem Bergrücken entlang; dann fingen sie an, ins Thal hinuntersteigend, bergab zu reiten. Am Rande des Pfades zeigte sich jetzt eine dürftige Vegetation und hin und wieder sah man einen Manzanitabusch oder einen zwergischen Bocksaugenbaum, der in den Spalten des schwarzgrauen Felsens Wurzel gefaßt hatte. Auch ward, so oft sie über eine ausgetrocknete Bachrinne ritten, welche die im Winter übertretenden Gewässer gebildet hatten, das düstere Grau der Felsen durch matte röthlich-braune Farbenmassen belebt und fast ein jeder der überhängenden Blöcke trug die Spuren einer Goldgräberhacke. Doch kaum hatten sie die gebogene Flanke des Berges umritten, so erblickten sie einen gespenstischen Strom feinen Rauches, der unausgesetzt von unsichtbaren Händen in den unsichtbaren Aether emporgezogen zu werden schien. »Dort ist das Lager!« rief Concho freudestrahlend. »Ich will vorauseilen, um sie auf Ihren Besuch vorzubereiten.« Und ehe sein Gefährte ihn zurückzuhalten vermochte, war er bereits bei einer Biegung des Weges hinter einer scharf hervorspringenden Felskante verschwunden.

Sich selbst überlassen, ließ der Fremde sein Pferd einen gemächlicheren Schritt annehmen. Er gewann somit Muße, sich seinen Betrachtungen hinzugeben. Obwol er ein Erzspitzbube war, so verursachte ihm doch die einfältige Leichtgläubigkeit des guten Concho eine gewisse Unruhe. Nicht, daß sein moralisches Bewußtsein gerührt worden wäre; nein, er fürchtete nur, daß Concho's Kameraden, dessen Einfalt kennend, den Verdacht schöpfen würden, daß er diesen Umstand ausbeute. In tiefes Sinnen verloren, ritt er fürbaß. Ueberschaute er sein vergangenes Leben? Ein Vagabond durch Geburt und Erziehung, ein Schwindler von Profession, ein Pariah in Folge seines schlechten Rufes, hatte er, ohne mit der Rechtschaffenheit öffentlich zu brechen, seit seiner Knabenzeit auf jener gefahrvollen Klippe unmittelbar über dem Abgrund des Verbrechens geschwebt. Er machte sich kein Gewissen daraus, diese Mexikaner zu betrügen. Gehörten sie doch einem verkommenen Geschlechte an! Ja, es war ihm sogar einen Augenblick fast zu Muthe, als sei er ihnen gegenüber ein bevollmächtigter Träger des Fortschrittes und der Civilisation. Wir verstehen erst dann den vollen Werth der Aufklärung, wenn wir anfangen, sie als eine Angriffswaffe zu benutzen.

Noch einige Schritte weiter vorwärts reitend, sah er auf dem von zunehmendem Dämmerlicht umhüllten Pfade vier Gestalten auftauchen. Er erkannte sofort den guten Concho, der mit strahlendem Antlitz seinen Gefährten voran ging. Ein flüchtiger Blick auf die Gesichter dieser Männer verrieth ihm, daß sie zwar an Gutmüthigkeit hinter Concho zurückstanden, ihn trotzdem aber keineswegs an Klugheit übertrafen. Pedro war ein stämmiger Vaquero, Manuel ein schmächtiger Mischling und obendrein ein Ex-Convertit der Mission St. Carmel, und Miguel hatte ehedem in Monterey als Schlachter gelebt. Nachdem die argwöhnische Scheu, mit der sie nach der Art ungebildeter Menschen den Fremdling betrachteten, unter Concho's wohlmeinendem Einfluß erstorben war, begleiteten sie alle Vier den Unbekannten, der sich ihnen als »Herr Joseph Wiles« vorstellte, zu ihrem Lagerfeuer. Sie waren so begierig, die Untersuchung sofort beginnen zu lassen, daß sie sogar die Anfangsgründe der Gastlichkeit außer Acht ließen und sich erst auf ihre Pflicht besannen, als Herr Wiles, jetzt Don José genannt, ihnen durch einen sehr deutlichen Wink zu erkennen gab, daß er etwas zu essen wünsche. Als das frugale, aus Tortillas, Frijoles, Pökelfleisch und Chocolade bestehende Mahl beendet war, erbauten die Mexikaner aus der dunkelrothen Felsmasse, welche sie der vor ihnen liegenden Schicht entnahmen, einen Schmelzofen und bedeckten denselben mit einem genau eingefügten Tiegel, der seine Glasur einem eigenartigen, landesüblichen Verfahren verdankte. Nachdem sie den Tiegel mit Lehm und Soden befestigt hatten, zündeten sie eiligst einen Haufen Fichtenzweige an, die sie aus einem tieferliegenden bewaldeten Hohlweg herbeigeschafft hatten; und nach wenigen Augenblicken stand der Schmelzofen in voller Glut. Wiles nahm keinen Antheil an diesen thätigen Vorbereitungen; behaglich mit dem Rücken auf der Erde liegend, stieß er nur dann und wann einen Befehl zwischen den Zähnen hervor, mit denen er sinnenden Geistes eine Thonpfeife festhielt. Wie sehr sich auch der Schurke an der nutzlosen Arbeit der Männer ergötzen mochte, er zeigte es nicht; doch sah man, daß sein linkes Auge wiederholt der breiten Gestalt des Ex-Vaquero Pedro folgte und mehr als einmal auf den buschigen Brauen und den halb thierischen Gesichtszügen dieses würdigen Mannes ruhte. So oft Pedro jenem unheilschwangeren Blick begegnete, stieß er einen Fluch aus; aber nichts destoweniger war er nicht im Stande seiner magischen Anziehungskraft zu widerstehen, sondern sah sich gezwungen, ihn immer aufs Neue zu suchen.

Und doch hätte es wahrlich nicht dieses diabolischen Auges bedurft, um der Scene eine wilde Romantik zu verleihen; sie war ohnehin gespenstisch genug. Thurmhoch ragte der Berg empor, – eine dichte dunkle, Rembrandtartige Schattenmasse, – die sich hier und dort in malerischen Formen von einem Himmel abhob, der so unermeßlich fern erschien, daß er in einer weltmüden Seele den verzweiflungsvollen Gedanken erweckt haben würde, daß es unmöglich sei, ihn jemals zu erreichen oder seine stahlblauen Wände zu erklimmen. Die Sterne waren groß, klar und leuchtend, aber kalt und unbeweglich. Sie hüpften und funkelten nicht in ihrer demantnen Fassung. Der Feuerschein des Schmelzofens bemalte die Gesichter der Männer mit dem Roth der Indianer und spielte auf den buntgefärbten Decken und Serapés; dann aber ward er, kaum zwanzig Schritte von der Ofenthür entfernt, von dem lauernden Schatten des schwarzen Berges gefangen und aufgesogen. Die ungebildete, halb gesungene, halb geflüsterte Unterhaltung der Gruppe, das Stöhnen des Ofens und das plötzlich aus dem Thale heraufschallende schrille Geheul eines Prairiewolfes waren die einzigen Töne, welche die geheimnißvolle Stille rings umher unterbrachen.

Es dämmerte bereits, als es hieß, das Erz sei geschmolzen. Und es war höchste Zeit, denn der Tiegel versank allmählich in den stark zusammenschrumpfenden Ofen, Concho stieß ein frohlockendes »Gott und die Freiheit!« aus; allein Don José Wiles befahl ihm, zu schweigen und gab ihm den Auftrag, Stäbe zur Stützung des Topfes herbei zu holen. Sodann neigte sich Don José über die siedende Masse. Er that es nur während eines einzigen Augenblickes. Allein dieser Augenblick genügte ihm – dem bewärten Metallurgisten, – um heimlich einen halben Silberdollar in den Tiegel zu werfen.

Dann schärfte er den Mexikanern ein, das Feuer nicht erlöschen zu lassen; er selbst legte sich nieder und schlief ein, – nur das eine Auge blieb geöffnet.

Das Morgenroth kam; es entzündete auf den nahen Hügelspitzen matte Leuchtfeuer und streute fern im Osten Rosen auf den Schnee der Sierras. Unten in den entlegenen Erlengehegen zwitscherten Vögel und deutlich vernahm man die knirschenden Räder eines Wagens, der sich auf der fernen Landstraße in Gestalt eines Staubsteckchens zeigte. Nunmehr ward von Don José der Schmelztiegel feierlich zerbrochen und sein glitzernder, weißglühender Inhalt zum Abkühlen auf den Erdboden geschüttet.

Als das geschehen war, schabte der Metallurgist ein Spänchen von der Masse ab, und zerstieß dasselbe zu Pulver und dann schnitt er ein noch kleineres Stück herunter, welches er ebenfalls pulverisirte. Darauf unterwarf er die Substanz in erster Reihe einer Säure und in zweiter einem Salzbade, welches sich sofort milchartig färbte, und nun brachte er endlich einen weißen Gegenstand zum Vorschein, der – mirabile dictu! – einen Silberwerth von zwei Cents befaß.

Concho jauchzte vor Freude und seine Kameraden starrten einander mißtrauisch und mit ängstlicher Sorge an. Die Armuth hatte sie zu Genossen gemacht; die Aussicht auf Reichthum machte sie uneins und argwöhnisch. Ironisch glitt Wiles linkes Auge von Einem zum Andern.

»Hier sind die hundert Dollars, Don José,« sagte Pedro, indem er dem Metallurgisten das Gold einhändigte und ihm in barscher Weise deutlich zu verstehen gab, daß seine Dienste und Gegenwart nicht mehr erwünscht seien.

Wiles nahm das Geld mit einem huldvollen Lächeln und einem Blick in Empfang, welcher bewirkte, daß dem Vaquero das Herz in die Stiefel rutschte, und schickte sich an, von dannen zu gehen, als ein Ausruf, der plötzlich Manuels Lippen entfuhr, ihn zurückhielt. »Der Tiegel! – der Tiegel! – Er hat geleckt. – Blickt her, o, kommt, o, seht doch nur!«

Der Mexikaner hatte, um das Frühstück herzurichten, die zerbröckelten Fragmente des Schmelzofens fortgeräumt und hatte bei dieser Gelegenheit eine Lache schimmernden Quecksilbers entdeckt.

Wiles prallte zurück, überschaute mit pfeilschnellem Blick die Umstehenden und gewann die Ueberzeugung, daß denselben dies Metall unbekannt sei.

»Es ist kein Silber!« sagte er ruhig.

»Mit Vernunft, Señor, – es ist doch welches, wenn auch geschmolzenes.«

Wiles bückte sich und ließ seine Finger durch die lichthelle Masse gleiten.

»Mutter Gottes! Was ist es denn? – Zauberei?«

»Nein, ein werthloses Metall.« Doch jetzt wagte es Concho, durch Wiles Probestückchen ermuthigt, ebenfalls eine Hand voll des glitzernden Quecksilbers zu ergreifen, das sich sofort unter seinen Fingern in tausend winzige Küchelchen theilte, von denen mehrere an seinem Hemdsärmel entlang liefen, bis er, halb von kindischer Freude, halb von Furcht ergriffen, umhertanzte.

»Und ist es nicht des Nehmens werth?« forschte Pedro an Wiles sich wendend.

Wiles hatte die ausdruckslose Hälfte seines Antlitzes und das rechte Auge dem Fragenden zugekehrt, während er mit dem unheilvollen linken die matten, röthlich-braunen Felsenmassen des Hügelabhanges prüfend betrachtete. »Nein!« Er wandte sich mit einer hastigen Bewegung ab und fuhr fort, seinen Maulesel zu satteln.

Manuel, Miguel und Pedro vertieften sich, da sie sich selbst überlassen waren, in eine eifrige Unterhaltung, während Concho, dem jetzt wieder die beschädigte Mauleselin in den Sinn kam, zu der Stätte wanderte, wo er sie verlassen hatte. Allein sie war dort nicht zu finden. Trotz häufiger Schläge und Schmähworte war sie ihrem Herrn stets treu gewesen; doch Gleichgültigkeit und Nichtachtung hatte sie nicht zu ertragen vermocht. Es gibt gewisse Geschlechtseigenschaften, die allen organischen Wesen eigen sind.

Untröstlich, mit wunden Füßen und reuigem Herzen kehrte Concho auf dem weiten Wege quer über den Felsrücken zu dem Lager und dem Schmelzofen zurück. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er, daselbst anlangend, den Platz verödet fand. Die Kameraden, die Maulesel und alle Lagerutensilien waren verschwunden. Concho rief mit lauter Stimme. Nur das Echo der Felsen antwortete ihm dumpfen Tones. War das ein Scherz? Concho versuchte zu lachen. O, gewiß! Es war ein guter Witz, ein lustiger Schelmenstreich. Nein, nein! Sie hatten ihn in der That verlassen! Und dann neigte der arme Concho sein Haupt zu Boden und fiel auf sein Antlitz und schluchzte, als wolle ihm das ehrliche Herz brechen.

Der Sturm hatte nach wenigen Augenblicken ausgetobt; es lag nicht in Concho's Natur sich lange zu härmen oder über ein ihm zugefügtes Unrecht nachzusinnen. Als er den Kopf wieder erhob, ward sein Auge von dem Schimmer des Quecksilbers getroffen. – Jener kleine See von lustig zitterndem Metall, der ihn vor einigen Stunden so sehr ergötzt hatte, fesselte ihn jetzt aufs Neue. Nach wenigen Augenblicken war er ganz in sein Spiel vertieft; bald jagte er die Kügelchen hier, bald dort hin oder ließ sie in seinen Handflächen auf und niederrollen und lachte dann mit knabenhaftem Frohsinn über ihre unberechenbaren Einfälle und Sprünge. »Oh! mein behendes Dingchen – mein Springinsfeld – wo willst du hin? Komm hier her! – Nimm diesen Weg – so, nun hab' ich dich, du Kleines, – komm Muchacha, – komm, und küsse mich.« So vergaß er binnen Kurzem die Treulosigkeit seiner Kameraden. Und selbst dann, als er sich sein armseliges Bündelchen auf die Schultern schnallte, war sein Sinnen und Denken einzig und allein auf seinen Spielgefährten gerichtet, den er in seiner leeren, ledernen Flasche mit sich nahm. Die Sonne schaute freundlich auf ihn herab, als er, an dem dunkeln Bergabhange entlang gehend, so munter seines Weges dahin schritt; auch sein Gang war dadurch nicht minder leicht und elastisch, daß er weder das Silber noch die Schuld seiner ehemaligen Kameraden zu tragen hatte.

Drittes Kapitel.

Wer einen Anspruch auf die Mine erhob.

Der Nebel hatte sich bereits über Monterey zusammengezogen und wogte im Luftraum als eine weiße, wallende See, die sich gar bald von der unter ihr schäumenden blauen Brandung trennte. Mehrere Male hatte Concho beim Hinabsteigen des Berges, der über die Klippe hinausragte, auf die gebogene, hufeisenförmige Bucht hinabgeschaut, die, obwol sie sich unmittelbar vor ihm ausbreitete, – doch viele Meilen von ihm entfernt war. In den ersten Nachmittagsstunden hatte er das goldene Kreuz des weißgetünchten Missionsgebäudes im Sonnenlicht funkeln sehen; allein jetzt war es vollständig verschwunden und zu der Zeit, da er die zu der Stadt führende Landstraße erreichte, war es bereits ganz dunkel und deshalb trat er in die erste Fonda (Schenke), die am Wege stand, und bestrebte sich, seine Leiden und seine Müdigkeit in Aguardiente zu versenken. Allein der Kopf that ihm weh, und der Rücken that ihm weh und er fühlte sich am ganzen Körper zerschlagen, so daß er auf den Gedanken verfiel, einen Medico, – einen amerikanischen Arzt, – zu consultiren, der sich vor Kurzem in der Stadt niedergelassen hatte und der ihn und seine Mauleselin vor einiger Zeit mit der nämlichen Medicin und nach der nämlichen energischen Methode curirt hatte. Concho hegte die nicht unlogische Ansicht, daß er, falls er überhaupt nicht umhin könne, sich den Magen mit Arznei zu verderben, eine möglichst große Quantität für sein Geld haben wolle. Die grotesk-extravagante Lebensweise in Californien, das Uebermaß an Früchten und Vegetabilien ließ sich mit den üblichen, unendlich kleinen Dosen nicht in Einklang bringen. Als Concho das erste Mal krank war, hatte ihm der Arzt ein Dutzend Pillen gegeben, die jede vier Gran Chinin enthielten. Am folgenden Tag hatte der Mexikaner sich im Sprechzimmer des Arztes – als völlig geheilt – gemeldet.

Der Arzt sah darin nichts Außergewöhnliches, bis er in Erfahrung brachte, daß Concho in Folge seines schlechten Gedächtnisses und um die Sache möglichst zu vereinfachen, sämmtliche Pillen auf einmal eingenommen hatte. Der Doctor zuckte die Achseln und – änderte fortan seine Verfahrungsweise.

»Nun?« sagte Dr. Guild, als Concho erschöpft in einen der zwei Sessel des Sprechzimmers sank. »Wo fehlt's? Haben Sie einmal wieder in den feuchten Marschen geschlafen oder hat Sie der allmächtige Whisky umgeworfen? Heraus mit der Sprache.«

Allein Concho erklärte, daß der Teufel in seinem Magen sitze, daß Judas Ischariot sich seines Rückgrats bemächtigt habe, daß Kobolde sich in seinem Kopfe umhertummelten und daß seine Füße von Pontius Pilatus gegeißelt würden.

»So, dann gebe ich Ihnen Blue Mass!« (eine aus Quecksilber bereitete Masse) sagte der Doctor und reichte ihm dies Arzneimittel in Form einer Pille, welche die Größe einer Musketenkugel besaß und nicht minder schwer war. Concho nahm es sofort ein und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.

»Ich habe kein Geld, Señor Medico!«

»Das schadet Nichts. Der Preis des Medicamentes beträgt nur einen einzigen Dollar.«

Concho machte ein reuiges Gesicht bei dem Gedanken, so viel Silbergeld verschluckt zu haben. Dann sagte er: »Ich habe freilich kein Geld, allein ich kann Ihnen etwas sehr Hübsches und Lustiges geben. Hier nehmen Sie es.« Mit diesen Worten reichte er dem Arzte das inhaltschwere Trinkgefäß, das er mitgebracht hatte.«

Der Doctor nahm es, schaute auf die unruhig zitternde Masse und sagte: »Ei – das ist ja Quecksilber!«

Concho lachte. »Allerdings ist es ein lustiges, ein quickes Silber,« und dann schnalzte er mit den Fingern, um die Hurtigkeit des Metalles zu veranschaulichen.

Das Antlitz des Arztes ward ernst. »Wo haben Sie es gefunden, Concho?« fragte er schließlich.

»Es lief dort drüben in dem Gebirge aus unserem Tiegel.«

Der Doctor schaute ihn ungläubig an. Dann ließ er sich von Concho den Verlauf der Sache erzählen.

»Würden Sie mir die betreffende Stelle zeigen können?«

»Madre de Dios, – ja! Ich habe ja dort meine Mauleselin gelassen. – Möge der Teufel mit ihr auf und davon fliegen!«

»Und Sie sagen, daß Ihre Kameraden das Alles auch gesehen haben?«

»Ja, freilich.«

»Und Sie behaupten, daß dieselben nach diesem Ereigniß sich heimlich fortgeschlichen und Sie verlassen haben?«

»Das thaten sie, die Undankbaren!«

Der Doctor erhob sich und verschloß die Thür seines Sprechzimmers. »Hören Sie mich an, Coucho,« sagte er, »die kleine Quantität Arzenei, die ich Ihnen gab, hatte genau berechnet, den Werth eines Dollars. Sie kostete nicht mehr und nicht weniger, da die Substanz, aus der die Pille gemacht war, aus dem Stoff bestand, den Sie dort in Ihrem Gefäße haben – aus Quecksilber oder Mercury. Es ist dies eines der werthvollsten Metalle, zumal in einem Lande, wo Gold gegraben wird. Mein guter Freund, wenn Sie wissen, wo viel davon zu finden ist, so ist Ihr Glück gemacht.«

Coucho sprang vom Stuhle auf.

»Erzählen Sie mir, war die Felsmasse, aus der Sie Ihren Schmelzofen erbauten, roth?«

» Si Señor.«

»Und braun?«

» Si Señor.«

»Und schrumpfte sie unter dem Einfluß der Hitze zusammen?«

»Als wollte sie vergehen.«

»Und war dies rothe Gestein in Menge vorhanden?«

»Seine Mutter, der Berg, gebiert es unausgesetzt.«

»Und können Sie mir mit Sicherheit angeben, daß Ihre Kameraden diesen Berg nicht mit Beschlag belegen werden?«

»Wie so?«

»Indem sie unter dem Schutz der Minengesetze Anspruch auf ihre Entdeckung erheben und das Recht des Finders zu ihrem eignen Vortheil ausnutzen.«

»Das sollen sie nicht.«

»Aber wie wollen Sie, ein einzelner Mann, es mit Vieren aufnehmen? denn ich glaube bestimmt, daß Ihr gelehrter Freund seine Hand mit im Spiele hat.«

»Ich werde ihnen Trotz bieten.«

»Vortrefflich, mein guter Concho. Doch wäre es Ihnen nicht lieber, wenn ich Sie der Mühe des Kampfes überhöbe? Hören Sie meinen Vorschlag. Ich fordere etwa sechs Amerikanos auf, mit Ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Sie bedürfen des Geldes, um die Mine auszubeuten, – Sie brauchen ein Capital. Sie erhalten die Hälfte des Gewinnes und die Amerikanos übernehmen das Risico, bringen das Geld zusammen und schützen Ihre Rechte.«

»Das verstehe ich,« sagte Concho, mit dem Kopfe nickend und mit den Augen blinzelnd, » Bueno!«

»In zehn Minuten bin ich wieder hier,« sagte der Doctor, seinen Hut ergreifend.

Ein Mann! Ein Wort! Nach zehn Minuten kehrte er mit sechs Einwohnern des Ortes, den erforderlichen Directoren, einem Präsidenten, einem Secretär und der zur Gründung der » Blue Mass Quicksilver Mining Compagny« notwendigen Eintragungsurkunde zurück. Dieser Name, den man der neuen Bergwerksgesellschaft beilegte, war eine zarte Aufmerksamkeit gegen den allgemein beliebten Dr. Guild. Der Präsident vermehrte das Eigenthum der Gesellschaft durch einen Revolver.

»Hier, nehmen Sie diese Waffe,« sagte er, Concho das Mordinstrument in die Hand drückend. »Draußen vor der Thür steht mein Pferd. Bedienen Sie sich desselben und eilen Sie in Windeseile voraus; wir kommen Ihnen nach.«

In der nächsten Minute saß Concho bereits im Sattel. Dem Minendirector schlug plötzlich das ärztliche Gewissen.

»Ich weiß kaum,« sagte er zweifelnd, »ob ich Sie in Ihrem gegenwärtigen Zustande fortreiten lassen darf. Sie haben soeben eine sehr starke Arznei eingenommen,« und machte dabei ein sehr besorgtes Gesicht.

»Zum Teufel!« lachte Concho, »das viele Quecksilber, das da draußen ist, muß berücksichtigt werden und nicht das Bischen, welches ich bei mir habe. Hoopa la! Mula!« und unter dem Getön der Hufschläge und dem Geklirr der Sporen war er gleich darauf in der Dunkelheit verschwunden.

»Sie sind keineswegs zu früh gekommen, meine Herren,« sagte der amerikanische Alcalde, dessen Wagen gleich darauf an der Thür des Arztes hielt. »Es hat sich soeben eine zweite Gesellschaft gebildet, die sich, wenn ich nicht irre, auf das nämliche Grundstück hat eintragen lassen.«

»Wer sind sie?«

»Drei Mexikaner: Pedro, Manuel und Miguel unter der Anführung jener verfl... schielenden Sidney-Ente Wiles.«

»Halten sie sich hier in Monterey auf?«

»Nur Manuel und Miguel; die Andern sind nach Tres Pinos geritten, um Rocommon ebenfalls in die Falle zu locken, und so die Whisky-Rechnungen, die sie ihm schulden, abzuzahlen.«

»Wenn die Sache so steht, so brauchen wir nicht vor Sonnenaufgang aufzubrechen, denn sicherlich werden sie noch vor Tagesanbruch total betrunken sein.«

Und nachdem der gesetzliche Nachfolger der ernsten mexikanischen Alcaldes auf diese Weise seine unparteiische Meinung kund gegeben hatte, fuhr er von dannen.

Inzwischen sparte Concho, der Furchteinflößende, Concho, der Glückliche, weder Riata noch Sporen. Der Weg war dunkel; der Pfad schwer erkennbar, ja, hin und wieder sogar gefährlich und Concho, der die Gefahren des Gebirges nur zu gut kannte, dachte oftmals mit Bedauern an seine verlorene sicherfüßige »Francisquita«. »Sei unbesorgt, Concho,« pflegte er sich in solchen Augenblicken zuzurufen. »Gedulde dich nur noch ein Weilchen, – nur noch ein ganz kleines Weilchen und dann wird eine zweite Francisquita dir Segen bringen. Ha, Springinsfeldchen! Wir spielen dir eine schöne Melodie auf zu deinem Tanz! Einen Dollar für eine Unze! – Du bist mir lieber als Silber, denn du bist lustiger.« Und doch versäumte er nicht, trotz seiner heiteren Stimmung bei bestimmten Biegungen des Bergpfades, eine scharfe Rundschau zu halten. Er fürchtete sich nicht vor Wegelagerern und Räubern, denn es fehlte ihm keineswegs an persönlichem Muthe, sondern vor dem Bösen, der, wie es zur großen Beunruhigung aller gläubigen Katholiken hieß, in dem Santa-Cruz-Gebirge sein Wesen trieb. Er gedachte der Erlebnisse des Ignacio, eines Mauleseltreibers der Franziskaner-Mönche, welcher, als er bei dem Angelus anhielt, um sein Credo herzusagen, den Luzifer in der Gestalt eines ungeheuren Grizzli-Bären erblickte, der ihn dadurch zu höhnen suchte, daß er, auf den Hinterbeinen sitzend, die Vordertatzen wie zum Gebete gefaltet emporhob. Trotz dieser lauernden Schrecknisse gelang es Concho, der mit der einen Hand seinen Zügel und seinen Rosenkranz festhielt und mit der anderen die Whiskyflasche und den Revolver umklammerte, seinen Ritt so glücklich auszuführen, daß er bereits den Gipfel des Bergrückens erreichte, als die ersten Strahlen der Morgendämmerung die Umrisse der weit entfernten Spitzen der Sierras erleuchteten. Nachdem er sein Pferd auf einem Plateau angebunden hatte, legte er seinen Weg zu Fuß fort und kletterte vorsichtig bergab, bis er jene Bank, welche aus der rothen Felsmasse gebildet ward und den eingesunkenen, zerbröckelten Schmelzofen erreichte. Er fand noch Alles in dem Zustande, in dem er es Tags zuvor verlassen hatte. Nirgend zeigten sich Spuren, daß seitdem eine Besichtigung des Terrains stattgefunden habe. Mit dem Revolver in der Hand untersuchte Concho alle Höhlen, Spalten und Nischen. Aufmerksam lugte er hinter jeden Baum, durchstöberte das Bocksaugen- und Manzanitagestrüpp und lauschte gespannt. Kein Laut war vernehmbar, nur der Wind fuhr mit leisem Pfeifen über die Fichten im Thale. Ein Weilchen wanderte er auf und nieder in dem dunklen Gefühl, daß es seine Pflicht sei, das Amt einer Schildwache zu versehen, allein gar bald empörte sich sein lebhaftes Temperament gegen diese einförmige Beschäftigung und außerdem begann er auch die Strapazen des vergangenen Tages zu spüren. Je öfter er seiner Whiskyflasche zusprach, desto schläfriger ward er, bis er schließlich dem Verlangen sich niederzulegen und sich fest in seine Decke einzuwickeln, nicht zu widerstehen vermochte. Schon im nächsten Augenblicke war er in tiefen Schlaf gesunken.

Das Wiehern des Pferdes erscholl zweimal von der Höhe herab; aber Concho hörte es nicht. Dann knisterte über ihm auf dem Felsenabhang das Gestrüpp; ein abgebröckelter Stein fiel, herabrollend, unmittelbar neben ihm nieder; allein er bewegte sich nicht. Gleich darauf zeigten sich auf jener Stelle des Berges die Umrisse zweier schwarzer Gestalten.

»St, St!« flüsterte der eine der beiden Männer. »Dort unten neben dem Schmelzofen liegt ein Mensch!« Er sagte das in spanischer Sprache; allein die Stimme verrieth, daß es Wiles war.

Die zweite Figur kroch vorsichtig bis zur Kante des Abhanges und schaute hinab. »Es ist der blödsinnige Concho,« sagte Pedro verächtlichen Tones.

»Doch wie, wenn er nicht allein wäre oder wenn er erwachen sollte?«

»Ich will hier bleiben und ihn beobachten. Heften Sie inzwischen unsere Anzeige an.«

Wiles verschwand. Pedro ließ sich behutsam an der Felswand hinab, indem er sich am Gestrüpp und an den Chemisalzweigen festhielt.

Schon im folgenden Augenblick stand Pedro vor dem schlafenden Manne. Dann spähte er vorsichtig umher. Die Gestalt seines Begleiters ward von der Finsterniß des Felsens verdeckt, nur das leise Geräusch zerbrechender Zweige verrieth, wo er sich befand. Plötzlich warf Pedro seinen Serapé (das Obergewand mexikanischer Rinderhirten) über den Kopf des Schlafenden und dann stürzte er sich mit seiner mächtigen Gestalt und seinem enormen Gewicht auf dessen emporgerichtetes Gesicht und umklammerte mit seinen starken Armen die durch die Decke gefesselten Glieder seines Opfers. Dann erfolgte ein minutenlanges Emporrichten, ein Krampf und ein Ringen; doch umschloß nach wie vor die aus der Decke gebildete Umhüllung den unglückseligen Mann, wie das in Wachs getauchte Leinen den Körper einer einbalsamirten Leiche.

Kein Geräusch, kein Hilferuf begleitete das Ringen. Es war nichts zu erkennen, als die stillen, gekrümmten Gestalten der beiden Männer, die sich als dunkle Massen von dem Untergrunde abhoben. Man hätte glauben können, der Eine schlafe in den Armen des Anderen. Und in der lautlosen Finsterniß vernahm man nur, daß Wiles leise durch das Gestrüpp schlich.

Allmählich ließ der Kampf nach. Dann ertönten vom Abhang herab die geflüsterten Laute:

»Ich sehe dich nicht. Was thust du?«

»Ich achte auf ihn.«

»Schläft er?«

»Er schläft!«

»Fest?«

»Sehr fest!«

»Nach der Art der Todten?«

»Nach der Weise der Todten!«

Die Agonie war vorüber. Pedro erhob sich, während Wiles herabstieg.

»Alles ist fertig,« sagte Wiles, »du wirst es bezeugen, daß ich diese Anzeige hier angeheftet habe.«

»Ich werde es bezeugen!«

»Und was soll mit diesem Menschen geschehen?« fragte er, auf Concho deutend. »Wollen wir ihn hier liegen lassen?«

»Einen blödsinnigen Trunkenbold, – warum nicht?«

Wiles heftete sein linkes Auge auf Pedro. Zufälligerweise bildeten sie in diesem Augenblicke fast die nämliche Gruppe, wie in der vergangenen Nacht. Pedro stieß einen Schrei und einen Fluch aus. » Carramba! Wenden Sie Ihr teuflisches Auge von mir ab! Was sehen Sie an mir? He! was?«'

»Nichts, guter Pedro,« sagte Wiles, dem Mexikaner seine ausdruckslose Seite zukehrend. Der theils in Wuth versetzte, theils geängstigte Ex-Vaquero schob das lange Messer, das er bereits halb aus der Scheide gezogen hatte, wieder zurück und brummte mürrisch:

»Wir wollen fortgehen! Doch halten Sie sich auf jener Seite; ich will auf dieser bleiben.« Und so schlichen sie mitsammen, theils horchend, theils Umschau haltend und ihren argwöhnischen Sinn auf Alles, aber zumeist auf einander richtend, von dannen und verschwanden in jene Schatten, die sie erzeugt zu haben schienen.

Eine halbe Stunde verging und während dessen erhellte sich der Osten; er blitzte und funkelte und verwandelte sich in flüssiges Gold. Und dann stieg stolzen Schrittes die Sonne empor und ein Nebelstreifen, welcher sich im Laufe der Nacht heimlich um den Gipfel gelegt hatte, erhob sich und zerriß – an der Bergwand emporfliegend – in schuldbewußter Hast seine weißen Gewänder, so daß sie an dem Gesträuch, dem Geröll und den Felsriffen flatternd haften blieben. Tausend winzige Halme, welche in den Spalten, vom Sturme genährt und von den Passatwinden gewiegt, nestelten, streckten ihre schwachen Aermchen der Sonne entgegen, aber Concho, der Starke, Concho, der Tapfere, Concho, der Fröhliche, rührte und regte sich nicht.

Viertes Kapitel.

Wer die Mine in Besitz nahm.

Ein ununterbrochenes Wiehern erschallte auf dem Bergrücken. Concho's Pferd verlangte nach seinem Frühfutter. Diese Mahnung drang an das Ohr mehrerer Männer, welche, vom Westen kommend, den Berg hinaufritten. Einem derselben klangen die wiehernden Töne bekannt.

»Ei, zum Henker! Das ist ja Chiquita. Wahrscheinlich liegt der verfluchte Mexikaner irgendwo betrunken am Boden,« sagte der Präsident der » Blue Mass Company«.

»Die ganze Sache hier hat ein Ansehen, das mir nicht gefällt,« sagte Dr. Guild, als die Gesellschaft sich dem entrüsteten Thiere näherte. »Wenn ein Amerikaner in Frage stände, so würde ich auf Fahrlässigkeit schließen; allein kein Mexikaner vergißt jemals sein Thier. Treiben Sie Ihre Pferde an, meine Herren. Wer weiß, ob wir nicht schon zu spät kommen.«

Nach einer halben Stunde erblickten sie die tieferliegende Schicht, den zerfallenen Schmelzofen und die regungslose Gestalt des Mexikaners, der, fest von seiner Decke umhüllt, das Gesicht der Erde zugewandt, im Sonnenschein lag.

»Sagte ich es Ihnen nicht? Er ist betrunken!« rief der Präsident.

Der Arzt machte ein ernstes Gesicht, sprach jedoch kein Wort. Sie stiegen ab und banden ihre Pferde fest. Dann krochen sie auf Händen und Füßen bis zu dem Abhang, welcher sich über dem Schmelzofen befand. Der Secretair Biggs stieß einen Schrei aus. »O, sehen Sie doch! Es ist uns Jemand zuvorgekommen. Dort sind Anzeigen!«

Und in der That waren zwei Leinewand-Plakate an dem Felsen angeschlagen, vermittelst welcher von diesem Grund und Boden Besitz ergriffen wurde, und diese Schriftstücke waren von Pedro, Manuel, Wiles und Roscommon unterzeichnet.

»Herr Doctor, dies geschah, während Ihr vielgepriesener Mexikaner, unser Gesellschaftsmitglied – das der Teufel holen möge – dort betrunken im Staube lag. Was ist nun zu thun?«

Der Arzt begab sich jedoch zu dem unglückseligen Urheber ihrer vereitelten Hoffnungen, der auf diese Vorwürfe kein Wort erwiderte; die anderen Herren folgten ihm. Er kniete neben Concho nieder, rollte ihn aus der Umhüllung, legte seine Finger auf sein Handgelenk und sein Ohr auf die Herzgrube und sagte:

»Todt!«

»Sehr begreiflich! Sie haben ihm ja gestern Abend Arzenei gegeben. Das kommt von Ihren verwünschten Pferdekuren!«

Allein Dr. Guild war allzu beschäftigt, um auf die Spottreden seines Gefährten zu achten. Er betrachtete Concho's hervorgequollene Augen, öffnete dessen Mund und prüfte die geschwollene Zunge; dann sprang er plötzlich empor.

»Reißen Sie die Anzeigen herunter, meine Herren, und bewahren Sie dieselben sorgfältig. Statt dessen schlagen Sie Ihre eigenen an. Sie dürfen ohne Sorge sein. Niemand wird Ihnen Ihre Ansprüche streitig machen, denn hier hat nicht nur ein Raub stattgefunden, sondern auch ein Mord!«

»Ein Mord!«

»Ja,« sagte der Arzt erregt. »Ich kann vor jedem Gericht einen Eid darauf ablegen, daß dieser Mann erdrosselt worden ist. Er ward überfallen, als er schlief. Sehen Sie hier!« Er deutete auf den Revolver, welchen Concho's erstarrende Finger noch immer umklammert hielten. Der Ermordete hatte den Hahn desselben gespannt, ohne ihn während des Ringens abdrücken zu können.

»Das stimmt!« sagte der Präsident. »Mit einem gespannten Revolver legt sich kein Mensch zum Schlafen nieder. Was aber soll nunmehr geschehen?«

»Alles Erforderliche!« entgegnete Dr. Guild. »Diese That ist innerhalb der zwei letzten Stunden begangen; der Körper ist noch warm. Der Mörder hat keinenfalls unsern Weg eingeschlagen, sonst würden wir ihm auf dem Bergpfade begegnet sein. Wenn er überhaupt irgendwo zu finden ist, so hält er sich zwischen hier und Tres Pinos auf.«

»Meine Herren!« sagte der Präsident, indem er seine Worte mit einem leichten räuspernden Tone einleitete, der einen Anflug von richterlicher Würde hatte. »Zwei von Ihnen bleiben hier und halten Wache; die Uebrigen folgen mir nach Tres Pinos. Das Gesetz ist mit Füßen getreten. Sie wissen, was das heißt!«

Durch irgend einen merkwürdigen Einfluß hatte sich urplötzlich die kleine Gesellschaft, deren Mitglieder halbcynisch, halb-leichtfertig sich sonst um nichts zu kümmern pflegten, in ernste, besonnene Bürger verwandelt. »Vorwärts also!« riefen sie, nickten zustimmend mit dem Haupte und eilten zu ihren Pferden.

»Wäre es nicht besser, wir warteten, bis die Leichenschau stattgefunden hat und wir uns durch eidliche Aussage einen Verhaftsbefehl erwirkt haben?« fragte der Secretair vorsichtig.

»Aus wie vielen Personen besteht unsere Gesellschaft.«

»Aus Fünfen.«

»Nun wohl!« sagte der Präsident, indem er die revidirten Statuten der californischen Staaten in einen einzigen kräftigen Ausspruch zusammenfaßte, »dann bedürfen wir keines verfl... Verhaftsbefehles.«

Fünftes Kapitel.

Wer eine spanische Schenkungs-Urkunde auf die Mine besaß.

Die Mittagszeit war bereits weit vorgerückt in Tres Pinos. Die balsamischen Wipfel der drei Fichten, denen der Ort seinen Namen verdankte, schienen auf der staubigen Landstraße und in der heißen Luft Dämpfe auszuströmen. Im blendenden Glanz strahlte die Straße, im blendenden Glanz die Felsen sowie die weißen Zeltdächer der wenigen Shanties und die Hütten, die das Dorf bildeten. Selbst die unbemalten Bretter von Roscommons Kramwaarenhandlung und Schenkwirthschaft hatten diesen blendenden Glanz und die krummgebogenen Dielen der Veranda zeigten das Bestreben, sich unter den Füßen der Eindringlinge krumm zu biegen. Einige wenige Maulesel, die sich in der Nähe des Wassertroges aufhielten, hatten sich in den spärlichen Schatten der Hofumzäunung geflüchtet.

Die Kramwaarenhandlung des Herrn Roscommon nahm, obwol sie den Bedürfnissen des Dorfes vollkommen entsprach, weder die Zeit noch die Kräfte des Besitzers allzusehr in Anspruch; das Anfüllen der Schweinefleisch- und Mehlfässer für den Bedarf der aus Goldgräbern bestehenden Stammgäste war jeden Sonnabend Abend das Werk einer knappen Stunde; allein die tägliche Versorgung der ständigen Mitglieder mit Whisky war ein nie endendes, angreifendes Geschäft. Roscommon verbrachte ungleich mehr Zeit hinter seinem Schenktisch als hinter dem Tresen seines Kramladens. Vergegenwärtigt man sich außer dieser Thatsache noch den Umstand, daß ein langer scheunenartiger Anbau oder Flügel die Inschrift »Kosmopolitisches Hôtel, Kost und Logis auf Tage oder Wochen; M. Roscommon« trug, so erhält man einen Begriff von der mannichfaltigen Thätigkeit des Besitzers. Das »Hôtel« stand übrigens mehr unter der Leitung von Frau Roscommon, einer starkknochigen, derben, gutmüthigen Dame von dreißig Jahren.

Roscommon hatte schon seit Langem die Ueberzeugung gewonnen, daß die meisten seiner Stammgäste unzurechnungsfähig seien und je nach der Art ihres Zustandes bald heftig angefahren, bald milde behandelt werden mußten. Kein Ereigniß, keine außergewöhnliche Rede oder That vermochte das Gleichmaß seines auswendigen Menschen zu stören, und so ruhig dieser erschien, so störrisch, entschlossen und zäh war sein inwendiger Mensch. So oft er keinen Branntwein ausschenkte und während der Zeit, wo seine Gäste tranken, pflegte er seinen Schenktisch unausgesetzt mit einem ausnehmend schmutzigen Tuche oder irgend einem andern Gegenstande, der ihm gerade zwischen die Finger kam, abzuwischen. Die Goldgräber, welche diese völlig mechanische Gewohnheit bemerkt hatten, steckten ihm hin und wieder Dinge in die Hand, die diesem Zwecke in keiner Weise entsprachen, – z. B. alte Fetzen von ihren Hemden oder Unterhosen, Sackleinen und Werg; ja einstmals gaben sie ihm sogar einen wollenen Unterrock seiner Frau, den sie von der Waschleine im Hofe entwendet hatten. Roscommon verrichtete in der Regel dieses Abwischen seines Tisches ohne den Blick zu erheben; nichtsdestoweniger aber war ihm die Anwesenheit eines jeden Kunden gar wohl bekannt. »Sie bekommen wahrhaftig nicht einen einzigen Tropfen mehr, Jack Brown, bis Sie die schwarzen Striche, die ich Ihnen angeschrieben habe, auslöschen.« »Ah! da sind Sie ja, mein Werthester, und hier ist Ihre Pulle; sie wartet schon seit dem vorigen Sonnabend auf Sie.« »Und was haben Sie mit dem letzten Stück angefangen, das ich Ihnen geschickt habe, Sie Teufel von einem Mr. Clorkle, und ich habe mir das Rückgrat zerbrochen, weil ich mich unausgesetzt gebückt habe, um Ihnen die besten Bissen aus dem Schweinefleischfaß zu geben, und Sie verprassen inzwischen Ihren letzten Cent während einer Sauferei bei Gilroy.« »Ruhig! Wenn ihr euch prügeln müßt, ihr Jungens, so kann ich euch ein ganz famoses Grasplätzchen bei der Hofumzäunung anweisen, und wer weiß, ob ich selbst nicht auch mit einem Stock herauskomme und euch Gesellschaft leiste.«

An dem heutigen Tage befand sich Roscommon jedoch nicht wie sonst in gleichmütiger Stimmung, und als die Hufschläge herannahender Pferde das Eintreffen fremder Gäste verkündigten, stellte er sein Wischen vollständig ein und hob die Augen auf, als Dr. Guild, der Präsident, und der Secretair der neuen Bergwerksgesellschaft in den Laden traten.

»Wir suchen hier einen Mann Namens Wiles und drei Mexikaner, die Pedro, Manuel und Miguel heißen,« sagte der Präsident. »So? Thun Sie das?«

»Ja, das thun wir.«

»Meiner Treu, – dann will ich Ihnen wünschen, daß Sie die Leute finden. Und wenn Sie ihnen die Zeche abjagen, die sie mir schuldig sind, so will ich Ihnen meinen Segen noch obendrein geben.«

Die Umstehenden, denen das Eindringen der Fremden offenbar nicht zu behagen schien, brachen in ein schallendes Gelächter aus.

»Ich fürchte sehr, meine Herren,« sagte Dr. Guild in kaltem Tone, »daß Ihnen die Angelegenheit durchaus nicht lächerlich erscheinen wird, wenn ich Ihnen mittheile, daß soeben ein Mord begangen ist und daß die Männer, welche wir suchen, in der nämlichen Stunde und an demselben Ort, wo die That stattgefunden hat, diese Anzeige angeschlagen haben.«

Bei diesen Worten zog der Arzt ein Papier hervor und faltete es auseinander.

Eine lautlose Stille herrschte in der Versammlung, die sich dicht zusammendrängend – alsbald einen Kreis um Dr. Guild bildete.

»Wie Sie sehen, meine Herren, steht unter denen, die das Grundstück beanspruchen, auch der Name des Herrn Roscommon.«

»Ja, natürlich, Verehrtester,« sagte Roscommon, ohne die Augen zu erheben, »und wenn Sie gegen die anderen alten Knaben keine besseren Beweise aufzählen können, als gegen mich, so reiten Sie nur ruhig wieder nach Hause. Denn, daß ich selbst den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht die Nase aus meiner Bude gesteckt habe, können mir die Jungens hier, die mir die ganze Zeit keine Ruhe gelassen haben, bezeugen.«

»Das stimmt auf ein Haar, Roß!« brüllte die Menge im Chor. »Wir haben dem Alten fortwährend auf dem Pelz gesessen!« »Wie kommt denn Ihr Name hier auf dies Papier?«

»Mord und Todtschlag! Hört nur, Jungens, was der Alles angibt! Als ob nicht ein Jeder, der eine Whisky-Rechnung zu berappen hat, zu mir käme und mir sagte: Apropos, Herr Roscommon oder Moike, – wie er mich nun gerade nennt, – ich habe heute eine gute Stelle getroffen und deshalb habe ich mit eigner Hand Ihren Namen als ersten Besitzergreifer mit aufgeschrieben und nun sind Sie ein reicher Mann, Roscommon, und daher schenken Sie mir gefälligst noch ein Glas ein, damit ich Eins auf das gute Glück trinke, das Sie und ich gehabt haben. Ja, ja, fragen Sie nur Jack Brown dort, ob mir seine Besitzurkunden nicht schon zum Halse heraushängen.«

Das Gelächter, welches dieser Rede und ihren einleuchtenden Erläuterungen folgte, überzeugte die Gesellschaft, daß sie die Angelegenheit falsch angefaßt habe, daß sie hier keinen Aufschluß über den Aufenthaltsort der wirklichen Uebelthäter erhalten würden und daß jeder Versuch, durch Drohungen das Ziel zu erreichen, auf eine heftige Opposition stoßen würde. Nichtsdestoweniger blieb Dr. Guild beharrlich.

»Wann haben Sie die betreffenden Männer zuletzt gesehen?«

»Wann ich sie zuletzt gesehen habe? Verrückte Frage! Ich muß meine Tische trocken wischen und Schnaps ausschenken und habe sie daher überhaupt niemals gesehen.«

»Das stimmt, Roß!« brüllte abermals der Chor, der den ganzen Vorgang als eine höchst lustige Komödie betrachtete.

»Nun, meine Herren, so kann ich Ihnen mittheilen, daß sie gestern Abend in Monterey gewesen sind, daß sie auf dem dorthinführenden Bergpfade heute Morgen nicht zu der Stadt zurückgekehrt sind und daß sie in Folge dessen bei Tagesanbruch hier durchgekommen sein müssen.« Nach diesen Worten, die den Doctor gereuten, sobald sie ihm entfahren waren, ritt die Gesellschaft von dannen.

Roscommon begab sich wiederum an seine Kellnerarbeit und Tresen-Abwischung. Allein spät in der Nacht, nachdem die Schenke geschlossen und der am längsten säumende Trinker ohne Umstände an die Luft gesetzt war, brachte er in der Stille des ehelichen Schlafgemaches ein Papier zum Vorschein, welches das Aussehen einer Urkunde besaß. »Lies dies, Maggie; du weißt ja, mein Schatz, daß ich es im Lesen und dergleichen Dingen nicht weit gebracht habe.«

Frau Roscommon nahm das Papier.

»Das ist gewiß so'n amtliches Schreiben, worauf steht, daß du ein Stück Land bekommen hast. O, Moike! Du hast doch nicht etwa speculirt?«

»Still! Und was bedeutet das schmutzige graue Blatt mit den Schnörkeln und Siegeln?«

»Meiner Treu! Daraus kann ich nicht klug werden. Das ist gewiß kein Englisch!«

»Still! Maggie – das ist eine spanische Schenkungsurkunde!«

»Eine spanische Schenkungsurkunde? – O, Moike, – was hat dir die gekostet?«

Roscommon legte den Zeigefinger an die Nase und sagte mit schmelzendem Tone »Whischky!«

Zweiter Theil.

Sechstes Kapitel.

Wie jene Schenkungsurkunde zu Stande gekommen war.

Während die Blue Mass Company mit mehr Eifer als Vorsicht sich bestrebte, Pedro und Wiles auf dem Wege nach Tres Pinos einzufangen, saßen die Senores Miguel und Manuel unangefochten in einer Fonda zu Monterey, rauchten Cigaritos und sprachen mit einander über die Entdeckung, die sie letzthin gemacht hatten. Sie befanden sich jedoch in keiner besseren Stimmung als ihre ehemaligen Kameraden, und aus ihrem Gespräche ging hervor, daß sie in einem schwachen Augenblicke ihren Antheil an der vermeintlichen Silbermine für wenige hundert Dollar verkauft hatten, da sie der Ansicht waren, daß ihnen derselbe doch durch einen thatkräftigen Einspruch seitens der Amerikaner streitig gemacht worden wäre. Der scharfsichtige Leser wird hieraus entnehmen, daß der in allen Ränken erfahrene Wiles ihnen nicht mitgetheilt hatte, daß die Grube eine Quecksilber-Mine sei, obwol er sich andererseits gezwungen sah, dies Geheimniß dem Mexikaner Pedro zu verrathen, da ihm derselbe ein unentbehrliches Werkzeug und Helfershelfer war. Daß Pedro nicht von Gewissensbissen gequält ward, als er in solcher Weise seine beiden Kameraden betrog, wird uns nicht wundern, da wir ja von der geraden und unmittelbar auf das Ziel zusteuernden Behandlungsweise Kenntniß genommen haben, die er letzthin seinem Gefährten Concho hatte zu Theil werden lassen und daß er bei erster Gelegenheit und falls es ihm seine eigene Sicherheit wünschenswerth machen sollte, Herrn Wiles Lebenslicht mit der nämlichen Ruhe auslöschen würde, – daran zweifelte dieser Herr selbst keinen Augenblick.

»Wenn wir nur noch etwas länger gezögert hätten, so würde uns dieser schieläugige Mensch mehr gegeben haben,« murrte Manuel mit zanksüchtigem Tone.

»Nicht einen Peso!« sagte Miguel mit Bestimmtheit.

»Woher weißt du das, mein Miguel? Bedenkst du denn nicht, daß wir die Mine selbst hätten bearbeiten können.«

»Vortrefflich, um unsre Arbeit obendrein zu verlieren! Sag' mir doch, Brüderchen, kannst du mir wol den Mexikaner zeigen, der aus einer californischen Mine auch nur Einen Real gewonnen hat. Nun, wie viele kennst du? He! Keinen! Nicht einen einzigen! Wem gehören die mexikanischen Minen? He! den Americanos! Wer wird reich durch die mexikanischen Minen? Die Americanos! Du entsinnst dich noch eines gewissen Briones, der den Ertrag einer Goldmine verausgabte, um eine Silbermine in Gang zu bringen. In wessen Händen sind jetzt die Ländereien und das Haus dieses Briones? In denen der Americanos! Wem gehören die Viehheerden des Briones? Den Americanos! Wem gehört die Mine des Briones? Den Americanos! Wer fand das Silber, das Briones vergebens suchte? Die Americanos! Stets dieselbe Leier! Immer und immer wieder! Ah, carramba!«

Und dann fuhr es dem Bösen offenbar in den Kopf und in die Hörner, so daß er diese beiden, verhältnißmäßig schuldlosen Männer eines bestimmten Zweckes wegen noch weiter trieb und stieß. Denn gleich darauf gesellte sich zu ihnen ein gewisser Victor Garcia, der zur Zeit Schreiber beim Ayuntemiento (Stadtrathsamt) war, und dieser machte sich beim Aguardiente über sie lustig und erzählte ihnen die Geschichte der Quecksilber-Entdeckung und der beiden Gesuche wegen der Besitznahme der Mine, welche Concho und Wiles heute Abend eingereicht hatten. In Folge dieser Kunde platzte Manuel vor Neid und ließ schwefelartige Flüche hervorlodern, wogegen Miguel, der ehemalige Geistliche, schwarzgelb ward und gedankenvoll dasaß. Endlich trat in Miguels Bombardement eine Pause ein und während derselben fand zwischen den kaltblütigeren Schauspielern eine Unterhaltung folgenden Inhaltes statt:

Miguel (nachdenklich). »In welchem Jahre hast du eigentlich ein Gesuch eingereicht, um Ländereien im Thale zu erhalten?«

Victor (betroffen). »Ich that es niemals. Der Boden ist eine unfruchtbare Wüste. Bin ich denn ein Thor?«

Miguel (sanft). »Du hast es doch gethan! Bei dem spanischen Gouverneur Micheltorena. Ich habe die Eingabe selbst gesehen.« Victor (fängt an eine Beute zu wittern). »Si! Ich hatte es vergessen. Weißt du gewiß, daß das Grundstück im Thale lag?«

Miguel (mit Nachdruck). »Es lag im Thale und zog sich an der Valda hinaus.«

Victor (mit zustimmendem Tone). »Allerdings. – Du hast Recht – die Valda war mit eingeschlossen.«

Miguel (indem er Victor scharf ins Auge faßt). »Und trotzdem hast du die Schenkungsurkunde nicht erhalten. Sollte es nicht möglich sein, so schmerzlich das auch wäre, daß sie mit den Actenstücken zerstört worden ist, welche die Amerikaner in Monterey vernichteten?«

Victor (vorsichtig, obwol er die Schliche merkt). »Possiblemento!«

Miguel. »Es dürfte weise sein, dem Sachverhalte nachzuspüren.«

Victor (ohne Umschweife). »Und weshalb?«

Miguel. »Zu unserem Heile und dem deinigen, Freund Victor. Wir bringen dir unsere Entdeckung und du bringst uns deine Geschicklichkeit, deine Erfahrung, deine gerichtlichen Kenntnisse und dein Custom-House-Papier.

Manuel (mischt sich mit lallender Zunge in das Gespräch). »Aber wozu das? Wir sind Mexikaner! Stehen wir nicht unter einem verhängnißvollen Geschick? Wir verlieren! Wer ist im Stande uns die Americanos vom Leibe zu halten?«

Miguel. »Wir verbinden uns mit einem Amerikaner, aber nur mit Einem, – Ha! Merkst du was? Unser amerikanischer Kamerad soll seine Gerichtshöfe, seine Corregidores (die erste obrigkeitliche Person einer Stadt) bestechen. Und nach Verlauf einer kurzen Zeit soll er uns die Leute herbeischaffen, welche die Dampfmaschine, die Fabrik und den Schmelzofen herstellen. – He?«

Victor. »Wo aber finden wir einen, – der nicht stiehlt.«

Miguel. »Ich meine den Irländer, den guten Katholiken von Tres Pinos.«

Victor und Manuel (gleichzeitig). »Roscommon?«

Miguel. »Der Nämliche. Wir geben ihm einen Antheilschein und erhalten dafür Vorräthe, Gerätschaften und Aguardiente. Denn vor den Irländern fürchten sich die Americanos sehr. Sind sie es doch, welche die Wahlen bestimmen, durch die der Präsident erwählt wird. Und dieser setzt dann wiederum den Alcalden von San Francisco ein. Und zudem gehören wir auch zu derselben Kirche, wie Roscommon.«

Sie riefen alle drei » Bueno!« und es hatte in diesem Augenblicke den Anschein, als würden sie von einer religiösen Begeisterung – einem gemeinsamen Gelübde emporgehoben, welches auf Tod, Verderben und wo möglich auch auf Fälscherei berechnet war, da es sich gegen andersgläubige Menschen richtete.

Diese innere Uebereinstimmung räumte alle äußeren Bedenken und Zweifel aus dem Wege. »Ich habe eine kleine Nichte,« erzählte Victor, »welche wundervolle Arbeiten mit der Feder anzufertigen vermag. Wenn man zu ihr sagt: ›Carmen, copire mir dies oder jenes‹, so kann man sich darauf verlassen, daß sie es thut und wenn es auch auf einer Kupferplatte wäre, und nachher kann man nicht einmal angeben, welches von beiden das Original ist. Madre de dios! Vor einigen Tagen hat sie mir die »Rubrik« des Gouverneur Pio Pico Strich für Strich so nachgemacht, daß sie von der wirklichen nicht zu unterscheiden ist. Du kennst sie, Miguel. Sie hat sich gestern nach dir erkundigt.«

Obwol Miguel verwirrt ward, wie Leute von mangelhafter Erziehung es bei solchen Anlässen zu werden pflegen, so bemühte er sich doch, gleichartig zu erscheinen, was ihm übrigens gänzlich mißglückte. Und in der That glaube ich, daß er wohl fühlte, daß Carmens schwarze Augen ihr Werk bereits an ihm vollendet hatten – und zum Theil Schuld daran waren, daß er sich um Victors Beihilfe bewarb. Es gelang ihm indessen, sich zu der Frage aufzuraffen:

»Aber wird sie denn nicht Alles durchschauen?«

»Sie ist ein Kind!«

»Allein wird sie nicht schwatzen?«

»Nicht wenn ich »nein« sage – und du auch .... He, Miguel?«

Diese kleine Schmeichelei, – welche nebenbei gesagt, eine Lüge war, denn Victors Nichte hegte nicht die mindeste Neigung für Miguel, hatte eine gute Wirkung. Sie schüttelten sich die Hände über dem Tisch. »Aber,« sagte Miguel, »was geschehen soll, muß gleich geschehen.« »Unverzüglich!« rief Victor »und du sollst selbst sehen, wie sie es macht. He! Ist dir das nicht ein angenehmer Gedanke? Nun, so komm!«

Miguel nickte dem Mexikaner Manuel einen Abschiedsgruß zu. »Wir werden in einer Stunde zurückkehren. Erwarte uns hier.«

Sie schritten hinaus auf die dunkle unregelmäßige Straße. Das Schicksal führte sie gerade in dem Augenblick an Dr. Guilds Hause vorüber, als Concho sich in den Sattel schwang. Die Dunkelheit verbarg sie vor ihren Nebenbuhlern, doch vernahmen sie deutlich die letzten Verhaltungsmaßregeln, welche der Präsident dem unglücklichen Concho einschärfte.

»Hast du es gehört?« sagte Miguel seinen Gefährten am Arm packend.

»Ja,« erwiderte Victor. »Aber laß ihn nur ruhig von